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Bericht:
Torsten Meyer

Fotos:
Torsten Meyer


 

Live-Präsentation der neuen CD "Gegen die Zeit"

Wer wie ich ziemlich intensives Konzert-Hopping betreibt, sagt sich immer mal wieder: Jetzt hast du schon alles gesehen und gehört, was soll da noch kommen? Aber das ist natürlich purer Unsinn, denn kaum kommen solche Gedanken hoch, gibt es prompt die Ankündigung eines Gigs, der es sofort in mir kribbeln lässt und dafür sorgt, dass ich den Tag des Events kaum erwarten kann. Vor einigen Wochen war es tatsächlich wieder soweit. Nein, es war kein großer internationaler Star im Anmarsch, auch keins der zahlreichen Open Air-Festivals lockte mich aus Berlin heraus. Nein, eine der wenigen ernstzunehmenden weiblichen Rockröhren aus längst vergangenen DDR-Zeiten gab sich die Ehre und lud ein zur Präsentation ihrer neuen CD "Gegen die Zeit": KATRIN LINDNER. Für mich bedeutete das knappe 200 Kilometer Autobahn und Landstraße, ehe ich mich in meiner (einstigen) mecklenburgischen Heimat wiederfand. Allerdings war mir dieser Flecken auf der Landkarte auch noch nicht bekannt, denn es ging nach Quadenschönfeld.

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Quadenschönfeld - das klingt wie ein Schauplatz aus einem Harry Potter-Roman. Ja, märchenhaft ist es hier tatsächlich, was die Idylle und Weitläufigkeit der Natur angeht. Bei vielen ruft die Nennung dieses Ortsnamens jedoch garantiert erst mal ein unsicheres "Hä? Wie heißt das? Wo liegt das denn?" hervor. Wer sich ein wenig mit der Historie der DDR-Rockmusik auskennt, wird aber wissen, dass hier seinerzeit Großes entstand. So wurden beispielsweise die legendären Alben "I.L.D" von ROCKHAUS und PANKOWs "Aufruhr in den Augen" im Farmland-Studio Quadenschönfeld eingespielt. Dieser Ort hat also durchaus Tradition und Klang zu verzeichnen, und so war ich regelrecht heiß darauf, endlich selber mal meine Füße auf diesen legendären Boden setzen zu dürfen.

Im Gebiet der Mecklenburgischen Seenplatte, irgendwo zwischen Neubrandenburg und Neustrelitz gelegen, musste ich schon aufpassen, um nicht die unscheinbare Zufahrt zum Farmlandhof zu verpassen. Schon der Weg über die schmale Betonpiste ließ erahnen: viel einsamer kann man nicht wohnen. Vorbei an mehreren wunderschönen Apfel- und Birnenbäumen stand ich dann nach knapp einem Kilometer vor der Einfahrt zum Farmlandhof. Es parkten bereits etliche Fahrzeuge vor dem Haus, und auch einige Leute irrten mehr oder weniger suchend umher, bis plötzlich eine Frau aus dem Nichts auftauchte, deren Gesicht mir sehr vertraut war: KATRIN LINDNER. Sie lebt seit mehr als 30 Jahren hier. Zunächst mit ihrem damaligen Mann Sieghard Schubert, seit einigen Jahren ganz allein. Sie begrüßte jeden einzelnen herzlich und nahm sich Zeit für ein paar Worte. Aber man merkte ihrem etwas hektischen Auftreten an, dass sie eigentlich gar nicht richtig bei der Sache war. Und so bat sie dann auch schnell um Verständnis für ihre Nervosität, denn der bevorstehende Auftritt sorgte doch für jede Menge Lampenfieber bei ihr. Menschliche Züge - wunderbar. Also ließen wir sie in Ruhe und genossen einen ausgiebigen Rundgang auf dem riesigen Hofgelände. Das führte auch bei mir zu einer Art Entspannung, denn hier, wo die Welt zu Ende scheint, blieb kein Platz für Gedanken an den sonst so nervenaufreibenden Großstadtalltag.

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Zwei Stunden später hatte sich die Anzahl der in langer Schlange parkenden Fahrzeuge um ein Vielfaches erhöht. Die dazugehörigen Leute saßen auf den etwa einhundert bunt zusammengewürfelten Stühlen, die vor einer Art offener Scheune, die die Bühne darstellte, aufgestellt wurden. Das Konzert soll also unter freiem Himmel stattfinden. Sehr mutig geplant, dachte ich so bei mir, aber scheinbar hatte man vorher mit Petrus einen Exklusiv-Vertrag geschlossen. Das Wetter war jedenfalls außerordentlich freundlich und machte richtig Lust auf das Kommende.

2010 kehrte KATRIN LINDNER mit ihrer CD "Nichts bleibt" zurück in die Musikwelt, wenn auch anders als von ihren vielen Fans erwartet. Inspiriert von ihren selbstgemalten Gemälden, zauberte sie zwölf Songs voller Gefühl und Hingabe aus dem Hut. Ich war sehr gespannt, wie sich die Fortsetzung dieser CD anhören würde. Hat sich KATRIN LINDNER, die sich um nichts in der Welt auf den alten Lorbeeren ausruhen möchte, stilistisch nochmals gewandelt? Wie wird sie bei Stimme sein? Überrascht sie ihre Fangemeinde, in dem sie vielleicht doch mal einen ihrer alten Hits ins Programm einbaut?

Die Stimmung im Publikum war erwartungsvoll, aber auch sehr entspannt und relaxt. Es kamen wohl mehr Interessierte als erwartet, denn immer wieder wurden von irgendwoher Stühle ran geschleppt, damit alle ihren Platz hatten. Sicher war das auch der Grund, warum sich der für 20:00 Uhr geplante Beginn des Konzertes um etwa 20 Minuten verzögerte. Dann jedoch schlenderten zunächst die Begleitmusiker zur Bühne, und Sekunden später folgte ihnen auch KATRIN LINDNER, bekleidet mit einem hübschen rot-schwarzen Outfit. Das Publikum wurde herzlichst begrüßt, und KATRIN LINDNER erklärte den Anwesenden zunächst, dass vier intensive Tage hinter ihr und den Musikern lagen, in denen das neue Album zu großen Teilen eingespielt wurde. Und wenn sie schon mal alle Musiker beisammen hat, so dachte sie sich, kann man das ja auch gleich nutzen, um der Fangemeinde die neuen Titel zu präsentieren. So entstand die Idee zu diesem Konzert. Auf mich wirkte vor allem das Wissen um die Erweiterung ihres Ensembles um einen Schlagzeuger und einen Bassisten positiv, was sich im Laufe des Konzertes auch wirklich bestätigen sollte.

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Bereits nach den ersten drei Titeln erhärtete sich der Eindruck, dass die LINDNER auch mit diesem neuen Werk alles andere als "back to the roots" unterwegs ist. Keine Spur von Rockmusik, aber ehrlich gesagt war das auch nicht wirklich zu erwarten. Vor uns stand eine gereifte, sehr sensibel und empfindsam wirkende Frau, die mit ihrer Stimme noch immer innerhalb von Sekunden ihr Publikum gefangen nimmt. Ihre Bühnenpräsenz ist enorm, ohne dass sie durch große Gesten auf sich aufmerksam machen muss. Das Kratzige, Raue, mit dem sie vor 30 Jahren die "Abendträume" zum einzigartigen Hit werden ließ, ist inzwischen deutlich mehr gesanglichen Facetten gewichen. Entsprechend variabel und abwechslungsreich klangen auch die neuen Songs, die wir präsentiert bekamen. Es ist im Nachhinein ziemlich schwer, sich auf einzelne Titel zu beziehen, wenn man diese zum ersten Mal gehört hat und noch dazu in einer so gehäuften Menge in die Ohren geblasen bekommt. Und natürlich will ich auch der CD-Rezension, die dann bei Erscheinen der Scheibe sicher folgen wird, nicht vorgreifen. Aber am Ende des Tages konnte ich ruhigen Gewissens behaupten, dass sich das Warten auf "Gegen die Zeit" lohnen wird. Dominierten 2010 auf "Nichts bleibt" noch die balladesken Töne, so bekommen wir Konsumenten der Musik diesmal stilistisch deutlich mehr geboten. So wird z.B. ein Song über Sehnsucht nach Urlaub und fernen Ländern ins Reggae-Gewand gepackt, woanders gibt es leichte Folklore-Anleihen, oder es klang auch mal ein bisschen orientalisch. Ein Herr meinte bei einem Song sogar (liebe Grüße an Rolf und Gattin nach Lutherstadt Wittenberg!) an die Bretagne erinnert zu werden. Hier ist jegliches Schubladendenken fehl am Platze. Ein bisschen Chanson und ein paar Anflüge von Pop kamen auch noch dazu. Und ja, einer der neuen Titel klang dann sogar unerwartet forsch, fast schon rockig, was mir sofort Hochgefühle bescherte. Selbst stimmlich kam da wieder etwas durch von der ungezügelten, wilden Rocklady von einst. Ungewöhnlich für die "neue" KATRIN LINDNER, aber durchaus wohlwollend aufgenommen von den aufmerksamen Zuhörern. Huh, ungewollt richteten sich in diesem Moment die Härchen meiner Arme auf und leichte Gänsehaut stellte sich ein. Natürlich fehlten auch die leisen Töne nicht. Hier blieben mir vor allem "Ketten sprengen" und "Du denkst nicht wie ich" in Erinnerung. Ganz tolle Balladen, sehr eindringlich gesungen von KATRIN LINDNER, wunderbar begleitet von ihrer Band.

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Womit ich bei einem nicht unwesentlichen Bestandteil dieses Abends angekommen wäre. Was da namentlich auf der Bühne stand, konnte wirklich nur auf ein phantastisches Erlebnis hoffen lassen. Zu ANDRÉ GENSICKE an Piano und Keyboards braucht man keine großen Worte zu verlieren. Er bildete das Herzstück der Titel, hat sie arrangiert und verlieh ihnen mit seiner unaufdringlichen Art zu spielen, den nötigen Feinschliff. Stark seine Doppelspiel-Einlagen, als er gleichzeitig Akkordeon und Keyboard bediente, ohne sich dabei die Arme zu brechen. Auch bildete er da, wo es nötig war, die dezente Backgroundstimme zu KATRINs Gesang. Das zweite, ebenso wichtige Mitglied von KATRIN LINDNERs musikalischen Begleitern ist Deutschlands bekanntester Cellist, nämlich SONNY THET. Wer ihn schon mal live erlebt hat, der weiß, wie sehr er das Klangbild eines Songs beeinflusst. Zart und sanft streichelt sein Bogen die Saiten des Cellos, erschafft eine sehr warme und dichte Atmosphäre. Er war unbestritten das Verbindungsglied zwischen GENSICKEs melodieerzeugendem Spiel und KATRIN LINDNERs intensivem Gesang. Hin und wieder erzeugt SONNY THET Klänge, die so fremd klingen, dass sie scheinbar irgendwo anders herkommen müssen. So z.B. im Song "So nah", da zaubert er ziemlich schräge Töne aus dem Cello-Korpus, die mich schlichtweg begeisterten. Neu war diesmal die Rhythmusfraktion, bestehend aus Ronny Dehn, dem SILLY-Drummer, und Paul Hetherington am Bass. Letzteren kannte ich bis dato überhaupt nicht, was er mir hoffentlich verzeiht. Auf jeden Fall aber tat diese Komplettbesetzung der Musik außerordentlich gut, weil die Songs dadurch viel voller wirkten, das Klangbild enorm an Farbe und Variabilität gewann. Das Duo GENSICKE/THET ist schon eine Klasse für sich, aber nur mit den beiden wäre sicher die eine oder andere Nummer vom neuen Album nicht spielbar gewesen.

Vierzehn Titel umfasst das neue Album, alle vierzehn wurden auch gespielt, danach gönnte eine sichtlich erleichterte KATRIN LINDNER sich und ihren Mitstreitern eine wohlverdiente Pause. Auf ihre vorsichtige Frage "Wie hat es Euch gefallen?" erntete sie jedenfalls ganz viel Zuspruch und positive Resonanz. Im zweiten Teil des Konzertes präsentierte sie noch einige Songs ihres Vorgänger-Albums "Nichts bleibt". Diesmal halt mit voller Band, wodurch die ohnehin schon sehr hörenswerten Kompositionen nochmal enorm gewannen. "Ich rufe dich", was nicht nur mich sehr an SILLYs "Wo bist du" erinnerte, hörte sich beinahe an wie ein völlig neuer Song. Dasselbe gilt für meine Lieblingsnummer des ersten Albums, "Die Dunkelheit". Der schrie ja schon immer förmlich nach einem Schlagzeug im Hintergrund. Das bekam er an diesem Abend und erhielt von mir dafür einen symbolischen Grammy verliehen. Natürlich kam niemand ohne Zugaben von der Bühne. Diese wurden dann wieder in der Urbesetzung GENSICKE/THET/LINDNER gespielt und bescherten mir erneut Anflüge von Kribbeln und Gänsehaut, als "Der Clown" aus den Boxen klang. Eine absolut geniale Ballade, die ich stundenlang hören könnte.

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Nach ca. 2 Stunden verließen KATRIN LINDNER und ihre Band dann zufrieden die Bühne. Mir als Zuschauer blieb die Erinnerung an einen phantastischen Abend mit Künstlern, die handwerklich nicht zu toppen waren, die eine unglaubliche Harmonie ausstrahlten und die KATRIN LINDNERs ergreifende, zu Herzen gehende Musik ganz wunderbar unterstützten. Das ist umso erstaunlicher, als dass sie ja wirklich erst seit vier Tagen gemeinsam an den Titeln werkelten. Natürlich gab es hier und da mal ein paar kleine Verspieler oder verpasste Einsätze. Aber genau das macht Livemusik aus. Die Band hat jede kleine Panne mit viel Humor zur Kenntnis genommen und überspielt, was auch gerne mal für Heiterkeit beim Publikum sorgte.

Ich habe mich sehr wohl gefühlt auf KATRIN LINDNERs Farmland-Hof. Vieles wurde improvisiert und mit ganz viel Liebe hergerichtet, was dazu führte, dass die ganze Atmosphäre fast schon familiär wirkte. Man fühlte sich wie auf einem Abend unter Freunden, auf dem die Hausherrin für ihre Gäste musiziert. So war es ja dann letztendlich auch. KATRIN LINDNER selbst hat es nach wie vor drauf. Sie wandelt mit einer unglaublichen Intensität durch ihre Lieder, legt in deren Interpretationen wahnsinnig viel Gefühl und Kraft. Sie beherrscht die komplette Palette der Emotionen, singt mal sanft und zerbrechlich, dann wieder kräftig und laut. Immer aber klingt sie dabei total natürlich und authentisch. Manchmal hat man gar den Eindruck, sie beamt sich während des Gesangs weit weg in ihr eigenes Universum. Vor allem kann sie aber eines: live singen! Sie braucht kein großes Soundstudio, welches ihre Stimme nachpoliert, damit die Zuschauer nicht nach 2 Minuten fluchtartig den Saal verlassen. Ihre neuen Songs handeln nicht von großer Politik oder sonstigen weltverändernden Themen, sondern von alltäglichen Dingen, die uns allen immer wieder begegnen. Sie singt von Herz und Schmerz, von Glück und Liebe, von Beziehungsfrust, aber auch von Hoffnung und Zuversicht. Diese Texte, die wie auch alle Kompositionen aus ihrer eigenen Feder stammen, sind einzigartig. Eben keine wahnsinnig großen Worte, sondern eine warme und verständliche Sprache. Unterstützt von einer erstklassigen Begleitband, wurde es ein unvergesslicher Abend in einer wunderschönen Umgebung.

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Die Präsentation ihrer neuen CD "Gegen die Zeit" war also ein voller Erfolg, was sicher auch KATRIN LINDNER selbst so sehen wird, wenn sich die Anspannung des Abends gelegt haben wird. Ich denke, wir können uns auf ein sehr gelungenes Werk einer Künstlerin freuen, die noch lange nicht am Ende ihres Weges angekommen ist. Ja, ich bin sogar überzeugt, wenn die CD nach dem Mixen und Mastern auch nur annähernd so gut klingt wie deren Livepräsentation, wird das Ding ein Erfolg. Zumal - was mich freudig stimmt - auch noch eine Gitarre dazu kommt, die am Freitag auf der Bühne noch fehlte.

Abschließend ein persönliches Wort: Auch wenn KATRINs Devise nur zu verständlich ist, sich nicht an den alten Erfolgen messen zu lassen, sondern immer weiter nach vorne zu schauen und Neues zu präsentieren, so erfüllt sie ja vielleicht irgendwann bei einem der nächsten Konzerte meinen und auch den Wunsch vieler anderer Fans, doch noch mal einen ihrer Evergreens zu hören. Das hat nichts mit (N)Ostalgie zu tun, sondern ist der völlig normale Wunsch von Fans, die KATRIN LINDNER seit über 30 Jahren die Treue halten und sich eben auf Konzerten auch gerne mal an die Lieder erinnern, mit denen wir alle groß wurden. Beispielsweise "Abendträume" ist ein so zeitloser und erstklassiger Song, der sich auch heute noch problemlos in jedes Programm einfügen würde. Aber diese Entscheidung obliegt letztendlich KATRIN LINDNER selbst.

Vielen Dank für ein tolles Konzert!

 


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Bitte beachtet auch:
- Off. Homepage von Katrin Lindner: www.katrinlindner.de
- Off. Homepage von Sonny Thet: www.sonnythet.de
- Off. Homepage von Ronny Dehn: www.ronnydehn.com


   
   
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