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Interview vom 12. Juni 2022



Eberhard Klunker war in seiner Heimat DDR einer der jüngsten Profimusiker und von den Menschen, die sich mit Fluchtgedanken trugen, einer der Mutigsten. Er versuchte es auf ungewöhnliche Art und Weise und war damit erfolgreich. In der BRD angekommen, machte er weiter Musik, war Mitglied der legendären Gruppe WINDMINISTER und formte sich selbst als Gitarrist um - weg von der strombetriebenen Gitarre und hin zur Akustischen. Auf ihr ist der gebürtige Harzberger inzwischen ein wahres Genie. Ein Beweis dieser mit einem Superlativ versehenen Beschreibung sind neben vielen bereits erschienenen Alben auch das brandneue Werk "Tomorrow", das seit zwei Wochen im Handel erhältlich ist. Unsere Kollegin Antje traf sich deshalb auch mit Eberhard Klunker und fragte mal nach, was es zur CD zu sagen gibt und was aus seinen anderen Projekten wird ...

 


 

Auch wenn dein 70. Geburtstag jetzt schon etwas zurückliegt, möchte ich dir noch nachträglich gratulieren.
Das ist schön, ich danke dir.

Wie hast du deinen Geburtstag verbracht?
Das weiß ich gar nicht mehr so richtig. Auf jeden Fall ruhig, etwas zurückgezogen. Ich hatte zu der Zeit auch zu tun und musste arbeiten. Es war irgendwie dicht gedrängt.


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Das neue Album "Tomorrow" Rezension: HIER


Wie lange hast du an dem neuen Album "Tomorrow" gearbeitet?
Die Vorbereitungszeit war so etwa zwei bis drei Jahre. Nach einem Album fängt man ja eigentlich schon fast mit dem Neuen an, sich neu aufzustellen und zu schauen: was habe ich noch zu sagen? Dann entwickelt man sich musikalisch weiter und auch technisch. Irgendwann ist eine Sättigung erreicht und genug Material da, was man dann noch in Form gießt. Das war bei mir Ende Dezember der Fall. Dann bin ich ins Studio gegangen für zwei Tage. Der erste Tag war im Grunde Vorbereitung, Soundcheck und so weiter. Am zweiten Tag habe ich alles relativ schnell eingespielt. Das ganze Album dann live.

Deine Lieder sind ja alle rein instrumental. Was hast du dir bei den Liedern gedacht?
Es ist ja so, dass ich viel für Sänger und Bands geschrieben habe, in denen ich in meiner Zeit als Musiker beteiligt war. Da sind mir einige Lieder in Erinnerung gekommen, die teilweise schon eine jahrzehntelange Vorgeschichte haben. Dann habe ich überlegt, welche davon auch ohne Text und Gesang funktionieren. Zudem müssen sie sich ja auch noch gut anhören, wenn ich sie alleine auf der Gitarre spiele. Ich habe da vier Stücke, die aus der Zeit mit der Gruppe WINDMINISTER und Christiane Ufholz sind, für die ich versuchte, zeitlose Melodien auf mein Sologitarrenformat zu übersetzen. Also sind die Lieder zur Hälfte alte und zur Hälfte neue Stücke, es sind ja insgesamt nur acht Lieder drauf.

Haben vielleicht noch andere Musiker in irgendeiner Form mitgewirkt?
Nein, es ist ja ein Soloalbum.

Wie war es für Dich zu Corona-Zeiten, an dem neuen Album zu arbeiten?
Ich habe mir zu Hause die Gitarre genommen, was ja bei meinem Solospiel praktisch ist. Ich kann mir meine Gitarre ja quasi nehmen, wann ich Lust habe oder mir gerade irgendetwas einfällt. Wenn man eine Band hat, muss man sich verabreden, einen Proberaum haben und dergleichen. Ich bin da ja relativ frei und ungezwungen. In der Corona-Zeit waren ja eh kaum bis hin zu gar keine Auftritte möglich. Da habe ich dann andere Dinge gemacht, wie Lehrbücher geschrieben, auch mit anderen Musikern zusammen. Ich habe mich so ziemlich genauso mit dem Album beschäftigt, wie zu Zeiten vor Corona.


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Sind denn Konzerte geplant, um das Album präsentieren zu können?
Ja am 26. Juni 2022 ist ein Konzert in der Kirche am Liezensee geplant. Am 28. Juni 2022 spiele ich in Speiches Rock- und Blueskneipe. Das ist hier sehr bekannt. Das ist verbunden mit einem Interview. Ich habe noch einige andere Termine in anderen Konstellationen, aber das eben Genannte ist jetzt erstmal das nächste, was ansteht.

Du hast ja gerade schon die Band WINDMINISTER erwähnt. Geht es da nochmal irgendwie weiter?
Nein, das ist ja schon historisch und lange her. Das war ein Konzept, ein Projekt, das sich aber nicht lange gehalten hat. Aber ich habe mit vielen interessanten Musikern zusammengearbeitet. Die Zeit hat bei mir einen starken kreativen Input und Fußabdruck hinterlassen. Da waren Melodien dabei, die ich heute noch in mir habe. Die habe ich auch in dem neuen Album "Tomorrow (there is a way)" nochmal mit aufgenommen. Ohne Text. Es ist ja so, dass in der Zusammenarbeit mit anderen Musikern auch immer die eigene Kreativität angeregt wird. Das war da der Fall. Das nehme ich auch aus der Zeit mit. Ansonsten ist das Spielen in Bands für mich nur noch eher eine Nebensache.

Du hast ja auch gerade KLOSTERBRÜDERN ausgeholfen. Bleibt es bei der Zusammenarbeit?
Da bin ich fast wider meines Willens "hinein geraten", weil da zwei Mitglieder ausgefallen sind. Der Bassist und der Gitarrist. Da ich ja eine Art Gitarrist bin, wurde ich angesprochen. Da habe ich gesagt, dass ich eigentlich schon seit ewigen Zeiten nicht mehr Elektrogitarre spiele. Ich bin auch mit dem Chef der Band, Dietrich Kessler, befreundet und konnte ihm nicht abschlagen, dass ich aushelfe. Ich habe dann auch mit der Elektrogitarre gespielt. Das kann sein dass sich das wiederholt, das weiß ich jetzt noch nicht. Passieren kann es theoretisch.

Du hast gerade von dir als eine "Art Gitarrist" gesprochen, das finde ich sehr lustig.
Naja, in Bezug auf Elektrogitarre. Ich hatte mir von meinem Sohn eine Elektrogitarre geborgt und hab quasi auf einem geborgten Instrument gespielt. Ohne Verstärker und alles. Ich kann das auch ganz gut spielen, aber jetzt nicht mit großem Ehrgeiz, dass ich sage, ich bin jetzt der nächste Joe Bonamassa oder Jeff Beck. Da muss man sich voll reinknien, das möchte ich nicht. Ich habe mich der akustischen Gitarre verschrieben. Da sehe ich mehr meinen Platz. Bei der Elektrogitarre gibt es ja unendlich viele gute Spieler, da muss man sich jahrelang damit befassen, um da noch etwas Originelles hervorzubringen. Irgendjemanden zu imitieren, dazu habe ich keine Lust.


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Hattest du denn früher mal Gitarrenunterricht, oder bist du Autodidakt?
Beides. Ich bin Autodidakt von meinen Anfängen her. Ich bin ja zu DDR-Zeiten in die Musik eingestiegen und wurde mit 19 Jahren Berufsmusiker. In der DDR musste man eine Ausbildung machen, um einen zunächst vorläufigen Berufsausweis zu bekommen. In dem Zuge habe ich dann Gitarrenunterricht genommen, hatte aber selbst vorher schon klassische Musik gespielt. Damals habe ich mich schon für die Konzertgitarre interessiert, hab im Anfängerbereich leichte Stücke von Bach gespielt. Das habe ich mir tatsächlich im Selbststudium angeeignet, auch Stücke von Händel. Ich habe es nicht so weit verfolgt, dass es für ein Konzert gereicht hätte.

Ist für die Zukunft eine weitere Zusammenarbeit mit Christiane Ufholz oder Beata Kossowska geplant?
Ja, mit Beata Kossowska spiele ich übrigens immer noch, mit Christiane Ufholz eher nicht mehr. Mit Beata habe ich auch `ne kleine Band, und dafür noch eine dritte Sängerin angeheuert. Wir proben und haben auch zur Kieler Woche einen Auftritt. Es ist eine akustische Band.

Wie heißt denn die Band?
Die hat noch gar keinen Namen. Wir haben zwar schon überlegt, aber noch keinen gefunden.

Hast du noch Kontakt zu Hansi Biebl?
Ja ja, sehr gut sogar. Wir haben in der Corona-Zeit zweimal je eine CD aufgenommen, für Kinder. Einmal eine Kinderlieder-CD und dann noch eine Weihnachts-CD. Hansi hat Flöte gespielt, ich Gitarre. Wir sind aber auch so sehr gut, telefonieren regelmäßig oder treffen uns auch mal.

Das ist schön, ihr habt ja doch einiges zusammen erlebt.
Ja, das ist ja schon ewig her mit der Hansi Biebl Band. Das war eine tolle Band. Zum Glück sind die Aufnahmen noch erhalten. Das Album "Savannah" war ja vergriffen und wird nun als Vinyl-Edition neu aufgelegt.


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Ich finde die Musik von Klaus Renft und seiner Combo toll. Wie war die Zusammenarbeit mit Klaus Ranft?
Er war schon ein interessanter Typ. Sehr philosophisch interessiert. Mit ihm konnte man nächtelang diskutieren. Klaus ist mit offenen Augen durch die Welt gegangen. Er konnte sehr gut Leute zusammenbringen, deshalb auch die gute Zeit der Klaus-Renft-Combo. Ich kenne die ganzen Musiker ja auch noch. Er konnte ganz unterschiedliche Temperamente und Intensionen zusammenbringen. Daraus konnte er dann was formen. Für mich war es eine herausragende Eigenschaft, dass er sehr gut integrieren konnte. Er hatte eine sehr gute Intention dafür, wo die Wege einer Band langführen könnten, und war der geborene Bandleader. Nie ein großartiger Könner an einem Instrument, aber eben ein sehr guter Bandleader. Diese Integrationsfähigkeit war eine herausragende Eigenschaft für mich.

Als wir den Termin für das Interview vereinbart haben, hast du erwähnt, dass du unterrichtest.
Ja, aber nicht mehr so wahnsinnig viel. Früher habe ich mal hier an der Musikschule in Zehlendorf unterrichtet. Ich habe nur noch erwachsene Schüler, aber maximal 10 zur gleichen Zeit. Ich nehme auch nicht mehr jeden an, nur noch Schüler mit denen ich gut kann. Probestunden biete ich auch nicht an, dadurch fallen schon mal einige raus.

Du hattest das Thema deiner spektakulären Flucht aus der DDR ja bereits in einem früheren Interview ausführlich mit unserem Kollegen Hähle besprochen. Dennoch möchte ich es nicht ganz unerwähnt lassen. Prägt dich deine Geschichte der Flucht bis heute?
Naja, das war schon ein einschneidendes Erlebnis, klar. Das kommt ja nicht wieder, das macht man nur einmal. Bei mir hat es schon einschneidende Veränderungen bedeutet. Da bin ich von der E-Gitarre weggekommen, bin Vegetarier geworden und hab mit dem Angeln aufgehört. Das hat meine Persönlichkeit natürlich schon verändert. Ansonsten weiß man ja nicht, wie man sich unter anderen Umständen sonst entwickelt hätte. Ich bin schon dem Schicksal dankbar, dass das alles damals so geklappt hat und mir nichts Schlimmes dabei passiert ist. Das kann ja nicht jeder von sich behaupten, der das damals probiert hat. Das ist auch für mich nicht irgendwie ein Tabuthema. Wenn ich gefragt werde, dann kann ich freimütig darüber reden und Auskunft geben. Für mich war das wie neu geboren zu werden, denn ich habe mich in der DDR aus verschiedenen Gründen nicht mehr wohlgefühlt. Ich war schon sehr froh, von den Genossen wegzukommen. Die Zeit, in der ich aufgewachsen bin, war doch restriktiv. Auch wenn man Musiker war oder Künstler, hat man sich unterdrückt gefühlt oder musste sich eben anpassen. Dann kam ja 1976 die Ausbürgerung von Wolf Biermann, Ich weiß nicht, ob dir das noch was sagt.


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Ja klar, auf das Thema wollte ich dich auch gerade ansprechen.
In dem Zuge kamen ja dann viele Künstler rüber, die die Erklärung nicht unterschreiben wollten. Sie sollten bestätigen, dass sie einverstanden sind mit der Ausbürgerung. In dem Zusammenhang kamen 1976 Manfred Krug, Nina Hagen und viele andere rüber und haben so Farbe bekannt. Sie waren nicht einverstanden damit, dass Wolf Biermann als DDR-Bürger nicht in die DDR zurückdurfte. Es ist Politik der Vergangenheit. Ich trage das nicht vor mir her und erzähle der Welt, wie böse die DDR war.

War die Geschichte von Wolf Biermann für dich eine Art Anstoß?
Das denkt man immer, aber Wolf Biermann war später. Ich bin ja 1975 rüber, Wolf Biermann 1976. Ich kannte ihn flüchtig. Er hatte ja auch Berufsverbot, weil er schonungslose Texte gesungen hat. Später hat er mir mal erzählt, dass er auf das Berufsverbot im Nachhinein stolz ist. Das kann ich sogar verstehen. Wenn man ein repressives System hat, muss man halt vorsichtig sein mit dem, was man sagt. Oder hat dann eben die Konsequenzen zu tragen.

Möchtest du in Richtung unserer Leser noch etwas zum Abschluss sagen?
Vielleicht noch ein Wort zum neuen Album. Ich bemühe mich, nicht zu Jazz-artig zu klingen. Ich probiere, wie eine Band zu klingen.

Okay, dann vielen Dank für das Interview.
Ich danke dir auch.



Interview: Antje Nebel
Bearbeitung: Christian Reder
Fotos: Joachim Husack, Laura Victoria di Martino, Matthias Ziegert, Reinhard Baer



   
   
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