Liese Reznicek (Mona Lise)

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Deutschlands erste Frauenband kam aus Berlin und hieß MONA LISE. In den 80ern feierte die Kapelle um Liese Reznicek und Tina Powileit in der DDR große Erfolge. Angefangen hatte alles im Vorprogramm der Gruppe PANKOW, als die damals noch junge Formation den Anheizer für André Herzberg und Co. gab. Später waren ihre eigenen Konzerte immer gut besucht, und die Leute standen auf den Rock, der ausschließlich von Frauen gemacht wurde. Ende der 80er wurde das Konzept mit der reinen Mädchenband über den Haufen geworfen, und die ersten Männer übernahmen Posten innerhalb der Band. Bis zur Wende musizierte sich MONA LISE quer durch die Republik und die Medienlandschaft der DDR. Fast zeitgleich mit dem Erscheinen ihrer ersten LP, die 1989 bei AMIGA veröffentlicht wurde, löste sich die Band kurz vor der Wende auf. Tina Powileit und Thomas Hergert, der zwischenzeitlich für die ungarische Bassistin Elisabeth Phaid Illes gekommen war, gingen zur Begleitband von Gerhard "Gundi" Gundermann, wo Tina noch heute spielt. Die Spur der anderen Mädels verlor sich in der Wendezeit.
Wir hatten nun Gelegenheit, mit Frontfrau Lieselotte Reznicek zu plaudern. Wir wollten wissen, wie das damals so war, mit der ersten Frauenband. Wir wollten auch wissen, was sie heute macht und wie es ihr geht...

 

Hallo Liese, was macht Dein Einsatz gegen den Fluglärm? Du bist da ja sehr aktiv, und nicht nur in Sachen Fluglärm, sondern auch wegen anderer unschöner Begleiterscheinungen des neuen Berliner Flughafens...
Ja, das ist richtig. Das ist eine starke Bürgerinitiative, der ich mich angeschlossen habe.

Wir haben das eine Zeit lang auch verfolgt. Da sind ja auch zahlreiche Musiker dabei gewesen und haben sich der Sache angeschlossen. Wer war vor Ort und hat die Sache unterstützt?
Eigentlich, und das ist das Traurige, bekennt sich von den prominenten Musikern keiner dazu. Außer Werther Lohse. Der hat in der Anfangszeit, wo ich noch nicht dabei war und als das erste Mal da draußen richtig aufgemuckt wurde, Stellung bezogen und dabei auch Lieder gesungen. Es waren allerdings Lieder von LIFT; er hat da jetzt nicht extra für die Aktion einen Song geschrieben. Ansonsten habe ich da keinen prominenten Kollegen gesehen, der Stellung bezogen hat. Das macht mich sehr traurig. Die ziehen alle feige den Schwanz ein nach dem Motto: "Das schadet meiner Karriere und Geld gibt es dafür auch nicht". Ich will da jetzt niemanden schlecht machen, darum sage ich auch keine Namen. Aber das sind die, die auf die Einladung warten, wenn Wowereit wieder sein Hoffest macht, damit sie über den Promi-Teppich laufen können.

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Ich habe gehört, dass die Gruppe SILLY aber sehr wohl mal dabei war und auch in der Kälte für die Demonstrierenden gespielt hat...
Ja, das stimmt - da habe ich meinen Ex-Mann überredet (lacht laut). Nein, der Jäcki ist mit dem Herzen dabei und leidet auch mit uns mit. Dafür auch meinen Respekt vor SILLY, z. B. vor Anna Loos, die ja nun mitten in der Stadt wohnt und nicht direkt von den Problemen betroffen ist, die da damals bei einer Großdemo kostenlos - es ist ja ehrenamtlich - gespielt haben. Mehr kann man von den großen Stars auch nicht erwarten - und SILLY sind ja nun mal große Stars. Aber die anderen? Da kommt gar nichts. Dabei wohnen die alle auch hier, und sie betrifft es genauso. Und was deren Bedenken anbelangt, da frage ich mich, was für eine Karriere die da meinen. Die haben sie doch längst schon gemacht. Wovor haben die denn noch Angst?

Entschuldigen wir das vielleicht auch mal damit, dass es auch ein Zeitproblem ist. Musiker haben ja immer einen vollen Terminkalender...
(lacht laut) Ja, genau! Nein, es gab auch jemanden, der mir gesagt hat, dass er sich da nicht auf einen Hänger stellt und Musik macht. Er bräuchte da schon eine richtige Bühne, und dafür hat die Bürgerinitiative kein Geld. Dabei verlangt von denen gar keiner, dass sie spielen sollen. Sie können sich auch einfach nur auf den Hänger stellen und drei oder vier solidarische Worte sprechen. Darum geht es doch.

Wie groß sind denn die Chancen, dass man da jetzt noch etwas ändern kann?
Na ja, das Ding steht ja jetzt schon da, hat 1 Million achtzig gekostet und wird jetzt auch nicht wieder platt gemacht. So naiv ist von uns da auch keiner, dass er das glaubt. Die Idee hinter der Bürgerinitiative ist ja die, und das wissen die meisten Leute ja nicht, dass die Kapazitäten beschränkt werden müßten. Der Wowereit und der Platzeck wollen da ja ein Drehkreuz draus machen. Ihr ehrgeiziges Ziel, es soll das größte in Europa werden. Sprich: Dritte Landebahn, vierte Landebahn... Bei jetzt schon zwei Landebahnen, das hat man ausgerechnet, startet und landet hier in einer Minute und vierzig Sekunden ein Flugzeug.

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Das heißt, Du hast hier alle 80 Sekunden den Krebs-Cocktail aus Feinstaub und Fluglärm. Man hat ja Studien in Kopenhagen und bei anderen Großflughäfen in Amerika gemacht, die belegen, dass in 50 Kilometern Umkreis eines solchen Flughafens die Luft extrem verpestet wird. Das soll aber keiner wissen. In Kopenhagen ist die Luft um den Flugplatz herum z. B. viermal so hoch mit Feinstaub belastet als an der verkehrsreichsten Autostraße der Stadt. Das liegt daran, dass die Flugzeuge keinen Filter haben. Autos haben einen Filter. Der Standort für so ein Riesending ist einfach falsch gewählt. Nun sagt die Bürgerinitiative, dass sich die Politik mal Gedanken über einen zweiten Standort machen sollte, so dass sich das Flugaufkommen verteilt. Dass der Flughafen Berlin-Tegel geschlossen wird, ist klar. Das muss sein, denn das war ja eine Katastrophe da mitten in der Stadt. Aber das war mit der Nachkriegszeit auch eine ganz andere Zeit, als der gebaut wurde. West-Berlin hatte ja keinen Raum, um einen Flugplatz außerhalb bauen zu können. Aber nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen baut man so einen Flughafen nicht mehr so stadtnah. Der Flughafen in Berlin-Schönefeld ist mit 16 Kilometern zum Stadtkern schon sehr dicht dran. Andere Flughäfen wie Heathrow liegen 50 oder 60 Kilometer außerhalb der Stadt. Es ist einfach seltendämlich, den neuen Flughafen so dicht an die Stadt zu bauen. Dabei gab es sieben Standorte zur Auswahl, und das Bundesamt für Umwelt hat in den 90ern Jahren gesagt, "Nein, Schönefeld ist am ungeeignetsten". Als für so ein Projekt am besten geeignet hatte man Sperenberg empfohlen. Diesen Ort kennt keiner auf der Landkarte, er liegt ein Stückchen weiter südlich von Berlin und war bis 1994 ein heimlicher Militärflughafen von den Russen, mit drei Landebahnen, die da jetzt im Wald vor sich hin modern. Klar, sind bei so einem Vorhaben immer Menschen betroffen. Aber in diesem Fall ist es ein Dorf mit 1.000 Einwohnern, und hier in Berlin sind es ein paar Millionen.

Ich denke, dass das Dorf mit den 1.000 Einwohnern ähnliche Argumente gegen einen solchen Flughafen vorbringen würde, wie Ihr das jetzt auch tut. Die Arschkarte zieht bei sowas auf jeden Fall jemand, egal wo das Ding hingebaut wird....
Ja (lacht), so ist das wohl... Das ist immer doof, wenn sowas gebaut wird. Aber ein bisschen abwägen sollte man schon.

Ich bin der Meinung, dass es an dem Hauptübel, nämlich dem Dreck, der von einem Flughafen ausgeht, nichts ändert, ob da nun 2 oder 4 Start- und Landebahnen gebaut werden. Trotzdem wünsche ich weiterhin viel Erfolg für Euer Vorhaben. Es sollte viel mehr Leute geben, die mit Eigeninitiative ein paar Arschtritte nach oben verteilen...
Danke. Auch dafür, dass Du das Thema hier angesprochen hast. Ich denke da auch sehr an die Kinder. In den Schulen werden künstliche Belüftungen eingebaut, weil sie das Fenster nicht mehr aufmachen können. Das ist doch gruselig...

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Nun war der Grund unserer Einladung nicht der neue Flughafen - dafür wollen wir auch gar keine Werbung machen. Ich möchte mich hauptsächlich mit Dir über Deine musikalische Karriere unterhalten. Wollen wir da mal eine kleine Zeitreise unternehmen?
Ja, sehr gerne!

Eigentlich ist das nicht die Art von Deutsche Mugge, Interviews zu führen, in denen man Fragen zum Privatleben der Musiker stellt. Bei Dir müssen wir da aber mal eine Ausnahme machen, denn die Familie Reznicek ist eine sehr musikalische. Du warst lange Jahre Profimusikerin, Dein Ex-Mann - Du hast ihn schon erwähnt - ist ein bekannter Bassist, und Dein Sohnemann ist ebenfalls als Musiker tätig...
(lacht) Ja, wir machen alle Musike, das heißt, wir versuchen es...

Wie haben Du und Jäcki sich damals eigentlich kennengelernt? Über MONA LISE oder vorher schon?
Nein, als wir uns kennenlernten, waren wir beide noch völlig unbekannt. Wir waren beide Studenten an der Musikhochschule. Jäcki spielte in Dresden in einer Nachtclub-Bar, und das hat mich unheimlich fasziniert. Aber wir haben auch zusammen studiert und waren im gleichen Jahrgang. Ich habe Klassik und Klavier studiert, und Jäcki - das fand ich ja schon immer cool - war in der Abteilung "Unterhaltung". Ich war die "brave Liese" (lacht), und der Jäcki hatte damals schon lange Haare und das war natürlich cool.

Aber fangen wir mal ganz am Anfang an... Kannst Du Dich noch daran erinnern, wann Du das erste Mal bewusst mit Musik in Berührung gekommen bist?
Also wenn Du mich so fragst, muss ich sagen, dass mich das eher von der klassischen Seite aus angesprochen hatte. Wie bei den Prinzen. Ich erinnere mich an eine harte Kindheit in Sachen Klassik. Ich war als Kind schon in einem Internat, das war eine Spezialschule für Musik, und da gab es ganz strenge Regeln. Am Tag musste da nach der Schule noch drei bis fünf Stunden geübt werden. Ich war von zu Hause schon sehr früh weg, denn dieses Internat war in Halle. Es war so ähnlich wie bei den Thomanern. Wir waren mit 10 Schülern in einem Zimmer untergebracht, aber ich fand das damals schön. Das war nicht irgendwie gruselig oder so. Aber andererseits durfte z. B. kein Blues gespielt werden. Da wurde scharf aufgepasst, und die Erzieher lauschten sogar an unseren Proberäumen, ob dieses Verbot auch eingehalten wurde. Gut, ich war eine von denen, die das früher nie gewagt hätten, aber wer da einen Blues spielte, flog sofort von der Schule. So erging es z. B. Hans die Geige. Der war in der Spezialschule mein Banknachbar, und musste uns deshalb leider früh verlassen. Ich glaube, der war nur ein Jahr da und wurde beim Spielen "verbotener Musik" erwischt.

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Wie sah Deine Jugend aus? Gab es für Dich nur die Klassik oder warst Du auch in Bands in Sachen Rock und Pop aktiv?
Nein, es gab nur Klassik. Wir waren dort von der Umwelt auch weitestgehend abgeschirmt und hatten dort unser eigenes Inselleben. Es war vorbestimmt, dass man als Schüler dieses Internats später auch klassische Musik studieren würde. So war das, wenn man an einer Spezialschule war. Und da muss ich mich an dieser Stelle auch mal loben, denn ich war dort sehr fleißig. Ich habe mit 17 Jahren schon einen Bach-Preis gewonnen und war die DDR-Beste Klavierspielerin. Da war ich ganz stolz, denn ich empfand mich damals als sehr hässlich und viel zu groß (lacht). Das kannst Du ruhig so schreiben, denn das ist ja menschlich... Mit diesem Preis hatte ich dann das erste Mal eine Bestätigung. Nun wurde die unscheinbare Liese auch mal vom Schuldirektor persönlich begrüßt - ich wurde also wahrgenommen.

Das steht ja dann auch im krassen Gegensatz zu Deinem Job, den Du später bei der Gruppe MONA LISE übernommen hast. Die offizielle Version über die Bandgründung von MONA LISE ist die, dass die Band fast komplett war, als Du erst dazu gestoßen bist. Stimmt das so und wenn ja, wie bist Du dazu gekommen?
Ja, das stimmt. Und witzig ist, dass ich zum damaligen Zeitpunkt überhaupt noch keine Ahnung von Rock- und Popmusik hatte. Ich war aber durch Jäcki damit in Berührung gekommen und davon fasziniert. Die anderen Mädchen von MONA LISE suchten über Wolfgang 'Schubi' Schubert eine Keyboarderin und eine Sängerin. Ich war es, als von der Klassik kommende Musikerin, nicht gewohnt, Songs über das Gehör herauszuhören. Ohne Noten ging bei mir also gar nichts. So wurden wir im Internat erzogen. Als ich zu MONA LISE kam, war ich ja schon wesentlich älter als die anderen Mädchen. Tine war z. B. gerade ca. 20, ich aber schon 27 Jahre alt. Ich hatte für mich da die Chance erkannt, Neues zu lernen. In einer Band, die aus Männern bestanden hätte, hätte ich es nie gewagt, in die populäre Musik einzusteigen. Aber in einer reinen Frauen-Band traute ich mir das schon zu, es irgendwie hinzubekommen.

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Ich war bei MONA LISE zwar die "ausgebildete" Musikerin, also die Studierte, die auch Noten lesen konnte, musste aber auf der anderen Seite die elementarsten Dinge dieses Metiers und das Feeling erst erlernen. Dazu gab mir die Frauen-Band eine Chance. Ich hatte mich jedenfalls ganz brav mit ein paar Covernummern vorbereitet und bin dann zum Vorspielen dahin gegangen. Da saß dann die Tina, ganz streng am Schlagzeug, und die Manuela dort und ich musste vorspielen. Tja, und so bin ich dann zu MONA LISE gekommen. Später haben wir noch ein paar Sängerinnen ausprobiert, die aber alle irgendwie ein divenhaftes Verhalten hatten. Das mochten wir überhaupt nicht. Irgendwer sagte dann so aus Spaß, "Liese, dann sing Du doch einfach!" Das würde heute im fortgeschrittenen Alter gar nicht in Frage kommen, aber damals war man jung, hatte gar keine Gesangsausbildung und fing trotzdem an zu singen. Und so war das damals, als aus der Keyboarderin kurze Zeit später auch die Sängerin wurde. Ich habe dann etwas später auch noch Gesangsunterricht genommen und meine Stimme geformt. Ich fand mich früher selbst gruselig, wenn ich gesungen hatte. Ich glaube, heute ist es besser (lacht).
Schon kurze Zeit später hatte ich in der Band dann das Zepter übernommen, also auch die Leitung der Gruppe. Vielleicht wurde ich deshalb von den anderen Mädchen zugleich auch geliebt wie gehasst. Ich war aber eben die streng erzogene und ausgebildete Lehrerin, die immer pünktlich war. Und wie das im Rock'n'Roll so ist, wissen wir ja... zur Probe kommt der Musiker gern mal zu spät. Auch ich wollte schon eigene Ideen umsetzen und eigene Songs spielen, während die anderen Kolleginnen vorher als Coverband gearbeitet hatten und mit Kreativität nichts am Hut hatten.

Es heißt auch, dass Pankow-Manager Wolfgang "Schubi" Schubert die Band mehr oder weniger zusammengestellt und an den Start gebracht hat. Kann man sagen, dass MONA LISE keine "gewachsene" Band, sondern eine zusammengestellte war?
Die Band in der Urbesetzung mit Tina und Manuela war gewachsen. Als die Gitarristin ausgestiegen war, suchten die anderen Mädchen mit Schubi zusammen neue Kolleginnen. Es sollte eine reine Frauenband werden. Jäcki sagte, als er davon erfuhr, zu Schubi, "Du, da frag ich mal meine Frau". Ich kam also in eine bereits bestehende Band dazu. Darum kann man schon sagen, dass MONA LISE eine gewachsene und keine zusammengestellte Band war.

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Die Vermutung liegt nahe, dass der Bandname direkt mit Dir zu tun hat, also Liese und Mona Lise klingt ja sehr "verwandt". Ist da was dran, oder wie seid Ihr auf den Namen gekommen?
Wir wollten auch als Band weiblich klingen und dachten da an das Bild von der Mona Lisa. Tina kam auf die Idee und sagte, "Du heißt doch Liese. Lass uns doch einfach 'MONA LISE' draus machen."

Mona Lise war die erste Band in der DDR, die ausschließlich aus Frauen bestand. Wurde das von den Medien und den Kultur-Oberen in irgendeiner Form besonders gewürdigt und gefördert?
Das wurde sogar sehr gewürdigt. Aus heutiger Sicht weiß ich es sogar noch mehr zu schätzen. Es gab da noch eine andere Frauenband in Dresden, aber wir waren die einzige, die eigene Songs spielten. Ich mag die Songs von damals zwar heute nicht mehr, aber das ist ein anderes Thema. Sie waren zwar an die Musik der 'Neuen Deutschen Welle' angelegt, aber wir hatten wenigstens eigene Songs. Wir hatten ja eine sehr starke Nachfrage, so dass wir im Jahr manchmal 150 Konzerte gespielt haben. Das ließ dann auch erst später nach, als ich sagte, "Ich brauche kreative Unterstützung", und wir Männer mit in die Band aufgenommen hatten. Danach war das öffentliche Interesse an uns wesentlich geringer, denn wir hatten auch den Status der reinen Frauenband verloren. Ich hatte mich musikalisch und in Sachen der Kreativität mit den Männern in der Besetzung zwar wohler gefühlt, zumal ich mich auch mal anlehnen und von den Männern etwas lernen konnte, aber das ging dann zu Lasten des Erfolgs. Wir hatten plötzlich nur noch die Hälfte der Konzertanfragen wie vorher. Das war der Exoten-Bonus, der nicht mehr da war.

Ihr seid in der Anfangszeit im Vorprogramm von PANKOW aufgetreten, da gibt es bei uns sogar einen Bericht über eine Mugge in Plessa. War das die Starthilfe einer großen und bereits etablierten Band für die noch junge Band MONA LISE?
Auf jeden Fall. Wir hatten die Vorbildwirkung. Wir fanden PANKOW immer toll und haben die auch angehimmelt. Dagegen haben die uns immer belächelt (lacht). Auch wenn Jäcki mein Mann war, der bei PANKOW spielte, haben wir das aber nicht herausgestellt. PANKOW war eben die bekannte Band, und wir durften eben vorher spielen und das Publikum anheizen. Das war insofern für uns toll, dass wir ohne genügend Songmaterial zu haben, live spielen konnten. Wir hatten anfangs nur Lieder für eine halbe Stunde Auftritt. Daher war das mit PANKOW auch ein rein praktischer Grund. Aus heutiger Sicht glaube ich, dass wir mit ausreichend eigenen Titeln den Laden auch sehr gut hätten allein füllen können. Vielleicht hätten wir den Laden nicht ganz so voll bekommen wie PANKOW, aber wir hätten sicher auch eine Menge Leute angezogen. Viele Leute kamen einfach auch nur zum Gucken. Dass wir toll gespielt hätten, würde ich niemals behaupten. Ich hätte mir schon gewünscht, dass wir perfekter gewesen wären. Aber das kann man von so einer jungen Band ja auch nicht gleich verlangen. Dadurch, dass wir mit PANKOW auf Reisen gingen und vor ihnen spielen konnten, hatte ich auch genügend Zeit, eigene Songs zu schreiben, so dass wir uns ein eigenes Live-Programm erarbeiten konnten. Ich will auch nicht vergessen zu erwähnen, dass mich Jäcki damals musikalisch im Hintergrund stark unterstützt hatte.

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Wie hat Euer Live-Programm denn ausgesehen? Waren das alles eigene Songs für die 30 Minuten Vorprogramm, oder gab's da auch noch Coverversionen?
Wir hatten von Anfang an eigene Songs im Programm. Natürlich haben wir zwischen den eigenen Liedern auch 1 oder 2 Fremdtitel nachgespielt. Wir hatten z. B. ein Lied von Annette Humpe bzw. von ihrer Gruppe IDEAL im Programm. Das war der Titel "Blaue Augen". Das lag auch meiner Stimme und meiner Art sehr nahe, und das fanden wir damals alle ziemlich toll.

Und wie war die Anfangszeit bei MONA LISE insgesamt?
Das war eine unheimlich schöne Zeit. Als Ostmusiker war man ja auch privilegiert. Wer etwas anderes behauptet, der spricht nicht die Wahrheit. Wir waren ja viel freier als ein Normalbürger. Ich war vorher als Lehrerin an einer staatlichen Schule tätig und hatte so schon Erfahrungen in einem anderen Beruf sammeln können. Als ich damals in einer 10. Klasse das Lied "Wozu sind Kriege da" von Udo Lindenberg im Unterricht mit den Schülern gesungen habe, musste ich gleich zur Parteisekretärin und mich und mein Verhalten erklären. Da hatten wir als Musiker in der DDR schon so ein bisschen mehr Narrenfreiheit. Wir kamen relativ gut rum und haben sehr gut verdient. Ich hatte, wenn's gut lief, bis zu 2.000 Ostmark im Monat. Das war eine Menge Geld. Als Lehrerin habe ich nur 600 Ostmark im Monat verdient. Insofern war das schon ein schönes Leben, als Musiker die kleine DDR zu bereisen. Es hatte auch noch einen anderen positiven Grund. Als "Klassiker", denn ich kam ja aus der klassischen Musik, hatte man ein besonders hartes Studium hinter sich gebracht, und hinterher kaum eine Chance, irgendwo aufzutreten. Entweder Du warst wie Annerose Schmidt eine ganz große und überwältigende Begabung und hattest deshalb auch 30 Klavierkonzerte im Kopf, oder Du warst eine von Vielen. Dieses Niveau zu erreichen, war für mich und für kaum jemanden zu erreichen. Davon gab es vielleicht zwei oder drei in der ganzen DDR, die damit auftreten durften. Das Schicksal eines Klavierstudenten in der DDR war immer der Beruf des Klavierlehrers, während der Geiger immer noch in irgendeinem Orchester unterkommen konnte. Der Beruf der Klavierlehrerin war für mich als junge Frau aber ein Graus. Heute in meinem Alter bin ich froh, diesen Beruf ausüben zu können. Aber damals fand ich den dröge, langweilig und einschläfernd, so dass ich das schon mal nicht machen wollte und lieber an eine Schule gegangen bin, um zu unterrichten. Ich war allerdings nur Diplommusikpädagoge für Klavier und musste noch ein Zusatzstudium absolvieren. Meine später eingeschlagene Laufbahn in der Rock- und Popmusik bot Chancen wie nirgendwo sonst. Du konntest da vor Publikum spielen, und das hatte mich sehr glücklich gemacht.

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Wenn man sich mal die ersten Songs von MONA LISE anguckt, da bist Du fast ausschließlich für die Texte verantwortlich gewesen. Wie sind die Lieder bei Euch entstanden?
Zuerst muss ich mal sagen, dass ich meine Texte von früher aus heutiger Sicht alle doof finde. Später ging das schon besser, ich meine die Lieder der ersten Langspielplatte... Ich habe im Laufe der Jahre gemerkt, dass man gute Texte erst schreiben kann, wenn man älter wird und ausreichend Lebenserfahrung gesammelt hat. Ich war auch nie einer der Texter, die am Schreibtisch sitzen und aus der Phantasie heraus was schreiben konnten. Ich musste immer erst eine Traurigkeit selbst erlebt haben, damit die Musik die Tiefe bekam. Bei den ersten Sachen war man noch so naiv und doof (lacht)... Na ja, man schreibt was einen bewegt. Damals war das eben noch "Friede, Freude, Eierkuchen", und darum hat man dann auch solche Texte geschrieben. Dazu kam, dass ich sowas vorher auch noch nie gemacht hatte.

Die erste Plattenveröffentlichung von MONA LISE gab es 1983 auf dem Sampler "Heiße Würstchen". Auf ihm ist die Band mit dem Song "Heute" vertreten. Ein Jahr später gab's gleich vier Songs der Band auf der Sampler-Reihe "Kleeblatt". Wann und wie habt Ihr davon erfahren, dass AMIGA Songs von Euch auf Platte veröffentlichen will?
Irgendwie gar nicht. Ich kann's Dir gar nicht sagen. Wir haben dafür auch nie Geld aus den Verkäufen bekommen. Produziert wurde das ja auch völlig woanders, nämlich im Rundfunk, wo die Lieder dann später auch liefen. Auch im Studio von Martin Schreier von der Stern-Combo Meißen haben wir mal aufgenommen. Das hatte - glaube ich - auch der Rundfunk bezahlt. Für die Aufnahmen zu "Das lässt mich kalt" waren wir auch einmal im AMIGA Studio. Aber irgendwie hat uns keiner vorher darüber informiert, wann und wo Lieder von uns auf Schallplatte veröffentlicht werden. Irgendwie hat uns das damals auch gar nicht so sehr interessiert. Das mit der Plattenveröffentlichung ist ja nicht so wie heute gewesen. Wir haben unsere Musik live gespielt, und damit hat man sein Geld verdient. Ich kann mich noch erinnern, dass ich für das Einsingen von einem Lied ca. 200 Ostmark bekommen habe (lacht). Irgendwo habe ich auch noch einen dieser lustigen Verträge in der Schublade, in dem das alles geregelt wurde. Aber gefreut haben wir uns natürlich, dass sie Lieder von uns mit auf ihre Kopplungen genommen haben.

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Ihr habt das also tatsächlich erst erfahren, als die Platten in den Läden standen?
Ich müsste jetzt lügen. Ich weiß nicht mehr genau, wann und wie wir davon erfahren haben. Aber ich glaube, so ungefähr war das auch.

Im Jahre 1984 stieg Manuela Rehberg wegen Schwangerschaft bei MONA LISE aus. Es heißt, dass die Suche nach einer Nachfolgerin nicht leicht war. Kannst Du den Lesern bitte darüber etwas erzählen?
Ja, das war wirklich ganz schwierig, eine Frau zu finden, die wenigstens halbwegs gut ihr Instrument beherrscht. Das ist damals nahezu unmöglich gewesen. Es gab in der Klassik sehr gut ausgebildete Musikerinnen, aber im Rock- und Popbereich kaum. Die Frauen gehen an so ein Thema auch anders heran. Der eine Grund, warum wir keinen guten Ersatz finden konnten, war, dass manche Frauen sich sagen, dass es nicht weiblich ist, an einem Schlagzeug zu sitzen oder einen Bass umzuschnallen und zu spielen und es deshalb auch gar nicht erst versuchen, zu lernen. Ein weiterer Grund ist, dass sie sich denken, "Ich bin eine Frau, da gibt es auf meinem Gebiet wenig Konkurrenz", und dass sie deshalb auch oftmals nicht genügend üben. Dieses Problem mit dem fehlenden Nachwuchs gab es bei Frauenbands schon immer. Das hat mich auch schon immer sehr geärgert. Bei einem Sommerkonzert hier in Berlin haben wir dann die Phaid spielen hören und sie angesprochen. Durch einen Zufall wurde sie Mitglied bei uns.

Elisabeth Phaid Illes, so heißt die Dame richtig, kam ursprünglich aus Ungarn und wurde die neue Bassistin. Illes ist ein sehr bekannter Name, gab es doch eine Band in Ungarn, die so hieß. Hatte sie mit den Musikern von ILLES zufällig eine familiäre Verbindung?
Nein, ich glaube nicht. Das hätte sie uns auch erzählt.

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Da soll es auch einen Kontakt zu Annette Humpe gegeben haben, stimmt das?
Ja, das stimmt. Das war ganz am Anfang der MONA LISE-Zeit, als ich immer noch den Song "Blaue Augen" live gesungen habe. Da gab es einen jungen Mann namens Christoph Westecker. Christoph war jemand, der damals zwischen Ost und West hin und her pendelte, und der auch Fan von MONA LISE war und auch Tina sehr mochte. Außerdem war er auch Fan von PANKOW. Nach der Wende war er Produktionsleiter bei SAT1. Er war jedenfalls sehr interessiert an Musik aus Ost und West. Mir hatte er damals auch ein Klavier über die Grenze rüber geschmuggelt und Tina ein Schlagzeug. Alles sehr riskant. Er sagte irgendwann, "Ich muss Euch unbedingt mal zusammenbringen. Annette von Ideal und MONA LISE. Ihr singt 'Blaue Augen' immer so schön, das muss sie mal hören." Das werde ich nie vergessen. Als Ostler war ich da richtig aufgeregt, denn ich habe Annette richtig verehrt. Jedenfalls wollte sie uns dann tatsächlich mal besuchen kommen. An dem Tag hatte ich dann in unserer kleinen Einraumwohnung in der Ostberliner Straßmannstraße einen Käsekuchen gebacken und wir warteten darauf, dass sie kommt. Sie rief dann an, und war sowas von normal und süß am Telefon, aber zugleich auch traurig, denn man hatte sie nicht einreisen lassen. Darum sagte sie das Treffen telefonisch ab und sagte zu mir am Telefon, "Ich stehe hier an der Grenze und sie lassen mich nicht rüber!" Irgendwas wollte sie wohl mit hierher bringen, was sie aber nicht durfte, und so durfte sie dann gar nicht erst rein. Das war trotz dieser Sache so witzig, denn ich kannte sie bis dahin gar nicht persönlich, aber dieses Telefonat war sofort so vertraut, wie zwischen zwei Freundinnen. Das war sehr schade, dass diese Begegnung nicht zustande kam.

Sie wollte Euch im Westen managen, stimmt das?
Produzieren wollte sie uns. Das war im Westen ja ganz normal, dass erfolgreiche Musiker den Nachwuchs oder Kollegen, von denen man sich etwas erhofft hat, im Studio produziert und auf Songs Einfluss genommen haben. Das hat Annette dann später ja auch zur Genüge gemacht, z. B. mit den Prinzen oder Joachim Witt. Aber daraus wurde bei uns ja nichts, weil Annette nicht einreisen durfte.

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Aus dem Besuch von Annette Humpe wurde nichts, aber ein Treffen mit Fritz Rau, dem großen westdeutschen Konzertveranstalter, und Udo Lindenberg gab es dafür aber, richtig?
Ja, das stimmt. Ich weiß gar nicht mehr, wie Fritz und Udo auf uns aufmerksam wurden. Ich glaube aber, dass das auch über Christoph Westecker zustande kam. Christoph - der heute übrigens auch bei unserer Bürgerinitiative mitmacht und der inzwischen bei uns hier in der Ecke wohnt - hat im Westen viel von und über uns erzählt. Er hatte uns auch erzählt, dass Udo immer sehr gerne mit jüngeren und exotischen Musikern zusammen tourt und diese sehr gerne als Vorband mitnimmt. Die Sache mit der reinen Mädchenband - also unserer Band - fand Udo damals wohl richtig toll. Jedenfalls waren wir total aufgeregt, als er sein Kommen zu einer unserer Proben angekündigt hatte. Auch wenn Udo nie mein Typ Mann war, habe ich zusammen mit den anderen Mädchen stundenlang vor dem Spiegel gestanden, und wir haben uns für ihn hübsch gemacht (lacht). Wir warteten jedenfalls schon im Proberaum, und dann kam Udo zusammen mit 'Schubi' und Fritz Rau rein, sie setzten sich hin und dann fand das - heute würde man da wohl zu sagen - Casting statt. Udo sagte dann in seiner lockeren Art, "Na Mädels, dann fangt mal an und spielt uns was vor." Wir haben ihm drei unserer Nummern vorgespielt, u. a. ein Lied, das hieß "Angst". Bei unseren Konzerten habe ich mir immer einen Mantel angezogen und so einen ollen Hut aufgesetzt. In dem Lied ging es darum, wie jemand eine Frau verfolgt und die zusätzlichen Kleidungsstücke unterstrichen das noch. Ich dachte in dem Moment noch so, "Wo kriegst Du denn jetzt für den Vortrag einen Hut her?" Das Lied lief und da griff ich aus Gag nach Udos Hut und stülpte mir den selbst auf den Kopf (lacht). Hinterher hat er seinen Hut natürlich wieder bekommen. Fritze Rau saß da ganz still auf seinem Stuhl, und nur Udo hatte hinterher mit uns gesprochen. Der war unheimlich nett. Ihm hatten wir jedenfalls gut gefallen, und er wollte uns als Vorband für seine Deutschland-Tournee (im Westen, Anm. d. Red.) haben.

Aber dazu ist es nicht gekommen...
Leider nicht. Das stimmt. Wir haben es auch nur über Schubi oder Christoph Westecker erfahren, dass daraus nichts wird. Fritz Rau war damals persönlich bei der Konzert- und Gastspieldirektion, und hatte wegen uns angefragt. Die hatten ihm aber angeblich gesagt, "Was wollen Sie? Eine Frauenband? Sowas haben wir nicht!" Darauf hatte Rau wohl entgegnet, "Die habe ich aber doch selbst spielen hören. MONA LISE heißt die Band!" - "Nö, jibt's nich bei uns", bekam er als Antwort. Die haben uns auf eine ganz doofe Art verleugnet. So kam das damals bei uns an.

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Also haben Euch die sogenannten Kulturoberen die Karriere vermasselt...
Ja, ich glaube schon, dass das für uns eine große Chance und ein weiterer großer Schritt nach vorne gewesen wäre, hätten wir auf der Tour mitspielen dürfen.

Mitte der 80er gab es weitere personelle Veränderungen. Elisabeth Phaid Illes stieg nach nur 2 Jahren wieder aus, und das Konzept mit der Mädchenband wurde über den Haufen geworfen. Es kam mit Thomas Hegert ein neuer Bassist und mit Peter Scheffler ein zweiter Gitarrist. Du hast das Thema vorhin schon angerissen: Wie kam es dazu, dass plötzlich Männer bei MONA LISE mitwirken durften?
Das war ein Wunsch meinerseits. Ich hatte Tina, die der Hauptpartner und eine Musikerin von der Urbesetzung war, überreden können. Ich habe gesagt, "Ich brauche Hilfe und wir müssen ein bisschen mehr spielerisches Niveau hier reinbringen." Ich konnte Tina zwar dazu überreden, dass wir Männer als Ersatz holen konnten, aber der Preis, den wir dafür bezahlen mussten, war der, dass uns Schubi als Manager verließ. Sein Argument war, "Wenn das jetzt keine reine Mädchenband mehr ist, bekomme ich das auch nicht mehr so gut verkauft!" Ab dem Zeitpunkt, wo die Männer zu uns stießen, hatten wir auch andere Betreuer. Musikalisch war das für uns aber sehr förderlich. Zumindest für mich war es das, ich weiß natürlich nicht genau, wie die anderen das sehen.

Die Zeit mit Peter Scheffler als Musiker bei MONA LISE war nur sehr kurz, denn er starb 1988. Was war denn da passiert?
Das war ganz traurig, er starb im Alter von nur 33 Jahren an Lungenkrebs. Der war ein großer, starker Mann und ein Super-Gitarrist.

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Tina Powileit sagte dazu in einem Interview mit uns, dass durch seinen Tod die Band mehr oder weniger kaputt war. Das klingt so ein bisschen nach Endzeitstimmung. War das der Anfang vom Ende für MONA LISE?
Nein. Der Meinung bin ich nicht. Für Peter kam Uwe Weidling, der war auch ein sehr guter Gitarrist, der fantastisch spielen konnte. Darum war der Tod von Peter auch nicht gleichzeitig das Ende von MONA LISE. Das Ende war, als ich 1989 selbst ausgestiegen bin.

Das Jahr 1989 war in vielerlei Hinsicht für MONA LISE ereignisreich. Bei AMIGA erschien das Debüt-Album der Band - 7 Jahre nach ihrer Gründung. Warum hat das vorher nicht funktioniert und wie kam es dazu, dass dann doch eine komplette LP mit der Band gemacht wurde?
Das wussten wir auch nicht. Wir hatten in den Jahren immer wieder Songs beim Rundfunk produzieren dürfen, und irgendwann waren wohl 12 Lieder beisammen und bei AMIGA hat man dann entschieden, diese als LP zu veröffentlichen. So stelle ich mir das vor, wie's gelaufen sein könnte. Warum das erst so spät geschehen ist, weiß ich nicht. Jedenfalls schade, denn als die Platte dann gemacht wurde, haben wir uns zwar sehr darüber gefreut, letztlich war es aber so, dass sie zu einer Zeit erschien, als die ganzen Läden der DDR aufgelöst und die Ost-Platten alle für eine Mark verramscht oder sogar weggeschmissen wurden. Das war Ende 1989.

Dem, was Du gerade erzählt hast, entnehme ich, dass die Platte ausschließlich aus Rundfunkproduktionen bestand. Gab es gar kein Lied, das extra für diese Platte bei AMIGA aufgenommen wurde?
Nein, es war eine Sammlung von Rundfunkaufnahmen, die in den Jahren zwischen 1985 bis 1989 entstanden sind.

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Du selbst bist im gleichen Jahr bei MONA LISE ausgestiegen. Was waren die Gründe dafür?
Mein Ausstieg war, als die Mauer noch gar nicht offen war. Ich wollte damals für mich eine eigene Band zusammenstellen. Ich fühlte mich bei MONA LISE einfach nicht mehr wohl. Ich hatte mich inzwischen auch weiterentwickelt, und ich wollte, dass die Band die Stimme der Frontfrau, die ich inzwischen ja nun mal war, bedient. Bei MONA LISE war die Denkweise so, dass sich die Frontfrau nach der Band richtet. Tina mochte z. B. MOTHER'S FINEST, und darum sollte ich plötzlich Hardrock singen. Bei mir sind aber mehr leise Töne wichtig. Das passte alles irgendwie nicht mehr, und wir hatten gegeneinander statt miteinander gespielt. Es gab unterschiedliche Meinungen über Musik. Jedenfalls wollte ich mir eine neue Band aufbauen, die dann auch zu mir und meiner Gesangsart passte. Dann kam aber die Wende und auch die Scheidung meiner Ehe und in mir kam der Gedanke, "Jetzt musst Du erst mal Geld verdienen, Du hast schließlich einen Sohn zu ernähren." Ich bin dann als Lehrerin an die Schule zurück gegangen. Ich hatte ja - Gott sei Dank - Lehramt studiert und konnte so in den Lehrerberuf wieder einsteigen. Ich war dann eine der wenigen Ostmusiker, die nach der Wende nicht versucht hatten, weiter als Musiker durchzukommen. Ich hatte erstens nichts zu sagen, denn ich war durch die Wende verwirrt. Ich hätte nicht gewusst, über welche Themen ich schreiben sollte - keine Botschaft und kein Sendebedürfnis. Zweitens musste ich arbeiten, und der Übergang war sehr schwer für mich, weil ich mich für die volle Stelle an der Schule, die ich übernommen hatte, sehr umfangreich vorbereiten musste. Der Lehrerberuf hatte plötzlich einen anderen Status. Während Du zu DDR-Zeiten als Musiklehrer in der allgemeinbildenden Schule der letzte Pampel warst, hatte der Beruf nach der Wende einen ganz anderen Stellenwert. Die Lehrer hier sollen heute mal gar nicht so laut jammern, denn sie verdienen hier in Deutschland alle richtig gutes Geld. Ja, der Beruf als Musiklehrer hat heute so viel an Niveau gewonnen, dass es richtig Spaß gemacht hat. Ich führte Leistungskurse in der Oberstufe, da habe ich den Schülern für das Abitur musikgeschichtliche und theoretische Sachen unterrichtet, die wir zu DDR-Zeiten erst während des Studiums abliefern mussten. Diese Kluft gab es nicht bei Chemie und anderen naturwissenschaftlichen Fächern, aber in der Musik. Damit war ich so ausgelastet und hart im Lehrerberuf arbeitend, später auch als Fachleiterin, dass für Bandarbeit auch gar keine Zeit mehr war. Außerdem wollte ich keinen Abstieg bzw. einen Ausstieg. Einen Abstieg als Sängerin wollte ich mir nicht antun.

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Ihr hattet als MONA LISE, und darüber haben wir ja gerade noch gesprochen, zwei richtig dicke, verpasste Chancen. Einmal die mit Lindenberg und auch die mit Annette Humpe. Gab es nach der Wende vielleicht sogar Überlegungen, mit Annette Humpe wieder in Kontakt zu treten, um eventuell noch mal als MONA LISE anzugreifen?
Den Kontakt mit Annette gab es, denn ich habe sie nach der Wende mal besucht. Das war auch eine witzige Fügung. Ich wusste nicht, wo Annette lebt. Aber ich hatte eine Musiklehrer-Kollegin, deren Schwester mit Annette Humpe im Sandkasten spielte. Die kam also aus dem gleichen Ort. Diese Kollegin hat dann die Verbindung mit Annette hergestellt, und ich habe sie in Hamburg besucht. Das ist jetzt auch schon wieder 20 Jahre her. Ich habe ihr bei dem Besuch zwei oder drei Songs vorgespielt, die ich geschrieben hatte. Die waren aber - und das sage ich aus heutiger Sicht auch selbst - sowas von schlecht... Ich war - wie ich gerade schon sagte - einfach leer. Annette sagte, "Das sind schöne Lieder, aber die sind zu traurig. Ich hab sowas auch gemacht und eine Platte veröffentlicht, die sich nicht verkaufen ließ. Das will keiner hören, mach mal was Fröhliches." Dann habe ich aber nie mehr was gemacht, außer für mich selbst hier Zuhause. Ich hatte eigentlich aufgegeben weil ich mir gesagt habe, "Hier ist kein Platz mehr für mich und meine Musik." Es ist soviel im Angebot, was soll ich mich da noch auf meine alten Tage lächerlich machen?! (lacht)

Na ja... die Idee ist aber nicht so weit hergeholt. Wenn es schon einmal Überlegungen gab, dass MONA LISE mit Annette Humpe zusammen arbeitet, hätte man das direkt nach der Wende ja einfach noch mal aufgreifen können...
Stimmt, aber das habe ich mich wohl einfach nicht getraut. Ich war inzwischen im Lehrerberuf und wollte auch nicht mehr zurück. Ich hatte aber auch niemanden, der - wie Du jetzt - mal den Gedanken laut geäußert oder nachgefragt hätte, "Willst Du nicht noch mal?" Es fehlte wohl einfach der Anstoß. Den habe ich nie bekommen und von daher kam mir auch die Idee nicht in den Sinn. Andererseits wollte ich auch nie mit den alten Liedern landauf und landab tingeln und Konzerte geben. Mir gefällt z. B. SILLY, die sich kontinuierlich weiterentwickelt haben, die modern geworden und mit der Zeit gegangen sind. Aber immer nur die alten Lieder spielen? Da freuen sich die Leute zwar auch drüber, aber das wäre nichts für mich gewesen.

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Man kann also sagen, dass Liese Reznicek seit der Wende 1989 nicht mehr als Musikerin aktiv ist?!
Ja, so ist es. Ich habe zwar für mich selbst Lieder geschrieben, aber ich war nicht mehr auf der Bühne. Es gab wohl mal einige Ausnahmen wie z. B. beim Künstlertreffen. Ich bin auch mal auf Feiern einer Krankenkasse aufgetreten, da wollten die mich eine Zeit lang immer wieder mal gerne haben. Das waren aber interne Feiern, bei denen auch mal der Gesundheitsminister unter den Gästen war. Aber ansonsten war da nichts öffentliches.

Kommen wir noch mal auf die Zeit um 1989 und 1990 zurück: Weißt Du noch, wo Du warst, als die Meldung kam, dass die Grenze offen ist?
Ich war an dem Tag bei Jäcki im Haus. Ich habe die Zeit der Wende als wunderbar erlebt, denn mich hatte die Verlogenheit der Berichterstattung im Fernsehen sehr aufgeregt. Die hauten alle aus der DDR ab, und keine Nachrichten berichteten in der DDR darüber. Ich habe den Fall der Mauer als Befreiung erlebt, bin aber nicht wie die meisten damals gleich ganz euphorisch in den Westen rüber gestürmt. Ich hatte eine gewisse Berührungsangst, was den Westen betraf. Mir war in dem Moment aber auch klar, dass als Musiker nun alles vorbei sein würde. Das war mir bei der Konkurrenz, die jetzt dazu kam, völlig klar. Ich habe bestimmt eine Woche lang gebraucht, bis ich dann erstmals ganz gemütlich rüber in den Westen gegangen bin, dort fast blind wurde und mir bei ALDI erstmal drei Tafeln Schokolade gekauft habe (lacht). Der Jäcki kannte das ja alles schon, der durfte vorher ja schon fahren, aber für mich war das zuerst ein Herantasten an den Westen.

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Du sagest ja vorhin, dass Du zu dem Zeitpunkt dabei warst, eine eigene Band auf die Beine zu stellen. Dieses Vorhaben hat die Wende also zunichte gemacht?
Ja, das stimmt. Es war dann einfach die Notwendigkeit da, als allein erziehende Mutter Geld zu verdienen. Ich hatte später auch noch einen Hauskredit, da konnte ich mir ein unregelmäßiges Arbeitsleben als Musiker einfach nicht leisten. Darum habe ich die Musikerkarriere dann auch an den Nagel gehängt.

Wie groß ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass es MONA LISE zu einem ausgewählten Anlass nochmals auf einer Bühne live zu sehen und hören geben wird?
Manchmal denke ich selbst, dass das mal lustig wäre, die Band wieder auf die Bühne zu bringen.

Eigentlich hättet Ihr dieses Jahr Euer 30. Bandjubiläum feiern können. Einen besseren Anlass hätte es doch gar nicht geben können...
Stimmt, jetzt wo Du es sagst. Mit der Tina könnte ich mir so ein zeitlich begrenztes Comeback schon vorstellen. Sie ist ja immer noch als Musikerin aktiv und spielt nach wie vor Schlagzeug. Sie sieht auch noch aus wie früher - meinen Respekt!

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Arbeitest Du heute noch als Lehrerin?
Ich habe den Schuldienst einige Jahre gemacht, bin ja auch noch 'ne "ordentliche" Beamtin geworden (lacht). Aber irgendwann - bei mir geht das immer phasenweise - muss ich mich wieder verändern. Wenn irgendwo Routine rein kommt, wird mir schnell langweilig. Darum habe ich im Jahre 2003 hier in Berlin-Köpenick eine private Musik- und Tanzschule gegründet. Anfangs bin ich noch zweigleisig gefahren. Vormittags in der Schule und am Nachmittag habe ich die eigene Musikschule aufgebaut. Als ich dann von der Musikschule leben konnte, bin ich aus dem Schuldienst ausgestiegen. Das heißt, ich habe mich ohne Besoldung beurlauben lassen. Die haben mich nur schweren Herzens gehen lassen, denn Musiklehrer sind knapp, man soll es nicht glauben. Aber das Schulamt hatte Verständnis. Ich bin eigentlich Musiker und mein Herz schlägt dafür. Ich musste mal wieder kreativ werden und mehr Freiheit haben. Ich habe Klavierstücke für drei Notenbücher komponiert.

Was haben Deine Schüler denn gesagt, als sie rausgefunden haben, dass ihre Lehrerin in einer bekannten Rockband gespielt hat?
(lacht) Eigentlich gar nichts. Von mir haben sie das sowieso nicht erfahren, denn ich bin damit nicht hausieren gegangen und habe nicht darüber gesprochen. Dazu kommt, dass ich auch in einer Schule im West-Teil von Berlin gearbeitet habe. Da kannte man MONA LISE gar nicht, und die Kinder schon gleich gar nicht. Irgendwann, es war vor den Ferien, habe ich mal etwas Neues, selbst Produziertes, in den Unterricht mitgebracht. Das war niedlich, das fanden die Schüler toll. Ich bin mit meiner Vergangenheit aber nie hausieren gegangen, das wollte ich auch nicht. Ich empfinde es als arrogant, wenn man sowas macht. Die Lehrer sind alle gleich, wir müssen da alle unseren Job machen, und Du wirst an dem gemessen, was Du da in der Schule pädagogisch leistest. Davon war ich meilenweit entfernt, dass ich sowas für mein Ego brauchte. Außer jetzt mit Dir, spreche ich sonst mit niemandem über meine Vergangenheit. Ich gucke nicht nach hinten.

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Gibt's die MONA LIESE Musik und Tanzschule heute noch?
(schweigt sehr lang) Die Musik- und Tanzschule gibt es noch, ich muss jetzt aber nach meinem schweren Unfall erst mal wieder klar kommen. Ich hatte vor 2 1/2 Jahren einen sehr schweren Unfall, aber darüber spreche ich sonst eigentlich nicht. Dieser Unfall hat meinen heutigen Standpunkt über das Leben stark beeinflusst. Ich war auf dem Moped unterwegs, als mich eine Frau mit dem Auto umfuhr. Ich hatte aber Riesenglück. Die Wirbelsäule war zweimal gebrochen und das linke Bein war gelähmt. Eigentlich bedeutet das Rollstuhl, aber ich hatte so ein großes Glück und ich bin so dankbar, denn die Ärzte in der Charité haben mich mit künstlichem Wirbel und Metallplatten wieder zusammengeschraubt, dass ich in den vergangenen zwei Jahren wieder laufen lernen konnte. Ich laufe inzwischen auch wieder so, dass das keiner sieht. Aber alles noch mit Schmerzen und Reha-Sport mehrmals in der Woche. Mit mehr Demut und Dankbarkeit gehe ich durchs Leben.

Das ist ja auch ein einschneidendes Erlebnis.
Ja, man sieht den Sinn des Lebens plötzlich aus einer ganz anderen Perspektive und weiß, was eigentlich wirklich wichtig ist. Nicht Karriere im Sinne der Eitelkeit und sich über Kleinigkeiten aufregen. Das ist alles gar nicht wichtig. Man setzt die Prioritäten anders. Deshalb bin ich in der Bürgerinitiative vielleicht auch so engagiert, weil ich etwas an Dankbarkeit an alle, die mir damals beistanden und geholfen hatten, zurückgeben will. Ich will mich für die Erhaltung unser aller Gesundheit engagieren. Ich war politisch noch nie so wach wie heute. Wir dürfen Politiker nicht wählen, die ihrem Volk nicht zuhören.

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Auftritt beim Künstlertreffen 2008

Es ist auf jeden Fall sehr schön, dass Du noch da bist...!
Ja, das kann so schnell gehen und es ist vorbei. Dazu kommt, dass die Unfallverursacherin nach dem Unfall auch noch abgehauen ist. Das war eine Spanierin. Das hat man mir alles erst hinterher erzählt. Hinter mir war ein Rechtsanwalt auf einem schweren Motorrad unterwegs. Der ist ihr dann hinterher gefahren und hat sie stellen können. Und nicht nur der Rechtsanwalt, sondern auch noch zwei Kripo-Beamte, die in Zivil an der Kreuzung am Strausberger Platz standen. Sonst hätte ich auch gar keinen Ausgleich durch die Versicherung gehabt. Das hat ja auch immense Kosten mit sich gebracht. Das Badezimmer musste behindertengerecht umgebaut werden. Mit dem Bücken ist das jetzt nicht mehr so leicht. Ich habe trotzdem großes Glück gehabt.

Du hast auch eine zweite Heimat, habe ich gehört...
Ja, das ist Italien. Da würde ich auch sehr gerne bald einen Teil meines Lebens verbringen wollen. Da schaue ich mich auch schon nach einer kleinen und bezahlbaren Wohnung um. Der Ort heißt Tivoli und liegt bei Rom. Tivoli ist sogar noch älter als Rom, nämlich 3.000 Jahre. Ich komme so gut mit dem Lebensgefühl der Italiener klar. Die sind nicht so muffelig wie die Deutschen. Da zieht es mich immer wieder hin. Ich spreche auch Italienisch, also funktioniert auch die Verständigung sehr gut.

Tja, damit sind wir schon im Heute angekommen. Hast Du zum Abschluss noch ein paar Worte, die Du an die Leser richten möchtest?
Konzentriert Euch mehr auf das Wesentliche im Leben. Bei all dem Stress heute in Deutschland mit dem ganzen "Wachstum, Wachstum, Wachstum" sollte man auch an die Gesundheit, an die Umwelt und die Natur denken. Das ist ein Anliegen, das mir heute - vielleicht gerade wegen meines Unfalls - sehr am Herzen liegt.

 

Interview: Christian Reder
Bearbeitung: mb, cr
Fotos: Archiv Liese Reznicek, Deutsche Mugge

 


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