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Bericht:
Gerd Müller

Fotos:
Gerd Müller (Livefotos)
Pressefoto (Grafik oben)


 

Denkwürdiges Superkonzert
Gut und gerne über 800 Fans bevölkerten die romantisch an der Isar gelegene, früher industriell und jetzt als Kunst- und Künstlertreffpunkt genutzte Muffathalle. Darunter ganze Gruppen aus Italien und Österreich, weil neben entfernteren Ländern nur vier Auftritte in Deutschland geplant waren. Neugierig waren alle, wie ER wohl seine erste Solotour meistern und die äußerst schwierigen und komplexen Studioaufnahmen live umsetzen würde. Sie sollten ihr Kommen nicht bereuen, auch wenn eine lange halbe Stunde verging, bis endlich hinter den Kulissen alles stimmig war. In Berlin tags zuvor begann das Konzert pünktlich, was ja auch nicht immer selbstverständlich ist ...
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Weil Wilson selbst in musikorientierten Kreisen immer noch nicht allzu bekannt ist, möchte ich vorweg ein wenig über ihn informieren. Steven Wilson (* 03.11.1967) ist ein zweifach Grammy nominierter Produzent, Songschreiber und Performer und vor allem als Gründer und Frontmann der britischen Rock Band PORCUPINE TREE ("Stachelschwein-Baum") bekannt geworden. Er produzierte u.a. für Opeth und King Crimson. Gerade von Letzterem sind gewisse Einflüsse auf seinen Soloalben erkennbar. Die PORCUPINE TREE-Tour 2010 führte ihn im Oktober u.a. in die ausverkauften Londoner Royal Albert Hall und New Yorker Radio City Music Hall. In Deutschland verzeichnete die Band fünf Chartalben. Das Album "The Incident" mit PORCUPINE TREE stieg 2009 sogar bis auf Platz 17. Vor kurzem kam die zweite Solo-Veröffentlichung nach "Insurgentes" (2009) heraus: "Grace For Drowning" (Doppel-CD) und beeindruckt wieder durch eine anspruchsvolle Darstellung, ausgeklügelte Arrangements, jazzige Elemente und einem ungeheuren Ideenreichtum.
Wenn man überlegt, dass er autodidaktisch das Fach des Toningenieurs, Produzenten, Gitarristen und Keyboarders erlernte, spricht dies alleine schon für sein außergewöhnliches Talent. Wenn man weiter bedenkt, dass er neben seiner Hauptband PORCUPINE TREE noch weitere Bands "am Hals hat" oder in Projekten mitwirkt (Blackfield, No-Man, Bass Communion, bei Aviv Geffen, dem israelischen Superstar u.a.), fragt man sich, woher er die Zeit und vor allem die unglaubliche Vielfalt, Kreativität und Innovation herzaubert.

Die Fans warteten geduldig vor einem transparenten Bühnenvorhang. Das war die erste Überraschung. Mit einem Vorhang konfrontiert zu werden. Wie es mir im Fotograben erging, schreibe ich als Nachbemerkung zum Konzert.
Dann betraten die sechs Musiker - bis auf Wilson eine neue Besetzung - die Bühne, natürlich hinter dem Vorhang. Unter dem Beifall der Zuschauer startete die beeindruckende Bühnenshow mit "No Twilight Within the Courts of the Sun" aus der ersten Solo-CD. Der Titel wird dem Leser nicht viel sagen, dennoch füge ich der Vollständigkeit halber die komplette Setlist im Anschluss an den Text ein. "Deform to Form a Star" - ein Song zum Niederknien. Alleine für sich schon eine kleine Sinfonie. Nach dem vierten Stück "Sectarian" fiel endlich der Vorhang und man konnte die komplette Band ohne Schleier vor den Augen sehen. Steven Wilson, wie immer barfuß auf der Bühne unterwegs, war bestens bei Stimme und die übrigen Bandmitglieder begleiteten ihn mit einem Enthusiasmus und einer Perfektion, als würden sie schon jahrelang zusammen musizieren. Also absolute Könner ihres Faches. Wilson als Perfektionist lässt da nichts anbrennen.

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So sah man Adam Holzmann an den Keyboards. Bemerkenswert, dass er zusammen mit Ray Manzarek (Doors) in einer Rockversion der szenischen Kantate "Carmina Burana" von Carl Orff mitwirkte. Dann Marco Minnemann an den Drums. Fasziniert schaute ich ihm zu, weil man glaubte, er habe vier oder mehr Hände, so wirbelte er über das aufwändige Drumset. Nick Beggs stand am Bass. Er spielte neben etlichen anderen Formationen mal bei Kajagoogoo. Ich traute erst meinen Augen nicht, denn von weitem sah er aus wie der gute Ed Swillms von der Gruppe Karat. Blonde Haare mit Sonnenbrille, allerdings die langen Haare zu Zöpfen (!) gebunden.
Neben Wilson spielte noch Aziz Ibrahim Gitarre. Als Besonderheit hatte er eine mit LED-Leuchten bestückte Gitarre, die je nach Song in anderen Farben aufleuchtete. Nicht genug damit, denn er trug noch spezielle Handschuhe (!) und jeder Finger war mit einer roten LED-Leuchte bestückt, was natürlich eine ganz tolle eigene kleine Lightshow war. Theo Travis spielte fantastisch Querflöte und Saxophon. Wer mehr über diese Musiker wissen möchte, wird in Wikipedia fündig.

Die Lightshow war beeindruckend, mit einer Flut Hintergrundprojektionen versehen. Surrealistische Bilder von einer überirdischen, düsteren Schönheit liefen ab und ergänzten sich perfekt mit den Songs. Und das fast zwei Stunden lang. Die Videos und Fotos kreierte Lasse Hoile, ein außergewöhnlicher Künstler, der jedes Album von Steven Wilson gestaltet und viele Videos mit Porcupine Tree und Steven Wilson drehte, die u.a. auf YouTube zu sehen sind (siehe am Ende dieser Seite). Rentiert sich, mal reinzuklicken.

Einräumen muss ich, dass man das Konzert nicht unvorbereitet hätte genießen und schon gar nicht ernsthaft hätte rezensieren können. Vor zwei Jahren kaufte ich mir das erste Album "Insurgentes", ein fantastisches Werk, das erkennen ließ, was in Wilsons Kopf noch so alles herumspukt. Genau wie die neue Doppel-CD "Grace For Drowning", die momentan bei amazon.de für schlappe 9.90 € zu haben ist. Mit hervorragender Resonanz bei den Käufern.

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Das letzte Stück vor der Zugabe stellte selbst für Wilson eine Herausforderung dar, wie er glaubhaft anmerkte. Eine 23-minütige Reise aus seiner aktuellen CD: "Raider II". Mit tiefen, langsam intonierten Klavierakkorden beginnt eine virtuose Reise in eine andere Welt. Eine Collage aus Musik, verfremdeter Stimme und elektronisch erzeugten Geräuschen, begleitet von einer gefühlvollen Flötenimprovisation. Progressivere Passagen leiteten dann das Finale ein. Etliche Tempowechsel und vor allem ruhige, fast übersinnlich schöne Melodien lassen kurzzeitige Erinnerungen an Avantgarde-Künstler wie Scott Walker oder Mark Hollis in der Spätphase von Talk Talk aufblitzen. Wow, das war Gänsehaut pur!

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Als Zugabe spielten sie eines meiner Lieblingsstücke "Get You All Deserve" aus der ersten Solo-CD. Nach der sensibel gesungenen Eingangspassage, ja was geschah da plötzlich? Wilson zog sich eine Gasmaske über (wie auf dem CD-Cover "Insurgentes") und wirbelte über die Bühne. Das war einfach gespenstisch. Erst gegen Ende riss er sich das Ding wieder herunter. Mit einem mächtigen Gitarren- und Druminferno, einem wahren Höllengewitter, endete ein unvergesslicher Abend. Musikdoping par excellence! Die 450 Kilometer Hin- und Rückfahrt waren alles wert und man konnte zu Hause auch weit nach Mitternacht noch nicht abschalten.

Am 27. Oktober tritt Wilson & Co. in Köln auf, am Tag darauf in Hamburg, bevor es nach Holland, England, USA und Kanada weitergeht. Zum Trost für die, die kein Konzert besuchen konnten: Es wird gemunkelt, dass das Konzert in London aufgezeichnet wird und im nächsten Jahr als DVD und Blue-Ray veröffentlicht wird. Schön wär's ...

Die Setlist:
No Twilight Within the Courts of the Sun
Index
Deform to Form a Star
Sectarian
Postcard
Remainder the Black Dog
Harmony Korine
Abandoner
Like Dust I Have Cleared From My Eye
No Part of Me
Veneno Para Las Hadas
Raider II
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Get All You Deserve

Fotograben-Nachlese
Ich hatte ja einen Fotopass. Als ich den Vorhang sah, befürchtete ich ein kleines Desaster. Der Security-Mann meinte, dass man bei den ersten beiden Stücken fotografieren dürfe, vor dem Vorhang. Und bitte schön unten nicht hindurch kriechen. Nach dem Fallen des Vorhangs könne man noch bei einem weiteren Song - allerdings aus dem Publikum heraus - fotografieren. Da standen allerdings schon in den besten "Schusspositionen" die vielen Fans dicht gedrängt. Nun kenne ich von einigen Konzertbesuchen aus dem "Graben" schon die Philosophie Steven Wilsons, dass er das Bühnenlicht so stark dimmen lässt, bis es fast dunkel ist und die Lightshow erst danach beginnt. Zudem lässt er seine langen Haare meist vor dem Gesicht baumeln. All das war auch hier so. Die anwesenden kamerabewaffneten Kollegen mussten also durch den Vorhang fotografieren und durch die Düsternis Motive ausmachen, was der automatischen Scharfeinstellung überhaupt nicht schmeckte. Die stellte immer auf den Vorhang scharf. So musste man zwangsläufig alles manuell einstellen. Machen Sie das mal, wenn der Künstler auf der Bühne herumwuselt und selten still hält. Selbst ISO 6400 brachte keine idealen Resultate, weil die Blende ziemlich offen und kaum Tiefenschärfe vorhanden ist. Also, das war die Härte pur, weil man ständig an der Kamera herumfingerte, um wenigstens einige brauchbare Fotos herauszuquetschen. Oder einfach draufzuhalten, weil die Zeit limitiert war.

Noch zwei Deutschland-Termine:
27.10.2011 - Köln - Live Music Hall
28.10.2011 - Hamburg - Markthalle

Bitte beachtet auch:
- off. Homepage von Steven Wilson: www.swhq.co.uk
- off. Homepage von Porcupine Tree: www.porcupinetree.com
- off. Homepage der Plattenfirma: www.cmm-online.de
- Portrait über Steven auf Gerd's Musicpage: HIER
- Portrait über Porcupine Tree auf Gerd's Musicpage: HIER

 


 

Live-Impressionen:
 
 
 
Video-Clip:
Von Lasse Hoile selbst eingestellt...
 
 
 

   
   
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