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Ein Bericht von Rüdiger Lübeck mit Fotos von Torsten Meyer



Bis vor kurzem wussten wohl die wenigsten, wo Reitwein liegt. Nein - es liegt nicht in Berlin, und schon gar nicht im Kesselhaus der Kulturbrauerei. Eine verschlafene, kurz vor der polnischen Grenze gelegene 500-Seelengemeinde lässt sich nicht so einfach durch die Gegend transferieren. Und das Kulturhaus-Feeling (des Saales) der örtlichen Gaststätte "Zum Heiratsmarkt" schon einmal gar nicht.

c 20140211 1387747823Inzwischen ist Reitwein in aller Munde - besser gesagt: "Live in Reitwein". Ohne hier erneut groß auszuholen, aber das dieser Tage in bester "Bye Bye Lübben City"- Manier erschienene gleichnamige Doppelalbum (Rezension HIER) dürfte wohl alle Erwartungen der "Macher" übertroffen haben. Es verkauft sich offenbar wie geschnitten Brot und bestätigt damit einmal mehr, dass die Schar derer, denen solides Handgemachtes unverändert wichtiger ist als synthetisches Allerweltsgedudel aus dem Äther, nicht kleinzukriegen ist ...

Mit tatkräftiger Unterstützung durch Buschfunk packte das Reitwein-Team um "Wolle & Rossi" die Gelegenheit nun beim Schopfe, und setzte mit einem Record-Release-Konzert vor deutlich größerer Kulisse noch einen drauf. Für gewöhnlich sind derlei Ideen nicht eben selten recht gewagt und können durchaus auch in einem (wirtschaftlichen) Fiasko enden. Um das nicht eben kleine Kesselhaus zu füllen, bedarf es einer durchdachten Gesamtkonzeption und zudem einer Risikobereitschaft des Veranstalters. Und natürlich einiger namhafter "Zugpferde". Und offenkundig insgesamt 18 (in Worten. achtzehn!) auf der Bühne aufgebahrter Gitarren ...

ENGERLING zogen hier einmal mehr den imaginären Rahmen um die gesamte Veranstaltung und gaben mit "Molls Party" den Garanten für einen Einstieg nach Maß. Vereinzelnd sollten wir Body Bodag und seinen Mannen im Laufe des Abends immer mal wieder begegnen. So auch gleich im Anschluss, als die JONATHAN BLUES BAND, ergänzt um Dauergast Bernd "Kuhle" Kühnert, hoch motiviert sich von Vater und Sohn begleiten ließen und den "Blues In Trouble" umgehend zum Anlass nahmen, sich in ihren fast schon legendären Gitarrenduellen zwischen Kühnert und Frontmann Peter Papst zu verlieren. Schließlich - so Papst süffisant - lebe man heute noch vom Reitwein-Gig. Merkwürdig nur, dass ausgerechnet der folgende und seit Jahren zum Jonathan-Standard-Repertoire gehörende "Katzenfreund" zumindest partiell noch vom Textblatt abgelesen werden muss. Bei "Daddys Boogie" geht's dann aber wieder ohne.

Eine Besonderheit der Reitwein-Mugge ist zweifelsohne ihr musikalischer Abwechslungsreichtum. Wie auf der CD auch, sollten sich an diesem Abend unterschiedliche Genres wohldosiert ein kontrastreiches Stelldichein geben.b 20140211 1823710416 HEIKE MATZER aus dem benachbarten Wilhelmsaue durchbrach kurzzeitig die Dominanz des Blues und wandelte mit Adaptionen der Renft-Klassiker "Als ich wie ein Vogel war" und Cäsars "Apfeltraum" auf soulig, ja leicht spanisch angehauchten Pfaden. Nicht wirklich zu überzeugen vermochte hingegen DIE ZUNFT, reduziert auf die berühmten drei Akkorde und permanente Textwiederholungen ("Wer auch immer Dir die Nacht stiehlt" und "Du bist so hässlich") im weitestgehend monotonen Sprechgesang. So what, wäre man an dieser Stelle geneigt zu sagen, wenn - ja wenn es dem Frontmann jener Combo nicht auch noch gelungen wäre, im Eifer des Gefechts Jürgen Kerths Gitarre "Die Eine" umzuwerfen. Vereinzelnd waren daraufhin gar Blasphemie-Vorwürfe im Publikum auszumachen.

Im Anschluss betrat ein junger Cowboy die Bühne, der sich weder selbst vorstellen wollte noch von sonst wem vorgestellt wurde. "Lucky Man" von EMERSON LAKE & PALMER gab's dann auf die Ohren, in "bester" Lagerfeuermanier. Später wähnte man ihn fröhlich in vorderster Reihe im Publikum, die Discount-Weinflasche am Hals. Auf der Platte sucht man ihn übrigens vergebens.

Die FREYGANG-BAND sorgte umgehend für wohligen Kontrast und machte sofort etwas, was wir an diesem Abend in dieser Form noch nicht erleben konnten: richtig guten Krach! Drei Songs, einer kraftvoller als der andere. Natürlich fehlte da jemand, der Band sicher noch ein Stück weit mehr als den Zuschauern. Aber AGP (André Greiner-Pohl) hätte sicher seine Freude, wie sein musikalisches Erbe nicht nur verwaltet, sondern fortentwickelt wird.
CHARLIE EITNER pflegt den Blues hingegen auf seine ganz eigene, andalusische Art. Beinahe an Flamenco erinnernd "quält" er seine Gitarre und entlockt ihr dabei geradezu irrwitzige Töne.a 20140211 1219854629 Und nein - es sind keine (Halb-)Playbacks, die da benutzt werden, sondern schlichte Loops, insbesondere auch beim folgenden Stück, dass er dem Meister der Sitar, dem vor gut einem Jahr verstorbenen Ravi Shankar gewidmet hat. Der mehrfache Szenenapplaus scheint Eitner dann etwas übermotiviert zu haben, als er noch ein drittes, nicht enden wollendes und geradezu exzessives Stück anschließen lässt. Weniger wäre hier vermutlich mehr gewesen.

SPEICHES MONOKEL waren an der Reihe. Gefeiert, gewohnt souverän, zumal mit drei Gitarristen an Bord und zweifelsohne ein Highlight des Programms. Familie Bodag/Schulze unterstützte auch hier an Tasten und Schlagwerk. Natürlich durfte die Hymne "Bye Bye Lübben City" ebenso wenig fehlen wie "Amboss oder Hammer". Selbst für ein neues Stück - beileibe nicht selbstverständlich - war Platz. Klasse!

Die junge Frau, die folgt, nennt sich INDIJANA und erinnert nicht nur optisch an die vielen Melanies, Joan Baezes und wie sie alle hießen in den 60ern. Mit "Flying Fish" stellt sie eine Eigenkomposition vor, die zugleich ihr Lieblingslied ist. PETER SCHMIDT (East Blues Experience) vermag es, "Dont Give up" von Peter Gabriel neues Leben einzuhauchen, indem er den Song messerscharf soweit entfremdet, dass man das Original gerade noch erahnen kann. Zusammen mit ENGERLING spendiert er dann noch den Klassiker "Early In The Morning".

Dann ist die Zeit des Meisters - JÜRGEN KERTH (abermals begleitet von ENGERLING). Allein bereits die eindrucksvolle Erscheinung des "Bodentreters" lässt einen in Ehrfurcht erstarren. Als die ersten Textzeilen von "Komm herein" ertönen, ist ihm Szenenapplaus sicher. Erstaunlich übrigens, dass selbst ein gestandener Bassist wie Manne Prokrandt sich hier die steten Tonwechsel auf's Papier gemalt hat. Demnach eine mehr als anspruchsvolle Komposition! Kerths Frau Barbara ist hingegen nicht mit nach Berlin gekommen, da "man da immer so oft auf's Klo muss". Dennoch (oder vielleicht gerade deshalb?) widmet er ihr an diesem Abend seinen Song "Mit Dir zu leben".d 20140211 1617659464 "Helmut" gibt's auf Englisch, Hendrix' "Redhouse Blues" sowieso - PETER SCHMIDT bietet ihm hier souverän Paroli.

Die ENGERLINGe waren jetzt - vom Opener abgesehen - auch einmal unter sich und holten im "Narkose-Song" zum postmortalen Rundumschlag aus. In Memoriam CÄSAR, in Memoriam LOU REED, in Memoriam JOHNNY CASH. Eine schlicht atemberaubendes Arrangement, das da immer wieder auf's Neue dargeboten wird!

Und dann ward es Zeit für die REITWIN ALLSTARS. Beim "Hoochie Coochie Man" und "Gimme Shelter" legen sich alle noch einmal mächtig ins Zeug - allein sechs Gitarristen wollen auf der nicht eben gerade schmalen Bühne ihren Platz finden. Das aus allen Nähten platzende, restlos ausverkaufte Kesselhaus tobt. Möge sich dieser Begeisterung nun auch ein kommerzieller Erfolg anschließen. Und dem kleinen Örtchen im Oderbruch künftig auch über die Region hinaus der Ruf vorauseilen, eine der (leider letzten verbliebenen) Bastionen guter, handgemachter Rock- und Bluesmusik zu sein. Denn die Mischung macht's!



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Termine des Veranstalters:

• 22.03.2014 - Seelow - 4. Blues-Rock Fest mit Layla Zoe, Julian Sas und Dewolff
• 10.05.2014 - Reitwein - Live in Reitwein #103 mit Savoy Brown u.a.
• 16.08.2014 - Groß Lindow - 18. Open Air mit The Statesboro Review u.a.

Alle Angaben ohne Gewähr. Nähere Infos und weitere Termine auf der bandeigenen Homepage.



Bitte beachtet auch:

• Off. Homepage von Engerling: www.engerling.de
• Portrait über Engerling: HIER
• Off. Homepage der Freygang-Band: www.freygang-band.com
• Portrait über die Jonathan Blues Band: HIER
• Off. Homepage von Speiches Monokel: www.monokel-blues-band.de
• Portrait über Monokel: HIER
• Off. Homepage von Jürgen Kerth: www.kerth-music.de
• Portrait über Jürgen Kerth: HIER
• Off. Homepage von Indijana: www.indijana.de
• Off. Homepage von Charlie Eitner: www.charlie-eitner.de
• Homepage der Kulturbrauerei Berlin: www.kulturbrauerei.de
• Homepage von "Live in Reitwein": www.live-in-reitwein.de




Fotostrecke:

 
 
Engerling & Jonathan Blues Band
 
 
 
 


Heike Matzer & Die Zunft
 
 
 
 


Brian Bossert
 
 
 
 


Freygang Band
 
 
 
 
 


Charlie Eitner
 
 
 
 


Speiches Monokel Blues Band
 
 
 
 


Indijana
 
 
 


Peter Schmidt
 
 
 
 


Jürgen Kerth
 
 
 
 


Finale: Reitwein Allstars

 
 

   
   
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