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die Gruppe
 
PROPAGANDA
 
Propaganda war eine der großartigsten und schillernsten Bands der 80er Jahre. Anfang der 90er verlor sich die Spur. In dden Jahren danach rankten sich immer wiesder Gerüchte und Spekulationen um mögliche Comebacks (auch der Kollege, der dieses Interview führte, war einigen Irrtümern aufgesessen) Zeit, dass wir unseren Teil dazu beitragen, etwas Licht ins Dunkel einer "dunklen" Band zu bringen. Einer der kreativen Köpfe von PROPAGANDA, Michael Mertens, stand unserem Redakteur mitten im Karneval, am Rosenmontag den 19.02.2007, für ein Interview zur Verfügung und arbeitete mit uns zusammen dieses Special aus.
 

 

Hallo Michael. Womit bist du derzeit beschäftigt?
Ich betreibe eine Musikproduktion (www.escaperoute.de) in Düsseldorf, die sich hauptsächlich mit der Vertonung von TV-Spots, sowie der Komposition und Produktion von Musiken für's Fernsehen beschäftigt. Darüber hinaus bin ich in die Aktivitäten des Plattenlabels Amontillado Music Ltd. involviert (www.amontillado-music.com).

 

Im vergangenen Jahr ist eine vier Songs umfassende Vinyl-Platte von Propaganda mit dem Titel "Valley Of The Machine Gods" erschienen. Bitte erzähl uns etwas über diese Veröffentlichung und Euer "Comeback".
Susanne Freytag war der Auslöser. Sie und Ralf Beck von Amontillado-Music motivierten mich darin, mit Propaganda weiter Platten zu machen und neues Material zu produzieren. In diesem Zusammenhang von einem "Comeback" zu sprechen, ist unzutreffend.

 

Die Platte gibt es nur als Vinyl Maxi. Ist die CD schon wieder out?
Auch wenn Du schmunzelst, Du hast mit dieser Frage möglicherweise mehr Recht als Du glaubst. Die Prognosen für die CD stehen tatsächlich schlecht. Umsatzeinbussen von bis zu 30% per anno sind denkbar. Demgegenüber stehen Erwartungen für die digitalen Downloads von 10% bis 25% aufwärts pro Jahr. Bye Bye CD heißt dieses Spiel. Für die Entscheidung "Valley of the Machine Gods" auf Vinyl zu veröffentlichen sind diese Betrachtungen natürlich unbedeutend. Wir pressen 1000er Auflagen und finden somit in einem großen Rahmen gar nicht statt. Vinyl ist einfach toll, romantisch, wertvoll und elitär. Du kannst eine Vinylplatte zwar auch digitalisieren, aber die mp3 davon ist eben nicht das gleiche.

 

Wie kam es dazu, dass Propaganda wieder anfing Musik zu machen und wie sieht die aktuelle Besetzung der Band aus?
Wie gesagt, Susanne Freytag und Ralf Beck von Amontillado Music waren die Auslöser. Die Aktuelle Besetzung ist Susanne Freytag und Michael Mertens, Ralf Dörper blendet sich möglicherweise auch ein.

 

Zeitreise in die 80er: PROPAGANDA gab es schon etwas länger. Als Du zur Band gestoßen bist kamen aber erst die Hits und der Durchbruch. Was hast Du vor der Zeit bei Propaganda gemacht?
Ich war als Schlagwerker Mitglied der "Düsseldorfer Sinfoniker". Deine Frage liest sich sehr schmeichelhaft für mich, aber in Wahrheit gab`s Propaganda gerade mal ein paar Monate, bevor die eigentliche Urbesetzung komplett war. Dass dann die Hits und der Durchbruch kamen, war eine ganze Kette von glücklichen Umständen, an denen ich zwar wesentlichen Anteil hatte, für den ich aber nicht allein verantwortlich war.

 

Wie kam es zu Deinem Einstieg?
Über eine Kleinanzeige kam es zu einer Begegnung mit Ralf Dörper, der seinerzeit Propaganda gegründet hat. Es gab Interesse an einer Zusammenarbeit, das war's.

 

Zu "Dr. Mabuse" gibt es zwei Video-Clips. Welche Gründe hatte das?
Das ist lange her, wahrscheinlich wollte irgendjemand einen weiteren Edit haben. Für "Duel" gibt es auch 2 Fassungen. Die erste Version war so grottenschlecht, dass Paul Morley sich erbarmte, und in der Postproduktion versuchte zu retten was zu retten war. Das Duel-Video ist nach wie vor ein umwerfend gutes Beispiel für ein schlechtes 80er Jahre Video.

 

Nach der Veröffentlichung von "Dr. Mabuse" dauerte es ein Jahr, bis die Nachfolge-Single veröffentlicht wurde. Warum hat man sich soviel Zeit gelassen?
Das lag an den Abläufen bei dem anfangs noch kleinen Label ZTT Records . Frankie Goes to Hollywood, die damals auch bei ZTT unter Vertrag waren, hatten mit "Relax" so viel Erfolg, dass das Label an seine Kapazitätsgrenzen stieß. Die ursprüngliche Idee, dass Trevor Horn unser Debüt-Album produziert, musste fallen gelassen werden. Stattdessen übernahm Steve Lipson, der auch schon bei "Dr.Mabuse" am Pult saß, die Rolle des Produzenten.

 

Das Album "A Secret Wish" wurde von Trevor Horn gemischt. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit ihm und dem Label ZTT?
Steve Lipson hat das Album gemischt und bis auf "Dr.Mabuse" auch produziert. Trevor Horn fungierte nur "executive" im Hintergrund. Ralf Dörper, seinerzeit auch als Schreiberling für die Musikpresse in Deutschland aktiv, hatte einen Bekannten in London namens Chris Bohn. Dieser schrieb für den angesehenen "NME" (New Musical Express (NME) ist eine wöchentlich erscheinende britische Musikzeitschrift, Anm. d. Red.) und war wiederum mit Paul Morley befreundet. Paul Morley war in Gesprächen mit Trevor Horn wegen der Gründung eines Plattenlabels (ZTT Records) und wurde von Chris Bohn auf Propaganda aufmerksam gemacht. 1982 wurde die Band für vier Tage in Trevor Horns Studio eingeladen. Den Rest kennt man ja.

 

Stimmt es, dass ABBA für Propaganda als Vorbild diente? Wenn ja, in welcher Form?
Wegen unserem anfangs düsteren Erscheinungsbild und dem Format 2 Ladies, 2 Gents, prägte die englische Presse den Begriff "Abba from Hell" für uns. Wir fanden diese Überbewertung ganz charmant.

 

Eure Musik war damals so etwas wie Pionierarbeit für spätere Produktionen, bei denen dann Samples verwendet wurden. Wie kann man sich die Aufnahmen zum Album vorstellen? Wie ist das abgelaufen?
Oh,... das ist eine lange Geschichte. "A Secret Wish" wurde quasi noch "pre Midi" produziert. Das bedeutet, Sync von SMPTE auf FSK Clockrates. Wer sich technisch etwas auskennt, kann sich vorstellen, wie grausam viel Arbeit das war. Da FSK nicht die Position innerhalb eines zeitlichen Ablaufes erkennen kann, muss jede Änderung im programming, auch wenn Sie erst ganz am Schluss des Songs stattfindet von vorne eingestartet werden. Das mach ich auf jeden Fall nicht nochmal !! Von dem Kopfzerbrechen, welches "Reverse Compile" am Synclavier Steve Lipson gemacht hat, als er feststellte, dass der Song "P-Machinery" ein paar BPM`s schneller wesentlich besser funktioniert, möchte ich an dieser Stelle gar nicht reden.

 

Für das Album wurden eine Reihe Gastmusiker eingeladen. Wer ist auf dem Album alles zu hören?
Hab' ich nicht mehr alle im Kopf... da war Andy Richards, Steward Copeland, David Sylvian, Steve Howe, Derek Forbes, Steve Jansen, Glenn Gregory, Allen L. Kirkendale, Jonathan Sorrell, u.a.

 

Mit "Dr. Mabuse", "P-Machinery" und "Duel" hat die Band drei Meilensteine der Pop-Geschichte abgeliefert. Wie sind diese Songs entstanden und wie kamen die Ideen, bzw. die Inspirationen dazu?
Ralf Dörper schrieb die Texte und gab damit maßgeblich die Inhalte vor. Die Songs sind dann bei mir im Wohnzimmer und in meinem kleinen Demostudio in Düsseldorf entstanden. Anfangs benutzte ich einen Oberheim OB-XA Synthesizer zum schreiben. Aufgenommen wurden die Demos auf einem Fostex 4 Kanal Tape-Deck. Nach dem Erfolg von Dr. Mabuse konnten wir uns dann einen PPG 2.3 plus Waveterm sowie eine Linn Drum leisten.

 

Warum hat es Propaganda zu dieser Zeit nur selten live auf der Bühne gegeben?
1985/86 gab es eine Tournee mit ca. 40 Konzerten in Europa, Japan und an der Westküste der Vereinigten Staaten. Kurz danach, nach einer unserer letzten TV-Shows 1986 in Nizza am Flughafen, offenbarte uns Claudia Bruecken dann, dass Sie nicht mehr mit Propaganda weitermachen will, sondern Ihre Solo-Karriere starten möchte. Das war sehr deprimierend, markierte dann aber, allen späteren Bemühungen ihrerseits und unsererseits zum Trotz, unwiderruflich das Aus für eine weitere Zusammenarbeit mit ihr. Manche Dinge lassen sich einfach nicht mehr kitten, selbst wenn alle Beteiligten das wollten.

 

Es gab zwischen der Band und dem Label ZTT dann irgendwann Krach, der sogar in einen Gerichtsprozess mündete. Kannst Du uns etwas darüber sagen?
Der typische Beschiss einer vermeintlich cleveren Plattenfirma mit einer neuen Band. Unglaublich unnötig und ärgerlich. Da gab`s nur Verlierer, auf allen Seiten. Den Ruf des dubiosen hat ZTT Records und speziell auch Trevor Horn bis heute nie ganz abstreifen können. Man muss sich eines dabei vor Augen führen: es gab Wochen, da war dieses kleine Label ZTT Records mit seinen Bands "Art of Noise", "Frankie goes to Hollywood" und "Propaganda" erfolgreicher in den Verkauf-Charts in England als der damalige Gigant CBS Records. Mit dem Betrug an den Bands endete das alles in einem Scherbenhaufen. Wenn man sich dann anschaut wie ZTT Records heute vor sich hindümpelt, welch eine grandiose Fehlleistung! Schade eigentlich, aber wenigstens langweilig war`s nicht.

 

Dann drehte sich das Personal-Karussell und eine neue Platte mit dem Titel "1,2,3,4" wurde veröffentlicht. War der Wechsel des Stils eine logische Weiterentwicklung der Propaganda-Musik oder passte man sich dem Markt an?
Eine Anpassung an den Markt war das nicht, dann hätten wir ja Dance-Beats produzieren müssen. Das Album "1234" reflektiert eher die Tatsache, dass die Band neue Mitglieder hatte, was zwangsläufig veränderte musikalische Aussagen zur Folge hatte. Ich bin nicht daran interessiert, mich musikalisch zu wiederholen. "A Secret Wish" war zu seiner Zeit eine Aussage, die zum Glück sehr erfolgreich war. Das bedeutet aber nicht, das ich für den Rest meines Lebens nur noch die ewig gleiche Stilistik wiederkäuen muss, nur weil irgendwelche trotteligen Plattenfirmennasen das dann besser verkaufen können. Ich bin ja nicht Dieter Bohlen. Wie sagte Jimmy Lovine so schön: "Die Plattenfirmen sind in ihrer Fähigkeit sich zu verändern konservativer als die Katholische Kirche." Der Mann hat völlig Recht.

 

Wie ging es dann in den 90ern weiter?
Mit Propaganda erst mal gar nicht. Es gab verschiedene Bemühungen, Ende der 90er eine Re-Union zu starten. Mit dem Luxus der Nachbetrachtung muss man jetzt aber sagen, dass es besser war, dass das nicht passiert ist. Mit Claudia Brücken als Sängerin und mit dem alten Line Up wäre die Versuchung doch groß gewesen, etwas zu wiederholen, was in den 80er Jahren mal funktioniert hat. Das funktioniert sowieso nicht und Museumstouren vor Leuten, die händchenhaltend die 80er Jahre noch mal aufblitzen lassen wollen, eignen sich bestenfalls als Partygag , sind aber nicht mein Ding. Wer die Zukunft nicht will, der kriegt sie auch nicht!

 

Hast Du noch Kontakt zu Claudia, Susanne und Ralf?
Susanne und ich arbeiten an einem neuen Propaganda Album mit einer spannenden Konzeption. Mit Ralf Dörper treffen wir uns desöfteren. Ich persönlich habe keinen Kontakt mit Claudia.

 

Im Jahre 2004 gab es nochmals ein Konzert in Originalbesetzung, richtig? Welche Eindrücke hast Du von diesem Auftritt mitgebracht?
Ein letzter gemeinsamer Auftritt fand 2004 im Rahmen einer Benefiz-Veranstaltung für den "Prince`s Trust" von Prince Charles in London statt. Bei dieser Gelegenheit hatten wir dann das außerordentliche Vergnügen, als erste deutsche Band "HRH The Prince of Wales" persönlich vorgestellt zu werden. Er gab sich locker mit einem Glas Whiskey in der Hand und Camilla Parker Bowles im Gefolge. Da ich sehr anglophil bin, war das natürlich ein ganz großartiges Ereignis für mich.

 

Und damit sind wir schon wieder im Heute gelandet. Wie geht es mit Propaganda weiter?
Mit Amontillado-Music hat Propaganda eine interessante Plattform gefunden um neues Material zu veröffentlichen. Die Arbeit geht langsam voran, da wir alle in diverse andere Aktivitäten eingebunden sind. Der Vorteil ist aber, dass das langweilige Schielen auf den vermeintlich kurzfristigen Erfolg nicht nötig ist, was den kreativen Prozess um so spannender werden lässt. Die Reaktionen auf unser Vinyl "Valley of the Machine Gods" waren sehr erfreulich, speziell auch von Leuten, die Propaganda von früher überhaupt nicht kannten.

 

Herzlichen Dank für Deine Zeit und die Antworten auf meine Fragen. Möchtest Du noch ein paar weitere Worte an unsere Leser richten?
Hare Krishna!

Interview: Christian Reder
 
 

   
   
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