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Barbara Clear
 
 
 
Der Song "So 'ne kleine Frau" von der Gruppe SILLY beschreibt im Text, was eine einzige Frau im Leben alles leistet, welch beeindruckende Schaffenskraft in ihr steckt und was sie am Ende "des Tages" vollbracht hat. Ebenso beeindruckend wie die Frau in dem SILLY-Song ist die Leistung von Barbara Clear. Die Frau aus Bayern ist ein regelrechtes "Ein-Frau-Unternehmen". Wo viele Künstler einen Stab an Mitarbeitern um sich scharen, und am Ende wirklich die ganze anstehende Arbeit auf viele Köpfe verteilt wird, gibt es bei Barbara Clear nur einen Kopf auf den alle Arbeiten verteilt werden können. Sie macht tatsächlich ALLES alleine! Sie ist Sängerin, Komponistin, Texterin, Managerin, Crew und Band in einem. Diese "kleine Frau" hat es vor ein paar Jahren geschafft, die Münchener Olympiahalle zu buchen, und diese ohne großes Buget für Werbung und Promotion zu füllen. Beeindruckend, nicht wahr? Es gibt aber noch viel mehr Beeindruckendes bei Barbara Clear zu entdecken. Wir trafen uns mit ihr zu einem Gespräch über ihre Karriere, Pläne und Ziele. Zwischen einer laufenden Tournee und viel Arbeit nebenbei fand sie doch Zeit, für Euch ein Interview zu geben...
 

 

Hallo Barbara, ich freue mich, Dich als Gast des Monats in unserem Magazin begrüßen zu dürfen. Hast Du Dir schon mal unser Magazin angeschaut? Weißt Du, was Dich erwartet?
In etwa.
 
 

Wir haben Dein aktuelles Album "Steh auf" auch schon ausführlich bei uns vorgestellt. Bitte erzähl uns doch etwas darüber, wie die CD entstanden ist, und welche Ideen Du in Deiner Musik verarbeitet hast.
Zum ersten mal habe ich eine CD komplett in deutscher Sprache und ausschließlich mit eigenen Titeln aufgenommen. Es sollten möglichst viele Facetten vertreten sein, die das Leben aus- und interessant machen. Auf einem solchen Album ist Platz für Verträumtes und Rebellisches, für Politisches und Poetisches, aber auch Alltägliches und Lustiges. Beim Arbeiten am Titel "Die Zeckennation" war ich fasziniert, wie so ein typischer "Clear-Song" mit Stimme und Gitarre mit komplettem Bandarrangement lebt. Mit Thomas Langer aus dem Rodgau hatte ich zunächst geplant, nur die Zeckennation "radioformattauglich" zu arrangieren, um mit diesem Thema auch mal die großen Radioformate anzugehen. Aus purer Spielfreude haben wir uns dann spontan entschlossen, auch die restlichen Titel für das Album zu arrangieren. So kam es zu einem Album, auf dem jeweils beide Versionen der Songs - solo und mit Band - zu hören sind.

 

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Passend dazu gibt es auch derzeit die "Kulleraugen-Tour", die noch bis 2009 andauert. Premiere der Tour war im Juli in Landshut. Wie zufrieden bist Du bis jetzt mit dem Zuspruch der Leute?
Sehr zufrieden. Ein erwachsener Mensch ist heutzutage nicht mehr so einfach zum Staunen zu bringen. Mit meiner Kulleraugen-Tour habe ich genau diese Ambition. Mit großem Aufwand werden auf der Bühne meine Gemälde mittels Computeranimationen und Beamern auf Stoffbahnen projeziert und so zusammen mit meiner Musik zum Leben erweckt. Die Menschen im Publikum machen im wahrsten Sinne des Wortes "Große Augen". Dieses Ereignis zieht immer größere Kreise, es spricht sich herum und immer mehr werden auf diese Konzerte aufmerksam.

 

Die Single-Auskopplung "Zeckennation" ist sehr kritisch. Für die, die den Song und die dahinter stehende Aktion noch nicht kennen, worum geht es, und was ist die Idee dahinter?
Der Song "Die Zeckennation" gibt das wieder, was tagtäglich passiert. Von Politik und Wirtschaft wird über die Medien ein positives Szenario in diesem Land dargestellt, das real nicht existiert. Tatsächlich leben rund 14 Millionen an der Armutsgrenze, wir haben rund sieben Millionen Hartz-IV-Empfänger und viele Millionen Menschen arbeiten in einem Beschäftigungsverhältnis, in dem sie mit ihrer Arbeit nicht das Geld verdienen, um halbwegs ansprechend leben zu können. Auf der anderen Seite werden die Menschen immer mehr ausgebeutet, ohne daß sie sich wehren können, sei's durch immer mehr und höhere Steuern, sei's durch willkürliche und persönlich-profitorientierte Preiserhöhungen von überlebensnotwendigen Dingen und so weiter. Das ist zynisch und menschenverachtend, auch deswegen, weil die "Macher" obendrein die Menschen anlügen. Das ist meine Meinung, und seine Meinung darf man in diesem Land noch äußern, und so entstand das Lied "Die Zeckennation".

 

Pro verkaufter CD geht ein Euro an die Tafeln, richtig?
An den Bundesverband der Tafeln, richtig. Wenn man sich mal anschaut, wie rasant die Anzahl der Tafeln in Deutschland in den letzten Jahren angestiegen ist, wieviele Menschen in Schlangen tagtäglich dort stehen, um wenigstens ab und zu mal was Warmes essen zu können, kann man sehen, wo der "Aufschwung" real zu erleben ist.

 

Eine schöne Idee. Warum hast Du Dir dafür diese Organisation ausgesucht?
Die Tafeln verwerten u.a. Lebensmitteln, die übrig bleiben, was sonst weggeworfen werden würde, weil es nicht mehr verkauft werden kann. Schon das ist für mich ein Grund, die Tafeln zu unterstützen. Und sie schaffen damit eine Überlebensplattform hier in unserem hochentwickelten Deutschland für viele Millionen Menschen, denen das wenige Geld, das sie haben, nicht mehr zum Leben reicht. Das sind zum Teil Rentner, alleinerziehende Mütter und Väter oder auch Menschen, die für so niedrige Löhne arbeiten, daß sie nur mit Hilfe der Tafeln über die Runden kommen.

 

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Gehen wir in der Zeit mal etwas weiter zurück: Wie bist Du zur Musik gekommen? Was waren die ersten Berührungspunkte?
Ich habe in meiner Heimatstadt Oberursel mit 11 Jahren auf der VHS einen Gitarrenkurs besucht und ich hatte das Glück mit Ralph Danielowitz einen sehr fähigen Lehrer bekommen zu haben, der mir nicht nur Gitarre spielen beibrachte, sondern auch die Freude an der Musik. Wir haben dann später viele Jahre gemeinsam mit dem Iren Dave Meany als Trio Auftritte gespielt. Dave hat viele meiner Songs in englisch gemeinsam mit mir getextet, ein wirklich guter Songwriter. 1983 habe ich mein Abi gemacht und bis 1992 mit verschiedenen Jobs meine Musik finanziert.

 

Und seit wann stand für Dich fest, dass Du das mal professionell machen möchtest?
1993, als ich für immer das Taxi stehen ließ und mir gesagt habe, bisher habe ich mit Jobs meine Musik finanziert, jetzt finanziert die Musik mein Leben.

 

Hast Du neben der Musik auch einen anderen Beruf erlernt?
Nein, nach meinem Abi wollte ich Biologie studieren, aber die Musik war stärker. Allerdings habe ich nahezu alle Berufe mittlerweile in diese Branche "erlernt" bzw. erlernen müssen, wenn man seinen Weg autonom geht: Konzertveranstalter, Fernfahrer, Produzent, Texter, Komponist, Roady, Sound-und Bühnen-Techniker, Buchhalter, Kaufmann, Musiker.

 

Es ist bei Barbara Clear so, dass sie ohne Plattenfirma, ohne aufgeblähtes Management und ohne PR-Agentur im Rücken ihren Weg geht. War das auch von Anfang an so gewollt oder hat sich das so ergeben?
Es war wohl ein gesundes Bauchgefühl, das mir mein Leben lang signalisiert hat, was gut für mich und meine Musik ist.

 

Wann genau hat das "Projekt Clear" angefangen? Was war Dein erstes Konzert und was Deine erste Veröffentlichung?
Das "Projekt Clear", wie man es heute erleben kann, begann Ende 2000. Ich traf eine Entscheidung: "Ab-Heute-Nur-Noch-Konzerte". Alles, was ich als Musikerin bis dahin machte, diente dazu, meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber was hat man davon, wenn man essen, trinken und wohnen kann, die Visionen und Träume, die man in sich trägt, aber unter einem Berg von Existenzängsten und Konventionen verschüttet sind, und man niemals der inneren Stimme folgt - man geht kaputt, als Mensch und als Musiker. Mit dieser Entscheidung stellt man schnell fest, daß man voll und ganz auf seine Bestimmung vertrauen und alle Sicherheiten über Bord werfen muß. Mein erstes eigenes Album veröffentlichte ich 1993 mit dem Titel "Wings of Fantasy". Meín erstes selbst organisiertes Konzert spielte ich im Dezember 2000 in Spiegelau, einem kleinen Ort im tiefsten Bayerischen Wald vor ca 100 Zuhörern.

 

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Legendär waren Deine Konzerte in der Münchener Olympiahalle, speziell das im Jahre 2004. Du hast die Halle selbst angemietet und die ganze PR für diesen Auftritt über mehrere Jahre selbst in die Hand genommen. Das Ergebnis waren 8000 Besucher bei dem Konzert. Was ging an dem Abend in Dir vor?
Pure Lebensfreude! Mit jeder Faser meines Körpers spührte ich, daß ich etwas wirklich richtig Gutes und ganz Großes gemacht habe.

 

Dieses Konzert war eines aus der Tournee "Zwergenaufstand-Tour". Am Ende hattest Du 120000 Besucher auf dieser Tournee. Das ist ganz schön beeindruckend. Gibt es in Deiner Fangemeinde auch organisierte Clubs?
Nein. Es gibt ein oder zwei kleine, lockere Fangruppierungen. Mein Publikum besteht aus erwachsenen Menschen, die gruppieren sich nicht wegen einer Musik respektive Musikerin.

 

Solche Mammut-Projekte plant man ja nicht zwischen Frühstück und Mittagessen. Wann reifte diese Idee in Dir und wann wurde sie letztlich spruchreif?
Nach einem Auftritt, irgendwann Anfang 2001, fragte mich mein Lebensgefährte, wie viele Menschen ich bis dahin denn schon begeistert haben müßte, und ich sagte: "Die würden die Olympiahalle leicht füllen." Ralph war für ca.30 Secunden ganz still und sagte dann: "Das ist eine verdammt gute Idee". So war die Idee geboren. Etwa eine Woche später war das Konzept durchdacht und wir riefen die Olympiahalle an, um sie zu mieten.

 

Ich sagte es bereits: Du hast das alles selbst organisiert. Hattest Du dabei jemanden an der Seite, der Dich unterstützt hat, oder Dir vielleicht Arbeiten abgenommen hat?
Ja, Ralph, mein Lebensgefährte. Wir machen auch heute noch alles zu zweit.

 

Wie lief die Werbung für dieses Konzert genau ab? Viel Geld für deutschlandweite Promotion hat man sicher nicht gehabt, oder?
Wir hatten überhaupt kein Geld. Zweieinhalb Jahre habe ich Konzerte gespielt und gespielt, und überall, wo ich hin kam, habe ich die Menschen mit meiner Musik so überzeugt und so mit meiner Idee beseelt, daß sie am Ende bereit waren, viele 100 Kilometer zu diesem einzigartigen Konzert zu reisen.

 

Davor und auch kurz danach gab es einen immens großen Medienwirbel um Deine Person…. deutschlandweit!!! Rückblickend auf diese ganze Zeit: Was hat dieses ganze Spektakel Deiner Karriere als Musikerin gebracht?
Meine Aktionen haben mich bekannt gemacht, die Menschen sind neugierig und interessieren sich für diese kleine Frau, die mit Gitarre und ihrer Stimme im Alleingang solch einen Weg geht. Das hat mir die Basis gegeben für eine langfristige Akzeptanz bei den Menschen als Musikerin, die, wenn es um ihre Musik geht, sich auf keine Kompromisse einläßt, und mit extremem Einsatz zeigt, wofür Musik steht, die die Menschen berühren kann. Mein Erfolg misst sich nicht in Verkaufszahlen und irgendwelchen Chartplatzierungen, sondern daran, daß alles was ich mache, in einer 100%igen Freiheit passiert. Ich kann alles ablehnen, was ich nicht will, oder versuchen, alles zu machen, was ich will. So kann ich wie kein anderer Künstler selbst entscheiden, in welchen Formaten oder Konzerthallen ich auftreten will. Ich brauche mich nicht anzubiedern, auch nicht irgendeinen "Affen machen" in einem durchgeknallten Videoclip, den sich irgendein Marketing-Manager ausgedacht hat, oder in einem der Fernsehformate auftauchen, in denen zu musikalischem Playback-Plastik man eine aufwändige Grimassen-Akrobatik aufbieten muß, um zu zeigen, wie intensiv und wichtig man das meint, was da man von sich gibt. Und ich habe mit der Business-Welt der Musikindustrie nichts zu tun, das ist sehr angenehm, allerdings verursacht das auch den einzigen Nachteil, weil man auf sich allein gestellt ist: Ich habe gewaltig viel Arbeit, die getan werden muß, aber diesen Nachteil nehme ich gern in Kauf, weil ich weiß, wofür ich arbeite und lebe.

 

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War dieses Medieninteresse ein ECHTES Interesse an Dir und Deiner Musik, oder glaubst Du, es war eher die "Sensation" dahinter, die die Pressevertreter haben wach werden lassen?
Es ging nur um die Sensation.

 

In all den Jahren, in denen Du jetzt aktiv bist, ist da nie irgendwer von einem großen Label an Dich heran getreten und wollte Dich vielleicht unter Vertrag nehmen? Gerade nach München war das Medieninteresse ja nun auch da...
Ich glaube, alle waren sie hinter der Frau her, die plötzlich bekannt war. Aber es ging nur um den Bekanntheitsgrad und damit verbunden die Profitaussichten, die Frau, Musikerin und ihre Musik waren ihnen gleichgültig.

 

Wenn man Dir morgen die Gelegenheit geben würde, mit einem Musikerkollegen Deiner Wahl einen Song gemeinsam zu produzieren, wer wäre das?
Peter Gabriel.

 

Welche CDs und Platten stehen bei Dir zu Hause im Schrank?
Viele, aber sie stehen dort im wahrsten Sinne der Worte. Ich habe keine Zeit, mir die Platten anzuhören.

 

Bei uns auf der Seite gab es zuletzt eine Abstimmung nach dem beliebtesten deutschsprachigen Titel oder englischsprachigen Titel eines Deutschen Künstlers. Wer würde bei Dir auf den ersten Plätzen landen?
Die Ärzte: "Wie du wieder aussiehst!"

 

Ich fragte gerade nach CDs und Platten... dabei scheint MP3 ja DAS Medium der neuen Generation zu sein. Was hältst Du persönlich von diesem Format und dieser Entwicklung?
MP3 ist bequem, einem Radiosender mal schnell 'nen Song rüberzuschicken, aber ansonsten geht die Identifikation mit dem Künstler verloren, der Künstler und seine Musik werden wertloser und schnelllebiger wie alles, was über Internet bzw. körperlos zu holen ist. Mit einer CD oder Platte nehmen die Menschen einen Teil des Künstlers mit, deswegen verkaufen sich CDs auch über Live-Konzerte.

 

Was liegt demnächst bei Dir an? Gibt es schon Pläne für die Zukunft?
Ich habe in den letzten vier Jahren viel angezettelt, im Moment nimmt mich meine "Kulleraugen"-Tour und alles, was daran hängt, so in Anspruch, daß ich danach erstmal ein wenig Pause und Urlaub machen werde.

 

Barbara, ich danke Dir für dieses Gespräch.

 

 

Interview: Christian Reder
Bearbeitung: kf, cr
Fotos: Pressematerial und Privatarchiv Barbara Clear

 


   
   
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