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Ein Konzertbericht mit Fotos von Torsten Meyer




ALEXANDER BLUME. Über Jahrzehnte war mir dieser Name ein Begriff. Hauptsächlich aus der Kenntnis heraus, dass er ein wichtiger Bestandteil der DIESTELMANN-Ära war, und danach zum besten Boogie Woogie-Pianisten avancierte, den die DDR je hatte. Ja ich weiß, man sollte mit solch hochtrabenden Attributen vorsichtig umgehen und sie nicht unbedacht verteilen. Doch ich denke, im Falle ALEXANDER BLUME wird es keine zwei Meinungen geben.f 20141027 1444248267 Seit es Deutsche Mugge 2013 gelang, BLUME zu einem Interview einzuladen, rückte er bei vielen Musikfreunden völlig zu Recht wieder in den Fokus des Interesses. Ich konnte mich seither bereits zweimal davon überzeugen, was für ein Virtuose auf den schwarz-weißen Tasten der in Eisenach lebende, ungemein sympathische Mittfünfziger nach wie vor ist. Er hat also überhaupt nichts verlernt, sondern hat sein Spiel über die Jahre vervollkommnet und perfektioniert, ist im Jazz gleichermaßen zuhause wie im Blues, und genießt überall auf der Welt großes Ansehen.

Für den 24. Oktober 2014 lud der "Verein 425 Kultur Erkner" ALEXANDER BLUME im Rahmen der Reihe "Jazz im Rathaus" in selbiges Gebäude ein, und das bereits zum vierten Mal. Die Qualitäten des Thüringer Ausnahmepianisten müssen sich also auch in der brandenburgischen Provinz herumgesprochen haben, weshalb ich mich auch kein bisschen wunderte, dass das Konzert bereits im Vorfeld mit dem Status "ausverkauft" versehen werden konnte.

ALEXANDER BLUME ist in der Gestaltung seiner Konzerte variabel und macht die Setlist abhängig davon, was der Veranstalter wünscht. Mal geht es mehr in die Jazz-Ecke, mal bilden Boogie Woogie und Blues den Schwerpunkt. Hier in Erkner wurde ein besonderer Programmpunkt unter dem Titel "Remember STEFAN DIESTELMANN" in den Ablauf eingebaut, womit auch klar war, dass heute eher die bluesigen Töne mit all ihren Schattierungen und Ablegern Vorrang haben würden. Das hatte natürlich seinen Grund. Ich deutete am Anfang ja bereits ALEXANDER BLUMEs Nähe zu STEFAN DIESTELMANN an. DIESTELMANN und BLUME waren aber nicht nur Kollegen auf der Bühne, sondern auch Freunde.a 20141027 1855560218 Und so ist es nur folgerichtig, dass es nicht irgendwem, sondern tatsächlich ALEXANDER BLUME vorbehalten blieb, das Jahr 2014 in musikalischer Hinsicht zum DIESTELMANN-Remember-Jahr werden zu lassen, denn der König des ostdeutschen Blues hätte am 29. Januar zum 65. Mal Geburtstag gehabt. Dazu baute ALEXANDER in sein Live-Set mehrere DIESTELMANN-Songs ein, die er aber auf seine ganz eigene Weise interpretiert. Premiere hatte das Spektakel mit einem denkwürdigen Auftritt beim Internationalen Rock- und Bluesfestival in Altzella im Mai dieses Jahres. Mit dabei war neben der kompletten BLUME-Band ein weiterer Mitstreiter aus den damaligen Zeiten, was einer kleinen Sensation gleichkam. Er ist ein ebenso phantastischer Solist wie ALEXANDER BLUME und hätte es längst verdient, auf internationaler Ebene mit den Großen seiner Zunft in den Wettstreit zu treten: "Mr. Mundharmonika" BERND KLEINOW. In Altzella standen die beiden Blues-Denkmäler seit mehr als dreißig Jahren erstmals wieder gemeinsam auf einer Bühne, und jeder der dabei war, wird mir zustimmen: Es war ein unvergesslicher Nachmittag. Nun also trafen sie sich in Erkner zum zweiten Mal, und wie nicht anders zu erwarten, wurde es erneut ein Konzert der Extraklasse.

Als ich den Saal im fünften Stock des Rathauses in Erkner betrete, stehen die beiden Protagonisten in völliger Entspanntheit an ihrem Merchandise-Stand. Da noch genügend Zeit ist bis zum Beginn, haben wir ausreichend Gelegenheit für eine Plauderei. Nach und nach füllt sich der Saal, und ich bin erstaunt, dass die Altersgrenze der Besucher sich größtenteils im Rahmen von 60plus bewegte. Die Temperaturen sind schon jetzt unerträglich warm, die Luft entsprechend stickig. Das hält jedoch Carsten Rowald vom veranstaltenden Kulturverein 425 nicht davon ab, pünktlichst um 19:00 Uhr den Abend zu eröffnen. Mit den beiden bei AMIGA erschienenen DIESTELMANN-LPs in der Hand, erläutert er den besonderen Hintergrund des heutigen Konzertes und freut sich sichtlich, mit den Herren BLUME und KLEINOW zwei Ur-Mitglieder des einstigen DIESTELMANN-Ensembles begrüßen zu dürfen. Dritter im Bunde ist wie immer BLUME junior, laut Geburtsurkunde Maximilian genannt, ALEXANDERS jüngster Sohn. Seit vielen Jahren touren Vater und Sohn durch ganz Europa, aber auch durch Amerika und den Nahen Osten, speziell Jordanien.

Bereits mit dem ersten Song beweist ALEXANDER BLUME seine unglaublichen Fähigkeiten als Boogie Woogie-Pianist. Seine Finger fliegen in rasantem Tempo über die 88 Tasten des pechschwarzen Bechstein-Flügels und sorgen für entsprechende Begeisterung des sehr sachkundigen Auditoriums,e 20141027 2056611483 was sich in der Folge noch um ein Vielfaches steigern sollte. Zunächst jedoch weist BERND KLEINOW mit seiner Interpretation des ELMORE JAMES-Klassikers "The sky is crying" nach, dass er nicht nur ein Meister auf der Harp ist, sondern auch über eine exzellente Bluesstimme verfügt. Wer's nicht glaubt, der höre in KLEINOWs Solo-CD "The Harp" rein, wo der Titel drauf ist.

Die Kombination Klavier-Drums-Mundharmonika, bedient durch drei absolute Könner ihres Fachs, klingt hervorragend. Über ALEXANDERs und BERNDs Fähigkeiten muss ich nichts weiter sagen, aber Maximilian an den Schlagstöcken verdient durchaus eine besondere Erwähnung. Er ist gerade mal 22 (oder 23?) Jährchen jung, verfügt aber bereits über eine erstaunliche Klasse, Routine und Abgeklärtheit. Egal, ob er, je nach Song, mit den Sticks einen regelrechten Schlaghagel erzeugt oder mit den Jazz-Besen eher gefühlvoll die Felle streichelt - er beherrscht scheinbar mühelos das gesamte Repertoire und beeindruckt damit nicht nur mich, der in jungen Jahren immerhin zwei Jahre in einer Schülerband die Trommelstöcke geschwungen hat, sondern erntet immer wieder Szenenapplaus beim Publikum.

Zwischendurch erhebt sich ALEXANDER BLUME gerne mal von seinem Schemel, um auf unterhaltsame Art einige Anekdoten zu den Songs zum Besten zu geben. Beispielsweise zur amüsanten Geschichte rund um "Chicago Breakdown". Diese rasante Nummer findet man auf seinem ersten Solo-Album "Boogie Woogie Piano", erschienen 1987 bei AMIGA. Darin kommt die ganze Komik (oder eher Tragik?) zum Ausdruck, die sich so manches Mal hinter den Musikproduktionen in der DDR verbarg, weil halt weniger die künstlerischen Inhalte entscheidend waren, als vielmehr die politische Korrektheit. Auch der Versuch, das wunderschöne, swingende "Up a lazy river" zu einem brandenburgischen Heimatsong zu deklarieren, da angeblich in einem amerikanischen Songbook plötzlich eine "Up a Löcknitz river"-Version auftauchte (Anm. d.Verf.: die Löcknitz fließt durch Erkner), sorgt für viel Heiterkeit.

Kurz vor der Pause, die wir alle dringend zum Inhalieren von Frischluft brauchen, darf nochmal Maximilian ran. Er muss in Kürze seinen vor zwei Jahren beim Thüringer Landeswettbewerb "Jugend jazzt" errungenen ersten Platz verteidigen.c 20141027 1862662108 Das wird er mit dem "Winin' boy"-Song versuchen, welchen er uns in Vollendung präsentiert. Mit WILLIE DIXONs Evergreen "Ma Babe" erfolgt dann bereits die stimmungsvolle Überleitung zum Spezialteil des Abends.

Nach der Pause ist es dann endlich soweit: mit der "Bluesgeschichte" und dem ergreifenden "Der Alte und die Kneipe" huldigen BLUME & Co. dem unvergessenen STEFAN DIESTELMANN. Sein guter Freund ALEXANDER würdigt nochmals STEFANs Verdienste um die Entwicklung und Verbreitung des Blues in der DDR, aber auch dessen Auge und Ohr für die Entdeckung von musikalischen Talenten. Maximilian Blume übernimmt die schwierige Aufgabe, die beiden genannten Songs zu singen, und er tut dies, wie schon in Altzella, mit viel Gefühl und Einfühlungsvermögen. Als vorher nicht angekündigter Überraschungsgast unterstützt mit Thomas Kölling ein langjähriger Freund von ALEXANDER BLUME die beiden Nummern mit seiner Gitarre, was nochmals ein zusätzlicher, sehr gelungener Soundtupfer ist.

Es wird fleißig weiter gebluest und "geboogiet", die Musiker überbieten sich immer wieder gegenseitig mit erstklassigen, ausufernden Soli. Man hat Mühe, mit den Augen der flinken Fingerakrobatik des Mannes am Flügel zu folgen, während manch einer auf Grund der erzeugten Klangfülle die zweite und dritte Mundharmonika auf der Bühne sucht. Der Spaß am gemeinsamen Musizieren steht allen ins Gesicht geschrieben, vor allem die beiden "Senioren" ALEXANDER und BERND strahlen sich immer wieder gegenseitig an. Letzterer erntet für das von ihm gesungene "Bye bye bird" dann auch noch verdientermaßen großen Extra-Jubel. Unbegreiflich, wie man quasi innerhalb eines Atemzuges vom Harp-Spiel zum kraftvollen Gesang wechseln kann. Zwei echte Highlights heben sich die Herrschaften für den Schluss auf: den J.J.CALE-Hit "After midnight" sowie den in jedes anständige Blueskonzert gehörenden Standard "Sweet home Chicago". Standing Ovations vom regelrecht ausflippenden Publikum sind der Lohn. Von wegen, ältere Leute können nicht mehr richtig feiern! Das setzt sich in den Zugaben nahtlos fort, die Stimmung hat sich den Raumtemperaturen angeglichen und ist auf dem Siedepunkt. Zu "Call me the breeze" gesellt sich nochmals Gitarrist Thomas Kölling dazu, der auch gleich mal den Gesangspart übernimmt. Als nach dem begeisternden "Slim Slam Boogie" das enthusiastische Auditorium noch immer keine Ruhe gibt, setzt ALEXANDER BLUME mit einem Solovortrag am Piano dem Treiben ein Ende.b 20141027 1392868980 Mit dem getragenen "Cast your fate to the wind", einer Vince Guaraldi-Komposition, zeigt er noch einmal sein ganzes Können und beweist eindrucksvoll, dass er auch die leisen, ruhigen Töne beherrscht.

Damit geht nach zwei Stunden ein begeisternder Konzertabend (leider schon) zu Ende. Wir können uns glücklich schätzen, in unseren Breiten solche begnadeten Musiker zu haben. Eigentlich gehören sie mit ihrem Können auf die großen Bühnen dieser Welt. Doch dann würden uns vermutlich diese kleinen, intimen Konzertvergnügen wie hier in Erkner nicht mehr vergönnt sein. Wie auch immer, dieser Abend hat richtig Spaß gemacht. ALEXANDER BLUME ist ein wahrer Hexer auf den schwarz-weißen Tasten, sein Sohn Maximilian wird mit Sicherheit auch seinen Weg machen. Der Tag kommt zwangsläufig, an dem er sich vom Vater abnabeln und seine eigene Musik machen wird. Dafür kann man ihm nur alles Gute wünschen. Und vor BERND KLEINOW und seinen irren Einlagen an der Harp kann ich immer wieder nur gedanklich niederknien. Bleibt mir nur zu wünschen übrig, dass wir die Konstellation BLUME/KLEINOW nicht zum letzten Mal in Aktion gesehen haben, denn das schreit förmlich nach weiteren gemeinsamen Auftritten. Aber auch jeder für sich ist ein Garant für Unterhaltung auf höchstem internationalen Niveau, weshalb ich nur die Empfehlung aussprechen kann: wenn irgendwo die Namen BLUME oder KLEINOW auf einem Konzertplakat zu lesen sind, geht hin!

P.S. Normalerweise gehören bei uns zu einem Konzertbericht auch entsprechende Fotos. Leider haben an diesem Abend bei mir die Tücken der Technik zugeschlagen und meine Kamera gleich zu Beginn des Konzertes außer Gefecht gesetzt. Deshalb gibt es diesmal leider nur die paar wenigen Fotos, die ich bis zum Koma meiner Kamera geschossen habe.



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Termine:

Alexander Blume live ...
• 30.10.2014 - Eisenach - Kunstpavillon
• 14.11.2014 - Jena - Kulturzentrum Lisa
• 13.12.2014 - Eisenach - Reuter-Wagner-Museum
• 25.01.2015 - Niemegk-Lühnsdorf - "Alte Schmiede"
• 05.02. bis 07.02.2015 Albanien-Tournee
• 28.02.2015 bis 08.03.2015 Jordanien-Tournee

Bernd Kleinow live ...
• 07.11.2014 - Dresden - Club Passage (UNLIMITED BLUES)
• 21.11.2014 - Dieskau - Schloss (Capital Blues Duo)

Alle Termine ohne Gewähr. Weitere Termine und nähere Infos auf der jeweiligen Künstler-Homepage.



Bitte beachtet auch:

• off. Homepage von Alexander Blume: www.alexanderblume.de
• off. Homepage von Bernd Kleinow: www.berndkleinow.de
• Homepage des Vereins 425 Kultur Erkner: www.verein425kulturerkner.de
• Portrait über Alexander Blume: HIER





Fotostrecke:

 
 
 




   
   
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