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Ein Konzertbericht von Mike Brettschneider mit Fotos von Matthias Ziegert



Im Jahr 1874 komponierte Modest Mussorgski den Klavierzyklus "Bilder einer Ausstellung", in dessen einzelnen Sätzen er die Gemälde und Zeichnungen seines im Jahr zuvor verstorbenen Freundes Viktor Hartmann musikalisch in Szene setzte. Die Musik zu diesen zehn Bildern wurde seit ihrer Entstehung von zahlreichen Musikern bearbeitet und in neuer Form zur Aufführung gebracht.a 20150622 1081396519 Die erste Orchesterfassung wurde im Jahr 1922 von Maurice Ravel geschrieben und verschaffte dem Werk weltweit Beachtung. Am bekanntesten dürften weiterhin die 1971 von Emerson Lake & Palmer sowie die 1975 vom Japaner Isao Tomita geschaffenen Adaptionen sein. Auch die STERN-COMBO MEISSEN befasste sich bereits 1975 mit diesem Werk ("Eine Nacht auf dem Kahlen Berge" und "Das alte Schloss").

Ganze 40 Jahre später besinnt sich die Band nunmehr erneut ihrer musikalischen Wurzeln und wartet nach den äußerst erfolgreichen Konzeptalben "Weißes Gold" und "Reise zum Mittelpunkt des Menschen" mit einem weiteren Werk auf: "Bilder einer Ausstellung - The Rock Version". Bereits im Herbst des vergangenen Jahres begannen die Vorbereitungen. Wie so oft, ergab sich die Idee des Ganzen eher zufällig. Frank Sadlowski vom Kulturamt der Stadt Grimma fragte bei Stephan König an, ob er sich vorstellen könne, für das 1. Landesmusikfest Sachsen eine moderne Bearbeitung der "Bilder einer Ausstellung" zu schreiben. Dies reizte und interessierte ihn und er sagte zu. Gemeinsame Überlegungen brachten die beiden schließlich zu dem Schluss, dieses Projekt gemeinsam mit der STERN-COMBO MEISSEN und dem Leipziger Symphonieorchester realisieren zu wollen. Bei Martin Schreier trafen beide auf offene Ohren. Obwohl damals noch die erfolgreiche Tour zum 50-jährigen Bandjubiläum in vollem Gange war, nahm Manuel Schmid sich dieser Idee umgehend an, fand den Kontakt zum Leipziger Komponisten, Pianisten und Arrangeur Stephan König und schon konnten die Arbeiten beginnen ... In enger Zusammenarbeit der beiden Musiker entstanden Stück für Stück die Partituren der einzelnen Sätze. Die Texte schrieb Manuel Schmid im Zeitraum Oktober 2014 bis Januar 2015. Ein besonderes Anliegen der Band war in diesem Zusammenhang, auch ehemalige Mitstreiter ins Geschehen zu integrieren. So steuerte Reinhard Fißler eine wunderschöne Vokalise mit dem Titel "Blick zurück nach vorn" als Einleitung zu "Das Alte Schloss" bei, die Komposition "Schloss Rockstein" stammt von Manuel Schmid. Die musikalische Bearbeitung von "Eine Nacht auf dem Kahlen Berge" wurde von Thomas Kurzhals übernommen. Der Text zu diesem Stück wurde 1975 von Norbert Jäger verfasst. Zum Bild "Das große Tor von Kiew" erarbeiteten Manuel Schmid und Norbert Jäger den Text gemeinsam. Anfang Mai 2015 begannen die intensiven Bandproben, zunächst nur mit Stephan König und drei Tage vor der Aufführung in Grimma dann mit dem gesamten Leipziger Symphonieorchester in Böhlen.

Am 13. Juni sollte es dann endlich soweit sein und ich begab mich am frühen Morgen auf den Weg nach Grimma. Nach einer kurzen Begrüßung und einem Kaffee ging es auf zur Bühne am Schloss. Dort stand ab 10:00 Uhr die Generalprobe auf dem Plan. Bei strahlendem Sonnenschein und bereits fast 30 Grad Celsius nahmen Orchester und Band ihre Plätze auf der Bühne ein, um das komplette Werk noch einmal durchzuspielen. Das erforderte noch einmal absolute Aufmerksamkeit bei allen Beteiligten. Für den guten Ton - oder sagen wir besser - den perfekten Sound war an diesem Tag das bewährte Sound- und Licht-Team der STERN-COMBO (René und Martin Niederwieser) verantwortlich. Parallel zum Geschehen auf der Bühne und am Mischpult checkte das ebenfalls anwesende Filmaufnahmeteam die Einstellungen für ihre Kameras. Ihr Job an diesem Tag war, das Konzert sowohl aufzuzeichnen, als auch die Video-Sequenzen sowie die Live-Bilder auf der sich rechts neben der Bühne befindlichen Video-Wand zu präsentieren.b 20150622 1141483205 Etwas später kamen die 50 gut gelaunten jungen Leute des Landesjugendchors Sachsen hinzu, um ihren Part zum Gesamtwerk beizusteuern. So hatten bis kurz nach 13:00 Uhr bei mittlerweile brütender Hitze alle gut zu tun, um den Abend zu einem Erfolg werden zu lassen. Kurz vor Verlassen des Schlossplatzes fanden sich die Akteure noch zu einem Gruppenfoto vor und auf der Bühne zusammen, welches von unserem Kollegen Matthias Ziegert "geschossen" wurde (siehe Foto rechts).

Anschließend ging es zurück ins Hotel und wir freuten uns aufs Mittagessen. Während es serviert wurde, zog sich der Himmel schlagartig zu und es krachte gewaltig. Wie aus Eimern ergoss sich der Regen und ließ alle zweifelnd, aber auch hoffnungsvoll gen Himmel blicken. Die Hoffnung, dass sich das Gewitter bald verzogen haben würde, bewahrheitete sich leider nicht. Stattdessen begann es, sich einzuregnen und wirklich hell wurde es auch nicht wieder.

Kurz nach 19.00 Uhr - es regnete noch immer - waren alle Beteiligten wieder am Schloss angekommen. Nun kam die Hiobsbotschaft: Der Veranstalter hatte aus Vorsichtsgründen die Bühne sperren lassen. Wasserpfützen, Strom und Künstler auf der Bühne sind eben Dinge, die nicht sonderlich gut miteinander harmonieren. Das Bangen wurde im 15-Minuten-Rhythmus immer größer. Sollte sich nun etwa herausstellen, dass sämtliche Arbeit und alle Mühen umsonst gewesen waren? Es regnete, dennoch kamen bereits die ersten Besucher und auch Reinhard Fißler und Norbert Jäger trafen auf dem Schlossplatz ein. Mittlerweile wurde auf der Bühne emsig gewischt und sogar die Feuerwehr rückte an, um die Bühne mit riesigen Gebläsen zu trocknen. Dann endlich geschah das kleine Wunder und Petrus hatte ein Einsehen. Der Regen hörte auf und der Veranstalter gab die Bühne frei. Mit einer knappen halben Stunde Verspätung konnte der Auftritt um 21:30 Uhr endlich beginnen.

Unter großem Applaus begrüßte Stephan König das Publikum, stellte die drei Ensembles des Abends vor und schon begann der musikalische Rundgang durch die "Bilder einer Ausstellung". In immer neuen Konstellationen fanden die auf der Bühne Agierenden zueinander: Mal das Symphonieorchester allein, dann gemeinsam mit Manuel Schmid, dann wieder ganz groß mit Orchester, Gesang und der kompletten Band. Die diversen "Promenaden" führten eindrucksvoll zu den einzelnen Bildern des Zyklus', welche auch stets zu Beginn auf der Video-Wand zu sehen waren, bevor auf ihr wieder das Live-Geschehen auf der Bühne zu verfolgen war.c 20150622 1641250036 Mit der "Promenade 1" ging es stimmungsvoll los. Die Bühne wurde in passendes Licht getaucht, bevor nach "Gnomus" Manuel Schmid seinen ersten Gesangspart hatte. Den brachte er mit gewohnt glasklarer und emotionaler Stimme rüber, die seinesgleichen sucht. Nun bin ich kein Musikwissenschaftler und so möchte ich auch nicht auf jeden einzelnen Satz des Konzerts eingehen. Meiner Meinung nach lässt sich Musik mitunter ohnehin schwer beschreiben, man muss sie fühlen und erleben.

Für die STERN-COMBO-Fans, die die Band schon lange begleiten, waren natürlich "Das alte Schloss" sowie "Eine Nacht auf dem Kahlen Berge" eine neue Begegnung mit ihnen eigentlich vertrauten Stücken, deren Neugestaltung sie dennoch begeisterte. Der unmittelbar daraufhin einsetzende Szenenapplaus belegte dies eindrucksvoll. Zu den Bildern "Tuileries" und "Samuel Goldberg und Schmuyle" griff auch Dirigent Stephan König ordentlich in die Tasten und überzeugte mit seinen fingerfertigen, jazzig angehauchten Soli. Eine tolle Klangfarbe im Rahmen der Gesamtdarbietung. Es dauerte nicht lange, bis das Publikum im Takt wippte und sogar mitklatschte. Was in der Verbindung zwischen Artrock und Klassik doch so alles möglich ist ... Zur "Promenade 5" hatten die 50 jungen Frauen und Männer des Landesjugendchores Sachsen ihren ersten Einsatz und der sorgte für Gänsehautfeeling. Einfach herrlich und absolut ergreifend.

Den sich anschließenden "Marktplatz" mit seinem täglichen Treiben, lebhaftem Gewirr und schreienden Verkäufern füllte neben Orchester und Band Schlagzeuger Frank Schirmer. Er zog als seine Waren feilbietender Verkäufer musikalisch und vor allem rhythmisch mit einem fast schon ausufernden Drums-Solo das Publikum in seinen Bann. Die Musikantenschar zog weiter in die düsteren Pariser Katakomben. Die Gefühle der Begegnung mit den in ihnen aufgeschichteten Knochen und Totenschädeln gab Martin Schreier in der "Promenade 6" sprechend zum Besten:

d 20150622 1288619704Leben schwindet leis', zu Staub und Asche.
Ein Schleier bedeckt nun das irdische Sein.
Völlige Ruhe, unsterblicher Geist.
Im Angesicht der Vergänglichkeit spürt man keine Not.

Bilder verlieren ihren Blick, Jahre verlieren ihre Zahl.
Was bleibt ist unberührter Seelenfrieden.
Tod ist Leben, wirkt fort in Ewigkeit.
Die Wahrheit wird den Weg bestreiten ...

Worte verstummen, Licht erlischt.

Der Vorhang ist gefallen.


Nach dem sich anschließenden Bild "Baba Yaga" kam es zum absoluten Höhepunkt des Konzertabends: "Das große Tor von Kiew" - betextet von Manuel Schmid und Norbert Jäger - mit Orchester, Band und dem großartigen Landesjugendchor Sachsen. Die Größe dieses gezeichneten Stadttores, sein Glockenturm sowie die sich in ihm befindliche Kirche - all das spiegelte sich in der gespielten Musik hervorragend wider und die mächtigen Schlussakkorde führten schließlich zu einem grandiosen und kraftvollen Finale:

e 20150622 1032245532Ein Bild, in voller Pracht "Das große Tor von Kiew",
stehst du in Flammen.
Komm, komm, ich will von dir singen,
täuschen mich die Sinne oder ist es doch wahr,
lodern deine Flammen durch die Zeiten heiß und klar?

Nein, nein, das darf nicht sein,
ich spür' in deinen Bögen
weit gespannte Sehnsucht!

Komm, komm, ich muss von dir singen,
Schmerzen bezwingen, für ein neues Leben!
Komm, komm, ich will hindurch geh'n
"Großes Tor von Kiew" sag' mir, was werd' ich seh'n?

Zeig' mir im Spiegel der Wahrheit,
zartblaue Freiheit, oder Krieg und Tod,
liegt vielleicht dahinter auch das Ende der Welt?

Hell, hell, ruft Glockenklang uns,
bis wir versteh'n, versteh'n!


"Standing Ovations" brauchte es nach diesem Finale nicht, denn es gab zum Glück keine Bestuhlung des Schlossplatzes. Die Begeisterung des Publikums fand dennoch kein Ende und so gab es mit der "Promenade 5" -f 20150622 1358637469 erneut mit Orchester, Band und Chor - noch eine Zugabe. Ein perfekter Abend mit perfekten Musikanten und letztlich sogar fast perfektem Wetter ging nach über 85 Minuten zu Ende.

Axel Schäfer am Bass, Sebastian Düwelt an den Keyboards sowie der Einsatz der berühmten STERN-COMBO-Hammond-Orgel, gespielt von Manuel Schmid, rundeten das musikalische Miteinander äußerst harmonisch ab. Das Leipziger Symphonieorchester, der Landesjugendchor Sachsen und die STERN-COMBO MEISSEN verschmolzen zu einer Einheit und zeigten musikalische Höchstleistungen, sowohl für sich allein, als auch im Zusammenspiel aller.

Es bereitete unheimlich große Freude, diese Musikalität und Spielfreude hautnah erleben zu können und ich bedanke mich bei allen Beteiligten für einen außergewöhnlichen, einzigartigen und höchst genussvollen Abend, während dem auch kein einziges Tröpfchen mehr vom Himmel fiel. Das war ganz großes Kino und wie alle anderen, die in Grimma dabei sein konnten, bin auch ich nun sehr gespannt und hoffe, dass eine CD bzw. eine DVD nicht all zu lange auf sich warten lassen wird ...

Abschließend sei erwähnt, dass Mussorgskis "Bilder einer Ausstellung" - zumindest auszugsweise - auch in den kommenden Konzerten der STERN-COMBO MEISSEN eine Rolle spielen sollen.

g 20150622 1268892201Zur Vervollständigung hier noch die einzelnen Sätze des Konzerts:

Promenade 1 (Orchester | Band)
1. Gnomus (Orchester)
Promenade 2 (Gesang | Klavier)
Blick zurück nach vorn (Vokalise) (Gesang | Orchester)
2. Das alte Schloss (Gesang | Band)
Schloss Rockstein (Orchester | Band)
Eine Nacht auf dem Kahlen Berge (Gesang | Band | Orchester)
Das Alte Schloss (Nachspiel / Erinnerung) (Orchester)
Promenade 3 (Gesang | Orchester)
3. Tuileries (Orchester | 2 x Klavier Solo)
4. Bydlo (Orchester)
Promenade 4 (Gesang | Orchester | Band)
5. Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen (Orchester)
6. Samuel Goldberg & Schmuyle (Orchester | Klavier Solo)
Promenade - Zwischenspiel (Orchester)
Promenade 5 (Chor | Orchester | Band)
7. Der Marktplatz (Orchester | Band | Drums-Solo)
8. Katakomben (Orchester | Band)
• Promenade 6 (Con mortius in lingua mortua) (Orchester | Text gesprochen)
9. Baba Yaga (Orchester | Band | Text gesprochen)
10. Das große Tor von Kiew (Gesang | Chor | Orchester | Band)
 



Artrock-Renaissance bei der Stern-Combo
Für mich, als angestammten Stern-Combo-Sänger, der die frühen Zeiten der Adaptionen in den 70er Jahren mitgestaltet hat, war die Premiere der "Bilder einer Ausstellung" in Grimma ein überwältigendes Ereignis. Ich fand, dass sich heute eine echte Fusion aus den beteiligten Ensembles ereignet hat, d.h. dass sich der Klang der Stern-Combo und der Symphoniker nicht nur durchmischten, sondern sich kompositorisch auf neue Weise verbunden haben.Manuel Schmid und Reinhard Fissler Die Ensembles haben sich gegenseitig auf sehr erfrischende und zeitgemäße Weise Freiheiten gelassen, die es früher nicht gab. So z.B., als der Taktstock-Meister, also der Dirigent der Leipziger Symphoniker, Stephan König, plötzlich und überraschend das nicht vorhandene Dirigentenpult verließ, und plötzlich für zwei "Bilder der Ausstellung" ans Keyboard ging und sich musikantisch ins Geschehen einbrachte. Somit durchbrach er auf eine ziemlich unkonventionelle Art und Weise das alte Klischee "Dirigent und Ensemble". Sehr beeindruckend für mich war auch die textliche Gestaltung seitens Manuel Schmid und Norbert Jäger bei den unterschiedlichen "Promenaden" und beim "großen Tor von Kiew", die sehr zeitgemäß dargestellt wurden. Sehr erwärmend war der Vokal-Einsatz Manuel Schmids bei den eben erwähnten Teilen und der Gestaltungswechsel mit den Symphonikern aus Leipzig.
Wie schon erwähnt, waren die "Bilder einer Ausstellung" ein überwältigendes und abendfüllendes Konzert und eine zeitgemäße Würdigung des großen Komponisten Modest Mussorgski, für die auch ich die Ehre hatte, mit einem kompositorischen Einfall mit einbezogen zu sein.

Viele Grüße an die Leser von Deutsche-Mugge,
Euer Reinhard Fißler




Die 'Combo' live:
• 26.07.2015 - Baabe/Rügen - Am Kurpark
• 26.08.2015 - Röbel/Müritz - Marienkirche
• 27.08.2015 - Kühlungsborn - Freilichtbühne Ost
• 28.08.2015 - Schwerin - Schelfkirche St. Nikolai
• 29.08.2015 - Ribnitz-Damgarten - Stadtkulturhaus
• 11.09.2015 - Meißen - Theater
• 12.09.2015 - Meißen - Theater

Alle Angaben ohne Gewähr. Weitere Termine und Infos auf der SCM Homepage


Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage der Stern-Combo Meißen: www.stern-combo-meissen.de
• Portrait über die Stern-Combo Meißen auf Deutsche Mugge: HIER




Fotostrecke:

 
 
Die Probe
 
 
 


Die Premiere

 
 



   
   
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