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Interview vom 13. Januar 2022



Diese besonderen Momente, in denen man von Musik überrascht, gern auch mal überfordert, aber auf jeden Fall in eine gute Stimmung versetzt wird, sind das Salz in der Suppe dieses wunderbaren Hobbys, das wir, die wir uns bei Deutsche Mugge tummeln, alle haben. So geschah es im Spätsommer des vergangenen Jahres, als ich vor dem Rechner hockte, der hauseigenen Radio Show lauschte und anschließend in den Titel "Spooky Tunnel" einer Gruppe namens SUPERFRO schockverliebt war. Meine Güte, was ist das für ein heißer Scheiß, den Moderator Micha Landmann da aus dem Sommerurlaub mitgebracht hatte?001 20220114 1127995851 Musik, die sich mit einfachen Worten nicht beschreiben, und sich nur in die große und weiträumige Schublade "Jazz" sortieren lässt. Darüber wollte ich mehr wissen, ebenso wer genau diese Musik macht. Ich knüpfte Kontakt zu Simon Höneß, Tastenvirtuose des Quartetts SUPERFRO, und ließ mir in dieser Woche in einem E-Mail-Interview von ihm alles Wissenswerte erzählen ...

 


 

Hallo Simon. Du trägst einen berühmten Nachnamen. Gibt es da ein verwandtschaftliches Verhältnis zwischen Dir, den Fußball-Brüdern und Hoffenheims Trainer, die auch Hoeneß heißen?
Nein, mit diesen Dreien hab ich meines Wissens nach keinerlei verwandtschaftliche Verbindung, was sich auch in der anderen Schreibweise des Nachnamens zeigt - bei mir ist das nämlich Höneß.

Vermutlich wirst Du alle Nase lang darauf angesprochen, zumal Du auch noch aus der gleichen Ecke in Bayern kommst. Nervt Dich das nicht langsam, oder anders gefragt: Gehe ich Dir mit der Frage auf den Keks?
In der Tat werde ich quasi wirklich von jedem, der meinen Nachnamen erfährt, darauf angesprochen - da lässt es sich manchmal nicht vermeiden, innerlich die Augen zu verdrehen. Eine scherzhafte Standardantwort meinerseits lautet manchmal: "Ja sicher - Uli Höneß ist mein Sohn". Ich komme übrigens nicht aus Bayern, sondern gebürtig aus Stuttgart.

Du bist also nicht Teil von Uli und Dieters Familie, aber Mitglied der Gruppe SUPERFRO. Ein Name, der gleich Fragen aufwirft … Ist beim Erfinden des Bandnamens einer von Euch eingeschlafen und hat dabei das "sch" oder "g" am Ende nicht mehr geschafft, oder was will uns das Ensemble mit dem Namen sagen?
Ganz zu Beginn der Band waren wir noch mit elektrischen Instrumenten am Start, und unser Bassist hatte ein riesiges Arsenal von Effektgeräten vor sich auf dem Boden liegen, mit denen er seinem Bass wirklich abgefahrene Sounds entlockte. Diese Sounds, kombiniert mit seinem extravaganten Spielstil, waren damals sehr prägend für die Band. Nun trägt er ja den einprägsamen Vornamen Frowin - was lag da näher, als die Band superFRO zu nennen?

Seit wann gibt es die Band und wie ist sie entstanden?
Die Band gibt es schon so lange, dass wir das genaue Gründungsjahr tatsächlich nicht mehr zurückverfolgen können, aber es muss 1995 oder 1996 gewesen sein. Zwei in Wiesbaden stationierte US-Army-Musiker - Brandon Mezzelo am Saxophon & Keith Moyer an der Trompete-, mit denen ich befreundet war, wollten eine Acid-Jazz-Band gründen mit mir am Fender Rhodes und fragten mich nach möglichen Mitmusikern. Mein damaliger WG-Mitbewohner und Drummer David Tröscher war sofort mit im Boot - er wiederum hatte kurz vorher den sagenumwobenen Bassisten Frowin Ickler kennengelernt und diesen dann dazugeholt, womit die Rhythm Section komplett war. Während die beiden Solisten irgendwann zurück in die Staaten mussten, hat die Rhythm Section seit Bandgründung, also mindestens 25 Jahre(!) unverändert Bestand! Welche Band kann das schon von sich sagen? Und wir merken immer wieder, welchen unglaublichen Mehrwert das hat. All das, was wir in diesen 25 Jahren erlebt haben - Gutes und Ungutes -, haben wir gemeinsam getragen, was ein enormes Vertrauensverhältnis erzeugt hat. Wir sind wirklich sehr, sehr enge Freunde geworden, die - über die Musik hinaus - inzwischen eine ganz tiefe Verbindung zueinander haben. Und das ist etwas, das wir nach Konzerten auch immer wieder vom Publikum zu hören bekommen - es sei so schön, unsere Verbindung auf der Bühne beobachten zu können.

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Welche Ziele hattet Ihr, als die Band an den Start ging, und war diese besondere akustische Mischung aus Weltmusik, House, Pop, Blues und Jazz, die Ihr heute spielt, schon damals Euer Markenzeichen?
Nein, zu Beginn war die Idee, eine abgewandelte Form von Acid Jazz auf die Beine zu stellen. Die Rhythm Section mit Drum Set, E-Bass samt Soundboard, Fender Rhodes & Synthie - dazu Sax und Trompete, ebenfalls über Soundboards verfremdet. Wir waren ziemlich laut und teils mit einer recht anarchischen Energie auf der Bühne unterwegs. Der große Wandel kam, als ich eines Nachts von einem Klavier auf Rädern träumte, das ich um einen See schob ... Mitten aus dem Traum erwacht, habe ich diese Bilder sofort begonnen in Realität umzusetzen - hab mein Auto vermessen, ein passendes, gebrauchtes Klavier bei Ebay gekauft, mithilfe meines schreinereibegabten Onkels luftbereifte Räder dranmontiert und bin dann unmittelbar nach Südfrankreich losgezogen, um in Avignon Straßenmusik mit meinem Klavier zu machen. Als ich der Band zuhause von all den wunderbaren Erlebnissen erzählte, die ich dort mit den zuhörenden Passanten hatte, waren sich auf einmal alle einig, dass wir das mal zusammen machen sollten. David, bis dahin am Drumset, schnappte sich eine Cajon, Frowin tauschte den E-Bass gegen einen Kontrabass, unser damaliger Saxofonist Ralf ließ die Effektgeräte zuhause, und schwupps ... da standen wir in Avignon zu viert hinter dem Papstpalast. Und dieser ja auch für uns vollkommen neue Sound und die daraus entstehende Inspiration für eine Neugestaltung unserer Kompositionen waren für uns so überzeugend, dass wir nicht mehr zum elektrischen Instrumentarium zurückgekehrt sind.

Ich habe Eure aktuelle CD "Krötenwanderung" hier und auch angehört. Texte gibt es keine, Ihr macht Instrumentalmusik. Dafür habt Ihr zu jedem Stück eine kleine Beschreibung auf das Cover gedruckt. Sind diese Beschreibungen als Denk- bzw. Träumanstöße zu verstehen?
Nun ja, Texte gibt es schon - aber halt nicht gleichzeitig zur Musik :-) Die im CD-Cover abgedruckten kleinen Beschreibungen sind eine Kurzfassung meiner auf der Bühne deutlich ausführlicher ausfallenden Moderationen. Die meisten speziell meiner Kompositionen haben ein reales Erlebnis als Grundlage, das ich im Nachhinein vertont habe (bei den Kompositionen der anderen Bandmitglieder ist das anders). Dieses ursprüngliche Erlebnis schildere ich auf der Bühne vor dem jeweiligen Stück, teils humoristisch, teils emotional. Ziel dessen ist es, bei den Zuhörern innere Bilder anzustoßen - und wenn der innere Film dann läuft, machen wir die Filmmusik dazu. Wie im Kino verbinden sich Bilder und Musik dann zu einem Gesamterlebnis - daher auch unsere Stilbezeichnung Filmmusik für innere Bilder.



Nehmen wir doch mal gleich das erste Lied auf dem Album, "Krötenwanderung", als Beispiel. Welche Geschichte steckt darin und wie habt Ihr sie musikalisch in Szene gesetzt?
Diese Komposition stammt von unserem Saxofonisten Jan Beiling und ist eines jener Stücke, die nicht auf realem Erleben basieren, sondern auf lebhafter Fantasie, welche Art von Energien bei einer tatsächlichen Krötenwanderung am Start sein könnten ...
"Eine Kröte. Die Kameradrohne steigt, gibt den Blick frei auf tausende Kröten. Kröten die unruhig verharren, drängeln. Ein pulsierender Gesamtorganismus aus hunderten Leibern, der über die Straße will. Muss. Der um die Gefahr weiß. Der Angst hat. Der es wagt. In der Ferne die Lichtkegel eines LKW. Kreischende Bremsen! Panik! Hektik! Stille."

Gleiche Frage zum sehr ungewöhnlich arrangierten "Hasenphank" …
Da ist die Entstehung des Titels nochmal eine ganz andere, nämlich erst im Anschluss an die fertige Komposition. Kurz nach Gründung der Band bekam ein Mitmusiker unseres Bassisten unsere allererste Demo-Aufnahme in die Hand, die - zugegebenermaßen - musikalisch noch nicht ganz ausgereift war. Er meinte damals mit despektierlichem Unterton "Das ist doch Hasen-Funk"" ... Als wir nun im Studio die damals noch titellose, jetzt mit "Hasenphank" betitelte Komposition fertiggestellt hatten und uns über den funky Groove freuten, kam uns diese Uralt-Story mal wieder in Erinnerung - schon war der Songtitel gefunden :-)

Gut in eine Chillout-Lounge oder in eine Piano-Bar würde "Quite Quiet Here" passen, wie ich finde. Hat es von dort auch seine DNA bezogen?
Oh nee, überhaupt gar nicht. Diese Musik ist in mir entstanden in einem Moment, als jemand, der zuvor sehr lange da war, plötzlich nicht mehr da war - quite quiet here, ziemlich ruhig hier. Melancholie, spannungsreiche Klänge, sich wie Gedanken wiederholende Melodiebögen ...



Der "Daunenwalzer" kommt dagegen anfangs etwas karibisch daher, verläuft sich dann eher in den klassischen Jazz-Bereich. Was waren Eure Gedanken dazu, als das Lied entstand?
Tja, was ist schon "klassischer Jazz"? Dieser Daunenwalzer ist die atmosphärische Vertonung eines realen Erlebens, welches ich am Flüsschen in meinem Wohnort hatte:
"Ein Sommertag an einem kleinen Flüsschen. Der entspannte Blick zum blauen Himmel, an dem bewegungslos kleine weiße Alibiwölkchen kleben, aus denen sich plötzlich etwas Kleines zu lösen scheint und nach unten schwebt, sich noch mal erhebt, in der Luft tanzt und sich dann sanft auf der Wasseroberfläche niederlässt."

Den sehr heiter ausgefallenen "Cow Rag" finde ich ganz witzig und möchte ihn als letztes Beispiel erwähnen. Er sticht etwas aus dem Gesamtbild heraus. Wer von Euch hatte denn diese nächtliche Erscheinung mit den Kühen auf tiefdunkler Landstraße?
Das war in der Tat ein groteskes Erlebnis, das ich damals in diesem Berghüttenurlaub hatte:
"Auf einsamem Almweg in stockdunkler Nacht mit dem Auto unterwegs, in Sichtweite jede Menge weißer Zaunpfähle mitten auf dem Weg, der links ins Bodenlose abfiel, rechts vom Steilhang begrenzt war. Zaunpfähle? Von wegen! Nachtschwarze Kühe mit weißen Beinen erwarten in regloser Rinderruhe den unsicheren Städter für ein skurriles Schauspiel am steilen Abhang."
Das ganze Erlebnis dauerte rund 20 Minuten, bis die Kühe uns den Weg freimachten, nachdem sie teils unsere Windschutzscheibe abgeleckt hatten, hinter der wir fast in Panik gerieten. Das Ganze lief später immer wieder wie ein Slaptstick-Daumenkino vor meinem inneren Auge ab, was mich zu dieser eher humoristisch anmutenden Komposition inspiriert hat.



Der Einsatz von Kuhglocken als zusätzliches Element ist hier ein netter Effekt. Wer kam denn auf diese Idee?
Kuhglocken? Welche Kuhglocken? ;-)

Gibt es auf dem "Krötenwanderung"-Album für Dich besondere Stücke, die Dir näher am Herzen liegen als andere?
Bezogen auf meine eigenen Kompositionen ist es zum einen "Reign of Rain - die Regentschaft des Regens", da mir nach längerer Zeit mal wieder eine solch vielseitige, stimmungsintensive Komposition geglückt ist, geprägt von einem sich in unendliche Länge ziehenden Regentag auf der Alm, immer wieder durchzogen von kurzen, hoffnungsfrohen Momenten einzelner Aufheiterungen, abgelöst von Gewittern in ungeahnter Heftigkeit. Zum anderen "Quite quiet here", da es für mich eine zwar nicht angenehme, aber sehr intensive Zeit widerspiegelt.

Das wievielte Album von SUPERFRO ist das denn nunmehr?
Aus der elektrischen Zeit gibt es
1.) Acid jazz Party
2.) Monkey in a Lounge
3.) Sauron kann nicht tanzen
im aktuellen Akustiksound dann
4.) acoustic house jazz
5.) Down & Up!
6.) Trips
7.) Krötenwanderung

Wie entstehen die Lieder bei Euch überhaupt? Wo kommen die Geschichten her und wie werden sie letztlich in Musik verwandelt?
Den Bezug zu realen Erlebnissen bei meinen Kompositionen hab' ich ja oben schon ausführlich geschildert. Die Arbeitsweise meiner Bandkollegen bei deren Kompositionen ist meines Wissens nach eher frei-assoziativ, also weniger gebunden an reale Geschehnisse. Wer was Neues hat, wirft es in Form von mehr oder weniger ausgearbeiteten Details in den Ring, danach macht sich die Band als Ganzes darüber her. Manchmal geht alles sehr schnell, manchmal feilen wir an einzelnen Tönen oder Groove-Elementen stundenlang. Für Ersteres ist "Hasenphank" ein gutes Beispiel. Ursprünglich waren meine Ideen für Melodie und Groove wesentlich komplexer - in der gemeinsamen Arbeit kristallisierte sich dann immer mehr heraus, dass das Stück eine massive Verschlankung benötigt. Plötzlich kam Frowin mit diesem Bassgroove um die Ecke. Dann noch die Idee der Saxofondopplung durch die Melodika, die ja nicht wirklich ein typisch funky Instruemnt ist, und plötzlich war das Ding fertig. Bei anderen Stücken ist es eher das detailversessene Arrangieren, das lange Zeit benötigt. Und es ist immer wieder ein erhebender Moment, wenn wir ein Stück, das länger nicht "rund" werden wollte, plötzlich "geknackt" haben.



Wie präsentiert Ihr Eure Musik live und wie sieht ein SUPERFRO-Konzert aus?
Ein superfro-Konzert ist meines Erachtens etwas sehr Vergnüglich-Intensives. Musik und Moderationen verbinden sich zu einem energetischen Amalgam, dazu jede Menge Action und sichtbare Interaktion auf der Bühne.

Seit knapp zwei Jahren ist das mit Live-Konzerten ja so eine Sache … Wie erlebt Ihr die pandemiebedingte Durststrecke und wie hält man sich dabei selbst bei Laune?
Wann immer wir in dieser Zeit dann doch mal ein Konzert spielen konnten, haben wir jedes Mal gemerkt, wie wahnsinnig es uns gerade fehlt. Es ist ein so beglückendes und intensives Erleben des JETZT, wenn wir auf der Bühne stehen und das Publikum mit unserer Musik, also mit uns selbst in Verbindung bringen. Von diesen wenigen möglichen Konzertmomenten in den letzten zwei Jahren haben wir jeweils enorm gezehrt, immer aber eben auch verbunden mit einem Gefühl des Schmerzes und des Verlusts, da es gerade nur so selten erlaubt ist. Auf der anderen Seite hatten wir natürlich viel Zeit, was uns die Produktion der aktuellen CD ermöglicht hat. Aprospos "ermöglichen" - ermöglicht wurde diese Produktion auch durch diejeinigen unserer Fans, die sich entschlossen haben, uns über https://www.patreon.com/superfro_band mit einem regelmäßigen monatlichen Geldbetrag zu unterstützen. Denn das ist natürlich die andere Problematik an der ganzen Pandemiegeschichte - uns fehlen die Honorare zum Bestreiten des Lebensunterhalts, der wiederum die Grundlage ist, Zeit für die Entwicklung unserer Musik zu haben.

Seid Ihr allesamt in Eurem Quartett Profi-Musiker und habt Ihr neben dieser Band noch andere Jobs?
Wir erwirtschaften alle unseren Lebensunterhalt zu 100 Prozent durch Musik - "unmusikalische" Jobs hat keiner von uns in normalen Zeiten. Jetzt aktuell bleibt allerdings keine andere Wahl, als hier und da mit musikfremden Tätigkeiten etwas hinzuzuverdienen, was natürlich unmittelbar die für Entwicklung von Musik zur Verfügung stehende Zeit verringert.

Euer Bassist Frowin Ickler kann in seiner Vita ja schon auf so manches Highlight verweisen, spielte er doch u.a. bei oder für Kim Wilde. Habt Ihr anderen auch schon solche oder ähnliche Erfahrungen sammeln können?
Aber ja doch - jeder von uns war schon in diversen Highlights involviert! Hier eine kleine Liste ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
Frowin: Musiker für Kim Wilde, Max Mutzke, Gloria Gaynor
David: Die Shows "Let's Burlesque" und "Glanz auf dem Vulkan"
Simon: Kleinkunstpreis Baden-Württemberg mit Hard Rock Satire IN TEUFELS KÜCHE
Jan: Ghoa Concept, in der RTL-Nachtshow u.a. mit Percy Sledge, Jermaine Jackson, Robert Palmer, Bruce Hornsby



Wie bist Du persönlich zur Musik gekommen und welche Art dieser Kunst oder welcher Musiker hat diese Begeisterung in Dir ausgelöst?
Bei uns zuhause lief immer schon viel Musik, da meine Mutter Saxofon und mein Vater Querflöte spielten. Mit 6 Jahren hatte ich dann Lust, das Klavierspielen zu lernen. Begeistert haben mich damals Konstantin Wecker mit seiner Inbrunst und Oscar Peterson mit etwas, was ich damals als witzig empfand, außerdem eine Stuttgarter Dixieland-Band namens "Darktown Jazz Band", später dann die Soloalben von Keith Jarrett. Allerdings hatte ich immer nur Klavierlehrer mit klassischem Background, was mich musikalisch einfach nicht interessierte - als ich 13 oder 14 Jahre alt war, wollte ich daher ernsthaft aufhören mit dem Klavier, woraufhin meine Eltern glücklicherweise die Idee hatten, mich bei einem Lehrer für Pop-& Jazzklavier anzumelden. Das war die Wende - ein halbes Jahr später wusste ich, dass ich Jazzklavier studieren wollte.

Hast Du denn dann auch eine besondere musikalische Ausbildung genossen?
Nach dem Klavierunterricht als Jugendlicher und dem sich anschließenden Zivildienst habe ich das staatlich anerkannte Studium für Jazz-& Poularmusik an der Frankfurter Musikwerkstatt abgeschlossen.

Ist die Musik Deiner Band auch die, die Du daheim gerne hörst, oder was befindet sich in Deiner Musiksammlung?
Auch wenn es für viele Menschen überraschend sein mag - ich höre tatsächlich inzwischen nur noch sehr selten Musik. Ich habe durch meinen Beruf bereits so viel Musik um mich herum, dass ich in meiner Freizeit eher andere Bedürfnisse habe, und diese haben meist etwas mit akustischer Ruhe zu tun: Yoga, Kanufahren, Wandern ... Wenn ich aber mal ganz gezielt Lust habe auf Musik, dann komme ich immer wieder gerne auf das Esbjörn Svensson Trio E.S.T. zurück, das mich mit seinen unglaublich atmosphärischen Kompositionen eine ganze Zeit lang stark geprägt hat. Gerne auch Jacob Collier, der mich mit seinem Harmonie-Verständnis in seinen Bann zieht ... oder Erykah Badu mit ihren wunderbar reduzierten Grooves ...

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Wir sprachen ja gerade schon über das eine oder andere Stück des aktuellen Albums. Ich lernte Euch mit einem älteren Titel, nämlich "Spooky Tunnel", kennen. Erzähle mir doch bitte auch etwas über die Entstehung dieser Nummer und was Ihr Euch dabei gedacht habt.
Ich hatte mir, um mal wirklich in Ruhe komponieren zu können, im tiefsten Winter für eine Woche ein Ferienhaus mit Steinway-Flügel im hohen Norden Norwegens gemietet. Jeden Tag machte ich kurze Unternehmungen an der frischen Luft, danach setzte ich mich mit einer Kanne heißem Tee an den Flügel. Einer der Ausflüge sollte eine 4-stündige Rundwanderung werden. An deren Ende stand ich überraschenderweise vor einem laut Schild 2,2 km langen Tunnel, gegen wilde Tiere verschlossen mit einem schweren Eisentor. Der Rückweg kam wegen bereits einsetzender Dunkelheit nicht in Frage - ich musste da also durch und schob das Tor auf, welches dann laut hinter mir zufiel ... Da der in den rohen Fels gehauene Tunnel leicht gekrümmt war, konnte ich nicht ans andere Ende schauen ... beleuchtet war er lediglich alle 200 Meter durch eine nackte, gelbe Funzel an der Decke ... Mutig bin ich losgelaufen, und bis etwa zur Hälfte war auch alles gut ... aber dann - dann hörte ich hinter mir ein Geräusch ... vermutlich vollkommen harmlos, ein herabfallender Stein oder ähnliches ... aber in dieser unheimlichen Umgebung schon spooky ... und mein größter Fehler war wahrscheinlich, dass ich mich kurz zu dem Geräusch herumgedreht hatte ... Man kennt ja diese Dramaturgie aus Horrorfilmen: derjenige Schauspieler, der sich umdreht, ist als nächstes "fällig" ... Und mit diesem Gefühl im Nacken hab ich mit stetig schneller werdendem Schritt den letzten Kilometer des Tunnels hinter mich gebracht, das Tor am Ende aufgedrückt und bin die letzten 500 Meter zu meiner Hütte gerannt, wo ich umgehend all das Adrenalin in den Flügel hab fließen lassen - ich denke, das hört man dem Stück "Spooky Tunnel" an ;-)

Welche Pläne gibt es? Ist ein weiteres neues Album geplant und wann und wo kann man Euch - so es das Virus zulässt - in 2022 live erleben?
Pläne? In diesen absurden Zeiten? In Zeiten, in denen kein Veranstalter plant? In denen kein Veranstalter weiß, ob er finanziell überleben wird? ... (???) ...

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Danke für Deine Zeit und die Antworten. Möchtest Du an dieser Stelle noch ein paar abschließende Worte an unsere Leser richten?
Gerade in diesen derzeitig absurden Zeiten, in denen es kaum Konzerte gibt, wird Musik sehr viel "aus der Konserve" gehört. Bitte seid Euch alle bewusst, dass es auch dafür Musiker benötigt, die diese Musik zuerst komponieren und produzieren. Wenn diese Musiker aus finanziellen Gründen nicht mehr Musiker sein können, dann verschwindet gute Musik immer mehr. Daher meine dringende Bitte: Hört Musik nicht über Streaming-Plattformen, denn die daraus resultierenden Ausschüttungen für Musiker sind unfassbar niedrig! Stattdessen geht zu den wenigen derzeit möglichen Konzerten, kauft CDs oder Downloads, unterstützt Eure lokalen Lieblingskünstler über Patreon.com und fordert Eure Radiosender auf, diese Musik mehr zu spielen!



Interview: Christian Reder
Fotos: Alexander Sinner (Portraits von Simon Höneß), Marco Schilling, Pressefoto Band
 
 
 




   
   
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