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Interview vom 21. Juli 2022



Sie ist wohl die bekannteste "Umschülerin" der deutschen Musikszene. In den 80ern stand Lieselotte Reznicek auf der Bühne und sang Lieder über "fremde Wege", "Tränen", "Ruhelosigkeit" oder "Harmonien von gestern". Nach der Wende gab sie ihr Wissen über Musik als Lehrerin an die nachfolgenden Generationen weiter. Vor knapp 10 Jahren holte sie ein Verkehrsunfall im wahrsten Sinne des Wortes von den Beinen. Lieselotte kämpfte sich - anfangs an den Rollstuhl gebunden - aber tapfer zurück ins Leben, fand die Freude an der Welt wieder und suchte sich - ihrer Beine wieder mächtig - im Rentenalter einen neuen "Job": als Model! Nicht irgendwo, sondern bei keiner Geringeren als Heidi Klum und ihrer "Fachschule für gekonntes Geradeauslaufen", die vom TV-Sender Pro 7 alljährlich unter der Überschrift "Germany's Next Topmodel" medial begleitet und von Millionen von Zuschauern verfolgt wird. Wer dieses Vorhaben anfangs möglicherweise belächelt hat, staunt heute sicher doppelt darüber, dass die lebenslustige Frau dort nicht nur alles mutig mitgemacht hat und bis ins Halbfinale kam, sondern gleichermaßen darüber, dass sie dabei auch ihr selbst gestecktes Ziel erreicht hat: Einfach mitmachen und ein Vorbild für andere ältere Frauen oder solche zu sein, die ein ähnliches gesundheitliches Schicksal wie sie erlitten haben. Über ein spannendes und abenteuerreiches Jahr haben sich Lieselotte und Christian jetzt unterhalten und dabei auch einen Blick in die Zukunft geworfen. Geht da womöglich auch wieder was in Sachen Musik?

 


 

001 20220727 1285924042Du hast ja ein sehr aufregendes erstes Halbjahr hinter Dich gebracht. Wie bist Du denn dazu gekommen, bei "Germanys Next Topmodel" mitzumachen?
Ja, Christian, dazu gehört schon eine Menge Verrücktheit und auch Mut. Aber das Interesse an Mode und der damit verbundenen Ästhetik hatte ich schon immer. Und ich gebe zu, ich habe auch diese Sendung schon seit Jahren verfolgt. Ohne dass ich den ganzen Tag vor dem Spiegel stehe, habe ich es immer schon geliebt, mich hübsch anzuziehen. Ich bewundere bei GNTM die Leute, die da mitmachen und vor allem die, die auch tatsächlich etwas können. Das sind einerseits die Designer, denn das sind für mich wahre und kreative Künstler. Dazu gehören ebenfalls die hochprofessionellen Fotografen. Nicht vergessen darf ich die Juroren der Sendung. Das sind ja auch zumeist echte Persönlichkeiten. Mein Interesse war also da. Ich muss allerdings sagen, dass ich dieses Interesse auf keinen Fall in jüngeren Jahren hätte verfolgen wollen. Da hatte ich andere Berufe, die mir wichtiger waren, wo ich wirklich gebraucht wurde. Zum Beispiel als Lehrerin. Mode hingegen ist eher ein Vergnügen.

Ist das Dasein als Musiker mit dem Leben als Model artverwandt?
Ein bisschen schon, wobei ich das Musikmachen etwas ernster nehme, denn da habe ich eine Message in Form meiner Texte und kann dadurch vielleicht etwas bewirken, während mir als Model lediglich der Laufsteg zur Verfügung steht. Ich habe ja seinerzeit fast alle meine Texte und Melodien selber geschrieben und habe darin jede Menge Kummer verarbeitet. Das war für mich eine Art Lebenshilfe und Ventil. Beim Modeln hingegen fragt man sich immer mal wieder, wozu das überhaupt gebraucht wird. Inzwischen bin ich Rentnerin und habe den Luxus, Zeit zu haben. Also suche ich eine Beschäftigung, die mir Spaß macht und es gab eine Motivation wo man mich ernst nimmt. Mein Initialerlebnis war hier mein schwerer Unfall, in dessen Folge ich im Rollstuhl saß und nicht mehr laufen konnte. In mir kam zwangsläufig die Frage hoch: "Was ist denn für Dich wichtig im Leben?" In diesem Moment gab es nur eine Antwort, nämlich dass man gesund ist und dass man laufen kann. Das ist etwas, was man normalerweise als selbstverständlich hinnimmt. Nachdem ich es dann zehn Jahre ohne Humpeln geschafft hatte und wieder gut laufen konnte, dachte ich so bei mir: "Wenn Du jetzt eine Plattform kriegst…" Ja, ich habe mir da durchaus Chancen ausgerechnet. Wichtig war für mich, ohne dass der Unfall und die Folgen in der Sendung großartig thematisiert wurde, dass ich selber wieder elegant laufen kann, gleichzeitig aber anderen Menschen, die nicht mehr aus dem Rollstuhl rauskommen, Mut zuzusprechen. Das war so eine Art Vorbildwirkung, der ich mir bewusst war. Auch hatte ich das dringende Bedürfnis, mich bei der Charité zu bedanken, was ich zwar bislang noch nicht getan habe, aber auf jeden Fall noch machen werde. Das waren meine Beweggründe zu sagen, ich bin zwar kein Model und möglicherweise mache ich mich in der Show lächerlich, die Zuschauer lästern vielleicht über mich - was auch ihr gutes Recht ist - aber ich wollte unbedingt bei GNTM mitmachen. Es war mir egal, was die Leute denken. Wäre ich 30 oder 40 gewesen, hätte man gedacht, jetzt hat sie Torschlusspanik und will es unbedingt nochmal wissen. Aber wenn man wie ich fast siebzig ist, schiebt man solche Gedanken beiseite.

Im letzten Jahr wurde ja das Konzept von GNTM dahingehend aufgeweicht, dass es keine Altersgrenzen mehr geben soll und die Gewichtsgrenzen fallen. Waren das für ich die entscheidenden Impulse, um Dich für die Teilnahme zu bewerben, oder hat Dich vielleicht jemand anders zur Teilnahme gedrängt oder überredet?
Nö, das war ganz allein meine Idee.

Über Heidi Klum gibt es dieses Gerede, sie lasse sich nur bei den Models blicken, wenn die Kamera läuft. Stimmt das?
Ja, das stimmt. Dazu sage ich nachher noch was.

Dir waren die Reaktionen auf Deine Teilnahme echt egal?
Na pass auf. Natürlich dachte ich am Anfang, nun werden die ganzen alten Ost-Kollegen über mich herfallen und sich lustig machen. Aber das Gegenteil war der Fall, die fanden das alle gut. Sogar Jäcki, mein Ex-Mann, hat sich die Sendungen angeguckt, weil ich dabei war.


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Mutter und Sohn: Lieselotte und Basti Reznicek (Foto: privat)


Das war bei meiner Frau und mir ja genauso, wir haben die Sendung Deinetwegen geguckt. Da schauen ja Millionen Menschen zu, deshalb ist das eine Plattform, die man auf keinen Fall unterschätzen sollte. Und wenn dort ein bekannter Name mitmacht, guckt man erst recht zu.
Das stimmt. Ich muss aber unbedingt nochmal erwähnen, das mir vor allem wichtig war, wie mein Sohn zu meiner Teilnahme stand und steht. Wenn der anfängt, sich für seine Mutter zu schämen… Also das hat mich schon Überwindung gekostet, ihn zu fragen. Im ersten Moment guckte er ganz erschrocken, aber dann lachte er und meinte: "Na ja, Deine Beine sind gut in Schuss, Cellulite und Krampfadern hast Du keine, also lass uns ein paar Fotos machen und die dahin schicken".

Das wäre meine nächste Frage: Wie bewirbt man sich da? Per Video, mit einer Fotostrecke oder mit einer schriftlichen Bewerbuung in Klarsichthülle?
Das läuft alles online. Wir haben vier Fotos von mir hochgeladen, aber ehrlich gesagt, ich habe niemals gedacht, dass es klappen könnte. So nach dem Motto: "Was sollen die schon mit so einer alten Frau anfangen…?" Doch schon drei Stunden später meldete sich Pro 7 und wollte nun auch noch ein Video von mir haben. Jetzt wurde mir die Sache allerdings etwas suspekt und das Kopfkino ging wieder los: "Jetzt denken die Leute bestimmt, die war früher Musikerin und will jetzt mit fast 70 Jahren ihr Comeback starten". Nein, ich wollte tatsächlich nur modeln. Mit der Musik war ich lange fertig. Jedenfalls nahm mein Sohn kurzerhand die Sache mit dem Video in die Hand. Am Ende des Videos sagte ich sinngemäß, dass ich mal Musikerin war und vor ein paar Jahren einen schweren Unfall hatte, jetzt aber wieder gut laufen kann, was für mich die Hauptmotivation war, mich bei GNTM zu bewerben. Nachdem ich das Video abgeschickt hatte, dachte ich natürlich, das war's jetzt. Aber Pustekuchen. Nach drei weiteren Tagen meldete sich die Casting-Abteilung von Pro 7 und lud mich allen Ernstes zum Casting ein! Das war unfassbar! Ich konnte vorher ja nicht mal richtig üben! Ich besorgte mir ein paar High Heels und lief damit dreimal die Straße hoch und runter. Nebenbei sah ich mir bei YouTube noch auf ein paar Videos an, wie die Mädels über den Laufsteg laufen und wusste, es wird mir peinlich sein, dorthin zu gehen. Eigentlich will man so etwas in meinem Alter auch nicht mehr.

Nun hattest Du also Deine Einladung zum Casting. Wie lief das ab?
Als ich ankam, kriegte ich erstmal einen Schreck: alles nur junge Mädels! Unter der Maske, die wir wegen Corona tragen mussten, wurde mir dann klar, ich war die einzige Ältere unter den Bewerbern. Mir fiel auf, dass die Mädels allesamt wussten, wie sie sich zum Casting anziehen mussten. Die trugen nämlich schlichte schwarze Leggins, dazu schwarze High Heels und ein ebenso schlichtes wie schwarzes, körpernahes Oberteil. Und was habe ich gemacht? Ich hatte mich extra herausgeputzt: goldene Hackenschuhe, goldener Einteiler mit kurzer Hose. Also völlig overdressed. Die haben sich vermutlich köstlich amüsiert über mich. Aber das Model Lieselotte hatte sich wenigstens Gedanken gemacht. Mein Sohn meinte, nachdem er die anderen Bewerberinnen sah: "Nee, Mutti, so kannste da nicht auflaufen". Meine Schwiegertochter sah das etwas lockerer, die empfahl mir zur Krönung des Ganzen noch einen goldenen Gürtel umzuschnallen und goldene Klunker an die Ohren zu hängen. In diesem Aufzug bin ich dann also zum Casting erschienen. Zum ersten Durchlauf mussten wir in Dreiergruppen vor die Jury treten. Nun muss man wissen, bei Pro 7 sind alle, die da arbeiten, blutjung. Das ist völlig anders als z.B. beim rbb oder beim MDR.003 20220727 1073607444 Ich fragte den jungen Mann, der uns in den Raum geschoben hatte, ob wir denn jetzt schon elegant laufen müssten. Der meinte zwar nur: "Mach doch so, wie Du willst…", aber ich bemühte mich vom ersten Augenblick an um einen gepflegten Gang, während die anderen beiden Mädels einfach so rein latschten. In der Jury saß u.a. der Chefredakteur Oliver, der sich ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte. Wahrscheinlich meinetwegen, zum einen wegen meines Aussehens und zum anderen, weil er wohl mit einer so alten Dame nicht gerechnet hatte. Es war aber ein eindeutig sympathisches Lächeln.

Und schon warst Du engagiert?
Ach was, noch längst nicht. Wir sollten dann ein paar Dinge über uns erzählen, die nicht unbedingt in jedem Bewerbungsschreiben stehen, auch und gerade über das, was wir nicht so gut können. Na ja, nun bin ich ja, wie ich bin und habe drauflos geplappert. Ich sagte beispielsweise, dass ich nicht so gut Englisch kann, da wir in der Schule nur Russisch hatten, oder dass in meinem zweiten Wohnsitz Italien mehr Wert auf Mode gelegt wird als anderswo. Plötzlich sagte Oliver, ich solle mal zum Vermessen rübergehen! Während ich jetzt rundherum vermessen wurde, fragte Oliver aus dem Hintergrund: "Sag mal, Lieselotte, Du bist so humorvoll und lustig. Hast Du in Deinem Leben immer nur gelacht?" Damit hatte er mich angetriggert und ich wusste genau, was er hören wollte. Und schon kamen mir die Tränen, als ich sagte: "Nein, ich hatte ja diesen Unfall…"

Nun ist es bei Dir tatsächlich so, dass Du sehr nah am Wasser gebaut bist und dass Dich diese Geschichte auch zehn Jahre danach immer noch extrem aufwühlt und mitnimmt. Ist das eigentlich Traurigkeit über das, was damals passierte oder eher Freude, dass Du wieder am Leben teilnehmen kannst?
Das ist unverarbeitete Traurigkeit. Ich habe in all den Jahren so gut wie nie geweint. Ich habe ja auch keinen, den ich volljammern könnte, denn ich lebe alleine. Stattdessen habe ich meine Behinderung immer weggelacht. Ich habe das zwar nie versteckt in der Öffentlichkeit, aber es war halt für mich kein Thema. Und auf einmal stehst Du vor einer Kamera, Du weißt, Millionen Menschen gucken zu, Du stehst unter Adrenalin und sollst plötzlich unter diesen Bedingungen über diese Sache reden. Logisch, dass bei jemandem wie mir sofort die Tränen kullern. Oliver holte mich da aber schnell wieder raus, indem er sagte: "Lieselotte, Du bist echt und authentisch, solche Typen wollen wir." Und jetzt ging es aber richtig los. Ich wurde in ein Zimmer geschickt, wo Fotos gemacht wurden und ich dazu posieren sollte - ich hatte von Posing und solchen Dingen doch überhaupt keine Ahnung! Und schon stand ich im nächsten Zimmer, da sollte ich dann laufen, immer schön hoch und runter. Ein Zimmer weiter wartete ein ausführliches Interview auf mich. Die Produktionsfirma klopften meine Persönlichkeit ab, wollten natürlich ein paar Dinge aus mir herauskitzeln. So kam das Gespräch auch auf das Thema Musik. Das GNTM-Team bestand aus lauter Wessis, die verständlicherweise mit MONA LISE überhaupt nichts anfangen konnten. Als ich dann aber auf die Frage nach den Höhepunkten aus meiner MONA LISE-Zeit antwortete, dass ich Udo Lindenberg getroffen hatte, waren sie irgendwie erleichtert, denn mit diesem Namen konnten sie umgehen. Das ganzen Casting dauerte insgesamt etwa drei Stunden. Inzwischen waren alle Kandidatinnen weg, es blieben nur noch zwei übrig, die in die engere Auswahl kamen und eine davon war ich. Nun nahm man mir aber gleich den Wind aus den Segeln und eröffnete mir, dass ich noch längst nicht in der Show dabei bin, denn das entscheidet am Ende Heidi.

Genau, das Team trifft eine Vorentscheidung, wen sie vorab schon aussortieren und wen sie Heidi zur Auswahl empfehlen. Und Heidi sagt dann: "Die nehme ich, die nehme ich nicht".
So ist es. Hätte Heidi gesagt, die Lieselotte ist ihr zu zickig oder etwas anderes passt ihr nicht an mir, dann hätte ich auch keine Chance gehabt. Heidi ist eben die absolute Chefin der Show. Und so hing ich den ganzen Sommer über in der Schwebe und wusste nicht, ob sie mich nun nehmen oder nicht. Allerdings habe ich an dieser Stelle einen entscheidenden Fehler gemacht. Ich habe mich nämlich während dieser ganzen Zeit des Wartens nicht vorbereitet, ich habe mir keine professionelle Hilfe gesucht, was dazu führte, dass meine ersten Walks einfach nur zum Lachen waren.

Aber letztlich bist Du ja dahin gegangen, um zu lernen.
Ja schon, aber ich hatte gehofft, dass es abläuft wie z.B. bei "Voice of Germany", wo Du im Hintergrund gecoacht wirst, um die nächsten Songs gut performen zu können. Das gibt es bei GNTM nicht. Da wird zwar gezeigt, dass die Nikeata, eine professionelle Coaching-Dame, vorbeikommt und sich unseren Walk kurz anschaut und einen Tipp gibt, aber im Grunde genommen hast Du keine Hilfe.004 20220727 1653495175 Du musst also zusehen, wie Du alleine klar kommst. Du kriegst auch nichts von den Walks der anderen Mädels mit, außer wenn sie hinter den Kulissen mal kurz hoch und runter laufen, um sich warm zu machen. Für mich waren immer Heidis Worte enorm wichtig, vor allem ihre Kritik an meinen Auftritten, denn nur dadurch konnte ich lernen. Und was Pro 7 betrifft, so verstehe ich deren Taktik inzwischen viel besser, denn die wollten natürlich von Sendung zu Sendung eine Entwicklung sehen. Nichts ist nämlich langweiliger, als wenn jede Teilnehmerin von Anfang an schon alles kann und beherrscht.

Du hast also im Sommer ziemlich in der Luft gehangen. Wie und durch wen hast Du denn die Nachricht bekommen, dass Du dabei bist?
Die gute Nachricht erreichte mich ziemlich kurzfristig, nämlich ungefähr drei Wochen vor Beginn der Staffel. Damit verbunden war die Order, mir für die Shows diverse Dinge zu kaufen, die ich dann brauchen werde wie z.B. High Heels, Schminke und ein paar andere Utensilien.

Auf welchem Weg erreichte Dich die Nachricht?
Es gibt bei Pro 7 eine ganze Menge junge Redakteure, die den Kontakt zu den Bewerbern halten. Die für mich zuständige Redakteurin, eine ganz liebe und junge Frau namens Sophia, rief mich an und versuchte mich für bestimmte Abläufe während der Staffel zu briefen. Zum Beispiel fragte sie nach meinem Unfall und was man diesbezüglich machen darf und was besser nicht, um natürlich keine weiteren Schäden zu provozieren. Das fand ich sehr verantwortungsvoll. Und ein eventuelles Nacktshooting habe ich auch gleich abgelehnt. Man weiß ja nie, was kommt. Aber ich bin ja ohnehin immer davon ausgegangen, gleich am Anfang wieder aus der Show rausgewählt zu werden.

Plötzlich warst Du als eine von insgesamt dreißig Frauen dabei. Im Großen und Ganzen waren das aber alles junge Küken, mit denen Du mehrere Wochen lang viel Zeit verbracht hast. Nun hatte ich als Zuschauer den Eindruck, dass die ganze Truppe nur ein einfarbiger Haufen Oberflächlichkeit war. Wie bist Du als lebensfroher und empathischer Mensch denn mit dieser Gruppe zurechtgekommen?
Hmmm… Jetzt muss ich meine Worte mit Bedacht wählen, denn natürlich ist jeder einzelne Mensch so, wie er ist. Oder anders gesagt, die Menschen sind halt alle grundverschieden. Das wusste ich aber vorher, dass genau das für mich die eigentliche Herausforderung werden wird. Also dieses enge Zusammenleben in dieser Art WG, auch wenn wir nicht wie in den vorherigen Staffeln in einem Schlafsaal untergebracht waren. Da wurde schon etwas Rücksicht auf uns Ältere genommen. Und wenn ein Kameramann mit laufender Kamera das Dreibettzimmer von uns Älteren betrat, wurde vorher auch angeklopft. Für mich wurde anfangs echt zum Problem, dass mir hier meine Behinderung immer wieder in den Kopf kam. Das hatte ich vorher in psychischer Hinsicht total unterschätzt. Trotzdem kam ich mit den hohen Schuhen recht gut zurecht. Was nicht so gut ging, war zum Beispiel das Bücken, aber da halfen mir zumindest am Anfang immer mal wieder zwei Mädels beim Schuhe zumachen, obwohl sie gar keine Ahnung hatten, weshalb ich nicht richtig runterkam. Das rührte mich dann auch wieder zu Tränen, wie ich überhaupt sagen muss, dass ich die gesamte Staffel über sehr dünnhäutig war. In der Regel waren es Freudentränen, aber es spielte auch schon hin und wieder mal Mitleid eine Rolle. Zumeist dann, wenn wieder mal ein junges Mädchen ausscheiden musste, die sich vorher riesige Hoffnungen gemacht hatte, während ich alte Frau stattdessen eine Runde weiterkam.

Man konnte auch immer wieder feststellen, dass es in der WG 18-jährige Mädchen aus Wanne-Eickel, Großenkneten oder Garmisch-Gelsenkirchen - also vom platten deutschen Land - gab, die nicht in der Lage waren, auch nur einen Satz zu bilden ohne ein einziges englisches Fremdwort mit einzubauen. Hätte ich daneben gesessen, hätte ich wohl so manches Mal mit dem Satz, "Halt die Klappe!", um mich geworfen. Wie konntest Du dabei so locker bleiben?
Ja Christian, das ist wirklich zum Piepen. Ich weiß nicht, woran es generell liegt, dass die deutsche Sprache immer mehr verloren geht. Wenn es während der Aufzeichnung immerzu hieß: "Das war nice…" oder "Der vibe hat gestimmt…". Ich bin diesbezüglich aber sehr tolerant. Letztlich bin ich dadurch auch nicht dümmer geworden, sondern weiß heute, was diese englischen Wörter bedeuten. Grundsätzlich war es aber schon sehr schwer für mich, da beispielsweise die Designer fast nur englisch mit uns gesprochen haben. Die nötigen Übersetzungen musste ich mir regelrecht erbetteln.

Dir wurde also nicht so gut geholfen. War der Zusammenhalt untereinander eher nicht das Gelbe vom Ei?
Nein, das kann ich so pauschal nicht bestätigen. Du darfst nicht vergessen, die Mädels befanden sich alle in einer Wettbewerbssituation und standen ständig unter Strom. Schlimmer fand ich dann schon, dass hinter meinem Rücken solche Sätze wie "Lieselotte nimmt anderen den Platz weg" und ähnliches gesprochen wurde. Das ging aber wiederum nur von zwei, drei Mädels aus, führte aber natürlich zu einer Art Gruppendynamik.

Glaubst Du, dass das die wirkliche Meinung von den Mädels war oder ob das vielleicht geskriptet war? Dass also ein bisschen Stimmung reingebracht werden sollte und deshalb solche Dinge von außen gesteuert wurden?
In dieser Frage möchte ich Pro 7 ganz stark verteidigen und in Schutz nehmen. Solche Vorwürfe wurden nämlich auch schon von ehemaligen Teilnehmern gestreut. Diese Art "böse Gedanken", wie es mal nennen möchte, sind tatsächlich innerhalb der Kandidatinnen geboren worden. Das wird nicht durch Pro 7 lanciert. Eines der Mädels hat mir das mal unter vier Augen zugetragen, was da geredet wird. Die meinten auch, weil ich gerne mal gelacht habe und ein humorvoller Mensch bin, dass ich die ganze Geschichte überhaupt nicht ernst nehme. Dabei wussten die ganz genau, ich hatte jeden Abend ewig lange laufen geübt, weil ich es eben nicht konnte. Das war halt meine Art von Ehrgeiz. Währenddessen lagen die anderen im Liegestuhl und haben sich einen schönen Abend gemacht.


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Du brauchtest also gute und starke Nerven.
Oh ja, meine Nerven wurden schon arg strapaziert. Fakt ist natürlich, dass die Kameras während der Shootings immer dabei sind und dass solche Unstimmigkeiten selbstredend Futter sind, um ein bisschen Drama und Spannung in die Sendung zu bringen. Das solche Momente gezeigt werden, war mir vorher klar. Allerdings haben die Pro 7-Verantwortlichen schon zu Beginn der Dreharbeiten zu mir gesagt: "Lieselotte, tu uns einen Gefallen: egal, was kommt, bleib bitte bei Dir. Das ist das Wichtigste". Und, Christian, Du kannst mir glauben, das war manchmal echt schwer.

Eins der Mädchen hat es ja nicht ausgehalten. Die ist aufgrund einer Art Mobbing früher gegangen, was übrigens von der gleichen Dame ausging, die es bei Dir auch versucht hat. Du hast aber Kante gezeigt und sie in die Schranken gewiesen. Damit hast Du gezeigt, Du gehst Deinen Weg, niemand kann Dich aufhalten. Ist das Dein Naturell?
Nein, eigentlich überhaupt nicht. Aber weißt Du, Christian, ich bin ja nicht als Lehrer dorthin gegangen. Ich erziehe da ja niemanden. Wäre das Ganze in der Schule passiert, hätte ich natürlich schon viel eher Respekt eingefordert und STOP! gerufen. Dazu kam, dass mir alle Mädels in Sachen Laufen und was sonst noch gefordert wurde, deutlich überlegen waren. Somit konnte ich diesmal also was von ihnen lernen und nicht umgekehrt. Wenn die nun aber ein übersteigertes Selbstbewusstsein an den Tag legen und den nötigen Respekt vermissen lassen, dann ist es halt so. Ich hatte jedenfalls niemals die Absicht, irgendwen belehren zu wollen. Hätte mich eines der Mädels bestimmte Dinge gefragt, hätte ich natürlich gerne den einen oder anderen Tipp gegeben. Aber in einem solchen Rahmen muss man mich dann auch wirklich ansprechen und fragen. Oder man greift mich direkt an, was auch einmal vorkam, da wehre ich mich dann schon und mache den Mund auf. Letztlich muss man aber immer im Hinterkopf haben, dass die jungen Mädchen weit mehr unter Druck standen als ich und dass dann eben noch die Gruppendynamik dazu kommt.

Aber nichtsdestotrotz warst Du mit insgesamt 30 Frauen in der Show. Eine war 50, eine andere mit 68 Jahren noch etwas älter als Du. Kannte denn überhaupt irgendeine der anderen Frauen Deine musikalische Vergangenheit oder wurde das erst durch die Sendung publik?
Nein, mich bzw. meine Vergangenheit kannte dort niemand. Aber nun stelle ich mich ja auch nicht hin und sage: "Guckt mal, ich war früher mal wer…"

Nein, so war die Frage auch nicht gemeint. Wenn ich aber höre, die Kollegin, die mit mir im Wettbewerb steht, hat früher mal Musik gemacht und sogar Schallplatten aufgenommen, dann interessiere ich mich doch dafür.
Nein, sie interessierten sich absolut nicht dafür, weil jeder nur mit sich selbst beschäftigt war. Ich habe mal, ohne mir was dabei zu denken, erwähnt, dass mir die abendliche "Tagesschau" fehlt. Hintergrund: uns wurden vor Beginn der Staffel tatsächlich die Handys abgenommen, wir konnten auch kein Fernsehen gucken, wir bekamen keinerlei Informationen von draußen. Trotzdem habe ich irgendwie über sieben Ecken von dem Krieg in der Ukraine gehört, weshalb ich eben äußerte, dass mir die "Tagesschau" fehlt. Und da wurde ich von allen dermaßen ausgelacht mit der Begründung, ein Model müsse unpolitisch sein. Von dem Moment an habe ich mich total zurückgenommen, denn es macht keinen Sinn, dagegen anzureden. Und letztlich blieb auch wirklich keine Zeit, sich um solche Dinge zu kümmern. Ich bin jeden Tag um 6:00 Uhr aufgestanden und abends gegen 20:00 Uhr todmüde wieder ins Bett gefallen. Und zum Schluss mussten wir in Amerika auch noch selber kochen.

Das heißt also, es drehte sich tatsächlich den ganzen Tag alles nur um Mode, Mode und nochmals Mode.
So ist es. Natürlich sitzt man, wie auch beim Filmdreh, oftmals lange Zeit rum, bis man endlich selber seinen Auftritt hat. Aber wenn man dann sieht, was für ein Apparat da in Bewegung gesetzt wird… GNTM ist wohl die teuerste und aufwändigste Show im deutschen Fernsehen, wie ich gehört habe. Vergleichbar mit einem Kinofilm. Da sind hundertsechzig Leute, die früh um vier Uhr aufstehen und anfangen zu arbeiten, das ist sensationell. Und alles läuft zu hundert Prozent professionell ab, da kann ich nur meinen Respekt zollen. Allein schon die Vorbereitungen für die Models: jede einzelne sitzt täglich eine Stunde beim Friseur und dann nochmal eine Stunde in der Maske.

Da bekommt der Tag Struktur.
Das kannst Du aber wissen. Was auch interessant war: wenn wir eine Szene schauspielern sollten, kriegten wir das erst kurz vorher gesagt. Da kommt dann Brigitte Nielsen um die Ecke und sagt: "So, wir machen jetzt eine Szene im Gefängnis. Denke Dir dazu eine Story aus".006 20220727 1492791571 Zum Glück fiel mir das deutlich leichter als vielen anderen. Das sind dann solche Momente, wo Du noch mehr Adrenalin hast als ohnehin schon und wo Du auch mal Deinen Kopf einsetzen musst. Nach solchen Dingen guckt Heidi dann, um Deine Persönlichkeit auszuloten.

Wir hatten ja anfangs schon das Thema mit Heidi, die nur dann da ist, wenn auch die Kamera aktiv ist. Wie war das denn mit den Gaststars? Brigitte Nielsen hattest Du eben erwähnt, außerdem war noch Kylie Minogue dabei. Gab es für Euch Gelegenheit, mit denen abseits der Kamera auch mal zu sprechen?
Diese Frage bekomme ich sehr oft gestellt, das scheint die Menschen ungemein zu interessieren. Leider war es gar nicht möglich, mit denen zu sprechen oder überhaupt Kontakt aufzunehmen, ebenso wie mit den Gast-Juroren. Selbst die Redakteure der Sendung sprechen nicht auf privater Ebene mit Dir. Das ist wirklich eine Reality-Show. Es sollen authentische Situationen gezeigt werden, also nur die Dinge über den Sender laufen, die innerhalb der Show geboren werden. Niemand kann nachfragen, mache ich das nun gut oder was muss ich anders machen? Aber dennoch weiß ich, dass Heidi und ich uns sehr gemocht haben. Das habe ich aber nur über so einen unsichtbaren Draht gespürt. Und wenn sie mal besonders heftig mit mir geschimpft hat, dann war es deshalb, wie ich heute weiß, weil ich sie enttäuscht habe. Heidi hat immer an mich geglaubt und im Hinterkopf gehabt, mich unbedingt durchzubringen. Was glaubst Du aber, wäre passiert, wenn ich auch nur ein einziges Mal mit ihr privat hinter dem Rücken der anderen gequatscht hätte?! Sofort wäre die komplette Glaubwürdigkeit dieser Show im Eimer gewesen!

Das ist klar, das verstehe ich. Aber irgendwann war ja dieser Bewertungsritus vorbei, auch das Filmen mit Brigitte Nielsen hatte ja mal ein Ende. Dann gäbe es doch sicher die Möglichkeit, sich mal hinzusetzen, um sich auszutauschen, meinetwegen auch nur über fachliche Dinge. Wenn ich Dich richtig verstanden habe, hat man euch dazu überhaupt keine Chancen gegeben?
Ich würde mal annehmen, dass solche Dinge der jeweilige Juror entscheidet. Wer da besonders locker war, war Thomas Hayo. Nach dem Dreh kam der zu uns nach hinten und plauderte mit uns, machte mit der einen oder anderen ein Selfie, ließ sich auch gerne zu einem Späßchen hinreißen.

So hätte ich mir das eigentlich auch mit den anderen großen Namen vorgestellt, zumal gerade Brigitte Nielsen bei euerm Filmdreh immer einen auf "Best Buddy" mit euch gemacht hat. Man hätte meinen können, ihr habe euch schon drei Stunden vorher zum Kaffeetrinken getroffen und hättet euch miteinander bekannt gemacht. So sah es für mich jedenfalls aus.
Ja, vor der Kamera sah es vielleicht so aus, aber danach gab es überhaupt keinen Kontakt mehr. Nun weiß ich aber auch nicht, dass so etwas nicht gewünscht wird, weil wir ja quasi die ganze Zeit in unserem eigenen Saft schmoren sollten. Sonst hätte es ja zum Beispiel sein können, dass man einen Gastjuror nach seiner Meinung fragt. Und das war auf keinen Fall gewollt. Es war ein Wettbewerb, und da gab es strenge Regeln. Man soll unter Adrenalin stehen, es soll spannend bleiben und scheinbar kommt diese Spannung ja auch bei den Zuschauern an. Ich höre immer wieder gerade ältere Frauen sagen: "Wir haben so mit Dir mitgefiebert und waren total aufgeregt…" Meiner Meinung nach erzeugt der Sender diese Spannung dadurch, dass man für die Models keinerlei Kontakte zur Außenwelt zulässt

. Jetzt haben wir ganz viel darüber gesprochen, was vielleicht nicht ganz so toll war. Und jetzt lass uns mal über die Dinge reden, die richtig geil waren. Ich persönlich finde, Du hast jede Prüfung, jeden Test, jedes Abenteuer, jeden Lauf bravourös mitgemacht, warst Dir für nichts zu schade. Welches Erlebnis war für Dich das Bleibende, was war in Deiner Erinnerung am interessantesten, was nimmst Du mit für Dein weiteres Leben und von welchen Momenten denkst Du, das brauchst Du im Leben nicht noch einmal?
Was nehme ich mit? Allein die Teilnahme an GNTM war für mich eine pure Herzenssache. Es ging mir nicht darum, irgendwie Geld damit zu verdienen, sondern ich wollte das von ganzem Herzen. Ginge es ums Geld, hätte ich längst eines der zahlreichen Folgeangebote von Fernsehsendern angenommen. Ich bin stolz auf mich, dass ich es geschafft habe, mich im richtigen Moment in Pose zu setzen, obwohl ich mich sonst nicht wirklich über den Spiegelblick definiere. Diese Erfahrungen helfen mir auch zu etwas mehr Selbstbewusstsein, was mir unter anderem beim "Riverboat" geholfen hat, denn als diese ganzen Pressefotografen dort wie ein Fliegenschwarm über mich hergefallen sind, blieb ich cool, was ich ohne die Erfahrungen bei GNTM niemals geschafft hätte. So aber habe ich mich entspannt hingesetzt, habe ein, zwei der neu gelernten Blicke und Posen aufgesetzt und konnte mich auf diese Art ganz gut verkaufen. Das ist für mich keineswegs von Schaden. Vielleicht hilft mir das ja auch, wenn ich nochmal irgendwo ein Lied singe. Da kann ich entscheiden, ob ich auf die Bühne latsche oder lieber ganz elegant zum Mikrofon schreite.

In den 80er Jahren hast Du ja das komplette Jahrzehnt mit Deiner Band MONA LISE auf der Bühne gestanden, warst kreativ, hast Lieder geschrieben und diese dann auch präsentiert. Im Anschluss warst Du Lehrerin und bist jetzt im Model-Business tätig gewesen. Welches dieser drei Betätigungsfelder liegt Dir denn am meisten?
Das Herz schlägt für alle drei Jobs. Wobei der lauteste Herzschlag bei der Musik zu hören ist. Dabei sehe ich mich gar nicht so als Supersängerin, sondern eher als Songwriterin. Weißt Du, einen Song zu schreiben und diesen Prozess der Kreativität zu erleben, das ist das Größte. Du hast etwas selber entwickelt, und sei es eben "nur" ein Song. Ob den am Ende einer hören will oder nicht, ist völlig egal. Notfalls schmeißt Du das Lied wieder in die Tonne. Aber diese Kreativität, etwas Eigenes geschaffen zu haben, das ist das eigentliche Glücksgefühl. Wobei ja das Schöne ist, dass Du Wort und Musik miteinander verbindest. Wenn Du Deine Lieder performst, bist Du wirklich Du selber, weshalb dann in der Regel auch die Außendarstellung stimmt. Beim Modeln hingegen trägst Du ein Kleid von jemand anders. Und selbst, wenn Dir dieses Kleid nicht so sehr gefällt, musst Du so tun, als wärst Du in dem Kleid die schönste Frau der Welt, was aber gar nicht so einfach ist. Wenn man das aber kann, ist das nicht von Schaden.

007 20220727 1352658281Es gibt nach der GNTM-Zeit für Dich Folgeaufträge als Model. Du wirst also weiter auf dem Laufsteg tätig sein. Stimmt das?
Wenn ich ein passendes Angebot bekomme, dann natürlich gerne. Ich bin offen für alles, solange ich Spaß und Freude daran habe. Nachtragen will ich aber unbedingt noch, dass ich auch den Lehrerberuf sehr gerne gemacht habe. Aber Du musst wissen, dass dieser Beruf unglaublich schlaucht. Du gibst und gibst und gibst und bist am Ende ausgebrannt. Jetzt konnte ich aber sagen, ich mache etwas nur für mich.

Bist Du denn in einer Agentur gelistet oder lässt Du Dich anrufen und hörst dann: "Lieselotte, hast Du Lust auf dies oder das?"
Ich bin automatisch an eine Agentur von Pro 7 gebunden, was mir auch ganz Recht ist. Mein Manager hilft mir ganz hervorragend dabei. Mit ihm habe ich sowieso großes Glück, denn er hat viel Erfahrung und hat u.a. mal die Jungs von TOKIO HOTEL gemanagt. Deshalb hat er auch ein offenes Ohr, wenn es um Musik geht.

Da habe ich nun auch ein ganz weit offenes Ohr, denn es bieten sich damit ja jetzt förmlich zwei Wege an: entweder Lieselotte solo oder wieder mit ihrer Band in einer Art Reunion. Wie sieht es damit aus?
Weißt Du, ich bin ja immer sehr selbstkritisch. Von daher denke ich, es wartet niemand auf Lieselotte Reznicek. Es gibt doch so viel andere gute Musik auf dieser Welt.

Na gut, aber durch dieses halbe Jahr hast Du unglaublich viel Fahrtwind erhalten und Deinen Bekanntheitsgrad erhöht, was man eigentlich nutzen könnte.
Vielen Dank, Christian. Ich habe ja dank Pro 7 nun auch einen eigenen Instagram-Account, den ich sogar behalten darf. Dort habe ich ja hin und wieder auch mal ein paar Töne reingeträllert, was mir einmal bis zu 80.000 Klicks gebracht hat. Und komischerweise wollen ganz viele junge Mädchen, dass ich wieder öfter singe. Vielleicht meinen die das sogar ernst. Aber wenn ich mir überlege, ich müsste nochmal auf Tour gehen… Nein, dazu hätte ich nicht mehr die Kraft. Auch weiß ich nicht, ob ich mir noch für ein ganzes Konzert die Texte merken könnte. Aber wenn ein Veranstalter kommt und mich bittet: "Lieselotte, mache doch in meiner Sendung mal drei Songs", dann sage ich ja. Oder falls Pro 7 ein Format erschafft, wo auch Leute wie ich auftreten können und wo nicht nur drei bis vier Zuschauer kommen, dann macht das sicher auch Sinn.

Ich erinnere nur an die Künstlertreffen in Berlin, da hast Du auch am Klavier gesessen und die Leute von den Hockern gerissen.
Hmmm … Kann sein. Woran ich mich auf jeden Fall erinnere, sind meine Auftritte bei Demos gegen Fluglärm. Das war mit Amateurmusikern zusammen, aber die Leute haben sich gefreut, dass ich für eine gute Sache gesungen habe.

Du schließt eine Rückkehr auf die Bühne also nicht prinzipiell aus …
Eine Reunion von MONA LISE wird es nicht geben. Wenn überhaupt, dann wird es nur die Lieselotte zu hören geben. Aber da bin ich völlig entspannt und gebe mich keinen Illusionen hin.

Jetzt musst Du uns allen aber noch etwas die Angst nehmen. Meistens geht ja so eine Staffel einher mit Folgearrangements bei Promi Big Brother, dem Dschungelcamp und ähnlichen Formaten. Wir laufen hoffentlich keine Gefahr, Dich da irgendwann wiederzusehen?
Für das Dschungelcamp kam tatsächlich eine Anfrage, aber das hat mein Manager gleich abgeblasen. Dasselbe galt für Promi Big Brother. Ich selber habe eine Datingshow in Italien abgesagt, obwohl ich mir schon gerne mal italienische Männer etwas näher ansehen würde (lacht laut). Es gibt da noch ein, zwei Angebote für den Herbst, aber das lasse ich auf mich zukommen. Es ist mir auf jeden Fall wichtig, dass die Sachen, bei denen ich mitwirke, ein gewisses Niveau haben.


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Damals war's: Lieselotte und ihre Band treffen Udo Lindenberg (Foto: privat)


Wie sieht denn Deine nahe Zukunft aus? Du hast gesagt, im Herbst gehst Du wieder modeln und wirst vielleicht ein bisschen Fernsehen machen. Was liegt sonst noch an?
Es ist da bei Pro 7 noch etwas in der Schwebe, was aber noch nicht spruchreif ist.

Eine letzte Frage muss ich unbedingt noch loswerden. Dein ehemaliger Kollege Dan Lucas alias Lutz Salzwedel hat ja "The Voice Senior" gewonnen. Wer es nicht kennt: das ist die Ausgabe von "The Voice of Germany" für das ältere Semester. Wäre dieses Format vielleicht etwas für Dich?
Nein, überhaupt nicht. Okay, moderieren würde ich das gerne, aber mitmachen… nein. Auch bei der eigentlichen "The Voice of Germany"-Ausgabe wäre ich fehl am Platze, zumindest in der Jury, weil ich kein Englisch spreche und auch bei weitem nicht so viel von den internationalen Songs kenne, die da gesungen werden. Eventuell käme für mich ein Jury-Platz beim "Supertalent" in Frage, das würde ich mir zutrauen. Aber die ursprüngliche Frage war ja, ob ich mir eine Teilnahme bei "The Voice Senior" vorstellen kann? Nein, denn ich war nie ein Cover-Interpret und bin es bis heute nicht. Ich habe immer nur meine eigenen Lieder gesungen, egal, ob sie anderen nun gefallen haben oder nicht. Warum sollte ich denn jetzt plötzlich die Lieder anderer Künstler nachsingen? Darauf habe ich keine Lust.

Empfiehlst Du denn anderen Mädchen, Frauen und älteren Damen, sich für die nächste Staffel von GNTM zu bewerben?
Ich bekomme tatsächlich über Instagram viele Anfragen älterer Menschen, ob sie sich trauen sollen, da mitzumachen. Deshalb vermute ich, dass sich für die nächste Staffel weitaus mehr ältere Damen bewerben werden. Vielleicht denkt Pro 7 dann ja mal darüber nach, die Anforderungen wenigstens ein bisschen auf das Alter der Teilnehmer anzupassen. Ich musste mich voll und ganz auf das Niveau der jungen Mädels einlassen, die mit mir in der Show waren. Ich habe zwar alles mitgemacht, so gut ich konnte, aber es war stellenweise schon echt herausfordernd. Also kurz und gut: warum sollen zukünftig nicht mehr ältere Damen bei GNTM mitmachen? Für mich spricht nichts dagegen. Und die Industrie kapiert ja auch endlich, dass eine ältere Frau mehr Geld hat als eine 20-jährige und auch dementsprechend viel Klamotten kauft.

Lieselotte, ich danke Dir für dieses sehr anregende Gespräch. Ich hoffe sehr, dass sich Dein Vorhaben, als Vorbild für Leute mit körperlichen Einschränkungen voranzugehen, auch wirklich umsetzen lässt.
Da sprichst Du einen ganz wichtigen Punkt an. Sicher haben die jungen Models allesamt viel mehr Follower als ich auf ihren Instagram-Kanälen. Aber diejenigen, die mir folgen oder mir auch nur mal ein paar Zeilen schreiben, fügen ganz oft den Satz mit ein, dass ich ein Vorbild sei. Und das freut mich immer riesig. Somit habe ich meine kleine Mission erfüllt.



Interview: Christian Reder
Übertragung: Torsten Meyer
Fotos: Thorsten Murr, Patryk Reinhardt, Lieselotte Reznicek privat



   
   
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