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Vielleicht fragt sich der eine oder andere Leser beim Namen unseres Interviewgastes gerade, "Michy wer?" Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass der größte Teil ihn trotzdem kennt, auch wenn man den Namen nicht sofort zuordnen kann. Wer in den 80ern auf gepflegte und gut gemachte Pop/Rock-Musik stand, der kam auch an der Gruppe FELIX DE LUXE nicht vorbei. FELIX DE LUXE war eine Band aus Hamburg, die 1984 den Hit "Taxi nach Paris" hatte. Und spätestens hier dürfte überall der Groschen fallen, denn Michy Reincke, Sänger der Band, Poet, Autor, Arrangeur und Komponist, hat diesen Song nicht nur geschrieben, sondern ihn auch auf eine unnachahmliche Art gesungen. Das Stück ist ein zeitloser Klassiker, der nach wie vor im Radio gespielt wird und der bei einer Umfrage des NDR vor ein paar Jahren auf Platz 1 der Liederbestenliste landete. Spätestens ab diesem Zeitpunkt dürfte vielen Lesern aber nicht bekannt sein, wie es mit der Band und Michy Reincke weiterging. Aber gerade da fängt es an, interessant zu werden. Der Mann aus dem hohen Norden ist u. a. Schöpfer der "Lausch Lounge", einer Veranstaltungsreihe in Hamburg, in der junge Talente aus der Region ihre eigenen Lieder vorstellen und sich so einem größeren Publikum präsentieren dürfen. Außerdem produziert er als Solist seit über 20 Jahren regelmäßig neue Alben. Es lohnt sich also, mal genauer hinzuschauen, wer Michy Reincke ist und was er alles tut. Anlässlich seines soeben erschienenen neuen Albums "Hatte ich Dich nicht gebeten im Auto zu warten" haben wir den Musiker für ein Interview zu uns eingeladen ...



001 20140129 1823154078Das Cover Deines neuen Albums wirft ja sofort Fragen auf. Outest Du Dich damit gerade als Außerirdischer? Als eine höhere Intelligenz?
(lacht) Schön, dass endlich mal jemand drauf kommt! Nein ... Mir war das Motiv lange im Kopf. Es gab auf dem letzten Album "Der Name kommt mir nicht bekannt vor" ein Lied, das heißt "Wir fliegen vorbei". Dazu hatte ich ursprünglich mal die Geschichte im Kopf, wie es wäre, wenn Außerirdische die Erde besuchen würden. Wäre die höhere Intelligenz motiviert, mit uns Menschen Kontakt aufzunehmen oder eher nicht? In diesem Lied wird es erklärt. Ich persönlich finde es seltsam, dass wir in einer Gesellschaft leben, die technologisch und von all dem, was sie weiß, eine hoch entwickelte Zivilisation ist, und dass das Wesen ihrer ganzen Kultur für meinen Geschmack trotzdem nach wie vor sehr sehr verhaltensauffällig ist und eigentlich abbildet, dass die Definition von Erfolg in unserer Gesellschaft viel damit zu tun hat, dass man mächtig, sehr sehr wohlhabend oder prominent oder am besten alles gleichzeitig sein muss. Wenn man das nämlich ist, kann man ein Totalversager, ein Soziopath, ein Verbrecher oder ein ungerechter Mensch sein, aber man würde von der Gruppe als erfolgreich empfunden werden. Das finde ich unserem Stand, also dem Menschen, unwürdig. Aus dieser Kulturkritik heraus, die in diesem Song und diesem Motiv eigentlich liegt, dass ich einer bin, der den Automaten verlassen hat, der ausgestiegen ist und der sich das aus einer anderen Perspektive aus anschauen und nicht in diesen Automatismen und Normen eingekapselt sein will, entstand dieses Cover. Es hat in den letzten 20 Jahren durch das Internet und die wirklich horrende Benutzung von Computern, Maschinen und Robotern natürlich zugenommen und ich denke, das geht an den Menschen nicht spurlos vorüber. Ich wittere die Gefahr, dass je mehr der Mensch diese Maschinen und Roboter benutzt, Gefahr läuft, selbst zu einem zu werden. Letztendlich, und um Deine Frage mal konkret zu beantworten, das Coverbild ist ein Ausdruck meiner Kulturkritik und spiegelt sich in Songs wie "Gib alles oder vergiss es" und "Du hast Deine Farben verloren" wider. Ich bin jedenfalls einer, der lieber draußen und nicht von Computern und Automaten umschlossen sein will.

Deine neue Platte startet mit einem "Muntermacher". "Steh auf & scheine!" heißt das Lied. Der Song-Name wurde am Ende mit einem Ausrufezeichen versehen. An wen ist dieses Lied gerichtet? Wer braucht Zuspruch dieser Art und ein Aufmuntern?
In erster Linie entstehen solche Lieder für mich selbst. Die Motivation, die Anregung, die Inspiration, aufzustehen, sich zu bewegen, sich gerade zu machen und in die Gänge zu kommen ist - glaube ich - auch ein dankbarer Appell für jeden Menschen, der das kennt, dass er sich sagt, "Jetzt habe ich mich hängen lassen. Schon die ganze Zeit. Bringt das überhaupt noch was, wenn ich mich jetzt mal gerade mache?"002 20140129 1468096256 Es zeichnet populäre Kultur aus, dass sie mit scheinbar einfachen und schlichten Appellen doch eine ganze Menge bewegen kann. In meinem Leben gab es immer viel Musik bei der ich - nachdem ich das Lied gehört habe - etwas angestellt habe: "Ok, jetzt rufe ich sie an. Ich muss jetzt wissen, ob ich eine Chance bei ihr habe" oder "Jetzt räume ich auf. In diesem Moment beginnt für mich ein neues Leben!" In dieser Tradition möchte ich das Lied auch verstanden wissen.

In dem Stück "Sie begegnete mir auf die gleiche Art wie der Blitz in einen Baum einschlägt" ... schöner langer Titel ...
Ja ...

Darin beschreibst Du das Kennenlernen einer Frau. Sowohl die Länge des Songnamens als auch der Text des Songs an sich sind außergewöhnlich. Gibt es zu diesem Lied eine besondere Geschichte?
Es gibt so viele Lieder über das Kennenlernen und so viele Lieder über das sich Verlieben. Ich bin aber immer auf der Suche nach neuen Kombinationen. Da die meisten kurzen Kombinationen mir entweder zu seicht, glitschig oder auch zu oft benutzt sind, auch in Zusammenhängen, in denen ich meine Gefühle gar nicht sehen möchte, suche ich nach neuen Wegen und Möglichkeiten. Und wenn diese dann etwas länger ausfallen, dann ist das eben so (lacht). Dahinter steckt aber keine spezielle Geschichte. Ich finde es schön und halte es auch für gelungen, dem Ausdruck zu geben, was das sich Verlieben angeht. Ich halte es für sehr schwer, eine endliche und bedingungslose Liebe in seinem Leben zu finden und diese dann auch einzugehen, sich zu trauen und den anderen zu inspirieren, sich auch zu trauen oder vom anderen inspiriert zu werden. Durch diese Schilderung mit dem Baum, die ja auch den Humor in dieses Lied bringt und in der etwas beschrieben wird, das ziemlich schnell passiert, dann aber über einen sehr langen Zeitraum vorgetragen wird und das, worum es darin geht, halte ich es für sehr gelungen.

003 20140129 1433896824"Du hast Deine Farben verloren" heißt ein weiteres Stück auf der CD. Darf ich dieses Lied als eine Kritik an der Gesellschaft verstehen, die immer mehr und mehr unkritisch durch das Leben streift und sich damit auch alles gefallen lässt?
Ich glaube, wenn wir uns auf die Idee von Vollkommenheit einigen könnten, die jeder anstrebt, gibt es verschiedene Interpretationsmöglichkeiten. Für den einen ist es vollkommen, wenn in seinem Vorgarten drei Gartenzwerge an einem bestimmen Platz stehen, um seine Art von Komik oder seine Art von Gartenpflege deutlich zu machen. Ich glaube, dass Menschen hochpolierte Perfektion in jeder Form von Lebensbereich häufig als Vollkommenheit missverstehen. Das heißt, es wird immer wieder etwas unlebendiger gemacht, indem man vermeintliche Fehler versucht, auszumerzen. Wir bewegen uns in einer Gesellschaft, die durch Statistiken, Zahlen und immer wieder neuen Umfragen versucht, Fehler oder Ungenauigkeiten auszumerzen. Letztendlich ist das Leben und der Mensch mit seinen Talenten dafür gar nicht vorgesehen, dass alles glatt läuft. Sein größtes Talent ist diese "Fehlerhaftigkeit", die er als Mensch hat. Und das macht ihn bunt. Das macht ihn - in meinen Augen - vollkommen, dass er einen Fehler macht, ihn zugeben und dafür die Verantwortung übernehmen kann. Dass jemand in seinem kleinen Köpfchen glaubt, dass alles was darin entsteht, mit Hilfe des Computers der Weisheit letzter Schluss ist, und sei es nur wenn er von A über B nach C will und diesen Weg genauso geht, wie er ihn vorher geplant hat und sich dabei überhaupt nicht beirren lässt, empfinde ich als sehr beunruhigend, weil es keine Lebendigkeit mehr hat. Alles wird nach Schema und Plan durchgezogen. Die Bereitschaft, lebendig zu leben, mit all dem Kummer und den Schmerzen, des Leids, aber auch des großen Glücks und der unkalkulierbaren Freude, die in Momenten entsteht, die man nicht voraussehen kann, entgeht einem, wenn er versucht - ich nenne es immer - die Wolken einzumauern. Einen Schmetterling bekommt man nur lebendig im Flug. Man muss ihn dann auch wieder fliegen lassen, denn wenn Du ihn auf eine Nadel unter Glas stichst, ist es nicht mehr der Schmetterling. Dann ist es der Leichnam eines Schmetterlings und er hat auch nicht mehr die Farben, die er hat, wenn er lebendig ist. Meine Idee von Vollkommenheit ist eine, die viel zulässt, was den Menschen als Menschen ausmacht und nicht versucht, etwas auf Hochglanz zu polieren, denn dann polierst du dir die Farben raus.

Ich habe das Album inzwischen gehört, möchte Dich aber bitten, es selbst mal so zu beschreiben, damit der Leser dieses Interviews weiß, was ihn beim Kauf Deiner CD erwartet ...
Das kann ich nicht. Es ist mir unmöglich, denn sonst würde ich nicht diese Musik machen. Ich kann zwar ein paar Schlagworte setzen. Ich kann z. B. sagen, dass es deutschsprachig ist oder dass es sich - wenn wir jetzt in einer Küche wären - der popmusikalischen Zutaten bedient. Der Zutaten der letzten 50 bis 60 Jahre. Daraus kredenzt der Drei-Sterne-Koch Michy Reincke (lacht) ein hervorragendes, formal und inhaltlich ausgewogenes Menü.

004 20140129 1017878951Es liegen etwas mehr als drei Jahre zwischen dem Vorgängeralbum und diesem hier ...
Nein, das ist nicht ganz richtig. Das Album "Der Name kommt mir nicht bekannt vor" ist Ende 2011 erschienen. Das ist zwei Jahre und zwei Monate her.

Stimmt - Rechenfehler. Wie lange hast Du insgesamt dafür gebraucht, es fertig zu stellen?
Ja, ich würde sagen: Zwei Jahre und zwei Monate (lacht) ... Nein, ich habe in den letzten 4 1/2 Jahren ganze vier Alben veröffentlicht. Es ist so, dass ich eine verhältnismäßig hohe Schlagzahl habe, weil ich tatsächlich der Meinung bin, dass das, was ich mache, anders ist als das, was andere machen. Ich empfinde das als qualitativ hochwertig und ich möchte noch so viel wie möglich davon machen. Ich habe in den Jahren permanent Songs geschrieben und es gibt auch unheimlich viele. Ich könnte auch jetzt versuchen, eine Platte zu machen und das würde mir höchstwahrscheinlich auch gelingen. Es ist so, dass ich mit meiner Frau, die meine Schallplattenfirma auch führt, eine große Unterstützung habe, damit ich mich überhaupt auf diesen Prozess konzentrieren kann. Wie Du vielleicht weißt, mache ich seit über 20 Jahren als Solist Musik. Ich glaube nicht, dass es viele Leute in Deutschland gibt, die seit 20 Jahren regelmäßig neue Platten ohne Unterstützung eines großen Konzerns, respektive ohne jede Kultursubvention, veröffentlichen. Ich würde eventuell Subventionen bekommen, wenn ich sie beantragen würde, aber das tue ich nicht, denn das entspricht nicht meiner Haltung. Wenn ich das, was ich machen möchte, auch mache, dann mache ich das aus eigenen Kräften. Diese Ausdauer und Geradlinigkeit, die ich da vorgebe, und das, was dabei herauskommt, ist für mich Antrieb. Ich brauche auch keine Hitparaden, um einordnen zu können, wie erfolgreich oder gut das ist, was ich da mache. Ich habe aber eine ungefähre Ahnung, wie gut das ist, ohne das jetzt als überheblich verstanden wissen zu wollen. Da kann man ja durchaus auch geteilter Meinung sein, ob man das mag oder nicht mag, aber wenn man sich ein bisschen damit auskennt wird man einräumen müssen, dass das, was ich mache, weit über dem Standard liegt. Und so schreibe und schreibe und schreibe ich neue Lieder. Wir hätten das neue Album auch schon Ende des letzten Jahres veröffentlichen können. Die Sache ist nur die, dass ein Album dann untergeht und die Tournee, die wir dann in diesem Jahr spielen, für einige schon ein alter Hut wäre. Das haben wir eben bei dem Vorgängeralbum erlebt. Das haben wir unterhaltsamer Weise am 23. Dezember veröffentlicht. Es gab im Januar eine kurze Notiz, "Michy Reincke hat das letzte Album des Jahres veröffentlicht", aber insgesamt ging das unter und ließ sich nicht ins neue Jahr retten. Darum haben wir uns darauf geeinigt, das neue Album erst im neuen Jahr zu veröffentlichen. Ich war mit dem neuen Album ein 3/4-Jahr im Studio. Die meisten Sachen habe ich allein gemacht - ich programmiere sehr viel. Ich habe aber auch eine Band, mit der ich mich auch immer wieder verständige. Ich demonstriere das Material vorher immer, die Musiker spielen das und geben mir noch neue Anregungen, indem sie mir Spuren schicken, auf denen sie meine Ideen anders interpretieren.

005 20140129 1660848547Daran schließt sich auch meine nächste Frage an: Die Songs stammen allesamt aus Deiner Feder - incl. Texte. Auch die Produktion hast Du selbst übernommen. Nur im Studio hattest Du Hilfe. Nach welchen Kriterien hast Du Deine Studioband zusammengestellt?
Das sind Menschen, mit denen ich seit vielen vielen Jahren befreundet bin. Die spielen interessanter Weise auch ihre Instrumente sehr gut (lacht). Darum stand das für mich außer Frage, mit diesen Menschen zusammenzuarbeiten. Ich habe ja eine kleine Schallplattenfirma, wo viele Musiker auch ein und ausgehen. Man ist dann immer schon inspiriert und fragt dann schon mal jemanden, ob er nicht Lust hat mitzuspielen. So kommt es dann zu den Verbindungen. Eigentlich sind es die Männer, die mich schon seit Jahren begleiten und die findest Du auf allen Platten von mir.

Du verwendest etwas, das für meinen Geschmack heute leider viel zu selten zum Einsatz kommt, nämlich einen Bläsersatz. Posaune, Saxofon und zwei Trompeten waren mit im Studio. Dazu noch Streicher. Das ist logistisch und von den Kosten her doch sicher ein riesengroßer Aufwand, oder?
Ja, das ist ein riesengroßer Aufwand! Ich will Dir verraten: Ich bin kein Kind reicher Eltern. Ich bin auch nicht jemand, der für den Rest seines Lebens gestopft ist, nur weil er in den 80er Jahren mal einen Hit hatte. Wir segeln da immer sehr hart am Wind, wenn wir ein Album produzieren. Aber ich sage Dir auch - und das mag unheimlich pathetisch klingen: Wenn Du so was machst, dann mache es richtig. Dann sind die Kosten auch scheißegal. Ich gebe einen Schiss auf Autos, die neu sind und auf Klamotten, die viel Geld kosten. Das interessiert mich alles nicht. Das, was man in der Lage ist zu kreieren, so gut wie möglich abzubilden, das auch so gut wie möglich zu verpacken und das auch so gut wie möglich vorzutragen, das finde ich am spannendsten und wichtigsten. Da bin ich eben ein schaffender Mensch. Ich bin wie ein Handwerker, der stolz darauf ist, ein Haus zu bauen und dabei nicht denkt, "Das kriegen wir auch günstiger hin, wenn wir hier die einfachen Kacheln und die einfachen Steine verwenden." Das will ich aber nicht. Ich will die richtigen Steine verwenden. Qualität bedeutet mir sehr viel.

006 20140129 1383899903Man könnte es abgekürzt auch so formulieren: Du bist ein Künstler durch und durch und mit Haut und Haaren ...
Das könnte man so sagen, ja. Inzwischen aber nicht mehr mit so vielen Haaren, ich hatte früher mehr ... (lacht)

Am 1. Februar startet Deine Tour. Ich sehe, dass Du bei Deiner Tournee auch wieder Gäste dabei haben wirst. Zum einen Vivie Ann und dann Buket. Kannst Du zu den Gästen bitte kurz etwas erzählen?
Buket wird den größten Teil der Tournee, die sich tatsächlich im Norden der Republik abspielen wird, im Vorprogramm zu erleben sein. Wir kriegen mit Live-Spielen im Moment dieses Nord-Süd-Gefälle nicht geknackt. Das ist ein Überbleibsel aus meiner Anfangszeit. Ich habe es eben versäumt, auch regelmäßig bis in den Süden mit meinen Konzerten vorzudringen. Das war leider auch immer zu kostenintensiv, um das zu realisieren. Wie gesagt: Den Großteil der Tour wird mich Buket begleiten. Buket ist eine Kielerin mit türkischen Wurzeln, die mittlerweile in Hamburg lebt und ein sehr gutes Gespür für internationale Popmusik hat. Sie schreibt ihre Lieder selbst und hat eine außergewöhnlich gute Stimme. Wenn man auf die Homepage meiner Schallplattenfirma Rintintin geht und dort unter "Live-Acts" nachschaut, findet man Buket und es gibt auch etwas zum Anhören. Sie macht englischsprachige Musik und sie wird auch in meinem Set bei einigen Songs im Chor singen, wie sie es bereits auch auf meinem Album getan hat. Vivie Ann ist eine junge Sängerin, die auch englischsprachig singt und die hier vor 1 1/2 Jahren den Popkurs absolviert hat. Für die, die es nicht kennen: Der Popkurs ist eigentlich die Ursprungsidee, die sich dann auch in der Bundesrepublik verbreitet hat, u. a. mit der Mannheimer Akademie. Das sind alles die Lehrer, die hier in Hamburg seit 1982 gearbeitet haben und die damit jetzt deutschlandweit arbeiten. Die erste Sache dieser Art wurde 1982 hier an der Hamburger Musikhochschule ins Leben gerufen. Das war ein Modellversuch für Popmusik. Es ist ja nach wie vor schwierig, Popmusik als Studiengang zu verstehen. Vivie Ann kommt jedenfalls aus der Ecke. Ich finde es sehr interessant, zur Eröffnung meiner Konzertabende Frauen im Vorprogramm zu haben. Ich weiß aus Erfahrung, dass es viermal, aber wenigstens dreimal so viele weibliche Fans von mir gibt, die die Konzerte besuchen. Es werden einige Männer auf brutalste Art und Weise von ihren Frauen dazu verdonnert, sie auf ein Micky Reincke-Konzert zu begleiten. Und diesen Männern muss einfach auch etwas geboten werden. Damit kann ich oft punkten, wenn ich ihnen attraktive junge Sängerinnen vorsetze (lacht) ... Nein, es ist aber auch in unserem Sinne. Wir sehen hier in unserer Region und mit unseren Mitteln zu, dass wir tatsächlich dem Nachwuchs auch den Steigbügel halten. Es hat sich einfach eine sehr starke Veränderung der Darstellung in den Medien, in erster Linie bei der Hitparaden-Musik, entwickelt.007 20140129 2045284613 Und wenn die Musikergenerationen, die nach mir kommen, nur noch das Gefühl haben, es geht nur noch um Hitparaden-Musik, dann verliert die Kultur einen großen Teil ihres Wesens. Ich will das nicht überstilisieren, denn Popmusik hat immer auch einen unterhaltenden Wert und den soll sie auch behalten. Aber ich habe populäre Musik, gerade mit meinen Helden Bob Dylan, Joni Mitchell, Neil Young, David Bowie und später auch Prince, als etwas kennengelernt, das für mich auch einen geistigen und seelischen Nutzen hat. Mich hat über die Unterhaltung hinaus auch das, was an Ratschlägen, Ideen und Inspiration in der Popmusik steckt, reich gemacht. Davon gibt es nach meiner Beobachtung heute bedauerlicher Weise leider nicht mehr so viel. Da wollen wir mit unseren bescheidenen Mitteln etwas entgegen wirken.

Abgesehen vom Einsatz der neuen Stücke und der jungen Damen im Vorprogramm, bevor der alte Mann auftritt: Was hast Du für Dein Publikum vorbereitet?
(lacht) Das ist ja eine schön gestellte Frage ... Wir werden uns auch dieses Mal wieder zum Ende der Show nur in Unterwäsche von der Bühne gleiten und anfassen lassen. Nein, keine Angst. Soweit wird es nicht kommen! Hoffe ich zumindest. Man weiß ja nie, was kommt, wenn man die falschen Medikamente genommen hat (lacht). Es werden mit einem Hauptaugenmerk die letzten beiden Platten vorgestellt, also auch viele Songs vom Vorgängeralbum werden zu hören sein. Es gibt aber auch einige Evergreens, die natürlich zum Klingen kommen. Dazu gehören auch zwei Lieder aus den 80er Jahren, die ich mit meiner damaligen Band FELIX DE LUXE gesungen habe, nämlich "Taxi nach Paris" und "Nächte übers Eis". Außerdem meine erste Solosingle, die heißt "Valerie, Valerie" und die war Anfang der 90er auch sehr populär. Drumherum noch ein paar andere Lieder, die mich schon seit vielen Jahren begleiten. Aber wie gesagt: Der Großteil des Programms besteht aus dem aktuellen Album und seinem Vorgänger.

Kommen wir jetzt mal ein bisschen zum Biographischen. Ich habe gelesen, dass Du bereits mit 16 Jahren losgezogen bist und in Fußgängerzonen in ganz Europa live gespielt hast. War das während Deiner Ferien oder hast Du mit 16 schon die Schule verlassen?
Es ist tatsächlich so, dass ich mit 15 begonnen habe, Gitarre zu spielen. Nach drei Monaten hatte ich schon vier oder fünf Bob Dylan-Songs drauf und habe hier immer in den Straßen gespielt. Dann bin ich in den Herbstferien - und da war ich noch 15 - zum ersten Mal gereist.008 20140129 1792294294 In dem Jahr, in dem ich 16 wurde, bin ich wieder losgefahren. In den Oster-, Sommer- und Herbstferien bin ich getrampt. Damals war das Trampen noch ungefährlich. Na gut, ungefährlich war es nie, aber es war noch eine akzeptierte Angelegenheit. Man ist damals wahlweise getrampt oder man hatte ein "Interrail-Ticket", mit dem man in den Sommerferien vier Wochen lang für kleines Geld auf den Schienen Europas umherfahren konnte. So war man dann auch ziemlich schnell an den Hauptbahnhöfen. Dort habe ich mich dann hingestellt und gespielt.

Normalerweise frage ich an dieser Stelle meine Gäste immer, wie sie zur Musik gefunden haben. Aber bei Dir war das wohl eher umgekehrt, oder? Die Musik hat Dich gefunden ...
Ich bin tatsächlich davon überzeugt, dass man wirklich am wenigsten selbst dafür tut, was einem begegnet. Ich rede gern von Begegnung. Ich glaube auch, dass ich nicht selber träume. Diese Dinge begegnen einem, die kommen einen besuchen. Wenn ich Lieder schreibe, könnte es sein, dass sie nur aus mir heraus kommen. Ich bin nur der Empfänger für all diese Dinge. Ich bin die Reuse, die sich selbst durch den Strom zieht und danach aussortiert. Die Dinge finden einen, wenn man sich nicht total beknackt anstellt und sich für was ganz Besonderes hält.

Hast Du in Deiner Jugend und/oder später schon in anderen Bands gespielt oder waren Scarlet Lilac und Felix de Luxe Deine ersten richtigen Bands?
Genau. Scarlet Lilac hieß meine erste Band. Wir haben die Musik gemacht hat, die ich damals toll fand. Dazu gehörte die Musik von Bob Dylan und von Dire Straits, obwohl die Dire Straits auch schon eine Kopie von Bob Dylan waren. Und so klang meine erste Band dann auch. Dann habe ich angefangen, auf Deutsch zu texten. Ich dachte, das geht nicht, die ganze Zeit musikalisch meinen Idolen hinterher zu juckeln. Das stand mir irgendwie nicht. Ich habe 1983 am zweiten Modell für Popularmusik hier in Hamburg teilgenommen und dort die Jungs kennengelernt, mit denen ich später FELIX DE LUXE gegründet habe.

009 20140129 1073830854Wie kam es damals genau dazu, dass sich die Musiker gefunden und diese Band gegründet haben?
Ich hatte ein paar Songs geschrieben und das waren die Songs des späteren ersten FELIX DE LUXE-Albums. An der Hochschule hatten wir die Möglichkeit, uns zu Ensembles zusammen zu finden und dabei Sachen auszuprobieren. Weil ich derjenige war, der Songs schrieb, ging es eigentlich nur darum, ein paar Leute zu suchen und zu finden, die diese Lieder mit mir spielen würden. Der erste war Martin Langer, unser Schlagzeuger. Dann kam Hans-Jörn Brandenburg dazu und wir waren schon zu dritt. Wir suchten noch einen Gitarristen, den wir aber außerhalb der Hochschule fanden. Das war ein alter Sack, denn der war damals schon 30: Franz Plasa, der später die Gruppen Selig und Echt produziert hat. Der erste Bassist war ein Freund von mir aus Jugendtagen, der dann aber doch lieber studieren und sich nicht auf die Musik verlassen wollte (lacht). Darum haben wir aus unserem Studiengang den großartigen Bassisten Jürgen Attig dazu geholt. Jürgen machte eigentlich Jazz und sein großes Idol war Jaco Pastorius. Er hatte mit Popmusik eigentlich nicht so viel an der Backe, hat dann aber trotzdem zu uns gefunden.

Woher kam der Bandname?
Als Altsprachler und als Lebensmotto wollte ich eigentlich, dass die Band FELIX heißt ...

... übersetzt "der Glückliche"
Genau! Glücklich zu sein und das Glück in sich zu finden. Aber da sagte die Schallplattenfirma "Polydor", "Nein, nein ... 'FELIX' ist ganz unattraktiv, das sagt ja gar nichts! Da muss Pfeffer und ein bisschen Pepp rein in die Sache." Damals gab es eine Fernsehserie, ich glaube die hieß "Das Traumschiff" oder "MS Traumschiff" und da meinten die, "Genauso heißt Ihr: MS Felix!"010 20140129 1839561546 Ich trug damals immer einen Elbsegler (für die Unkundigen: Der "Elbsegler" ist eine Kopfbedeckung, die ursprünglich gern von Seeleuten getragen wurden, Anm. d. Red.) schräg auf dem Kopf und da meinten die, dass das gut passen würde und dass die Band MS FELIX heißen muss. Wir hatten kurze Zeit später unseren ersten Fernseh-Auftritt bei Michael Schanze und als wir im Studio ankamen, sagte ich, "Scheiß auf MS FELIX. So heißen wir nicht! Wir heißen FELIX". Und die Promoter ruderten immer dagegen und sagten, "Nein, die heißen MS FELIX!" So ging das hin und her. Letztlich hat Schanze uns dann so angesagt: "Und hier kommt die Gruppe MX FELIX!" Das hat der einfach mal verwechselt. Damals gab es heiße Diskussionen um die Aufstellung amerikanischer MX-Atomraketen in Deutschland, die sie den sowjetischen SS20 gegenüberstellen wollten. Plötzlich waren wir eine "glückliche Atomrakete" (lacht). Dann wurde diese Sendung mit dieser Anmoderation auch ausgestrahlt und zwischen Aufnahme der Sendung und Veröffentlichung der Platte bin ich noch mal zur Plattenfirma gegangen, um das mit dem Namen zu klären. Ich hatte damals einen Toaster der Marke "Rowenta de luxe" und so kam ich auf FELIX DE LUXE. Das ist ein schöner ungerader Reim und so kam es letztlich zum Bandnamen.

Leider wird die Band von den Medien - wenn sie denn noch darüber schreiben - auf den Hit "Taxi nach Paris" reduziert. Stört Dich das oder ist es eher eine Ehre, dass das eigene Lied nach so vielen Jahren noch immer als Erkennungsmerkmal verwendet wird?
Ich glaube, es ist das Letztere. Vor Weihnachten haben wir hier in Hamburg immer drei ausverkaufte Konzerte im "Schmidts Tivoli". Da ist immer eine ganz tolle Atmosphäre und es kommen sehr viele interessierte Menschen dahin. Ganz zum Schluss spiele ich dann natürlich auch "Taxi nach Paris" und die Leute stehen auf und alles ist super! Aber das ist von 2 1/2 Stunden Konzert nur ein ganz kleiner Teil. Wenn dann ein Journalist in seinem Text schreibt, "Wir fühlten uns, wie auf einer Klassenfahrt zurück in die 80er", dann kontakte ich diesen Menschen und frag ihn "Was soll das? Wenn Du die ganze Zeit beim Konzert gewesen bist, hast Du viel mehr erlebt, worüber man schreiben kann." Ich habe zu dem Lied eine sehr freundschaftliche Beziehung. Das Lied selbst kann ja auch überhaupt nichts dafür. Es ist nach wie vor eine schöne Komposition. Wenn ich das Lied allerdings im Radio in der Originalfassung aus den 80ern höre, bekomme ich immer so ein bisschen Gänsehaut, weil es eben eine 80er Jahre-Komposition ist und auch so klingt. Aber nicht nur vom technischen Stand her, sondern auch von der Art, wie ich das Lied damals gesungen habe. Das ist jetzt nichts, was ich richtig klasse finde. Aber das Lied an sich und wenn wir es heute spielen ... das ist immer noch eine ganz tolle Nummer.

011 20140129 1021999942Das ist ja auch ein zeitlos schönes Stück und es wurde vor ein paar Jahren von den Zuschauern des NDR zum beliebtesten Song der Norddeutschen gewählt. Platz 1 nach so vielen Jahren. Hast Du das mitbekommen und wenn ja, was kam Dir dabei als erstes in den Sinn?
Ich habe das natürlich mitbekommen, denn man hat mich eingeladen. Als die Abstimmung beendet war, hat man mir das Ergebnis vor der Ausstrahlung im TV bekannt gegeben und ich durfte dazu vor der Kamera auch etwas sagen. Da fühlte ich mich sehr geehrt. Das fand ich sehr freundlich von den Leuten und hat mich natürlich auch sehr gefreut. Klar! Viel mehr gibt es dazu auch nicht zu sagen, denn letztendlich ist es nur ein Lied und ich war 23 Jahre alt, als ich es geschrieben habe. Heute bin ich 54. Das Lied hat mich nicht behindert, aber es verstellt einigen Leuten vielleicht den Blick auf das, was ich sonst noch gemacht habe. Ich freue mich sehr, dass die Leute das Lied gut finden, aber ich habe sehr viele andere Songs gemacht, die wenigstens genauso gut sind wie "Taxi nach Paris". Hätte man sie so häufig im Radio gespielt, wie diesen Hit, könnten sie heute vielleicht den gleichen Stellenwert haben.

Du selbst hast bei einer anderen Umfrage des NDR im letzten Jahr auch einen Platz ganz vorn belegt. Das ist ja schon bemerkenswert, wenn die Leute einen nach vorne wählen. Warst Du Dir dieser Beliebtheit vorher eigentlich bewusst?
Ich bin mir hier in Norddeutschland meiner Beliebtheit einigermaßen bewusst und freue mich auch sehr darüber. Es hat wahrscheinlich auch viel damit zu tun, dass ich mich nicht für die richtig tolle Wurst halte. Ich gehe auch raus und übernehme Verantwortung. Auch politische, denn ich rede mit den politischen Kräften, z. B. mit dem Hamburger Bürgermeister. Es geht mir darum, populäre Kultur auch zu fördern. Wir haben seit 10 Jahren hier in Hamburg eine Veranstaltungsreihe, die heißt "Lausch Lounge"'. Die betreiben wir ehrenamtlich, gerade um jungen Songschreiberinnen und Songschreibern, bevorzugt deutschsprachige - aber wir sind da überhaupt nicht dogmatisch, denn es haben bei uns auch schon schwedisch- und englischsprachige gespielt - ein großes Forum mit interessierten Menschen zu geben, die ihren Musikgeschmack nicht ausschließlich, sondern eher selten nach Hitparaden zusammenstellen. So können sie sich von dem Druck befreien, dass Quantitäten etwas über die Qualität eines Kunstwerks aussagen. Wir gehen ja auch nicht durch ein Museum und zählen, wer wie lange vor einem Kunstwerk stehen geblieben ist und am nächsten Tag haben wir irgendwelche Notierungen über dieses und jenes Bild, wie lange vor diesem Bild gestanden wurde und welches die Leute weniger interessiert hat. Das wäre doch absurd! Dass wir das heute mit Musik machen, hat sich irgendwie eingebürgert, also dass sich Hitparaden danach zusammenstellen, wie viele Platten von diesem oder jenen Lied verkauft worden sind. Das ist absurd! Wenn wir mal davon ausgehen, dass eine amerikanische Imbiss-Kette wahrscheinlich mehr Gäste hat als ein Feinschmeckerlokal und mit ihren Angeboten wahrscheinlich auch noch viel mehr Geld verdient, heißt das noch lange nicht, dass das Essen dort besser ist.012 20140129 1473950703 Das ist in den Köpfen der Menschen aber nicht drin und darum denken viele Menschen bei Musik, "Das war ein Hit und das muss das beste Stück Musik sein, das man für uns ausgesucht hat ..." Ja, Kacke! Der Double-Cheese-Mist-Burger ist auch ein Hit und trotzdem möchte ich mich nicht von dem ernähren. Es gibt so elend viele Kochsendungen im Fernsehen, wo den Leuten erklärt wird, "Esst nicht so viel Fett" oder "Achtet darauf und genießt es" und das hat vielleicht auch einen Effekt. In der populären Kultur ist dieser Effekt aber noch nicht so richtig angekommen.

Von Dir und Franz Plasa wissen wir ja, was Ihr nach Felix de Luxe gemacht habt. Du bist als Solist aktiv, Plasa produzierte u. a. Marianne Rosenberg, Udo Lindenberg und schrieb für Falco den Hit "Mutter, der Mann mit dem Koks ist da". Was wurde aus den anderen Musikern von Felix de Luxe?
Der Schlagzeuger, Martin Langer, spielte bei Al Bano & Romina Power und hat später auch Soloalben von Albano Carrisi produziert. Der Keyboarder, Hans-Jörn Brandenburg, war der musikalische Direktor des Theater-Stücks "Black Rider", das von Tom Waits, William S. Burroughs und Bob Wilson Anfang der 90er am Hamburger "Thalia Theater" inszeniert wurde. Inzwischen ist er ein namhafter Theatermusiker in Berlin. Jürgen Attig hat anschließend sehr viel Jazz gemacht. Er hat bei Biréli Lagrène gespielt und ist nach dem Tod von Jaco Pastorius in Miami tatsächlich in die USA gegangen und hat dort für mehrere Jahre ziemlich alle Jobs übernommen, die Pastorius dort hatte.

Ist der Kontakt zwischen Euch über all die Jahre geblieben oder hatte man sich möglicherweise auch aus den Augen verloren?
Nein, der Kontakt ist erhalten geblieben. Das liegt sicher auch daran, dass wir immer sehr offen und ehrlich miteinander umgegangen sind. Zu dem Zeitpunkt, als wir FELIX DE LUXE aufgelöst haben, gab es einfach keine gemeinsame Richtung mehr, auf die wir uns alle festlegen konnten. Es war auf jeden Fall die richtige und gute Entscheidung, das nicht fortzusetzen. Vor fünf Jahren haben wir sogar den 25. Geburtstag von "Taxi nach Paris" zusammen gefeiert. Aus diesem Anlass haben wir hier in Norddeutschland ein paar Konzerte gespielt. Wir haben uns dafür in einen Übungsraum begeben und hatten sehr viel Freude in der Zeit. Dieses Jahr werden es 30 Jahre. Vielleicht machen wir ja wieder was im Herbst zusammen.

013 20140129 1451644614Es würde sich ja auch anbieten, zu ausgewählten Anlässen wieder als FELIX DE LUXE aufzutreten ...
Ja, das ist auch in unseren Hinterköpfen, aber wir haben da keinen Druck, keine Not und keinen Stress. Im Moment sind wir alle beschäftigt und wir gucken mal, wie das dieses Jahr so läuft und wenn wir was machen, wird das eher eine kurzfristige Entscheidung nach dem Motto, "Komm lass uns im Herbst oder Winter ein paar Shows spielen". Das dient aber ausschließlich der Freude!

Wenn man ein Interview mit Michy Reincke macht, darf man auf keinen Fall die 2004 von Dir ins Leben gerufene "Lausch Lounge" unerwähnt lassen. Du hast sie ja gerade schon angesprochen und etwas dazu erzählt. Gehen wir doch etwas ins Detail: Würdest Du unseren Lesern diese tolle Konzertreihe bitte vorstellen und erzählen, wie es dazu kam?
Ich habe im Jahr 2003, als es um die Idee einer deutschen Quote nach französischem Vorbild in den Kulturausschuss des Deutschen Bundestages ging, einen Aufsatz mit dem Titel "Immer Sonne ist Wüste" geschrieben. Das ist eine Kulturkritik und setzt sich u. a. mit dem formatierten Radio auseinander. Für alle, die nicht wissen, was das formatierte Radio ist: Es gab in den 80ern, als Rundfunkfrequenzen auch für privatwirtschaftliche Anbieter vergeben wurden, einen Konkurrenzkampf zwischen den Öffentlich-rechtlichen und den privaten Anbietern. Die privaten Anbieter, die sich ausschließlich über Werbung finanzieren, haben einfach gesagt, "Scheiß auf irgendeinen Auftrag. Wir haben keinen Auftrag und brauchen auch keinen. Wir spielen jetzt den ganzen Tag die Top 30 aus den Single-Charts hoch und runter und dazu verkaufen wir Werbung." Die meisten schlichten Gemüter finden es klasse, wenn sie ihren Lieblingssong drei mal am Tag zu hören bekommen. Und die Privaten bekamen über die Quotenbemessung Recht in ihrem Tun und so formatierten ab 1993 auch die Öffentlich-rechtlichen ihr Radioprogramm. Das heißt, statt die Hörer mit der Verpflichtung zu Informationen und Bildung zu unterhalten, hat man einfach die Unterhaltung in den Vordergrund gehoben und hat den Wettbewerb mit den Privaten aufgenommen, um damit die Existenzrechtfertigung abzudecken. Es ist dann dazu gekommen, dass man immer weniger deutschsprachige Musik gespielt hat, bis dass tatsächlich nur noch sehr wenige, konservativ geformte Senderfarben da waren und ansonsten in den Servicewellen und den Hauptsendern nur noch fremdsprachige Musik gespielt wurde. Daraufhin habe ich diesen eingangs erwähnten Aufsatz geschrieben, der sich damit auseinander setzt und sagt, dass das nicht gesund und sogar fatal ist, Kultur ausschließlich auf betriebswirtschaftliche Aspekte zu reduzieren. Dieser Aufsatz lieferte viel Stoff für Gesprächsdisputen. Wir haben dann mit ein paar Freunden gesagt, "Wir können jetzt nicht nur rumsitzen, lamentieren und labern. Wir müssen was machen!" Wir mussten einfach handeln und selbst etwas auf die Beine stellen.014 20140129 1733947624 Darum haben wir die "Lausch Lounge" ins Leben gerufen. Die "Lausch Lounge" ist eine Veranstaltungsreihe, die ich moderiere. Es treten dort pro Show vier Artistinnen und Artisten auf, die in erster Linie ihre Songs auch selbst schreiben. Reine Sänger haben wir nicht dabei. Diese Künstler sind meistens unbekannt. Dadurch, dass wir eine sehr hohe Qualität haben und dass es immer Menschen waren, die das Publikum wirklich überzeugt haben, haben wir über die Jahre daraus ein Konzept gemacht, dass es eben nicht wichtig ist, dass jemand einen großen Namen hat, sondern dass das Publikum dahin kommen kann und sich den ganzen Abend gut unterhält. Und es treten ausschließlich Nachwuchskünstler auf. Um jetzt aber doch noch ein paar Namen zu nennen: Annett Louisan hatte ihren ersten Auftritt in der "Lausch Lounge". Eine gute Freundin aus Hamburg, Anna Depenbusch, hat das viele Jahre genutzt. Wir hatten über drei Jahre die Gruppe BOY, die mittlerweile in der ganzen Welt populär ist, dort auftreten lassen. Die haben auch bei mir im Vorprogramm gespielt. Auch Johannes Oerding hat bei uns gespielt. Es gibt eine Homepage der "Lausch Lounge", da kann man mal sehen, wer da alles schon mitgespielt hat. Wir hatten im Laufe der Zeit auch immer mal wieder musikalische Unterstützung von namhaften Freunden, also befreundeten Musikern, die von wegen "Nachwuchskünstler" nicht unbedingt in unser Profil passten, aber die einfach kamen, als wir Unterstützung brauchten. Es gab eben auch Phasen, in denen das Publikum ausblieb und es für uns hart wurde. Das ist wie überall in der Welt, "Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht" und das macht die Sache speziell in einer Kultur, die so stark auf Hitlisten passioniert und fokussiert ist, nicht einfach.

Aber mit diesen, eben von Dir genannten Namen, kann man werbetechnisch doch durchaus schon pfunden. Es gab ja auch noch mehr Künstler, die über Dein "Sprungbrett" in die Szene fanden. Ich denke da an Mia Diekow oder Graziella Shazad ...
Wir machen das alles ja ehrenamtlich. Uns geht es tatsächlich um die jungen Leute und das Geld, das dort eingenommen wird, wird komplett und ausschließlich auf die Musiker verteilt. Wenn man das ein paar Jahre so macht und feststellt, dass man damit nur wenig Unterstützung durch die Medien hat, weil diese denken, es ist vergebene Liebesmüh, die man da betreibt und wenn dann der Support ausbleibt, weil die Leute nicht kommen, dann ist das auch mal ein paar Monate frustrierend. Aber letztendlich, und das ist auch das Wichtigste, machen wir das weiter.

015 20140129 1190374465Wo findest Du diese tollen jungen Musiker? Gehst Du selbst raus ins Hamburger Umland und besuchst Proberäume und Clubs oder bewerben sich die Musiker bei Dir?
Das ist unterschiedlich. Wir bekommen Bewerbungen, es ist aber auch so, dass wir an der Hamburger Musikhochschule und in Clubs einfach unterwegs sind und gucken, wer unsere "Lausch Lounge" schmücken und zieren könnte. Wir machen allerdings auch nicht so mörderviele Termine. Wir haben speziell in den vergangenen Monaten wenig gemacht, weil ich einfach auch mit meinen Sachen zeitlich stark eingebunden und beschäftigt war. Außerdem möchte ich das auch ein bisschen ausklammern, denn manchmal sieht es so aus, dass die Leute dann denken könnten, "Ach hier, der Michy Reincke engagiert sich hier. Und guck mal, der macht auch selbst noch Platten?" Das möchte ich nicht. Ich möchte schon, dass die Menschen mich in erster Linie als Künstler wahrnehmen und dann darüberhinaus mein Wirken, meinen Enthusiasmus und mein Engagement für den Nachwuchs erkennen. Ich habe keine Lust, dass das andersrum ist oder dass die Leute glauben, dass ich das hier nur aus Spaß mache.

Wäre es vielleicht eine Option, sich einen Sponsor zu suchen, der das finanziell unterstützt und dass Ihr mit dem Programm auch mal in andere Bundesländer reist?
Ne! Es geht uns nicht darum, mit irgendwelchen Leuten zusammenzuarbeiten, die uns irgendwas erzählen. Sponsorship ist eine tolle Sache, die für viele Sachen sicher auch funktioniert, aber bei der "Lausch Lounge" würde das nicht funktionieren. Ich habe persönlich nichts gegen das Geldverdienen und auch nichts gegen Werbung, ich halte aber sehr große Stücke auf Unabhängigkeit in jeder Form. So arbeiten wir mit dem Plattenlabel und so arbeiten wir auch live. Wir sind nämlich auch keinem Live-Konzert, von denen es ja eine ganze Menge gibt, angeschlossen. Wir haben das bei der "Lausch Lounge" mal probiert, mit dem Radio zusammenzuarbeiten, daraus wurde dann eine eigene Reihe, die "Hamburg Sounds" heißt.016 20140129 1188440890 Den Redakteuren ging es darum, und das kann ich auch nachvollziehen, dass sie Namen brauchten. Und das war genau das, was wir eigentlich nicht brauchten. Wir brauchen gute Leute und danach sind wir auf der Suche. Die "Namen" haben ja schon einen Namen (lacht). Und durch die ehrenamtliche Auslegung der "Lausch Lounge" kommt ein bundesweiter Einsatz gar nicht in Frage. Wir wollen dafür nicht irgendwann eine große Statue hier stehen haben, sondern es ist eine Verantwortung, dafür zu sorgen, dass Kultur wird, wie man sie sich selber wünscht und dass man daran mitarbeitet, dass diese Kultur tatsächlich auch Fuß fassen kann. Das sehen wir in unserer Region und wenn man das bundesweit machen wollte, müsste es viele ehrenamtlich tätige Leute geben, die das für ihre Region machen. Ich hätte keine Lust, damit nach Berlin, München oder ins Ruhrgebiet zu gehen. Wir haben aus den Gebieten schon oft Anfragen bekommen, aber wir haben hier im Norden genug eigene Leute und darum versuchen wir auch, das ausschließlich hier zu machen.

Du hast in Deiner Karriere schon in Bands gespielt, wir sprachen vorhin darüber. Außerdem gab es diverse Projekte und natürlich Deine Solo-Arbeiten. Was sind die Deiner Meinung nach gelungensten Arbeiten und welche würdest Du heute vielleicht anders oder möglicherweise sogar überhaupt nicht machen?
Da bin ich nicht so rigide, dass ich sage, mir gefallen Platten besser, als andere. Ich wäre aber nicht in der Lage, das zu machen, was ich gerade mache, wenn ich das vorher nicht alles gemacht hätte. Darum grenze ich da ungern etwas aus. Ich habe in der Vergangenheit aber auch Platten gemacht, die nur ganz wenig Käufer gefunden haben. Da gibt es drei Alben, die heißen "Tonstrom", "Seeler" und "Mach Dein Herz laut". Das sind nach meinem Dafürhalten trotzdem hervorragende Platten.

Hast Du noch Wünsche, was Du musikalisch unbedingt gern noch machen möchtest? Vielleicht ein besonderes Duett oder eine Kooperation mit anderen Musikern?
Nein, aktuell eigentlich nicht. Wenn einem etwas begegnet oder angeboten wird, dann denkt man darüber nach. Ich bin jetzt aber kein Riesenfreund von Duetten und Kooperationen. Ich habe zwar für meinen Freund Stefan Gwildis sehr viele Texte verfasst, z. B. den Großteil der Texte seiner Soul-Übersetzungen. Das habe ich aber gemacht, weil wir befreundet sind. Aber was andere betrifft ... Ich habe öfter mal Anfragen bekommen, bei denen ich dachte, "Interessiert mich das wirklich? Macht mir das Spaß?" und habe diese Anfragen meistens dann negativ beschieden. Ich freue mich auf das, was noch kommt. Auf die musikalischen Abenteuer, die in meinem Leben noch eine Rolle spielen, aber ich habe da keine konkreten Pläne.

017 20140129 1620603047Kurz vor Ende unseres Gesprächs möchte ich von Dir noch wissen, ob es eine Frage gibt, die man Dir noch nie gestellt hat, die Du aber mal gestellt bekommen möchtest?
Weißt Du, was lustig ist? Ich war gestern Abend zu einem Interview in der Sendung "Musikszene Deutschland" beim NDR 2 und da habe ich diese Frage auch gestellt bekommen. Das ist wirklich das erste Mal, dass mir jemand diese Frage gestellt hat. Ich wusste darauf keine Antwort und muss Dir auch leider sagen, dass es darauf keine Antwort gibt. Ich sehe mich aber auch nicht im Stande, mich selbst zu befragen oder diese Frage auf mich wirken zu lassen. Wenn eine Frage käme, die zu intim wäre, würde ich antworten, "Darüber möchte ich nicht sprechen", ansonsten beantworte ich jede Frage, aber stelle mir selbst keine Fragen.

Zumindest bringt uns diese Antwort von Dir die Erkenntnis, dass der NDR meine Fragen klaut ;-)
(lacht) Ja, da läuft wohl irgendwas schief ...

Ich wünsche Dir viel Erfolg mit dem Album und der Tour und natürlich auch für alle anderen zukünftigen Dinge, die Du angehen wirst und bedanke mich herzlich, dass Du da warst ...
Christian, ich bedanke mich für die Unterstützung und wünsche Euch auch alles Gute!


Interview: Christian Reder
Bearbeitung: mb, cr
Fotos: Rintintin Musik





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