000 20130401 1951384079

Bericht: Hartmut Helms

Fotos: Hartmut Helms


Blume, Boogie Woogie & Jazz im Dixiebahnhof Weixdorf
Es war der Sommer 1982 und Stefan Diestelmann zum zweiten Mal unser Gast. Er spielte ein Konzert auf dem Postplatz in Elsterwerda. Dort hatte ein übereifriger Bürgermeister eine klobige Betonbühne hinsetzen lassen und die Gestaltung der verputzten Rückwand Kunst genannt. Auf diesem riesigen Klotz agierten Diestelmann und sein Piano-Begleiter ALEXANDER BLUME und bretterten von dort ein saftiges Blues- und Boogie-Woogie Konzert in Richtung Stadtmitte. Wir saßen vor ihnen im Gras und anschließend alle gemeinsam in der "STUBE", um bis in die Nacht hinein frohes Jugendleben nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Damals haben wir Alexander gefragt, ob er denn nicht Lust hätte, auch mal solistisch unser Klavier zu beackern und so kam es, dass er im Laufe der Jahre noch mehrmals und in verschiedenen Konstellation, solo oder mit der INTERCITY BLUESBAND, bei uns bis in die Nacht am Boogie Woogie-Klavier saß und spielte.

b 20130401 1704774648

Seitdem Anfang der 90er in der originalen "STUBE" die letzten Live-Töne verklungen sind, ist viel Zeit vergangen und erst durch das Stöbern in meiner eigenen Vergangenheit bin ich auch wieder auf ALEXANDER gestoßen. Lange 15 Jahre Live-Abstinenz hatten auch bei mir Spuren hinterlassen. Als dann die paar Fotos vom Postplatz 1982 mit dem Diestelmann-Konzert wieder vor mir lagen, wusste ich, es wird auch wieder einen Konzertbesuch bei ALEXANDER BLUME geben, wenn sich die Gelegenheit dafür ergeben würde. Das ist nun, mitten im April 2011, schneller, als ich mir hätte vorstellen können, passiert.

Es hat schon eine gewisse Symbolkraft, den "Boogie-Woogie-Mann" an einem Ort wieder zu treffen und zu erleben, den seine Betreiber die Marke Dixieland verpasst haben. Diese alte Bahnstation im Norden Dresdens erinnert mich mit ihrem Programm und der liebevollen Ausstattung irgendwie an "meine STUBE" in Elsterwerda. Der Dixiebahnhof in Weixdorf ist ein richtiges Kleinod und außerdem eine Oase der Kleinkunst und deren Liebhaber. Ich hätte diesen Ort schon viel früher entdecken sollen.

In dieser Freitagsabendstunde ist der Raum gut gefüllt, doch mein Freund Zufall hatte einen guten Platz in der ersten Reihe für mich aufgehoben. Früher saß ich des Klanges und der Übersicht wegen am liebsten auf einem Mittelplatz, heute bevorzuge ich die erste Reihe, um mehr Details erhaschen zu können. Direkt vor mir steht das von seiner Holzverkleidung befreite Klavier, so dass man in das Innenleben und einem der besten Boogie- und Jazz-Pianisten Deutschlands auf die flinken Finger sehen kann. Auf diese Weise kann ich dem beinahe 50-jährigen schon beim ersten deftigen Boogie beobachten und mir den letzten Rest Verklemmtheit der vergangenen Woche aus den Gliedern klopfen lassen. Der jüngere Blume, Sohn MAXIMILIAN, hinter seinem Schlagzeug vervollständigt das DUO BLUME, das von nun an locker zwischen Boogie und Jazz á la "On The Sunny Side" pendelt. MAX agiert hinter seinem Set meist locker und mit geschlossenen Augen, treibt den Pianisten ab und an ein wenig, um ihm dann viel Freiraum für seine Improvisationen auf den Tasten zu lassen.
Es macht richtig Vergnügen, die beiden Herren Blume bei ihrem Spiel zu beobachten, den Rhythmus und die Spielfreude zu genießen. Spätestens beim alten "Stormy Monday Blues", den ALEXANDER am Klavier sitzend singt, haben mich die Erinnerungen eingeholt und ich meine mit geschlossenen Augen die Stimme von Stefan Diestelmann zu hören. Wo, verdammt noch mal, mag der wohl jetzt sein...?

Zwischen den Stücken wendet sich der Pianist uns zu, um die kleinen Geschichten aus dem Alltag eines Musikanten zu erzählen. Von auf- und anregenden Reisen nach New Orleans, Baltimore, Vilnius, Prag, Warschau und (!) Eisenach ist die Rede. Von einem Trommelfell, das diese Reise mitgemacht hat und von Max gehütet wird, auch und weil er später mal ein neues Schlagzeug spielen möchte. Wir hören die traurige Story von dem begnadeten Piano-Player Clarence Pinetop Smith, der doch tatsächlich an seinem Instrument sitzend, versehentlich erschossen wurde. c 20130401 1968846637Die USA sind in jeder Hinsicht das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ihm zu Ehren und zur Erinnerung spielen die beiden "Pinetop's Blues", um uns anschließend von Alexander mit einer solistischen Tempoeinlage wieder in die Gegenwart reißen zu lassen. "Sweet Home Chicago" ist noch so eine alte Blues-Nummer aus den 30er Jahren, die im Laufe der Zeit zur heimlichen Hymne der Stadt Chicago avancierte. Es gibt sie in vielen verschiedenen Versionen. Die beiden Blume(n) sangen uns die ihre, verbreiteten richtig Stimmung und verleiteten uns außerdem zum Mitsingen: "Come on, Baby, don't you wonna go... sweet home Chicago".

Wie spontan Musiker sein können, zeigt sich wenige Augenblicke später. Für eine Freundin der beiden, die für diesen Abend nach Weixdorf gekommen ist, erklingt von den Beatles das oft gecoverte "With A Little Help From My Friends" und ich staune nicht schlecht, wie der junge Blume das Teil auf seine ganz eigene Art singt und Alexander darunter ein vom Jazz angehauchtes Piano legt. Der Beatles-Fan in mir ist schlicht begeistert und singt leise, den Touch vom Piano aufnehmend, mit. Da habt ihr mir so nebenbei auch einen Gefallen getan.

Noch einmal erzählen beide von ihren Reisen. Diesmal davon, was sie im arabischen Jordanien erlebten, einem streng muslimischen Land, in dem Boogie Woogie und Jazz beinahe unbekannt sind. Hier unterstützt der Musiker und die von ihm geleitete Musikschule eine private Blindenschule und das Projekt einer integrativen Werkstatt, in der blinde und sehende Kinder gemeinsam für ihre Zukunft lernen können. Solche privaten Vorhaben werden in Jordanien nicht staatlich gefördert und brauchen deshalb die Hilfe durch Spenden. Alexander Blume steht dafür, dass diese gespendeten Gelder auch tatsächlich von ihm persönlich übergeben werden. Auch von mir ist ein kleiner Schein in den Hut gewandert.*
Mit viel Wärme erfahren wir von der herzlichen Gastfreundschaft der Menschen dort und davon, was man bei einem Jazz-Konzert vor 150 Kindern alles erleben kann. Es waren wohl die ersten Autogramme, die Maximilian jungen Mädchen in Jordanien auf den Unterarm schrieb.

Dann gibt's Vollgas auf Tasten, Becken und Fell. "Hit The Road Jack (Don't You Come Back No More, No More)" ist wohl einer jener Klassiker, der in der Version von Ray Charles Stil prägenden Einfluss auf die moderne Pop- und Jazzmusik hatte. Mit ihm wurden Jazz, Soul, Funk und Rock'n'Roll verschmolzen und für die Zukunft der Popmusik salonfähig gemacht. Als die beiden das Stück singen, hält's im Rund keinem mehr still auf den Plätzen. Es wird mitgemacht, mitgesungen und geklatscht. Und weil's so viel Spaß macht geht es anschließend mit "29 Ways (To Make It To My Babies Door)" gleich weiter und für Minuten habe ich das Gefühl, inmitten des Dresdner Dixieland-Festivals gelandet zu sein. Man merkt den Dresdnern an, dass sie geübte Jazz-Freunde sind, die sich auch nicht lange bitten lassen, den "Slim, Slam Boogie", den das Blume-Duo anstimmt, mitzumachen. Genau so sollte man Musik erleben können.

a 20130401 1775076580

Noch einmal erzählt Alexander, und diesmal von seinen musikalischen Vorlieben, zu denen eine Musik aus der TV-Serie "The Peanuts" zählt. "Cast Your Fate To The Wind" ist ein besinnliches Musikstück, das man so eindrucksvoll, beinahe verträumt gespielt, nicht jeden Tag zu hören bekommt. Ich könnte ins Schwärmen geraten! Da vorn drückt ein ganz Großer die Tasten, der sich noch immer seine bescheidene menschliche Art, die ich vor beinahe 30 Jahren erstmals erleben durfte, bewahrt hat. So etwas zu spüren tut gut. Zum Schluss gibt's noch eine virtuos jazzig gespielte Variante von "Sweet Georgia Brown" und der Beatles-Fan in mir ist zum zweiten Mal an diesem Abend glücklich.

Im Dixiebahnhof von Weixdorf geht man nach so einem Konzert nicht einfach nach Hause. In der angenehm gemütlichen Umgebung hat man Gelegenheit, bei einem Getränk das Ganze hinterher noch ein wenig nachklingen zu lassen oder mit einem der Musiker über Musik, die Zeit und andere Wichtigkeiten zu reden. Erst das macht so einen Abend zu einem rundum gelungenen Erlebnis und deshalb habe ich mir das inzwischen auch zu eigen gemacht. Schön war es, diesen Abend zu genießen und Gemeinsamkeiten zu entdecken. Erfrischend auch, gemeinsam über so manche Anekdote, die das Leben mit Musik, Bahn, einer Abteilung Kultur und dem Intercity schrieb, zu lächeln. Wenn ich jemanden jetzt neugierig machen konnte, ist meine Absicht aufgegangen. Ich hoffe, wir sehen uns irgendwo, wenn Alexander, Maximilian und vielleicht noch ein paar andere Musiker wieder den Boogie Woogie aufleben lassen. Es muss ja nicht in "Sweet Home Chicago" sein, auch hierzulande gibt es tolle Örtlichkeiten. Der Dixiebahnhof in Weixdorf ist nur eine von vielen, aber sehr zu empfehlen.

*) Wer das Projekt einer integrativen Werkstatt für blinde und sehende Kinder in Jordanien mit einem finanziellen Beitrag unterstützen möchte, kann sich die notwendigen Informationen direkt über den Kontakt zur Musikschule von Alexander Blume in Eisenach holen: HIER



 

Fotoimpressionen:
 
 

   
   
© Deutsche Mugge (2007 - 2019)
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.