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Interview vom 25. Juni 2021



001 20210703 2074179382"Sympathischer Rock aus Sachsen", war das Motto der Gruppe DIALOG, die zwischen 1976 und 1986 aktiv war und mit Songs wie ihrer Hymne auf die eigene Heimatstadt Crimmitschau, "963" (also die damalige Postleitzahl), der vertonten Liebeserklärung an die Lehrerin, "Miss English Teacher", oder ihrer Mahnung an die Menschheit, "Denke daran", diverse Hits in der DDR hatte. Aber nicht nur die Musik darf dieses positive Attribut für sich als Beschreibung hernehmen, sondern auch die Herren Musiker selbst, die sie damals spielten. Einer davon, nämlich der Gitarrist und Sänger Anselm Riess, saß kürzlich mit unserem Kollegen Christian zusammen, um in einer lockeren Plauderei über seine Karriere, seine Band DIALOG und die Fertigkeit, eigene Gitarren bauen zu können, etwas näher ins Detail zu gehen ...




Fangen wir mal vorne an. Wann hast Du angefangen, Gitarre zu spielen?
Ich war 13, das war 1964. Vorher hatte ich ein bisschen Judo gemacht, da war ich jedoch ziemlich erfolglos (lacht ...). In der siebenten Klasse sprach mich mein Freund Stefan Lasch an, der damals auch schon drei oder dreieinhalb Jahre Klavier spielte. Er kam während der Hofpause mit einem Freund zu mir und fragte: "Anselm, wir wollen eine Band machen, machst Du mit?" Ich sagte: "Ja, was soll ich denn spielen?" So ging das los.

Gab es denn vorher schon Instrumente, an denen Du Dich versucht hast?
Nein. Mein Vater war Schauspieler und spielte etwas Gitarre, aber da sah ich eigentlich nur zu. Nach der denkwürdigen ersten Besprechung zu besagter Hofpause in der siebenten Klasse meinten meine Freunde dann, ich solle das Schlagzeug übernehmen. Ich sagte, "Okay, dann spiele ich Schlagzeug." Es war ein bisschen etwas da, eine Trommel, ein Becken und auch eine große Fußtrommel. Der Freund, der Gitarre spielen sollten, dem taten dann die Finger weh und eröffnete zwei Möglichkeiten: "Entweder ich höre auf oder ich kann Schlagzeug spielen ..." So sattelte ich auf die Gitarre um, das war lustig.

Nun stelle ich mir das ziemlich spannend vor. Du bist 13 Jahre alt, hast noch nie eine Gitarre in der Hand gehabt und sollst nun plötzlich in einer Band genau dieses Instrument spielen. Wie hat das denn funktioniert?
Na ja, wir waren ja alle blutige Anfänger - bis auf Stefan, der das Klavier spielte. Stefan meinte, "Wir stimmen die Gitarre so und so …", und es gab ja auch genügend Unterlagen. Und so übte ich die ersten Akkorde. Zwischendurch habe ich auch mal auf einer Balalaika gespielt, die wir auf einen reinen C-Dur-Akkord gestimmt hatten und ich legte nur den Finger drüber. Das war natürlich stinklangweilig ... Aber es ging vorwärts und ich interessierte mich auch immer für die Grundlagen der Musik. Also wie alles zusammenhängt, warum der Ton gespielt wird, wenn die oder die Harmonie darunter liegt und es zog sich durch meine gesamte Musikergeschichte, dass ich stets der Sache auf den Grund gehen wollte. Das kam mir auch sehr zugute bei diversen Einstufungen usw. ...

002 20210703 1328768749Bei all der Theorie, gab es denn damals schon Vorbilder aus der Praxis für Dich?
Ja, na klar. Die BEATLES, TROGGS, HOLLIES und die ganzen frühen Rockbands eben. Das war schon ein großer Antrieb. Wir machten also Klavier, Schlagzeug, Gitarre, dann kam noch ein Trompeter dazu. Wir spielten so mit 14 beispielsweise mal zu Silvester und da spielte er "Il Silenzio", das war damals ein riesiger Ohrwurm und die alten Leute haben geweint und freuten sich, das war super. Da bekam man auch mit, wie schön es ist, Leute mit ganz einfachen Mitteln zur Begeisterung bringen zu können, einfach nur mit Musik.

Ich nehme an, Ihr habt damals nur gecovert. Wie hieß denn Eure Kapelle?
Ja, na klar. Es wurde nur gecovert! Wir hießen damals DIE RENOS. Wer auf diesen Namen gekommen war, weiß ich nicht mehr. Der Name war auf einmal da ...

Wie sah denn sonst Deine Jugend aus? Gab es neben der Musik auch andere Dinge, hast Du z.B. mit Freunden Fußball gespielt oder Zeit für Kinobesuche mit Mädels gehabt, wie sah es damals bei Dir aus?
Ich habe viel gebastelt, ich zeichnete und ich hatte viele Freunde, mit denen ich Fahrräder baute. Die verwertbaren Einzelteile holten wir vom Schrott und dann wurde etwas zusammengebastelt. In der Zeit, bis ich 14 war, hatte ich mir sechs Fahrräder zusammengebastelt. Es war immer lustig und man lernte auch viel dabei. Ein älterer Freund, der sich noch besser auskannte, konnte einem dann immer gute Tipps geben, wo man schraubt usw. Auch dabei interessierten mich die Grundlagen, wie ein Fahrrad aufgebaut ist, wie das mit der Kette, der Gangschaltung und der Bremse funktioniert und und und ...

Also nicht nur "learning by doing", sondern auch richtig rein in die Theorie ...
Aber eigentlich auch doch "learning by doing". Ich meine, wenn man einmal weiß, in welche Richtung eine Schraube festzudrehen ist, vergisst man das eben nicht mehr ...

Nun bist Du ein Teenager, gehst zur Schule, machst nebenbei Musik und bastelst an Fahrrädern rum. Wie sah denn die berufliche Wunschvorstellung bei Dir aus? War schon klar "Ich möchte irgendwann Musiker werden" oder sagtest Du "Ach nein, ich mache doch lieber eine Ausbildung zum Uhrmacher"?
Ich wollte eigentlich Mathematik und Physik studieren. Das hat aber nicht funktioniert, weil ich zu der Zeit schon viel Musik machte und so war ich als sozialistische Lehrerpersönlichkeit nicht so geeignet (lacht ...). Mathematik, Zeichnen und Musik waren meine drei Lieblingsfächer. Das sind Sachen, wo man nicht viel lernen muss, sondern mit logischem Denken irgendwas machen kann.

Was hast Du denn direkt nach der Schule gemacht?
Als ich für das Studium abgelehnt wurde, ging ich nach Klingenthal in die Harmonikawerke und stimmte dort Akkordeons. Das ging zirka eineinhalb Jahre und für mich war dann schon klar, dass ich etwas in Richtung Musik machen will. Wenn man Akkordeons stimmte, bekam man einen Ton, nämlich den Ton "a". Und nach diesem wurde das ganze Ding gestimmt. Nebenbei hörten wir natürlich Radio und ich dachte: "Hier kannst du nicht mehr viel lernen." So ging ich auf die Walz. Ich fuhr nach Berlin und versuchte dort, in eine Band hinein zu kommen. Ich hatte ja schon einige Jahre gespielt.

Du sagst, Du hast die ganze Zeit in Bands gespielt und Musik gemacht, hattest aber keinen Unterricht auf der Gitarre, oder?
Das ging dann erst später los. Nachdem ich einige Jahre Musik gemacht hatte, ging ich zum Konservatorium nach Zwickau. Dort gab es eine Richtung "Musikerzieher im Nebenberuf" und ich schloss diese Ausbildung nach zwei Jahren ab. Parallel dazu - ich glaube, das war 1972 - machte ich meinen Berufsmusikerausweis. Bis dahin war ich ja als Amateurmusiker eingestuft. Das ging los mit 3,00 Mark pro Stunde, dann 4,00 Mark, dann 5,00 Mark und sogar 6,50 Mark. Dann machte ich wie gesagt meinen Berufsausweis, weiß allerdings nicht mehr, was da verlangt werden konnte. Jedenfalls war das der Schritt, mit dem ich profimäßig losmachen konnte. Da spielte in Crimmitschau eine Musikgruppe, die Band Hajo Zimmermann. Das war eine richtig gute Profiband mit Bläsern. Der Gitarrist spielte alles nur mit dem Mittelfinger, dem Ringfinger sowie dem kleinen Finger. Da dachte ich, das ist ja komisch, denn normalerweise fängt man ja mit dem Zeigefinger an. Ich ging dann zum Schluss zu ihm und fragte ihn, warum er alles mit den anderen drei Fingern spielt, als es normal wäre. Und er sagte: "Das ist ganz einfach, der Zeigefinger ist steif." Er wollte wissen, warum ich fragte und so erzählte ich, dass ich auch Profi wäre und plötzlich sagte er: "Das trifft sich ja gut, ich höre nämlich auf bei der Band und der Hajo sucht einen Gitarristen." Das war natürlich interessant und ich unterhielt mich mit dem Kapellenleiter, also dem Hajo Zimmermann aus der Leipziger Ecke. Er meinte, "Dann komme mal bei mir vorbei, wir quatschen, ich gebe dir ein paar Noten und wir machen mal eine Probe." Das hat dann auch gut funktioniert und es war alles klar. Das war für mich natürlich super, denn ich war unter all den Profis der "Schlechteste" und konnte somit viel lernen.


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Das war also Deine erste Profistation?
Ja, das war zirka 1972/73 meine erste Profistation.

Was habt Ihr denn für Musik gemacht?
Wir haben alles Mögliche gecovert. Meistens waren zwei oder drei Bläser dabei und auch ein wunderbarer Bassist, von dem ich in Sachen Rhythmus und "nach vorne spielen" auch eine ganze Menge lernte. Das war Joachim Todt. Ich weiß gar nicht, ob er noch am Leben ist. Er war echt ein toller Basser, sein Drive war irre.

Wie lange warst Du bei Hajo Zimmermann?
Es müsste ungefähr ein Jahr oder auch eineinhalb Jahre gewesen sein, ich weiß es nicht mehr genau. Danach kam ich für eineinhalb Jahre zur NVA und dort lernte ich unseren späteren Schlagzeuger Thilo Ferstl kennen. Mit ihm zusammen war ich dann ja später bei dialog.

Also: Studieren lassen wollte man Dich nicht, aber das Land verteidigen solltest Du ...
Na ja, das war eben Pflicht, es musste ja jeder machen. Also sagen wir mal so: Die Zeit war nun nicht gerade so wahnsinnig gut, aber wir waren in einer Künstlerbatterie. Wir standen zwar auch an der Kanone, aber wir hatten auch sehr viele Freizügigkeiten in Bezug auf Proben, Programme zusammenstellen usw. Da waren Schauspieler, Klassiker, Geiger, Saxophonisten und und und ... Also quer durch den Gemüsegarten war da eine Ansammlung von Künstlern zusammengebastelt. Wir hatten einen Proberaum und konnten uns in der Zeit viel mit Musik beschäftigen. Das war eigentlich recht gut.

Wie ging es nach der NVA-Zeit für Dich weiter?
Wir gründeten gleich danach dialog.

Hieß es nicht zuerst QUIRL?
Ja, das ist richtig. Zunächst hieß es QUIRL, war aber letztlich das gleiche Unternehmen.

Wenn ich das richtig verstanden habe: Du hast bei der NVA Thilo Ferstl kennengelernt und mit ihm habt Ihr dann QUIRL - später dann dialog genannt - gegründet ...
Genau. Unser Chef Emmerich Babernics hatte schon mit Reinhard Pestel Musik gemacht. Emmerich spielte Gitarre, Reinhard Pestel den Bass und ich spielte nach meinem Einstieg neben der Gitarre auch noch die Keyboards. So ein wenig Allrounder eben. Später kam bei dialog noch ein Saxophon hinzu, da spielten wir dann auch Sachen von SUPERTRAMP. Auch das war alles "learning bei doing".

Ihr kommt von der NVA und gründet eine Band. Ich nehme an, dass die Idee dazu schon bei der Armee entstanden ist oder kam das direkt danach?
Im letzten Halbjahr kam es zum Kontakt mit Emmerich Babernics und uns war klar, dass wir nach unserer Zeit bei der Nationalen Volksarmee zusammen etwas machen wollen.

Der ursprüngliche Name Eurer Band war also QUIRL. Wer hatte denn die Idee zu diesem Namen?
Das war ganz lustig. Wir suchten einen Namen, probierten alles Mögliche aus. Es gibt eine Strecke in Richtung Norden - ich glaube Richtung Döbeln - und auf der gab es damals ein Gasthaus "Zum Quirl". Darüber machten sich - wie es bei Musikern so üblich ist - Emmerich Babernics und seine damaligen Kollegen auf den Fahrten immer lustig und machten ihre Witze darüber. Es wurde also zum geflügelten Wort und so sagten wir: "Dann nennen wir uns doch einfach QUIRL. Wir machen alle möglichen Arten von Musik, zusammengequirlt und fertig." (lacht ...) Es war am Anfang auch ganz lustig, später wechselten wir aber den Namen, weil QUIRL nicht so aussagekräftig gewesen ist. So kamen wir auf dialog.

 
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Wie kam es zu diesem Namen und welche Bedeutung hatte er für Euch?
Faktisch ging es um den Dialog mit den Leuten. Wir auf der Bühne, die Leute vor der Bühne. Rede, Gegenrede. Und auch darum, die Leute zu begeistern und von deren Begeisterung wiederum getragen zu werden.

Nun seid Ihr wahrscheinlich nicht von der Armee gekommen und habt gedacht, nun covern wir mal lustig weiter, sondern hattet bestimmt die Idee, mit der Band eigene Musik zu machen und Ziele zu verfolgen ...
Na ja, anfangs coverten wir sehr viel, um überhaupt erst mal reinzukommen. PINK FLOYD, MANFRED MANNS EARTH BAND und alles Mögliche. Dann gab es in der DDR diese Bandausscheide, Wettbewerbe, die Werkstattwochen in Suhl und dort mussten dann eigene Sachen gespielt werden. Also arbeiteten wir daran, probten die Lieder und ließen dann von Textern die Texte zu den Songs schreiben.

Fand die Einstufung Eurer Band eigentlich vor der Änderung des Namens oder erst nach 1978 statt?
Das war schon als wir uns noch QUIRL nannten, denn man brauchte die Einstufung ja, um überhaupt spielen zu dürfen. Wir machten sehr gute Musik, hatten einen wunderbaren Sänger, den Günter Franz. Er war ein absolutes Naturtalent und sang wahnsinnig gut. Und dann mussten wir einige Sachen machen und waren auch auf dieser Schiene sehr fleißig. Es wurde sehr viel geprobt, geübt und gemacht ...

So etwas kann sich ein junger Musiker von heute kaum vorstellen. Er geht auf die Bühne und macht Musik. Das ging bei Euch nicht, denn ohne Einstufung keine Muggen. Wie sah Eure Einstufung damals aus, wie lief die ab und wer saß da, um über das Wohl und Wehe von Euch zu entscheiden?
Es hatte ja jeder seine Spielerlaubnis. Insofern hatte er schon mal von vornherein das nötige Rüstwerk, Musik zu machen. Mit Notenkenntnissen usw. konnte man dann schon zusammen Musik machen. Wenn man mehr Geld pro Stunde haben wollte, bewarb man sich um eine Einstufung. Wir bekamen dann die Sonderklasse und dafür gab es 6,50 Mark in der Stunde. Das war damals schon etwas gewesen. Diese jeweilige Einstufung war dann abgesegnet und der Veranstalter musste diese Gage auch bezahlen.

Zum letzten Teil meiner Frage: Da saßen ja manchmal auch Kollegen in dieser Jury. War das in Eurem Fall auch so, dass da bekannte Namen vertreten waren?
Das war unterschiedlich. Später schon, da saßen auch mal Leute aus der Berliner Szene, wie Franz Bartzsch zum Beispiel, mit in der Jury. Also das waren schon angesagte Leute, die dann urteilten und nicht irgendwelche Funktionäre, die einen "Daumen hoch" oder einen "Daumen runter" gaben. Man bekam auch sehr gute Tipps, was man eventuell ändern und verbessern könnte. Bei uns ging es dann auch relativ zeitig mit Rundfunkaufnahmen los, unser Produzent war damals Walter Cikan. Dafür musste man sich natürlich auch gut vorbereiten. Ich hatte eine kleine vierspurige "Fostex", mit ihr spielten wir aufnahmetechnisch mehrere Sachen übereinander ein und konnten sie so schon mal vorstellen. Das wurde dann abgesegnet und wir konnten im Rundfunkstudio 16-spurig aufnehmen. Wir hatten übrigens auch einen sehr guten Tonmeister, das war Peter Nölle. Ein total ruhiger, sympathischer Mensch und er hatte Ohren, die tatsächlich alles hörten ... Das war herrlich (lacht ...)

Du sagtest gerade, Ihr seid sehr fleißig gewesen, was eigene Lieder und das Komponieren betrifft. Die Kompositionen - so steht es auch auf den Platten - kamen ja allesamt von Euch, da steht als Komponist überall der Name der Band. Wie habt Ihr die Lieder komponiert? In der Gruppe oder ist jeder einzeln für sich zu Hause im Kämmerlein gewesen und hat die Sachen hinterher für den Feinschliff mit in den Proberaum gebracht? Wie ist das abgelaufen?
Es war eher die zweite Variante, wir warfen im Prinzip unsere Ideen zusammen. Ich machte viel, aber auch Ralph Sternkopf oder später Günter Franz. Wir ergänzten uns, jeder machte seinen Teil dazu. Das war eine ganz schöne Zusammenarbeit und gute Sache.

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Die Texte kamen allerdings von außerhalb. Das erste Album wurde komplett von Kurt Demmler und Burkhard Lasch mit Texten versorgt. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit den beiden? Hat die Plattenfirma gesagt "Hier habt ihr einen Texter" oder habt Ihr sie Euch selbst gesucht?
Das organisierte unser damaliger Chef Emmerich Babernics. Er war öfter mal in Berlin und hat an den nötigen Türen die Türklinken nach unten gedrückt und machte dort sehr gute Managerarbeit. Er stellte die Verbindung zu den Textern her und die waren auch ziemlich angetan, das für uns zu machen.

Demmler war ein Profi, er konnte ja auf alles texten ...
Ja, der Mann war schon richtig gut.

Erst auf der zweiten Platte befinden sich Texte von Euch. Ich glaube, es sind zwei Stück, aber auch viele von anderen Textern. Diesmal auch von Gisela Steineckert. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit, auch wieder über Emmerich Babernics?
Ja, er knüpfte alle Kontakte und von daher gesehen war er tatsächlich der Mann, der die Fäden in der Hand hatte.

Nun sind zwei eigene Texte auf zwei LPs nicht die große Ausbeute, Ihr seid nicht die Texter, Ihr seid eher die Komponisten gewesen ...
Genau.

Wer hat sich denn von Euch an den beiden Texten versucht?
Das waren auch Gemeinschaftswerke der ganzen Band, wie bei den Kompositionen.

In Eurer Band-Bio steht unter anderem, dass die damals ganz junge Tina Daute bei Euch gespielt haben soll. Sie ist aber weder auf einer der beiden Platten in den Credits genannt, noch taucht sie auf irgendwelchen Fotos auf. Wann war sie denn Mitglied von dialog und wie lange?
Das war nicht so sehr lange, ich kann es Dir jetzt aber nicht sagen. Sie spielte auch Saxophon.

Hat sie Dich abgelöst am Saxophon?
Nein, ich machte das ja mehr oder weniger nur notgedrungen und war kein Saxophonist in dem Sinne. Ein paar Lieder drückte ich mir einfach drauf. Vorher hatte ich ein wenig Querflöte gespielt, das sind ziemlich ähnliche Griffe. Live ging das irgendwie immer, aber im Studio hat zum Beispiel Konrad Körner das Saxophon beim Song "Eigentlich" eingespielt. Das war ein Super-Solo, er spielte es einmal und es hatte gesessen. Er hatte es echt drauf und ich war völlig baff.

006 20210703 1341761788Tina Daute müsste dann ja Anfang der 80er Jahre kurzzeitig dabei gewesen sein, hinterließ aber keinen bleibenden Eindruck bei dialog ...
Es war eine schöne Zeit, für uns war es auch ganz interessant, gemeinsam mit einer Frau bzw. einem Mädel Musik zu machen. Und sie war ja auch sehr musikalisch.

Noch eine personelle Frage, der Name ist hier ja gerade auch schon gefallen: Zur ersten Besetzung gehörte auch Gitarrist und Sänger Ralph Sternkopf. Er lebt leider nicht mehr, wann und woran ist er gestorben?
Er hatte wohl Krebs, das müsste auch schon wieder elf Jahre her sein (der Musiker starb 2010, Anm. d. Red.). Es war eine gute Zeit mit ihm. Wir waren zum Beispiel auch mal im Jemen, das war ein Kulturaustausch über die FDJ. Dort kommt man ja nun eigentlich gar nicht hin und wer fährt schon zum Urlaubmachen in den Jemen? Süd-Jemen war damals sozialistisch geprägt und zu diesem Kulturaustausch fuhren wir mit und machten dort Musik. Auch das war ein super Erlebnis. Und da waren auch Ralph Sternkopf und unser Keyboarder Hans-Peter Schumann dabei.

Was habt Ihr dort erlebt?
Erst mal flogen wir mit einer viermotorigen Propellermaschine IL-18 nach dort, das allein war schon ein Abenteuer. In Kairo gab es eine Zwischenlandung, keiner durfte aussteigen. Unten standen sie mit Gewehren, die Maschine durfte lediglich aufgetankt werden. Da wurde uns schon etwas merkwürdig zumute. Im Jemen machten wir dann Musik in einer großen Halle. Da es dort fast nie regnet, war es - wenn auch relativ massiv - lediglich eine Wellblechhalle. Wir hatten eine kleine Anlage und ein paar Bass-Boxen dabei. Als Thilo beim Soundcheck das erste Mal auf die große Trommel trat, machte es "Bumm" und alle waren fürchterlich erschrocken, weil sie so etwas noch nie gehört hatten. Das faszinierendste jedoch war die unheimliche Musikalität der Menschen dort. Da spielte eine Band - Jemen Aden war ja eine alte britische Kronkolonie - und damit rechneten wir überhaupt nicht: Die Hauptinstrumente waren Saxophone, die ließen ein rhythmisches Ding ab, die Leute klatschten dazu, uns flog das Feuer um die Ohren und wir fragten uns: "Was wollen wir den Leuten denn jetzt vorspielen? Die sind ja dermaßen gut drauf ..."

Das hätte man vom Jemen nicht gedacht, oder?
Nein, das war irre. Später nach dieser Reise machten wir auch einen Song mit dem Titel "Aden". Es war ein Instrumental, welches mit jemenitischen Klängen angereichert wurde. Ich glaube, es wurde im Rundfunk produziert, erschien jedoch nicht auf einer Platte.

Nun machen wir einen zeitlichen Sprung ins Jahr 1982. Damals hatte das westdeutsche Label RCA eine Single mit zwei Songs von Euch veröffentlicht. Hattet Ihr als Band einen Einfluss darauf oder lief das zwischen AMIGA und RCA ohne Euer Zutun ab?
Das kann ich nicht genau sagen, wie das zustande kam. Wir wurden informiert und wir als Musiker hatten auch keine direkten Verbindungen. Das machte alles Emmerich Babernics, er war dann beim Zentralrat der FDJ und dort wurden diverse Dinge ausgehandelt. Als normal Sterblicher war es ja nicht möglich, mit RCA zu verhandeln und eine Platte zu machen.

Wann habt Ihr denn davon erfahren, dass es im Westen dieses Interesse an der Musik gab?
Wir durften ja sogar mal rüber fahren und machten dort eine kleine Tour, die in Hamburg startete. Das ging - glaube ich - über die Sozialistische Arbeiterjugend in Verbindung mit der FDJ. Das war keine kommerzielle Tour, sondern wir spielten dort bei einigen speziellen Veranstaltungen.

007 20210703 1726218841Kannst Du Dich noch daran erinnern, wie das war? Es war ja für viele Deiner Kollegen ein Traum, einmal in der Bundesrepublik auftreten zu dürfen ...
Das war super, die Leute waren sehr aufgeschlossen. Zum großen Teil waren es natürlich auch Linke, die nicht argwöhnisch auf Leute aus dem Osten guckten. Wir haben zum Beispiel ja auch im großen Jugendzentrum Wendisch Rietz am Scharmützelsee zum Internationalen Freundschaftslager gespielt. Dort hielten wir auch ein 14-tägige Probenlager ab und zum Abschluss machten wir dann eine Veranstaltung. Auch vor Rundfunkproduktionen probten wir meistens dort, um alles verfestigen und in Ruhe arbeiten zu können. Wir hatten also gute Möglichkeiten und Chancen, unsere Musik zu machen.

Wie viele Konzerte waren das denn im Westen, weißt Du das noch?
Es waren fünf Konzerte. Und dann waren wir noch mal in Luxemburg, dort gab es in Esch ein Jugendfestival. Auch das war Klasse. Das waren die Muggen, bei denen ich noch mit dabei war.

Wo Ihr auch teilgenommen habt, das war die Veranstaltung "Rock für den Frieden". Da gab es sogar eigens dafür geschriebene Lieder. Als ich letztes Jahr das Portrait von dialog veröffentlichte, gab es im Internet gleich Reaktionen wie "Ja, dialog, die linientreue Staatskapelle ..."
(lacht ...)

Du lachst ... Wie siehst Du das? War das so? Seid Ihr da unter dem Radar durchgerutscht, um vernünftig arbeiten zu können oder weist Du das strikt von Dir?
Sagen wir es mal so: Wir waren keine Revoluzzer, wir wollten unsere Musik machen. Die Texte wurden uns geschrieben, wir machten sie ja nicht selbst. Demmler zum Beispiel sagte: "Ich diskutiere nicht über den Text. Entweder ihr nehmt ihn oder nicht. Bumm, aus!" Was machst du denn dann? Du bist froh, dass Du einen solchen Texter hast, es funktioniert alles und dann fängst du nicht an zu diskutieren, sondern machst das dann. Ich meine, wir waren nicht aufmüpfig, wir haben unser Ding gemacht und wurden sicher auch durchgecheckt. Sonst hätten wir damals gar nicht rüber fahren dürfen. Wir waren ja auch viel im sozialistischen Ausland, u.a. auch mehrfach an der Erdgastrasse und spielten dort zu Weihnachten und Silvester für die Trassenbauer. Das war schon mal etwas Besonderes und es waren die Bewährungsproben für uns, als sie uns los schickten, weil gesehen werden sollte, wie wir uns dort verhalten. Das lief alles gut, es machte auch Spaß und wir haben was von der Welt gesehen. Das war schon interessant.

Ihr wart an der Trasse, Ihr wart in der BRD, Ihr wart im Jemen, Ihr seid also mit dialog reichlich rumgekommen. Gab es noch weitere Stationen, die sich bei Dir ins Gedächtnis gegraben haben, also interessante Orte, wo Ihr gespielt habt?
Das Interessanteste waren eigentlich die Veranstaltungen der Fan-Clubs, die wir hatten. Es gab in der Mühlhausener Ecke, in Altengottern, in der Senftenberger Ecke überall richtig straffe Fans von uns, das war echt super gewesen. Das war auch irgendwie das Schönste. Wenn wir dort spielten, gab es vorher Zeit, in der man sich zusammensetzte und nach der Mugge haben wir dann vielleicht sogar bei irgendjemandem übernachtet. Dabei lernte ich auch einen meinen besten Freunde kennen, Frank Witte. Wir sind jetzt noch wunderbar befreundet und das sind so die Dinge, die zwar nichts mit Ausland zu tun haben, sondern die mich persönlich vorwärts gebracht haben.

Die Antwort finde ich toll. Manch ein anderer Musiker hätte jetzt vielleicht gesagt "Cuba Klasse, Russland toll!" ... Und Du sagst einfach, dass es am schönsten war, wenn man bei den Fans die Klamotten auspacken und im Wohnzimmer übernachten konnte ...
Ja, wenn ich daran denke, bekomme ich eine Gänsehaut ...

008 20210703 19020499501986, der nächste Sprung, es kam die zweite LP ...
Ja, da war ich aber nicht mehr dabei.

Wann bist Du denn ausgestiegen und warum?
Ich stieg 1984 aus. Es gab Meinungsverschiedenheiten und - ohne in Details gehen zu wollen - ich beschloss, aufzuhören. Gleichzeitig mit mir hörte auch Klaus Mille, der damals unser Sänger war, auf. Das war Mitte 1984.

Ab 1984, so liest es sich in der Bandgeschichte, war bei dialog ziemlich viel im Umbruch und wohl viel auch in ein Durcheinander geraten. Hast Du das danach noch beobachtet oder war Dir das nach Deinem Ausstieg egal?
Ich weiß, dass sie noch mal in Cuba waren und das Album fertig gemacht hatten, ungefähr die Hälfte davon hatte ich selbst noch eingespielt. Dann konzentrierte ich mich aber auf neue Projekte.

Was hast Du denn nach dialog gemacht?
Ich machte weiter Musik. Es gab in Limbach-Oberfrohna eine Band namens BLOCK, bei denen spielte ich mit und ich war bei FORUM aktiv. Dort war auch unser ehemaliger Sänger Günter Franz dabei, es war eine Band aus Werdau. Später ging das jedoch auseinander. Ein Freund hatte sich einen C64, ein Keyboard und einen Drum-Computer gekauft und sagte plötzlich zu mir: "Pass auf, wie sieht's denn aus? Wir haben in 14 Tagen eine Mugge ..." (lacht ...) "Kannst Du mal ein paar Grundbänder spielen, zu denen ein Sänger singen kann? Und Du spielst Gitarre." Da machten wir dann also als Duo weiter. Ich steuerte den C64 mit einem MIDI-Programm an, hatte jedoch überhaupt keine Ahnung davon. So schloss ich mich in einem alten Kulturhaus ein und zauberte das ganze Ding irgendwie hin. Dann lief die erste Mugge und ich arbeitete eine ganze Zeit mit diesem Sänger und danach mit einer Sängerin.

Und wie hieß das Projekt?
Das eine hieß PROJEKT M - der Partner hieß Thomas Martin, also "M" wie Martin - und bei dem zweiten Projekt mit der Sängerin Ilona Meier weiß ich gar nicht mehr, wie wir uns genannt hatten. Das war auch nur eine kurze Zeit, aber wir kamen viel rum und es machte Laune. Wobei für mich diese Halbplayback-Geschichte nicht das Wahre war. Ich spielte zwar selbst dazu, aber eine Band ist eben eine Band ...

Es fühlte sich für Dich also nicht gut an ...
Nein, ich kniete mich dennoch voll hinein, nahm keine fertigen Produktionen, sondern spielte jeden Ton selbst dazu und von daher gesehen war es schon ganz interessant und ich lernte auch viel dazu, was Arrangements usw. betrifft.

Es klingt jetzt so, dass Du nach dem Ausstieg bei dialog musikalisch nicht mehr auf der ganz oberen Treppe unterwegs warst, sondern eher in kleineren Dimensionen musiziert hast ...
Ja, das ist richtig.

Hast Du das über die Wende hinaus gemacht oder suchtest Du Dir damals einen neuen Job?
Na ja, das war das große Problem. Die Wende war noch etwas schlimmer, als Corona jetzt. Innerhalb eines Monats war das Auftragsbuch leer, alles gecancelt, die Leute hatten andere Interessen, als eine DDR-Band zu hören. Sie fuhren in den Westen, kauften sich Videorecorder und sahen sich zu Hause Videos an. Das gab es ja vorher alles nicht. Nur die härtesten "Durchzieher", wie KARAT, PUHDYS, CITY, SILLY usw., die auch an guten Stellen in Zentren gearbeitet und gespielt haben, die hatten den langen Atem und zogen durch, was ich auch unheimlich gut finde. Aber in der Provinz war es eigentlich fast unmöglich. Mit den Jahren hatte es sich dann langsam wieder etwas gefestigt, aber nicht in der Form, die man sich gewünscht hätte.

009 20210703 1746548905Hast Du beruflich dann etwas anderes gemacht?
Ja, ja, ich machte allen üblichen Mist. Ich hatte ja mal Maurer gelernt. Während der Oberschule konnte man innerhalb von vier Jahren, also von der 9. bis zur 12. Klasse, sein Abitur und parallel seinen Facharbeiterbrief machen. Das war absolut super, ich war mit 18 Jahren fertig, hatte mein Abi und einen Facharbeiterbrief. Ein guter Freund von mir hatte nach der Wende ein Energiesparzentrum aufgemacht und meinte, ich als Maurer könne dort doch mitmachen. Da half ich ihm dann dabei. Also die ersten beiden Jahre nach der Wende waren völlig chaotisch und es ging nur ums Überleben. Dann ging ich - weil ich im Zeichnen recht gut war - nach Gera in eine Werbefirma und arbeite dort eineinhalb Jahre. Dort beschäftigte ich mich mit der Werbung und dann kaufte ich mir - wo ich jetzt wohne - ein Gebäude, hatte ein Tonstudio und machte Werbung. Das war 1992. Man wurschtelte sich eben so durch. Später, als die ersten nicht zahlenden Kunden auftauchten und ich ziemlich am Ende war mit meinem Latein, kam durch Zufall während einer Mugge jemand auf mich zu und fragte: "Anselm, kennst Du jemanden, der ein bisschen englisch, eine Tonanlage bedienen kann und einen LKW-Führerschein hat?" Darauf sagte ich: "Ja, was soll ich denn machen?" (lacht ...) Das war 2005 und aufgrund dieses Gesprächs fuhr ich drei Jahre mit einem Showtruck durch Europa. Das war total geil. Ich fuhr die ganzen Strecken mit einem 40-Tonner - einem MAGNUM. Der hatte eine ausfahrbare Bühne und ich klapperte alle EU-Länder mit ihm ab. Das ganze lief über eine Berliner Firma, die im Auftrag der europäischen Kommission eine Tour gegen Diskriminierung durchführte. Es war ein super Thema, hatte zwar nicht direkt etwas mit Musik zu tun, aber ich lernte dort wieder massig Leute kennen, fotografierte viel, das waren also drei Jahre lang Europa. Das war total geil.

Aber bevor Du auf diese "Europa-Tour" gegangen bist, gab es Anfang der 2000er Jahre noch mal ein kurzzeitiges Comeback von dialog ...
Ja, wir nannten das dialog II.

Dabei - wenn Du sagst, Ihr habt Euch in den 80er Jahren nicht mehr verstanden, seid auseinander gegangen - ist interessant, dass es dann ja wieder eine Annäherung gegeben haben muss. Wie kam es dazu?
Na ja, derjenige, mit dem ich mich nicht so verstanden hatte, war da ja nicht dabei (lacht ...) Wir waren noch in Verbindung und dachten, dass es schön wäre, so etwas zu machen. Es gab dann 2001 zum "Rockabend" in Crimmitschau einen Live-Mitschnitt und der war schön. Wir - Thilo Ferstl und Klaus Mille - verloren uns musikalisch eigentlich nie aus den Augen, auch lokal machten wir immer mal wieder etwas zusammen. Das war interessant.

Es gab Konzerte und Ihr veröffentlichtet eine Live-CD. Warum ging es nicht weiter?
(denkt nach ...) Es war die Nachwendezeit. Jeder hatte seinen Beruf und es war nicht wie früher, als wir gemeinsam an einem Strang zogen. Dadurch ging es nicht nur um die Musik und es ging wieder auseinander. Es waren Projekte, die leider nur kurze Zeit hielten, aber auch die waren schön ...

Wird es einen solchen Ausflug noch mal geben?
Sicher! Wir haben jetzt eine neue Band ... (lacht ...) Auch wieder mit Thilo Ferstl und es spielt der Keyboarder Jens Schmidt mit, der damals bei FORUM dabei war ..

Aber nicht unter dem Namen dialog III ...???
Nein, nein. Wir heißen OLD MATES BAND, also die alten Freunde, Matrosen oder Kameraden. Wir spielen ausschließlich Cover, aber die alle eben irgendwie etwas anders. Das macht wirklich Spaß. Thilo ist hier in Crimmitschau Theater-Manager und dort spielen wir immer mal. Die Leute - in unserer Altersklasse sowieso - kennen uns regional und das ist schön.

Seit wann macht Ihr das?
So ungefähr seit zwei, zweieinhalb Jahren. Durch Corona war natürlich erst mal Ruhe, aber am vergangenen Mittwoch probten wir zum ersten Mal wieder.

Nach der Corona-Zeit geht es also wieder auf die Bühne ...
Na klar!

Aber Du bist ja nicht nur Musiker und Maurer, sondern auch Gitarrenbauer. Seit wann machst Du das?
Die erste Gitarre baute ich 1977 oder 1978. Ich hatte eine Fender Stratocaster und wenn bei der mal eine Saite riss, brauchte ich ja eine Ersatzgitarre. Für diese Stratocaster hatte ich damals 3.000,00 Ostmark hingelegt und da dachte ich: "Nein, für eine gerissene Saite kaufst du dir jetzt keine neue, sondern versuchst mal, selbst etwas zu machen." Ich fuhr nach Klingenthal, nach Markneukirchen, und unterhielt mich mit Gitarrenbauern. Ein total guter und zu DDR-Zeiten bekannter Gitarrenbauer war Heinz Seifert, er baute richtig gute Gitarren und mit ihm traf ich mich ganz oft. Er erklärte mir alles, worauf man achten muss. Da ich ohnehin gern bastelte, war es für mich naheliegend, so etwas zu machen. Die erste Gitarre klappte auch gleich und da dachte ich, auch gleich die nächste zu bauen. Ich baute also die nächste, verkaufte die erste und so ging es weiter, bis ich in dieser Zeit 13 Gitarren gebaut hatte ...


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Entstand daraus eine Firma?
Es ist keine Firma in dem Sinne. Ich baute einige Gitarren, verkaufte nach der Wende keine, aber meine Besonderheit ist, Gitarren aus einem Stück Holz zu bauen. Also ganz ohne Leim, der Hals und der Körper sind ein Stück. Der einzige Leim kommt zum Einsatz, wenn der Stahlstab eingesetzt wird, um die Nut wieder zu schließen. Alle anderen verkaufte ich, weil diese Gitarren so klingen, wie ich es mir vorstelle. Darauf bin ich auch in wenig stolz.

010 20210703 1346073677Wie viele hast Du denn bisher gebaut? Ohne Firma wirst Du den Überblick ja bestimmt nicht verloren haben ...
Vor der Wende baute ich 13 Stück, unter ihnen auch eine doppelhalsige. Drei von ihnen habe ich noch. Eine sogar aus einem Stück! Ich hatte ein so geiles Stück Esche, welches keinen einzigen Riss hatte und schweinealt war. Das konnte ich nicht zerschneiden. Also zeichnete ich mir eine Form auf und baute die Gitarre dann. Dieses System verfeinerte ich dann, probierte herum und baute dann vier Stück. Das war 2004. Ich habe noch viel Holz hier liegen und da ich viel unterwegs war und keine Zeit hatte, denke ich, dass ich im nächsten Jahr wieder damit anfangen werde. Vielleicht wird auf meine alten Tagen ja noch eine Firma daraus ... (lacht ...)

Wer sind denn Deine Abnehmer gewesen, wer kaufte Deine Gitarren?
Das waren alles Musiker. Günter "Grete" Fischer von REFORM hatte eine von mir. Er lebt mittlerweile in Neuseeland und schrieb auch auf meiner Website eine wunderbare Rezension. Da freute ich mich und ich fühlte mich geehrt, weil er ein sehr guter Gitarrist ist und auch ein dufter Mensch. Ich werde mal sehen, was sich noch entwickeln wird.

Du bist Jahrgang 1951, bist Du noch berufstätig oder schon "Privatier"?
Ich bin schon fünf Jahre Rentner, aber ich fahre noch LKW - also einen Sprinter - für einen Freund, bei dem ich ein oder zwei Mal in der Woche aushelfe. Also berufstätig in dem Sinne bin ich nicht mehr.

Hast Du noch einen Blick auf die ehemalige DDR-Musikszene, in der Du ja fester Bestandteil warst, und beobachtest, was die Kollegen heute so machen?
Nein, das erscheint mir nicht so interessant. Regional gibt es hier eine sehr schöne Kneipe, den "Bergkeller" in Reichenbach. Mit deren Betreiber, Uwe Treitinger, bin ich sehr gut befreundet und das ist im Prinzip mein Bezug zur Musik hier in der Ecke. Dort hat man auch mit internationalen Leuten zu tun. Ich mache die Musik mit unserer neuen Band gern, aber das ganze Drumherum ist für mich nicht wirklich von Interesse. Ich will beim Musikmachen meinen Spaß haben. Was sich ergibt, ergibt sich und wenn nicht, dann nicht.

Da wünsche ich Dir auf jeden Fall viel Spaß bei Deiner Beschäftigung mit der Musik, egal, in welche Richtung es geht und bedanke mich herzlich für Deine Zeit und Deine Antworten.
Danke, danke!



Interview: Christian Reder
Bearbeitung: MB
Fotos: Privatarchiv Anselm Riess, Herbert Schulze, Pressematerial Dialog, pixabay







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