Klaus Lenz Modern Jazz Big Band live in Berlin am 31. März 2010

 

Bericht: Christian Reder
Fotos: André Serfas
Historisches Bildmaterial: Hartmut Helms (incl. alte Besetzungsliste von 1973)

 


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Am 22. März ist Klaus Lenz 70 Jahre alt geworden. Man mag es kaum glauben, aber es ist wirklich so. Lenz ist einer der ganz Großen in der deutschen Jazz- und Big Band-Szene. Musiker wie Henning Protzmann (Karat, Lift), Reinhard Lakomy, Manfred Krug oder auch Günther Fischer erlernten bei ihm ihr Handwerk. Seit den 50ern ist Lenz bereits als Musiker aktiv, und war bis 1977 DER bekannteste Musiker der DDR Jazz-Szene. 1977 siedelte Lenz in die Bundesrepublik über, wo er noch bis 1980 als Musiker weiter aktiv war. Dann hing er die Musik an den Nagel und arbeitet seit dem als Restaurator. Lange, sehr lange war es still um den großen Jazz-Musiker Klaus Lenz. Zwar erschienen nach 1980 noch Platten und CDs von ihm, sie enthielten aber keine neuen Aufnahmen mehr. 30 Jahre lang wünschten sich seine Fans ein musikalisches Wiedersehen auf irgendeiner Bühne. 30 lange Jahre mussten sie warten, und in diesem Frühjahr ist es endlich soweit: Klaus Lenz kehrt mit einer kleinen Tournee zurück!

Dass das Berliner Publikum überhaupt in den Genuss kam, Klaus Lenz noch einmal aktiv auf der Bühne wirken zu sehen, verdanken sie einem rührigen Privatmann, der eigentlich gar nichts mit der Organisation von Konzerten zu tun hat. Er ist in der "privaten Initiative für Wurzen" aktiv und hatte die Idee, eine Konzertreihe mit Klaus Lenz zu starten. Der Mann heißt Bernd Ganßauge und hat das fast Unmögliche möglich gemacht. Eins kann ich diesem Bericht schon vorwegnehmen: Dafür, dass Ganßauge das zum ersten Mal gemacht hat, ist dieses Konzert perfekt über die Bühne gegangen! Doch der Reihe nach...

Als Veranstaltungsort diente das altehrwürdige Kino "Babylon" an der Rosa-Luxemburg-Straße in Berlin. Sein uriges und rustikales Ambiente ist wie geschaffen für eine Jazz-Mugge dieser Größenordnung. Fototechnisch fand unser Kollege André keine optimalen Bedingungen vor, da man an die Bühne nur von der Seite heran kam und dann meist Noten- und Mikrofonständer vor der Linse hatte. Im Publikumsraum saßen viele bekannte Gesichter, die sich dieses Event nicht nehmen lassen wollten. So sah man neben Reinhard Lakomy z.B. auch die Musiker der Gruppe CITY Klaus Selmke, Fritz Puppel und Toni Krahl. Es war alles angerichtet für einen musikalischen Abend der Extraklasse mit einer gehörigen Portion Nostalgie...

Das Programm begann mit dem Vorwort von Karl Heinz Drechsel. Drechsel moderierte das Konzert an und erzählte etwas über die Geschichte des Jazz in der DDR und über das Wirken von Klaus Lenz. Seine Rede eröffnete er mit der Anmerkung, dass es beeindruckend sei, dass der Veranstalter so viele Rentner auf einmal an einen Ort geholt hat. Diese Anmerkung quittierte das Publikum mit Gelächter. Drechsel erzählte auch, dass Klaus Lenz immer wieder mit neuen Leuten zusammengearbeitet hat: "Wenn Klaus etwas will, dann schafft er das auch. Wenn er es dann hat, will er schnell etwas Neues." In seiner Karriere hat Klaus mit über 100 Musikern zusammen gespielt und gearbeitet. Klaus' Traum von einer "Ost Big Band", mit den besten Musikern des Ostblocks, die sich einmal im Jahr zu einem Konzert treffen sollten, ist leider nie in Erfüllung gegangen. Wer weiß, mit wievielen Leuten mehr er dann zusammen gearbeitet hätte.
Auch über Klaus' Organisationstalent wußte der Moderator etwas zu erzählen. "Früher...", so Drechsel, "...wurde meistens für nur 50 Mark gespielt. Oft auch ohne Gage. Die Big Band reiste mit Fahrzeugen an, die es heute nicht mehr über den TÜV schaffen würden. Wenn ein Auto ausfiel, konnte die Band nicht spielen. Und genau da bewies Klaus sein Organisationstalent, dass die Band trotzdem spielen konnte."
Am Ende seiner Anmoderation vergaß Drechsel nicht, den Veranstalter dieser Konzerte, Bernd Ganßauge, zu erwähnen. Dabei erzählte er, dass Ganßauge das Risiko eingegangen sei und die finanzielle Herausforderung auf sich genommen habe, all die erstklassigen Musiker (incl. Klaus Lenz) auf die Bühne zu holen. Ganßauge sei selbst Fan, komme aus Wurzen und hätte dies alles erst möglich gemacht. Das Publikum spendete dafür reichlich Beifall.

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Mit dem Titel "Afternoon in Berlin" begann der Konzertabend. Nachdem die Band unter dem Applaus des Publikums auf die Bühne kam, startete sie mit diesem Titel ohne Ansage. Zwischen den einzelnen Songs machte Klaus Lenz (später auch Ernst-Ludwig Petrowsky) Ansagen. Er hatte zu den einzelnen Titeln immer eine kleine Geschichte parat, so auch zum Opener, der damals wegen der Vorgabe "von ganz oben" den Weg auf Schallplatte nur mit deutschem Titel gefunden hatte. An anderer Stelle erzählte er von den Lizenzen bei der AMIGA, dass einige Künstler nur eine Lizenz für das Pressen von 3000 Schallplatten bekommen hätten, obwohl man davon durchaus 100.000 Stück hätte verkaufen können. Weitere Songs aus dem Programm folgten, ehe der erste Vokalist auf die Bühne kam. Hansi Klemm sang ein paar Titel, u.a. den Klassiker "Georgia" von Ray Charles. Im Anschluss machte Lenz die Ansage, dass die Trompeter den nächsten Song mit Dämpfer spielen würden, und dass die Einstellung des Tons deshalb etwas dauern würde. Man wolle schließlich keine falschen Töne fabrizieren, denn der WDR würde ja an diesem Abend aufzeichnen. Aus dem Publikumsraum kam dann der Hinweis, dass es sich nicht um den WDR sondern um den RBB handeln würde. Dieser lustige kleine Vauxpas sorgte für einige Lacher.

Etwas später konnte sich Schlagzeuger Tobi Backhaus zeigen. Er sei der "Spezialist für's Lockermachen von Serenaden", was er bei dem Titel "Serenade Mysterioso" von Hubert Katzenbeisser dann eindrucksvoll unter Beweis stellte. Dann war die Zeit für eine der ganz großen Jazz- und Soulsängerinnen unseres Landes gekommen: Uschi Brüning. Sie brachte die Titel "Higher" und "Blues für Camell" perfekt über die Rampe.
Kurz vor der Pause bekam das Publikum noch die Künste des großartigen Conny Bauer zu Gehör. Lenz merkte an, dass Bauer es schafft, auf der Posaune ganz ungewöhnliche Töne zu spielen, die nur ganz wenige andere Musiker auch beherrschen würden. Lenz setzte dazu seine Stimme ein, um eben diese Töne nachzuahmen. Mit dem Song "Night in Tunesia" entließ uns das Orchester in die Pause.

Eine Erholung für's Publikum wäre eigentlich nicht nötig gewesen, aber es gönnte den Musikern die kleine Verschnaufpause von Herzen. Kurze Zeit später ging es dann auch schon weiter im Programm. Klaus Lenz stellte in seiner Anmoderation zum zweiten Teil fest, dass er in der Pause viele bekannte Gesichter entdeckt hätte, die sich im Laufe der Zeit auch sehr verändert haben. Musikalisch ging es mit dem Song "The Preacher", einem echten "Posaunenfeature", weiter. Uschi Brüning kam für den Titel "Reverend Lee" erneut auf die Bühne. Auch Hansi Klemm kam anschließend für weitere gesangliche Vorträge auf die Bühne zurück. Uschi Brüning begrüßte im Anschluss einige anwesende Gäste, die - wie sie sagte - für ihre Karriere sehr wichtig waren. Mit "God Bless The Child" und "The Old New Way", einem Blues im 11/8 Takt, ging es weiter durch das Programm.
Ernst-Ludwig Petrowsky gab dann eine besondere "Geburtstagsüberraschung" bekannt. Er hätte am Tag zuvor Lew Soloff erreicht, der ihm persönlich die Lizenz zum Spielen und Trompeten des Songs "Spinning Wheel" ausgesprochen hätte. Das amüsierte Publikum lachte herzlich und "Spinning Wheel" war der nächste musikalische Höhepunkt des Abends, gesanglich vorgetragen von Hansi Klemm. Beim darauf folgenden Titel "Stormy Monday Blues" glänzte Uschi Brüning mit einem Scat-Gesang, der vom Gitarristen Jarek Smietana mit der Gitarre aufgenommen und mitgespielt bzw. begleitet wurde. Mit dem Song "La Fiesta" wurde der letzte Titel im regulären Programm vorgetragen und Klaus Lenz nebst Orchester wollte sich vom Publikum verabschieden. Tosender Beifall und "Zugabe"-Rufe hatten eben solche auch zur Folge.

Klaus Lenz moderierte die erste Zugabe mit den Worten an, dass er gar nicht viel darüber sagen müsse, da jeder im Saal den Titel kennen würde. Uschi Brüning und Hansi Klemm sangen im Duett den Klassiker "Hi-De-Ho". Erneut gab es Standing Ovations für die beiden Gesangs-Solisten und die Musiker, die Lenz nochmals zu den Worten veranlasste, "Einen spielen wir noch". Im Zusammenspiel mit dem Publikum sang Hansi den Song "Hi-De-Ho" nochmals. Er gab den Refrain vor, das Publikum sang ihn nach. Danach war aber endgültig schluss, und die Musiker verabschiedeten sich vom restlos begeisterten und lange applaudierenden Publikum.

Dieses Berliner Konzert zum 70. Geburtstag von Klaus Lenz hatte alles, was ein Jazz- bzw. Big Band Konzert haben muss. Klaus Lenz, der übrigens den ganzen Abend über sein Instrument an einem Halteriehmen befestigt um den Hals trug, hat von seiner alten Klasse nichts verloren. Er ist immer noch der große Künstler in seinem Genre. Auch 30 Jahre nach seinem freiwilligen Rückzug von der Bühne kann er ein komplettes Konzert spielen und mit seiner Kunst überzeugen. Leider hatte die Tour zu seinem 70. nur ein paar Stationen, z.B. in Dresden, Wurzen, Halle und Berlin. Es bleibt zu hoffen, dass der Meister bei den wenigen Auftritten Lust auf mehr bekommen hat, und somit noch vielen anderen Fans und Interessierten die Möglichkeit bescheren wird, ihn und seine Kollegen in einem Konzert erleben zu dürfen. Es wäre den Menschen zu gönnen! Abschließend noch ein dickes Dankeschön an Bernd Ganßauge, der diese kleine Tour und das Wiedersehen mit Lenz erst möglich gemacht hat. Ohne risikobereite und mutige Initiatoren wie ihn würde es manche musikalische Sternstunde nicht geben!

Das Line-Up auf der Bühne:
Uschi Brüning (voc)
Hugo Read (as, fl)
Ernst-Ludwig Petrowsky (as)
Konrad Körner (ts)
Helmut Forsthoff (ts)
Karola Elßner (bs)
Ralf Zickerick (tb)
Stefan Bohm (tb)
Hermann Anders (tb, comp, arr)
Conny Bauer (tb)
Lev Shpigel (tp)
Ferry Grott (tp, fh)
Gregor Groß (tp, fh)
Jens Winther (tp, fh)
Wolfgang Fiedler (key)
Jarek Smietana (g)
Peter Inagawa (bg)
Tobias Backhaus (dr)
Hans Klemm (voc)
und natürlich
Klaus Lenz (fh, comp, arr, leader)

 


 

Fotoimpressionen:
 
 

   
   
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