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Ein Konzertbericht von Torsten Meyer mit Fotos von Sandy Reichel




Hoffnungsvoller Nachwuchs
"Neue Männer braucht das Land" meinte Ina Deter schon 1982. Ob sie damit in weiser Voraussicht auf die deutsche Musikszene des Jahres 2016 anspielte, ist nicht überliefert und wohl eher anzuzweifeln. Aber ich komme nicht umhin, mich dieses Songtitels zu bedienen, wenn ich an einen jungen Mann denke, der sich seit seinem denkwürdigen Auftritt beim Internationalen Blues & Rockfestival Altzella am 05.Mai 2016 in meine Hirnrinde gefressen hat.a 20160718 1694794425 Frischer Sound, authentische deutsche Texte, gnadenlos einfach in der musikalischen Umsetzung, aber dennoch fesselnd vorgetragen - das waren die Zutaten, mit denen der aus Dresden stammende und mit einer Mörderstimme ausgestattete Andi Valandi das Publikum in Altzella nicht nur überraschte, sondern vor allem überzeugte. So auch mich. Ja, hier war tatsächlich etwas Neues, Hoffnung machendes am Start. Etwas, auf das ich irgendwie schon lange gewartet habe, ohne es vorher gewusst zu haben. Freilich war diese erste und unverhoffte Begegnung aber lediglich dazu angetan, mein Interesse an der Band zu wecken. Ob sich daraus eine längerfristige Sympathie entwickelt, wird davon abhängen, welchen Weg Andi Valandi und seine Band nehmen wird. Zu oft schon sind hoffnungsvolle Newcomer an ihren eigenen Ansprüchen gescheitert, fehlendem Fleiß erlegen oder von der nach Frischfleisch gierenden Musikindustrie gefressen und gleich wieder ausgespien worden. Hier jedoch habe ich ein gutes Gefühl.

Eine Rock'n'Roll-Location wie sie sein muss ...
In Anbetracht so vieler Vorschusslorbeeren für diesen jungen Kerl lechzte ich natürlich nach einem erneuten Gig. Und siehe da, am 13.07. sollte Andi Valandi sich auf Berliner Terrain begeben, um neues Publikum zu erobern. Als Location wählte man das "Wild at heart" inmitten des Kreuzberger Kiezes. Der Ruf dieses Schuppens reicht bis nach Amerika, und -welch ein Zufall- genau da wähnt man sich so ein bisschen beim Betreten. Dass hier Punk, harter Rock und sonstiger gitarrenlastiger Krach zuhause ist, spürt man zu jeder Sekunde.b 20160718 1744308853 In jedem Winkel findet sich irgendein kitschiges Rock'n'Roll-Utensil, selbst der gute Elvis hängt irgendwo. Hier drin scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, aber irgendwie passt alles zusammen und entfaltet seine Wirkung. Authentisch vom ersten bis zum letzten Zentimeter. Nur die stillen Örtchen…. Da will man nicht wirklich länger als nötig verweilen.

Eine Frage der Motivation
Nun mag ein Mittwochabend in Berlin, noch dazu mitten in der Urlaubszeit, nicht wirklich der günstigste Termin für den Auftritt einer Newcomerband sein. Aber dass sich dann tatsächlich nur -ich mag es eigentlich gar nicht schreiben- ganze fünfzehn Seelen in dem Rockschuppen verlieren, ist schon enttäuschend. Zumal es mittwochs generell freien Eintritt gibt. Wie motiviert man sich als Band in solchen Momenten? Keine Ahnung. Aber hier zeigt sich dann schon mal, mit welcher Einstellung die Musiker an die Sache herangehen. Diesbezüglich kann man Andi Valandi (voc, git), Frank Dresig (keyb, harp) und Yvonne Rühle (dr) jedenfalls volle Professionalität attestieren, denn sie gaben vom ersten bis zum letzten Ton ordentlich Gas und ließen sich nicht das Geringste anmerken, obwohl sie sich bestimmt im Stillen fragten, warum man sich für eine Handvoll Leute überhaupt den Allerwertesten abspielen soll.

Das Konzert
Der Überraschungseffekt des ersten Zusammentreffens mit Andi Valandi war weg, so dass ich diesmal weiß, was mich erwartet und ich mich also auf die Feinheiten konzentrieren kann. Roh, dreckig und dahin gerotzt, eine Mischung aus Punk, Rock, Blues, Alternative ist das, was der geneigte Zuhörer um die Ohren gehauen kriegt. Schon der Opener "Lass den Kopf nicht hängen" geht in die Beine und macht Lust auf mehr. Der sogenannte Straßenköterblues greift nach mir, zündet mich sofort an.c 20160718 1207020872 So ungewöhnlich der Begriff auch sein mag, es ist einfach die perfekte Beschreibung dessen, was da von der Bühne kommt. Am Reißbrett geschliffene, wohlfeile Arrangements sucht man bis auf wenige Ausnahmen vergebens, hier wird ohne große Vorwarnung drauf los geschrammelt. Erstaunlich für mich dabei, dass neben leicht in die Punkrichtung gehenden Songs wie "Rebellion und Zigaretten" oder "Herr Lehmann" auch immer wieder waschechte Bluesknaller dabei sind, die tiefschwarze Wurzeln zu haben scheinen. Allen voran das Hotel-Mama-Gedenklied "Muddi muss weg", was auch dem Archiv eines Muddy Waters entstammen könnte und mich an diesem Abend sofort einfängt. Andi scheint ohnehin ein Händchen für simple Songstrukturen zu haben, die ohne Umwege in Ohr, Bein und Blut des Hörers gelangen und sich dort festsetzen. Das ist schon bemerkenswert. Vermutlich funktioniert das auch deswegen so gut, weil die Lieder größtenteils von Texten begleitet werden, die jeder nachvollziehen kann und die weit entfernt von schwüler Romantik und Trallala angesiedelt sind. Das ist allerdings auch nicht verwunderlich, wenn man sich Andis Lebensgeschichte vor Augen führt, die quasi die eines Aussteigers ist. Das Leben auf der Straße hat ihn geprägt und was er dort erlebt und gefühlt hat, verpackt er in diese unorthodoxen, schleimfreien Texte, die für mich allerdings auch hier und da mal Grenzen überschreiten. Gleich mehr dazu.

Das Ensemble braucht keinerlei Anlaufzeit, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Mir geht es ähnlich, zumal die Setliste des Abends klug aufgebaut ist. Es ist nämlich beileibe nicht so, dass Andi Valandi, Frank Dresig und Yvonne Rühle nur stupiden Punk in den heute glücklicherweise nicht besonders verräucherten Platz vor der Bühne schießen (hier ist nämlich das Rauchen gestattet!), sondern es sind durchaus Variationen vorhanden. Es wird mal bluesig, mal funkig, und beim "Seeleutelied" verzaubert die Band sogar mit maritimen Klängen, die man so nicht unbedingt erwartet hätte. Sehr schön! In der Mehrzahl sind es aber die von Punk und Rock'n'Roll durchsetzten Songs, die bleibende Duftmarken setzen.d 20160718 1579488221 Andi Valandi lässt diesmal sogar das eine oder andere kurze Solo gucken, was ich in Altzella völlig vermisste. Aber auch diese Momente sind alles andere als ausufernd, denn die Lieder sollen scheinbar schlicht und schlank bleiben, was auch völlig okay ist. Frank Dresig allerdings fällt diesbezüglich gerne mal aus dem Rahmen, wenn er seine Keytar (Anm. d. Verf.: steht für Keyboard und Gitarre), wie er sein mobiles Keyboard nennt, auf Hammondorgel polt und die Songs mit herrlichen Einlagen veredelt. Eine nette Idee ist auch der Auftritt eines Fans aus dem Publikum, der an einer Stelle sein Können an der Bluesharp präsentieren darf. Ansonsten empfinde ich die Kombination aus Gitarre, Drums und Keys als gelungen. Es wird ein interessantes Soundgewand erzeugt, an das ich mich schnell gewöhne und irgendwann richtig cool finde.

Jetzt kommt das große "Aber ..."
Es missfällt mir allerdings, dass der Sound trotz der grenzwertigen Lautstärke zwar absolut brauchbar daher kommt, aber von Andis Gesang nur wenig zu verstehen ist. Das ist gerade hier mehr als unschön, da die Songs des Andi Valandi von den Texten leben und mit der Musik verwoben sind, eine Einheit bilden. Wer die Band hier erstmals sieht, wird dadurch möglicherweise oftmals gar nicht die Botschaften der Texte verstehen. Und diese Botschaften haben durchaus Aussagekraft. Es gibt nämlich neben den Mut machenden Worten in "Lass den Kopf nicht hängen", den witzigen Vocals bei "Muddi muss weg", "Rebellion im Altersheim" und "Rock`n`Roll Man", oder dem einen oder anderen kitschfreien Liebeslied auch solche Nummern, in denen uns Andi Valandi seine Weltanschauung und Lebensphilosophie um die Ohren haut. Und spätestens da sollte man hinhören, was ich auch tue und infolge dessen hin und wieder ins Grübeln komme. Klar, Andi ist ein Freigeist, den gesellschaftliche Normen nicht besonders interessieren. Sein Motto findet sich im Song "Rebellion und Zigarretten" wieder: "Die Haare sind bunt, die Klamotten zerfetzt. Das Radio voll aufgedreht - Ton Steine Scherben. Seht uns nicht so an! Wir sind glücklich und frei…… Rebellion, Zigaretten und 'ne Hand voll Liebe. Gegen den Strich, für den Mindestlohn und 'ne Hand voll Liebe". Na meinetwegen. Aber bereits einen Song vorher, nämlich bei "Kippe im Mund und Herz in der Hand" finden sich Textstellen, die ich nicht für besonders glücklich halte.e 20160718 1541610888 Ich lebe in Berlin und mache mir durchaus Gedanken über die innenpolitische Situation in der Stadt, sehe beispielsweise mit Besorgnis nach Friedrichshain und finde dann gewisse Passagen in dem Song eher nicht so witzig. Das lässt sich übrigens auch problemlos auf andere deutsche Großstädte übertragen. Dass es auch anders geht, dass Andi Valandi hervorragend Gesellschaftskritik üben kann ohne dabei "Bullenwagen klauen und die Innenstadt demolieren" zu müssen, zeigt er im "Feierabend Blues". Ein toller Song! So wird jeder seine eigene Sicht auf die Dinge entwickeln, das war halt meine.

Mein Fazit
Sieht man von diesen kleinen Ungereimtheiten ab, die ich für mich festgestellt habe, gibt es nicht viel auszusetzen. Ich habe mich 90 Minuten lang bestens unterhalten gefühlt, auch wenn natürlich heute die ganz große Stimmung nicht aufkam. Wie auch, wenn nur eine Handvoll Publikum den Weg nach Kreuzberg gefunden hat?

Ich bleibe dabei, dieser Andi Valandi ist jemand, der es weit bringen kann. Er ist ein junger Kerl, unangepasst, frei von Zwängen jeder Art, der einfach macht, worauf er Lust hat und der wahrscheinlich bereits mehr erlebt und durchgemacht hat als die allermeisten seiner Altersgenossen. Diese Erfahrungen verarbeitet er in seinen Songs. Wenn sein Bekanntheitsgrad irgendwann steigt, wird er sicher auf Grund seines Wesens und vielleicht auch durch seine Haltung und Ansicht zu bestimmten Themen polarisieren, aber mir sind Typen, die Flagge zeigen und zu ihren Überzeugungen stehen (auch wenn ich die nicht immer teile) hundertmal lieber als bloße Mitläufer und Abnicker.f 20160718 1457775211 Und musikalisch füllt Andi Valandi ohnehin eine Lücke. Nein, mit seinem Straßenköterblues entfacht er keine Revolution, er und seine Mitstreiter werden vermutlich auch keine Preise für innovative, filigrane Arrangements absahnen. Aber gerade diese einfache, schnörkellose Art zu musizieren macht seine Lieder so reizvoll und gut.


Setlist
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Termine
• 31.07.2016 - Chemnitz - Kwartirnik im Aaltra (Solo)
• 20.08.2016 - Chemnitz - Subway to Peter
• 28.08.2016 - Dresden - Hechtfest
• 03.09.2016 - Chemnitz - Bluesnacht im Arthur
• 09.09.2016 - Leipzig - Flowerpower
• 16.09.2016 - Ústí nad Labem (CZ) - ÚSTÍ BEATS
• 29.10.2016 - Chemnitz - EXIL
• 02.12.2016 - Glauchau - Café Taktlos

Alle Angaben ohne Gewähr! Nähere Infos und weitere Termine auf Andis Homepage.



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Andi Valandi: www.andivalandi.bplaced.net
• Homepage des Wild at Heart in Berlin: www.wildatheartberlin.de




 
 
 



   
   
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