POND live in Halle/Saale am 16. April 2010
(Live-Premiere von "Gemälde einer Vernissage")

 

Bericht: Fred Heiduk
Fotos: Sebastian & Matthias Ziegert

 


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Dass Halle nicht das schlechteste Pflaster für Kunst und Kultur war und ist, dürfte sich hier und da schon herumgesprochen haben. Es gibt eine Menge erwähnenswerter Stätten, Einrichtungen, Persönlichkeiten und Werke, die man direkt mit Kunst, Kultur und Halle verbindet oder zumindest verbinden kann. Am Freitag, den 16.04. wurde Halle einmal mehr zum Ort großer Kunst. Ein Teil des für sich genommen ohnehin schon großen Werkes eines der bedeutendsten deutschen Maler der Gegenwart wurde dank des Engagements Hallenser Kulturbesessener und einiger regionaler Sponsoren an einer diesem Werk würdigen Stätte in einer ganz besonderen Form präsentiert. Die Rede ist von der öffentlichen Uraufführung der "Gemälde einer Vernissage". Dabei handelt es sich um die von Wolfgang "Paule" Fuchs, dem begnadeten Soundtüftler der Gruppe POND, geschaffene musikalische Beschreibung von 12 Bildern des Hallenser Malergenies Willi Sitte. Wie es Fuchs gelang, dem Zuhörer seine Empfindungen beim Betrachten der Bilder und damit auch ein Stück weit die nicht immer ganz einfache Kunst Sittes nahezubringen, war beeindruckend. Aus einer Vielzahl von Motiven aus verschiedensten Stilrichtungen hat Fuchs ein Gesamtkunstwerk geschaffen, das in der neueren Musik seines gleichen sucht. Je nachdem was Fuchs ausdrücken wollte, bediente er sich verschiedensten Genres und schaffte es damit eindrucksvoll, eine Verbindung von E- und U-Musik und den Bildern Willi Sittes herzustellen. Das Publikum lauschte den opulenten Liveklängen, die Paule in die Ulrichskirche zauberte, andächtig. An ein, zwei Stellen war zumindest ich kurz davor aufzuspringen und laut "Bravo!" zu rufen. Doch Paule meinte zu Beginn des Konzerts, die Zuhörer mögen auf solche Beifallsbekundungen während der Aufführung verzichten.

Etwas besonderes wurde der Aufführung dadurch zu Teil, dass Willi Sitte persönlich zugegen war. Nach dem Konzert hatte ich die Möglichkeit, ihm ein paar Fragen zu stellen. Er erzählte mir, dass ihm der Zyklus "Gemälde einer Vernissage" durchaus gefalle und er in jedem Titel eine mögliche Umsetzung des jeweiligen Bildes erkenne. Er hält Fuchs' Werk aber nur für eine, wenn auch sehr gelungene, jedoch nicht für die einzig mögliche künstlerische Umsetzung dieses Themas, womit er zweifelsohne Recht hat. Das schränkt allerdings in keiner Weise die Klasse der fuchsschen Kompositionen ein. Die sind ohne Wenn und Aber Extraklasse, haben das Zeug zu moderner Klassik. Weit weniger gefiel Sitte die Qualität der zur Aufführung gehörenden Projektionen seiner Bilder. Auch da muss man ihm zustimmen, waren doch einige Bilder kaum zu erkennen. Dennoch oder umso mehr vermochten es die Kompositionen, die Bilder plastisch erfahrbar werden zu lassen. Ganz selbstverständlich stellte Fuchs poppige Klänge, wie man sie von POND kennt, neben geradezu orchestrale Sequenzen die an Wagner, Bach und Händel erinnerten und die die jeweiligen Bilder sehr treffend bezeichneten. Kaum ein mir bekanntes Instrument, dass Fuchs mit seinen technischen Hilfsmitteln nicht erklingen ließ. Jeder Ton so arrangiert, dass ein Gesamtkunstwerk daraus erwuchs. Das Konzert gehört ganz gewiss zu denen, die ich nicht vergessen werde. Wenn ich es mit Tangerine Dream, die ich 1982 live erlebte, vergleiche, wenn ich mir andere große Werke der elektronischen Musik vor Augen halte - Paule Fuchs muss sich da ganz und gar nicht verstecken. Im Gegenteil. Mir fällt nichts wirklich Vergleichbares ein, auch wenn sich immer wieder Instrumentalisten an vergleichbaren Themen versuchten und dabei Großes vollbrachten. Ein Gast des Abends erzählte mir, er habe vor wenigen Tagen Jean Michel Jarre live erlebt und man müsse sich hüten, Fuchs und Jarre miteinander zu vergleichen. Musiktechnisch stünde der eine dem anderen in nichts nach, die dargebotene Musik wäre jedoch so verschieden wie Himmel und Erde. Der eine macht eben reinsten Elekropop während der andere gerade ein opulentes, deutlich größeres Werk aufgeführt habe, das weit über die eingängigen Poprhythmen hinausreiche. Dem kann ich nur zustimmen.

Das waren knapp zwei Stunden Musik auf allerhöchstem Niveau. Der Zyklus sprühte geradezu vor musikalischen Ideen. Beeindruckend wie Fuchs je nach Bild das Publikum durch immer neue Klänge zu "manipulieren" versteht. Er erzeugt in einem Titel Stimmungen von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Einfach fantastisch ohne dabei irgendwo zu überziehen. Überzogen war aus meiner Sicht vielleicht etwas der eingesetzte Laser. Da es um die Bilder Sittes ging, die Fuchs musikalisch beschrieb, hat mich das zwar sehr zur Musik passende Laserfeuerwerk doch eher etwas irritiert. Ein paar mehr Details der Sittebilder wären aus meiner Sicht angebrachter gewesen. Doch ist das auch schon der einzige Kritikpunkt, den ich zum Konzert anzumerken hätte. Die Uraufführung des Zyklus "Gemälde einer Vernissage" wurde denn auch von den vielleicht 300 Gästen mit ehrlichem, fast euphorischem Beifall, den sich Wolfgang Fuchs redlich verdient hatte, bedacht. Dass Paule einen kleinen Zugabeteil parat hatte, in dem auch sein "Planetenwind" nicht fehlte, versteht sich. Gerade der zeigte aber, um welche musikalischen Dimensionen größer die "Gemälde" sind. Wie schon gesagt - aus meiner Sicht ein unvergleichliches Werk moderner Elektronik, das das Zeug hat, viele, sehr viele andere aktuelle Musik zu überdauern. Natürlich auch und gerade wegen ihres Bezuges zu den gewaltigen, kraftvollen Bildern Willi Sittes.
Wer jetzt mehr Details erfahren möchte, dem empfehle ich weiterzulesen. Den anderen sei empfohlen - sollten irgendwo Pond oder Paule Fuchs mit "Gemälde einer Vernissage" avisiert werden: Auf keinen Fall verpassen! Hingehen und große Musik von einem großen Künstler zu großer Kunst eines großen Malers live erleben. Natürlich darf man sich im Vorfeld auch die CD mit allen Titeln zu Gemüte führen und wer es schafft, der könnte zudem der Willi Sitte Galerie in Merseburg einen Besuch abstatten.

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Uraufführung der "Gemälde einer Vernissage" am 16.04. in der Ulrichskirche Halle
Das Thema Bilder zu vertonen, ist an sich nicht ganz neu, schuf doch vor fast 150 Jahren Mussorgski seine "Bilder einer Ausstellung", die mit der Zeit vielmals bearbeitet und interpretiert wurden. Eine dieser Bearbeitungen stammt von "Paule" Fuchs, der es mit dem Titel "Planetenwind" seiner Formation POND nicht nur zu beachtlicher Bekanntheit in der DDR-Musikszene brachte, sondern der geradezu synonym für elektronische Instrumentalmusik in der DDR steht. Man mag trefflich darüber streiten, was das ostdeutschen Elektro-Pop-Genie mit den technischen Möglichkeiten eines Jean Michel Jarre hätte schaffen können, ob man POND und Tangerine Dream vergleichen darf oder ob und wenn wie "Paule" die Musik großer Vorbilder wie Emerson, Lake & Palmer oder Kraftwerk fortsetzt. Die Idee Peru Johns, Paule Fuchs zu einer eigenständigen Vertonung moderner, darstellender Kunst zu bewegen, scheint jedenfalls eine fast logische Fortsetzung und gewissermaßen auch eine Art Krönung des bisherigen Schaffens Fuchs' zu sein. Das Ergebnis, das bereits seit einiger Zeit als CD verfügbar ist, hatte gute Kritiken bekommen, was meine Vorfreude auf die Uraufführung des Werks live in Gegenwart Willi Sittes ganz und gar nicht minderte. Ich hatte erwartet, dass Fuchs in seinem Konzeptwerk zu ausgesuchten Sitte-Bildern, die aus ganz unterschiedlichen Schaffensperioden des Malers stammen und verschiedenste Themen behandeln, die ganze Vielfalt der elektronischen Musik ausnutzt und letztlich etwas ganz anderes schafft, als seine bisherigen Elekro-Pop-Stücke. Ganz offensichtlich mangelte es Fuchs unverändert nicht an musikalischen Ideen.

Das entstandene Werk wurde nun in einem tollen, historischen Ambiente, in der als Konzerthalle genutzten Ulrichskirche an der einst Geistesgrößen wie Francke und Schleiermacher wirkten, nahe des Hallenser Marktes in Anwesenheit Willi Sittes endlich live uraufgeführt, nachdem die Geschichte der Uraufführung zu einer unendlichen Geschichte zu werden drohte. Dass die Aufführung zustande kam und letztlich ein wirklicher Erfolg wurde, daran hat vor allem auch ein Enthusiast, Ulf Herden vom Cultour-Büro Halle, als Veranstalter erheblichen Anteil. Er organisierte dieses akustisch anspruchsvolle und insgesamt hervorragend passende Ambiente für eine Uraufführung, die, in der Tradition großer alter klassischer Meisterwerke stehend, moderne Musik der Extraklasse in Verbindung mit kraftvollen Zeichnungen und Gemälden Sittes als Gesamtkunstwerk bot. Doch zunächst herrschte bei mir noch eine gehörige Skepsis, ob man die Dynamik und Vielfältigkeit so eines Werkes überhaupt vernünftig würde live erreichen können. Ich darf es vorwegnehmen - Fuchs schaffte es, mit seinen Keyboards, Synthesizern und den sonstigen als Instrumente gebrauchten Geräten die Klangvielfalt eines Orchesters nachzuempfinden. Kein Klang, kein Geräusch, keine Harmonie, die "Paule" Fuchs nicht aus seinen Geräten hätte zaubern können. Ob die Besucher der gutbesetzte Konzerthalle ahnten, dass sie Zeuge einer denkwürdigen Aufführung sein würden und deshalb den Weg in die Ulrichskirche fanden oder ob viele vor allem wegen Willi Sitte das Konzert besuchten - ich weiß es nicht. Jedenfalls war es etwas ganz besonderes und für mich auch recht überraschendes, was da schließlich zu hören war.

Nach einigen Dankesworten und der allgemeinen Begrüßung betrat "Paule" das Podium, erzählte ein wenig von trockenem Wein und der Entstehung des Zyklus in enger Zusammenarbeit mit Willi Sitte, richtete sein Wort auch direkt an den Malerfürsten und erklärte dem Publikum schließlich, dass, wie im Theater, Szenenapplaus nicht unbedingt sein müsse, da das die eigentliche Aufführung stören würde. Dann verschwand Paule hinter einer Wand aus Instrumenten, woraufhin kurz danach geradezu sphärische Klänge eines Synthesizers an mein Ohr drangen. Zum Grundthema gesellte sich schnell ein eindringlicher Schlagzeugrhythmus, der dem Intro etwas sehr feierlich getragenes verlieh. Nach nicht einmal einer Minute war klar, Wolfgang Fuchs knüpft mit dem Zyklus zudem auch an ganz große klassische Vorlagen an. Das hatte mit seichtem Pop ganz und gar nichts zu tun. Vielmehr verbindet er, wenn man so sagen will, E- und U-Musik. Etwas das nur sehr wenigen Musikern bisher überzeugend gelang. Alles was "Paule" Fuchs ganz allein hinter seinen Bergen von Instrumenten live spielte, wirkte traumwandlerisch sicher und überzeugend. Hier ein Knopf gedreht, da ein paar Tasten gedrückt und einmal quer über die Bühne gerollt. Es war ständig Bewegung auf der Bühne, ohne dass Hektik aufkam. Im Gegenteil. Zudem herrschte relative Stille im Kirchenschiff, was sehr angenehm wirkte. Das hatte etwas von einer Andacht, selbst bei den Titeln, die von Haus aus fröhlich daherkamen. Die Trennung zwischen frischen, heiteren Titeln in Dur und getragenen, melancholischen und elegischen Stücken in Moll war sehr auffällig, ganz in Abhängigkeit vom Bild, das sich der Betrachter gerade ansah. Faszinierend, wie schnell Fuchs die Zuhörer in seine jeweilige Gefühlswelt mitzunehmen im Stande war. Wenige Töne genügten, um die jeweilige gewünschte Assoziation zu einem Bild zu entwickeln. Nicht immer war jede musikalische Wendung in den Titeln nachzuvollziehen. In einigen Fällen bezogen sie sich wohl auf Bilddetails, die zum Teil über einen Projektor eingespielt wurden. Die Darstellung der Bilder ließ leider stark zu wünschen übrig. Viele Besonderheiten der Zeichnungen waren schlichtweg nicht gut zu erkennen, waren extrem unscharf. Ob es an den verwendeten Aufnahmen lag? Ob der Projektor für die Lichtbedingungen nicht geeignet war? Die Projektionen waren nicht wirklich gut. Das war im Nachhinein auch der Hauptkritikpunkt Willi Sittes, den ich nach dem Konzert ein paar Fragen stellen durfte. Das Fazit seiner Antworten lautete in etwa: Die musikalische Umsetzung seiner Bilder ist für ihn ein akzeptabler Weg, Kunst dem Betrachter näher zu bringen. Fuchs sei das wohl auch überwiegend gut gelungen. Er sei recht zufrieden mit dem Gesamtwerk, in dessen Entstehung er eng einbezogen war, ohne dabei Fuchs enge Vorgaben gemacht zu haben. Nur die optische Umsetzung böte viel Raum für Verbesserungen.

Doch zurück zum Konzert. Fuchs vermochte sehr wohl die Klasse der CD live auf die Bühne zu zaubern. Sicher waren hier und da einige Sequenzen nicht reproduzierbar. Hier fehlte ein Sprachfetzen, da dieser und jener Klang. Doch unterm Strich war es einfach beeindruckend, was da ein einzelner Mann mit Hilfe der Technik auf die Bühne zauberte. Ich möchte ausdrücklich festhalten: Jedes Stück ist ein POND / Fuchs Werk, auch wenn ich hier an Kraftwerk erinnert wurde, da mir habe vorstellen können, dass diese und jene Melodie auch Pink Floyd gut zu Gesicht gestanden hätte oder mir der Gedanke kam - Tangerine Dream klang weder ganz anders noch besser. Am meisten verwunderten mich jedoch die glasklaren Klassikanleihen Fuchs'. Wagnersche Themen in neuem Gewand. Es war einfach grandios, musikalisch durch das italienische Dorf, eine wahre Idylle, zu spazieren, um schließlich auf "die vergessenen Bilder" zu stoßen. Welche Ruhe das Stück ausstrahlte. Mit welcher Versonnenheit dieses Bild betrachtet wurde. Und welch Kontrastprogramm Sekunden später?! Mit wieder nur wenigen Tönen wird aus der friedlichen Stimmung Italiens etwas extrem bedrohliches. Dreimaliges Trommeln wie vom Sender London, Sirenengeheul, Stiefel, Marschmusik… Ganz klar - es herrscht Krieg. Wie sich im Nachhinein noch zeigen sollte, egal wie bedrohlich eine Situation auf den ersten Blick wirken mochte, Fuchs löst sie immer positiv auf. Das ist auch das Credo der beschriebenen Sitte Bilder. Schaut genau hin, sucht und seht das Positive - es ist da - sagen sie uns. Ganz extrem ist das bei den Bildern zu hören und zu spüren, die sich mit Krieg und Leid beschäftigen. Bei "Totentanz" kamen mir erstmals auch Assoziationen zu anderen Liedern. In diesem Stück ist mir, als hörte ich für eine Sekunde das Kinderlied "Fuchs du hast die Gans gestohlen" als Mahnung, die marschierenden Soldaten mögen nicht sinnlos dahin geschlachtet, sondern wieder freigegeben werden. Solche kleinen melodischen Anspielungen, vielleicht gar Anleihen, gab es immer wieder. Doch anders als bei einigen Gesangsstücken, wo gnadenlos andere Vorlagen gekupfert werden, hatte ich bei Fuchs nie den Eindruck, er hätte damit auch nur eine fremde Note irgendwo eingebaut, weil ihm sonst nichts einfiel. Selbst Sequenzen, die ganz deutlich aus anderen Liedern stammen, gehören dahin, wo Fuchs sie eingebaut hat. Sie werden im neuen Kontext etwas Fuchseigenes, werden logischer Teil des Zyklus. Vermutlich klingt einiges auch nur bekannt, weil durch die vollständige Konzentration auf Musik ohne Text genau diese Vorstellung verstärkt wird. Ganz deutlich wird das bei einem Bolero, mit dem Fuchs das Bild "Höllensturz in Vietnam" beschreibt. Vermutlich hat jeder der Zuhörer bei den bekannten Taktfolgen sofort an Ravel gedacht. Einige sicherlich auch ohne zu wissen, dass ein Bolero ein spanischer Tanz ist, der sich eben genau durch diese Taktfolgen auszeichnet und Ravels Bolero nur der bekannteste der Gattung ist. Die Verwendung solcher großen Musikformen zeichnet den gesamten Zyklus ohnehin aus. Da werden ganze Orchester im wagnerschen Sinne aufgeboten, um zum Beispiel eines der Hauptwerke des Zyklus, das Triptychon aus "Höllensturz in Vietnam", "Vietnamesin" und "Trommler", dem Zuhörer musikalisch vorzustellen. In der Verbindung asiatischer Klänge mit orchestralen Elementen, die von einem großen Bläsersatz über eine volle Streicherbesetzung bis zu Harfen und Schlagwerk reichen, gelang es Fuchs, die Dramatik dieser drei Bilder geradezu physisch spürbar zu machen. Nicht minder orchestral, dieses Mal allerdings an Bach und Händel erinnernd, ist das Stück "Im Namen Gottes" angelegt. Allerdings erlaubt sich Fuchs bei diesem eigentlich letzten Titel des ursprünglichen Bilderzyklus einen Ausflug ins irdische Hier und Heute, indem er bekannte Elekronikmotive, also recht poppig wirkende Klänge, neben diese opulenten Orchestermotive stellt.

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Noch viel deutlicher wurde mir die Faszination der Bilder wie der großartigen Musik dazu bei drei anderen Stücken des Zyklus. So bei der Umsetzung zum Bild "Totenmaske meines Großvaters", wo es Paule Fuchs wie Willi Sitte gleichermaßen gelingt, eine ganz warmherzige Stimmung zu zeichnen. Hier wurde mir besonders durch die Musik deutlich, da hat jemand sein Leben gelebt und es war ein erfülltes. Daran erinnern sich jene, die geblieben sind, würdevoll und dankbar bei der Betrachtung der Maske und ehren so den Verstorbenen. Gleichzeitig nehmen sie damit dem Tod an sich auch einen Teil seines Schreckens. Einfach grandios, wie Fuchs den Zuhörer geradezu zu derartigen Überlegungen treibt. Ganz im Gegensatz zu der friedlichen Stimmung steht die Umsetzung des Gemäldes "Das Unheil begehrt Einlass". Sowohl bei Sitte wie auch bei Fuchs ist das Bedrohliche geradezu greifbar, wenngleich es nicht der Kern der Bildaussage ist. Fuchs sehr bedrohlich klingende Töne verstärken diesen ohnehin vorhandenen Eindruck des Bildes sogar noch. Es gelingt ihm jedoch, so deutlich wie bei eigentlich keinem anderen der Stücke zu zeigen - das Gute gewinnt schlussendlich! Er löst das, indem er gegen die bedrohliche Melodie die für das Unheil steht, optimistische Töne setzt, die schließlich über diese unheilvolle Stimmung siegen. Die optimistische Melodie, die das Stück beschließt, steht für die Personen, die Sitte auf dem überaus eindrucksvollen Bild der dunklen Gestalt hinter der Tür entgegengestellt hat. Gerade auch bei diesem Stück wurde für mich sehr deutlich, wie sehr die Musik den Bildeindruck steuern, verstärken oder überhaupt beeinflussen kann. Fuchs ist das jedenfalls bei allen Bildern gelungen. Wie Willi Sitte mir sagte, durchaus in seinem Sinn, wenn gleich er die durch die Musik assoziierten Empfindungen nicht in jedem Fall für die einzig möglichen hält. Einige der Bilder bieten eben auch Spielraum, lassen verschiedene Interpretationen zu. Fuchs zeigte uns jeweils die seine und macht damit aus meiner Sicht die sehr anspruchsvolle und sich eben nicht in jedem Fall sofort erschließende Kunst Sittes für jeden lesbar und verständlich. Was so einfach klingt, ist geradezu eine titanische Leistung angesichts der Form- und Farbvielfalt der Sittebilder und dem gleichzeitigen Anspruch Wolfgang Fuchs', seine Eindrücke nicht avantgardistisch sondern in hörbare, eingängige, moderne Musik umzusetzen und so das Werk Sittes den Betrachtern näher zu bringen. Die Verbindung von Bildern und Musik in der vorliegenden Art bereichert gewissermaßen beide Genres, auch wenn sowohl Bilder als auch Musik für sich allein stehen könnten. Zusammen werden jedoch die beschriebenen Eindrücke hervorgerufen und damit wird gewissermaßen ein neues, eigenständiges Kunstwerk geschaffen.

Ein paar letzte Bemerkungen leiste ich mir noch. Zum einen möchte ich das Stück "Warschauer Paar" hervorheben, das mich sowohl als Bild wie auch in seiner musikalischen Umsetzung ungemein berührte. Die beiden gegenläufigen Melodien der ersten Minute, die das hektische, alltägliche Leben um das Paar herum andeuten, werden in ein jiddisches Thema überführt, das wohl die direkten Sorgen und Nöte des Paares darstellt. Gleichzeitig verleiht Fuchs dem Paar durch moderne Rockrhythmen, die er über faszinierend klare Elektroorgelklänge transportiert, eine gewisse Kraft und Stärke, die Hoffnung geben, das Paar werde die bedrohliche Situation in der es offensichtlich ist, meistern. Ich für mich habe das folgende überaus optimistische Stück "Biko" als positiven Ausgang der Warschauer Geschichte gesetzt, auch wenn das meine ganz freie Interpretation ist. Überhaupt kann man vieles frei interpretieren in diesem Zyklus. Es gibt im Grunde keine einzuhaltende Reihenfolge. Jedes der Bilder steht mit seinem Musikstück für sich, erklärt sich selbst. Dazu kommen Sequenzen, die völlig außerhalb der vorgestellten Bilder stehen, die den Charakter der Vernissage, die ausgestellte Kunst erstmalig zu betrachten und darüber nachzudenken, verdeutlichen. Einen bedeutenden Raum im Zyklus nehmen immer wieder Schlagzeugklänge und Percussion ein, was angesichts der Schlagzeugvergangenheit "Paules" wohl nicht wirklich verwundert. Es bleibt dennoch erstaunlich, wie vielfältig Paule Fuchs auch diese Klänge, die Tonalität der verschiedenen Schlaginstrumente sowie verschiedene Tempi und Rhythmen einsetzt und daraus ganze harmonische Stücke zaubert, wobei er das Schlagwerk oft mit einigen anderen Tönen unterstreicht und verstärkt. Er deutete an, dass das Brandenburgische Sinfonieorchester sich für eine Orchesteraufführung des Zyklus' interessiert. Völlig zu Recht, denn die "Gemälde einer Vernissage" laden ob der Klangvielfalt geradezu dazu ein, diesen fulminanten Sound einmal mit einem klassischen Orchester darzustellen. Als Fazit für die Uraufführung bleibt: Paule Fuchs hat überaus überzeugend ein geradezu epochales Werk zu überaus ausdrucksstarken Bildern geschaffen und dabei Stilelemente von Pop bis Klassik gekonnt miteinander verwoben. Stück für Stück beeindruckende moderne Musik, die die musikalische Klasse eines Wolfgang "Paule" Fuchs unter Beweis stellte. Ich wünsche, dass das Werk in der Form oft aufgeführt werden kann und eine große Bekanntheit erfährt, da es in außergewöhnlicher Weise zeigt, wie man heute ernsthafte und dennoch hörbare moderne Musik jenseits vom Alltagspop machen kann.

Bitte beachtet auch:
- Plattenbesprechung zu "Gemälde einer Vernissage": HIER klicken.
- Portrait über POND: HIER klicken.



 

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