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Bericht:
Fred Heiduk
Fotos:
Sebastian Ziegert,
Matthias Ziegert

Am 26. Oktober 2012 hatte man in Leipzig die Qual der Wahl. Großevent oder Clubmugge? Ein paar Menschen, meist leicht angegraute Musikfreunde, zog es in die Arena, Leipzigs größte Veranstaltungshalle. Dort erwarteten sie die alteingesessenen Protagonisten des Ostrock, aufgepeppt mit ein, zwei Bands, die vor Jahr und Tag als frech und innovativ gelten konnten, um sie mit Klassikern des Genres Ostrock wie z.B. "Alt wie ein Baum", "Über 7 Brücken" oder "Am Fenster" zu unterhalten. Obwohl sozusagen das Hitpotpouri leicht abgegriffen und sicher nicht jedermanns Sache ist, waren zumindest die Eintrittspreise dafür durchaus beachtlich.
 
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Gut, dass Leipzig an diesem Abend ein paar Alternativen bot. So unter anderem ein Konzert im "Tonellis", einer - vielleicht sogar DER - Musikkneipe in Leipzigs Innenstadt, wo eine Band auftreten sollte, die ich schon seit geraumer Zeit einmal live erleben wollte: TOXIC SMILE.
 
Das ist die Band um Marek Arnold, Larry B. und Robert Brenner - den ehemaligen Meißener Sternen - in der sich die drei gemeinsam mit Uwe Reinholz (Gitarre) und Robert Eisfeld (Schlagzeug) dem progressiven Rock verschrieben haben und schon vor ihrer Sterne-Zeit auf mehreren CDs zu überzeugen wussten. So wunderte es mich nicht, dass es knapp 100 zumeist recht junge Leute ins "Tonelli's" zog, womit der Club rappelvoll war.
 
Bevor das Konzert begann, blieb noch etwas Zeit für ein freundliches Hallo hier und da, sowie ein paar Gespräche. Larry B. betrat gegen 21:30 Uhr die Bühne, begrüßte sichtlich gut gelaunt das Publikum und kündigte die Gruppe ZELINKA als Vorband an. Mir war diese Band bis dahin nicht bekannt und ich fragte mich - was für Musik macht eine Band mit einem so östlich klingendem Namen? Auf Folklore und Ethno hatte ich so gar keine Lust. Meine Befürchtungen wurden mit den ersten Tönen zerstreut.
 
Das erste was ich zu hören bekam, war ein sonorer Basslauf, zu dem sich ein paar tolle, krachende E-Gitarren-Akkorde gesellten, was versprach - ZELINKA macht lupenreinen Rock allerbester Güte. Während man sich in der Arena beim klassischen Ostrock vermutlich mit den 1000 Mal gehörten Weisen berieseln lassen musste, ging es im "Tonelli's" richtig zur Sache. Es wurde ein musikalisches Feuerwerk abgebrannt, das seinesgleichen sucht. ZELINKA zelebrierte kraftvoll exzellenten Rock, immer wieder inspiriert von Rock'n Roll, Blues und Jazz. Stromgitarrenmusik der Extraklasse! Verantwortlich dafür zeichneten nur drei Herren. Ein Schlagzeug, ein Bass und eine Gitarre - ganz in der Tradition der Jimi Hendrix Experience - nicht nur der Besetzung der Band nach. ZELINKA, das sind der Gitarrist Bernd "Fleischmann" Fleischer, der u.a. bei ZOE, Berluc und Factory of Art spielte, der Bassist Torsten Großmann und der Schlagzeuger Kay Rohr, alle drei keine heurigen Hasen. Und das hörte man.
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Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen, was da von der Bühne kam. Schon das Intro ließ keine Fragen offen und zog schlagartig jeden der Besucher in den Bann der Musik ZELINKAs. Die Band zeigte einmal mehr, wie einfach es im Grunde ist, gute Musik zu machen. Entsprechend der alten Schule wird über die Bassline ein eingängiges, musikalisches Motiv gelegt, das in verschiedenster Form variiert wird - mal hoch, mal tief, mal schnell, mal langsam, hier und da im Tempo verändert. Das ergibt, wenn es so gut gemacht ist wie bei ZELINKA eingängige, mitreißende Musik. Dazu der passende Rhythmus, den das Schlagzeug vorgibt, das zudem noch ein paar eigene Töne zum Bandsound beisteuert, und es entsteht ein runder Titel, der sofort ins Ohr geht. "Fleischmann" zog bereits im ersten Titel alle Register. Das erinnerte durchaus an die ganz großen Namen an der E-Gitarre und ihre großen Auftritte. Und es war bereits bei diesem ersten Stück zu hören, wie brillant das Zusammenspiel der drei Musiker ist. Großmann am Bass zupfte und schlug sein Instrument, dass es einem den Atem verschlug, welche Töne und Läufe er da hervorbrachte. Immer als Basis für "Fleischmanns" unglaublich virtuoses Spiel und dennoch sehr frei und eigenständig. Stellenweise hatte man den Eindruck, Großmann spielt geradezu Melodiegitarre auf seinem Bass als Ergänzung zu Fleischmanns Leadgitarre, der immer wieder ein wenig zu improvisieren schien. Das ganze wurde vom Schlagzeug Kay Rohrs in den richtigen Rhythmus gebracht und zusammengehalten, wobei er seinem Instrument geradezu unglaubliche Tonfolgen entlockte und so den vollen Sound abrundete. Was die drei zeigten war von Beginn an ganz großes Kino.
 
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War das erste Stück relativ tief röhrend, rockig und von einem stampfenden Rhythmus geprägt, wirkte das zweite geradezu leicht. Es wurde deutlich höher gespielte und war melodisch noch abwechslungsreicher aufgebaut als das erste. Mal wurden einzelne Töne lang gehalten, dann gab es einen Lauf über den Gitarrenhals, bei dem sich "Fleischmann" eigentlich hätte die Finger verknoten müssen, so schnell und kurz waren die einzelnen Töne zu greifen. Das passierte aber nicht. Vielmehr brach er die gespielten Motive wieder und ließ sein Instrument mal kreischen, mal wisperte die Gitarre geradezu, um schließlich im dritten Stück irgendwann mal wie eine Balalaika zu klingen. Wer einmal erleben möchte, was für Töne und Effekte man mit einer Gitarre erzeugen kann - ZELINKA ist dafür genau die richtige Adresse.
 
Ich weiss nicht, ob und wie weit die Titel Eigenkompositionen waren. Ich glaubte hier und da mal Motive und Melodieteile erkannt zu haben, die ich schon anderswo mal gehört zu haben meinte, aber ich könnte nicht einen "Fremdtitel" benennen. Und im Grunde wäre das auch egal, denn so wie die einzelnen Stücke gespielt wurden, waren sie einmalig. Bei so manchem Stück bin ich der Meinung, dass es so nie wieder klingen wird, da die Band gefühlt sehr frei mit ihrem Songmaterial umging und jeder der drei Musiker viel Raum hatte, den eigentlichen Melodien seinen ganz speziellen Teil mitzugeben.
 
ZELINKA, das war Spielfreude pur, gepaart mit höchstem Können. Ein Hochgenuss für die Ohren, den ich jedem Musikfreund der gepflegte Stromgitarren nur wärmstens ans Herz legen kann. Die Band spielte etwa eine Stunde, die wie nichts verflog. Dabei waren sie so gut, dass wohl nicht nur ich mir dachte, dass sich TOXIC SMILE anschließne aber richtig ins Zeug legen musste...
 
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Das Publikum war bestens gelaunt und fieberte dem TOXIC SMILE-Auftritt entgegen. In der Umbaupause betrat ein Leipziger Musiker die Bühne, um die Anwesenden zu einem Konzert am 16. Dezember in den Anker in Leipzig einzuladen, wo die Leipziger Musiker für einen schwer erkrankten Kollegen, Jo Winter, ein gemeinsames Benefizkonzert geben werden.
 
Gegen 22:45 Uhr begann dann der TOXIC SMILE-Teil des Abends. Zu meiner Überraschung schloss die Band geradezu nahtlos an den Rock ZELINKAs an. Zu einem stampfendem Beat, getragen von Bass und Gitarre, gesellten sich das Schlagzeug und schließlich Mareks Keyboards, die nach und nach den Titel dominierten. Genau dahinein setzte Larry mit seiner unverkennbaren Stimme ein. Musikalisch einfach gut gemacht. Während Larry ein paar Töne brauchte, um richtig in Fahrt zu kommen, brillierte im ersten Stück vor allem Marek mit einem fulminanten Solopart an den Tasten, der mich schwer an John Lord erinnerte. Nicht, dass da auch nur entfernt eine Ähnlichkeit mit einem seiner Stücke zu erkennen gewesen wäre. Nein! Die Art und Weise, wie er diesen Part spielte, der Klang seiner Instrumente, das erinnerte mich an Lord. Hier und da hörte man klassische Kompositionslehre gespickt mit Rockakkorden.
 
Das Repertoire der Band ist aber nicht nur auf ein Soundschema begrenzt. War das erste Stück eine Rocknummer, in die Soul und jazzlastige Elemente eingearbeitet waren, zeigte die Band im folgenden Titel, wie musikalisch vielseitig sie ist. Beim ruhigeren, verhalteneren und sehr lyrischen Stück "Pride and Joy" zeigte die Band, dass sie auch leise Töne anschlagen kann, und Larry brillierte mit einem stark zurückgenommenen Gesangspart. Das hat was souliges. Besonders imposant war allerdings die Steigerung der musikalischen Spannung zum Ende des Stücks. Da gab es ein richtiges, fulminantes Finale, in dem jedes Instrument voll eingesetzt wurde und Larry noch einmal richtig Druck in seine Stimme legen musste, um gegen die volle Band gesanglich zu bestehen. Es wunderte mich nicht, dass es hier Szenenapplaus gab, denn das konnte niemanden unberührt lassen. Dass die Musiker richtig Spaß bei dem hatten was sie machten, war hier auch zu erleben. Sie improvisierten zum Ende des Stücks ein wenig, so dass der Schlussakkord etwa eine Minute hinausgezögert wurde. Natürlich hatte auch das Publikum Spaß daran zu erleben, was sich mal dieser mal jener einfallen ließ, um den Schlusston hinauszuzögern.
 
 
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Waren die älteren Titel zu Beginn des Konzerts klar und deutlich dem Progressiv Rock zuzuordnen, stellte TOXIC SMILE später drei neue Titel vor, die wesentlich rockiger sind. Das klang einfach toll, was die fünf Musiker da für ihr neues Album vorbereiten.
Der erste der neuen Songs startete mit einem wahren Gitarrengewitter und einem unglaublich treibenden Schlagzeug. Larrys Gesang, der dann einsetzte, war derart stimmig zum Sound der Instrumente, dass man Gänsehaut bekommen konnte. Obwohl das Stück eine ruhigere, aber nichts desto Trotz brettharte Rocknummer war, war es mit einem Mal vergleichsweise still im "Tonelli's". Die Leute lauschten Larrys ungemein gefühlvollem Gesang. Die Spannung die sich dabei aufbaute, entlud sich in ohrenbetäubendem Applaus. Zu Recht! Ein wirklich großer Song. Beim zweiten neuen Lied, das prinzipiell ebenfalls recht rocklastig beginnt, beeindruckte mich vor allem der Wechsel zwischen den rockigen Strophen und dem geradezu balladesken, lyrischen Refrain, der mit einer wunderschönen, sehr eingängigen, weichen Melodie daherkommt. Der Übergang, die Bridge ist Klasse, und der Refrain hat melodisch das Zeug zum Hit. Es ist einfach immer wieder verblüffend, was sich die Band musikalisch so einfallen lässt. Schon von daher darf man auf die für das nächste Jahr angekündigte neue CD mit Fug und Recht gespannt sein. Die drei vorgestellten Titel zeigten, dass die Band nicht stehengeblieben ist, sondern ihren Sound interessant weiterentwickelt hat.
 
An die neuen Stücke schlossen sich noch einmal zwei ältere Werke der Band an. Da war zunächst "Could it be" von ihrer ersten CD, bei dem Marek zum Sopransaxophon griff. Bei dem Stück lässt sich sehr schön heraushören, dass die Band ihrem Stil treu geblieben ist. Ausgehend von einem eingängigem Motiv, das vielfach variiert wird, entwickelt sich ein sehr melodiöser aber keinesfalls gleichförmig langweiliger Song. Vielmehr wird über Tempo- und Stilwechsel eine ungeheure Dynamik in den Song getragen. Etwas was alle gespielten Titel mehr oder weniger auszeichnete - sie waren immer durchkomponiert. Ein besonderer Moment war der Satzgesang zwischen Robert und Larry im Refrain. Wenn auch nur wenige Töne, zeigte es sich doch, dass die beiden Stimmen wunderbar harmonieren, und dass Robert eine ausgezeichnete Gesangsstimme hat. In diesem sehr hoch angelegten Titel gab es allerdings auch den einzigen Kritikpunkt, den ich ansprechen würde. Zum Ende des Titels wird die Melodie im Refrain noch einmal nach oben gezogen. Hier stieß zumindest an diesem Abend Larry deutlich an seine Grenzen. Das klang dünn, etwas piepsig und nicht wirklich gut.
 
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Ganz anders der letzte Song des Abends "Saviour" - der Retter. Das Lied scheint speziell für Larry geschrieben. Hier konnte er noch einmal seine volle Tenorstimme mit dem leichten Vibrato bei langen Tönen richtig präsentieren. Einfach grandios! Eine recht einfache Melodie, tolles Wechselspiel der Instrumente mit der Stimme, fertig ist ein richtig guter Song... wenn man denn in der Lage ist, sowas zu schreiben und musikalisch umzusetzen. TOXIC SMILE können das. Und sie zeigten es an diesem Freitagabend. Gerade das letzte Stück hatte Passagen, die es mit jedem Klassiker des Rock aufnehmen können.
 
TOXIC SMILE, das ist speziell auch beim letzten Titel ein beseelter Robert Brenner am Bass, der seine Musik mit jeder Faser zu leben und umzusetzen scheint, neben einem zu Unrecht etwas zurückhaltenden, unscheinbaren aber handwerklich fantastischem Gitarristen Uwe Reinholz, der völlig unaufgeregt die wildesten Riffs und Läufe spielt, als wäre das das selbstverständlichste überhaupt.
Ob man in der Arena ebenso viel Spaß und Stimmung wie im "Tonelli's" hatte, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ZELINKA und TOXIC SMILE über etwa 3 Stunden ganz und gar keine Langweile aufkommen ließen, ihrem Publikum richtig einheizten und im "Tonelli's" niemand auch nur einen Gedanken an das Großevent in der Arena verschwendete. Zudem behaupte ich, dass sowohl ZELINKA als auch TOXIC SMILE Musik geboten haben, die live zu spielen ein Teil der Bands in der Arena nicht mehr in der Lage ist. Für mich war das ein richtig tolles Konzerterlebnis mit einer geballten Ladung Rock, wie ich ihn schon eine ganze Weile nicht mehr so gelungen erleben durfte.
 

 
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Live-Impressionen:

Vorprogramm: ZELINKA
 
TOXIC SMILE
 
weitere Fotos von Karla Kotzsch: HIER klicken...

   
   
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