a 20121208 1287285539Bericht:
Hartmut Helms

Fotos:
Hartmut Helms

 

Sterne funkeln über
und rocken in Munzig

Die Luft draußen ist jetzt kalt und klar, wie das Wasser eines Bergsees. Man hat eine Weitsicht, von der man im Hochsommer, bei schwül-warmer Luft, wie im August vergangenen Jahres, nur träumen kann. Damals erlebte ich die STERN-COMBO-MEISSEN gemeinsam mit Tausenden auf dem großen Platz vor der Semper-Oper in Dresden, und wir hatten auch wolkenlosen Himmel über der Stadt. Heute zeigt die Armatur satte 12° Celsius unter Null, der Nikolaustag ist vorüber und draußen ist es zusätzlich stockdunkel. Nichts da, von wegen gute Sicht. Mein Fahrersitz ist außerdem sehr kalt, das Lenkrad tiefgekühlt und gleich werden die Scheiben beschlagen. Den Motor starten und dann auf die Piste in Richtung Munzig, über die Hügel bis zur Elbe, durch Meissen hindurch und in Schlangenlinien der Straße und den Baustellen folgen. Ein wenig von Aberwitz hat das Ganze, gar keine Frage.

Als ich im Juli 2008 den Komponisten und Keyboarder WOLFGANG SCHEFFLER wieder traf, konnte ich nicht ahnen, dass ich dadurch auch den jungen Musiker MANUEL SCHMID kennen lernen würde. Wir beide haben eine Liebe zur Musik von LIFT und darüber tauschten wir uns aus, telefonierten auch miteinander und trafen uns dann zufällig in Berlin, um - gemeinsam mit anderen -, FRANZ BARTZSCH zu gedenken. Manuel mal als Frontmann der Meißner Sterne singend und agierend zu erleben, hätte ich damals als Botschaft aus einem anderen Universum verlacht. Inzwischen kennt die Botschaft fast ein jeder Mann und mich treibt sie bibbernd in die arschkalte Nacht hinaus.

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Vor das Funkeln der Sterne hat ein Musikliebhaber handgemachte deftige Musik mit Wurzeln in den Südstaaten Amerikas platziert. COLBINGER sind drei junge Männer um den Gitarristen und Sänger gleichen Namens, denen man die Liebe zu dieser rockenden Mischung Blues, Bluesgrass und alten Rock'n'Roll, in der sich bei COLBINGER auch Facetten von Funk und Soul finden, anmerkt. Die aufstrebende Band aus Leipzig präsentiert ihre Musik mit eigenen Inhalten, in denen sich die Suche der Menschen nach ihrem Platz im Leben spiegelt. Zwischen "It Ain't No Easy" und "King Without Crown" finden sich Zeilen voller Metaphern auf das Suchen des Menschen nach seinem Platz im Leben, gepaart mit der pulsierenden Kraft der Musik einer Akustikgitarre und einer treibenden Rhythmus-Sektion von Bass und Drums. Das Trio ist mehr als nur ein Support, wenn auch sicher so mancher im Saal mit englischen Lyrics aus autobiografischen Splittern nicht viel anzufangen wusste. Vielleicht aber lag es auch daran, dass es für diese Art Musik (zum Glück) schwer fällt, die passende Schublade zu finden. Zumal es sie gar nicht gibt.

Die Balken und Bühnenbretter im Kulturhaus von Munzig sind alt. Auf Ihnen haben viele gestanden und Lieder gesungen, deren Namen damals kaum einer kannte und die man heute mit viel Respekt ausspricht. Manch einer, der heute Abend gekommen ist, um die STERN-COMBO MEISSEN zu erleben, kann noch das Echo der Beat-Ära im Raum vernehmen. Munzig atmet Geschichte, mindestens 50 Jahre, und so mancher könnte sie erzählen. Und während ich mir darüber Gedanken mache, erfüllen vielschichtige Keyboard-Klänge den altehrwürdigen Saal, verweben sich zur Melodie von "TNTK" und noch einmal wallen die Erinnerungen. Diesmal an die WABE in Berlin, wo dieses schöne Instrumental seine Premiere erlebte.

Und dann steht er da oben vor mir, so völlig anders, als alle gewohnten Bilder vorher - wieder einmal. Nichts ist so beständig, wie die Veränderung! Klar erklingt da eine andere Stimme, jung, hell und so anders, aber am Sound der "Sage" hat sich für mich nichts geändert. Noch immer krachen die Akkorde satt und voll, noch immer umspielt sie der Synthesizer und eine markante Stimme weiß die Geschichte von Gier und Macht zu erzählen. Willkommen bei der STERN-COMBO MEISSEN mit dem Gesicht von MANUEL SCHMID am Mikrofon.

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Dem gelingt es mit seiner Interpretation der Klassiker, Begeisterung zu wecken und als er singt, "Sag' mir, für wen verzaubern die Sterne die Nacht", weiß ich, dass "Ein Tag, ein Jahr, ein Leben" auch weiter live bestehen wird. MANUEL macht das auf seine Art und treffsicher die Noten mit Leben erfüllend. Zum ersten Mal genieße ich "Die Zeder von Jerusalem" live. Da stehen der "Alte", der aus seinem Stammbaum singt, und der "Jüngling" nebeneinander, als wäre es schon immer so, und ich bin mir nicht sicher, ob die "da unten im brennenden Süden" sich alle auch ähnliche Gedanken machen, wie sie der Text meint, und wenn ja, WARUM dann so viel Hass aufeinander?? Rockmusik ist schmerzhaften Fragen noch nie ausgewichen und das ist gut so! Manchmal wünschte ich mir, sie möge auch ändern können.

Natürlich gehe ich auch zur STERN-COMBO MEISSEN, um den Zeiten des Art-Rock nachzuhängen. Ein wenig zumindest. Kompositionen wie "Die Nacht auf dem Kahlen Berge" presst heute keiner mehr in digitale Codes und deshalb habe ich es genossen, die Hexen im giftig grünen und kalten blauen Licht der Spots auf der kleinen Bühne mir tanzend vorzustellen. Es ist noch immer ein Genuss, die Wucht von Drums und Bass im Bauch zu spüren, den Tasten zu folgen und dann endlich "Steig' empor, neuer Tag" mit den ersten hellen Glockenschlägen des Morgens zu genießen. Ein wenig Nostalgie muss sein und dazu gehört auch das wärmenden Zirpen von Vivaldis "Der Frühling". Meine Auge wandern noch immer staunend und genießend zwischen den beiden Keyboardern, links und rechts am Bühnenrand, hin und her und die Ohren bewundern das harmonische Miteinander.

Für mich ist MARTIN SCHREIER noch immer derjenige, der die Sternengeschichte von Beginn an in die Rockanalen eingetragen hat und wenn er dort oben steht und davon singend fragt, "Aber was aus mir werden soll", dann sehe ich zwei Antworten vor mir: Seine Haarfarbe ist der meinen nicht unähnlich und beide blicken wir zurück auf 48 Jahre STERN COMBO. Er, der Leader und Unruhegeist, der andere der Liebhaber und Beobachter. Beide sind wir in die Jahre gekommen und wenn ich die Band jetzt erlebe, dann geschieht das sicher auf beiden Seiten mit Stolz.

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Ich lasse mich zum wiederholten Male auf die Böttger-Saga "Weißes Gold" ein, folge den Klängen der Tasten und nehme den stampfenden Rhythmus des Chores mit dem Körper auf. Das unscheinbare Vokal-Intermezzo, das MANUEL meistert, genieße ich mit einem Lächeln und weiß, jetzt bleibt alles anders und der Blick ist nach vorn gerichtet. Die Mischung aus bewährten Klassikern und den Songs der neuen CD spiegelt gleichzeitig auch den Spannungsbogen wider, auf dem die Band sich bewegt. Die beiden Wiederkehrer Axel und Sebi nehmen den Neuling Manuel emotional in ihre Mitte und siehe da, es funktioniert neben den "ganz" alten Musikanten. Mir scheint die Band homogen, wenngleich nicht perfekt und ich hoffe, das will auch keiner.

Wer es zwischendurch noch nicht bemerkt haben sollte, beim "Kampf um den Südpol" jagt der Mixer den Sound in Quadrophonie durch den Saal. Es faucht, weht und knistert rings umher und dann stampft die Adaption einer Motown-Bass-Figur durch den Raum, die noch immer an den "Papa, der ein Herumtreiber war", erinnert, aber bei der STERN-COMBO MEISSEN eine Hommage an Amundsen und Scott wurde. Inzwischen erlebt der Song mit Manuel den vierten Sänger und ich kann nichts finden, das ihn schlechter machen würde. Der macht sich auch "Wir sind die Sonne" und "Eine Nacht" zu eigen und begeistert damit ganz augenscheinlich das lauschende, aber auch tanzende Publikum.

Sicher hatte jeder zu Beginn seine ganz eigene Erwartungshaltung und auch ich war nicht ganz frei davon. Wenn man allerdings die Geschichte der STERN-COMBO MEISSEN kennt, dann weiß man auch um die gewollten und ungewollten Veränderungen seit Jahrzehnten. Ob das aktuelle Line-Up endgültig wird, wage ich zu bezweifeln, denn es sieht ganz danach aus, dass sich eher eine neue Tür geöffnet hat und die neue Räume dahinter erst noch ausgestaltet werden müssen. Der Neue bringt genug an eigenem Potential mit, sich einzubringen. Es war erst sein viertes Konzert mit der Band. Ich bin auf die Kommentare nach dem 40. Konzert gespannt und darauf, wie "Der weite Weg" bis dahin verlaufen wird, denn die "Lebensuhr" der Combo ist noch lange nicht abgelaufen und die Sterne funkeln weiter, wie ich bei der Fahrt über die von tausenden Eiskristallen glitzernden Straßen sah.


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Die nächsten Live-Termine:
15.12.2012 - Berlin - Postbahnhof (Sachsendreier)
27.12.2012 - Oelsnitz/Erzg. - Stadthalle (Stern-Combo & Gipsy
26.01.2013 - Berlin - Neu Helgoland (Stern-Combo in Quadrofonie!!)
31.03.2013 - Bad Elster - König Albert Theater (Stern-Combo)
05.07.2013 - Senftenberg - Amphitheater (Stern-Combo)
nähere Infos und weitere Termine auf der bandeigenen Homepage

Bitte beachtet auch:
- Homepage der STERN-COMBO MEISSEN: www.stern-combo-meissen.com
- Homepage von MANUEL SCHMID: www.manuel-schmid.com
- Homepage von COLBINGER: www.colbinger.com


 
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Live-Impressionen:

 

 

   
   
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