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Bericht:
Wieland Meier,
Christian Reder

Fotos:
Wieland Meier


 

Die Gruppe TON STEINE SCHERBEN sind seit einiger Zeit in Kreuzberg zu sehen. Nicht leibhaftig, aber in einer Ausstellung, die mit "40 Jahre 'Keine Macht für Niemand'" überschrieben ist. Diese Ausstellung zeigt unter anderem Bilder der Fotografin Rita Kohmann, die die Band lange Zeit überall hin begleitet und mit ihr für einen längeren Zeitraum in deren Kommune am Tempelhofer Ufer gelebt hat. Wer diese Ausstellung in der Browse-Gallery am Marheinekeplatz 15 in Berlin gerne sehen möchte, muss sich beeilen. Am 22. September ist nämlich schon der letzte Tag und die letzte Gelegenheit dazu.
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40 Jahre ist es also schon her her, dass das Album "Keine Macht für Niemand" erschienen ist. Im Jahre 1972 veröffentlichte die Berliner Politrock-Band das Album, das heute Kultstatus besitzt, in Eigenregie. Dies wurde zum Anlass genommen, neben der oben erwähnten Ausstellung auch zwei Konzerte zu geben, bei der die Gruppe mit vielen Original-Musikern auf der Bühne zu sehen sein sollte. Als Location suchte man sich das Theater Tiyatrom in der Alten Jakobstra0e zu Berlin aus, und organisierte zwei Abende mit Talk und Musik.

Deutsche Mugge war am zweiten Abend (Dienstag, 18.09.2012) vor Ort. Das Theater fasst 280 Besucher, und am ersten Tag - so wurde uns berichtet - war der Laden brechend voll. Nicht nur der Innenraum soll mit interessierten Besuchern gefüllt gewesen sein, auch im Vorraum standen noch Besucher, die sich den Abend nicht entgehen lassen wollten. Das war am zweiten Abend nicht mehr so, es blieben einige Plätze frei.
Der erste Teil des Abends bestand aus einer Talkrunde. Zuerst waren Kai Sichtermann und R.P.S. Lanrue an der Reihe, und gaben bereitwillig Auskunft über ihre Zeit bei TON STEINE SCHERBEN. Anschließend kam auch Nikel Pallat zu Wort. Noch heute erinnern sich viele an Nikos Auftritt in einer Talkshow des WDR am 3. Dezember 1971, bei der er als Gast in der Sendung mit einer Axt einen Tisch zerlegte. Unnötig zu erwähnen, dass das für die damalige Zeit der Hammer überhaupt und ein Schock für die Konservativen war! Das Publikum im Tiyatrom Theater bekam ausreichend Gelegenheit, den Musikern Fragen zu stellen. Sebastian Eschenbach übernahm dabei die Moderation. So erfuhr das anwesende Publikum, dass die Band damals selten Geld hatte um sich richtig versorgen zu können. Da gab es dann schon abenteuerliche Mittel und Wege um an das zu kommen, was man brauchte. Die Band lebte damals in einer Kommune am Tempelhofer Ufer in Berlin. Ein Spaß wurde sich daraus gemacht, aus dem Fenster mit Katapulten auf Polizeiautos zu schießen. Die Musiker erzählten auch, dass es ihnen irgendwann zu eng in Berlin wurde. Als weiterer Grund kam hinzu, dass die Gruppe TON STEINE SCHERBEN sehr viel in Westdeutschland spielte, und die Musiker irgendwann die Schnauze von dem Stress an der DDR-Grenze voll hatten. Darum kaufte man sich für 53.000 Deutsche Mark einen verfallenen Bauernhof im nordfriesischen Fresenhagen. Natürlich hatten sie das Geld nicht locker in der Tasche, darum - so berichteten die Musiker - wurde der Hof über einen längeren Zeitraum mit 100-Mark-Scheinen abgestottert. Der Hof war abgelegen und weit weg vom nächsten Nachbarn. Er hatte somit auch den Vorteil gegenüber Berlin, dass man in Ruhe und vor allem laut Musik machen konnte. Diese Abgelegenheit hatte aber auch den Nachteil, dass man fernab der Technik war. Damals gab's noch keine Handys und ein Telefon war auf dem Hof nicht vorhanden. So mussten die Jungs einige Kilometer laufen, wenn sie mal telefonieren wollten, denn die nächste Zelle war sehr weit weg. Einer der Musiker warf ein, dass man aus kostengründen immer erst dann in Richtung Telefonzelle losging, dass man nicht vor 22:00 Uhr angekam. Damals gab's noch den Mondscheintarif und man musste ja auf den Pfennig achten. Gage gab es selten und nicht viel, wurde das anwesende Publikum aufgeklärt. Überhaupt hatte es die Band nicht leicht, denn kein Plattenlabel wollte sie wegen ihrer Texte unter Vertrag nehmen. Also musste man alles allein machen, was das enge Budget und den chronischen Geldmangel auch erklärt. Es gab viele weitere Geschichten und Anekdoten zu hören, z.B. über das sehr gute Verhältnis mit den Nachbarn in Fresenhagen. Aber alle Geschichten und Geschichtchen hier aufzuführen, würde den Rahmen sprengen, und die lockere und gelöste Stimmung lässt sich in einem Bericht leider auch nicht so richtig einfangen. Eine Gesprächsrunde wie diese muss man einfach selbst erleben. Unter'm Strich war das aber eine muntere und interessante Stunde, in der man viel über die Band erfahren konnte.

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Nun war es soweit: TON STEINE SCHERBEN war in dieser Besetzung schon lange nicht mehr auf der Bühne. Zum Jubiläum trafen sie sich also wieder und musizierten gemeinsam. Leider kann auch bei der großen Anzahl von Original-Musikern nicht von der Originalbesetzung die Rede sein, denn zum einen lebt Rio Reiser nicht mehr. Der Sänger und großartige Texter verstarb bereits Mitte der 90er; übrigens auf dem Hof in Fresenhagen. Ein weiterer Beweis für die Abgelegenheit dieses Hofes, denn der rettende Arzt konnte damals leider nicht schnell genug vor Ort sein, um Rios Leben noch zu retten. Zum anderen fehlte Schlagzeuger Funky K. Götzner, der kurz zuvor einen Herzinfarkt erlitten hatte. Auf diesem Wege die besten Genesungswünsche an Funky vom Team der Deutschen Mugge. Am Schlagzeug nahm deshalb der Neffe von R.P.S. Lanrue Platz und vertrat den etatmäßigen Drummer. Soviel vorab: Maxime Praker, so heißt der junge Mann, machte einen guten Job. Überhaupt schien es zu einem Familientreffen der Lanrues zu werden, denn als zusätzliche Sängerin hatte man Josie Ebsen, die Tochter des Gitarristen, mit ins Boot geholt. Sie kennt man u.a. auch von Auftritten der Scherben Family, zu deren Besetzung sie gehört. Josie teilte sich den Gesangspart mit Nikel Pallat und dem 17-jährigen Nico Rovera. Außerdem standen Gründungsmitglied R.P.S. Lanrue als erster Gitarrist und Marco Schmedtje an der zeiten Gitarre auf der Bühne. Den Bass bearbeitete Gründungsmitglied Kai Sichtermann und am Keyboard war Johannes Binder zu erleben.

Das Konzert, das aus fast allen Songs der Doppel-LP "Keine Macht für niemand" bestand, wurde mit dem Song "Wir müssen hier raus", gesungen von der jungen Josie Ebsen, eröffnet. Direkt im Anschluss hatte Nikel Pallat seinen ersten Auftritt. Er sang die Songs "Feierabend" und "Paul Panzers Blues". Nun kam die Zeit für den dritten Sänger, Nico Rovera. Mit "Die letzte Schlacht gewinnen wir", "Allein machen sie Dich ein" und "Schritt für Schritt ins Paradies" hatte er einen Block mit drei Songs, und konnte nicht nur mit seiner Stimme, sondern auch mit einer großartigen Bühnenpräsenz beeindrucken. Danach machte die Band TON STEINE SCHERBEN Platz für das Original Oberkreuzberger Nasenflötenorchester, kurz OKNFO. Dieses spaßige Kollektiv interpretierte die Songs "Rauch-Haus-Song" und "Mensch Meier" auf ihre eigene Art. Den Gesang übernahm bei ihrem Auftritt das Publikum, die zur Unterstützung die Texte der Songs über eine Videoleinwand eingespielt bekamen.

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Dann wurde es wieder Zeit für weitere Songs, interpretiert von TON STEINE SCHERBEN. Nico Rovera sang die folgenden drei Songs "Der Traum ist aus", "Keine macht für niemand" und "Komm schlaf bei mir". Erneut machte der Junge seine Sache sehr gut. Überhaupt sei angemerkt, dass die Band insgesamt eine sehr gute Figur machte. Man merkte ihr die lange Abstinenz gar nicht an, und alte Abläufe schienen auch über viele Jahre hinweg noch zu funktionieren. Jeder der Musiker bekam außerdem ausreichend Gelegenheit, sein Können unter Beweis zu stellen.

Für die letzten drei Lieder waren wieder die Gesangskünste von Nikel Pallat ("Guten Morgen") und Josie Ebsen ("Jenseits von Eden", "Bist Du's") gefragt. Sie heizten dem Auditorium nochmal richtig ein, bevor das Konzert mit "Bist Du's" seinen Abschluss finden sollte. Das Publikum war begeistert und holte sich die Band mit ihrem Applaus für eine Zugabe zurück auf die Bühne. Noch einmal durfte der junge Sänger Nico Rovera ran und brachte den Klassiker "Mein Name ist Mensch" in einer erstklassigen Version über die Rampe. Danach war endgültig Feierabend, aber das Publikum stand noch völlig unter Strom. Minutenlang und lautstark sang es "Schmeißt doch endlich Schmidt und Press und Mosch aus Kreuzberg raus". Eine Atmosphäre mit Gänsehaut-Charakter!

Glück hatte, wer TON STEINE SCHERBEN in dieser Besetzung, insbesondere mit dem großarigen R.P.S. Lanrue, live auf der Bühne erleben konnte. Dies gab es nur an diesen zwei Tagen, denn danach gehen die Jungs und Mädels wieder ihre eigenen Wege. Einige der Protagonisten des Montag und Dienstag kann man aber zusammen bei der Scherben Family erleben, wenn sie mal irgendwo live zu sehen ist.
Alles in allem war das Konzert ein echtes Erlebnis. Bei all der erstklassigen Arbeit der beiden Sänger und der Sängerin fehlte einer aber trotzdem sehr: Rio Reiser. Viele der Scherben-Songs verbindet man einfach mit ihm, seiner Stimme und seiner Art, wie er den Raum für sich einzunehmen vermochte.

 


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Bitte beachtet auch:
- Off. Homepage der Scherben Family: www.scherbenfamily.de
- Homepage der David Volksmund Produktion: www.tonsteinescherben.de

 


 

Live-Impressionen:
 
 

   
   
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