"RUSJESÖK" nannte sich das grandiose Werk des bürgerlich als Heinz Ganss geborenen, stimmstarken Brummbären und entstand mit einer auf Einmaligkeit ausgerichteten Begleitband namens DIE FÄDIJE (zu Deutsch: Die Fertigen) und erhielt gesangliche Unterstützung durch rockende Lokalgrößen der Sorte Jürgen Zeltinger, Tommy Engel oder Jane Palmer und Renate Otta, zum damaligen Zeitpunkt Chorladys bei Wolf Maahns "Deserteuren". Die LP erschien im zweiten Halbjahr 1983 bei Jürgen Thürnaus damaligem Musikverlag MAMBO und wurde von WEA (heute: Warner) vertrieben. Obschon "Rusjesök" niemals auch nur in Nuancen an die kommerzielle Reputation von DE PLAAT oder den BLÄCK FÖÖß, geschweige denn der von BAP heranreichen konnte, galten die zwölf unverbrüchlichen Rockstandards, denen King Size Dick und seine musikalischen Unterstützer, mit viel Power, Charme, Witz und Spielfreude neues Leben eingehaucht hatten, schnell als Geheimtipp - überwiegend im Raum Köln, aber auch bei über die gesamte BR Deutschland verteilten Rockgourmets. Folglich avancierte die LP schnell zum viel gesuchten Sammlerstück, das schon seit langem zu horrenden Preisen gehandelt wird und ausschließlich auf speziellen Plattenbörsen, Flohmärkten bzw. in ausgesuchten Zweite-Hand-Läden überhaupt aufzutreiben war. Im CD-Format erschien "Rusjesök" - überwiegend aufgrund der undurchsichtigen Rechte-Lage - vorerst gar nicht. Ein Nachfolgealbum des ‚DICKen' mit DIE FÄDIJE gab es nicht, nur drei Lieder aus der MAMBO-Produktion fanden sich auf der Best-of-Scheibe "Et Bess uss Kölle am Rhing" (1993), die als CD und LP auf den Markt kam. Nun liegt dieses gänzlich zu Unrecht seinerzeit mehrheitlich unbeachtet gebliebene Opus des wohlgenährten Kölschrockers, der kurz nach Weihnachten diesen Jahres seinen 70. Geburtstag feiert, ENDLICH auf CD (SPECTRE Media/Vertrieb:KOCH/Universal/Universal Berlin) vor! Die Vinylfassung hatte sich der Verfasser dieser Zeilen am Ende der Sommerferien, vor dem Start der neunten Klasse, im August 1984, in Hamburg (!) auf dem ‚Wühltisch' des innerstädtischen Fachgeschäfts "Schallplatten am Mönckebrunnen" erworben. Nachdem ich ein Jahr zuvor erstmals BAP gehört hatte, mich sogleich in Musik, Texte und v.a. den Dialekt verliebte, im Frühjahr des ‚Orwell-Jahres' langsam, aber sicher, selbst Kölsch liehrte und daraus folgend als bis dato noch nie enn Kölle am Rhing jewesene Hanseat begann, Mundartlyrik im Sinne Niedeckens und Co. zu verfassen, kam "Rusjesök" gerade recht - obwohl die LP damals bereits ein Jahr auf dem Buckel hatte und in norddeutschen Radiosendern so gut wie gar nicht gespielt wurde. (Den "Club" auf NDR II nehme ich aus diesem unrühmlichen Tun gerne heraus, da dessen Moderatoren, von Günter Fink über Peter Urban bis zu Lutz Ackermann oder Wolf-Dieter Stubel, immer wieder mal eigene Favoriten und weniger Bekanntes aus Rock und Pop im täglichen "Club" auflegten!) King Size Dick zog für "Rusjesök" alle Register. Prall gefüllt mit feurigem Soul, Erdigkeit, Echtheit und Kraft, röhrte sich der Vokalist und Texter durch die zwölf allseits bekannten Oldies, zu denen er "enn d'r Kölsche Verzäll jehaltene Reime jeschrivve hätt" (Übersetzung: zu denen er in kölscher Mundhart gehaltene Reime geschrieben hatte), deren Inhalte allerdings zumeist nichts mit den englischen Originalversen zu tun hatten. 1967 hatten die jugendlichen US-Collegerocker BOX TOPS einen weltweiten Tophit mit dem eingängigen Popsong "The Letter" gelandet, den kurz darauf der britische Bluesbade Joe Cocker fast ebenso erfolgreich als Neuaufnahme veröffentlichte. An dessen bläserbetonte, energetische Auslegung hielten sich King Size Dick & die Fädije bei ihrer Bearbeitung von "The Letter", die nun "Mi Levve" hieß und vorliegendes Album fulminant, aufregend und heißblütig eröffnet. Der freundliche Reggaeohrwurm "Israelites" stammt ursprünglich von dem 2006 verstorbenen Jamaikaner Desmond Dekker und geriet in diversen Ländern der Erde 1968/69 auf die Spitzenränge der jeweiligen Singlehitlisten. Der "allererste Millionenseller des Reggae" (Wikipedia.de) nennt sich bei King Size Dick "Ich weiß Bescheid" und erzählt locker-flockig, aber roher und rockiger arrangiert, als das Original, von einem Spekulanten, Playboy, Dunkelmann und Pseudohelden einer Großstadt, der seine Konten in der Schweiz und einen Spezi im örtlichen Stadtrat sitzen hat, und somit, scheinbar vom Swimmingpool seiner superteuren Villa aus, ohne großartige Leistung, die politischen wie ökonomischen Geschicke seiner Heimatstadt bestimmt: Eine Klasse, so tanzbare, wie ironische Parodie auf den berühmt-berüchtigten "Kölschen Klüngel", die bei heutigem genauen Hinhören an manche Ungereimtheiten (nicht nur) diverser Staatsoberhäupter erinnert. "Mustang-Elli", eine "superschnelle Schoß uss Ihrefeld" (Textzitat), besitzt einen amerikanischen Straßenkreuzer, mit dem sie ihren geschockten Lebenspartner im Eiltempo durch Köln fährt, so dass das lyrische Ich meint, es hätte lieber ein Taxi rufen oder gleich zu Fuß nach Hause gehen sollen, anstatt sich von ‚Ellis' Raserei in die Nähe eines Magenumdrehens bringen zu lassen. Das Original hieß übrigens "Mustang Sally", war 1966 ein veritabler Erfolg für den Detroiter Soulstar Wilson Pickett und kam 1991 im irisch-englischen Musikfilm "The Commitments" erneut zum beim Publikum sehr gefragten Einsatz.
"Rusjesök" lief bei mir in der Vinyl-Ausgabe hauptsächlich in der Ära meiner misslungenen sog. "Ersten Liebe" September/Oktober 1984 im Status der Dauerrotation auf meinem Plattenspieler. Zu einem ‚kritischen Soundtrack' dieses unnötigen emotionalen Vorgangs, vernahm ich unzählig oft "Maach mich nit esu fädich", muttersprachlich: ‚Mache mich nicht so fertig'. Das traf zum einen den Kern der Sache haargenau und stellt darüber hinaus bis heute meinen absoluten Favoriten aus "Rusjesök" dar. Es handelt sich dabei um eine Kölsche Version des rasenden Bluesrockers "Gimme some Loving", mit dem die aus Birmingham stammende, einstige Teenagerband SPENCER DAVIS GROUP, um den charismatischen Soulshouter Steve Winwood, 1966 einen unvergesslichen Chartshit zu erzielen vermochte. "What I'd say" wurde 1959 von US-Soulpianist Ray Charles komponiert und zu einem veritablen Hit. Der bahnbrechende Klassiker des Rhythm'n'Blues nannte sich bei King Size Dick "Mir jeit et jot", zeigte sich als monumentale, Boogie-Woogie-lastige Wohlfühlorgie, zählt aber, aufgrund der eher poppigen, fast soften, radiogerechten Umsetzung zu einem der schwächeren Beiträge von "Rusjesök". Das melancholische "House of the Rising Sun" (1964 rund um den Globus ein immenser Hitparadenstürmer für Eric Burdon & the Animals) erklang ‚op Kölsch', garniert mit der obligatorischen Hammondorgel und defensivem Bluestimbre in der Stimme, als "Huus ohne Sonn". Der fetzige Rocker "Friday on my mind" war im November 1966 ein großer Erfolg für die australische Popband THE EASYBEATS und war im kölschen Kontext "Ets am Friedaach jeit et loss" betitelt. Der hymnische Ohrwurm erzielte bei vielen von uns 80er-Kindern insbesondere in der brachialen 1987er-Neuauflage des irischen Rock- und Bluesgitarristen Gary Moore einen gewissen Beliebtheitsgrad und handelt von einer langweiligen, arbeitsreichen Alltagswoche, in der man es kaum erwarten kann, dass der Freitag das wohlverdiente Partywochenende einleitet. Aufgedonnert, laut, mit kraftvollen Bläsern ausgerüstet, überaus sympathisch und betörend, überführt King Size Dick Elvis' "Jailhouse Rock" schlicht als "Knast-Rock" noh Kölle am Rhing; bis heute DER Fanfavorit aus "Rusjesök", der sich weiterhin im Konzertrepertoire des in seiner Heimatstadt allgegenwärtigen Vollblutmusikers befindet. Die musikalische Zeitreise in die Hochphase von Rock, Soul und Blues endet fetzig, bläserverstärkt, offensiv mit dem so kompakten, wie feist inszenierten Titel "Waat af, ich kumme", den das US-Soul-Duo SAM & DAVE 1966 als "Hold on! I'm coming" auf der ganzen Welt etabliert hatte. "Rusjesök" hatte sich in der Vinyl-Auflage kommerziell keineswegs rentiert. Der Qualität der Songkollektion tat und tut dies keinen Abbruch. Zudem beweist das Album, dass die wahre kreative Passion von King Size Dick, der Zeit seines Lebens auch Karnevalslieder, Schlager, Stimmungssongs, klassische, wie moderne Weihnachtsmelodien und sogar hochdeutschen Hardrock (im Verbund mit Heavy-Gitarrist Axel Parche als "Dick & Alex") gesungen hatte, eindeutig hörbar bei traditionellem Rock und Blues zu finden ist. Nachdem nun die meisten der bekannten einstigen Vinyl-Aufnahmen als CD, oft mit Bonusmaterial, Maxiversionen, raren Titeln oder altehrwürdigen Musikvideos und Konzertmitschnitten auf beigefügten DVDs angereichert, erhältlich sind, ist es für Zeitzeugen und Sammler immer wieder ein reines Vergnügen, wenn sich das eine oder andere Label dazu entschließt, auch weniger geläufige, aber wohlklingende Aufnahmen aus früheren Tagen oft erstmals überhaupt im CD-Rahmen aufzulegen. SPECTRE Media sei daher herzlich dafür gedankt, dass die kleine Firma aus Nordrhein-Westfalen dies im Falle von "Rusjesök" möglich gemacht hat! (Holger Stürenburg)
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