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Bericht: Torsten Meyer

Fotos: Torsten Meyer
             Pressematerial


 

Was waren das für SELIGe Zeiten...
SELIG ist eine Band, die polarisiert. Das tat sie schon immer. Entweder man liebte und verehrte sie ohne jede Einschränkung für ihren ganz und gar eigenständigen Stil und ihre Art, den Deutschrock Mitte der Neunziger in neue Höhen zu führen. Zu dieser Gruppe zählte ich. Oder aber man konnte mit ihnen überhaupt nichts anfangen und ignorierte sie einfach. Auch davon kenne ich einige Leute. Für mich jedoch, wie schon cd 20130324 1665505859angedeutet, war SELIG eine Art Lebensgefühl, ihr Debütalbum "Selig" von 1994 lief bei mir pausenlos und war irgendwann dermaßen zerkratzt von abertausenden Durchläufen, dass ich es mir notgedrungen ein zweites Mal gekauft habe. Entsprechend groß war natürlich meine Trauer, als sich die Band 1999 auflöste, weil die Musiker mit den Begleiterscheinungen des Erfolges nicht klar kamen. Es sind eben alles nur Menschen. Eine traurige Geschichte, die darin gipfelte, dass beispielsweise Sänger Jan Plewka und Gitarrist Christian Neander fast zehn Jahre kein einziges Wort miteinander sprachen, weil die Stachel und Wunden zu tief saßen, die das einstmals so hoffnungsvolle Projekt SELIG zum Erliegen brachten.
2008 dann geschah dann das, wovon Tausende Fans immer geträumt hatten, was aber ehrlicherweise wirklich nicht zu erwarten war: SELIG raufte sich wieder zusammen, sogar in der Originalbesetzung! Kinder, was habe ich gejubelt. Doch wie das so ist mit Reunions von Bands, die mehrere Jahre tot waren... Man durfte also einigermaßen skeptisch sein, ob es Plewka und Co. gelingen konnte, das einstige Niveau zu erreichen. Doch wieder geschah das Unerwartete: ihr Comeback-Album "Und endlich unendlich" (2009) klang so, als wäre die Band niemals von der Bildfläche verschwunden gewesen. Es war einfach unglaublich. Schon ein Jahr später schob man mit "Von Ewigkeit zu Ewigkeit" gleich den nächsten Burner nach, und wieder kam ein geniales Stück Musik dabei heraus. Nach zwei Jahren Pause erschien nun kürzlich ihr neuester Streich unter dem Titel "Magma". Erstmals jedoch gab es auch ordentlich Gegenwind von Fans und Presse. Selbst ich wurde nicht so recht glücklich mit "Magma", wie man an der Rezension zum Album ablesen kann (siehe HIER). Trotzdem kam es für mich zu keiner Sekunde in Frage, das SELIG-Konzert in der Berliner C-Halle zu verpassen, denn das SELIG-Virus steckt nach wie vor ganz tief in mir drin.

Überraschendes beim Blick ins Publikum
Es war so etwas wie die "Hamburger Woche". Vor drei a 20130324 1688465532Tagen JESSY MARTENS im Maschinenhaus, nun SELIG in der C-Halle. 2010 war die C-Halle ebenfalls als Location für SELIGs damalige "Von Ewigkeit zu Ewigkeit"-Tour ausgewählt worden. Der Unterschied zwischen 2010 und dem gestrigen Gig: damals war die Halle restlos ausverkauft, selbst der Balkon bis auf den letzten Platz gefüllt. Gestern blieb der Balkon geschlossen, nur eine Handvoll Menschen trieben sich da oben rum, vermutlich gehörten die zum Umfeld der Band. Unten im Saal war es bei Konzertbeginn dann aber auch richtig voll. Auffallend war die gemischte Altersstruktur des Publikums. SELIG ist ja eine Band, die schon seit 20 Jahren aktiv ist. In der Regel altern die Fans mit der Band, und jüngeres Publikum rückt kaum nach, weil diese halt ihre eigene Musik hören, die mehr in die heutige Zeit passt als der "alte" Kram. Bei SELIG ist das erstaunlicherweise anders. Es war alles vertreten: die erwartete Zielgruppe der 40 bis 50-jährigen, aber auch jede Menge Jugendliche um die Zwanzig oder sogar noch jünger, sowie alles was altersmäßig dazwischen lag. Und ich dachte schon, meine Tochter, die ebenfalls aus Zuneigung zur Musik von SELIG im Besitz eines Tickets war und dann auch noch in der ersten Reihe stand, würde auffallen zwischen all den "alten Säcken" vor der Bühne.
Ich muss gestehen, dass ich ziemlich aufgekratzt war vor Beginn des Gigs, denn trotz meiner leichten Verwunderung über das neue Album war die Vorfreude riesengroß. Ein SELIG-Konzert ist eben immer noch etwas ganz Besonderes, da herrscht eine ganz eigene Atmosphäre. Man kann das nicht beschreiben, das muss man erleben und fühlen. Und dann kamen sie auch schon, fast pünktlich und erstaunlicherweise ohne Vorband:

o Jan Plewka (Gesang)
o Leo Schmidthals (Bass)
o Stephan "Stoppel" Eggert (Schlagzeug)
o Christian Neander (Gitarre)
o Malte Neumann (Keyboard).

Man kann es nicht oft genug erwähnen: es ist nach wie vor die Urbesetzung, die 1994 mit ihrem Debütalbum dermaßen für Furore sorgte und die deutsche Rockmusik wieder zum Leben erweckte. Christian Neanders geiles Einstiegsriff gibt "Ich lüge nie", den Opener des aktuellen Albums, zu erkennen. Rockige Klänge gleich zu Beginn, das gefällt und lässt hoffen, dass wir heute nicht allzu viel von der melancholischen Stimmung abbekommen, die die neue Platte zu großen Teilen bestimmt. Zunächst scheint sich diese Hoffnung auch zu erfüllen, denn mit "Sie scheint" und "Schau schau", dem Comeback-Hit von 2009, geht es weiter in die gewohnt rockig-grovige und vom Grunge-Sound geprägte Richtung. Selbst "Love & Peace" gefällt noch, zumal hier die prägnanten Zeilen "Wenn Du die Welt nicht verändern kannst, verändere dich selbst. Wenn Du Dich selbst nicht verändern kannst, verändere die Welt" in die Köpfe der Leute dringen. Ein etwas untypischer SELIG-Song, der richtig gut kommt.

b 20130324 1455044162Irgendwas fehlt
Ja, es ist eigentlich wie immer. Die Band gibt alles, der Sound ist erstklassig und hat internationales Format. Das Zusammenspiel von Jan Plewkas Stimme und Christian Neanders exzellentem Gitarrenspiel funktioniert prächtig - eigentlich ist es tatsächlich wie früher. Der charismatische Plewka steht wie gewohnt in vorderster Linie am Bühnenrand, besteigt auch gerne mal ein extra dafür aufgebautes Podest. Dazu diese einzigartige, markante Stimme, die immer leicht schnöselig und verschnupft klingt, gestern sogar angenehm heiser und kratzig wirkte, und von der ich die Ohren nicht voll genug bekommen kann. Und doch will mich das so herbeigesehnte Gefühl nicht einfangen, welches sich normalerweise auf SELIG-Konzerten ganz von selbst einstellt. Dann ertönt "Wenn ich an Dich denke", und ich weiß plötzlich, woran es liegt. Es ist die gebündelte Darbietung der neuen Songs. Besagtes "Wenn ich an Dich denke" sorgt sogar dafür, dass meine innere Spannung und Erwartungshaltung in diesem Moment spürbar an Intensität verliert, denn vor allem diese Nummer ist der Aufhänger für manche Kritik an "Magma", da die Band hier fast schon ins Kitschige abrutscht. Dem Song fehlt jegliche SELIG-typische Dynamik, er klingt beliebig und austauschbar, so etwas belangloses ist man von dieser Band einfach nicht gewohnt. Ich habe eigentlich nur noch darauf gewartet, dass die Fans sich in die Arme fallen und zu schunkeln beginnen. Passend dazu wird die Bühne in quietschebuntes Licht getaucht. Diese Bonbonfarben unterstützen perfekt den süßlichen Charakter des Songs, und es sollte mich nicht wundern, wenn diese Lichtchoreographie so etwas wie die sarkastische Antwort der Band auf die vielen kritischen Worte zu dem Song waren. Gottlob besinnt sich SELIG dann doch mal wieder auf ihre alten Tugenden und haut mit "Ist es wichtig" einen ihrer großen, alten Kracher aufs Parkett. Ein extralanges Vorspiel leitet den Song ein, Keyboarder Malte Neumann wechselt an die Percussions, und die Fans brechen in lauten Jubel aus, als sie erkennen, was jetzt kommt. Der Geist der Neunziger wird wieder lebendig, ich verfalle spontan in eine Art Trance und hoffe, man möge mich vorerst in dieser eigenen Welt belassen. Aber denkste, viel zu schnell ist dieser Moment vorbei, denn schon gleitet man wieder hinüber ins JETZT. "Der Tag wird kommen" ist eine Ballade, die von Plewkas einzigartigen poesiegetränkten Worten dominiert wird und durchaus meine Zustimmung trifft. Doch dann geht es mit "Zeit" und "Bring mich heim" weiter, wieder zwei "Magma"-Songs, die für mich einfach nicht an die Klasse der sonstigen SELIG-Werke heran reichen und - wie auch an der verhaltenen Reaktion im Saal zu spüren ist - die gerade erreichte SELIGkeit der Fans wieder etwas runter drücken.

Die Glücksgefühle kommen spät, doch sie kommen
Besserung ist in Sicht, denn "Bring mich heim" wird gelungen übergeleitet zum herrlich groovenden "5000 Meilen" vom 2009er Album "Und endlich unendlich". Zum Titelsong des aktuellen "Magma"-Albums wird die Bühne danach in ein wunderschönes lavarotes Lichtermeer verwandelt. Das hatte Stil, baute einen unheimlichen Spannungsbogen auf, der den Song f-s-r 20130324 1326293611perfekt trug. Ja, und dann, und dann, und dann... dann ging es los! "Von Ewigkeit zu Ewigkeit" ertönte. Der Titelsong der 2010er CD hat zwar erst drei Jahre auf dem Buckel, zählt aber aufgrund seiner Genialität und Klasse bereits zu den SELIG-Klassikern, die man auch in hundert Jahren noch in vorderster Reihe nennen wird, wenn man die Highlights der Band benennt. Eine ganz, ganz große Nummer! Das Publikum muss nicht lange gebeten werden, kräftig mitzusingen. Auch der nächste Song "Die alte Zeit zurück" gehört in diese Kategorie. Es ist ein Song, wie ihn wirklich nur SELIG schreiben kann, und spätestens jetzt kennt die Halle keine Zurückhaltung mehr. Das lang vermisste Glücksgefühl ist endlich da, man feiert miteinander die Songs, die so viele Menschen über Jahre begleiten und abtauchen lassen in eine Welt, die von diesem unerreichten Soundmix aus Grunge und Rock, ein wenig Blues und Funk sowie 70er Jahre Gefühl á la LED ZEPPELIN durchsetzt ist, von Plewkas genialem Songwriting lebt. Klar, wir sind alle ein paar Falten älter geworden, aber diese Musik schmiedet uns, die an diesem Abend in der C-Halle waren, aneinander. SELIG verbindet Generationen, wie man an der Publikumsstruktur sehen kann, welche andere Band kann das schon von sich behaupten? Da verzeiht man auch mal ein schwächeres Album wie "Magma". Als dann mit "Bruderlos" vom "Hier"-Album auch noch einer der stärksten SELIG-Songs erklingt, schwebe ich längst in anderen Sphären. Hier geht Christian auch richtig aus sich raus und beweist, welch ein irrer Gitarrist er ist. Headbangen kann er auch, wie wir voller Freude zur Kenntnis nehmen. Plötzlich ist der Song zu Ende, und auch das Konzert. Die Herren verschwinden wortlos von der Bühne, aber natürlich nur, um schnell ein Schlückchen zu trinken und dann postwendend zum Zugabenblock wieder auf der Bühne zu erscheinen.

Schreialarm!
"Sie hat geschrien" - wer kennt es nicht, dieses ultrastarke Liedchen, mit dem SELIG 1994 ihr Debütalbum eröffneten. Stoppel gibt an seinen Drums den Takt vor, Christian setzt irgendwann mit diesem sagenhaften Riff ein, der den Song ummantelt, und Jan beginnt zu singen: "Der Doktor sagt, es ist okay, doch hier klebt Blut auf diesem Kissen... Sie hat geschrien heut Nacht wie eine Königin, sie hat geschrien heut Nacht wie ein sterbendes Kind" - 3.000 begeisterte Fans in der C-Halle lassen Gedanken an die Fanmeile während der e-p-l 20130324 16086820552006er Fußball-WM aufkommen, so eine irre Stimmung herrscht mittlerweile. "Wenn ich wollte" ist wieder einer dieser Alt-Klassiker aus den Neunzigern, und hier verwandelt sich SELIG fast in eine Metal-Band. Knallharte Riffs, ein unglaublicher Groove, ich bin irgendwo in meinem eigenen Mikrokosmos. Und dann war es soweit. Jan spürt die Verzauberung der Fans ob der Erinnerung an diese alten Zeiten und sagt: "Jetzt wo wir wieder alle 17 sind, wird es Zeit für das folgende Liebeslied..." Man ahnt, was kommt: "Langeweile besäuft sich meilenweit, ich zähl die Ringe an meiner Hand..." Klar: "Ohne Dich". Mir wird wohl kaum jemand widersprechen, dass das eine der stärksten deutschen Balladen ist, die je geschrieben wurde. Gänsehaut überall, der Saal singt die Nummer von vorn bis hinten mit, Jan setzt immer wieder aus und genießt diese Momente. Die Band will danach gehen, aber die Fans lassen das nicht zu. Also folgt mit "Alles auf einmal" die aktuelle Single, sowie ihr allererster Hit "Mädchen auf dem Dach". Normalerweise ist "Wir werden uns wiedersehen" der Rausschmeißer auf einem jeden SELIG-Konzert, doch diesmal klappt das nicht. Die Halle steht Kopf, wie ich es lange nicht mehr erlebt habe. Der "Oooohoo-Oooohoo-Chor" des Publikums will einfach nicht verstummen, keiner geht. Mir läuft immer noch ein Schauer über den Rücken, wenn ich daran denke. Also kommen Jan Plewka & Co. nochmal raus. Keine Ahnung, ob das geplant war, aber ich denke mal eher nicht. Christian schnallt sich die Akustikklampfe über, Malte, Leo und Stoppel setzen sich auf das Schlagzeugpodest und saugen die Atmosphäre in sich auf, während Jan mit der Bemerkung "Diesen Song haben wir kaum geübt und gespielt in den letzten Jahren" die Ballade "Regenbogenleicht" singt und damit einen stimmungsvollen Ausklang dieses anfangs etwas schleppend verlaufenden, dann aber unvergesslichen Konzertes beschert. Fast zweieinhalb Stunden SELIG-Musik lagen hinter uns, und man sah nicht nur den Fans, sondern auch der Band an, wie zufrieden und glücklich man mit dem Abend war.

Fazit
Ich bin kein Teenie mehr, sondern bereits jenseits der ...zig angekommen. Man sollte also meinen, ich müsse meine Emotionen im Griff haben. Trotzdem schreibe ich einen Bericht, bei dem ich zum Ende hin fast ausflippe vor Begeisterung. Nein, ich nehme keine Drogen oder sonstige Stimulanzmittel. SELIG ist einfach eine Band, wie sie wohl jeder von uns hat. Eine Band, bei der man der Wirklichkeit entrückt, wenn man diese Musik hört, weil sie einem etwas gibt, weil man sich mit ihr identifiziert, weil man mit ihr gewisse Erinnerungen verbindet. So ging es mir an diesem Abend, und es war schön. Manch einer wird es nicht nachvollziehen können, denn wie ich schon eingangs schrieb: SELIG polarisiert. Bei mir treffen sie nach wie vor die Plus-Pole.

 


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Termine:
26.03.2013 - Hamburg - Docks
27.03.2013 - Hamburg - Docks
03.04.2013 - Dortmund - FZW
04.04.2013 - Mannheim - Alte Feuerwache
05.04.2013 - Bremen - Aladin
07.04.2013 - Hannover - Capitol
07.06.2013 - Rock am Ring / Rock im Park

Alle Angaben ohne Gewähr. Nähere Infos auf der bandeigenen Homepage


Bitte beachtet auch:
- Off. Homepage von SELIG: www.selig.eu
- Rezension zum neuen Album "Magma": HIER klicken

 


 

Live-Impressionen:

 

 


   
   
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