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Wenn man über Stephan Trepte spricht, denkt man unweigerlich an Bands wie electra oder REFORM, denen er mit seiner Stimme über viele Jahre ein Gesicht gegeben hat. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Stephan Trepte ist seit mehr als 40 Jahren Musiker. Und er hat viel zu erzählen, über seine Stationen, seine Karriere, seine Musik...
Wir haben Stephan für ein Interview zu Hause besucht. Dabei haben wir einen Blick zurück geworfen, seine Stationen nochmals besucht und in Erinnerungen geschwelgt. Aber auch ein Blick in die Zukunft war erlaubt...
 
 
 
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Seit dem letzten Konzert mit electra bzw. dem SACHSENDREIER, über das wir berichtet haben, ist schon einige Zeit vergangen. Wie geht es Dir derzeit?
Relativ gut, danke. Wobei es einem ja nie gut genug gehen kann. Ich war ja bekanntlich ein paar Mal richtig krank, was ich auch heute noch in meinen Knochen merke. Mit 62 ist man schon hübsch alt. Man sagt ja, der Mensch ist so alt, wie er sich fühlt, und da könnte ich mich schon hin und wieder in einen Hundertjährigen rein versetzen. Das soll kein Gejammer sein, sondern das ist die Realität und die Antwort auf Deine Frage. Aber damit muss man klar kommen, ansonsten könnte man sich auch aufhängen. Im Großen und Ganzen geht es mir also recht gut.

Ich muss gerade an die DVD zum 40. Bandgeburtstag von electra vor drei Jahren denken. Ihr habt damals im Dresdner Kulturpalast zusammen mit einem Orchester ein Riesenkonzert abgeliefert. Wie hast Du diesen besonderen Abend mit der Aufzeichnung des Konzerts erlebt?
Warst Du dabei?

Leider nicht.
Okay. Es gibt dazu zweierlei zu sagen. Ich hatte mir damals in den Kopf gesetzt, bis zum 40.Jahrestag von electra so und so viel Kilo abzunehmen. Ich wollte zu diesem Jubiläum wieder in meine alten Anzüge passen und habe mir die Kilos sozusagen abgehungert. Dass die Hungerei mit diesem damaligen Konzert endlich ein Ende hatte, ist eine schöne Erinnerung. Die ganze Mugge an sich ist von der Sache her eine interessante Veranstaltung gewesen. Aber, und das sage ich Dir so wie es ist, ich habe mich überhaupt nicht wohl gefühlt. Ich war unsicher, ich war zu keinem Zeitpunkt voll dabei. Und ich habe mir die DVD, die es von diesem Konzert gibt, bis heute noch nicht ein einziges Mal angesehen. Ich will mir das nicht noch mal antun. Aber das ist nur meine Sicht auf die Dinge, den Leuten hat es ja offensichtlich gefallen. Ich war jedenfalls froh, als es vorbei war.

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Ein Jahr später war electra dann auch endlich ein Teilnehmer der "Ostrock in Klassik"-Reihe, und wieder habt Ihr mit Orchester im Kulturpalast zu Dresden gespielt. Welche Eindrücke hast Du bei den Auftritten im Rahmen der Ostrock in Klassik-Reihe gesammelt?
Also daran kann ich mich ehrlich gesagt gar nicht erinnern. Wir haben ein paar Mal "Ostrock in Klassik" gemacht, aber an diese spezielle Mugge im Kulturpalast kann ich mich nicht mehr erinnern. Ansonsten sind die Muggen aber alle gut gelaufen, es war eine schöne Erfahrung, die alten Sachen mit Orchesterbegleitung zu spielen.

Was gibt es denn bei electra Neues? Gibt's besondere Pläne für die nahe Zukunft?
Ich bin ja nur ein Teil von electra, kann also höchstens für mich sprechen. Mit BERND AUST habe ich eine Art Abkommen geschlossen, dass wir noch ein Jahr weitermachen. Danach setzen wir uns zusammen und entscheiden, ob es danach vielleicht immer noch weiter geht. Das betrifft aber in erster Linie meine Person. Ich sehe es eigentlich eher nicht so optimistisch. Man wird ja nicht jünger, und es wird immer schwieriger. Die anderen werden sicherlich wollen, dass es weitergeht. Ich gönne es dem BERND (Aust.) von Herzen, die 45 Jahre voll zu machen. Vielleicht wäre das für ihn ein besserer Abschluss, als schon nächstes Jahr im Sommer aufzuhören. Aber weißt Du, was soll denn noch passieren? Es werden immer dieselben Titel sein, denn wir machen nichts Neues mehr. Es wird sich nichts ändern, es wird nichts spannendes mehr passieren. Von meinem Gefühl her hätte man eigentlich mit dem 40.Geburtstag der Band sagen müssen: Es war eine schöne Zeit, es ist alles gesagt, und ab jetzt macht jeder seins. Aber wie gesagt, das ist meine ganz persönliche Meinung. Jetzt machen wir erst einmal das eine Jahr weiter und warten ab, was danach kommt.

Du hast es eben schon kurz angesprochen, der 45. Bandgeburtstag steht in nicht ganz zwei Jahren an. Habt Ihr schon Überlegungen angestellt, was Ihr da machen wollt?
Bis dahin werden wir auf jeden Fall unsere Muggen weiter machen wie bisher. Es sind auch mal kleinere Auftritte dabei, die ich für mich eigentlich lieber gecancelt hätte. Ich würde lieber nur noch richtig schöne Sachen machen, wo Du mit einem guten Gefühl hingehst, also auf großen Bühnen und in angenehmem Ambiente. Bloß keine kleinen Bluesschuppen mehr und so was in der Art. Wenn ich schon bestimmte Ortsnamen höre, wo ich mit electra vor 40 Jahren schon mal gespielt habe... da hat sich wahrscheinlich nichts verändert. Da stehen immer noch dieselben DDR-Tische drin wie früher. Das muss ich mir einfach nicht mehr antun. Ansonsten haben wir für das Jubiläum bisher noch nichts weiter geplant. Warte mal, es gibt doch etwas, was wir vorhaben. Die "Sixtinische Madonna" von Raffael wird in diesem Jahr 500 Jahre alt. Aus diesem Anlass planen wir, "Das Bild" im Staatsschauspiel Dresden mal wieder aufzuführen. Das ist dann wieder ein größeres Event, was auch vom Umfeld her angenehm ist.

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Hast Du denn überhaupt noch Spaß daran, auf der Bühne zu stehen?
Manchen Tag nicht. Und zwar deshalb nicht, weil es mir einfach zu schwer fällt. Es hängt immer davon ab, wie ich drauf bin. BERND AUST zum Beispiel übt sehr viel. Der übt jeden Tag ein paar Stunden mit seinen Saxophonen und Querflöten, um fit zu bleiben. Würde ich dasselbe mit meiner Stimme machen, wäre ich heiser. Die Stimme altert nämlich, genau wie auch der Mensch altert. Ich kann nun mal nicht mehr so singen wie mit 20 oder 30 Jahren. Das ist vorbei, so ehrlich sollte man zu sich selbst sein. Ich möchte das auch mir und vor allem den Leuten nicht mehr antun. Deshalb habe ich auch oft ein ungutes Gefühl, weil ich der Meinung bin, ich bringe den Gesang nicht mehr optimal rüber. Das muss nicht sein. Ich quäle mich, die Leute sind enttäuscht. Solche Reaktionen bekam ich tatsächlich schon mal zu spüren. Zwar selten, aber es kam halt. Aber meistens laufen die Konzerte sehr gut ab. Es kommt halt immer auf die jeweilige Situation und Tagesform an. Ein einziges Mal in meinem ganzen Musikerleben ist eine Veranstaltung ausgefallen, weil ich stimmlich nicht mehr konnte. Das war vor einigen Wochen. Aber nicht mit electra, sondern bei "Geschichten vom SACHSENDREIER", was ich nebenbei noch mit WERTHER LOHSE mache. Das wäre im Völkerschlachtdenkmal zu Leipzig gewesen, also nettes Ambiente, schöne Mugge. Doch ich singe mir nicht mehr die Kehle aus dem Hals. Genau das mache ich nämlich zur Zeit, denn MAMPE LUDEWIG ist erkrankt und fällt aus. Käme MAMPE zurück, würde sich für mich vieles ändern, denn er nimmt mir auf der Bühne viel ab. Er entlastet mich quasi, denn er singt immer noch wie eine Lerche, obwohl er auch schon über 70 ist. MAMPE ist eben ein echter Tenor, ich dagegen bin ein gezüchteter Tenor. Eigentlich bin ich nämlich ein Bariton, aber irgendwie hat sich das mit der Tenorstimme damals so ergeben. Also, um wieder auf das Thema zu kommen, der Spaß auf der Bühne hält sich derzeit für mich in Grenzen. Vor allem dann, wenn ich für eine Veranstaltung, wie kürzlich mit dem SACHSENDREIER in Erfurt, so lange unterwegs bin. Ich fahre hier morgens um neun los, und bin abends um halb elf wieder hier gewesen. Gut, ich habe da meinen Job gemacht, aber dass das solange dauert... Weißt Du, wenn sich da gleich noch ein paar Auftritte anschließen würden, dass man vielleicht drei Tage unterwegs wäre, dann würde es sich ja noch lohnen. Andererseits hätte ich davor auch Angst. Drei Tage am Stück, ich wüsste vorher nicht, ob ich das durchstehe. Was machst Du, wenn das schief geht? Dann verdienen die Kollegen meinetwegen kein Geld. Okay, beenden wir das Thema.

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Kommen wir mal zu Dir und Deinem Lebenslauf. Jeder Musiker hat einmal klein angefangen, das war bei Dir sicher nicht anders. Hast Du als Kind ein Instrument gelernt, oder lernen müssen? Oder anders gefragt: wie sahen Deine ersten Begegnungen mit der Musik aus, und wann war das?
Also ich bin von meiner Mutter nicht gezwungen worden. Aber meine Mutter hat mich eben angehalten, wie man das bei Kindern so macht, doch irgendwas Musikalisches zu machen. Ich glaube, die wenigstens Kinder werden sagen: Mama, Papa, ich will unbedingt in den Klavierunterricht! Sicher wird es so etwas vereinzelt geben, aber bei mir war das weniger der Fall. Wir hatten zu Hause ein Klavier, und meine Schwester spielte auch auf diesem Klavier. Also schickte meine Mutter mich dann auch zum Klavierunterricht, als ich ungefähr 10 Jahre alt war. Vielleicht auch schon ein Jahr früher, ich weiß es nicht mehr so genau. Letztendlich war das aber auch gut so. Ich habe Klassik gelernt. Es gab ja auch damals nichts anderes. Mit der Zeit wurde ich immer besser, aber ich war ziemlich faul. Ich hatte nämlich zum Üben keine Lust. Dazu kam, dass ich im Gegensatz zu den anderen ohne Noten spielen wollte. Aber dieses Auswendiglernen der Noten hat mir überhaupt keinen Spaß gemacht. In diesem Zusammenhang möchte ich noch etwas anderes sagen. In diesem Haus hier gab es mal eine Musikschule. Da kamen die Eltern mit ihren Kindern, die ein Instrument lernen sollten. Ganz vielen von diesen Eltern hätte ich am liebsten gesagt: "Mensch Leute, quält doch Eure Kinder nicht, das wird nie was! Die Kinder können beim besten Professor in den Unterricht gehen, aber sie werden es nicht packen. Es hat einfach keinen Sinn." Das darf man natürlich nicht laut sagen, weil die Lehrer mit den Kindern ihr Geld verdienen. Es ist halt ein Job. Aber mir geht es darum, dass viele Eltern eben einsehen sollten, dass manches Kind einfach nicht das nötige Talent, und manchmal auch nicht den nötigen Spaß und Willen mitbringt. Meine Mutter jedenfalls war der Meinung, ich hätte Talent, was ihr der Lehrer auch bestätigte. Also bin ich dabei geblieben und wurde immer besser.
Nun gab es seinerzeit in der Schule, es war die 8.Klasse, ein Fach namens UTP, das hieß Unterrichtstag in der Produktion. Von diesem Unterricht war ich befreit, damit ich nicht zu schwere Hände kriege, denn es war vorgesehen, dass ich später mal die klassische Pianistenlaufbahn einschlage. Dafür musste ich natürlich enorm viel üben. Alle 14 Tage hatte ich in der Zweigstelle der Carl Maria von Weber-Hochschule in Dresden in der Mendelsohn-Allee Unterricht. Jedes Mal, wenn ich dahin fuhr, hatte ich ganz doll gebetet, dass die Straßenbahn entgleisen möge, oder etwas anderes schlimmes passiert. Ich hatte doch wieder nicht geübt! Diese Phase hielt lange an, bis in meine Abiturzeit rein. Da bin ich dann allerdings rausgeflogen, weil ich die Prüfung nicht geschafft habe. Für meine Mutter muss das ein schwerer Schlag gewesen sein. Für mich weniger, denn ich hatte dieses ständige Üben satt.

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Wann und wie hast Du Deine Liebe zur Beat- bzw. Rockmusik entdeckt?
Das war ungefähr 1965. Die BEATLES waren schon bekannt. Selbst in Dresden konnte man über Kurzwelle Radio Luxemburg empfangen. Zwar mit Störgeräuschen, aber es funktionierte, und man konnte auf die Art relativ neue Hits hören. So lernte ich "A hard days night" und "I want to hold your hand" kennen, und das war natürlich eine andere Welt! Dadurch war für mich endgültig klar, dass ich auf das Klassikklavier überhaupt keinen Bock mehr hatte. Meiner Mutter, die mich wahrscheinlich schon irgendwo als Dirigent oder so was in der Art gesehen hat, muss es das Herz zerrissen haben. Aber sie hat zu mir gestanden und meine Entscheidung akzeptiert. Mit 15 habe ich dann die Laute meiner Mutter genommen und dieses Schallloch, diese meistens verzierten Dinger rausgebrochen und weiß angestrichen, damit es etwas poppiger aussieht, und anschließend Metallsaiten aufgezogen. Im Keller haben wir dann über Radios und selbstgebaute Tonabnehmer mit Diodensteckern Musik gemacht. Und das erste Schlagzeug waren alte Marmeladeneimer aus Pappe! Die klangen dann, je nach dem wie sie abgeschnitten waren, mal höher oder mal tiefer. Das war natürlich nur ein Provisorium, damit sind wir nicht aufgetreten. Aber das hat mir Spaß gemacht! Nicht dieses olle Klavier, nein! Dennoch habe ich nebenbei weiter Klavier gespielt.

Hat sich damals schon abgezeichnet, dass Du mal Sänger werden würdest?
Nein, überhaupt nicht. Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht. Die BEATLES sangen selbst zu ihren Liedern, also habe ich es auch einfach versucht. Wir haben zwar immer nur nachgesungen, aber bei den QUNINTANAS hatten wir dann bereits die ersten eigenen Songs mit Pseudotexten. Das hat uns jedenfalls Spaß gemacht, und wir sind dabei geblieben. Aber dass ich das mal mein Leben lang mache, hätte ich nie gedacht. Wobei man das genau so wenig planen konnte wie alles andere. Ich hatte wahrscheinlich gar keinen Plan. Spaß haben, in den Tag hinein leben, Musik machen, halbwegs die Schule über die Runden kriegen, das war mein Ziel.

Wie hieß die erste Band, in der Stephan Trepte mitgespielt hat?
Meine erste Band hieß QUINTANAS, da war ich aber noch Gitarrist. Es gab zwar vorher noch eine kleine Schülerband, doch das war eher Spielerei. QUINTANAS war schon etwas Ernsteres, wir hatten die gleichen Jacken an und schon längere Haare. Durch Ferienarbeit verdiente ich mir etwas Geld, wovon ich mir dann immer neue Instrumente kaufte. Ich hatte bestimmt drei oder vier Gitarren. Schöne Teile, das war schon was in der damaligen Zeit.

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Stephan, Du hast eine Ausbildung zum Maschinenbauer mit Abitur absolviert, anschließend auch in dem Beruf gearbeitet, aber nebenbei in verschiedenen Amateurbands Musik gemacht. Welche Bands waren das?
Das hieß übrigens Maschinenbauer im Mühlenbau. Aber das nur nebenbei. Sicher gab es noch weitere Amateurbands, doch das war alles nichts Wichtiges. Außer vielleicht die Band, in der ich nach der Armeezeit gespielt habe. Das war nicht mehr QUINTANAS, sondern CRUX. Und danach habe ich noch einmal die Band gewechselt, die hieß dann STC. Für die Offiziellen und die Behörden war STC die Abkürzung für Stereo Club. Aber natürlich hieß das in Wirklichkeit STONES Club. Eigentlich war ich damals mehr BEATLES-Fan, aber die STONES waren aus heutiger Sicht einfach uriger und ehrlicher. Oder anders gesagt: die BEATLES waren die Schickimicki-Band, und die STONES eher die rotzige Band. Das ist bis heute so geblieben. Jedenfalls durften wir damals natürlich offiziell nicht STONES Club heißen.

Hast Du außer Gitarre noch weitere Instrumente gespielt?
Ja. Schon vor meiner Armeezeit zeichnete sich ab, dass mich die Tasteninstrumente interessieren. Irgendwann leistete ich mir dann mein erstes Claviset. Meine Mutter hat mich dabei unterstützt, weil ich es selbst nicht finanzieren konnte, auch nicht mit Hilfe der Ferienjobs. Meine Mutter war wahrscheinlich auch froh, dass ich wieder etwas bei den Tasteninstrumenten hängen geblieben war. Kurz darauf kam meine erste Orgel, die hieß Ionika 6 und hatte zwei Manuale. Die habe ich ein bisschen auf poppig gemacht, also äußerlich frisiert. Diese Orgel nahm ich dann auch mit zur Armee. Als sich unsere dortige Armeeband auflöste, verpumpte ich diese Orgel übrigens für den Rest meiner Dienstzeit an MUCK (Hartmut Schulze-Gerlach). Später habe ich sie dann an irgendwen verkauft, aber nicht an MUCK, und mir endlich eine Matador-Orgel geleistet. Mit dieser Matador-Orgel habe ich dann bei STC Musik gemacht, und dazu auch noch gesungen.

Gab es in Deinen ersten Bands Musikerkollegen, die es später zum Profimusiker gebracht haben?
Ja, Mike (Michael) Demnitz zum Beispiel. Den traf ich bei electra wieder, nachdem das Kapitel QUINTANAS vorbei war. Er war bei den QUINTANAS Bassist und spielte den McCartney-Bass. Mike Demnitz war ein sehr angenehmer Mensch, mit dem ich über die Jahre viel erlebt habe. Aber was er heute macht, weiß ich nicht. Wahrscheinlich macht er keine Musik mehr.

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Du hättest es in Deinem erlernten Beruf in der DDR durchaus gut haben können. Die Alternative als Musiker war dagegen ja doch eher der unbequeme Weg. Wann wurde Dir klar, dass Du dennoch die Musikerkarriere vorziehst?
Das kann man so nicht sagen. Ich wollte eigentlich niemals Musiker werden. Ich wollte meine Muggen machen, denn ich war ja Amateurmusiker. Das wäre ich wahrscheinlich auch solange geblieben, bis ich oder jemand anders gesagt hätte: Wir lösen uns jetzt auf. Dann hätte ich eben meinen Job weiter gemacht. So habe ich halt lange Zeit beides parallel laufen lassen. Ich bin also Maschinenbauer im Mühlenbau geblieben, aber ich habe mir die Jobs raus gesucht, von denen ich wusste, die mache ich mit links. Beispielsweise in der Bohrabteilung, wo die Arbeit zwar stupide, aber überschaubar war. Dadurch hatte ich viel Zeit und konnte mir nebenbei immer die Musik anhören und raussuchen, die wir auf der nächsten Mugge spielen wollten. So lief das eben vor sich hin. Totgearbeitet habe ich mich jedenfalls nie. Ich wollte ja nach wie vor beides machen, den Job und die Musik. Aber ich kam manchmal erst mitten in der Nacht von den Muggen zurück. Damals spielte man noch zum Tanz. Wenn wir dann beispielsweise in Cottbus spielten, war ich nicht vor 3 Uhr nachts zuhause. Um 7 Uhr sollte ich aber wieder auf der Arbeit sein. Da konnte ich mir doch keinen Job aussuchen, bei dem ich die Nerven behalten musste! Das musste also irgendwas Schmalspuriges sein. Deswegen habe ich mir diese einfachen Arbeiten ausgesucht. Und so wäre das wohl ewig weiter gegangen. Aber dann kam ja mit electra doch alles ganz anders.

Um in der ehemaligen DDR dauerhaft Musik machen zu können, brauchte man einen Abschluss an einer staatlichen Musikhochschule. Welches Fach hast Du belegt? Außerdem hattest Du wie jeder Musiker sicher auch eine Einstufung, oder? Wie sah die aus?
Nein, die Frage nach einem solchen Abschluss kam nie. Ich konnte mein Instrument spielen, und damit war es gut. Ich musste als Amateur lediglich mit der Band bei einer Bezirkskommission vorspielen, und da bekam man dann eine Einstufung verpasst. Mit der höchsten Einstufung hast Du dann 7,50 Mark pro Stunde verdient. Wir als Tanzmusiker haben vielleicht so um die 3 Mark pro Stunde bekommen. Aber das war in Ordnung. Zirka 50 Ostmark pro Abend haben wir immer nach Hause gebracht. Zusammen mit meinem Lohn war das nicht schlecht.

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Wenn Du heute auf Deine Karriere zurückblickst, kommen einige Bands zusammen, bei denen Du mehr oder weniger lange Station gemacht hast. Deine erste - aus heutiger Sicht - bekannte Band war 1972 electra. Wie kam es damals zur Zusammenarbeit, wie kam man ausgerechnet auf Dich?
Wir hatten mit STC eine Mugge in Pockau, das liegt bei Chemnitz, früher Karl-Marx-Stadt. Da die Leute viel tanzen wollten, die Bands aber auch mal eine Pause brauchten, gingen viele Veranstalter dazu über, zwei Bands für den Abend einzukaufen. Discos gab es ja damals noch nicht. Die Bands wechselten sich ab. Die einen spielten, die anderen konnten saufen, um die Zeit der Spielpausen zu überbrücken. Das war eben so. Wir kamen also in Pockau an und ich fragte, wer denn heute Abend die zweite Band sei. Da sagten die mir: electra. Natürlich dachte ich, die verscheißern mich. Wir haben ja in Pockau nicht unbedingt in einem großen Saal gespielt. Weißt Du, während der Armeezeit war ich mal in Uniform im Kulturpalast Dresden. Da spielte electra zum Konzert, zusammen mit MARYLA RODOWICZ, den ROTEN GITARREN und CZESLAW NIEMEN. Ich saß da unten im Zuschauerraum und dachte: Meine Güte, das ist was! Wenn ich da an meine Klimperei mit den Amateurbands dachte... Aber egal, diese Bands waren halt unerreichbar. An diese Eindrücke erinnerte ich mich jedenfalls in dem Moment. Und als ich dann merkte, electra spielt tatsächlich auf der gleichen Veranstaltung wie wir, da habe ich richtig Schiss gekriegt. Ich hatte Respekt vor denen, das war für mich ein ganz anderes Kaliber. Die hatten es halt geschafft. Es war mir unbegreiflich, dass wir mit denen zusammen spielen sollten, und ich wollte einfach abhauen. Unser damaliger Manager, wenn man es so nennen durfte, wollte mich zum Bleiben bewegen. Ich hatte in meinem Leben einige Alkoholphasen zu überstehen, habe Raubbau an meinem Körper betrieben. Und damals war ich gerade auf dem "Mocca-Edel"-Trip. Also habe ich mir einige "Mocca-Edel" hintergekippt und war besoffen genug, um den Abend zu überstehen. Wir haben dann unseren Auftritt gemacht, als wäre electra gar nicht da. BERND AUST muss meine Art zu singen, so hat er jedenfalls später mal in verschiedenen Interviews erzählt, irgendwie an CZESLAW NIEMEN erinnert haben. Er kam in der Pause also zu mir und fragte, ob ich nicht bei ihm einsteigen wolle. Ich habe erstmal gar nichts dazu gesagt, sondern bin zu meinen Bandkollegen und habe denen erzählt: "Ich habe immer eine hohe Meinung von electra gehabt, aber dass das solche arroganten Arschlöcher sind, hätte ich nicht gedacht. Die wollen mich abwerben, damit ich bei ihnen singe. Aber verscheißern lasse ich mich nicht!" Ich habe nämlich wirklich geglaubt, die wollen mich verscheißern. AUST kam jedoch noch ein zweites Mal und wiederholte sein Angebot. Seitdem weiß ich, es gehört ganz viel Glück dazu, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Das war für mich der Wendepunkt. Wäre das nicht passiert, wer weiß ... Vielleicht wäre ich dann Mühlenbauer geworden. Aber dort, an jenem Abend in Pockau, bot sich für mich die einmalige Chance an, eine Profikarriere zu beginnen, und ich habe zugegriffen. Allerdings sagte Aust dann zu mir: "Pass auf, Keyboard spielen können andere besser als Du, aber singen kannst Du, das probieren wir mal." Wir haben es probiert, und es ging gut. Damals war "Tritt ein in den Dom" schon fertig geschrieben, und wäre ich nicht gekommen, hätte ihn wahrscheinlich MAMPE LUDEWIG gesungen.

Spätestens jetzt hättest Du doch aber einen Berufsausweis gebraucht!
Genau, jetzt fing das Dilemma mit dem Berufsausweis an. Dabei kam mir endlich mal meine Ausbildung in der Klassik zugute. Ich habe Gesangsunterricht genommen, und BERND AUST hat durch seine Referenzen dafür gesorgt, dass ich eine schnelle Lizenz als Kapellensänger erhielt. Das war schon eine Profipappe, die war rot und dreiseitig. Nun war ich also offizieller Kapellensänger ohne festes Gehalt. Aber das war nur der Anfang. Die richtige Pappe, wie wir Künstler zur Spielerlaubnis sagen, die richtige Pappe als Solist beantragte ich dann erst später bei LIFT. Aber auch mit dem Status eines Kapellensängers konnte ich mich beim Rat des Bezirkes im SV-Buch als Sänger eintragen lassen.

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Das hat sich doch sicherlich auch im Geldbeutel bemerkbar gemacht, oder? Hat Dich das verändert?
Klar. Damals gab es schon separate Vereinbarungen für Konzerte. Wir spielten damals immer Tanz plus Konzert, damit wir auf unser Geld kamen. Plötzlich verdiente ich viel mehr Geld als früher zu Amateurzeiten. Viel zu viel aus heutiger Sicht. Wenn Du jung bist und zuviel Geld verdienst, bist Du viel zu anfällig für die Verlockungen des Lebens. Dagegen war natürlich auch ich nicht gefeit. Es war mitunter wirklich ein großer Fluch. Ich brauchte jedenfalls nicht mehr arbeiten gehen.

1974 erschien die erste electra-LP. Welchen Anteil hast Du an der Entstehung der Platte?
Mein Anteil bestand eigentlich nur darin, meinen Job als Sänger zu erledigen. Die meisten Songs für das Album hat Bernd Aust geschrieben, einer stammt von PETER SANDKAULEN, vielleicht auch noch einer von HANS-PETER DOHANETZ. Ich war jedenfalls froh, dass ich den Gesang machen konnte. Allerdings gab es dann noch dieses kleine Problem.

Welches Problem?
Es passierte folgendes: Nach der Fertigstellung von "Tritt ein in Dom" sagte LUISE MIRSCH: "Hört Ihr eigentlich, dass Euer Sänger einen "s"-Fehler hat? Der lispelt!" Das hatte keiner gehört. Aber als wir uns die Aufnahme noch mal in Ruhe anhörten, kam es zum Vorschein. Also sagten wir uns, singe ich es eben alles noch mal ein. Aber nun, mit diesem psychischen Druck im Rücken, wurde es von Mal zu Mal schlimmer. Es wurde sogar so schlimm, dass ich "Tritt ein in den Dom" zwar gesungen habe aber alle "s"- und "z"-Laute bei der Aufnahme von Bernd Aust gesungen wurden! An dieser Stelle demonstrierte STEPHAN TREPTE, wie das damals gewesen sein muss. Leider lässt sich das nicht in Worte fassen. Aber es war köstlich...
Schnitttechnisch gesehen war das natürlich eine Heidenarbeit. Wenn Du diesen Titel im Original mal in die Finger kriegst, dann wirst Du es genau hören. Dann gab es noch viele weitere Titel, bei denen ich noch heute meinen "s"-Fehler raushöre. Und Du wirst es nicht glauben, aber im Nachhinein habe ich es auch noch bei anderen Sängern gemerkt, dass sie genau dasselbe Problem hatten. Zum Beispiel ist es mir bei VERONIKA FISCHER aufgefallen, wenn auch nur ganz selten. Und auch bei der LÜTTEN (ANGELIKA MANN) habe ich es rausgehört. Wenn man so etwas weiß, achtet man natürlich verstärkt darauf. Mich hat diese Geschichte auch sehr belastet. Ich dachte wirklich, wenn das nicht besser wird, fliege ich vielleicht bei electra raus. Das wollte ich natürlich nicht. Mein Leben hatte sich ja inzwischen radikal geändert. Ich musste nicht mehr arbeiten gehen, konnte nach der Mugge auspennen, ich hatte viel mehr Geld als vorher. Weißt Du, meine Mutter bekam als Lehrerin etwa 800 Ostmark. Bei electra hatte ich 2000 Mark im Monat. Davon konnte man anständig leben im Osten. Das habe ich auch gemacht.

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Auf der LP sollte eigentlich der Titel "Tritt ein in den Dom" zu finden sein, der ja für dieses Album aufgenommen wurde. Natürlich musste der Text seinerzeit für Aufsehen sorgen und die politische Führung der DDR nervös machen. Wie wurde Euch als Band damals begründet, dass dieser Song nicht staatstragend genug sei, nicht mit auf die LP durfte, und wie habt Ihr darauf reagiert?
Anfangs wurde er noch im Rundfunk gespielt. Da es mein erster Titel war, den ich eingesungen habe, klebte ich natürlich Tag und Nacht am Radio und wartete und wartete. Wann kommt der denn nun endlich… Dann lief er tatsächlich irgendwann, und ich sage Dir, das war ein gutes, schönes Gefühl. Und dann war er plötzlich wieder weg. Eines Tages sagte BERND AUST uns dann, der "Dom" ist auf dem Index gelandet, weil es den Obrigen nicht in den Kram passte, dass wir einem Dom gehuldigt hatten. Das sei schließlich ein kirchliches Bauwerk. Wir haben dann argumentiert, dass Kurt Demmler den Text ganz anders verstanden haben wollte. Den Dom haben Menschen errichtet, und dieser Titel hat die Würdigung des Menschen zum Ziel, nicht die des Gottes! Doch da war nichts mehr dran zu rütteln beim Lektorat. Über diese Lektorate könnte ich Dir übrigens Geschichten erzählen… Als es dann entschieden war, dass der Titel nicht mit auf die Platte durfte, war ich natürlich enttäuscht. Aber wir haben es draußen auf den Bühnen gespielt, das durften wir seltsamerweise. Und es war auch immer ein bombiger Erfolg, was uns ein bisschen tröstete.

1974 war Dein Mitwirken bei electra vorbei, und Du bist bei der zweiten großen Dresdner Band, die es damals gab, eingestiegen: LIFT. Welche Gründe führten zu Deinem Ausstieg bei electra, und wie kam es zu Deinem Einstieg bei LIFT?
Es gab bei electra einen "harten Kern", was die Sauferei anging. Drogen gab es dagegen so gut wie keine. Wir hatten Faustan, nahm man die mit Alkohol, führte das zu einer gewissen Lethargie. Das habe ich aber nie genommen. Jedenfalls musste BERND AUST alle 14 Tage zum Rat des Bezirkes Dresden, wo natürlich auch die STASI saß und große Ohren machte. Er musste die Scheiße, die wir anderen verbockt hatten, wieder gerade biegen. Wir hatten Hotelzimmer verwüstet, furchtbare Orgien gefeiert, es war einfach alles unnormal. Heute wäre so etwas undenkbar, Dich würden sie von der Straße weg verhaften. So etwas wird nie wiederkommen, das war eben die damalige Zeit. Wir wollten und mussten einfach alles mal durch zelebrieren. Die STONES haben auch ihre Hotelzimmer verwüstet, also haben wir dasselbe gemacht. Es lag jedenfalls in der Luft, dass BERND AUST die Band auflösen würde. Es ging einfach nicht mehr. Ich persönlich habe damals ganz viel Mist gebaut, wofür ich mich heute schäme. Das hatte AUST nicht verdient. Er hing damals wie heute mit Herzblut an seiner Band, und wir haben mit seinem Namen und dem Namen der Band Schindluder getrieben. Das war unanständig, aber es war nun mal passiert. Um nun nicht gefeuert zu werden, was ich befürchtete, hatte ich schon heimlich mit LIFT Kontakt aufgenommen. GERHARD ZACHAR fand das gut. LIFT hieß damals noch DRESDEN SEPTETT und war mit Bläsern aufgestellt. Die Bläser sollten allerdings aus der Band raus. Dann kamen FRANZ BARTZSCH und CHRISTIANE UFHOLZ dazu, sodass eine komplett neue Band entstehen sollte, nämlich LIFT. Das war ein international verständlicher Name. Jedenfalls bin ich dann nach einer Probe, als das Geschäft mit ZACHAR in Sack und Tüten war, zu BERND AUST und habe formell gekündigt. Schriftlich! Völlig albern. Da kann man noch so tolle Verträge haben - wenn es in einer Band nicht mehr funktioniert, muss man es beenden. Und so bin ich eben zu LIFT gewechselt.

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Wurdest Du bei LIFT mit offenen Armen empfangen nach all dem, was passiert war?
Ja, so sah es zumindest aus. Vielleicht wusste ZACHAR auch nichts von unseren Eskapaden. Es war jedenfalls eine ähnlich große Band. Es sah gut aus und fühlte sich auch gut an. ZACHAR war ein rühriger Mensch, sehr verständnisvoll, ganz anders als AUST. Und so bin ich ohne Probleme zu LIFT gewechselt. Es ging sogar alles ziemlich schnell.

LIFT und electra kommen beide aus Dresden. Gab es denn - unabhängig von Deinem Wechsel - eine echte Konkurrenz zwischen den beiden Bands?
Es gab immer Konkurrenz zwischen den Ostbands. Wenn wir mal auf der Bühne zusammen gemuggt haben, versuchte jede Band zu glänzen. Nicht unbedingt vor dem Publikum, sondern vor den Kollegen, die ja was davon verstanden. Das Publikum konnte nie wirklich unterscheiden, ist der nun brillant auf seinem Instrument, oder singt der Spitze. Aber die Kollegen konnten das schon. Das ist ja im Prinzip heute noch so. Mit electra habe ich mich nur vor einer Band gefürchtet. Das war nicht LIFT. Nein, gefürchtet habe ich mich nur vor der BÜRKHOLZ-FORMATION. HANS-JÜRGEN BEYER war dort der Sänger, und der war ein Tenor. Wir spielten seinerzeit u. a. auch URIAH HEEP-Titel nach, weil die Leute natürlich das hören wollten, was sie aus dem Westradio kannten, wo sie ständig mit einem Ohr dran hingen. Erst mit dem zweiten Ohr hörten sie Ostradio. Jedenfalls sang BEYER als Tenor viel höher und brillanter als ich, einfach besser. Deshalb habe ich vor ihm Schiss gehabt. Aber glücklicherweise ist BEYER ja dann in die Schlagerbranche gewechselt.

Dein Dasein bei LIFT dauerte auch wieder nur ein Jahr. In dieser Zeit hast Du Titel wie "Atlantis", "Soldat vom Don" und "Mein Herz soll ein Wasser sein" gesungen, von denen die beiden letztgenannten sogar auf AMIGA-Singles erschienen. Stimmt es, dass der Text zu "Mein Herz soll ein Wasser sein", der von KURT DEMMLER stammt, eigentlich für electra bestimmt war, aber BERND AUST ihn nicht haben wollte?
Ja, das stimmt. Das war ein Text von der ersten electra-LP. KURT DEMMLER hatte für diese Platte einen ganzen Packen Texte bei BERND AUST abgeliefert und gesagt: Mach was daraus. Das war übrigens später auch für mich immer die beste Art, Musik zu schreiben, denn ein Text inspiriert Dich zu irgendwas. Entweder zu einer Stimmung, oder zu einem Arrangement oder so. Machst Du es dagegen umgekehrt, schreibst erst die Musik und gehst damit zu einem Texter, dann muss der Texter sich von der Musik inspirieren lassen. Und wenn Du dann Glück hast, passt auch eins zum anderen. Das war aber nicht immer so. Jedenfalls kriegte also der AUST von DEMMLER einen Stapel Texte. Im Proberaum lagen dann die aussortierten, mit denen AUST nichts anfangen konnte, wo ihm keine Melodie zu einfiel. Davon gab es zwei Stück. Einen davon habe ich sogar noch bei electra vertont, der hieß "Dem Kummer". Das war der einzige Titel, den ich bei electra selbst komponierte. Den spielten wir auch live, was mich sehr stolz gemacht hat. Der zweite war eben "Mein Herz soll ein Wasser sein". Den nahm ich mit zu LIFT und habe ihn dort wieder ausgegraben. Naja, mitgenommen ist nicht ganz richtig. Der Text lag einfach bei mir zu Hause. Ich hatte dort schon einige Male am Klavier rumprobiert, wie man das musikalisch umsetzen könnte. Dann gab es bei LIFT jedenfalls wieder mal Druck wegen einer neuen Produktion. Ich hatte ZACHAR im Vorfeld schon mehrfach erzählt, ich habe da noch einen Text von DEMMLER, der ist gut, und ich habe da auch schon eine musikalische Idee. Da haben mich die Kollegen vor einem Konzert in Anklam mit ZACHARS Orgel in einem Schuppen eingesperrt und gesagt: "Du kommst hier erst wieder raus, wenn das Lied fertig geschrieben ist." Ich habe es tatsächlich fertig gemacht, und wir haben es noch an demselben Abend erstmals geprobt. Ob wir es dann auch gleich ins Konzert gepackt haben, weiß ich nicht mehr. Ich bezweifle das aber.

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Deine Zeit bei LIFT brachte wie gesagt einige erfolgreiche Titel hervor. Warum hast Du dann trotzdem bereits 1975 der Band den Rücken gekehrt?
War das wirklich schon 1975? Na wie auch immer. Wir hatten ja durchaus einige Auslandstourneen. Zwar nie in den Westen, aber in den Osten schon. So waren wir u. a. auch mal in Polen, und da habe ich tatsächlich einen Song von CZESLAW NIEMEN gesungen. Um das richtig aussprechen zu können, habe ich vorher in der DDR extra Polnisch-Unterricht genommen, denn diese Sprache ist nicht so einfach. Die Tournee lief recht gut, und danach stand Rumänien auf dem Plan. GERHARD ZACHAR war damals mit DINA STRAAT verheiratet. Natürlich lag es auf der Hand, dass ZACHAR mit seiner Frau das Leben genießen wollte, die waren schließlich in der gleichen Branche. Warum sollte er ihr also nicht ein Stück vom Kuchen abgeben? Heute verstehe ich das auch. Das bedeutete, dass LIFT, wenn DINA STRAAT im Rundfunk ihre Schlager aufnahm, als Band die Songs eingespielt hat. Eine bessere Begleitband konnte DINA sich doch gar nicht wünschen! Das war allemal gescheiter als irgendwelche Studiomusiker zu buchen, die ihre Zeit runter schrubben, dabei ständig auf die Uhr gucken und dann sagen: die Zeit ist um, tschüss! ZACHAR nahm DINA also mit nach Rumänien. Dort teilte ich mir mit ihr nicht nur die Bühne, sondern auch die Songs. Sie sang immer einen Schlager, ich danach was ganz anderes. Deshalb war LIFT ja auch immer eher eine liedhafte Band. Das hat also gar nicht so schlecht gepasst.

Dann war die Präsenz von DINA STRAAT also der Grund für Deinen baldigen Ausstieg bei LIFT?
Nein, überhaupt nicht. Ich muss dazu sagen, dass seinerzeit nicht nur ich, sondern auch SANDKAULEN, DEMNITZ und DOHANETZ electra verlassen haben. Dafür kamen MANUEL VON SENDEN, GISBERT KORENG, RAINER UEBEL und WOLFGANG RIEDEL neu in die Band. PETER DOHANETZ und MIKE DEMNITZ sind danach zu VITAMIN C gegangen, während PETER SANDKAULEN mit mir bei LIFT anfing. Und wir beide haben dann auch bei LIFT ordentlich die Gläser klingen lassen. Wir hatten jedenfalls in Rumänien eine Veranstaltung in einem Stadion, wo wohl Verwandtschaft von Ceausescu anwesend war. An diesem Tag war es barbarisch warm. Wir bekamen damals vom Komitee für Unterhaltungskunst maßgeschneiderte Klamotten. Selbst die Schuhe waren vorgegeben. Ich hatte eine Samtjacke an, geschlossen bis oben hin. Darunter noch ein Hemd, ich habe mich zu Tode geschwitzt. Und da habe ich einfach diese Jacke ausgezogen, und stand dann nur in so einem Unterhemd da. SANDKAULEN machte es mir nach. Ich hatte an dem Tag Geburtstag und wollte die Band abends noch im Hotel auf einen Drink einladen. Dazu muss man wissen, dass inzwischen MICHAEL HEUBACH zur Band gehörte. Und mit dem konnte ich nicht, es passte menschlich einfach nicht zusammen. SANDKAULEN war schon bei mir im Zimmer, und ich wollte die anderen holen, um mit einem Glas Sekt anzustoßen. Da hörte ich, wie ZACHAR ziemlich laut zu den anderen sagte: "Ich lasse mir doch nicht durch die beiden die Karriere von meiner Frau versauen! Das geht so nicht! Ich mache denen eine Ansage!" Und so ging es noch ein bisschen weiter. Ich habe schnell SANDKAULEN dazu geholt, dass der sich das auch anhört. Nun war folgendes passiert: angeblich hätten sich die rumänischen Sicherheitsleute aufgeregt, weil ich im Unterhemd auf der Bühne gestanden hatte. Das gibt es in diesem Land nicht. Am nächsten Morgen bin ich dann am Frühstückstisch zu GERHARD ZACHAR und sagte ihm, dass ich ihn dummerweise gestern gehört habe und diese Vorwürfe nicht auf mir sitzen lasse. Ich steige deshalb bei LIFT nach der Tournee aus. Inzwischen war FRANZ BARTZSCH schon weg, um mit VRONI FISCHER weiter zu machen. CHRISTIANE UFHOLZ gehörte auch nicht mehr zur Band, die war mit MANNE KRUG unterwegs. Mit DINA hätte es sich im Laufe der Zeit wahrscheinlich eh zu einer Art Misch-Masch-Schlagerband entwickelt, HEUBACH passte mir sowieso nicht, also kam mir die Situation gerade recht. Ich wusste zwar echt nicht, was ich danach hätte tun sollen, doch ich habe mir einfach keine Platte gemacht. Inzwischen hatte ich ja auch meine zweite Frau. Immer mit dem Wechsel zu einer anderen Band ging auch meine Ehe in die Brüche. Andere Band, andere Stadt… Jedenfalls kündigte ich bei LIFT, und GERHARD ZACHAR bat mich lediglich darum, wenigstens bis zum Herbst noch in der Band zu bleiben. Dann standen nämlich wieder Entlassungen bei der Fahne an, und WOLFGANG SCHEFFLER meinte, er hätte da einen Kumpel, der gut singen könne, und das war HENRY PACHOLSKI. Ich habe ZACHAR den Gefallen getan, und wir sind dann ganz friedlich auseinander gegangen.

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Nach LIFT steht die Gruppe NEON in Deiner Vita. Was war das für eine Band, wer spielte dort mit und wie bist Du 1976 dazu gekommen?
Da brauchen wir gar nicht lange drüber reden. Kopf war ein ehemaliger Gitarrist von LIFT, nämlich JÜRGEN HEINRICH. LIFT spielte ja dann eine ganze Zeit lang ohne Gitarre, bis PETER SANDKAULEN das wieder übernahm. JÜRGEN HEINRICH gründete also NEON, außerdem waren dabei JÖRG DOBBERSCH am Bass, den ich später zu REFORM geholt habe, sowie eine Sängerin mit Namen GISELA DRESSLER. In diese Band bin ich dann für eine Weile mit eingestiegen. Es gab dann dort allerdings ein paar finanzielle Unstimmigkeiten, so dass diese Episode für mich bald beendet war.

NEON war also nur ein Intermezzo, denn schon 1977 Jahr bist Du zur Gruppe REFORM gewechselt.
Nein, das stimmt nicht. Erst mal wusste ich nach dem Ende bei NEON wieder nicht, was ich machen sollte. Ich saß in Dresden rum, hatte keinen Plan und kein Geld. Klar, ich hatte immer gut verdient, aber ich habe auch genauso gut gelebt. Doch wie das so ist, irgendwo findet sich immer ein Schlupfloch, man darf nur nicht gleich die Nerven verlieren. Und so lief mir eines Tages KLAUS LENZ über den Weg. Der war der Meinung, mit den besten DDR-Sängern eine Tour machen zu müssen. Das Ganze sollte auf ein Jahr befristet sein. LENZ sprach mich also an, ob ich Lust hätte. Dabei waren u. a. KLAUS NOWODWORSKI, HANSI KLEMM, DIE LÜTTE, HOLGER BIEGE, VRONI und noch ein paar andere. Die Proben fanden in Müncheberg statt, wo KLAUS LENZ einen Bauernhof hatte. Da kamen wir alle unter, und wir schliefen unter jugendherbergsähnlichen Zuständen in einem großen Raum. Es waren wirklich eine Unmenge Leute, denn so eine Big Band hat ja viele Musiker, dazu noch die ganzen Solisten… also es war schon beeindruckend. Wir tourten dann tatsächlich ein ganzes Jahr lang durch die Republik, machten wunderbare Muggen, mal große, mal kleine, aber es hat richtig Spaß gemacht. Es war auch eine gute Big Band-Erfahrung für mich. Allein schon die Proben war Klasse. Dass KLAUS LENZ nicht nur ein guter, sondern auch ein sehr rigoroser Bandchef war, zeigt folgende Anekdote: Das Abschlusskonzert der Tournee fand in der Nalepastraße vor sämtlichen Rundfunkmitarbeitern statt. Unter anderem hatten wir auch ein BLOOD, SWEAT & TEARS-Medley im Programm. Dieses Medley wurde natürlich auf Englisch gesungen. Und wir Sänger hatten uns den Text in Riesenbuchstaben auf Zettel geschrieben und diese auf die Erde geklebt. LENZ sah das, nahm uns die Zettel weg und schimpfte los: "Ich lerne die Texte über Nacht alle auswendig, und Ihr seid nicht in der Lage, diese paar Zeilen auswendig zu lernen! Das ist das Letzte! Ihr seid die letzten Solisten! Ihr drückt Euch das jetzt rein!" So hat er uns also regelrecht runter geputzt. Er konnte sehr streng sein, war aber auch sehr gerecht. Auf dem Bauernhof hatten übrigens jeden Tag zwei von den Musikern Küchendienst. Es gab da einen richtigen Dienstplan. Zwei Mann mussten also immer früher aufstehen und das Frühstück zubereiten. Und KLAUS LENZ persönlich hat anschließend Noten verteilt. Natürlich wollte jeder der Beste sein, bzw. keiner der Letzte, und somit haben wir uns täglich auf wunderbares Essen freuen können. Wir Solisten waren übrigens ausgenommen vom Küchendienst, worüber wir nicht böse waren (lacht herzlich). Ach ja, es war eine schöne Zeit.

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Aber nun - und jetzt enttäusche mich bitte nicht - begann Deine Zeit bei REFORM. Du hast dort FRANK SCHÖNFELD als Sänger abgelöst. Sind die Kollegen von REFORM auf Dich zugekommen oder hast Du Dich als FRANKs Nachfolger beworben?
Auch dazu muss ich etwas ausholen. Schon während ich noch bei LIFT spielte, kam ständig JÖRG "MATZE" BLANKENBURG auf mich zu und hat förmlich an mir gebaggert. Das hatte aber auch einen Grund, und damit komme ich zu Deiner Äußerung, ich hätte FRANK SCHÖNFELD als Sänger abgelöst. Also das war damals so: Du hast als Band nur genügend Muggen gekriegt, wenn Du bekannt warst. Und bekannt wurdest Du nur, wenn Du in den Medien präsent warst mit Deiner Musik. Liefst Du im Fernsehen oder Rundfunk oft genug, kamen die Leute, um Dich auch mal live zu sehen. Das ist ja heute auch nicht anders. Und REFORM war natürlich schon mehrfach bei LUISE MIRSCH gewesen und hatte gesagt: "Wir wollen auch mal ein paar Songs produzieren". Darauf soll LUISE dann gesagt haben: "Mit diesem Sänger wird das nichts. Aber ich gebe Euch mal einen Tipp. Ich kenne einen, der macht gerade eine Tour mit LENZ. Danach ist er aber frei. Versucht den als Sänger zu kriegen, dann klappt es auch mit den Rundfunkproduktionen." Davon wusste ich aber nichts. Ich wunderte mich nur, warum MATZE BLANKENBURG mich dermaßen bekniete. Ich kannte ihn nämlich persönlich überhaupt nicht. Der kam sogar extra bis nach Dresden, mit MIKE DEMNITZ im Schlepptau. Du weißt schon, der MIKE DEMNITZ von electra. DEMNITZ war das Zugpferd, der spielte nämlich schon Bass bei REFORM. Als wir uns dann trafen, sprach BLANKENBURG kaum ein Wort, das ist aber seine Natur. DEMNITZ dagegen redete um so mehr, und er meinte zu mir: "Mensch mach das bei REFORM!" Ich wollte aber nicht. Warum nicht? Weil damit ein Umzug nach Magdeburg verbunden wäre. Ich hatte aber Befürchtungen, wenn ich jetzt nach Magdeburg gehe, würde das nicht gut gehen. In Dresden hatte ich meine Freunde und vor allem meine Familie. Ich hatte dort u. a. meinen zweiten Sohn bekommen, ich war eigentlich rundum glücklich mit meinem Leben in Dresden und sah keinen Grund, das aufzugeben. Die andere Seite war aber das Geld verdienen. In Dresden gab es außer LIFT und electra keine weitere Band mehr. Gut, mit gutem Willen könnte man noch die STERN COMBO MEISSEN dazu zählen, aber die waren ja schon versorgt. Ob schon mit FISSLER, oder noch mit VRONI weiß ich jetzt nicht so genau. Jedenfalls stand das Angebot von REFORM im Raum, ich konnte oder wollte mich aber nicht entscheiden, kam lange nicht aus dem Knick. Irgendwann spielte REFORM dann mal in Dresden, und zwar in der Schauburg, das war seinerzeit ein gutes Kino in Dresden. Zu diesem Auftritt lud REFORM mich ein. Die spielten dann "Musical Box", diese ganze Platte von GENESIS hoch und runter. Da geht ja ein Lied 45 Minuten ohne jede Unterbrechung, eine ganze Plattenseite nur ein Lied! GENESIS, WISHBONE ASH und all diese Bands, das waren für mich böhmische Dörfer. Ich hatte keine Ahnung, was das ist! Ich konnte mit dieser Musik überhaupt nichts anfangen, konnte auch die Texte nicht verstehen. Nach diesem fürchterlichen Konzert stand mein Entschluss fest: Dort fängst Du nicht an! Wer hört sich denn sowas an?! Es war mir rätselhaft! Aber die REFORM-Jungs ließen einfach nicht locker, so dass ich es dann irgendwann doch als Chance verstanden habe, und so sagte ich mir: "Okay, versuch es, Du kannst ja jederzeit wieder aufhören." Und so nahm ich meine Tasche, die ich Himbeere nannte, und ging nach Magdeburg. In dieser Tasche hatte ich mein ganzes Hab und Gut, was ich für unterwegs brauchte. So begann meine Zeit bei REFORM.

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Wie war die Stimmung damals innerhalb der Band? Welche Ziele hattet Ihr und was waren Deine ersten Eindrücke, als Du mit den neuen Kollegen zusammengetroffen bist?
Wir probten immer in einem Keller, und geschlafen habe ich bei unserem Manager auf dem Fußboden. Den Kopf hatte ich in meiner Himbeere liegen, damit wenigstens der Kopf weich lag. Es gefiel mir dann ganz gut, die Proben machten Spaß. Weißt Du, wenn Du Familie zu Hause hast, kannst Du Dich nicht die ganze Nacht einbuddeln und an der Musik rumfeilen, so nach dem Motto: Nach mir die Sintflut. Dort ging das, ich blieb stundenlang in dem Keller, habe dort sogar geschlafen. Im Keller stand eine Menge Equipment rum, vor allem Keyboards. Alles war gut, die Musiker waren okay, die Stimmung war bestens. Unter anderem spielte damals WERNER KUNZE mit, der ehemalige Gitarrist der STERN COMBO und von den KLOSTERBRÜDERN, DETLEF KESSLER von LENZ spielte Schlagzeug. Der ist dann aber abgehauen und zu GRÖNEMEYER gegangen. Es stimmte jedenfalls alles, wir hatten eine gute Anlage, die Welt war in Ordnung. Es versprach wirklich gut zu werden. Wir haben viele eigene Titel gemacht, nachdem ich kam. Eigentlich habe ich ja alles geschrieben, weil kein anderer es konnte oder wollte. Außer KUNZE, der auch Ambitionen hatte, den einen oder anderen Titel zu schreiben. Doch das waren mehr gitarrenlastige Nummern, so wie für "Wie im Film" zum Beispiel. KUNZE dachte sich das Gitarrenriff aus und fragte mich, ob mir dazu eine Melodie einfiele. Ich sagte: "Ja, daraus kann man eine Rocknummer machen." Diese Nummer "Wie im Film" spielen wir übrigens heutzutage mit ELECTRA, was mir unverständlich ist. Wir spielen da mehr REFORM-Titel als ELECTRA-Nummern! Na gut, das ist jetzt leicht übertrieben, aber ich will sagen: wir sind ELECTRA, und nicht REFORM! Aber zurück zum Thema. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, bei den REFORM-Titeln. Es ging dann ruck zuck los beim Rundfunk, wir wurden produziert. Natürlich wollten wir, um auf die Frage nach unseren Zielen zu kommen, ganz oben ankommen, ein gutes Ansehen bei den Fans haben, auch ordentlich Geld mit der Musik verdienen, und vielleicht auch mal im Westen spielen zu dürfen. Das war uns aber leider nie vergönnt.

Lag das möglicherweise auch an Eurem Namen? REFORM ist ja ein Wort, welches in der DDR zumindest bei der Obrigkeit eher ungern verwendet wurde.
Das kann schon sein, dass allein unser Bandname gewissen Leuten bitter aufstieß. Auf die Frage, warum wir denn gerade REFORM heißen, erzählten wir immer, dass in Magdeburg gerade ein neuer Stadtteil entstanden war, der REFORM genannt wurde, und der übrigens heute noch so heißt. Da die meisten der REFORM-Musiker dort wohnten, haben wir uns halt nach diesem Stadtteil genannt. In Wahrheit wohnte kein einziger dort, das war nur Mittel zum Zweck. Aber um den Namen behalten zu können, dachten wir uns diese Geschichte aus, die dann auch überall hin verkauft wurde. Unsere Fans wussten natürlich um die Hintergründigkeit unseres Namens.

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Kurzer Schwenk: Du hast in einem Nebensatz zu Beginn unseres Interviews Deine Probleme mit dem Lektorat angesprochen. Wie sah es denn bei Reform damit aus?
Erstaunlicherweise hatten wir mit REFORM plötzlich sogar ein sehr gutes Verhältnis zum Lektorat! Nur ein einziges Mal während meiner Jahre bei REFORM gab es Schwierigkeiten mit denen. Mit LIFT, wenn ich noch mal kurz zurück schauen darf, hatten wir dagegen ein ganz mieses Verhältnis dorthin. Der Cheflektor hieß damals KLAUS HUGO. HUGO war ein Schlagerkomponist, der beim Lektorat im Rundfunk das Sagen hatte, und noch über GISELA STEINECKERT stand. Erst dann kamen die ganzen anderen Produzenten wie LUISE MIRSCH, die ja ohnehin auf unserer Seite stand und auch mal ein gutes Wort für die Musiker einlegte. Wie ich später erfuhr, war KLAUS HUGO mal der Freund von GERHARD ZACHAR, und ZACHAR hat dem HUGO irgendwann die DINA (STRAAT) ausgespannt. Das war wahrscheinlich der Grund, weshalb wir mit LIFT beim Lektorat regelrecht Spießruten gelaufen sind. Ich sage deshalb "wahrscheinlich", weil ich später, als ich von LIFT weg war, ein völlig anderes Verhältnis zu den Herrschaften vom Lektorat hatte, auch zu KLAUS HUGO. Zum Beispiel hatten wir mit REFORM den Titel "Uhren ohne Zeiger" gemacht. Da heißt es:
"Wir schleppen durch den Tag, wir kommen niemals an.
Das Gleichmaß unserer Schritte bringt uns nicht ein Stück voran.
Keine Sehnsucht quält uns mehr,
Gleichgültigkeit hat sich in unserem Leben breit gemacht."

Diese Nummer haben wir bei "rund" im Fernsehen gespielt. Nach der Sendung haben mich mehrere Kollegen erstaunt gefragt: "Wie habt Ihr denn dieses Lied, diesen Text durchs Lektorat gekriegt? Unfassbar!" So etwas gab es halt. Vielleicht hatten wir auch nur Glück.

Bei REFORM bist Du insgesamt 9 Jahre aktiv gewesen. Du hast den Großteil der Songs geschrieben und warst die Stimme der Gruppe. Rückblickend auf diese Zeit, was sind für Dich die schönsten Erinnerungen und was die weniger schönen?
Die schlechten Erinnerungen verdrängt man ja meistens, da fällt mir nicht mehr so viel ein. Gerne erinnere ich mich vor allen an die Auslandstourneen mit REFORM. Im Übrigen hatte ich allein schon deshalb so viel Spaß bei REFORM, weil ich dort ganz viel selbst machen konnte. Zum Beispiel habe ich bei "Löwenzahn" erstmals in die Arbeit mit Bläsern reingerochen. Ich habe auch die Gitarrenriffs ausgedacht und aufgeschrieben. Auch haben wir bei REFORM ganz viele Späße gemacht, teilweise sehr derbe Späße. Manch ein Außenstehender hätte da vielleicht nicht drüber lachen können, und selbst Bandmitglieder hatten manches Mal ein Problem, die Späße lustig zu finden. Aber es traf jeden Mal, wir versuchten uns immer gegenseitig eins auszuwischen, so dass es gerecht verteilt war. Selbst HANS WINTOCH, also HANS DIE GEIGE, der als einer unser sensibelsten Bandmitglieder galt, machte mit, aber er war auch sehr oft den Tränen nahe. Der arme Kerl. Es waren jedenfalls wunderbare Momente. Ebenso hat mir unwahrscheinlich die Arbeit beim Rundfunk gefallen. Mit REFORM haben wir ja ausschließlich Rundfunkaufnahmen gemacht. Das Tolle daran war nämlich, dass das Rundfunkgebäude menschenleer war, wenn wir kamen. Hintergrund war der, dass alle Rockbands nachts produzieren mussten. Erstens waren wir ein unansehnlicher Anblick für die soliden Rundfunkmitarbeiter, und zweitens waren tagsüber die Klassiker, die großen Streichorchester in den Studios. Die Nachttermine konnten also die Rockbands bestreiten, aber glaube mir, das war das Schönste! Es war ruhig, keiner hat Dich gestört, es war herrlich. Weniger schön war die Tatsache, dass ich mich erneut verliebt hatte. Anderes Städtchen, anderes Mädchen. Ich habe ja alle meine Frauen geliebt, bis auf die auf der freien Wildbahn. Heute kann ich es ja zugeben, dass wir in Sachen Frauen alle keine Kinder von Traurigkeit waren. Es ging schon so manches Mal drunter und drüber. Aber die Frauen, in die ich mich verliebte, die habe ich dann auch geheiratet, und mit jeder ein Kind gehabt. Und dann haut man wieder ab, lässt die Kinder im Stich. Das ist alles Scheiße. Dieses Thema ist halt eines, welches einen großen Wehmutsklang in die REFORM-Zeit bringt. Wieder ist die Familie kaputt, wieder musst Du von vorne anfangen. Aber auch das ging gut.

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Habt Ihr Eure drei LPs mit REFORM eigentlich bei AMIGA oder im Rundfunk aufgenommen?
Wir haben alle Langspielplatten beim Rundfunk aufgenommen, und AMIGA hat sie dann übernommen. Die fanden das natürlich toll, denn sie hatten keine Arbeit damit, der Rundfunk hat alles bezahlt, und AMIGA hat schlussendlich sogar noch Kohle damit verdient. Und noch heute, wenn ich das kurz einfügen darf, sitzt der ehemalige AMIGA-Chef auf den ganzen Rechten für unsere Musik. Wir haben ja nach der Wende alles unterschrieben und dachten ganz stolz: Ha, jetzt sind wir bei ARIOLA, einer Westfirma! Aber denkste, nee! Der Kumpel von AMIGA steckte dahinter! Später, als wir eine "Best of REFORM" rausbrachten, mussten wir bei dem Kerl winseln, dass wir die Titel freikriegen. Alle haben wir übrigens nicht bekommen. Weißt Du, der wartet jetzt bestimmt, bis einer von uns stirbt, und dann bringt er die Songs nochmal auf den Markt und verdient sich eine goldene Nase damit. So nach dem Motto: Leute kauft, das kommt nie wieder! Welcher Sinn sollte sonst dahinter stecken, denn er macht ja nichts mit den Liedern! Klar, ich könnte hingehen und mir meine eigenen Lieder für teuer Geld zurückkaufen. Aber da zahle ich mich ja blöde, also werde ich das nicht tun.

Nur zwei Jahre später kam mit "Löwenzahn" die nächste Langrille in die Plattenläden. Wo siehst Du die größten Unterschiede zwischen der Debüt-Platte und dieser zweiten Scheibe?
Der Hauptunterschied bestand vor allem darin, dass ich die zweite LP "Löwenzahn" bis auf die Texte vollständig selber gemacht habe. Die Texte, dass soll unbedingt erwähnt werden, kamen bis auf ganz wenige Ausnahmen von INGEBURG (BRANONER). Das war ein absoluter Glücksfall. Die INGEBURG kannte mich in- und auswendig. Sie kannte mich so gut, dass uns viele ein Verhältnis unterstellten. Das stimmte aber nicht, denn hätten wir dieses Verhältnis gehabt, wäre eine solch enge Zusammenarbeit wahrscheinlich gar nicht möglich gewesen. Ich konnte ihr wirklich alles erzählen, sie war eine sehr, sehr gute Freundin. Obwohl ich eigentlich von reiner Freundschaft zwischen Mann und Frau nichts halte, da Männer in der Regel schwanzgesteuert agieren und immer Hintergedanken haben - aber bei INGEBURG war das anders. Sie war eine wahre Freundin für mich, und genau das war der großartigen Zusammenarbeit zwischen uns förderlich. Ich konnte INGEBURG mein Herz ausschütten, und sie machte einen Text daraus, das war phantastisch!

Auf der dritten REFORM Langspielplatte von 1985 sind auch ein paar Songs drauf, die ursprünglich von der Gruppe LIFT waren. "Der Soldat vom Don" und "Mein Herz soll ein Wasser sein" werden dort von REFORM interpretiert. Wie kam es zu den Neuaufnahmen, welche Idee steckte dahinter?
Wir hatten einfach Lust darauf, wollten es vor allem anders machen als beim Original. In der REFORM-Fassung von "Soldat am Don" spielen zum Beispiel zwei Gitarren mit, der Anfang ist ein anderer, der ganze Song klingt anders. Aber solche Neuaufnahmen sind ja heute normal, das macht fast jeder irgendwann mal. "Mein Herz soll ein Wasser sein" wird heute ja von JAN JOSEF LIEFERS nachgespielt.

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Noch im gleichen Jahr verließ Bandgründer JÖRG BLANKENBURG die Band. Wie haben Du und die Kollegen diesen Ausstieg damals aufgenommen und was waren die Gründe für seinen Weggang?
MATZE verließ die Band, weil er angeblich einen Hörsturz hatte. Er hatte damals eine sehr junge Frau geheiratet und mit der auch noch mal einen Nachzügler bekommen. Er wollte damals schon nicht mehr so viel auf Reisen gehen. Ich hatte den Eindruck, dass er sich klammheimlich raus schwindeln wollte, indem er den Hörsturz vortäuschte. Es kann ja durchaus sein, dass es stimmte, aber für mich war das eine eher zwielichtige Geschichte, die ich niemals richtig geglaubt habe. Er verkaufte dann einen Großteil der Anlage, die ihm gehörte. Damals machte er mit HARRY JESKE viele Geschäfte, es ging dabei um die Beschaffung von Anlagen. Es war ja alles andere als einfach, und auch riskant, die Dinger her zu bringen. Wir hatten mit der Zeit jedenfalls immer weniger auf der Bühne zu stehen. Der Clou war ja dann, dass MATZE zwar nicht mehr mitspielen wollte, aber trotzdem noch Kapellenchef bleiben wollte. Die Band quasi von zu Hause aus leiten. Da haben wir uns dann zusammen gesetzt und uns gegen MATZE entschieden und gesagt: "MATZE, wir machen ohne Dich weiter". Dann wurde ich Chef der Band. Aber ich hatte keine Anlage, nur ein Mischpult. Dieses Mischpult gehörte meiner Magdeburger Frau. Gekauft habe ich es von KARAT, aber mit ihrem Geld. Das war richtig teuer, man hätte fast schon ein Auto dafür kaufen können. Nun hatten wir also ein Mischpult, und ich hatte auch noch ein Effekte-Rack, aber die ganze restliche Anlage, die Boxen und all das Zeug fehlte immer noch. Woher sollte ich auch so viel Geld nehmen? Beziehungen hatte ich auch keine, oder nicht die richtigen. Ich nahm dann Kontakt auf zu SIEGHARD SCHUBERT, Chef der damaligen SCHUBERT-FORMATION. Der hatte seinen Sitz seinerzeit in Quadenschönfeld in Meck-Pomm. Den rief ich an und fragte ihn, ob er mir eine Anlage borgen könnte. Er sagte: "Ja klar, such Dir was aus, ich stelle Dir das zusammen." Und dazu kam, was das Wichtigste war, ein LKW, ein W50. Natürlich kostete das alles einen Haufen Geld, und logisch war auch, dass SCHUBERT an unseren Veranstaltungen sehr gut verdiente. Trotzdem ging es gut weiter, vor allem dank der Einstufung, die ich inzwischen hatte. Und auch dank der Einstufung, die REFORM mittlerweile hatte.

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Ihr habt dann mit MICHAEL LEHRMANN und MAXS REPKE zwei ganz junge Musiker für REFORM verpflichtet. Wie bist Du auf diese Musiker aufmerksam geworden, bzw. wie kamen sie zur Band?
LEHRMANN kam aus Leipzig und wurde von MATZE BLANKENBURG angeschleppt. Den präsentierte er uns als Ersatz für sich selbst, als er seinen Ausstieg bei REFORM plante. Und MAXS REPKE, den man ja danach bei ROCKHAUS wiederfand, war ein Schüler von MARCUS SCHLOUSSEN. MARCUS, der jetzt bei RENFT spielt, war damals Bassist bei REFORM. Er sagte irgendwann mal: "Ich habe da einen sehr begabten Schüler. Wenn Ihr mal einen braucht, nehmt den." Genauso kam es dann auch.

Kurz darauf löste sich REFORM auf. War die Verpflichtung der eben genannten, jungen Musiker ein Versuch der Frischzellenkur, die letztlich doch nicht aufging? Was waren die Gründe für das Ende von REFORM?
Nein, an den beiden lag es überhaupt nicht. Im Gegenteil, die waren doch froh, dass sie dabei sein konnten. Der Grund für das Ende von REFORM war ein ganz einfacher: Die Luft war raus. Irgendwie war es für mich nach zehn Jahren auch genug. Dazu kam meine erneute Scheidung, die mich ein ganzes Stück zurück warf. Ich musste aus meiner Magdeburger Wohnung raus, habe mein Mischpult mitgenommen und bin dann zurück nach Berlin, obwohl REFORM da noch existierte. Ein Freund beschaffte mir dann eine Wohnung in diesem Haus hier, wo ich auch heute noch wohne.

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Wie ging es nach REFORM mit Dir weiter? Du bist ja nicht gleich wieder zurück zu electra gegangen, oder?
Nein, electra kam erst später. Damals gab es ein Projekt namens FWH (Fißler, Werneburg, Hempel). Fißler war wieder raus aus der Band, da habe ich mit Peter Werneburg ein Duo gegründet. Wir nannten uns T+W (Trepte + Werneburg). Es reichte zwar nur zu zwei eigenen Titeln, aber mit diesen beiden Titeln haben wir bei der 750-Jahr-Feier von Berlin alle möglichen Bühnen abgeritten. Wir spielten Halbplayback und ich verdiente dank meiner Einstufung, ich hatte inzwischen eine "C", 700 Mark pro Auftritt, es war also recht ertragreich. In der Folgezeit tingelten wir noch ein bisschen, spielten in Discotheken, die es ja mittlerweile gab, Konzertteile. Irgendwann war diese Geschichte vorbei, und WERNEBURG ging in den Westen. Eines schönen Tages nahm dann electra wieder Kontakt zu mir auf und fragte an, ob ich nicht wieder bei der einen oder anderen Mugge mitmachen möchte. Da ich ja nun in Berlin wohnte, bin ich immer allein zu den electra-Muggen gefahren und stand dort anfangs gemeinsam mit MANUEL VON SENDEN auf der Bühne. Das waren sehr interessante und auch schöne Momente. Den "Dom" sangen wir gemeinsam. Allerdings dauerte das nur eine kurze Zeit, dann ging ich auf Tour mit EVA-MARIA PIECKERT und G.E.S. Ich muss sagen, obwohl das in die Schlagerrichtung ging, hat es mir Spaß gemacht. Mein Block umfasste 3-4 Titel, u. a. "Mein Herz soll ein Wasser sein", dann kam noch etwas mit EVA-MARIA zusammen. Das lief über die KGD (Konzert- und Gastspieldirektion) Cottbus und dauerte über ein ganzes Jahr. So konnte ich mich wieder ein Weilchen über Wasser halten.

In der Wendezeit bist Du dann wieder zurück bei electra gewesen. Du und die anderen electra-Musiker haben mit "Der aufrechte Gang" sogar ein komplettes Album produziert, das letztlich aber nicht mehr veröffentlicht wurde. Wie hast Du die Zeit nach Deiner Rückkehr zu electra erlebt und wie ist das eben erwähnte Album entstanden?
Die Arbeit an dem Album hat noch mal richtig Spaß gemacht. Zwei, drei Titel singen wir sogar noch heute auf unseren Konzerten. Du sagst, das Album wurde nicht veröffentlicht. Das stimmt nur zum Teil, denn inzwischen ist es auf CD erhältlich, und zwar im Box-Set mit allen Original-Alben von electra.

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Wie hast Du überhaupt die Wendezeit erlebt?
Ich habe mich nicht gefreut, als die Wende kam. Die Fans waren weg, die wollten jetzt natürlich erst einmal ihre Idole aus dem Westen sehen und hören, deren Platten kaufen. Dafür hatte ich vollstes Verständnis, aber für uns Ost-Künstler war es natürlich eine ganz beschissene Zeit. Ich war zwar nie selber drüben, aber ich wusste von Leuten, die es kennengelernt hatten, dass da lange nicht alles goldig ist. Diese ganzen Nachrichten, von Arbeitslosigkeit, Drogen, Gewalt... Da war ich froh, dass ich in Magdeburg auf meiner Couch saß und mit all dem nichts zu tun hatte. Das Schicksal unserer Musiker, die rüber sind, war ja auch Abschreckung genug. Die Einzige, die es einigermaßen packte, war VRONI. Aber selbst die war nie wieder auch nur ansatzweise so gut wie hier in der DDR, wo ich sie für ihre Lieder geliebt habe. Als die Nachricht von Schabowsky kam, dass die Grenzen offen wären, saß ich mit einem Freund in einer Kneipe namens "Grüne Hölle". Nachdem sich herausstellte, dass diese Meldung ernst gemeint war, fiel mir mein Freund um den Hals und sagte: "Dass ich das noch erleben darf!". Ich dagegen habe gedacht: "So eine Scheiße! Jetzt wird's eng." Ich wusste genau, jetzt wird sich alles ändern, das Geld fließt nicht mehr usw. Uns ging es doch hier wirklich gut! Als Musiker in den Westen abzuhauen war totaler Schwachsinn. Aber sicher hatte jeder seine Beweggründe. So habe ich die Wendezeit erlebt.

Wie ging es dann für Dich als Musiker im vereinten Deutschland weiter?
Zunächst kam GREGOR BORGES, der Mann und Manager von EVA-MARIA PIECKERT, zu mir und sagte, er hätte im Theater am Park in Berlin-Biesdorf eine Band zusammengestellt. Dieses Theater befand sich auf einem Kasernengelände und gehörte nach der Wende zur Bundeswehr. GREGOR BORGES schaffte es jedenfalls irgendwie, alle verfügbaren guten Musiker und Sänger zusammen zu trommeln, um mit ihnen eine Big Band zu gründen. Komischerweise lief das Ding als ABM (Arbeitsbeschaffungsmaßnahme), wir waren also praktisch das "ABM-Orchester". Für uns bedeutete das eine feste Einnahmequelle. Ich verdiente dort ca. 2000 DM monatlich, das war doch recht viel. Und weißt Du, wer unser Dirigent war? HORST KRÜGER. Der hatte ja auch keinen Job mehr nach der Wende. Ach, wer da alles dabei war... FALKENBERG, die PIECKERT und was weiß ich wer noch alles. Wir hatten sogar eine Harfe, Streicher, Bläser, es war ein Riesenorchester. Alles brillante Musiker, perfekt ausgebildete Leute. Und da wir ein ABM-Orchester waren, bekam man uns für einen Appel und ein Ei gebucht. So kamen wir z. B. bis zum Frankfurter Opernball, wo wir den ganzen Abend lang immer im Wechsel mit diesem Knödeltenor PETER HOFMANN auftraten. Aber es durfte dort natürlich niemand wissen, dass wir ein ABM-Orchester waren, weil bei solchen Muggen nämlich noch mal extra bezahlt wurde. Parallel zur Orchesterarbeit jobbte ich dann wieder bei electra mit. Nur war das manchmal sehr kompliziert, alles unter einen Hut zu kriegen, zeitlich wie logistisch. Doch irgendwie funktionierte es. Irgendwann lief die ABM-Stelle aus, aber glücklicherweise ging es für mich bald weiter. Ein Regisseur der Landesbühnen Sachsen wollte mich für ein Musical mit dem Titel "Der kleine Horrorladen". Diese Rolle spielte ich auf den verschiedensten Bühnen, auch in Westdeutschland, mit den unterschiedlichsten Schauspielern. Doch die Radebeuler Inszenierung war eindeutig die beste. Das lief damals richtig gut, heute kräht kein Hahn mehr danach. Das machte mir jedenfalls großen Spaß, ich verdiente auch richtig gutes Geld.
Nachdem die Sache mit dem "Horrorladen" zu Ende ging, spielte ich schon wieder parallel bei electra mit. Das fiel in die Zeit, als MANUEL (VON SENDEN) bei electra ausschied, weil seine Stasi-Vergangenheit aufflog. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Mit den regelmäßigen Live-Auftritten und dem wieder wachsenden Interesse des Publikums ging es erst Mitte der 90er wieder los. Wie hast Du diese Zeit erlebt? Hat man als Künstler nochmal mit so einem Revival gerechnet?
Es war eigentlich logisch, denn die Leute merkten recht schnell, dass der Westen auch nur mit Wasser kocht. Ich hatte da selber ein ganz prägnantes Beispiel. Mit EVA-MARIA PIECKERT spielte ich irgendwann in Neubrandenburg zum Presseball. Das muss man sich mal vorstellen: Neubrandenburg veranstaltet einen Presseball! Da habe ich mich doch sehr gewundert. Vor allem staunte ich, wie viele bekannte Leute aus Funk und Fernsehen ich da getroffen habe. Die wohnten nämlich inzwischen dort, weil sie da neue Jobs gekriegt hatten. In Berlin war man die Menschen los, und dort nahm man sie mit Kusshand. Weißt Du, wer die ganze Kiste moderierte? HEINZ-FLORIAN OERTEL. Dort sang ich mit EVA-MARIA zwei Lieder aus dem Programm vom "Theater am Park". Begleiten sollte uns seltsamerweise ein Orchester aus Frankfurt/Main. Die kamen erstmal kurz vor der Angst. Als GREGOR BORGES dem Orchester die Noten für unser "Dirty Dancing"-Medley geben wollte, meinte der Schlagzeuger zu BORGES: "Nö, Noten kann ich keine. Aber ich häng' mich rein, dann geht das schon". Da war für BORGES das Maß voll. Er ist zum Veranstalter und hat gesagt, die sind nicht in der Lage, uns zu begleiten. Das Orchester strich die Kohle ein und fuhr wieder nach Hause. Der ROY BLACK war auch mit dabei. Mit Vollplayback übrigens. Er pfiff sich vorher zwei Pullen Sekt rein und stellte sich dann hin und trällerte "Ganz in weiß". Das waren für mich ganz prägnante Beispiele dafür, dass die eben auch nur Menschen sind. Oder noch ein Beispiel: wir haben in einem Stadion irgendwo in Sachsen mal die Vorband für DEEP PURPLE gegeben. Wir hörten uns deren Programm an, stellten aber schnell fest, das war genau solche handgemachte Musik, wie wir sie auch machen. Da war nichts Besonderes dran. Und all diese Begebenheiten beantworten Deine Frage. Die Menschen da draußen haben das natürlich auch gemerkt. Zu den ganzen Ostrock-Konzerten kommen ja heute ohnehin zu 80 Prozent oder noch mehr nur Leute, die uns von früher her kennen. Mit jedem einzelnen Song verbinden sich für die Menschen irgendwelche Erinnerungen. So was haben die Wessis nicht, deshalb spielen wir auch nie im Westen. Dort haben sie ihre eigenen Erinnerungen, ihre eigene Musik.

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Es gab auch wieder Aktivitäten mit REFORM. Ich habe in meinen Unterlagen zwei Daten stehen. Zum Einen natürlich das Impro im Stadtpark-Festival 2009, aber vorher bereits ein Konzert in Magdeburg im Jahre 2002. Wann haben Du und die ehemaligen Mitstreiter von REFORM erstmals wieder Kontakt gehabt und die Idee eines nochmaligen Auftritts geschmiedet?
Die Reunion von REFORM war ein großer Fehler. Irgendwie muss es MATZE BLANKENBURG, der seit seinem Ausstieg bei REFORM nie wieder Musik gemacht hatte, in den Fingern gejuckt haben. Oder er hat auf all die Leute gehört, die da meinten, man müsse REFORM wieder zum Leben erwecken. Er rief also alle zusammen, die er noch finden konnte. Den ersten Gig machten wir im Maritim-Hotel, und kurz darauf dann die Elbmugge in Magdeburg. Als Begleitband spielte RENFT, denn ich hatte keine anderen Musiker zur Verfügung. MARCUS SCHLOUSSEN kannte die Titel ja noch, der Drummer hat sich alles selbst reingedrückt, und der Keyboarder THOMAS KOLBE war früher schon bei REFORM. So sind wir in Magdeburg aufgeschlagen. Es war einer der Tage, an denen ich stimmlich ganz schlecht drauf war. Das zieht mich dann auch mental total runter. Die Proben liefen noch ganz gut, aber am Beginn der Veranstaltung war ich mir nicht sicher, wie ich den Abend schaffen würde. Deshalb habe ich am Beginn der Mugge zum Publikum gesagt: "Ihr werdet enttäuscht sein, aber TREPTE konnte leider nicht kommen. Aber ich bin ein guter Freund von REFORM, und alle sind der Meinung, ich singe fast genau so gut, also machst Du es eben." Manche werden es geglaubt haben, manche nicht. Als die Mugge dann richtig anfing, war ich jedenfalls froh, dass ich diese Notlüge erzählt hatte. Es wurde nämlich ein furchtbarer Abend. Ohne dass wir davon wussten, kam vor dem Konzert ein Mensch vom Amt und hatte den Mixer verplombt. Der durfte nur bis zu einer gewissen Lautstärke aufgedreht werden. Es war eine Freilichtveranstaltung, das nächste Gebäude war der Dom auf der anderen Elbseite. Weißt Du, eine Rock-Mugge, das muss doch ein bisschen knallen! THE RATTLES haben an dem Abend auch gespielt, die haben sich einen Dreck um die Plombe geschert. Für uns war es jedenfalls ganz furchtbar, es hat so einen Unspaß gemacht zu singen, das kannst Du Dir nicht vorstellen. Meine Laune wurde immer schlimmer. So, und kürzlich spielten wir mit dem kleinen SACHSENDREIER in Chemnitz. Im Publikum war einer, der diesen Auftritt damals erlebt hatte, ein Wessi. Der kam nach der Mugge auf mich zu und sagte: "Du, weißt Du noch, in Magdeburg damals, als Du Dich als ‚Der Andere' ausgegeben hast… Davon habe ich einen Mitschnitt auf DVD. Den schicke ich Dir zu". Drei Tage später hatte ich zwei DVDs von der Mugge im Briefkasten. Ich habe mich dann schriftlich bei ihm bedankt, aber dazu geschrieben, dass es eine ganze Weile dauern wird, bis ich mir die Dinger ansehen kann. Mir graute echt davor, weil ich an diesem Tag, bei diesem Konzert so schlecht drauf war. Du wirst es nicht glauben, aber bis heute habe ich die DVDs nicht mal ausgepackt! Geschweige denn angesehen. Es graut mir wirklich davor, mich an diese Veranstaltung zu erinnern, weil es mir einfach peinlich ist. Das ist so ein Ding, von dem ich mir wünschen würde, dass es nie stattgefunden hätte.

Gibt es Pläne, weiter mit REFORM zu arbeiten oder besser gefragt: Können sich die Fans Hoffnung auf weitere Auftritte und möglicherweise sogar neue Songs von REFORM freuen?
Mit dem letzten Satz der vorherigen Frage ist diese Frage bereits beantwortet. Also nochmal kurz und knapp: Nie wieder REFORM. Demzufolge wird es auch keine neuen Songs geben.

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Kommen wir zurück zu electra: Ihr spielt - wie gesagt - seit Mitte der 90er wieder live. Ihr habt ein treues Live-Publikum. Juckt es einen Kreativen wie Dich da nicht, auch mal neues Material zu erarbeiten und live zu präsentieren?
Auch hier ein klares Nein. Ich bin nicht mehr so kreativ wie ich es mal war. Ich machen meinen Job, mit dem ich Geld verdiene, so gut wie möglich, aber ich reiße mir den Arsch nicht mehr auf. Für mich muss es keine neuen Songs mehr geben. Das kann man übrigens verallgemeinern auf die gesamte Ostrockszene. Neue Titel kommen bei den Leuten nur an, wenn sie etwas damit verbinden können, also entweder Erinnerungen oder eine bestimmte Hörgewohnheit. Und da wir bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen nicht mehr in den Medien gespielt werden, hat das überhaupt keinen Sinn. Da ist es völlig egal, ob Du hundert oder nur einen neue Song schreibst - es wird einfach nicht gespielt. Wir sehen es ja derzeit am Beispiel der STERN COMBO MEISSEN. Die haben eine neue Platte gemacht, weil sie es gekitzelt hat, doch noch mal neues Material zu bringen. MARTIN SCHREIER hat sein eigenes Studio, und da haben sie mal aus purer Freude ein Album gemacht. Aber das interessiert keinen Menschen!

Das würde ich so nicht sagen...
Klar doch, wir merken es z. B. daran, dass es beim großen SACHSENDREIER, wo die STERN COMBO ja mitspielt, zu den neuen Titeln vom Publikum nur einen müden Pflichtapplaus gibt. Die wollen halt lieber "Die Sage" und die anderen alten Sachen hören. Deshalb hat es eben auch keinen Sinn mehr, Neues zu machen. Es sei denn, Du bist wieder so dick dabei, dass der Rundfunk Dich spielt. Aber das gelingt uns mit electra nicht mehr. Es soll einfach nicht mehr sein. Wir haben unser Ding gemacht, wir haben unsere Zeit gehabt, jetzt sind die Jungen dran. Ich sage Dir ganz ehrlich, ich mache künftig wahrscheinlich auch keine Interviews mehr. Vor kurzem habe ich der Berliner Zeitung noch eins gegeben, das war aber nur meinem Sohn und dem Redakteur zuliebe. Unseres hier und heute ist wahrscheinlich eins der letzten Interviews, die ich noch mache. Ich habe einfach keinen Bock mehr drauf. Meine Aufgabe ist beendet, von meiner Seite aus ist alles gesagt. Die Jüngeren sind dran. Menschen wie mein Sohn sollen es künftig richten.

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Wir wissen es sehr zu schätzen, dass wir von der Deutschen Mugge noch dieses ausführliche Interview mit Dir machen dürfen. Du hast eben Deinen Sohn Ludwig erwähnt, der trotz seiner gerade mal 23 Jahre bereits ein sehr erfolgreicher und vielbeschäftigter Schauspieler ist. Wie sieht er eigentlich Deine Karriere? Hat er eine Meinung dazu?
Ja, er steht meinem Schaffen sehr positiv gegenüber. Die Zeit mit REFORM gefällt ihm am besten. Das geht im am meisten unter die Haut, gerade von den Texten her. Aber natürlich hört er normalerweise andere Musik. Trotzdem freue ich mich, dass er meine Musik respektiert. Oft ist es ja so, dass die Eltern ihren Kindern peinlich sind. Bei uns ist das überhaupt nicht der Fall. Vor kurzem hatte er ein Gespräch mit "ZDF neo", wo genau diese Frage kam: Ist Dein Vater Dir peinlich, oder könnte das mal passieren? Das hat er klipp und klar verneint, und das macht mich natürlich stolz und froh.

Die Musikszene der DDR ist heute nach wie vor sehr aktiv. Es gibt kaum eine Szene, die noch so kreativ und aktiv ist, wie diese. Beobachtest Du die anderen Musikerkollegen von früher und ihr Wirken heute noch?
Ja, auf jeden Fall. Gerade kürzlich in Erfurt passierte mir das wieder. Ich denke so vor meiner Fahrt dahin über Thüringen nach, und der Einzige, der mir sofort in den Sinn kam, war JÜRGEN KEHRT. Und siehe da, der spielte vor uns auf der gleichen Bühne. Wir haben uns dann eine Weile unterhalten, was ich sehr schön fand. Er hat sich überhaupt nicht verändert und spielt nach wie vor seinen Blues. Das war ein schönes Erlebnis für mich, das hat mir wirklich gefallen. Es war wirklich witzig: ich denke an ihn, überlege mir so, dass ich ja lange nichts von ihm gehört habe. Und da steht er plötzlich vor uns auf der Bühne und spielt! Das war wunderbar. Was ich damit sagen will: man hört schon noch hin, wenn die anderen Kollegen zu hören sind. Hin und wieder spielen wir ja auch noch mal mit anderen Bands zusammen, nicht nur mit STERN MEISSEN und LIFT. Auch mal mit KARAT oder letztes Jahr mit den PUHDYS. Man kennt sich, es ist keinerlei Konkurrenzkampf mehr da. Das Denken von früher ist vorbei. Wenn man sich sieht, ist es wie ein Klassentreffen, und das ist doch schön.

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Schaust Du überhaupt auf die aktuelle Musikszene? Interessieren Dich aktuelle Strömungen und Trends in der Musik?
Nein, da habe ich völlig den Faden verloren. Das ist ja heutzutage auch keine richtige Rockmusik mehr. Privat höre ich überhaupt wenig Musik. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass ich niemals eine richtig gute HiFi-Anlage besessen habe. Das hat kein Mensch verstanden, zu keiner Zeit, aber es ist eben so. Unser Ziel war immer: unsere Musik muss auch im Autoradio klingen. Wenn es im Autoradio gut klingt, klingt es überall gut, dann ist es gut gemixt. Ich besitze auch keine CD-Sammlung, höre noch nicht mal CDs. Das liegt daran, dass ich das ein Leben lang selbst gemacht habe. Wenn ich dann nach Hause komme, will ich nicht auch noch Musik hören müssen.

Abschließend noch dies: Ich bin die gute Fee und schenke Dir 3 Wünsche...
Mein größter Wunsch wäre der, dass es den Menschen, die ich lieb habe, gut geht und dass sie gesund bleiben. Und natürlich will ich auch noch lange gesund bleiben. Damit habe ich zwei Wünsche weg, und das ist auch genug. Mit einem dritten Wunsch wäre ich schon überfordert, den brauche ich nicht.

Damit sind wir am Ende unseres Interviews. Möchtest Du abschließend noch ein paar Worte an die Leser richten?
Sehr gerne. Herzliche Grüße an alle Freunde der Deutschen Mugge. Macht so weiter wie bisher!

 


Interview: Torsten Meyer (Juli 2012)
Ausarbeitung: cr, tormey
Bearbeitung: nr, cr
Fotos: Archive Stephan Trepte & DM, Pressematerial
 
 

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