Angelika Mann
 
"Die Lütte"
 
Interview vom 1. Dezember 2007
 
 
Weihnachten, die Zeit in der unser heutiger Gast des Monats zum Superstar der Jüngsten wird, beginnt dieses Jahr etwas früher. Denn ANGELIKA MANN - die „LÜTTE“ - bescherte uns in ihrer liebenswerten Art einen Einblick in ihre Geschichte und Geschichten. Selten trifft der Spruch „Kleine Frau – ganz groß!“ so sehr zu, wie für Angelika Mann. Warum das so ist, werdet Ihr nach dem folgenden ausführlichen Interview sicher besser verstehen. Ein paar Bemerkungen seien an dieser Stelle vorweggestellt. Einige Passagen wurden bewusst im O-Ton wiedergegeben. Es ist nahezu unbeschreiblich, wie Angelika Mann allein durch ihre Sprechstimme mit wenigen Worten Gefühle und Stimmungen ausdrücken kann! Wenn die „Lütte“ in angenehmen Erinnerungen schwelgt, wird ihre Sprache schnell und sie berlinert, det et eene Freude is wa!? Spricht sie über ernstere Themen, kann ihre Stimme sehr nachdenklich klingen. In unserem langen Gespräch gab es immer wieder Momente, in denen Angelika Mann mich direkt in ihre Gedankengänge mitnahm. Eine unbeschreiblich emotionale Atmosphäre, die ich versucht habe, naturgetreu wiederzugeben, indem ich ihre Gedankengänge nicht zu Sätzen ausformuliert, sondern so wiedergegeben habe, wie sie ausgesprochen wurden. Das Gespräch mit Angelika Mann hat sie mir als bescheidenen, klugen, humorvollen und liebenswerten aber auch ernsten und nachdenklichen Menschen vermittelt. Wie man das in wenigen Worten wiedergeben soll...? Den Versuch kann man nachstehend lesen. Zweimaliges Lesen kann helfen, meine Eindrücke nachvollzuvollziehen. Aber eins kann dieses Interview keinesfalls wiedergeben, sondern lediglich beschreiben: Die lustig funkelnden, jungen, wachen Augen einer wunderbaren Frau, wie ich sie bei Angelika Mann habe sehen können. Berlin an einem Novembernachmittag in einer ganz normalen Berliner Wohngegend. Ich bin aufgeregt wie ein Kind an Heilig Abend, denn in wenigen Minuten darf ich mich mit einer Sängerin unterhalten, die für mich zu den wirklichen Stars des Ostrocks zählt. Vor 30 Jahren begeisterte mich ihre Musik. Jedes Wort glaubte man ihr. Nebenbei gab's Nachhilfe in moderner Musik, denn kaum jemand war in so vielen Stilen zu Hause wie sie und brachte sie auch dem Publikum erfolgreich nahe. Dazu eine Stimme, die ich noch heute zu den besten zähle, die der Ostrock je hatte. Dass sie einer halben Elterngeneration die Kindererziehung gelegentlich für eine halbe Stunde abnahm, dafür danke sicher nicht nur ich ihr. Und man konnte sein Kind keiner Besseren anvertrauen, vermittelten doch ihre Kinderlieder tiefe Weisheit kindgerecht verpackt, die Eltern ihren Kindern so schwer vermitteln können. Mittlerweile zählt sie in wieder neuen Rollen zum Besten, was die deutschsprachige Musik zu bieten hat. Was immer sie anging, sie blieb authentisch, frei von Allüren und liebenswert, auch wenn sie ob dessen was sie erlebt und bewegt hat, eine Diva hätte sein müssen. Da kommt ein Auto die Straße hinauf. Daraus winkt mir jemand zu, steht unversehens vor mir und fragt: "Haben Sie schon geklingelt? Warten Sie schon lange?". Damit ist alle Anspannung wie weggeblasen, aber das Gefühl, jemandem ganz besonderen gegenüberzustehen, blitzt auf. Gerade wegen dieser ungekünstelten Natürlichkeit. Fünf Minuten später sitzen wir am Tisch bei Kaffee und Kuchen, unterhalten uns über dies und das, bis Angelika Mann die Zeit einfällt. Denn die ist begrenzt, da sie am Abend am anderen Ende Berlins noch einen Termin hat. Also wird es höchste Zeit für unser Interview.
 

 
Wie kamen Sie zu Ihrem Ausbildungsberuf in der Apotheke?
Apothekenfacharbeiterin hieß das damals. Wie das heute heißt, weiß ich gar nicht. Ich musste ja wie jeder andere auch einen ordentlichen Beruf lernen. Ich hatte eine Freundin, die in einer Apotheke gearbeitet hat, und da dachte ich „Ach, wenn wir beede da schön zusammen sind, das ist ja toll!“ (lacht – schade das man beim schreiben die veränderte Stimme nicht wiedergeben kann ...). Das war also, sagen wir, mehr eine praktische Angelegenheit. Wobei man sagen muss – ich hab mich immer für Medizin interessiert. Ich komme aus einem Medizinerhaushalt. Das ist schon meine Strecke. Und wenn die künstlerische Seite nicht so hervorgetreten wäre, wäre ich sicher in einen medizinischen Beruf gegangen. Mein Vater verlangte auch eine richtige Ausbildung. Und das hab ich dann auch gemacht. (wechselt wieder die Stimme) Apotheke „Berliner Bär“ am Straussberger Platz. Da hatte ich jeden Tag den schönen Brunnen vor der Nase, es war mitten in der Stadt. Schräg gegenüber war die „Mokka-Milch-Eisbar“ von Thomas Natschinski. Das war alles ganz in Ordnung. Nach der Lehre arbeitete ich noch kurz im Hedwig-Krankenhaus. Aber dann bin ich doch ziemlich schnell von all dem weg, weil es irgendwie doch nicht meine Welt war.

Die war die Musik. Wie wurde Angelika Mann zum Musikstar und zur „Lütten“?
Die Lütte bin ich ja schon immer, weil ich eben nicht so lang bin. Und die Musik hat mich auch schon immer begeistert. Ich war oft im Saalbau Friedrichshain. Da hat oft eine super Band gespielt. Ich glaube die hießen „Baptett Berlin“. Achim Mentzel hat gesungen, Konrad Körner Saxophon gespielt, Armin Baptist saß am Klavier und die ganzen damals berühmten Leute, die tolle Musiker waren, spielten da... Und wenn die Veranstaltungen zu Ende waren, hab ich mich immer mal ans Klavier gesetzt, und ein bisschen gespielt. Irgendwann hat Conny Körner dann gesagt: "Du musst zur Musikschule Friedrichshain gehen, das ist für Dich das Richtige!" Also Conny Körner, der berühmte Saxophonist und bis letztes Jahr noch Professor an der Leipziger Musikhochschule, hat mich auf die Idee gebracht und mir viel Mut gemacht. Ich hab dann da eine Aufnahmeprüfung gemacht und bin auch sofort genommen worden. Ich war die einzige Frau in der Tanzmusiksektion. Ansonsten waren da einige heute recht bekannte Namen. Halb City, Toni Krahl, Klaus Selmke und Fritze Puppel, dann der tolle Gitarrist Eberhardt Klunker... Neumi Neumann kam - glaub ich - später. Uli Swillms war da. Und Uli Gumpert. War ne lustige Zeit (lacht). Manchmal haben wir gar keinen Unterricht gemacht, sondern sind mit unseren Lehrern gleich irgendwo eingekehrt (Kommt das dem einen oder anderen nicht irgendwie bekannt vor? Eventuelle Übereinstimmungen sind zweifelsfrei gewollt *ggg*– Anm. d. Verf.) Und ich war immer mitten drin.

Resultierten aus dieser Zeit die ersten Auftritte mit den großen Namen wie Uschi Brüning, Klaus Lenz, Manfred Krug?
Ne, ne... Das ist noch davor. Im Saalbau Friedrichshain habe ich ja wie gesagt immer mal Klavier gespielt. Und dabei haben mich Musikanten von der Peter-Hanisch-Combo, einer Berliner Amateurband, gehört. Die sprachen mich an, ob ich nicht in der Band Klavier spielen will. Von Singen war noch keine Rede, auch wenn ich das gewollt hätte. Die hatten bereits eine Sängerin, die hieß Brigitte und war auch gut, brauchten aber eine Pianistin. Dann hab ich das eben gemacht. Ich hatte da so 'ne ganz fürchterlich kleene Orgel, die man eigentlich auch oft nicht gehört hat, aber ich hab trotzdem hemmungslos da reingehau'n (lacht). („Lütte“ erzählt solche Begebenheiten in schönstem Berliner Dialekt. Hier hat sie eigentlich „rinjehaun“. Wenn sie diese Begebenheiten erzählt, dann ist sie gedanklich selbst an ihrer Orgel von damals und man sieht sie in die Tasten hauen. - Anm. d. Verf.) Ich hab dann auch ziemlich schnell die musikalische Leitung der Band übernommen. Zum Beispiel Christian Schmidt, ein begnadeter Sänger, den habe ich praktisch entdeckt. Erzählt er selbst immer. Er kam aus einem Pfarrershaushalt und sang wie Joe Cocker (lacht). Wir haben ein Probesingen gemacht und er war dabei. Wir sind dann viele Jahre miteinander durch die Lande gezogen. Er konnte prima intonieren, hatte Stimme ... Hat viel Spaß gemacht. Dann war ich auch schon an der Musikschule und die Band hieß mittlerweile „Medoc“. Wir haben in der ganzen Republik zum Tanz gespielt und hatten eine richtige Fangemeinde. Die sind uns teilweise hinterhergezogen. Ob wir in Rostock oder Suhl gespielt haben, die Säle waren voll. Die Leute haben uns gefeiert. Ich hab es mehr als einmal erlebt, dass die mich auf den Schultern durch den Saal getragen haben. Zum Beispiel an Döbeln kann ich mich noch gut erinnern. Weil ich Janis Joplin gesungen hatte. Das war damals schon was Besonderes. Im Süden gab's da soweit ich weiss, noch Chistiane Uffholz. Sonst wüsste ich gerade keine, die sich Janis Joplin a capella getraut hat (lacht). Dann hatten wir die große Ehre in der „Großen Melodie“ zu spielen. Montags war die „Große Melodie“ DER Treffpunkt der Musikszene der DDR. Jeden Montag war die "Melodie" angesagt und man konnte Biermann, Manne Krug, Gipsy, Friedhelm Schönfeld, Nina Hagen, die war damals 16, 17 oder Uschi Brüning und so weiter begegnen ... Wir durften da jedenfalls als „Medoc“ spielen, weil irgendwie Modern Soul ausgefallen war. Das waren so die höheren Weihen. Ich weiß noch, Neumi Neumann, der war damals 18 oder so, sprang immer um mich 'rum und rief: "Lütte Du hast'et geschafft! Du spielst in der Großen Melodie." (lacht) Da sprach Lenz mich dann an. Wir spielten noch zusammen im Eisenbahner-Kulturhaus bis er mir dann anbot: „Pass ma uff, wir machen wieder 'ne große Tournee mit der Uschi. Willste nich mitkommen als Backgroundsängerin? Du singst jut. Du bist stimmlich und rhythmisch toll.“ Ja...! (holt tief Luft) Dann bin ich natürlich... det war wie Hollywood. So ungefähr. Wenn Klaus Lenz einen fragte, ob man mitmacht... Ne höhere Ehre gab's eigentlich zu der Zeit nicht in der DDR. Lenz war der absolute Papst, wenn man auf gute Musik stand. Und dann Uschi Brüning, die ich unglaublich verehrt habe. Ich weiß noch, an dem Abend: Uschi Brüning hatte so ihren Arm um mich gelegt... Ich dachte nur: 'So berühmte Leute kennen dich und wollen dass du mit ihnen arbeitest.' Ich war wie im siebten Himmel. (lacht) Von da an ging's dann richtig los.

Für viele tauchte Angelika Mann als Sängerin das erste Mal bewusst bei dem Reinhardt Lakomy Ensemble auf. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Uschi sang noch im Chor bei Lakomy. Da sang auch Nina, die aber ausgestiegen war. Sie machte eh immer mal dies und das, probierte sich vielfach aus. So fragte Lakomy mich, ob ich nicht in den Chor einsteigen möchte. Erst hab ich mich ein wenig geziert. So: „Ich hab ja 'ne eigene Band und ich bin ja Solistin... möchte ja gerne singen und so...“. Aber er hat mich dann doch überredet, und es hat mir auch gefallen. Wir haben viel im Funk gemacht. Background für Schlager. Andreas Holm, Thomas Lück und Aurora Lacasa und Schöbel und wie sie so alle hießen... und das war schon toll. Das hat mir gefallen. Wir haben nächtelang Background für die Schlagersendungen gemacht. Abends um 8 ging's los bis früh um 4... Ich hör mir das heute gelegentlich noch an. Wenn ich so alte Sachen höre, kann ich meine Stimme sofort erkennen und könnte glatt mitsingen. Das war die beste Schule, die ich haben konnte. Was man in einem Backgroundchor lernt, kann einem kein Gesangslehrer beibringen. Man muss blattsicher, absolut intonationssicher und rhythmisch sein, man muss seine Stimme anpassen können, man muss sehr diszipliniert singen, sich unterordnen, dem Solisten dienen. Und das ist eine ganz tolle Schule. Übrigens singt meine Tochter Ulrike im Popchor Teltow Fläming und bei Vroni Fischer im Background. Das finde ich prima, weil besser kann man Singen nicht lernen.

Da waren Sie nun im Lakomy Ensemble. Viele von Lackys großen Erfolgen sind ohne Angelika Manns Stimme einfach undenkbar. Wie ging das weiter?
Nach und nach stiegen die anderen Frauenstimmen aus dem Ensemble aus. Wir waren unheimlich viel auf Tour. Jahrelang. Wir hatten so viel zu tun, da träumt man ja heute nur noch von. Singen konnte ich ja einigermaßen, so dass niemand neue Sänger suchen musste. Und so war ich dann oft die Stimme zu Lackys Liedern oder seine Duettpartnerin. Die Lieder damals waren schon schön. Die Texte vor allem von Fred Gertz waren gut, die Lieder eigentlich immer überall bekannt. Dazu die verschiedenen Richtungen... Ich hab vieles gern gesungen und das kam wohl so auch rüber. Irgendwann hatte Lacky die Nase voll von dem Stress. Ihm war der Rummel wohl zu viel. Immer angesprochen zu werden, immer unterwegs zu sein, der ganze Ruhm, der ihn ja umgab, ging ihm wohl ein bisschen auf den Keks. Er wollte irgendwann lieber zu Hause seine Musik komponieren, sich ausprobieren und entwickeln. Das kann ich ganz gut verstehen. Ein Künstler muss sich entwickeln. Da war ich nun und musste zusehen, wie es allein weitergeht (1977 – Anm. d. Verf.). Zunächst gab es Angelika Mann und Band mit Micha Kuhs, Nico Hollmann (schrieb u.a. Schmusen auf dem Flur für Petra Zieger - Anm. d. Verf.), Ecke Krämer. Eines Tages rief mich Lacky an: "Lütte, ich hab DIE Band gehört! Die musst Du haben!" Er hatte Obelisk auf der Werkstattwoche der Jugendtanzmusik gesehen, Andreas Bicking kennen gelernt und war begeistert. Kurz danach hab ich Andreas persönlich kennen gelernt. Das war sozusagen Liebe auf den ersten Blick. Es stimmte einfach zwischen uns. Da hatte ich auf einmal eine Sachsenband! (lacht) 'Ne Laipscher Bänd... Aber auch das war nicht so einfach. Die Jungs studierten in Leipzig und ich war in Berlin. Das ging so nun gar nicht, weil kaum das gemeinsame Spielen zu organisieren war, geschweige denn Proben und andere Termine. Mit Hilfe von Moni, Lakomys Frau, die sich doll engagiert hat, schafften wir es, die Jungs zum Studium von Leipzig nach Berlin zu holen. Da hatte ich plötzlich 'ne richtig tolle Band. Die Jungs waren richtig gut. Fred Gertz schrieb weiter die Texte und zunehmend Bicking die Kompositionen. Mit 19 hat der mir das Lied „Was treibt mich nur“, was ja meine Lebensgeschichte ist, geschrieben... da war der 19 Jahre alt... das waren 6 Strophen, das ist schon phänomenal, was der da gemacht hat... Wir haben hart gearbeitet. Lieder von Lacky, dann von Andreas Bicking mit Texten von Fred Gertz. Das war 'ne schöne Zeit. Und uns haben viele geholfen... Zum Beispiel zur Einstufung. (lacht) Da sind wir angetreten mit dem Instrumentarium von Franz Bartzsch, der uns die Keyboards gestellt hat, der Lichtanlage von Karat, die auch von deren Technikern schön eingerichtet wurde und Vronis Techniker, der Flicky, der das alles dann steuerte. So konnten wir 'ne richtig tolle Einstufung, musste man damals ja, machen. War schon toll, wie wir uns auch untereinander geholfen haben. (An dieser Stelle sei Lüttes Westi gegrüßt, der diese Aussage mit 3-fachem Bellen bestätigte, auch wenn es ihn damals noch gar nicht gab... Angelika Mann hatte Lilli diese Äußerung untersagt, weil man die eh nicht hören könne, was ich hiermit versucht habe, zu ändern. - d. Verf.) Da hatte ich dann Obelisk und das ging auch einige Jahre sehr gut. Unser Problem begann da, wo einem die Leute absprangen, wenn sie das Angebot bekamen, bei einer Band zu spielen, die reisen durfte.

Lütte durfte nicht ... ?
Nee, ne, ne ... Mit Obelisk durfte ich quasi überhaupt nicht ins Ausland. Gerade mal bis in die ruhmreiche Sowjetunion haben wir es geschafft. Im Nachhinein betrachtet, darf ich wohl sagen, ich bin immer etwas stiefmütterlich behandelt worden. Vielleicht hab ich mich nicht genug vorgedrängelt, oder was weiß ich – jedenfalls konnte Obelisk weit weniger reisen als andere Gruppen und wir hatten ja auch nur die eine LP bei Amiga. Als die raus kam hat ein Kritiker, ich glaube Stefan Lasch, geschrieben: "Verglichen mit anderen war die Lütte einfach mal dran." Irgendwie hatte er sogar Recht. Woran das lag weiß ich auch nicht so Recht. Zunächst war ich ja beim Lakomy Ensemble, da war Lacky der große Zampano, ich ein bisschen Anhängsel, dann hab ich's allein versucht und auch mit Obelisk war Angelika Mann nicht die Nummer, die ganz oben in der Gunst der Gewaltigen stand (Lilli bebellt das erneut, was ihr eine nicht Ernst gemeinte Drohung mit der Biotonne einbringt – worauf aber schlagartig Ruhe einzieht. d. Verf.) Wie gesagt, ich wurde von oben relativ stiefmütterlich behandelt. Aber darüber weine ich heute nicht mehr. Im Gegenteil. So habe ich eine gewisse Zähigkeit und Durchsetzungsvermögen lernen müssen.

Wie sieht Angelika Mann heute überhaupt die Lieder von damals?
Na prima sind die Lieder! „Was treibt mich nur“ ist meine Geschichte. Fred Gertz hat mir viele Lieder ja geradezu auf den Leib geschrieben. Er war außerordentlich wichtig für mich, da er mich sehr gut kannte . Wir haben ja auch viele Jahre miteinander gearbeitet. Er kannte meine Sprache und hat mir die Lieder geradezu in den Mund gelegt. Die konnte man dann nur wahrhaftig, von innen heraus, singen, weil die Inhalte stimmten. Das war und ist so. Ich mag die Lieder immer noch und singe einige heute noch. Einige eher als hübschen Gag wenn mir so ist. Wer kauft mir heut schon ab, wenn ich singe „Ich wünsch mir ein Baby sehr“ - (lacht). Aber die Leute kennen und lieben das. Sie singen und klatschen mit und haben Spaß.

Wie sieht das überhaupt aus? Einige Ost-LP's bekommt man geradezu hinterher geworfen. Die Angelika Mann LP „Was treibt mich nur“ ist wie Goldstaub, sehr schwer zu bekommen. Wird es noch einmal eine CD mit den großen alten Sachen, oder gar mit neuen Liedern in dieser Art geben?
Da gibt es ja auch noch die CD „Meine Lieder“. Das ist ein bisschen wie eine Best of aus dieser Zeit. Die ist bei BMG erschienen, aber derzeit wohl auch nicht zu bekommen. Die soll aber noch einmal aufgelegt werden. Vielleicht ist da das Problem, dass die sich auch im Westen durchsetzen soll, damit die bei den großen Händlern deutschlandweit wieder in die Regale kommt. BMG wollte sich eigentlich kümmern ... (Ich kann nur sagen, nachdem Angelika Mann auf den AMIGA Boxen nicht mit einer eigenen CD vertreten war, sollte AMIGA hier unbedingt und schnell nachlegen! Zumindest die CD „Meine Lieder“ gehört in die Regale. Anm. d. Verf.) Eine neue CD, nur mit den Titeln von damals, wird es sicherlich nicht mehr geben. Ob es anderes gibt und ob da dann das ein oder andere, was ich ja auch noch in meinen Programmen singe, enthalten sein wird, das kann ich heute noch nicht sagen.

Vielleicht zum 100. Geburtstag?
Da ist noch nichts Konkretes geplant. Ist ja auch noch ein paar Jahre hin. Aber wer weiß...? Wenn, dann wird das aber auch was solistisches, denn eine richtige Band - das kann sich ja keiner mehr leisten.

1985 ging Angelika Mann in den Westen und war dort schnell sehr erfolgreich, allerdings in einem etwas anderen Genre. Entdeckte Angelika Mann dort ihre Liebe zu Musical, Cabaret und Revue?
Da muss man ein wenig ausholen. Zum einen muss man sich in dem Beruf ja weiterentwickeln. Wenn ich mich nicht entwickle, muss ich mich nicht wundern, wenn es irgendwann vorbei ist. Wer will schon immer das Gleiche vom gleichen Musiker hören? Außerdem hab ich schon immer einen großen Hang zum Schauspielern gehabt. In der DDR hab ich in einigen Filmen mitgespielt. "Die Leiden des jungen Werther" und "Bürgschaft für ein Jahr", der sogar den silbernen Bären bekommen hat. Dann fällt mir noch die DEFA Disko 77 ein. Darüber hinaus hab ich viel Kindertheater gemacht. Richtig Theater zu spielen, war immer ein Traum von mir. Ich hatte nie Scheuklappen, was das Genre angeht. Ich hab immer alles machen wollen, soweit es darstellend war. So war übrigens Nina Hagen in ihren frühen Jahren auch. Die hat immer alles mögliche gemacht. Hier Theater, da gefilmt, dort gesungen.
Ich hatte keine Berührungsängste. Weder mit Oper und Operette, noch mit Chanson oder Liedprogrammen. Auch normales Sprechtheater hab ich gemacht. Man muss seinen Beruf machen und sich so gut einbringen, wie man es kann, war meine Devise. Ich glaube, ich hab das getan und hatte daher Erfolg. Zum Beispiel mit den Berliner Liedern, die ich nicht als Kopie, sondern so gesungen habe, wie sie Angelika Mann singt. Wenn man mir mit 20 diese Lieder angeboten hätte, wer weiß... Vielleicht hätte ich das damals nicht gemacht. Ich war ja Rocksängerin (lacht). Aber heute finde ich so etwas höchst interessant. Und auf dem Rheingau Festival hab ich große schöne Erfolge gefeiert vor ausverkauften Häusern. Das war schon schön. Da fühle ich mich sehr wohl.

Angelika Mann hatte ja auch weltweit Erfolg...
(lacht)... Ja die Lucy in der Dreigroschenoper.... Damit waren wir in Japan und nach Boston und New York waren wir eingeladen. Das ging aber nicht, weil dann das Kölner Schauspiel hätte schließen müssen.

Wie kamen Sie zur Operette?
Als ich 1985 in den Westen ging, musste ich ja quasi neu anfangen. Ich hatte mich am "Theater des Westens" beworben. Die hatten einen super Chor. Und als gute Chorsängerin lag das nahe. Ich war gerade neu im Westen und musste ja irgendwas machen. Daher hab ich meine Unterlagen an die Intendanz geschickt und wurde auch eingeladen. Ich sollte für die Dreigroschenoper vorsingen, hatte aber keinen Titel. So hab ich da „Kutte“ und dazu den „Bangemann“ von Mimmelitt das Stadtkaninchen vorgesungen. Unplugged so zu sagen. Begleitet nur von der Gitarre Udo Weidemüllers, mit dem ich heute noch arbeite. Als der Regisseur dann fragte, ob ich noch was richtig Lautes singen könne, hab ich mich ans Klavier gesetzt und einen Blues gesungen. Da ist der irgendwie völlig abgeklappt und hat zu mir gesagt: „Na ja, ich muss mir die Anderen noch anhören, die sind ja nun extra gekommen. Sie hören am Donnerstag von uns.“ Das waren noch 3 Tage... Wir waren aber kaum zu Hause, da klingelte das Telefon und ich hatte die Rolle. Das war wie ein Lottogewinn! Jeden Abend volles Haus und die Leute standen Kopf, wenn ich die Arie der Lucy sang. Selbst Friedrich Luft hat toll über mich geschrieben. Nun dachte ich, dass das so weitergeht, aber ich musste doch erst mal was anderes machen. Ich hab Synchrondrehbücher geschrieben, und hatte mich bei den Stachelschweinen in Berlin beworben. Die brauchten niemanden für die Bühne, aber einen Pianisten. Hab ich also Klavier gespielt. Den Job hab ich mir übrigens mit Kuno, einem ganz lieben Freund, sozusagen geteilt. Kuno hatte mich da auch empfohlen. Alles in allem kann man schon sagen, dass ich immer mit dem, was ich gelernt habe, durchgekommen bin. Und ich hab dann auch richtig großes Theater gespielt. Die Lampito in Lysitrata. Das war schon was. War auch 'ne schöne Zeit, weil ich viel lernen konnte und mit tollen Leuten wie Stephan Jürgens oder Herbert Knaup arbeiten durfte.

Auf Ihre Zusammenarbeit mit Christian Kuhnert möchte ich noch einmal zu sprechen kommen. Wenn ich richtig informiert bin, haben sie ja auch mit ihm gesungen.
Ja, das stimmt. Ich halte Kuno für einen der besten Musiker der DDR. Er ist ein ganz lieber Freund. Neben der Stachelschweingeschichte habe ich mit Kuno einige Sachen gemacht. Gesungen haben wir immer mal miteinander. Wir haben gemeinsam Berliner Lieder gemacht. Der Sachse konnte das richtig gut. Zumal er ja unglaubliche Entertainerqualitäten hat, wie ich finde. Einmal hat er mich als Gast im Publikum entdeckt und auf die Bühne gebeten. War 'ne verrückte Mugge. Es macht einfach immer Spaß mit ihm. Und dann hat er ja für mich das Willibald-Lied auf der LP "Geschichten vom Schlackerschnick" geschrieben. Nee, auf Kuno lass ick nischt kommen. (lacht)

Berliner Lieder. Da fällt mir der Riesen-Erfolg Ihres Claire Waldoff Programms „Nach meene Beene ist ja janz Berlin verrückt“ ein... Ist Claire Waldoff so etwas wie ein Vorbild? Haben Sie sich an jemandem orientiert?
Auf einen besonderen Einfluss oder ein spezielles Vorbild möchte ich mich nicht festlegen. Über die Zeit beeinflusste mich ganz Verschiedenes. Wichtig war für mich, offen durchs Leben zu gehen, möglichst Vieles aufzunehmen und das in eigener Form umzusetzen. Über das Lob zum Waldoff Programm freue ich mich natürlich. Sicher gibt es etliche andere gute Waldoff Interpretinen. Ich hatte das große Glück, dass mir von Friedel von Wangenheim, einem profunden Kenner der Berliner Kulturgeschichte, das Theatherstück "Claire Waldoff - Stationen einer Cabaret-Karriere " geschrieben wurde. Er meinte, wenn die Medien mitmachen, könnte ich mit dieser Art von Liedern noch eine große Karriere machen. Der Tribüne Intendant Rainer Behrendt sah das ähnlich und so spielte ich Claire Waldoff. Auf die Idee Waldoff Liedern zu singen, kam allerdings zuvor schon Herr Iljinski vom Friedrichstadtpalst, als ich die Hexe in Hänsel und Gretel dort spielte. In die Interpretation der Waldofflieder habe ich alle Einflüsse die in mir drin stecken reingelegt. Ob Soul oder Jazz, vom Blues, Rock oder Schlager alles war da drin. Daher waren die Lieder auch anders als üblicherweise. Als wir das dann eine Weile gespielt hatten, ist das so miteinander verschmolzen, die kleene Claire Waldorf und die kleene Angelika Mann, wir waren ja beede sonne kleenen Gurken... Wir hatten jeden Abend standing Ovationen. Das war phänomenal. Ich verstehe bis heute nicht, warum das Programm abgesetzt wurde. Hier in Berlin hätten sowohl das Theaterstück als auch das Liederprogramm noch jahrelang erfolgreich laufen können. Andererseits - wenn so ein Programm zu Ende ist, schaut man auch wieder nach anderen Sachen. Und ich hab vieles gefunden und spiele anderes, das mir auch riesig Spaß macht.

Was ist demnächst von Angelika Mann zu sehen und zu hören?
Mein aktuelles Hauptprogramm ist „Ich bin die Kleinkunst in Person“. Das ist so zu sagen ein musikalischer Rundumschlag. Golischewski neben Tucholski, viel Chanson und wenn die Leute richtig jut druff sind, sing ick zum Schluss och noch Mercedes Benz. Daneben spiele ich im Kriminaltheater in einer Revue. Dann geh ich jetzt wieder mit Herbert Köfer auf Tournee. Ach Gott, der Herbie... der überlebt uns noch alle! Da spiel ich nur Theater, singe überhaupt nicht. Das ist auch toll, denn da kann ich wieder was dazu lernen. Dann spiele ich das Programm mit Frank Golischewski. Davon gibt es auch eine sehr schöne Platte mit ganz tollen, frechen Liedern. Dann werde ich mit Frank Golischewski im Südwestfunk ein schönes Weihnachtsprogramm machen. Schon komisch... Dort geht das. Da hält man das Publikum nicht für doof, wie bei einigen anderen Sendern. Für mich heißt das, in den breiten Medien gibt es für die musikalische Seite der Angelika Mann keine Chance mehr. Ich komme vielleicht gelegentlich vor, aber eine große Revue oder einen großen Abend, das wird es wohl nicht mehr geben. Und für einzelne Titel fehlen auch die Formate. Peter Horton gibt's nicht mehr und bei Carmen Nebel zum Beispiel, wo der ein oder andere Titel durchaus passen würde, ist der Sender für mein Repertoire auch nicht wirklich offen. Carmen Nebel hat sich zwar für einen Auftritt eingesetzt, aber leider bisher ergebnislos. Im nächsten Jahr werde ich mit Frank Golischewski ein Helen Vita-Programm machen. Weil es so schade ist, dass sich so wenige an ihre tollen Lieder zu erinnern scheinen. In 2 Jahren ist ein ganz neues gemeinsames Programm geplant.
Ich werde im nächsten Jahr ein Trude Herr-Programm machen. Schon weil es in den 50ern eine Reihe schöner Lieder mit tollen Texten gab, und ich finde es schön, wenn man das erhält.

Wird es aus Richtung Chanson, Cabaret etwas neues auf CD geben?
Das sehe ich auch nicht. „Hier kommt zusammen, was zusammen gehört“ gibt es auf CD. Aber die kommt nicht in die Läden und in den Medien gibt es kaum Formate, wo man so etwas publizieren könnte. Mir fällt eigentlich nur noch Götz Alsmann ein, wo Chanson und ähnliches geboten wird. Daher seh ich in neuen CDs keinen wirklichen Sinn. Die Säle sind zwar voll und es gibt Jubel und Trampeln, aber die Medien schlagen nicht zu. Trotz sehr gutem Management und und und. Im Westen kommt immer noch: "Ach nee, die ist aus dem Osten... und im Osten gibt es kaum eine Struktur die Kleinkunst trägt." Verrückterweise hab ich neben Berlin in Baden Württemberg gerade die größten Erfolge. Das liegt sicher auch an der Arbeit des Kulturbüros Süd-West und Frank Golischewski, sowie den anderen tollen Kollegen. Ob es von den neuen Dingen irgendwann mal etwas geben wird, weiß ich auch nicht. Derzeit ist nichts geplant.

Und wie ist es mit Theater? Ich hab gelesen, Sie möchten die Maria Stuart spielen.
(lacht) Na ja... Das würde ich schon machen. Hab ja schon andere große klassische und moderne Rollen gespielt. Zum Beispiel unter Rolf Hochhuth in „Wessis in Weimar“. Aber eigentlich ist das so nicht ganz richtig. Ich spiele nämlich schon die Mary Stuart. Und zwar in meinem Programm mit Frank Golischewski „Hier kommt zusammen was zusammengehört“. Frank hat da geniale und herrlich freche Lieder geschrieben. Und eins davon, vielleicht sogar das schönste auf der CD von diesem Programm, ist eben Mary Stuart. Aber natürlich würde ich auch Schillers Maria Stuart spielen, wenn sie mir einer anbietet. (lacht)

Von dem was man derzeit auf CD und in den Medien zu hören bekommt - gefällt Ihnen etwas davon?
Ach so ist es ja nun nicht. Mir gefällt Vieles, was es aktuell so gibt. Manchmal ist es ja auch nur eine Frage, ob man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Dass Roger Cicero so einen Erfolg hat, gefällt mir sehr gut. Auch Anett Luisan finde ich toll. Das sind einfach Lieder mit tollen Texten und Musiken. Die sind super interpretiert, einfach nur Klasse. Hinter den Erfolgen steht aber auch ein großes und hochprofessionelles Management, das sie in die Medien bringt und das sich nicht jeder Künstler leisten kann. Ich geh zu solchen Leuten auch in die Konzerte. Dass Swing durch Roger Cicero wieder mehr Beachtung findet, ist rundum zu begrüßen. So kommen auch junge Leute mit der Musik in Verbindung. Auch aus dem Ausland kommen tolle Sachen. Aus England zum Beispiel Jamie Cullum. Es ist sehr schön zu sehen, dass gute Musik die Läden voll macht. Was mich angeht, da ist der Zug in die Medien wohl abgefahren, wenn man mal von den Kindersendungen wie der Märchenrätselhexe absieht. Das läuft sehr erfolgreich. Andererseits gibt es auch Sachen, da haut's Dich aus den Schuhen! Ich sag manchmal, ich hab einen Beruf, den kannst Du heute nicht mehr lernen, den kannste gewinnen. Ich hab nichts gegen die Shows und so, aber mir tut's oft Leid, wie man mit den jungen Leuten umgeht. Man lässt sie eine Platte machen und wehe die zweite geht nicht so... Dann ist die Häme besonders groß. Da sind sicher einige sehr talentierte Leute dabei, aber gefördert wird da niemand. Die Chance, sich zu entwickeln, ist nicht mehr gegeben. Ob heute Leute wie Vroni, Schöbel oder ich durchkommen würden – keine Ahnung. Sicher nicht alle.

Angelika Mann ist sicher eine der charismatichsten deutschen Sängerinen. Sie haben, wie wir erfahren durften, viel erlebt. Sie können augenscheinlich das, was Sie können und darüberhinaus können Sie unvergleichlich Emotionen vermitteln. Alles Kriterien, die ich bei einem guten Lehrer sehr zu schätzen wüsste. Warum ist Angelika Mann nicht Dozent an einer Musikschule?
(lacht) Danke für die Komplimente. Zum einen hat mich bisher noch niemand gefragt, um ehrlich zu sein. Zum anderen hab ich, so glaub ich, selbst auch noch zu viel auf der Bühne zu tun. Da ist noch Einiges, was ich machen möchte. Und weil ich das, was ich mache, immer mit vollem Engagement machen möchte, bliebe für die Bühne etwas wenig Zeit bei so einer Aufgabe und ich müsste mich zeitlich sehr sehr einschränken. Ich würde auch nicht unbedingt Gesangsunterricht machen wollen. Was mich eher interessieren würde, wäre Interpretationsunterricht. Das ist etwas, was meine Stärke ist, was ich auch gut weiter vermitteln könnte. Aber ich bin ja noch so zu Gange... Ich wüsste gar nicht, wie ich das zeitlich hinbekommen sollte. Ich bin mit dem, was ich auf der Bühne mache, auch sehr glücklich. Ich fühle mich außerordentlich privilegiert, dass ich von dem was ich tue, leben kann. Viele in unserem Beruf können das heute nicht mehr. (Erneut ist es schade, dass man im diesem Interview Stimmen nur beschreiben kann. Gerade hätte man eine sehr ernste, nachdenkliche Angelika Mann hören können. – d. Verf.)

Wie wäre es mit „Lütte“ in der Kulturpolitik?
Wer? Ich? (lacht) Nee! Zum einen bin ich kein Parteigänger. Ich wüsste gar nicht, in welcher Partei ich das machen sollte. Und nee... das sind auch alles Sachen... (lacht) Da muss man Schreibarbeiten machen und so... (ganz laut) Nein! Ich will unterwegs sein und singen. Ich würde mir aber wünschen, dass es Politiker gibt, die sich wieder mehr um Kultur bemühen, sich für Kultur interessieren. Nur hab ich ganz wenig Hoffnung, dass sich da was bewegt. Da bin ich auch ein bisschen enttäuscht. Und wenn ich sehe, was den Kindern in der Schule heute so beigebracht wird, dann denke ich manchmal, dass es so etwas, wie ich es heute mache, irgendwann gar nicht mehr geben wird. Weil die Leute gar nicht mehr vorbereitet werden. Kinder gehen kaum noch ins Theater, sie lernen keine Gedichte mehr, sie lernen nicht mal mehr, richtig mit deutscher Sprache umzugehen. Aber das gilt auch für andere Bereiche. Man muss nur mal sehen, was Reporter heute in der Zeitung schreiben, wie Journalisten heute sprechen, dann kann man erkennen, dass die deutsche Sprache am Verrotten ist. Immer weniger Leute sprechen ein anständiges Deutsch, weil es auch immer weniger Gelehrt wird. Diese dämliche Rechtschreibreform hat zusätzlich vieles kaputt gemacht. Neulich habe ich irgendwo gelesen „die Teenagerin“, da bin ich völlig zusammengebrochen, dachte: 'Was denn hier los!?' Das schöne Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ ist leider so wahr... Man muss es wohl leider Ernst nehmen. Die deutsche Sprache wird immer mehr verhunzt und damit werden auch immer weniger Leute in Theater gehen, Kultur genießen. Und so bin ich sehr skeptisch, was dieses Thema angeht.

Dann lassen sie uns das Thema radikal wechseln. Ich hab gelesen sie mögen Pferde, wegen Ihrer großen Augen.
Stimmt. Deshalb würde ich es auch nie essen (lacht).

Diese spontane Antwort bringt mich völlig aus dem Konzept...! Ich bin gerade völlig falsch. Sie meinen Pferde und ich war gerade dabei, Sie zum Vergetarier zu machen.
(lacht herzlich) Ne... Ick bin kein Vegetarier. Aber was das angeht, bin ich schon ein bisschen eigen. Ich esse zum Beispiel kein Wild. Aber ein schönes Wiener Schnitzel darf es ab und an schon mal sein. Am liebsten mag ich aber wirklich vegetarisches Sushi.

Auch wenn „Ich esse für mein Leben gern“ einer der großen alten Klassiker ist und wir gerade das Thema hatten - zum Glück der Angelika Mann zählt mehr. Der Hund zum Beispiel, hab ich gelesen. Wann und wie sind sie auf den Hund gekommen?
Ja, meine Lilli. Das ist aber schon mein zweiter. Als ich noch in Buch gelebt habe, hatte ich einen Bassed. Als ich damals in den Westen ging, hab ich ihn meinen Nachbarn geschenkt, weil er in Buch zu Hause war. Piggi ging's da gut. Die hatte meine Nachbarin, eine liebe Rentnerin, voll im Griff. Und weil die gute Frau ja Rentnerin war, ist sie dann oft mit Piggi mich besuchen gekommen, so dass ich sie oft auch noch hier hatte. Aber zu Hause war sie eben in Buch. Und Lilli ist ja eigentlich ein Hamster. Weil, Ulrike wollte einen Hamster haben. Wir hatten aber schon ein Meerschweinchen. Und ich wollte absolut nicht und hab gesagt, ein Meerschwein kommt nicht in die Tüte. Noch so'n Riesenkäfig im Haus. Dann lieber einen Hund. Der hat noch den Nebeneffekt, dass man sich bewegen muss. (lacht) Rausgehen, spazierengehen, Bewegung eben. Tiere hab ich immer gemocht, also ein Hund. 'Nen Westi wollte ich, weil die schlau sind, schnell lernen, und familienfreundliche Hunde sind. Und Lilli ist ein absoluter Glücksgriff! Sie ist ein Menschenhund. Die kann andere Hunde nicht leiden, aber dafür Menschen. Lilli ist ein sehr freundlicher, netter Hund. (Ihr Name fiel, was das Zeichen für Lilli war, mal nachzusehen, ob sich nicht jemand zum Spielen findet. Das zwar nicht, aber ins Interview hat sie es geschafft. Clever!)

Weil wir gerade bei den Tieren sind: Da gab es noch eine Geschichte mit einem Elefanten. Erzählen Sie uns die ganze Wahrheit?
(lacht schallend) Beppo! Beppo Küster. Beppo Küster hat mich angerufen und gefragt: "Sag mal, haste morgen Zeit?" Ich war gerade in Halle mit Vroni Fischer. Wir hatten ein Konzert und ich wollte in der Nacht eh nach Hause. Also sagte ich: „Ja hab ich.“ Na und Beppo sagte: “Prima. Weeste wat? Ick mach morgen Sendung. Da hol ich dich ab. Wir machen Interview mit dir, fahren irgendwo hin und interviewen dich.“ Icke: “Klar machen wir.“ Schon, weil ich Beppo gut leiden kann, alter Kollege. Ja, dann sind wir also irgendwo hin gefahren. Auf ein Gelände, wo Elefanten waren und Giraffen und Kamele und Lamas. Ick dachte ja nu, er holt mich zu den Lamas. Weil ick bin ja Lamafan. Ick bin ja och sozusagen Lamatante. Ick bin Patin eines Lamas im Berliner Tierpark. Das heißt auch „Lütte“ und ist ein weißes Alpaka, diese kleineren Lamas. Zu den Lamas, dachte ich, bringt er mich jetzt. Aber er sagte vor laufender Kamera, so dass ich gar nicht sagen konnte: "Eh Beppo, hast'n Rad ab!?" oder so, sondern musste mich ja benehmen (lacht). Beppo sagte also: "Du müsstest jetzt mal auf dem Elefanten reiten." Ich wollte mich ja nun nicht blamieren und bin also auf dem Elefanten geritten. Möchte ich aber nicht nochmal machen. So'n Elefant ist schon sehr hoch und es schwankt und wankt da oben. Dann hat der auch keinen Sattel. Man sitzt einfach so oben drauf. Ich mit meinen kurzen Beenen fast im Spagat. Festhalten konnte man sich auch nicht richtig. Na prima. Ick war froh, als ich wieder unten war. Dann musste ich mich nochmal aufn Rüssel setzen. Da bin ich beim ersten Mal auch noch runtergefallen, weil ich den Gurt am Kopf mit meinen kurzen Armen nicht zu fassen bekam. Elefant dachte aber, ich wäre schon dran und so bin ich wie auf ner Kinderrutsche den Rüssel runtergerutscht... Aber ich bin nochmal tapfer wieder rauf... (lacht). Ick mach schon alles mit. Langsam muss ma aber bisschen kürzer treten. Weil, man kommt ja langsam in ein Alter wo man sagt: "Hauptsache man bleibt gesund." Aber das ist ja wirklich so ein Ding. Einige meiner Kollegen sind gar nicht mehr da, wo man denkt, die hätten noch so viel machen können. Wenn ich da so an Tamara denke oder an Frankie Hille... Der fehlt mir wirklich – Frankie Hille...

Bleibt ein großes Thema: Angelika Mann, der Star des Traumzauberbaums, die Märchenhexe und der Star der Kinder. Können sie das Thema noch hören?
Na klar. Das ist doch 'ne tolle Geschichte. Das Küsschenlied aus dem Traumzauberbaum ist mein vielleicht erfolgreichstes und bekanntestes Lied überhaupt. Ich mache die Programme sehr gern und habe viele kleine Fans. Kann sein, dass es an der gleichen Größe liegt, dass mich Kinder akzeptieren. Es gibt ja Verschiedenes, was ich für Kinder mache. Da ist der lustigste Clown der Welt, Clown Lulu und ab und an wieder mit Rumpelstil, mit denen ich schon sehr lange arbeite. Dieses Jahr im Tempodrom zum Beispiel Frau Holle. Der Traumzauberbaum ist aber schon etwas Besonderes. Mein Traumzauberbaum ist ja ein wenig der zweite Teil, wo ich die Agga Knack bin und wo auch Rike mitsingt. Leider singe ich das alles nur noch in den Kinderprogrammen. Um mit Lacky zu touren, dazu fehlt die Zeit. Und die Mädels, die jetzt die Geschichten singen, machen ihre Sache ja auch sehr gut. Ich habe festgestellt, dass gerade diese Lieder wie kaum ein anderes Programm ein Publikum vom Kindergartenkind bis zur ollen Großmutter begeistern. Sind ja auch schöne Geschichten. Und wie im Märchen geht alles gut aus. Wenn es die Geschichten vom Traumzauberbaum nicht gäbe, man müsste sie glatt erfinden. Neben den beiden Traumzauberbaumgeschichten gibt es noch weitere Kinderplatten von und mit mir. Die Märchenhexe ist eine ganz andere Sache. Wobei Ratesumbria ja auch eine Schallplatte hat. Das sind die klassische Lieder. Auf der Märchenrätsel-CD sind die klassischen Lieder und auch das schöne Lied "Vorweihnachtszeit" von Rumpelstil. Und es gibt ein sehr schönes Lied zur Sendung, das hat mir Lexa Thomas geschrieben, das "Märchenrätsellied". Aber eigentlich ist's ja ne Schauspielrolle. 2007 gibt es ein paar Veränderungen beim Märchenrätsel. Fräulein Ratesumbria und ich werden in den Kulissen der DEFA Märchen in Babelsberg unterwegs sein. Das macht richtig Spaß. Zumal ich Märchen ja liebe. Ganz toll finde ich die Schneekönigin, auch wenn ich mich vor einigen Szenen immer gefürchtet habe. Eigentlich mag ich aber fast alle Märchen. Sogar neue, wie Harry Potter. Das ist einfach genial. Und irre gut geschrieben. Als der erste Film kam, sah es in dem Schloss genauso aus, wie ich mir das beim Lesen vorgestellt hatte. Es ist auch eine unglaubliche Geschichte, die Charaktere über eine so lange Geschichte zu entwickeln. Ich bin gerade dabei, den letzten Teil zu lesen und muss sagen: Großartig, was die Frau da gemacht hat! Und Rapunzel mag ich. Schon weil ich früher nicht wusste, was Rapunzelsalat ist. Aber da sind wir wieder beim Essen und das hatten wir ja schon (lacht). Dass die Kinderformate soviel Spaß machen, liegt möglicherweise daran, das man von den Kindern ganz echte Reaktionen zurück bekommt. Die mögen etwas oder nicht. Und sie zeigen es dir. Ich freu mich jedenfalls drauf, dass das bald wieder los geht.Ich freu mich auf die Vorweihnachtszeit und werde mir natürlich auch die Märchenrätselsendungen beim rbb ansehen.

Das, denke ich, ist ein ganz guter Abschluss für unser Gespräch. Ich bedanke mich für die Zeit, die Sie sich für uns genommen haben. Für die vielen Informationen zu Person und Karriere. Ich wünschen der Angelika Mann, der „Lütten“, sicher auch im Namen alle unserer Leser, alles erdenklich Gute und hoffe, sie gelegentlich wieder bei uns, vielleicht sogar auf der Bühne oder in unserer Radioshow begrüßen zu dürfen.


Interview: Fred Heiduk
Bearbeitung: cr

 


 

   
   
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