Tino Eisbrenner

Interview vom 1. Juni 2007
 
 
Tino Eisbrenner, geboren in Rüdersdorf, Jahrgang 1961, gilt zu Recht als einer der vielseitigsten und produktivsten Künstler aus der ehemaligen DDR. Längst ist er den Grenzen eines Landes entwachsen. Sein Weg führt vom "Jungen mit der roten Mütze" über Nachwende-Umwege und die Band "Der wilde Garten" zu beachteten Weltmusik- und Kulturprojekten, die oft einen indigenen Hintergrund haben. Markant für ihn war und ist - er erzählt seine Geschichten in Deutsch. Texte die etwas vermitteln und zum Nachdenken anregen sind ihm wichtig.eis1 20120924 1722216321 Sie mischen sich mit superb dargebotener Musik verschiedenster Stilrichtungen. Die durchschnittlich im Zweijahresrythmus erschienenen CD's belegen, dass er es wagte und verstand, seine Musik weiter zu entwickeln. Tino Eisbrenner ist ein Beispiel dafür, dass trotz aller widrigen Umstände eine musikalische Eigenständigkeit und Entwicklung möglich war und ist. Völlig unkompliziert und binnen weniger Tage beantwortete er jetzt alle ihm gestellten Fragen in überaus sympatischer Art und Weise, und erfüllte damit zumindest mir einen langgehegten Wunsch. Tino Eisbrenner, ein Star ohne Star-Allüren, mit Musik zum Hinhören und Nachdenken. Die Leser von Deutsche Mugge, möglicherweise auch der ein oder andere "Star", können viel Interessantes von ihm erfahren, vielleicht sogar etwas lernen...
 



Hallo Tino! Wie bist Du eigentlich zur Musik gekommen?
Ich habe schon immer gern gesungen. Leider hatten meine Eltern nicht die Ausdauer, mich an ein Instrument zu prügeln. Wahrscheinlich konnten sie sich nicht vorstellen, dass ich ausgerechnet Berufsmusiker werden würde. So spiele ich ganz passabel Blues-Harp, aber Gitarre oder Klavier eben nicht. Obwohl ich in meiner allerersten Band Bass spielte. Aber ich glaube - sehr stümperhaft. Die Gruppe hieß "Fazit". Wir spielten Blues, CCR und so was. Das war 1979/80


Warum wurde Tino Eisbrenner Musiker und nicht Schauspieler, wie wohl ursprünglich geplant?
Weil ich eine Band gefunden hatte - oder die mich - für die es sich lohnte, selbst die ältesten Träume fallen zu lassen. Mein Studium hätte in Leipzig stattgefunden, und JESSICA wäre dem zum Opfer gefallen.


Welche Einflüsse haben Dich geprägt?
Zuhause wurde viel Musik gehört. Viel Klassik und Jazz, aber auch Chanson und Folk, wie J. Brel, Gilbert Becaud, Harry Belafonte, Joan Baez oder Pete Seeger, Paul Robeson usw. Bei den großen Sängern der damaligen Zeit war es üblich, Songs aus der ganzen Welt zu singen. Sogar Elvis tat das, oder der gute alte Udo Jürgens und auch Dean Reed… DAS hat mich sehr beeinflusst, wie ich später merkte. Es hat meine Neugier auf andere Kulturen, meine Hunger nach der Welt geschürt.


Welche Begebenheit(en) und Personen aus Deiner Anfangszeit waren Dir am wichtigsten.
Das ist etwas, was ich dem geneigten Leser meiner Biographie "Von Heute auf Morgen" herauszufinden auftrage. Aber meine Eltern waren wichtige Wegweiser für mich. Auch meine Kindheitsjahre in Bulgarien. Manfred Krug und Gojko Mitic waren die Helden meiner Kindheit und Jugend.


Wann war klar, dass Du Musik professionell machen wirst?
Das ergab sich durch den schnellen Erfolg von JESSICA. Wir arbeiteten ja schon professionell, bevor wir es so nennen durften, denn man brauchte in der DDR dafür die behördlichen Papiere.


Zu Jessica hätte ich gerne etwas mehr gewusst. Wie kam die Gruppe zustande?
Durch unser Ambitionen in der Schulzeit... Elfte/zwölfte Klasse. Eines Tages sagte mir eine Freundin, dass eine Schülerband einen Sänger suche. Da bin ich voll Selbstvertrauen hingegangen...


Waren die Musiker ausgebildet oder "erfahren", oder war Jessica die pure Spielfreude und learning by doing, so wie das ja z.B. bei U2 auch der Fall war? Mir fällt kein besserer Vergleich ein...
U2 ist doch ein schöner Vergleich und kein ganz falscher, weil die sich auch aus zwei Schüler-Kliquen rekrutierten. Unser Keyboarder, Ralf Böhme, spielte klassisch Fagott. Alle anderen waren Autodidakten.


Wie kommt Jessica zu "tube" ins englische Fernsehen? Was sagte man seitens der Kulturbehörden dazu?
Wieder was aus der Bio. Sie entdeckten uns auf der Strasse und kamen mit uns in den Proberaum, weil sie eine ostdeutsche Newcomerband suchten. Und die Behörden sagten "NEIN". Aber das englische Team machte ihnen klar, dass sie uns drehen wollten oder niemanden. Und sie bezahlten dafür. Natürlich nicht an uns. Uns steckten sie auf dem Kneipenklo 300,- DM zu. Für jeden 50,- DM. Das waren mindestens drei neue LPs!!


Warum gab es erst 1986 den Berufsausweis und die erste und einzige LP?
Das sind drei Fragen. Für den Berufsausweis mussten wir die Musikschulbank drücken und Prüfungen bestehen. Aber man duldete, dass wir schon vorher nichts anderes taten, außer Konzerte zu geben. Die LP mussten wir uns erkämpfen und der Planwirtschaft beweisen, dass wir Fans hatten (Laut zeitgenössischen Quellen spielten "Jessica" bei der SPIELER TOUR 1986 binnen 90 Tagen vor etwa 300.000 Menschen. Das war gleichzeitig ein neuer Rekord, Anm. d. Red.). Aber mehr als 180.000 Alben wurden nicht hergestellt. Darum wurde das Album "Spieler" neben "Puhdys-Live in Sachsen" das meist gesuchte Ostalbum auf den Plattenbörsen. Und das Einzige blieb es, weil JESSICA 1986 mittels Grundwehrdienst "erledigt" wurde.


In einer - wie ich glaube falschen - Meldung war zu lesen, dass auch Du einrücken durftest... andere behaupten, dass nur Andre Drechsler und Olaf Becker gezogen wurden.
Unser "Armeeroulette" hat ja schon 1981 angefangen. Damals musste "Jessica" stoppen, weil Janek, Ralf und ich zur Armee gingen. Wäre mir das englische Fernsehen nicht zu Hilfe gekommen, hätte ich vielleicht 1983 die Band gar nicht mehr zusammen bekommen, denn Janek und Ralf wollten studieren, und André spielte bei PERL...


Was führte zur Auflösung der Band? Ist "Rock für den Frieden" 1986 der Endpunkt einer Entwicklung, oder ein willkommener Anlass für die Behörden gewesen... wenn es denn überhaupt der Grund war? 1985 war "Jessica" wohl noch bei Rock für den Frieden dabei.
Wir waren auch '86 dabei. Aber wir verfassten kein Auftragswerk für die FDJ, und das nahm man uns übel. Die FDJ hatte uns oft eingekauft und gegenüber anderen Behörden auch beigestanden, wenn wir die Regeln unterliefen. Natürlich waren das immer Menschen, die da mit oder gegen uns vorgingen. Und wir waren eine kompakte Band, die sich gut einigeln konnte. Deshalb hat man uns demontiert, als es der Autonomie genug war.


Warum hat es dann 1988 mit Jessica nicht mehr geklappt?
Weil wir in der Trennungszeit von zwei Jahren den kleinsten gemeinsamen Nenner verloren hatten. Es hat sehr weh getan, dies erkennen zu müssen.


Welche Songs aus dieser Zeit sind Dir besonders wichtig?
Jedenfalls selten die, welche der breiten Masse am wichtigsten waren und sind. Aber das ist, glaub ich, gesetzmäßig.


Hast Du noch Kontakt zu Deinen ehemaligen Mitstreitern? Was machen sie heute?
Ja, hab ich. André Drechsler spielt, produziert und schreibt mit mir. Oli Becker (dr) und Janek Skirecki (b) waren bis vor relativ Kurzem bei Wenzel, und Ralf Böhme (keyb) komponiert moderne Klassik.


War der Titel "Die kleinen Mädchen" für die Band geschrieben, oder tatsächlich das erste Soloprojekt von Tino?
Vorsätzlich Solo. Aber es gibt ander Titel auf dem ersten Album "TINO", die für JESSICA hätten sein sollen. Z.B. "Spiel mit Feuer" und "Komm her"


Den Schwenk ins hier und heute würde ich mit einem kleinen Bild auf dem LP Cover der Jessica LP machen wollen. Dort ist links zu lesen: JESSICA Weltmusiktag 1985. Vermute, dass da wirklich einer der vielen Tage für irgendwas gemeint war, aber immerhin... Der Begriff Weltmusik steht da bereits 1986 drauf. Man könnte das glatt zum Mythos wider Willen hinzufügen.
Mach doch. Aber es gab und gibt vielleicht noch den "Welt-Musiktag". Nicht zu verwechseln mit einem "Weltmusik-Tag".


Zum Mythos würde passen: Tino Eisbrenner und Jessica dachten schon 1986, als der Begriff Weltmusik noch nicht wirklich salonfähig war, in anderen Kategorien als Pop und Mainstream... Das zeigt ein kleines Bild links oben auf dem Cover der LP "Spieler". Ist das jetzt von mir mystifiziert, oder ist was dran?
Ist das jetzt eine neu formulierte Frage? Aber es ist wahr. Wir wollten mehr als nur Popliedchen. Das hat uns AMIGA dann ja auch schwer angekreidet. Jazz- und Chansonambitionen würden nicht zu uns passen.


Beim Nachlesen verfügbarer Informationen kann man zum Schluss kommen, Du hast Dich langsam, aber sicher aus dem üblichen DDR Kultrbetrieb verabschiedert.
Nein. Der DDR-Kulturbetrieb hat sich von uns verabschiedet. Wahr ist aber, dass wir natürlich unsere Helden alle nicht im Osten suchten. Wir wollten raus in die Welt der Musik, des Pop. THE POLICE war der Stern, dem wir folgten...


Wie kam es zum Wandel vom "Jungen mit der roten Mütze" zum Rockpoeten, Pop-Chansonnier und Troubadour, wenn es denn überhaupt so einen Wandel gab?
Naja... Ich hab vorhin aufgezählt, wer meine großen Vorbilder waren. Sie alle sangen Lieder der Völker, und das wollte ich auch. Dass ich mit Popmusik begann liegt in der Natur der Sache. Für Chansons braucht man Reife und für Folksongs, die Geschichten erzählen, auch. Aber schon auf dem "Spieler" schlich sich der erste Chanson ein und beendete die Platte - der "Song". Ihn spiele ich heute noch.


Welche Rolle spielt für Dich die Verbindung Literatur / Theater/ Musik? Oder interpretiere ich da was falsch? ...Brecht-Abende, Tucholski-Programm, Deine Bücher, Alles was Brecht ist, die Arctic Mysterie Tour.
Ich bin ein Mann des Wortes. Ich erzähle Geschichten und reflektiere damit unsere Zeit. Das habe ich natürlich bei den Dichtern gelernt - bei Brecht, Neruda, Stefan Zweig, Jack London, Strittmatter oder Hemmingway. Die haben das (bis auf Brecht) ohne Musik getan. Aber der Zweck ist der Gleiche.


Was gibt es zum "Wilden Garten" zu sagen? Bitte entschuldige, aber ich weiß dazu nicht viel mehr, als dass es eine hochgelobte, aber von den Medien unbeachtete Gruppe war, die deutschsprachige Weltmusik bot. Du bist dort irgendwann ausgestiegen, hast im Nachhinein aber noch mit Mathias Lauschus gearbeitet, der seinerseits immer noch im "Wilden Garten" zu Hause ist.
DER WILDE GARTEN war eine schöne Idee, die an Eitelkeiten gescheitert ist. Wer das alles genauer wissen will, der kann wirklich mein Buch lesen.


Welche Rolle spielen für Dich Deine Aufenthalte u.a. in Nicaragua, USA, Mexiko und Chile?
Sie sind Inspiration und weiten den Blick. Meine Lieder drehen sich schon lange nicht mehr nur um das, was in Deutschland vorgeht. Ich fühle mich als Weltbürger, und Musik ist die Weltsprache Nr 1. Ich spreche sie gern auch in der Welt. Außerdem hat mir 1989 die erste Begegnung mit Indianern den Weg zu mir selbst gezeigt. Abseits des einstigen Ruhmes in der DDR und abseits des kulturellen Überlebenskampfes in Deutschland. Das ist wichtig geworden für den Eisbrenner von heute und morgen.


"Mango" hast Du vor einigen Jahren sinngemäß als Dein bestes Album bezeichnet. Was macht es so besonders?
Auf "Mango" habe ich eine Etappe meines Suchens abgeschlossen und manifestiert. Es schlägt musikalisch die Brücke zwischen JESSICA und DWG, es zeigt meinen Mut zu Visionen aber auch meine Ängste. Das war neu. Dieses Album war völlig unbeeinflusst von irgendwelchen Marketingansprüchen oder Formatbandagen. Wir haben sozusagen etwas erledigt, um danach weitergehen zu können. Ich glaube, dass es neben "Spieler" von JESSICA und "Lust" von DWG ein Meilenstein meiner Arbeit geworden ist, und sicher irgendwann einmal als solcher gewürdigt werden wird. Dann aber werde ich längst weitergezogen sein...


Es ist ja Deine 10. CD angekündigt. Worauf darf sich der Hörer freuen.
Auf ein BEST OF: "Balladen 1992 - 2007". Es erscheint in wenigen Wochen. Und wir arbeiten bereits an der Nr.11, die wir für 2008 planen.


Tino Eisbrenner ist ja nicht nur Musiker, sondern auch seit langem "Kulturmacher". Pfefferberg, BIG Circle, Pow Wow Agents und natürlich "Melodie und Rhythmus" sind einige Stichworte. Was hat Dich bewogen, aktiv auf dieser Seite der Kunst- und Kulturszene einzugreifen?
Die Neugier.


Wie kommst Du zum POOL OF ARTISTS?
Nun, sie kamen zu mir. Wir arbeiten seit ein oder zwei Jahren miteinander, und es verbindet uns auch Freundschaft. Ich habe gerade meine Bookingagentur verloren, und da haben mich POA aufgenommen. Es ist ja nicht leichter geworden auf den Musicroads. Da braucht man Verbündete. Du darfst aber allen verraten, dass ich gerade viele Gespräche führe, um ein Management zu finden. Ich hab einfach zu viel Arbeit, um sie allein zu schaffen. Und ich will ja Künstler bleiben.


Welche aktuellen Projekte gibt es bei Tino Eisbrenner. Erleben wir künftig eher den Kulturmacher der Musik macht, oder den Musiker der sich auch um den Background kümmert?
Ich habe ja meinen "Vier Winde Hof" in Meck/Pomm, auf dem ich lebe, aber auf dem ich auch eine Kulturinsel schaffen will. Viel ist da schon erreicht aber noch mehr ist Zukunft. Dies und meine Arbeit als Sänger und Schreiber sind die Schwerpunkte. Meine Arbeit als zweiter Chefredakteur der MELODIE & RHYTHMUS musste ich schon zugunsten meiner Identität aufgeben.


Du hast einige Deiner Hits "beerdigt". Was könnte Dich bewegen sie vielleicht doch noch einmal zu singen?
Der richtige Augenblick an einem grandiosen Abend vor wunderbaren Leuten, deren größtes Glück sich damit zu erfüllen scheint...

 
Um ein paar kurze Fragen kommst auch Du nicht herum... Kannst Du die Farbe rot noch ausstehen?
Natürlich. Ist ja die Farbe der Indianer (lächelt)


Was ist Deine Lieblingsstadt und warum?
Tasco in Mexiko und Valparaiso in Chile. Warum, steht in meinem Buch.


Du kochst gern - Dein Lieblingsgericht ist?
Gefüllte Paprika


Mit wem würdest Du gern mal gemeinsam Musik machen?
Mit Steward Copeland (Drums bei "The Police")


Wer oder was hat für Dich die Welt am stärksten geprägt?
Der Regen.


Was bewegt künftig die Welt am stärksten, wird den größten Einfluss haben?
Hoffentlich unsere Einsicht in das Notwendige.


Wenn Du ein Vorhaben gleich auf welchem Gebiet umsetzen könntest, was würde das sein?
Ich würde Lieder schreiben, vor Leuten singen, mit Gojko Mitic Rotwein trinken, Indianerschulen in Mexiko und Chile zu bauen helfen, meine Kinder groß ziehen, an meiner Weltsicht arbeiten und in langen Interviews brav antworten...


Tino, ich danke Dir ganz herzlich für die vielen Informationen und die Einblicke in Deine bewegte, nunmehr bald 25 jährige Musikerlaufbahn. Die User des Ostrockforum werden Dich und Deine Geschichten sicherlich aufmerksam verfolgen. Wir würden uns freuen, mit Dir gelegentlich wieder "plaudern" zu dürfen, und wünschen Dir für Dich und Deine Projekte alles Gute und viel Erfolg.


Interview: Fred Heiduk
Foto: Tino Eisbrenner privat
 

   
   
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