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Interview vom 07. August 2017



"Sie ist eine von jenen noch jungen Künstlern, die mich mit ein paar gesungenen Zeilen mitten ins Herzen treffen und meine Gefühle binnen Bruchteilen von Sekunden aufwirbeln." Mit diesen Worten eröffnete unser Kollege Hartmut seinen Konzertbericht über die Magdeburger Mugge von Sarah Lesch im Mai 2017. Diese Begeisterung für die Künstlerin und ihre Musik teilen inzwischen sehr viele Menschen, und auch die Auszeichnung von Sarah Lesch mit dem Panikpreis im vergangenen Jahr macht deutlich, welch Potential in der jungen Frau steckt.001 20170809 1501459790 Sie verwandelt Gefühle und tiefgehende Gedanken in Text und Musik, und berührt damit die Seelen ihrer Zuhörer. Das sticht aus der Masse der Solisten und Bands heraus, die uns wöchentlich mit unzähligen Produktionen versorgen. Am Freitag (11.08.2017) erscheint mit "Da draußen" Sarahs drittes Studioalbum und unser Kollege Christian hatte kurz vorher die Gelegenheit, mit der Liedermacherin ein längeres Gespräch darüber und über ihren bisherigen Werdegang zu führen ...




Hallo Sarah, Du kommst aus einer musikalischen Familie, denn auch Dein Papa ist Musiker. Ich habe gelesen, er war bei AMOR & DIE KIDS. Wer ist denn Dein Vater?
Das ist Ralf Kruse. Ich glaube, er hat in der Band Geige gespielt. Ganz sicher bin ich mir da allerdings nicht, denn das war ja alles deutlich vor meiner Zeit. Natürlich habe ich auch schon Konzerte von ihm gesehen, aber da war ich noch sehr klein. Als Musiker wahrgenommen habe ich ihn erst nach der Wende. Da gingen bekanntlich die Plattenfirmen pleite und man empfahl den Jungs, macht doch einfach mit Schlager weiter. Und so lernte ich meinen Vater eher als Schlagermusiker kennen.

Macht er heute noch Musik?
Ja. Allerdings war das mit dem Schlager so eine Sache. Die hatten nämlich richtig krassen Erfolg mit der Schlagermusik, was ihm aber überhaupt nicht zusagte. Deshalb warf er irgendwann alles hin und wurde wieder Elektriker. Seitdem macht er nur noch in seiner Freizeit Musik.

Wie hieß denn diese Schlagerband?
Das war das ORIGINAL ERZGEBIRGS-DUO.

War es Dein Vater, der Dich der Musik näher gebracht hat oder wie hast Du die Liebe zur Verbindung von Noten und Texten entdeckt?
Also mit Noten habe ich bis heute nichts am Hut. Natürlich denke ich, dass mein Vater einen großen Teil dazu beigetragen hat, auch wenn ich das zunächst wohl gar nicht so bewusst gespürt habe. Aber es ist nun mal so, dass unsere Familien, in denen wir aufwachsen, uns auch irgendwie prägen. In meiner Familie mütterlicherseits ist wiederum keiner besonders künstlerisch veranlagt, also kommt es wohl doch eher von meinem Vater. Ich kannte ihn aber nur aus dem Fernsehen und von Konzerten, die ich von ihm gesehen habe. Vermutlich ist es so, dass in einem Kind der Gedanke wächst, wenn mein Papa das kann, dann kann ich das auch. Geträumt habe ich seitdem immer davon, aber bis ich mir vorstellen konnte, das auch tatsächlich in die Tat umzusetzen, das hat noch ganz lange gedauert. Ich dachte halt immer, ich müsse erst mal etwas "Richtiges" lernen.

002 20170809 1821749009Kannst Du Dich noch an eines der ersten Lieder erinnern, die Dich berührt haben? Oder anders gefragt: gibt es einen Song, der Dein Interesse für Musik besonders geweckt hat?
(überlegt ...) Zumindest kann ich sagen, welcher Song mich zur Liedermacherei gelenkt hat. Es gibt einen Liedermacher mit Namen Gerhard Schöne. Der ist hauptsächlich in der ehemaligen DDR bekannt, schreibt wunderschöne Lieder, vor allem auch für Kinder. Sein Lied "Jule wäscht sich nie" dürften viele kennen. Später dann, als ich so neunzehn, zwanzig war, meine Erzieherin-Ausbildung gemacht habe und ein Kind bekam, begegnete mir Gerhard Schöne wieder. Es gibt nämlich einen Song von ihm, der heißt "Wellensittiche und Spatzen". Dieses Lied hatte mich so krass in meinem Empfinden getroffen, dass ich mich beim Hören immer irgendwie sonderbar gefühlt habe und mir dann gesagt habe, so schöne Texte möchte ich auch schreiben. Texte, die einen gleichzeitig weinen und lachen lassen.

Du hast gerade gesagt, dass Du mit Noten nichts am Hut hast. Hast Du in Deiner Kindheit oder Jugend denn Musikunterricht bekommen oder bist Du ein Autodidakt?
Ich hatte in der Schule natürlich Musikunterricht, bin aber ansonsten wirklich ein absoluter Autodidakt. Meine Musiklehrerin mochte mich jedenfalls nicht besonders, weil ich das einzige Kind in der Klasse ohne Geigen- oder Klavierunterricht war. Ich stammte aus einer Ossi-Arbeiterfamilie und war jetzt in einem schwäbischen Dorf auf dem Elitegymnasium. Also der Musikunterricht in der Schule erzeugte bei mir immer das Gefühl, die anderen können das alle, nur ich nicht. Viel später erst begann ich damit, mir alles selber beizubringen. Ich machte vieles nach Gefühl, mache das auch heute noch und finde das gar nicht verkehrt. Wenn man manchmal Umwege geht, dabei spannende Sachen schreibt und gar nicht wusste, dass es irgendwelche Regeln gibt, dann ist das schon toll.

003 20170809 1782548050Spielst Du außer Gitarre noch ein anderes Instrument?
Ich spiele Ukulele und neuerdings auch ein bisschen Mundharmonika. Melodika geht auch gerade noch, aber das war es dann auch schon. Ansonsten mal dieses und mal jenes, wir tauschen ja auch in der Band gerne mal die Instrumente durch. Ach ja, ich habe früher als Teenager sogar mal Bass in einer Punkband gespielt.

Wann hast Du denn das erste Mal vor Publikum Musik gemacht? War das vielleicht mit dieser Punkband?
Nein, das war noch früher. Ich hatte in meiner Stadt früher eine Lieblingsdisko und in dieser gab es oft einen Karaoke-Contest. Da machte ich mal mit und sang von Bob Marley "Redemption Song". Das reichte immerhin für den zweiten Platz. Oder war es sogar der erste Platz? Ich weiß es nicht mehr. Auf jeden Fall war das mein erstes Mal vor Publikum und es war sehr aufregend für mich, vor den Leuten zu singen, mit denen man Abends eigentlich zusammen ausgeht.

Ich habe gelesen, dass Du von 2009 bis 2013 als Kindergärtnerin gearbeitet hast. War das der Beruf, den Du nach der Schule erlernt hast oder gab es da noch was anderes?
Nach der Schule habe ich den Erzieherberuf gelernt. In Baden-Württemberg sind das vier Jahre, wovon man die ersten drei Jahre Schule hat und auch keinen Pfennig Geld bekommt. In dieser Zeit bekam ich meinen Sohn. Nach diesen drei Jahren und einem folgenden sogenannten Anerkennungsjahr merkte ich dann, das passt alles nicht, denn ich wollte gerne noch ein bisschen Zeit mit meinem Sohn verbringen, bevor er älter wird. Also machte ich ganz viele andere Jobs. Es war ohnehin schwierig auf der Erzieherschule, denn so viel Verständnis dafür, dass ich meinen Sohn in die Krippe bringe, hatte man dort auch nicht. Dass eine Mama nach der Geburt nicht zuhause bleibt, sondern ihre Ausbildung weiter macht, ist im Schwabenland nicht so angesagt wie z.B. im Osten.004 20170809 1820319784 Deshalb habe ich damit erst einmal aufgehört und stattdessen Theatermusiken gemacht, mit Jugendlichen gearbeitet, ich war Putzfrau, ich habe bedient, im Casino gearbeitet, also ich machte wirklich alles Mögliche. Aber nebenbei habe ich immer zuhause Musik gemacht und natürlich meinen Sohn versorgt. Und als ich eines Tages dann spürte, die Musik könnte mal mein Hauptberuf werden, erst dann habe ich meine Erzieherausbildung fertig gemacht. Ich habe aber noch eine weitere Ausbildung gemacht, und zwar zur Kosmetikerin. Das war auch eine tolle Zeit.

Du sagtest es eben, aus Deiner Feder stammt auch viel Musik für Kindertheaterstücke. Sind diese Stücke genau in dieser Zeit entstanden, die Du angesprochen hast?
Ja genau. Die entstanden in der Zeit, als mein Sohn noch ganz klein war. Mein damaliger Freund war auch Regisseur am Kinder- und Jugendtheater und schrieb sogar selber Stücke. Letztlich schafften es manche Lieder aber gar nicht in die Theaterstücke, doch es ging ja in erster Linie darum, dass man sich selber aufbaut durch diese Arbeit. So kam ich jedenfalls ans Theater.

In diese Zeit hinein, nämlich ins Jahr 2012, fiel auch Dein Debütalbum mit dem Titel "Lieder aus der schmutzigen Küche". Wie ist diese Platte entstanden, was ist darauf zu hören?
Da sind meine allerersten Lieder drauf, die ich geschrieben habe. Manche Musiker schreiben ja erst viele verschieden Songs, ehe sie daraus ein Album werden lassen. Bei mir war es genau umgekehrt, ich habe gleich meine ersten Lieder auf das Album gepackt. Dafür geniere ich mich heute schon ein bisschen, weil ich beim Hören manchmal denke: "Oh Gott ...". Aber trotzdem hören die Leute gerade dieses Album besonders gerne. Verrückterweise ist es entstanden, weil meine Großmutter, die ich sehr geliebt habe, leider sehr jung und ganz plötzlich gestorben ist.005 20170809 1113795012 Ich war danach ziemlich aufgelöst und dachte mir, das muss ich jetzt in einem Album verarbeiten. Komisch ist, dass da trotzdem sehr fröhliche Songs drauf sind und das Album überhaupt kein bisschen schwermütig klingt. Die "schmutzige Küche" kam daher, dass alle meine Freunde Abi machten oder im Ausland waren, während ich zuhause war. Wenn mein Sohn dann am Abend im Bett lag, saß ich ganz allein in meiner Küche und hatte Sehnsucht nach der Freiheit, nach dem Leben, nach Ausgehen usw. Irgendwann fing ich dann an Lieder zu schreiben und die auf youtube hochzuladen. Damals hatte ich so eine Art Produzenten, der immer meinte, man müsse die Lieder in einem Studio aufnehmen und nicht zuhause in der Küche, da wäre doch der Sound viel zu schmutzig. Deshalb nannte ich meinen youtube-Kanal einfach "Lieder aus der schmutzigen Küche". Und wie man sieht, hat es funktioniert!

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an Interview von Dir, welches aus dem Jahr 2012 stammt. Da erzähltest Du schon, dass Du alle Deine Lieder tatsächlich in der Küche schreibst. Hat sich das inzwischen verändert oder ist Dein Arbeitsplatz immer noch zwischen Brotkorb und Kaffeemaschine?
Ja, da befindet sich mein Arbeitsplatz wirklich noch sehr oft, teilweise auch in fremden Küchen, weil ich sehr viel unterwegs bin. Endlich habe ich auch meine Traumwohnung gefunden, in die ich gerade einziehe. Und diese Wohnung hat eine riesengroße offene Küche. Eigentlich ist dort nur diese riesige Küche und sonst nichts außer noch einem Schlafzimmer. Wenn ich könnte, würde ich immer alles nur in der Küche machen, ich würde sogar in der Küche schlafen. Für mich ist die Küche ein wunderbarer Lebensraum, der mich wahnsinnig inspiriert. Dieses ganz einfache, erdige Alltagsleben ist mich für der beste Nährboden, um gute Songs zu schreiben.

In der Küche fließen die Ideen also regelrecht aus Dir heraus ...
Genau. Wenn ich zwischendurch irgendwelche aufregenden Dinge erlebe, staut sich vieles an, was ich in meinem Kopf sammle und dann zu Liedern verarbeite.

Nun hattest Du Dein erstes Album und Du hast Deinen Job an den Nagel gehangen. Wie war für Dich die erste Zeit als professionelle Musikerin? Wie hat der Wechsel von der Erzieherin zur Musikerin Dein Leben verändert?
Das war eine wahnsinnig tolle Zeit, weil ich früher immer dachte, dass sich das Arbeiten richtig anstrengend anfühlen müsste. Ich dachte, am Anfang ist bestimmt alles sehr schön und aufregend, aber dann hat man auch schnell das Gefühl: "Oooch nee, schon wieder Montag ..." Und man hat keine richtige Lust mehr, hat irgendwie Blei in den Füßen und muss sich echt aufraffen.006 20170809 1140548432 Als ich mit der professionellen Musik anfing, hatte ich das wunderbare Gefühl, nicht mehr zu arbeiten, sondern endlich zu leben! Und zwar jeden einzelnen Tag so zu leben, wie ich es will. Ich konnte endlich für mein Projekt da sein, konnte spüren, das habe ich alles selber geschafft und gemacht, konnte auch mal ungestört bis in die Nacht hinein arbeiten. Es war ganz, ganz toll zu sehen, dass man so etwas auch ganz allein schaffen kann. Natürlich hatte ich von außen auch Unterstützung, aber das meiste habe ich tatsächlich alleine gestemmt. Zum Beispiel das Booking, das Autofahren zu den Auftritten und den ganzen anderen Kram. Das alles war eine spannende Zeit, hat aber mein Leben auch sehr verändert. Ich bekam mehr Selbstvertrauen. Vorher sagten mir die Leute immer wieder, das funktioniert nicht, davon kann man nicht leben. Plötzlich sah ich, es geht ja doch! Ich wusste, mein Gefühl war richtig, ich selber habe vieles richtig gemacht. Das hat viel mit mir gemacht. Noch heute ist alles unheimlich aufregend.

Bist Du damals allein aufgetreten oder gab es schon Musiker, die Dich begleitet haben?
Ja, es gab schon relativ früh Musiker, die mich begleitet haben. Ich habe ja in Tübingen gewohnt, da war auch meine schmutzige Küche. Im Kindergarten meines Sohnes waren dann auch noch andere Eltern, die Musik gemacht haben. Zum Beispiel hatte ich dadurch einen tollen Bassisten und eine Cellistin, mit denen ich viel zusammen aufgetreten bin. Später, als ich mich selbstständig gemacht habe und viel rumgetourt bin, hatte ich einen Gitarristen, der auch viel am zweiten Album mitgearbeitet hat. Ich hatte also sehr oft jemanden dabei. Aber die meisten Gigs habe ich alleine gespielt. Das lag daran, dass die natürlich nicht immer mit mir mitfahren konnten, denn die hatten ja alle noch einen Hauptberuf.

Du firmierst übrigens auch unter Namen Chansonedde. Woher kommt dieser Name? Ist das Deine Wortschöpfung?
Nein, das kommt nicht von mir. Es ist so, dass ein Teil meiner Familie in Mecklenburg-Vorpommern an der Ostsee lebt. Dort gab es mal ein Benefiz-Festival von meinem Ex-Schwiegerpapa, dem Kapitän Stefan Schmidt, über den ich auch einen Song geschrieben habe. Das waren sozusagen meine Anfänge, denn die Familie hat mich quasi auf die Bühne gezerrt und gesagt: "Nun komm, mach doch mal!" Und immer, wenn das Konzert für das nächste Jahr angekündigt wurde, fragten die Leute: "Na, kommt denn die kleine Chansonedde auch wieder?" So kam ich zu diesem Namen, den ich aber eigentlich nicht mehr verwende.

007 20170809 1720830298Vor knapp zwei Jahren hast Du mit "Von Musen und Matrosen" Dein zweites Album veröffentlicht. Wo liegen für Dich persönlich inhaltlich und musikalisch die größten Unterschiede zwischen dem ersten und dem zweiten Album? Mal abgesehen davon, dass auf der einen Platte eher Demoversionen drauf sind, die andere aber wohl eher im Studio entstanden ist.
Letztlich sind alle drei Alben, die ich bisher gemacht habe, im Studio entstanden. Auch das erste, nur sind das halt meine ersten Songs gewesen. Grundsätzlich gibt es gar keine so großen Unterschiede. Der inhaltliche Unterschied ergibt sich schon daraus, dass ich chronologisch aus meinem Leben erzähle. Ansonsten sind auf der zweiten Platte mehr Musiker dabei, die dann auch mit mir auf der Bühne gestanden haben. Ich wusste auch schon genau, was ich wie haben will, welches Lied wie gespielt werden soll, z.B. bei dem Song will ich nur mit der Cellistin zusammen spielen. Auch war das zweite Album über Crowdfunding finanziert und klang deutlich ausgereifter. Eben genau so, wie es klingen sollte. Beim ersten Album habe ich, wie vorhin schon gesagt, hingegen meistens allein live gespielt. Manchmal kamen dann aber auch ganz liebe Theatermusiker vorbei und unterstützten mich. Dazu kommt, dass ich auf dem zweiten Album meinen eigenen Stil entwickeln konnte. Man hört da mehr mein "Ich". Auch die Themen in den Texten sind vielfältiger geworden. Es geht um Sehnsüchte, Freundschaft, um das Leben an sich, um den Alltag und solche Dinge. Auf der Debütplatte hört man dagegen noch ziemlich genau heraus, wer mich da beeinflusst hat.

Auf der zweiten Platte ist ja auch der Song "Testament" drauf. Ein Lied, welches Du für Deinen Sohn geschrieben hat, das aber inhaltlich ziemlich schwere Kost ist. Wie bist Du auf diese Nummer gekommen? In welchen Moment fällt einem so ein Lied ein?
Das ist wirklich das Lied, an dem ich in mir drin am längsten gearbeitet habe, weil es sich anfühlt, als würde ich dieses Lied schreiben, seit ich klein bin. Auch als ich dann wusste, es würde für mich in die und die Richtung gehen, hat es immer noch mal drei Jahre gedauert, bis ich mich endlich hingesetzt habe und mit dem Schreiben von Strophen begann. Der ausschlaggebende Punkt, dass ich Worte dafür gefunden habe, passierte in der Zeit, als das Album entstand und ich eng mit Henry Schwegler, dem Gitarristen, von dem ich vorhin erzählt habe, zusammengearbeitet habe. Es war eine sehr tiefe Musikerliebe zwischen uns, wir hatten viele gemeinsame Erlebnisse in dieser Zeit. Henry ist ein sehr freigeistiger Mensch und seine Lieder haben mich dazu gebracht zu verstehen, dass meine Gefühle stimmen, dass ich nicht alleine bin. Manchmal braucht man eben so ein Feedback. Das ist ungefähr so, als wenn du jemanden küsst und du merkst, der denkt und fühlt genauso.

008 20170809 1061374815Nun erreicht man natürlich mit so einem Song nicht nur die Leute, die man auch erreichen will. Das war bei Dir leider auch so. Du hast aber umgehend ein Statement abgegeben, in dem Du Dich klar von rechtem Gedankengut distanziert hast. War das für Dich in diesem Moment wichtig oder meinst Du, dass man das auch durchaus mal ohne Anlass tun sollte?
Ja, das war mir in dem Moment wirklich ganz wichtig. Als ich davon erfuhr, reagierte ich sehr emotional und wusste, ich muss sofort etwas dazu sagen und Stellung beziehen. Im Radio meinte nämlich ein Moderator, er spielt den Song nicht, weil der irgendwie rechts wäre. Darüber war ich ziemlich erschrocken und reagierte mit einem Stinkefingerfoto. Und zum anderen Teil Deiner Frage: Ja, ich finde, man sollte sich hin und wieder mal positionieren, wenn man eine Person ist, die in der Öffentlichkeit steht. Wichtig ist dabei für mich aber, dass man nicht den Menschen verurteilt, sondern nur eine bestimmte Meinung oder ein bestimmtes Gedankengut. Weißt Du, was ich meine? Wenn ich nämlich sage, "Ihr seid doof, Ihr seid Scheiße, Ihr dürft mein Lied nicht gut finden", ist das der falsche Weg. Natürlich gibt es auch immer mal Überschneidungen. Aber viel interessanter finde ich, wenn man miteinander ins Gespräch kommt und sich gegenseitig fragen kann: "Was ist eigentlich mit Dir los? Hast Du Dir jetzt ein Feindbild gesucht?"

Stimmt es, dass Du damals auch rechtliche Schritte eingeleitet hast?
Das stimmt. Es ist doch so, wenn jemand einfach mein Content klaut, muss ich was dagegen tun. Wir leben in einer Zeit, wo jeder in der Lage ist, des anderen Musik zu rauben. Dasselbe gilt auch für Filme usw. Gerade für uns in der Musikbranche ist das besonders schwierig, denn für vieles, was von uns veröffentlicht wird, kriegen wir keine Kohle, sondern das wird als ganz selbstverständlich angesehen. Die Musik wird einfach hochgeladen. Das ist natürlich verboten, und zwar für alle.

Der Song "Testament" hat Dir aber auch durchaus positive Erlebnisse beschert. Unter anderem hast Du damit im letzten Jahr den in Wien ausgetragenen Protestsong-Contest und beim Hermann-Hesse-Festival in Calw den Panikpreis von Udo Lindenberg gewonnen. Was bedeuten Dir diese Auszeichnungen?
Das ist natürlich bei jedem Preis unterschiedlich und hat sich jeweils anders angefühlt. Beim Contest in Wien hatte ich z.B. überhaupt keine Ahnung, wie krass die Reichweite dieses Senders war. Ich fuhr dahin und dachte mir, das wird bestimmt ganz lustig. Irgendwie hatte ich auch gar nicht gecheckt, dass ich gewonnen hatte. Plötzlich musste ich wieder auf die Bühne und dachte: "Häh? Was ist denn jetzt passiert?" Das hat mich total überwältigt, denn nie im Leben hatte ich damit gerechnet.009 20170809 1555821573 Auch hatte ich nie geglaubt, mit so einem Song jemals ins Radio zu kommen. Im Nachhinein empfinde ich es als Wahnsinn, was dann auf mich zukam an Liebe, an Zustimmung von den Menschen, die das Lied gehört haben. Das alles hat mir sehr viel gegeben. Aber auch der Panikpreis war für mich etwas Besonderes. Ich bin ja bekanntlich Autodidakt. In unserer Gesellschaft aber zählt ja eigentlich immer nur die Leistung und wenn Du etwas Ordentliches gelernt hast, bekommst Du ein Papier, wo das draufsteht. Und deswegen ist man als Autodidakt immer etwas schüchtern, weil man denkt, man kann das eigentlich gar nicht richtig, aber in Wahrheit ist das totaler Blödsinn. Da saß ich dann in der Pop-Akademie vor dieser Jury mit Leuten, die wirklich echt viel Ahnung haben von Musik. Und die sagen mir plötzlich: "Hey, das was Du da machst, ist super!" Durch dieses tolle Feedback von diesen Leuten merkt man auf einmal auch, was man alles gelernt hat und richtig gemacht hat, ohne dass es einem vorher jemand erklärt hat. Für mich war das unbeschreiblich schön und wichtig, mal abgesehen davon, dass auch die Leute dort alle richtig nett waren. Und dann dieser Auftritt mit Udo Lindenberg! Man steht auf der Seitenbühne und schaut zu, wie er seine Songs singt und schlagartig wird Dir klar, wie sehr Dich dieser Musiker eigentlich geprägt hat. Mir wurde wirklich erst in diesen Momenten klar, wie viel von Udo eigentlich in mir und in meinem Herzen steckt. Das war schon ein ganz besonderes Gefühl.

Es gab also auch einen direkten Kontakt mit Udo?
Ja, den gab es. Natürlich nicht in der Form, dass man jetzt drei Nächte lang zusammen in der Kneipe sitzt. Nein, wir haben Udo am Tag unseres Auftritts kennengelernt.

Es war ein spannendes Jahr für Dich, denn Du warst ja auch mit Deinem neuen Album beschäftigt, welches "Da draußen" heißt. Wie lange hast Du insgesamt gebraucht, um Dein drittes Album fertigzustellen?
Wenn man davon ausgeht, wann ich mit dem Schreiben des ersten Songs begonnen habe, dann waren es zwei Jahre.

Du hast also nach dem Erscheinen des zweiten Albums nahtlos mit der Arbeit an der dritten Scheibe weitergemacht?
Ja, irgendwie schon, denn eigentlich schreibe ich immer und überall. Ich verliere meine Melodien und Texte quasi im Vorbeigehen. Ich muss schreiben, das ist für mich wie atmen.

010 20170809 1941086654Dann brauche ich Dir die Frage, wie Deine Lieder entstehen, eigentlich gar nicht zu stellen, wenn Dir die Ideen dazu einfach so aus der Tasche fallen?
Naja, das Schreiben von Lieder ist für mich so wie für andere das Tagebuch schreiben. Es gibt ja viele Dinge, für die ich im Alltag keine Worte finde. Zum Beispiel bei Gefühlen, die so schmerzhaft sind, dass ich einfach nicht weiß, wie ich sie ausdrücken soll. Oder Beziehungen, in denen Du nicht mehr miteinander sprechen kannst, weil alles total konfliktverhärtet ist. Wenn so etwas passiert, finde ich dafür zunächst zwar keine Worte, aber ich kann darüber ein Lied machen. Und genau das passiert mir sehr oft und so entstehen viele meiner Lieder.

Du startest das Album mit dem Lied, welches dem Album seinen Namen gibt und gleichzeitig auch Ohrwurmcharakter hat. Verlierst Du wirklich die Angst, wenn Du singst? Ist das eine Art Rezept?
Das ist tatsächlich ein Rezept. Und auf dem Album finden sich viele weitere Lieder, die sich damit beschäftigen und die ich geschrieben habe, um mir selber Mut zu machen. "Reise Reise Räuberleiter" zum Beispiel habe ich geschrieben, als es für mich darum ging, den Job hinzuschmeißen und Liedermacherin zu werden. Oder nimm "Eine Geschichte vom Pferd". Das schrieb ich mir, um mir zu sagen, "Du musst jetzt alleine weitergehen und es alleine schaffen, auch wenn Du eigentlich ganz viel Angst davor hast." Deswegen sind die Musik und die Kreativität an sich absolut ein Rezept. Beim Singen ist es mir dann ganz egal, wie es mir geht. Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich wie ein Kind, das Bilder malt. Ich vergesse dann einfach die Zeit und weiß nicht mehr, wo vorne, hinten, morgen oder gestern ist.

Du spielst auch sehr viel mit Deiner Stimme und baust sie als zusätzliches Instrument in die Arrangements ein. Das sagt man zwar häufig über jemanden, der eine gute Stimme hat, aber bei Dir trifft das wirklich zu. Ist das für Dich ein wichtiges Stilmittel, um Dich ausdrücken zu können oder kommt das völlig natürlich aus Dir heraus?
Ich mache es einfach, das ist rein intuitiv und ich denke da gar nicht drüber nach. Ich habe mich recht früh damit abgefunden, "nicht singen" zu können, weil mir viele Leute anfangs sagten, die beste Sängerin wäre ich ja nicht gerade. Ich habe es trotzdem gemacht, weil es mir einfach gefällt und Spaß macht. Genauso ist es auch heute noch. Ich denke, so wie es sich anfühlt, ist es auch gut.

011 20170809 1343933341Ich möchte an dieser Stelle weder dem interessierten Leser die Spannung auf die neue Platte nehmen noch meinem Kollegen Gerd vorgreifen, der Dein Album rezensieren wird. Aber vielleicht erzählst Du uns selbst ein bisschen was über das Album. Du hast ja schon erwähnt, dass es ums Mut machen geht. Welche Themen hast Du noch angefasst und wie hast Du sie in Szene gesetzt?
Das Ausbrechen aus dem Alltag und das Thema Sehnsucht spielen ebenfalls eine große Rolle. Aber das begleitet mich ja schon ewig, dieses Gefühl, ich müsste noch so vieles machen, verschwende meine Zeit aber oft mit Dingen, die nicht wichtig sind. Letztlich begegnet man sich immer selber, egal, wo man hinkommt. Man denkt auch oft, die Menschen um einen herum sind schuld an irgendeinem Zustand, aber das ist ja gar nicht so. Man rennt viel mehr immer wieder von selbst in immer dieselben Situationen und merkt plötzlich, man selber ist das faule Ei. Um diese Dinge geht es auf dem Album. Natürlich geht es auch um die Liebe. Wenn man dreißig ist, verändert sich die Art, wie man liebt. Man ist viel misstrauischer, denn man hat schon ein paar Narben auf der Seele. Man ist aber auch abgeklärter und dadurch fehlt auch ein bisschen die Leichtigkeit. In der "Ballade von Frei Johnny" geht es zum Beispiel darum, dass man Angst hat, sich aufeinander einzulassen. Das Lied ist sehr an den Stil von Brecht/Weill angelehnt und wird sehr theatral erzählt. Ein anderer Song, nämlich "September", beschäftigt sich damit, wenn es in einer neuen Beziehung erstmals schwierig wird zwischen den beiden, weil plötzlich der schöne Schein weg ist und der Alltag Einzug hält. Es geht in dem Song auch um die vielen Optionen, die man in der Liebe hat, wenn man z.B. an Patchwork oder offene Beziehungen denkt. Was heißt eigentlich Liebe und warum steht alles in Frage, wenn ich noch jemand anderes liebe? Mit all diesen Fragen beschäftigt sich "September".

Du machst ja unter anderem etwas, was andere Künstler Deiner Generation völlig aus den Augen verloren haben, nämlich die Leute für kritische und politische Themen zu sensibilisieren. Deine Lieder haben Inhalte, Botschaften und immer klare Meinungen. Was hat Dich dazu gebracht, diesen Weg zu gehen und nicht den "Bravo"- oder "DSDS"-gepflasterten Weg ohne Stolpersteine zu nehmen?
Dazu haben mich vor allem meine Vorbilder bewogen. Das sind hauptsächlich klassische Liedermacher wie Gerhard Schöne oder Wenzel, Reinhard Mey, Funny van Dannen, um nur einige zu nennen. Das sind meine Anstoßgeber. So wie diese Leute wollte ich sein, so möchte ich schreiben. Ich wusste, wenn ich wirklich irgendwann mal ernsthaft Musik mache, dann möchte ich wahre Geschichten erzählen. Für mich war immer klar, ich könnte niemals ein Lied schreiben, damit Leute es schön finden. Ich habe begonnen Musik zu machen, um endlich sagen zu können, was für mich die Wahrheit ist. Selbst wenn es manchmal nach Rotz und Scheiße riecht und nicht immer nur schön ist.

012 20170809 1725446867Das wäre meine nächste Frage, denn wir wissen ja, dass heutzutage die Wahrheit nicht immer und überall gerne gehört wird. Rechnest Du Dir mit den Inhalten Deiner Lieder überhaupt mal die Chance aus, im Formatradio gesendet zu werden oder in eine TV-Show zur besten Sendezeit eingeladen zu werden? Du könntest ja mit Deinen Liedern die heile Welt stören ...
(lacht) Natürlich hoffe ich darauf, aber wenn es nicht passiert, ist es auch okay. Vorstellen könnte ich es mir auf jeden Fall. Bei "Testament" zum Beispiel habe ich gemerkt, ich habe da einen bestimmten Punkt getroffen. Und ab diesem Zeitpunkt ist völlig egal, ob es in irgendein Format passt. Wenn ganz viele Leute sagen, das berührt mich, dann ist nur das entscheidend. Gerade in der heutigen Gesellschaft fühlen sich die Leute ganz oft regelrecht verarscht. Sie haben das Gefühl, immer nur irgendeine Scheinwelt verkauft zu bekommen. Bei dem Album, welches ich per Crowdfunding gemacht habe, merkte ich ganz deutlich, dass die Leute es deshalb unterstützen, weil es kein Produkt ist, welches zehn Leute erdacht haben, die wissen, wie Marketing funktioniert, sondern weil es ein Produkt war, das echt ist und Wahrheiten beschreibt. Auf so etwas haben die Leute Bock. Und deshalb kann ich mir vorstellen, dass es vielleicht doch eines Tages klappt mit meinen Songs.

Im ZDF-Fernsehgarten hast Du jedenfalls nichts zu suchen.
Na wer weiß (lacht). Es wäre auf jeden Fall interessant und mein Opa wäre stolz auf mich.

Bei Deinem Publikum kommst Du super an mit dem, was Du machst. Ein Freund und Kollege von mir war kürzlich bei Deinem Konzert in Magdeburg und war total begeistert. Besonders fiel ihm auf, dass dort der Umgang miteinander anders ist als anderswo. Er ist im jugendlichen Alter von 68 Jahren und fühlte sich bei dem Konzert wunderbar in die jugendliche Gemeinschaft aufgenommen. War das in Magdeburg nur ein Sonderfall oder ist das bei Deinen Muggen generell so?
Schön, so etwas zu hören. Ich erinnere mich auch gerade an diesen tollen Artikel von ihm, der bei Euch auf der Seite steht. Das ist bei meinen Konzerten eigentlich immer so. Es gibt ganz selten Auftritte, wo ich mich frage, "Was ist denn hier los?" Ich habe immer ein extrem durchmischtes Publikum. Vom Kind bis zum Opa sind alle vertreten. Die Leute sind sehr andächtig und aufmerksam, während ich singe und das finde ich sehr schön. Auch die Musiker, die mich begleiten, geben mir immer oft die Rückmeldung, dass sie es als sehr angenehm empfanden.

013 20170809 1108535795Du bist für den Rest des Jahres und auch schon im kommenden Jahr gut gebucht. Es stehen reichlich Konzerte an. Gibt es ein spezielles Programm zum neuen Album oder verfolgst Du konzertmäßig ein anderes Konzept?
Nein, ich mache das immer nach Bauchgefühl. Natürlich habe ich Lust neue Songs zu spielen, es gibt aber auch viele alte Songs, die sich so eingespielt haben. Eigentlich bin ich auch nicht so der Konzept-Typ. Ich spüre, was macht uns gerade Bock, worauf haben wir große Lust und welche Songs interessieren uns gerade besonders. Manchmal ist es sogar so, dass man an einem Abend drei Mal das Gleiche spielt. Mir wird auch relativ schnell langweilig und ich möchte was Neues dazu haben, was sich aber nicht so sehr äußert, wenn plötzlich ein neuer Musiker zur Band dazu stößt. Dann wird es wieder spannend. Plötzlich hat man z.B. ein Schlagzeug und man kann die Songs anders arrangieren. So ist quasi mein Konzept kein Konzept. Ich schreibe Setlists gerne auch mal kurz vor dem Konzert, wenn ich schon im Saal war und der Soundcheck gemacht wurde. Ich habe dann das Gefühl für die Location, und wenn die ersten Leute dort schon sitzen und ich luscher dann so hinter der Bühne in den Saal, fühle ich so ein bisschen rum was da für ein Publikum sitzt, was das für ein Abend werden kann und wonach mir heute so ist. Dann schreibe ich erst die Setlist. Und was ich auch sehr sehr gerne mache ist, dass ich zwischendurch auch noch Gedichte vorlese. Ich spanne damit für mich einen dramaturgischen Bogen. Es gibt keine Lieder, die ich einfach so zusammenschmeiße, sondern ich versuche schon immer eine Geschichte zu erzählen, das irgendwie einzubinden und spannend zu machen. Was wir aber haben, ist so eine Art Liedermacher-Konzept für "Sitzabende", also Abende im Theater oder in kleinen, gemütlichen Räume, und ein anderes Programm für Festivals und Konzerte mit "Stehpublikum". Wir haben gemerkt, dass es schwierig ist, wenn ich viel erzähle, es viele Gedichte und langsame Songs gibt, und die Leute dabei lange stehen müssen. Da lernen wir gerade dazu, dass wir uns da ein bisschen besser anpassen. Ich hatte vorher ja keine Band, darum hat sich das auch nie so ergeben, dass man am Abend eher die Songs spielt, die ein bisschen rhythmischer sind oder zu denen man nicht die Mega-Geschichten erzählt, sondern einfach auch mal keine Ansage macht. Das trainiere ich gerade, denn das fällt mir gar nicht so leicht weil mich das eigentlich eher verunsichert, wenn ich zu den Liedern nichts erzählen kann. Andererseits braucht es keine Erklärung, denn die Lieder reichen eigentlich.

Du trittst ja nicht alleine auf, sondern hast eine Begleitband. Wer gehört dazu und seit wann arbeitest Du mit diesen Kollegen zusammen?
Zu meiner Begleitband gehören in diesem Jahr als festes Kern-Team Lukas Meister aus Berlin und Benni Benson aus Augsburg. Ich kenne die beiden schon sehr sehr lange, sie selbst haben sich jedoch erst bei der ersten gemeinsamen Probe kennengelernt. Wir haben uns dazu in Augsburg getroffen. Lukas Meister habe ich vor Jahren in Stuttgart auf einem Troubadour-Contest kennengelernt. Da fand ich ihn total cool und dachte, der gewinnt bestimmt. Und er fand mich total cool und dachte, die gewinnt bestimmt (lacht). Wir haben uns dann dort kennengelernt; das war sehr witzig. Seitdem haben wir uns immer mal wieder geschrieben, auch viel Kreatives ausgetauscht und uns Inspirations-Sachen geschickt. Lukas' Musik hat mein Leben immer irgendwie begleitet und auch immer wieder die Momente, in denen ich Songs für meine Alben geschrieben habe, mit seinen Songs begleitet. Er ist wirklich einer der besten Texter die ich kenne, und ich liebe auch seine Art zu Singen und zu Erzählen.015 20170809 1629375522 Lukas hat einen unheimlichen Humor und er ist ein ganz toller, lustiger, liebenswerter und erdiger Mensch, der uns im Team unheimlich gut tut. Auf der Bühne erzählt er auch zum Brüllen komische Geschichten. Wir sind über die Zeit richtige Freunde geworden und waren für einige Zeit auch beim gleichen Label. Irgendwann, als ich bemerkt habe, dass ich einen Label-Code auf meiner CD brauchte, habe ich Lukas angerufen und ihn gefragt, wie er das so macht. Er war damals bei Rummelplatz Musik in Berlin und hatte dort wiederum Kontakte über eine alte Band von sich. So waren wir für eine Zeit lang beim gleichen Label. Als es letztes Jahr soweit war und ich merkte, ich brauche jetzt mal eine Band an meiner Seite, dachte ich sofort an Lukas und hab ihn gefragt. Er hat gleich gesagt, "Ja klar, Du rettest mich gerade vor dem bürgerlichen Leben!", denn er war gerade kurz davor einen Job anzunehmen und meinte dann, "Juhu, dann doch lieber auf Tour gehen." Dass er dabei ist, darauf bin ich ganz stolz.
Der andere Musiker heißt Benni Benson und ihn habe ich in Tübingen bei einem Singer-Songwriter-Abend kennengelernt. Ich war von Anfang an total von ihm begeistert, weil er auf der Bühne einfach total sympathisch rüberkommt. Er hat eine tolle Stimme, spielt Gitarre wie ein kleiner Gott und ich finde, er hat etwas ganz Tiefes und Melancholisches an sich. Das mag ich sehr. Er kann unheimlich toll über Punkte erzählen, an die Menschen in sich selbst oft gar nicht herangehen, und erzählt mir dann ganz viel aus den dunkelsten Tiefen meiner Seele. Das klingt jetzt vielleicht echt gruselig (lacht) ... aber das ist nicht gruselig, das ist ganz ganz schön. Benni ist auch ein freundlicher und höflicher Mensch. Ich mag ihn unheimlich gerne und er ist ein wahnsinnig gutaussehender, charmanter Mann, der in die ganze Sache die E-Gitarre einbringt. Manchmal trete ich mit Benni oder Lukas auch nur im Duo auf, aber am besten ist es echt wenn wir zu dritt sind. Das hat sich ganz toll entwickelt und ich liebe das. Übrigens kennen Benni und ich uns auch schon seit Jahren. Er hat damals in Tübingen auf diesem Singer-Songwriter-Contest das Lied vom "Kapitän" von mir gehört. Ich war damals noch ganz am Anfang meines Krams und hatte gerade meine erste CD veröffentlicht. Benni hatte schon eine Kassette und eine Schallplatte, und ich fand das so cool. Das ist schon lange her, inzwischen auch schon sechs oder sieben Jahre. Damals hat er gesagt, "Du musst mal nach Augsburg ins Grandhotel Cosmopolis kommen". Das ist so ein Hostel-Hotel, in dem aber auch Flüchtlingsfamilien leben und arbeiten. Dieses Hotel ist von Künstlern gestaltet und er meinte, "Lass uns dort doch mal ein Konzert spielen". Das haben wir dann auch gemacht, so "Du ein Lied - Ich ein Lied"-mäßig, und es war ein ganz wundervoller Abend.016 20170809 1365892031 Und daraus wurde eine Freundschaft - etwas ganz Schönes und Tiefes. Auch Benni ist so ein toller Musiker, dass ich wahnsinnig stolz darauf bin, dass er in meiner Band ist. Ich glaube man kann hören, dass ich wahnsinnig in das verknallt bin, was die beiden machen und auch in die Seelen, die da aus den vier Augen heraus gucken. Sie bilden jedenfalls mein Kern-Team. Manchmal kommen noch andere Musiker dazu, so hatten wir gerade Martin Ebert dabei, oder Bastian Bandt, mit dem ich auch schon viel zusammen gemacht habe.

Du bist ja jetzt schon ein paar Monde unterwegs und gibst Konzerte. Was war das bisher Kurioseste, was Du dabei erlebt hast?
Das waren ja bisher schon recht viele Konzerte und sicher habe ich noch viel mehr kuriose Dinge erlebt, aber was mir jetzt gerade einfällt und was völlig irre war, passierte bei einem Konzert in einem großen Club. Dort war offensichtlich ein Fan von mir relativ weit vorne. Der Club war richtig voll und ich fürchte, sie - es war nämlich eine Frau - hatte schon ein paar Biere intus. Eigentlich geht es bei meinen Konzerten immer recht ruhig zu, aber sie hat dort ununterbrochen - ich glaube zwei Stunden am Stück - geklatscht. Aber immer irgendwie und völlig egal, ob es zum Lied gepasst hat, oder nicht, und dazu immer laut "Juhu" gerufen (lacht). Das fand ich echt schräg. Das war wirklich kurios. Es gibt aber auch ganz wundervolle und schöne Begegnungen. Was ich immer ganz schön finde ist, wenn ich die Bühne betrete und dort alles schon bereit steht, das Mikro, die kleine Kerze mit dem Bild von meiner Oma, die Mundharmonika und was ich da sonst immer so habe, und mir dann jemand dort ein Geschenk hingelegt hat.

Gibt es Orte, an denen Du besonders gern spielst?
Ja, gibt es! Ich spiele besonders gerne in so kleinen, charmanten Räumen, die eine schöne Akustik haben. Das liebe ich. Sowas hatte ich auf der Lieder-Tour, die hier um Leipzig herum stattfindet, und bei der man quasi eine Woche lang auf verschiedene Schlösser fährt. Das ist immer unplugged, und man spielt dort u.a. auch in Küchen. Man kommt dahin, spielt eine Stunde, verkauft hinterher seine CDs und fährt dann weiter. Diese Tour habe ich im letzten Jahr mitgemacht, und die war richtig toll. Dort habe ich - wie gerade erwähnt - auch in alten Schlossküchen gespielt. Das war der Hammer. Solche Orte mag ich total. Was ich auch großartig finde und wo ich sehr gerne spiele, ist in Theatern, weil ich da ja auch herkomme und das Theaterleben vier Jahre lang kennenlernen konnte. Ich mag es, wie es da riecht, dieses Angestaubte, und man trifft dort immer auf tolle Techniker und freundliche Menschen.017 20170809 1049008538 Das mag ich auch sehr. Das ist alles sehr romantisch. Einer der schönsten Räume, in denen ich bisher gespielt habe, war das Malzhaus in Plauen. Da hat Rio Reiser 1996 sein letztes Konzert gegeben, und dort war es einfach der Hammer. Das war alles Fachwerk und wir haben in einem Raum gespielt, in dem überall Holz war. Der Boden, an den Wänden ... und es roch wahnsinnig toll. Es gab darin eine Empore und die Leute saßen da oben, unten, neben uns und überall. Es war voll, warm und überall hing Kunst an den Wänden. Das hat mir da sehr gut gefallen.

Abschließend noch eine Frage: Was wünschst Du Dir für Dein neues Album?
Ich wünsche mir, dass es viele Menschen gibt, die damit was anfangen können. Ich habe immer sehr viele Schmerzen durchlitten, bis ich mal ein Lied schreibe. Meistens passieren da viele Dinge. Wenn ich Leuten darüber erzähle, was ich erlebt habe, sagen sie "Wow, krass!" Auf dem Weg dahin ist viel Mist passiert, und ich habe daraus meine Lieder gemacht. Das schönste was man dann hören kann ist, dass Leute auch Schicksalsschläge hatten, und dass sie in meiner Musik Trost und an den Liedern Freude finden. Dann denke ich mir, dass es sich dafür doch gelohnt hat. Wenn ich mit meinem Kummer ein Lied mache, das wiederum fünf anderen Leuten bei ihrem Kummer hilft, dann habe ich doch was richtig gemacht. Irgendwie wünsche ich mir das auch für mein neues Album. Ansonsten hoffe ich, dass es mich noch eine Weile trägt und dass ich weiter Musik machen und Konzerte spielen kann. Mit Benni und Lukas jetzt meine Konzerte zu fahren ist natürlich aufregend. Kaufen es und wollen es die Menschen haben, dieses Album? Wenn sie es haben wollen, kann ich noch etwas länger Musikerin bleiben. Und in diesem Beruf bleiben zu können, wünsche ich mir natürlich auch. Ich freue mich jedenfalls, dass das Album da ist und es wird schon von alleine alles gut ... Ein bisschen Leichtsinn und Mut, und der Rest wird von alleine gut (lacht).

Bitte beachtet auch:
• Rezension zum Album "Da draussen": HIER
• Off. Homepage von Sarah Lesch: www.sarahlesch.de



Interview: Christian Reder
Bearbeitung: tormey
Fotos: Archiv Sarah Lesch, Pressematerial
           (u.a. von Markus Mlynek, Bruno Tenschert)







   
   
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