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Bericht:
Hartmut Helms

Fotos:
Marion Dudel,
Hartmut Helms

 


TOXIC SMILE + Support ZELINKA - das Live-Erlebnis in Dresden
Es ist nicht so, dass man dieses irdische Leben ständig ganz entspannt angeht und es auf diese Weise mit links und den berühmten 40° Fieber meistert. Ganz im Gegenteil, es gibt viel zu wenig Halt und wirklich Hilfe, die man nicht bekommt und die man sich suchen muss, irgendwo. Also macht man sich auf die Suche, setzt sich in seine Blechkarosse, die man in einer Dresdner Seitenstrasse abstellt, um dann endlich den Ort zu finden, wo dir jemand sagt: "Ich bin dein Retter, dein Erlöser!"

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Okay, ganz so dramatisch war's dann doch nicht, aber die "Groove Station" in der Neustadt hat schon ein ganz besonderes Flair. So hat vielleicht auch der Ort ausgesehen, an dem vor Urzeiten die Stones ihr berühmtes "Backstreet Girl" geboren haben. Prima zum Wegtauchen aus dem Alltag, ein wenig sich verstecken vielleicht auch und natürlich verrucht. Underground auf Sächsisch. Ein guter Platz, für eine unterbewertete Band wie TOXIC SMILE, ihr aktuelles Album "I'm Your Saviour" (Ich bin dein Erlöser) zu präsentieren. Auf diese Weise schließt sich der Kreis.

Die Band, deren Reputation im Ausland offensichtlich größer ist als im Heimatland Sachsen, von ganz Deutschland mal völlig abgesehen, erschloss sich mir auf dem Umweg über die Stern-Combo Meißen, deren jetziger Sänger LARRY B. auch die Stimme von TOXIC SMILE ist. Der musikalische Kopf und Gründer des "Giftigen Lächelns", MAREK ARNOLD, ist inzwischen ebenso bei den Meissner Sternen zu Hause, wie Bassist ROBERT BRENNER. Wer dieses Dreiergestirn erlebt hat und von den Widrigkeiten eines Musikantenlebens weiß, will irgendwann auch mal das andere, originale Live-Erlebnis haben. Die Gelegenheiten dafür sind äußerst seltene Glücksfälle und deshalb musste ich dem Ruf in einen Dresdner Hinterhof folgen. Dorthin, wo das wirkliche musikalische Leben sich noch breit machen kann, noch nichts glatt gebügelt ist und gesellschaftlicher Erfolg nicht unbedingt eine Empfehlung ist. Hier treffen sich heutzutage die Enkel derer, die einst zur Klaus Renft Combo oder zu Freygang pilgerten. An solchen Orten wird noch Rock'n'Roll gelebt, auch wenn er Groove, Rap oder Metal heißt.

Natürlich trifft man dennoch bekannte Szenegesichter. Man spürt deren Neugier und fühlt die Erregung, die sich dann auf der Bühne entladen wird. Einer von ihnen ist BERND "Fleischmann" FLEISCHER, ein Freund und Mitstreiter von LARRY bei ABACAB (The Voice Of Phil Collins) und der KRAUSE BAND, der vorab, also als "Support", sein im vergangenen Jahr gegründetes Projekt ZELINKA vorstellen wird.
ZELINKA, so der Name des Großvaters vom "Fleischmann", erinnert mich schon mit den ersten Tönen an große Namen, deren Musizierstill hier offensichtlich Pate steht. Der Vergleich mit den englischen GUN ("Race With The Devil") und den Curvitz-Brüdern aus den frühen 70ern drängelt sich förmlich auf, und die Vorliebe für rotzige Gitarrenriffs a la Gary Moore oder Jeff Beck in Verbindung mit schnellen Läufen und einem satten Bass-Spiel plus knackigen Drums ist unverkennbar. Was die drei "gereiften Herren" mittels ihrer Musikerfahrung da als Hobby-Laune zusammengebacken haben, geht ab wie Schmitt's berühmte Katze. Sachen wie "Wildcat" oder "Funky Bitch" bohren sich sofort ins Ohr, fordern Aufmerksamkeit. FLEISCHMANN spielt seine Gitarre voller Kraft und Hingabe und hat mit TORSTEN GROSMANN ein Unikum am Bass, das vor Energie nur so sprüht, während KAY ROHR hinter den Drums die beiden immer wieder neu antreibt. Das alles klingt sehr kompakt, wohl dosiert und lässt ab und an noch genügend Freiraum, den Witz der Saitenzupfer aufblitzen zu lassen, etwa wenn sie mal so ganz nebenbei von Steve Winwood das legendäre "I'm A Man" einschrauben. Das Ganze als rein instrumentale Melange im Stile von COLOSSEUJM II zu präsentieren und einfach nur der eigenen Intention zu folgen, dass nötigt Hochachtung ab. Einen alten Musikliebhaber kann so etwas einfach nur begeistern und solltet ihr mal den Namen ZELINKA hören oder lesen - NEIN, hier geht es nicht um Böhmische Blasmusik, hier wird dir der blanke Rock'n'Roll mit voller Power durch die Ohren gejagt!

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Das Trio hatte die Leute aus ihren Nischen und vom Tresen weg gelockt und nun standen die Reihen voller Erwartung auf das, was TOXIC SMILE gleich nachschieben würden. Die Messlatte dafür hatte sich die Band vor Jahren mit ihren beiden Alben "Madness And Despair" bzw. "M.A.D." sowie "RetroTox Forte" selbst so hoch gelegt, dass sie damit im Lager Progressive & Metal zumindest musikalisch längst neben den ganz Großen stehen müssten. Nur die Medien und die Musikindustrie haben davon noch nichts bemerken wollen, und so ist es auch nicht verwunderlich, niemanden von denen vor der Rampe zu sehen, die einem sonst bei allen möglichen anderen Acts die Sicht auf die Musiker versperren.
Diese waren zum Anfassen nahe und starteten mit "The Abyss" kraftvoll heavy mitten hinein in ihre neue Scheibe. Eine treibende Bass-Figur, um die herum sich der Song Stück für Stück aufbaut, um dann in einem ausschwingenden Mittelteil die eigentliche Botschaft wirken zu lassen. Im Text geht es um das Scheitern und Verzweifeln eines Menschen im Heute, so wie es überhaupt in dieser Musik um Geschichten, die das Leben schreibt und die Flucht daraus, geht. Die Band verpackt die Botschaften wahlweise in eindrucksvolle balladeske Lieder ("Pride And Joy") oder in komplexe und sich verschachtelte kleine Meisterwerke wie "Chance", die von kräftigen Instrumental-Passage und verzwickten Rhythmus-Strukturen leben. Beeindruckend das Wechselspiel von Marek's Tasten und Robert's treibenden Bass. Zwischen beiden blitzt immer wieder das straffe Gitarrenspiel von UWE REINHOLZ auf. Vor allem dieses exzellente Instrumentalspiel auf den Tasten und mit den Saiten, verbunden mit den vertrackten Breaks des Schlagzeugers ROBERT EISFELDT erinnert mich zuweilen etwas wehmütig an Zeiten, als diese Art zu musizieren das gängige, ganz normale Level im Spannungsbogen zwischen YES, ELP, COLOSSEUM oder NIEMEN darstellte. Allein dafür müsste man den Jungs von TOXIC SMILE Anerkennung zollen.

Natürlich wird ausgiebig gerockt und LARRY B. kann seine Gesangkünste über den Klangteppichen austoben und zuweilen gibt es auch mal richtig einen auf die Zwölf ("Stop Now"). Überhaupt ist das Duo LARRY und Bass-Mann ROBERT auch der optische Mittelpunkt des räumlich eingeengten Geschehens, während MAREK hinter seinen Manualen nur manchmal schelmisch grinst, dann etwa, wenn Musiker sich beim Spiel auch schon mal nonverbal etwas zu sagen haben, weil irgendwo die Technik spinnt.
Die Musik von TOXIC SMILE klingt live noch rauer und ungestümer, als man sie von den Scheiben her kennt. Das liegt zum einem natürlich am außergewöhnlichen Gesang von LARRY, ist aber auch den sehr komplexen musikalischen Strukturen zu verdanken, in denen sich die Instrumentalisten gehörig austoben können, ohne sich dabei in den Vordergrund spielen zu müssen. Da treffen die großen Melodiebögen auf die brachiale Urgewalt der stampfenden Metal-Fraktion, zarte und elegische Passagen kombinieren sich für Momente mit ausufernden Bombast und überraschende Einfälle sorgen für Staunen und Begeisterung. Wenn ein Song für das alles steht, dann ist es eben "I'm Your Saviour", den die Band an das Ende des Sets gepackt hat, um noch mal richtig Dampf in die Enge des Raumes zu pressen. Volle Dröhnung, volles Programm, voller Erfolg und natürlich Head-Banging!

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Gegen 23:00 Uhr war ruckartig Schluss und vermutlich ist, wie in Deutschland üblich, irgendein netter Nachbar oder eine Richtlinie dafür verantwortlich und wahrscheinlich könnte man beide - Pardon - locker einsparen. Wie schön wäre es, in solchen Momenten einen ABV (Achtung: DDR-Historie!) draußen zu wissen, mit dem man die Sache noch mal neu verhandeln konnte. Einen gab's trotzdem noch und ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen. Noch nie in meinem Leben habe ich eine so wundersam tönende Version von "Weisses Boot" der Roten Gitarren gehört, wie in dieser Stunde vor Mitternacht auf einem Dresdner Hinterhof. Nee Leute, war das schööön!

Einen Tag später wird TOXIC SMILE in Rüsselsheim noch so eine Örtlichkeit aufmischen, etwas später in England und noch später in Holland live zu hören sein. Die Prog-Metal-Fans müssen sich also etwas einfallen lassen, um live zu genießen, was die Kritiker und die Medien stur ignorieren. Außerdem gibt es ja noch die Möglichkeit, sich die CD "I'm Your Saviour" zu besorgen und sich auf diese Weise vom Warten und mit geiler Musik erlösen zu lassen. Es lohnt sich allemal, was einem da an neuen Material in die Gehörgänge fließt - versprochen!

P.S.: Ach übrigens, am Beispiel von TOXIC SMILE wird auch so nebenbei deutlich, wie verkrampft ein Begriff wie "Ostrock" inzwischen in der Musiklandschaft herum steht. Er trifft per "Definition" zu und geht dennoch vollständig am Kern der Sache vorbei. Man bräuchte mal wieder ein Umdenken und einen Mülleimer außerdem!

Surftipp:
- Myspace Auftritt der Gruppe ZELINKA: www.myspace.com/zelinka
- Portrait über die Band: toxic.htm
- Off. Homepage der Gruppe TOXIC SMILE: www.toxic-smile.de
- Off. Homepage der "Groove Station": www.groovestation.de

 


 

Setlists:


Zelinka:

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Toxic Smile:

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Fotoimpressionen (Mary):


Fotoimpressionen (Hartmut):

 

 
 

   
   
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