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Die musikalische Reise der ehemaligen Schubert Formation-Sängerin KATRIN LINDNER geht weiter. Nach ihrem Comeback im Jahre 2010 und ihrem ersten Album nach 14-jähriger Schaffenspause ("Nichts bleibt") wurden weitere ihrer selbst gemalten Bilder zu Liedern. Die dabei entstandenen Lieder kann man sich nun anhören, denn vor wenigen Tagen ist ihr Album "Gegen die Zeit" erschienen (Ausführliche Vorstellung der CD: HIER). Der Phantasie sind bei ihren Bildern keine Grenzen gesetzt, und Katrin macht das, vovon viele Maler sicher nur träumen: Sie schreibt zu ihren Bildern die passenden Soundtracks. Dass dabei unterschiedliche Stimmungen und Eindrücke in Liedform entstehen, versteht sich von selbst. Die Sängerin hat ein Gespür für den Moment. Sie fängt ihn ein und malt dazu ein Bild. Diese Bilder erzählen von Aufbruch und Optimismus, aber manchmal auch von Dunkelheit, Melancholie und trüben Gedanken. Und zu jedem Bild gibt es eine Geschichte, die sie aufschreibt und aus denen sie Liedtexte macht.
Katrin Lindner macht heute etwas völlig anderes als noch vor der Wende. Damals war sie die Rocksängerin bei der Schubert Formation. Aber laut, rockig und immer "on the Road" war gestern. Heute bestimmen Ruhe, leise Töne und feste Wurzeln im Mecklenburg-Vorpommerschen Boden ihr Leben. Passend zum neuen Album hat Katrin auch ein Buch veröffentlicht. Es ist ein Bildband (siehe HIER) und liefert dem interessierten Hörer die Texte und Bilder zu den Liedern, die sie auf bisher zwei CDs verewigt hat. Und wer zwei neue Veröffentlichungen gleichzeitig in den Handel gebracht hat, hat sicher auch eine Menge darüber zu erzählen. Darum haben wir Katrin mal wieder besucht um zu schauen, was sich in den letzten drei Jahren getan hat ...



001 20130816 1747331883Hallo KATRIN, herzlichen Glückwunsch zu Deiner neuen CD "Gegen die Zeit". Erfüllt Dich das Erscheinen der Scheibe mit Freude, oder bist Du eher froh und atmest tief durch, weil dieses Kapitel endlich hinter Dir liegt?
Bei mir überwiegt eindeutig die Freude. Du weißt ja, dass ich seit 2009 wieder Musik mache. Aber es ist furchtbar schwer, für diese Art Musik eine Lobby zu finden. Sie bedient eine Nische, die einen kleinen Publikumskreis anspricht und so gut wie keinen Zugang zu den Medien findet. Aber davon lasse ich mich nicht unterkriegen, denn die Hoffnung stirbt zuletzt und es gibt zum Glück Menschen die mich auf meinem Weg begleiten wie z.B. Euch von "Deutsche Mugge". Ich habe große Freude an dem was ich nach dem Wiedereinstieg geschaffen habe, tue es in erster Linie für mich selbst, aber auch für die Leute, die sich außer mir noch daran erfreuen können. Wenn sich Erfolg einstellt ist es schön und wenn nicht geht die Welt auch nicht unter.

Lass uns ein bisschen über das Album plaudern. Hast Du eine bestimmte Zielgruppe vor Augen, die Du mit der neuen CD erreichen möchtest?
Alle! Ja, wirklich. Ich möchte sowohl die 14-jährigen als auch die 80-jährigen mit meiner Musik erreichen. Ich singe über den Alltag, die Liebe, Beziehungsprobleme, die ja völlig unabhängig vom Alter sind, aber ebenso ist die Umwelt ein großes Thema in meinen Liedern. Da ich sehr umweltengagiert bin, versuche ich entsprechend mein Leben zu sortieren. Gerade in der heutigen Zeit, wo die Wegwerfgesellschaft regiert, alles so kurzlebig ist, die jungen wie auch die alten Menschen oftmals oberflächlich und unüberlegt handeln, möchte ich erreichen, dass man mir zuhört und sagt: "Mensch, die hat ja irgendwie Recht mit dem, was sie singt." Ich will nicht Schulmeisterhaft klingen, sondern anstoßen und aufrütteln. Von daher habe ich keine bestimmte Zielgruppe. Auf meinen wenigen Konzerten ist das Publikum relativ breit gefächert und findet großen Gefallen an unseren Liedern.

002 20130816 1122399923Der Titel "Gegen die Zeit" klingt ein bisschen wie schwimmen gegen den Strom. Was hat Dich bewogen, Deine CD so zu betiteln? Welche Aussage steckt dahinter?
Also auf keinen Fall ist der Titel "Gegen die Zeit" als Kampf gegen die Zeit zu verstehen, sondern das steht eher für ein "mit-der-Zeit-gehen". Ich schaue gelassen zurück, aber lieber nach vorn und mache das was mich antreibt mit Freude, bis ich irgendwann mal umfalle. Weißt Du, ich sehe mein Tun überhaupt nicht verbissen, bin auch nicht traurig über die verflossene Zeit, sondern versuche mein Leben ohne jeden Zwang zu genießen, weil es nicht zu Ende und weniger spannend ist, wenn man älter wird. Kreativität ist der Schlüssel sich immer wieder neu zu erfinden und das kann man eben in jeder Lebenszeit tun. Es ist nie zu spät zu etwas aufzubrechen, wenn man die innere Einstellung dazu findet und im Kopf und im Herzen jung bleibt. Also "Gegen die Zeit" heißt für mich, ich kann auch mit hundert Jahren noch Bäume versetzen ... Sieh mal, es fühlt sich von meiner Musik ja auch meine Generation angesprochen. Die sind mit mir alt geworden und viele von ihnen fallen in ein Loch wenn sie aus dem Arbeitsleben ausscheiden und befinden sich dann auf der "Sinnsuche". Denen will ich einfach was von meiner Energie rüber bringen und ein ausgefülltes spannendes Leben "Gegen die Zeit" vorleben.

War diese CD langfristig geplant, oder hast Du irgendwann gemerkt, jetzt ist so viel neues Material vorhanden, dass es unbedingt unter die Leute gebracht werden sollte?
Diese CD war geplant, denn als der Vorgänger "Nichts bleibt" 2010 auf den Markt kam, hatte ich schon etliche Titel für "Gegen die Zeit" geschrieben. Deshalb hätte meinetwegen diese neue CD auch schon ein Jahr früher erscheinen können. Und jetzt sage ich Dir noch etwas: die nächste CD ist nicht nur schon geplant, sondern die ist auch fast fertig, zumindest in meinen Gedanken. Der Arbeitstitel "Besser spät als nie" hat allerdings auch wieder irgendwie mit Zeit zu tun. Ja, Du lachst! Aber sie wird ja auch wirklich knapper und man weiß nie, was man noch schaffen kann.

Malen und Singen bildete bei Dir immer eine Einheit. Inwieweit inspiriert Dich Deine Malerei nach wie vor beim Schreiben neuer Lieder?
Das ist auf jeden Fall so geblieben. Es sind die kleinen Alltagsgeschichten, die Nachrichten aus dem Radio, politische Geschehnisse, also Informationen die mich durch den Tag und bis in den Schlaf verfolgen und mich entweder zum Pinsel greifen lassen um es visuell umzusetzten oder ich setzte mich an den Flügel und entwerfe ein Text und Musikgebilde. Auf jeden Fall ergänzt das eine immer das andere.

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Es ist also nicht so, dass Du vor Deiner Staffelei sitzt, an einem Bild malst, und plötzlich wirst Du dadurch so stark inspiriert, dass die Songideen nur so aus Dir heraus purzeln?
Nein, es ist eigentlich genau umgekehrt. Wenn ich einen Song mit einem passenden Text geschrieben habe, male ich das Bild dazu. Durch den Text bekomme ich eine visuelle Vorstellung und dann versuche ich es entsprechend malerisch umzusetzen. Meistens ist es also so, dass aus der Textidee und dem Lied heraus meine Bilder entstehen. Aber es geht auch mal andersrum. Auf meinem Bildband, über den wir ja nachher sicher auch noch reden werden, ist vorn auf dem Hardcover mein Gemälde "Das Huhn" abgebildet. Da fliegt ein Huhn durch die Luft und während des Fluges fällt ihm das Ei hinten raus (dieses Bild ist noch ohne Lied, Anm. d. Verf.). Vielleicht fällt mir ja tatsächlich auch dazu etwas ein, also in der Form, dass ich plötzlich eine Vision zu dem Huhn habe und mir Musik und Liedtext dazu in den Sinn kommen. (lacht)

006 20130816 1746584905Du hast wieder alle Kompositionen und Texte selber geschrieben. Wie haben Deine Musiker auf die Songs reagiert, als Du sie ihnen vorgestellt hast?
Sehr gut. GENSI (André Gensicke) ist ja sowieso meine Bezugsperson und erster Ansprechpartner der die Stücke zu hören bekommt und sie kompositorisch mit mir vollendet. Meine Songentwürfe entstehen am Flügel und bestehen aus dem Text und der Melodie, welche ich mir ausdenke und auf einem kleinen Aufnahmegerät festhalte. Daraus entwickeln bzw. komponieren wir beide dann die Lieder und GENSI schreibt vor allem auch die Arrangements. Den Musikern, die Gensi zum einspielen der CD angesprochen hatte, Sonny war natürlich sowieso gern wieder dabei, gefiel das Material auf Anhieb gut.

KATRIN LINDNER macht ja kein Geheimnis daraus, dass sie ein sehr selbstbestimmter Mensch ist. Du lässt Dir also ungern in dein Tun und Handeln reinreden. Inwieweit hatte Deine Band dennoch Mitspracherecht bei der musikalischen Umsetzung der Songs?
Es sollte auf keinen Fall etwas an der kompositorischen Vorstellung verändert werden. Die Melodie ist der rote Faden und bildet die Einheit zwischen Text und Musik. Aber beim einspielen haben die Musiker alle Freiheiten sich einzubringen und kreativ am Stück mitzuwirken. Nach dem gemeinsamen anhören der Demos kann jeder anbieten und vorschlagen wie er was am besten spielen möchte.
RONNY DEHN am Schlagzeug, PAUL HETHERINGTON am Bass, ANDREAS BAYLESS an der Gitarre, SONNY THET am Cello und natürlich GENSI am Keyboard haben mit viel Können, guten Ideen und Humor die Lieder brillant umgesetzt. Diese künstlerischen Freiheiten sind im Studio Betrieb nicht immer möglich und deshalb hat uns diese Herangehensweise besonderen Spaß gemacht. Ronny beispielsweise hatte sehr viele Klangkörper anzubieten, die da in seinen Schlagzeugkoffern darauf warteten, eingesetzt zu werden.

005 20130816 2014746541Mit SONNY THET und ANDRÉ GENSICKE hast Du die beiden Musiker dabei, die bereits Dein vorletztes Album "Nichts bleibt" (2010) eingespielt haben. War viel Überzeugungsarbeit notwendig, sie erneut zu gewinnen?
Nein, gar nicht. Die haben sich mit mindestens genauso viel Freude wie bei "Nichts bleibt" für das Mitmachen entschieden. Vor allem GENSI war schnell dabei, denn er fand, wie ich natürlich auch, die größere Besetzung bietet uns viel mehr musikalische Möglichkeiten.

Wenn ich das richtig deute, favorisierst Du eher die Duo- bzw. Trio-Variante ...
Ich sag es mal so: für mich ist es eine ganz andere Herausforderung. Je kleiner die Besetzung, desto mehr stehe ich als Solistin im Vordergrund. Vor allem live! Ich habe ja damals mit der SCHUBERT BAND schon mal im Trio gespielt, also Gesang, Schlagzeug und Klavier und ich liebte es. Ich habe als Sängerin einfach mehr künstlerischen Freiraum zur Interpretation und Gestaltung der Lieder. Außerdem möchte ich jetzt mein ganz eigenes Ding machen, mit mir und meinen Bildern, und dazu brauche ich die ganze Aufmerksamkeit des Publikums. Mit einer großen Besetzung aufzutreten ist natürlich auch großartig, aber sicher geht da live etwas von der Intimität, die meine Musik braucht, verloren. Auf CD allerdings ist es genial und abwechslungsreich auch mal mehr Instrumente am Start zu haben.

RONNY DEHN am Schlagzeug, PAUL HETHERINGTON am Bass und Gitarrist ANDREAS BAYLESS sind ja nun auch alles andere als Anfänger an ihren Instrumenten. Hast Du Dir die Herren als musikalische Begleiter ausgesucht?
Nein, die hat GENSI ausgesucht. Sonny war ja schon bei "Nichts bleibt" dabei und Andreas kannte ich von den Aufnahmen zum Zöllner Album "Uferlos" auf meinem Hof, aber Ronny und Paul waren die sehr positive Überraschung für mich. Menschlich wie auch musikalisch waren wir eine super Truppe, passten gut zueinander und haben in einer herrlich entspannten Atmosphäre in relativ kurzer Zeit das Album aufgenommen.

004 20130816 1453444431Hättest Du vielleicht gerne noch jemand anderen dabei gehabt, der aber, warum auch immer, nicht zu kriegen war?
Nein, nicht. Weißt Du, ich war so froh und habe dem lieben Gott gedankt, dass sich diese tollen Musiker, einschließlich Marcel Wicher dem Mann am Ton, völlig uneigennützig auf mein Projekt eingelassen haben. Es war wie ein Treffen mit guten Freunden. Die Musik und auch jeder einzelne von uns hat, glaube ich, von diesem harmonischen miteinander profitiert und ein Glücksumstand ist, dass wir bei mir, fernab von Hektik und Großstadtlärm in einer traumhaften Landschaft ungestört rund um die Uhr arbeiten und relaxen können! Nicht zu vergessen die Grillabende am Lagerfeuer!

Schön, dass es so etwas heute noch gibt. Da zählt wirklich nur die Musik.
Eben! Ich fand es wirklich Klasse, dass solche gestandene Musiker sich ohne jegliche Forderungen an einem Projekt beteiligen, einfach weil es Spaß macht! Etwas Besseres kann einem nicht passieren und dafür bin ich unendlich dankbar, weil ich es kaum für möglich gehalten hätte.

Während auf "Nichts bleibt" eher eine spartanische Instrumentierung vorherrschte, ist das neue Album ja von einem ganz anderen Sound geprägt. Wie würdest Du beschreiben, was man da hört?
(zögert ein wenig) Das ist ja nun eine ganz schwere Frage. Also zunächst sind wir durch den Einsatz der Band von dieser sparsamen Instrumentierung weggekommen, das hast Du schon ganz richtig erkannt. Auch die Schwere der Lieder meiner ersten CD ist nicht mehr in dem Maße vorhanden, obwohl ich nach wie vor solche Lieder liebe und immer schreiben werde. Die CD ist auf jeden Fall sehr abwechslungsreich geworden und hat viele Facetten, was natürlich beabsichtigt war. Manch einer könnte dazu sagen, "Was ist das für ein Durcheinander?" Aber das ist es nicht, sondern es sind meine ganzen Befindlichkeiten, die ich zum Ausdruck bringen wollte und die sind eben vielschichtig. Vielleicht ist sie leichter zu hören als die "Nichts bleibt" Scheibe, aber das ist für mich wirklich ganz schwer zu beurteilen. Ich liebe die "Nichts bleibt"-Songs genauso, wie die Lieder von "Gegen die Zeit". Und auch die Musik vom nächsten Album werde ich lieben!

007 20130816 1552358071Hast Du denn schon Feedbacks aus Deinem Umfeld auf die neue CD bekommen?
Na klar, und interessanterweise gibt es da die unterschiedlichsten Reaktionen. Gerade in meinem Bekanntenkreis sagen einige, "Nichts bleibt" war eine riesen Überraschung für sie und sehr spannend, während sie sich an "Gegen die Zeit" erst mal gewöhnen mussten. Das hat mich schon überrascht. Aber das waren meistens Frauen, und die können sich ohnehin mit schweren Texten besser auseinandersetzen als Männer, und sie sind erst mal über die "Leichtigkeit" gestolpert (Anm. d. V.: über diesen Satz haben K.L. und ich minutenlang diskutiert). Dann gibt es die Leute, die sofort darauf abgefahren sind und sagen: "Endlich bist Du von dieser Schwere weg, das neue Album ist viel abwechslungsreicher und luftiger." Es ist also total unterschiedlich. Aus meiner persönlichen Sicht ist "Gegen die Zeit" jetzt nicht die bessere Platte sondern eine Fortsetzung im Sinne von "... ich bin auf dem Weg ..."

Ist die Reihenfolge der Titel auf dem Album zufällig gewählt, oder steckt eine bestimmte Idee dahinter?
Nein, das ist nicht ganz zufällig. Der erste und der letzte Titel hat für uns eine besondere Bedeutung, deshalb wurden diese beiden Nummern auch gezielt platziert. Im ersten Song sage ich sinngemäß "Lass Dich ein auf das, was kommt". Und das letzte Stück ist ein ganz persönliches Stückchen Weg, das ich für mich suche und vielleicht ja auch gefunden habe. Die Lieder dazwischen sind so ausgewählt, dass sie musikalisch aber auch textlich in abwechslungsreicher Reihenfolge zueinander stehen.

Das Album wurde komplett auf Deinem Farmlandhof in Quadenschönfeld eingespielt. Habt Ihr Euch dazu über einen längeren Zeitraum getroffen und eingeschlossen, oder kam jeder so vorbei, wie er zeitlich gerade konnte?
Ich habe das ja vorhin schon kurz angeschnitten. Zuerst spielte ich GENSI meine Songs vor. Anschließend haben wir zusammen eine Art Demoband davon erstellt, welches GENSI wiederum den Musikern zukommen ließ, um sie für das Projekt zu begeistern. Nachdem sie ihre Zustimmung gegeben hatten, einigten wir uns auf einen Termin, an dem alle verfügbar sein würden. Insgesamt haben wir in vier unendlich arbeitsintensiven Tagen für 14 Titel die Grundbänder eingespielt. Allerdings haben wir Gesang, Cello, Gitarren und Akkordeon zu einem späteren Zeitpunkt synchronisieren müssen, denn das war in der Kürze der Zeit nicht zu schaffen. Die Jungs haben ja zum Teil ihren Urlaub für die Produktionstage geopfert.

008 20130816 1338368903Hast Du jetzt, nachdem das Album fertig ist, noch ein paar Songs übrig, die möglicherweise auf dem nächsten Album Platz finden?
Ja, da ist tatsächlich noch einiges übrig geblieben, was sicher später nochmal Verwendung finden wird. Ich möchte nichts davon in die Tonne hauen, denn dafür ist es viel zu schade.

Wir haben ja bereits im August 2012 vom Preview-Konzert auf Deinem Hof in Quadenschönfeld berichtet. Dort war von Dir zu hören, dass Du zum Jahresende 2012 mit dem Erscheinen des Albums rechnen würdest. Nun dauerte es noch mal ein halbes Jahr länger. Was hat für die Verzögerung gesorgt?
Das Hofkonzert, von dem Du hier sprichst, fand ja genau während der Aufnahmetage des Albums statt. Natürlich war für uns sehr schwierig, das in diesen wenigen Tagen auch noch hinzubekommen. Du darfst nicht vergessen: es war der erste gemeinsame Live-Auftritt, allerdings leider ohne Andreas Bayless. Da wir so viel Spaß miteinander hatten, legten wir spontan den Fertigstellungstermin der CD auf den 6. Dezember 2012. Am Nikolaus Tag wollten wir das fertige Album mit der gesamten Band live auf meinem Hof vorstellen und natürlich auch in der Hand halten. Wir haben mit Hochdruck daran gearbeitet und hätten den Termin auch einhalten können, aber dann kam Ronny was dazwischen und ohne ihn machte es keinen Sinn. Mit dem Wissen im Hinterkopf, dass nun die CD nicht unbedingt am 6. Dezember 2012 fertig sein musste, ließ der Zeitdruck nach. Im November fanden Gensi und ich dann ein paar Tage, um zum Mischen des Albums zu Marcel Wicher ins "ollorangemusic" Studio nach Ronneburg zu fahren, dessen Zeit ja auch durch Studioarbeit, Tontechnik und Auftritte mit seiner eigenen Band, recht begrenzt ist. Das Mastern verschoben wir auf Anfang 2013 und da wir ja auch immer noch nach einer Plattenfirma suchten, war nichts mehr so eilig.

Das ist sicher frustrierend gewesen ...
ja, ein bisschen schon. Nach einigen Anläufen haben wir die Suche aufgegeben und bis zum Ende die Sache selbst in die Hand genommen.

009 20130816 1424914008Die CD ist letztlich bei ZuG Records erschienen, dem Label von REYK ZÖLLNER. Wie kam es dazu?
Richtig. Mit REYK ZÖLLNER, der ein Label und einen eigenen Vertrieb hat, bin ich befreundet und er hat uns schon bei der Veröffentlichung von "Nichts bleibt" unter die Arme gegriffen. "Gegen die Zeit" gefiel ihm ebenfalls sehr gut und genau wie Du - Dir gefällt sie ja auch besser - glaubt er, dass sich die neue Platte ganz gut vermarkten lässt.

REYK ZÖLLNER übernimmt also sozusagen die Promotion für Dein Album?
Ja, das kann man so sagen und dafür bin ich ihm auch sehr dankbar, denn er ist mit dem CLUB DER TOTEN DICHTER ja schon sehr ausgelastet. Als erste Aktion stellt REYK die beiden Alben "Nichts bleibt" und "Gegen die Zeit" auf allen gängigen Musikdownload-Portalen zur Verfügung. Am 2. September startet die Sache, da kann man sie dann käuflich per Download erwerben. Außerdem wird er fünf Songs in seinen Verlag nehmen. Wir kennen uns ja schon sehr lange und ich freue mich ganz besonders darüber, dass es nun zu einer Zusammenarbeit gekommen ist und er auch ein paar Konzert- und Ausstellungstermine für uns realisieren wird.

Der Vorgänger "Nichts bleibt" erschien noch bei Buschfunk. Ist Dir bekannt, warum Buschfunk keine Zusammenarbeit mehr mit Dir wollte?
Es liegt wohl an den Verkaufszahlen des Albums, denn wenn sich der Vertrieb nicht rechnet macht es eben keinen Sinn. Ich glaube weniger, dass es musikalische Gründe gibt, denn sie haben uns angeboten die neue CD im Herbst in ihren Werbekatalog aufzunehmen und uns einige CDs abgekauft. Wie ich Eingangs schon bemerkte ist die Musik wohl nicht für die breite Masse geeignet!

010 20130816 2034915922Das scheint mir aber ein generelles Problem zu sein. Die Plattenfirmen wollen natürlich den schnellen Erfolg mit ihren Musikern. Ich habe das Gefühl, bestimmte Nischen werden nur ungern bedient, wenn absehbar ist, dass sich die Verkaufszahlen der CDs in einem überschaubaren Rahmen bewegen werden. Gibst Du mir da Recht?
Ja, leider ist das so, aber wirtschaftlich verständlich. Wer bietet schon gerne etwas an, was sich schwer verkaufen lässt? Sobald die Nachfrage einknickt, sinkt das Interesse der Vertriebsfirmen, auch wenn das Produkt ein Gutes ist. Das ist für etliche Künstler eine schwierige Sache.

Hast Du auf Deinem neuen Album so etwas wie einen Lieblingstitel?
Mir gefällt z.B. "Weil sie einsam sind" sehr gut. Zu diesem Lied gibt es übrigens auch ein wunderbares Bild. Sofort nachdem der Song fertig war, wusste ich, was ich malen musste. "Du denkst nicht wie ich" gehört ebenfalls zu meinen Lieblingsliedern. Normalerweise müsste ich wohl sagen, ich habe sie alle gleich gerne, aber das ist nicht ganz so. Es gibt tatsächlich den einen oder anderen Favoriten. Natürlich mag ich sie alle, sonst wären sie ja nicht auf der Platte gelandet. Die "Zerstörung" und "Wir sind die Täter" muss ich unbedingt noch herausheben, das sind auch ganz wichtige Lieder für mich.

Die Live-Präsentation des Albums ist nur schwer zu bewerkstelligen, da jeder der beteiligten Musiker mit seinen eigenen Projekten und Bands gut beschäftigt sein dürfte. Ist denn absehbar, ob es wenigstens eine kleine Tour mit den neuen Songs geben wird?
Der Wunsch dazu ist bei uns allen vorhanden, aber es wird sehr schwer werden. Für dieses Jahr wird es zu knapp, aber 2014 wollen wir das Vorhaben, eine kleine Tournee zu spielen, mal angehen. Mit REYK ZÖLLNERs Hilfe könnte es vielleicht gelingen, lassen wir uns überraschen!

012 20130816 1228996857Sollte es denn irgendwann mal zu dieser Tour kommen, wie stellst Du Dir dann ein Konzert zum neuen Album vor? Wird es für den Zuschauer möglich sein, die Verbindung zwischen Deinen Liedern und den dazugehörigen Bildern visuell wahrzunehmen, oder muss er seine Phantasie spielen lassen?
Das mit der visuellen Präsentation machen wir ja schon von Anfang an. Auf den wenigen Konzerten, die wir bisher gespielt haben, waren wir mit einem Beamer unterwegs, über den zu den Liedern die entsprechenden Bilder auf eine Leinwand projiziert werden. GENSI und ich geben meistens witzige und humorvolle Kommentare dazu ab und stellen dadurch eine Verbindung zwischen Musik und Bild her. Das ist eine wunderbare Variante, alles schön rund erscheinen zu lassen, und das kann man mit der großen Band genauso umsetzten.

Würdest Du denn generell gerne wieder mehr live spielen?
Ja klar, aber nicht um jeden Preis. Es müssen schon vernünftige, d.h. anspruchsvolle, Veranstaltungsorte sein. Also ich werde nicht bei Bockwurstfesten, Kaufhaus- oder Autohauseröffnungen auftreten. Ein bis zwei Mal im Jahr würde ich ganz gerne eine Tour machen, in kleinen Theatern, Schauspielhäusern oder Kirchen, wo unsere Musik bestens hinein passen würde. Die Leute sollen auf meinen Konzerten zuhören und sich darauf einlassen können, und das geht natürlich auf Volksfesten überhaupt nicht. Am 7. März 2014 spielen wir beispielsweise im Schauspielhaus Neubrandenburg, und darauf freue ich mich sehr, vor allem auf die besonderen Atmosphäre des Hauses. Aber auch auf meinem Hof waren und sind unsere Konzerte immer etwas ganz besonderes - bei Sonnenuntergang, Vollmond, Froschkonzert, Lagerfeuer ...

011 20130816 1994796418Wem der Besuch eines KATRIN LINDNER-Konzertes nicht möglich ist, dem bietest Du nun aber dennoch die Chance, sich Deine Kunst in Ton und Bild nach Hause zu holen, und zwar in Form eines Bildbandes. Du nennst das Ganze "Musik zum Lesen und Bilder zum Hören". Bitte erzähle uns mehr darüber.
"Musik zum Lesen und Bilder zum Hören" - genau so ist es auch gedacht. Innen liegend befinden sich die CD "Nichts bleibt" und die CD "Gegen die Zeit". Sämtliche Texte und die jeweils dazugehörigen Bilder sind so abgebildet, dass sich Text und dazugehöriges Bild gegenüberstehen. Man kann also die Musik anhören und in aller Ruhe Texte und Gemälde passend zum Stück auf sich wirken lassen.

Wenn jetzt jemand am Bildband interessiert sein sollte, wo kann er das gute Stück erwerben? Und zu welchem Preis?
Entweder er bestellt ihn über meine Webseite (www.katrinlindner.de) oder versucht bei einem Konzert sein Glück. Allerdings könnte es da knapp werden, es gibt nämlich nur 100 Exemplare zu 35,- € pro Stück - zuzüglich Versandkosten.

Wie ist die Idee zu diesem Bildband entstanden? Träumst Du schon länger davon?
Die Idee meine künstlerischen Fähigkeiten zu verbinden ist über Jahre entstanden. Schon bei der CD "Nichts bleibt" war der Bildband ein Thema in meinem Kopf, da die Texte nicht auf dem Cover standen und die dazugehörigen Bilder konnte man auch nur im Konzert über den Beamer sehen. Also entwarf ich den Bildband recht zeitnah zur CD aber leider gab es Probleme mit dem Verlag. Bei Produktionsbeginn der CD "Gegen die Zeit" habe ich die Entwürfe wieder ausgegraben, das Konzept beibehalten und herausgekommen ist dieser wunderschöne Bildband der wirklich alles in sich vereint.

013 20130816 1035742271Deine Musik ist sehr anspruchsvoll, nichts zum Nebenbeihören, und man sollte sich wirklich Zeit nehmen, um sie auf sich wirken zu lassen. Das widerspricht natürlich völlig dem heutigen Trend, dass Musik leicht verdaulich und möglichst frei von tiefergehenden Aussagen und Inhalten sein soll. Macht es Dich wütend, dass Du mit Deinen hochwertigen, intelligenten Liedern kaum eine Chance hast, neben all diesem Stumpfsinn zu existieren und wahrgenommen zu werden, der täglich in die Ohren der Radiohörer geblasen wird?
Wütend macht mich das nicht, aber es macht traurig und bereitet mir Sorgen. Dieser zu beobachtende Werteverfall wird immer größer. Was soll aus anspruchsvoller Musik werden, wenn keiner mehr zuhört oder sie überhaupt zu hören bekommt? Glücklicherweise gibt es aber immer wieder Leute, die dem Trend widersprechen und offen dafür sind. Leider sind das eben Minderheiten weil im Großen und Ganzen der Trend immer mehr hin zur Oberflächlichkeit tendiert, und das ist schlimm.

Lass uns noch mal kurz zum Album zurückkehren. Die Texte, die alle aus Deiner Feder stammen, sind ja nun alles andere als belangloses Schönwetter-Tralala. Wie viel Selbsterlebtes, Persönliches hast Du in den neuen Texten verarbeitet?
Ganz viel! Eigentlich stecken in allen Liedern persönliche Geschichten oder Dinge die in meinem Umfeld geschehen sind. In jedem Text verarbeite ich Erlebnisse und Beobachtungen die meinen Alltag ausmachen und mich berühren.

Hat der z.B. der sehr emotionale Text zum Song "So nah" einen realen Hintergrund, oder ist die dort besungene Person fiktiv?
Da geht es um keine spezielle Person, sondern mehr um die Menschen und ihre Vergänglichkeit im Allgemeinen. Das Lied ist entstanden, nachdem zwei gute Freunde von mir in ganz kurzer Zeit gestorben sind. Sie nie mehr wiedersehen zu können, musste und wollte ich verarbeiten und daraufhin schrieb ich spontan dieses Lied. Ich sage damit, dass Menschen, die man liebt und die man braucht nicht verloren sind, sondern setze sie auf Sterne und lasse sie auf mich herabschauen und bei mir sein. Auf diese Weise erhalte ich mir den Zugang zu ihnen. Wenn ich mir das Lied "So nah" heute anhöre, stelle ich fest, dass ich das auf alle verlorenen Menschen beziehen kann, mit denen ich verbunden war und die mich ein Stück weit in meinem Leben begleitet haben.

014 20130816 1301261529Dir hat dieser Song also geholfen, solche Schicksalsschläge zu verarbeiten?
Ja. Im Prinzip ist diese Textstelle "Ich seh' dich da oben auf deinem Stern du bist mir so nah doch leider so fern ..." die ganz naive, fast kindliche Vorstellung von mir, dass all die Verstorbenen irgendwie um mich herum sind, egal ob es nun TAMARA DANZ ist oder ob es meine Eltern sind. Niemand ist für mich ganz weg. Auch HERBERT DREILICH, mit dem ich über dreißig Jahre ganz eng befreundet war, und all die anderen Menschen, die ich schon verloren habe, sitzen auf ihren Sternen. Ich will keinen von ihnen vergessen und genauso wenig begraben oder in einem Sarg unter der Erde sehen. Ich halte sie im Herzen lebendig und deshalb passt die fast fröhliche Musik sehr gut zu der Aussage des Songs. Vielleicht hocken sie ja wirklich irgendwo im Universum, schauen auf mich herab und sagen: "Guck mal an, die Olle gibt's noch und sie macht immer noch Musik."

Zu "So nah" gibt es auch ein beeindruckendes Video. Wessen Ideen wurden da verarbeitet, und wie habt Ihr das Ganze umgesetzt?
Das war meine Idee. Wir hatten recht wenig Material von den Musikaufnahmen zu "So nah" zur Verfügung und mussten uns was einfallen lassen. Da die Anzahl der Verkehrsunfälle nicht gerade gering ist, wollte ich ursprünglich Allee-Bäume mit Kreuzen dran aufnehmen, die immer da hängen, wo sich irgendwer tot gefahren hat. Da man das im Video nicht erkennen konnte, haben wir Rundumlicht eingesetzt. Alle Szenen, die irgendwie mit blitzendem Licht gedreht sind, sollen signalisieren, hier wurde zu schnell gefahren, hier ist jemand verunglückt! Für die Strophen hat mich Tom Winkler, der für alle Videos von uns verantwortlich zeichnet, vor eine schwarze Wand gestellt und das Gesicht später verfremdet. Dazu kamen natürlich auch noch diese Straßenverläufe, die TOM in Halle während er zur Arbeit fuhr gedreht hat. Die Instrumentalstellen haben wir aus hunderten von Fotos zusammengebastelt, und das war es auch schon. Also ich denke mal für die vorhandenen Möglichkeiten ist uns das Video ganz gut gelungen.

"Zerstörung" und "Wir sind die Täter" sind zwei erstklassige Nummern, in denen Du mit bewegenden Worten auf die schrittweise Vernichtung unserer Welt und auf den immer wieder auftretenden Machtmissbrauch in Verbindung mit hemmungsloser Geldgier aufmerksam machst. Du hast absolut Recht mit dem, was Du singst, aber glaubst Du wirklich, unser im Moment auf mich sehr gleichgültiges und politikmüde wirkendes Volk damit aufzurütteln?
Nein, das glaube ich nicht wirklich. Aber weißt Du was? Das Lied "Wir sind die Täter" sollte man als Einspielmusik für den Bundestag verwenden (lacht). Die Idee finde ich großartig! Ich stelle mir vor, die hocken da alle rum, heben die Arme zur Abstimmung und im Hintergrund läuft "Wir sind die Täter"! Komm, lass uns mal wieder ernst werden. Du sagtest aufrütteln ... Nein, ich kann wohl keinen mehr aufrütteln. Ich will die Leute, auf die das Lied passt, einfach vorführen. Aber im Grunde genommen sind wir ja alle Täter. Durch unsere ganze Lebensweise tun wir ständig etwas, was nicht gut ist, und wir unternehmen nichts dagegen, weil es uns zu gut geht und die Verlustangst groß ist. Doch so ist das eben: je mehr man hat, desto weniger will man davon wieder abgeben. Das liegt in der Natur des Menschen. Ich wünschte mir, dass jeder Einzelne mehr darüber nachdenkt. Vielleicht kommt ja mal ein Filmemacher daher und sagt: Der Text ist geil, daraus mache ich ein unter die Haut gehendes Video! Aber wir selbst haben da auch schon so unsere Ideen.

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Bist Du generell ein politisch denkender Mensch?
Ja, bin ich, aber parteilos und nicht fanatisch. Ich habe einen großen Gerechtigkeitssinn und wo Unrecht ist und Fehlentscheidungen getroffen werden, möchte ich reagieren und mich mit meinen Ausdrucksmöglichkeiten einmischen.

Im Gegensatz zum Vorgängeralbum "Nichts bleibt", was ja doch eher still und durch die sparsame Instrumentierung beinahe schon klassisch daherkam, dominiert auf "Gegen die Zeit" die Abwechslung. Man hört natürlich auch hier balladeske Töne, aber auch Ausflüge in die Jazzrichtung, ins Chanson und auch in Popgefilde sind zu hören, selbst vor dem Reggae machst Du keinen Halt. Bei so viel Kreativität fragt man sich natürlich, warum Du der Musik nicht doch wieder mehr Raum in Deinem Leben einräumst?
Die Musik hat schon ganz viel Raum in meinem Leben und wenn Du Konzerte meinst, es sind immer auch die äußeren Umstände, die passen müssen. Hätte z.B. "Nichts bleibt" unheimlich eingeschlagen, wären wir gern auf Tour gegangen. Als ich wieder anfing Musik zu machen und neue Lieder zu schreiben, war der Gedanke, es auch live präsentieren zu wollen, für mich völlig unwichtig. So ist das auch heute noch, ich muss nicht nach "draußen" gehen um der Musik Raum in meinem Leben zu geben. Zum Glück, denn es ist unglaublich schwierig risikofreudige Konzertveranstalter zu finden, da unser Bekanntheitsgrad ja nicht sehr groß ist. Aber es gibt eine Anfrage vom NDR-Fernsehen und sie wollen mit mir, wenn alles klappt, im Herbst ein Interview unter dem Motto "Was aus ihr geworden ist ..." führen. Ja, und wenn das ein paar Leute sehen ... wer weiß schon was kommt?!

015 20130816 1273190482"Gegen die Zeit" hat für mich eine insgesamt positive, nach vorn gerichtete Grundstimmung. Als Beispiel könnte gleich die allererste Textzeile gelten: "Du holst was sein kann nie zurück, deshalb genieß den Augenblick". Oder auch im zweiten Song "Ich dreh mich um, es gibt viel zu tun. Weit schweift mein Blick, aber nie zurück". Ist dieses "Nach-vorne-immer, rückwärts-nimmer"-Prinzip generell Deine Lebensphilosophie?
Ja, absolut. Was bringt Dir der Blick auf das Gewesene, sprich Vergangene? Natürlich schaut man auf besonders schöne Dinge auch mal gerne zurück, aber selbst das mit einer gewissen Wehmut, weil sich nichts in der Form wiederholen kann. Deshalb sollte man lieber nach vorne schauen und daran arbeiten, dass noch viele schöne Momente kommen werden.

Ich nehme an, dass Du deshalb auch nach wie vor zu Deiner Meinung stehst, nie wieder zurück zur Rock- oder Popmusik zu wechseln?
Richtig, ich denke schon. Da ich mich ungern wiederhole und sehr kreativ bin, wäre das einfach keine Herausforderung mehr, oder ich müsste alles ganz anders machen.

Trotzdem kennst Du ja die Wünsche Deines Publikums, die sich von Dir doch hier und da mal einen Song aus SCHUBERT BAND-Zeiten wünschen.
Wenn ich dem nachgebe, würde ich mich, weil ich ja keine Freude mehr daran habe, zu einer Art Musik-Dienstleister entwickeln. Das möchte ich nicht.

017 20130816 1885500392Dann frage ich mal anders: Kannst Du es definitiv ausschließen, dass Du nicht doch vielleicht mal an einem lauen Sommerabend zum Abschluss eines Konzertes wieder die "Abendträume" singen wirst?
Das ist interessant, denn darüber habe ich gerade wieder mit GENSI gesprochen, der ja grundsätzlich diese ganzen alten Sachen auch nicht spielen möchte. Anlass unseres Gesprächs war eine lose Anfrage von SCHOLLE (Dirk Zöllner), ob ich nicht mal Lust hätte im "Café Größenwahn" aufzutreten. Da man dort einen alten und einen neuen Song von sich spielen muss, kommt als alter Titel eigentlich nur "Abendträume" in Frage. In diesem Zusammenhang wäre es schon legitim und damit hätte ich dann wirklich kein Problem, denn "Abendträume" ist ja ein sehr schönes Lied und der Hit meiner "alten" Zeit. Ich würde aber auf gar keinen Fall mehr die ganzen Rocknummern von damals singen wollen, damit kann ich jetzt nichts mehr anfangen.

Lass uns dennoch mal für einen Moment gedanklich in alte Zeiten schwenken. In einem Deutsche Mugge-Interview aus dem Jahr 2009 hast Du erwähnt, dass Ihr mit der SCHUBERT BAND eigentlich genügend neues Material hattet, um eine zweite oder sogar dritte LP zu produzieren. Was ist aus diesem Material geworden, existiert das noch irgendwo? Hast Du Zugang dazu?
Unsere erste und einzige LP war ja lediglich ein Sammelsurium von Rundfunkmitschnitten aus fünf Jahren. Wir haben danach immer weiter produziert, sowohl beim Rundfunk als auch in unserem eigenen Studio, aber AMIGA wollte einfach keine weitere Platte mit uns veröffentlichen. Schon zu "Heiße Tage" hatte Amiga ein gespaltenes Verhältnis. Einen Teil der späteren Songs habe ich sicher noch auf irgendwelchen Tonträgern. Da sind z.B. diese ganzen Nummern aus der NDW-Zeit. Oder einzelne Titel, die sich auf der "Rockbilanz"-Reihe wiederfinden, z.B. die "Nachkriegskinder". Oder auch "Zu Tisch, zu Tisch" und "Alle Jahre wieder". Kennst Du "Eine Strecke unsres Weges" nach einem Text von Gisela Steineckert? Dazu gibt es ein Video, vom DDR-Fernsehen gedreht, in dem ich mit FRANK "GALA" GAHLER ein Paar spiele, und ich könnte noch vieles aufzählen was man nicht kennt.

018 20130816 1808660908Wäre es für Dich eine Option, diese späteren, nie veröffentlichen Titel eines Tages doch noch mal rauszubringen?
Das kann ich nicht einfach so veröffentlichen, weil mir zum Teil die Rechte an den Liedern nicht gehören und inzwischen ist das alles schon viel zu weit weg von mir. Ich mach lieber neue Sachen! Wenn ich mal auf meinem Stern sitze, kann man das alles ausgraben und zusammentragen um meine Fangemeinde damit zu beglücken! (lacht)

Ein Teil Deiner Familie lebte zu DDR-Zeiten in der BRD. Mit der SCHUBERT BAND durftet Ihr aber damals nicht ins westliche Ausland reisen, und auch sonst wart Ihr nie besonders gut gelitten bei der kulturellen Obrigkeit. Das kann einen Künstler doch auf Dauer ganz schön zermürben. Hast Du nie mit dem Gedanken an eine Flucht oder Ausreise gespielt?
Ganz zum Schluss schon. Meine Familie lebte ohnehin im Westen und als viele meiner Freunde weggeblieben oder ausgereist waren, kam man sich doch recht unbehaglich und verloren im Osten vor. Die letzten Eingemauerten wollten wir eigentlich auch nicht sein, doch dann fiel zum Glück die Mauer und heute bin ich glücklich darüber, mich nicht entwurzelt zu haben.

Darf ich fragen, wie es SIEGHART SCHUBERT geht, und was er heute macht?
Fragen schon, aber ich kann Dir keine Antwort geben.

Wenn ich richtig informiert bin, hast Du ja nach der Wende im Musical "Das Feuerzeug" mitgewirkt. Könntest Du Dir vorstellen, mal wieder in einem Musical mitzuwirken?
Vor der Wende war das, und ich habe nicht direkt mitgespielt sondern den Part der Hexe gesungen. Es macht mir immer Spaß bei Projekten, die mir gefallen, mitzuwirken. Vor etwa dreißig Jahren gab es auch mal ein Duett mit einem Operettensänger, und auch davon müsste es noch einen Fernsehmitschnitt geben. Selbst die Schauspielerei wäre für mich noch eine späte Herausforderung. (lacht)

019 20130816 1889969191Dein Anwesen in Quadenschönfeld galt ja von Anfang an, also seit 1982, als Produktionsstätte für unglaublich viele Bands und Musiker. Wie sieht es denn heute damit aus, kommen immer noch so viele Leute aus der Branche, um bei Dir ihre Musik aufzunehmen? Ich habe zum Beispiel gehört, dass DIRK ZÖLLNER gerade sein neues Album in Deinen Räumlichkeiten fertiggestellt hat.
Also dazu möchte ich sagen, ich will und kann die "Produktionsstätte" nicht mehr professionell betreiben. Da 2002 die Technik ausgebaut wurde, fehlen mir die Möglichkeiten. Wenn mich Musikerfreunde ansprechen, ob sie meine Räumlichkeiten nutzen können, bin ich natürlich gerne behilflich wenn es meine Zeit erlaubt. DIRK ZÖLLNER z.B. war gerade hier um sein neues Album aufzunehmen, und hat auch früher schon einige Platten hier im Studio produziert. Die Musiker vom CLUB DER TOTEN DICHTER haben ihr Heine-Programm eingespielt und ANNA R. mit ihrer neuen Band GLEIS 8 nutzten den Farmlandhof um Demobänder für ihre neue CD aufzunehmen. Nicht zu vergessen "meine" Zigeuner, die aus aller Welt zusammenkommen, gelegentlich bei mir proben, um dann gemeinsam auf große Welt-Tourneen zu gehen.

Du lebst und arbeitest nach wie vor auf Deinem Farmlandhof in Quadenschönfeld. Bist Du auch immer noch als Hotelier tätig, oder hast Du das mittlerweile aufgegeben?
Ja, das war nie mein Ding. Eigentlich bin ich ein "Einsiedler" und der Farmlandhof ist seit 33 Jahren mein Rückzugsort und mein ganz privates Zuhause. Die Umstände erforderten zwischenzeitlich aus ihm ein kleines Landhotel zu machen, aber immer wenn Gäste hier verweilten, fühlte ich mich entwurzelt. Deshalb habe ich schon vor Jahren die Entscheidung getroffen, es wieder aufzugeben um zu meinem kreativen Schaffen zurückfinden zu können.

Wird es auch mal wieder ein Konzert bei Dir geben?
Das ist auch so eine Sache. Trotz des schönen Ortes möchte ich kein Veranstalter sein. Das bringt zu viel Arbeit und Probleme mit sich, die eben u.a. auch so ein Zeiträuber sind. Ein Hofkonzert mit meinen eigenen Liedern schließe ich natürlich nicht aus, weil es großen Spaß macht hier zu spielen.

020 20130816 1405027155Du liebst die Abwechslung, brauchst ständig neue Herausforderungen, sonst langweilst Du Dich recht schnell. Was steht denn als nächstes für Dich auf dem Plan, um der Langeweile zu entgehen?
Nein, ich langweile mich nicht schnell - sondern gar nicht! Ständig schaffe ich mir selbst neue Herausforderungen und muss mich manchmal sogar etwas ausbremsen. Neben all der Kunst macht es mir Spaß meinen Hof zu bewirtschaften, Marmelade zu kochen, die Natur und die Tiere zu beobachten, Bücher zu lesen und und und ... Erstmal aber ist ein bisschen Entspannung nötig, und dann steht die Vermarktung der CD und des Bildbandes an. Ich habe mich entschlossen, für "Gegen die Zeit" vieles selber in die Hand zu nehmen. In meinem Büro liegen Adressen von Rundfunk- und Fernsehsendern denen ich meine CD zuschicken werde. Bei "Nichts bleibt" habe ich alles dem Zufall überlassen, diesmal will ich es anders machen.

KATRIN, eigentlich wäre ich jetzt fertig mit meinen Fragen. Aber eine Sache brennt mir noch ganz doll auf den Lippen. Auf Deiner Webseite erwähnst Du kurz und knapp, dass Du während des Mixens des neuen Albums bei einer Heavy Metal Band einen Song mit eingesungen hast. Das finde ich tatsächlich ziemlich "heavy", und kann das kaum glauben. Erzähl doch mal, wie kam es denn zu dieser Konstellation?
Das stimmt tatsächlich. Die Band heißt FJOERGYN und in dieser Band ist MARCEL WICHER, der Studio Besitzer aus Ronneburg, Gitarrist. MARCEL mischte meine Platte in seinem Studio und hörte sich die einzelnen Spuren, unter anderem auch meine Gesangsspur, an. Zufällig stand der Sänger von FJOERGYN dabei, war von meiner nackten, blanken Stimme total begeistert und sagte "Mensch, ist das eine geile Stimme, können wir die nicht irgendwie mit einbauen auf unserem neuen Album?" Als ich dann zum Mischen dazustieß, sprach mich der Sänger an, ob ich nicht Lust hätte, auf der Scheibe was einzusingen. Ich kannte weder Musik noch Text aber war neugierig darauf. Nach kurzer Musikvorgabe drückten sie mir den Text in die Hand und los ging es. Na ja, es war nicht viel, ein paar Textzeilen und ein bisschen Chor, aber es hat großen Spaß gemacht. Das Lied heißt "Leiermann" und der Leiermann ist in dem Fall der Tod. Inzwischen habe ich die CD gehört und muss sagen, sie gefällt mir sehr.021 20130816 1912138337 Irgendwann möchte FJOERGYN ihr Werk als Bühnenstück aufführen und da wäre ich natürlich sehr gern dabei. Wenn sich schon meine eigene Musik schwer verkauft, dann wäre es doch toll, wenn ich mit einer Heavy Metal Band auf Tour gehen kann! (lacht)

Damit sind wir am Ende unserer kleinen Bestandsaufnahme.
Das war ja doch ganz schön ausführlich ...

Ja, das war aber noch längst nicht das umfangreichste Interview. Schau Dir mal unsere Gespräche mit CÄSAR oder STEPHAN TREPTE an ...
STEPHAN TREPTE? Der hat doch im Chor bei "Abendträume" mitgesungen! Das war auch eine ganz spontane Sache damals. Wir brauchten Männer für den Chor im Song "Abendträume" und STEPHAN hatte auch gerade eine Rundfunkproduktion im Nachbarsaal des Funkhauses. Kurzerhand hat er uns den "Männerchor" gemacht!

So schließt sich der Kreis. Liebe KATRIN, alles Gute für Deine Zukunft, und mögen recht viele Leute Deine Musik und Deine Bilder erwerben! Hast Du noch einen Schlusssatz für unsere Leser übrig?
Ich würde mich natürlich riesig freuen, wenn sich recht viele Leser auf meine Musik und meine Bilder einlassen würden und Freude daran finden können. Und sollte sich jemand berührt oder angesprochen fühlen freue ich mich immer über ein Feedback.


Interview: Torsten Meyer
Bearbeitung: mb, cr
Fotos: Tom Winkler, Pressematerial, Torsten Meyer, Archiv DM




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