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Er war knapp 20 Jahre ein sehr wichtiger Teil der Kölner Rockgruppe BAP. Der 1957 in Leverkusen geborene Musiker, Komponist und Produzent prägte den Stil der Band entscheidend. Viele bekannte Hits von BAP stammen aus seiner Feder (Komposition), u. a. "Verdamp lang her" und "Alles em Lot". Nach seinem Ausstieg bei BAP im Jahre 1999 widmete er sich seiner eigenen Karriere. Im Februar 2012 veröffentlichte Heuser zusammen mit seinem musikalischen Partner Richard Bargel das Album "Men in Blues" und wie der Name schon verrät, ist Heuser inzwischen beim Blues angekommen.
Über 30 Jahre Karriere als Musiker und Songschreiber haben Spuren hinterlassen. Nicht nur - wie eingangs schon erwähnt - seine Zeit bei der Kultband BAP, die ohne sein Dazutun sicher nicht so erfolgreich geworden wäre, wie sie es bekanntlich wurde, sondern auch seine Arbeit für andere Künstler sowie letztlich auch für sich selbst ergeben ein Ganzes. HEUSER ist nicht nur BAP! Sein Einsatz für den Nachwuchs, aktiv oder auch als Vorbild für die nächste Generation und seine unerschöpfliche Kreativität sind unbestritten seine Stärken und Markenzeichen. Wir wollten mit dem "Major" gemeinsam auf Spurensuche gehen und haben ihn deshalb zu einem Interview eingeladen. Natürlich sollte auch das neue Album vorgestellt werden, aber das ist in der langen und aufregenden Karriere des Klaus 'Major' Heuser nur ein kleiner Teil...
 
 
 
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Sprechen wir als erstes über die neue CD "Men in Blues" von Dir und Richard Bargel. Wir haben die Scheibe bei uns ja sehr ausführlich vorgestellt, bitte beschreibe unseren Lesern doch einmal aus Deiner Sicht, was einen beim Hören dieser CD erwartet...
Das ist immer sehr schwierig, wenn man selbst beschreiben soll, was man gemacht hat. Es ist ja immer die Frage, was einem zu dem Zeitpunkt einfällt und vor allem, was einem zu der Band einfällt, mit der man gerade zusammen spielt. Ich musste für das Album natürlich völlig anders an das Komponieren der Titel herangehen, als wenn ich für eine Sängerin schreibe oder früher für den Wolfgang (Niedecken). Das sind jedes Mal völlig unterschiedliche Voraussetzungen. Auch was jeder in der Band gut kann, oder was er nicht gut kann, muss man erst einmal herausfinden. Die Stärken und Schwächen jedes Einzelnen kennenzulernen, ist ein Prozess, der noch längst nicht abgeschlossen ist. Es ist ja das erste Mal, dass wir eine Studio-CD gemacht haben und dabei haben sich einige Sachen herauskristallisiert. Wir haben auch viele Stücke weggeworfen, weil sie in der gegebenen Konstellation nicht funktionierten. Wie gesagt, es ist ein ständiger Prozess, der gerade erst angefangen hat.

Aber stilistisch geht es schon in Richtung Blues, wie der Titel der CD es vermuten lässt?
Ja, auch. Wobei Blues für mich ein Begriff ist, den ich sehr weit fasse. Blues ist für mich der Ursprung jeglicher populärer Musik, zumindest was Pop, Rock und Jazz betrifft. Insofern fühle ich mich nicht so sehr an das Wort "Blues" gebunden, dass ich mich nur auf diese drei Akkorde beschränken will.

Wenn man den Namen Klaus "Major" Heuser hört, verbindet man ihn unweigerlich mit BAP, mit Deutschrock sowie mit höchst anspruchsvollen Kompositionen und Arrangements. Wenn man wie Du aus dem Bereich Deutschrock kommt, wie findet man dann den Weg zum Blues und vor allen Dingen zu englischen Texten?
Ganz einfach: Das ist die Musik, mit der ich groß geworden bin. Ich habe sehr früh begonnen, Musik zu hören und bin mit den so genannten Beat-Bands aufgewachsen, die sich ja seinerzeit am liebsten alle selber als Bluesbands bezeichnet hätten. Die Bluesinterpreten waren auf jeden Fall die großen Vorbilder der Gruppen, die damals Musik gemacht haben. Ob man nun die Rolling Stones nimmt, die ja nicht umsonst ihren Namen aus einem Song von MUDDY WATERS bezogen haben, oder FLEETWOOD MAC, PETER GREEN, THE ANIMALS, ERIC BURDON, THE YARDBIRDS, STEPPENWOLF und wie sie alle hießen - alle Bands, die damals Musik machten, hatten ihren Ursprung eigentlich in der Bluesmusik. Insofern habe ich den Weg zum Blues nicht erst im Erwachsenenalter gefunden, sondern bin schon damit aufgewachsen.
Diese Art Gitarre zu spielen, ist übrigens auch erst dadurch entstanden, dass die weißen Musiker, die zumeist aus England kamen, es bei den Schwarzen abgeguckt und dann verfeinert haben. Auch die Art und Weise, wie im Hardrock Gitarre gespielt wird, hat ihren Ursprung dort. Die KINKS haben damit angefangen, die ersten verzerrten Gitarrensoli zu machen. "You really got me" und solche Sachen sind gute Beispiele. Für mich, da wiederhole ich mich gerne, ist jedenfalls der Ursprung aller Musik und auch mein persönlicher Ursprung tief im Blues verwurzelt. Meine ersten Gitarrenhelden, denen ich zujubelte, waren PETER GREEN und RORY GALLAGHER, also Leute, die auch alle irgendwie vom Blues herkamen. RORY GALLAGHER hat sich selbst immer als Bluesgitarrist bezeichnet. Da gibt es aber noch unzählig andere, zum Beispiel LED ZEPPELIN usw. Diese ganzen Musiker spielten ja teilweise alle in der gleichen Band, ob es nun bei JOHN MAYALL war oder bei ALEXIS KORNER. Nimmst Du nur mal diese beiden Bands, dann findest Du eigentlich alles, was später mal als Gitarrist berühmt geworden ist, von JIMMY PAGE über JEFF BECK, MICK TAYLOR und und und... Man kann das beliebig fortsetzen, diese Leute haben jedenfalls alle mal bei diesen beiden Bands gespielt und beide waren Bluesbands.

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Thema Texte: Was habt Ihr in den Songs für Themen verarbeitet? Wer hatte die Ideen dazu und in welchem Verhältnis stammen sie von Dir?
Eigentlich ist es heute wieder genau so wie früher, dass ich mich hauptsächlich um die Musik und die Produktion kümmere und Richard für die Texte zuständig ist. Das heißt natürlich nicht, dass der eine Sachen macht, die dem anderen nicht gefallen. Aber jeder hat seine Stärken. Ich bin definitiv besser als Produzent, Musiker und Komponist und Richard eben als Texter.
Was die Inhalte der Songs betrifft, so haben wir natürlich solche Themen verwendet, die uns bewegen und interessieren. Und selbstverständlich sind das andere Inhalte, als wir sie im Alter von 20 Jahren gewählt hätten. Wir sind heute zwischen 50 und 60, haben andere Interessen und Ansichten, als die jüngere Generation und genau das spiegelt sich in den Liedern der CD wider. Im Großen und Ganzen sind es Alltagsgeschichten, die wir besingen, aber hier und da ist auch mal ein Liebeslied dabei, welches dann natürlich entsprechend altersgerecht umgesetzt wurde, was den Text betrifft. Soll heißen, kein Herz-Schmerz-BlaBlaBla, sondern wohlgewählte Worte, keine Phrasendrescherei.

Wie lange habt Ihr für die Produktion der CD gebraucht? Wie viel Zeit lag zwischen der ersten Song-Idee und dem letzten Ton, den Ihr im Studio eingespielt habt?
Schwer zu sagen, da wir ja schon 2 Jahre zusammen gespielt haben, ehe die Platte erschienen ist. Überhaupt ist das ja alles durch puren Zufall entstanden. Wir hatten anfangs überhaupt nicht vor, eine Band zu gründen, geschweige denn ein Album aufzunehmen. Aber nach den ersten Konzerten war uns dann klar, dass wir eine eigene CD mit eigenen Stücken machen wollten, und auch mussten, weil die Leute das einfach von uns erwartet haben. Wenn man dann alles zusammen nimmt, würde ich sagen, dass wir von den Anfängen bis zum letzten fertig produzierten Ton etwa anderthalb Jahre gebraucht haben. Wir haben die Platte sogar zweimal aufgenommen, weil wir alle mit der ersten, ursprünglichen Version überhaupt nicht zufrieden waren, ich ganz besonders nicht. Wir haben also alles eingestampft und noch einmal von vorne begonnen.

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Wie sind die Songs insgesamt entstanden? Wie kann man sich den kompositorischen Arbeitsprozess bei Bargel & Heuser vorstellen?
Die Grundideen kommen in den meisten Fällen von mir, jedenfalls was die Musik betrifft. Ich habe ein kleines Studio, in welchem ich Tag und Nacht am komponieren bin, oder ich versuche, mir Ideen zu notieren und gleich aufzunehmen. Dadurch, dass man heute ziemlich viel programmieren kann, bin ich in der Lage, schon vieles allein zu Hause zu produzieren, indem ich beispielsweise die Schlagzeuggrooves programmiere, die Gitarren dazu spiele und wenn nötig, auch die Keyboards. Dann singe ich eine Melodie darauf und schreibe einen Text dazu, der aber nicht wirklich ernst gemeint sein muss. Der Text dient nur dazu, dass ich etwas zu singen habe. Dadurch erkennt man dann, wo das Lied hingehen soll, man kann sich ungefähr vorstellen, was es mal werden soll. Anschließend setzt man sich mit der Band zusammen und arbeitet alles noch einmal neu aus. Jeder gibt seinen Teil dazu oder auch nicht und irgendwann ist die Sache soweit fortgeschritten, dass wir ins Studio gehen und versuchen, den Song aufzunehmen. Früher oder später ist der Titel dann fertig.

Ich habe gelesen, dass Du und Richard Euch in einer Talk-Show kennengelernt habt und vorher gar nicht persönlich kanntet. Stimmt das?
Wir wussten voneinander, wer wir waren. Aber dass wir uns persönlich kannten und bereits vorher miteinander zu tun hatten oder gar befreundet waren, nein, das war nicht der Fall. Ich hatte Richard schon mal gesehen und ich kannte ihn vom Namen her und umgekehrt ging es ihm genauso.

Ist es richtig, dass diese öffentliche Begegnung Auslöser für die gemeinsame Zusammenarbeit war oder hatte gar ein Dritter die Idee dazu, Euch als Duo zusammen auf die Bühne zu bringen?
Ja, mit diesem Auftritt fing alles an. Wir waren beide in einer Talkshow zu Gast, die das Thema "Gitarristen" zum Titel hatte. Jeder der Anwesenden wurde gebeten, etwas auf seiner Gitarre zu spielen und zwar alleine. Dazu hatte ich aber keine richtige Lust, dachte mir stattdessen, vielleicht wäre es ja schöner und sinnvoller, wenn man mit jemandem aus der Runde etwas zusammen spielt. Also habe ich mir die Liste der Leute angeschaut, die außer mir in diese Talkshow eingeladen wurden und musste mir zu meiner Schande eingestehen, dass ich niemanden von dieser Liste kannte, außer Richard Bargel. So entstand bei mir die Idee, dass wir beide etwas zusammen machen könnten. Ich habe also im Internet geforscht und mir Richards Telefonnummer besorgt, habe ihn angerufen und gefragt, ob er nicht Bock hätte, in dieser Talkshow etwas mit mir gemeinsam zu spielen. Er war dafür sehr dankbar, weil er auch nicht unbedingt alleine spielen wollte. Und so kam es zu unserem ersten gemeinsamen Auftritt. Wir erhielten viel positive Resonanz, den Leuten hatte es sehr gut gefallen. Also sagten wir uns, das Ganze können wir ja irgendwann mal wiederholen. Allerdings dauerte es fast ein Jahr, bis wir erneut etwas zusammen machten. Es war eigentlich ein Soloauftritt von Richard, bei dem er mich als Überraschungsgast für zwei oder drei Nummern haben wollte. Wir begannen, für diese Sache zu proben, nahmen uns erst eine Nummer vor, dann noch eine und noch eine und plötzlich hatten wir das ganze Konzert durch. Daraufhin meinte Richard: "Dann spiel' doch einfach das ganze Konzert mit." Was ich dann auch getan habe. Uns beiden hat das sehr viel Spaß gemacht, also kamen wir zu dem Entschluss, das Ganze noch einmal zu machen. Am nächsten Tag hatte Richard dann einen Auftritt in einer Kneipe und ich bot ihm an, da gleich wieder mitzuspielen, womit Richard sofort einverstanden war. Auch dieser Gig lief hervorragend, wir hatten Spaß, den Zuschauern gefiel es ebenfalls, also überlegten wir uns, ob wir nicht dauerhaft zusammen spielen wollen. So sind "BARGEL & HEUSER" entstanden.

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Als Dein derzeit aktuelles musikalisches Betätigungsfeld, also "BARGEL & HEUSER", bekannt wurde, haben manche Deiner alten Fans mit Unverständnis reagiert. Sie konnten nicht nachvollziehen, dass Du jetzt eben nicht mehr die großen Hallen dieser Welt beackerst, sondern Dich stattdessen mit Auftritten in kleinen Clubs vor wenigen Zuschauern zufrieden gibst. Hast Du diese Reaktionen bewusst wahrgenommen und wie bist Du damit umgegangen?
Nein, davon habe ich überhaupt nichts mitbekommen. Ach weißt Du, wenn man immer auf die Meinungen hören würde, die von irgendwelchen Leuten geäußert werden... Der eine mag dies nicht, der andere ist mit dem nicht einverstanden, der Dritte hat kein Verständnis für dieses und jenes, wieder andere finden die alten Sachen besser, die nächsten wollen nur das Neue hören, die Übrigen wollen uns nur in großen Hallen spielen sehen. Das Reagieren auf solche Meinungen ist sowieso unsinnig. Diese Sache, die wir jetzt machen, passt beispielsweise überhaupt nicht auf eine große Bühne. Wir spielen ja im Sitzen, lassen das Ganze eher konzertant klingen und aussehen, deshalb nenne ich es auch sehr gerne "Kleinkunst". Mal ganz abgesehen davon, dass wir eine große Halle gar nicht vollbekommen würden. Die Leute haben da oftmals völlig falsche Vorstellungen. Wir sind mit dem, was wir derzeit machen, voll und ganz zufrieden. Der Rahmen soll und wird auch gar nicht größer werden, weil es einfach nicht passen würde.

Kommen wir zu Dir als Musiker. Wie fing das bei Dir an? Wann hast Du die Musik für Dich entdeckt, oder hat die Musik Dich entdeckt?
Bei mir war relativ früh klar, dass ich unbedingt Gitarre spielen und Musiker werden wollte. Eben erzählte ich ja bereits über meine frühen Erfahrungen mit der Beatmusik. Es fing bei mir schon im Kindergarten an. Mein Bruder, der 7 Jahre älter ist als ich, kaufte sich immer die aktuellen Singles und da ich meistens früher zu Hause war als er, bin ich in sein Zimmer gegangen und habe mir dort diese Singles angehört. Und obwohl ich noch im Kindergartenalter war, wusste ich schon, dass ich später auch mal Musik machen will. Das hat mich fasziniert, das fand ich toll. Allerdings musste ich noch eine ganze Weile warten.

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Hast Du als Kind ein Instrument erlernt und Unterricht genommen?
Natürlich. Nur früher gab es ja im Gegensatz zu heute noch keinen Unterricht für Rockgitarre oder Jazzgitarre. Man konnte lediglich klassische Gitarre lernen. Das war damals allerdings erst ab 10 Jahren möglich, so dass ich mit acht Jahren zunächst Blockflöte gelernt habe. Seinerzeit war das Voraussetzung, um weiter machen zu können. Vielleicht vergleichbar mit der heutigen musikalischen Früherziehung. Früher gab es eben nur die Blockflöte. Zuerst lernte man Noten, machte dann zwei Jahre Ausbildung an der Blockflöte, und wenn man das hinter sich gebracht hatte, durfte man mit einem richtigen Instrument anfangen. Und so habe ich im Alter von 10 Jahren mit der klassischen Konzertgitarre begonnen.

Wie sah Deine Jugend aus? Du hast doch sicher in Bands gespielt und dort Deine ersten Sporen verdient, oder?
Ja, ich habe eigentlich schon immer, solange ich zurück denken kann, in Bands gespielt. Bereits mit 12 hatte ich meine erste Band, für die ich sogar schon eigene Stücke geschrieben habe. Das war nun nichts Großartiges, davon wurde natürlich auch nichts bekannt, aber ich habe halt früh damit angefangen. Seit ich dann Gitarrenunterricht bekam, habe ich wirklich von früh bis abends geübt, und weil ich ja mal Musik studieren wollte, habe ich später dann auch noch mit Klavier angefangen. Das Üben war eigentlich mein Alltag. Ganz früher habe ich auch noch sehr viel Sport getrieben, das war aber irgendwann zeitlich nicht mehr zu schaffen, so dass ich mit dem Sport aufgehört habe. Stattdessen habe ich mich dann voll und ganz der Musik verschrieben - bis auf die Sachen, die eigentlich jeder machen muss, wie Schule. Wenn ich aus der Schule nach Hause kam, habe ich erst mal zwei bis drei Stunden Gitarre geübt, danach eine Stunde Klavier und erst dann habe ich Hausaufgaben gemacht.

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Gab es damals schon gemeinsame Projekte mit Kollegen, die später - genau wie Du - als professionelle Musiker unterwegs waren?
Nein, eher nicht, das hat ziemlich lange gedauert. Mit 17 habe ich begonnen, Tanzmusik zu machen. Das war für mich eine tolle Erfahrung, denn ich wollte ja unbedingt in einer richtigen Band spielen. Tanzmusikbands hatten wenigstens immer Auftritte, was super war, denn normalerweise bist Du nur schwer an Auftritte ran gekommen. Und so spielte ich mit 17 bereits vier mal pro Woche in irgendwelchen Clubs, meistens von 20.00 Uhr bis 01.00 Uhr. Immer die Charts rauf und runter, was ja damals so schlecht auch nicht war, denn es war die Zeit von SANTANA und solchen Sachen, da konnte man viele verschiedene Gitarrenstile lernen. Ich musste mir alles aus den Songs raus hören, denn es gab damals noch keine Noten. Auf die Art konnte ich mich schon sehr früh mit den unterschiedlichen Arten, Gitarre zu spielen, anfreunden, aber auch mit Gesang, den Arrangements und Harmonien usw. beschäftigen. Wir haben alles gespielt, auch Beatles und Stones, was natürlich sehr hilfreich für mich war. In dieser Zeit waren dann auch Leute dabei, die später tatsächlich beruflich Musik gemacht haben. Ich glaube, zwei von ihnen spielen bei den HÖHNERN, aber ansonsten fallen mir keine weiteren Namen ein, mit denen ich jetzt großartig angeben könnte.

Hattest Du neben der Musikerkarriere eine Alternative, oder besser gefragt: Hast Du nach der Schule einen "normalen" Beruf erlernt oder warst Du seit eh und je Musiker?
Ich musste ja was machen, denn meine Eltern wollten natürlich, dass aus dem Jungen was wird. Also habe ich Abitur und danach Ersatzdienst gemacht, 15 Monate im Altenheim, das war ja früher so üblich. Zu der Zeit hatte ich aber schon bei einem Japaner klassischen Gitarrenunterricht, der auch an der Musikhochschule in Köln Unterricht gab und ich wollte also ernsthaft Gitarre studieren. Damit waren aber meine Eltern nicht einverstanden, denn Gitarrenlehrer ist ja schließlich kein Beruf. Wir haben dann den Kompromiss gefunden, dass ich auf Lehramt studiert habe, und zwar Germanistik und Musik. Allerdings bin ich dort nur sporadisch hingegangen. Anfangs war ich ja noch öfter da, aber mit der Zeit wurde das immer weniger und dann kam bald BAP. Danach hatte ich es nicht mehr nötig.

Wie bist Du 1980 zur Gruppe BAP gekommen?
Das ist ja hinlänglich bekannt. Als ich damals in Köln Germanistik und Musik studiert hatte, war ich abends ständig unterwegs in allen möglichen Clubs, um mir möglichst viele Bands anzugucken. Unter anderem war da auch eine Band bei mir um die Ecke, die in so einem Keller gespielt hat. In dieser Band spielte u. a. auch Wolfgang Niedecken, und der war gerade auf der Suche nach einem neuen Gitarristen für BAP, was ich zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht wusste. Ich ging zu Wolfgang hin und meinte: "Hör mal, Eure Musik finde ich ja ganz gut, aber man könnte das noch besser machen." Da hat er wahrscheinlich gedacht, was will denn der Kleine von mir? Er sagte aber nur: "Du hast ja eine ganz schön große Klappe. Wenn Du meinst, Du kannst es besser, dann komm doch morgen mal vorbei." So ist das Ganze entstanden.

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Welche Stimmung herrschte innerhalb der Band, als Du dazu gestoßen bist? Was waren die Ziele und was war Deine erste Aufgabe nach dem Einstieg?
Damals hatten wir keine Ziele. Wir waren einfach nur ein Freundeskreis, wir haben zusammen Musik gemacht und uns überhaupt nicht darum geschert, wohin das mal führen soll. Das Proben glich eigentlich immer einer Party, dann kamen die ersten Auftritte, die waren auch Party. Es machte sich wirklich keiner von uns Gedanken, was mal daraus werden könnte. Was dann kam, ist meistens um uns herum von ganz alleine passiert.

Die Band hieß kurz vorher ja noch Wolfgang Niedeckens BAP und arbeitete - ich will es mal so formulieren - auf "kleiner Flamme". Wie kam es zur Namensänderung und zum Aufstieg zur professionellen Band, an dem Du ja maßgeblichen Anteil hattest?
Am Anfang ist Wolfgang ja als Liedermacher oft allein aufgetreten, dann stand da eben nur "WOLFGANG NIEDECKEN". Trat er mit Band auf, hieß es "WOLFGANG NIEDECKEN & BAP". Später traten wir nur noch als gemeinsame Band auf, damit wurde diese Zusatzformel überflüssig und wir nannten uns nur noch kurz und bündig BAP.

Mit der LP "Für Usszeschnigge" (auf deutsch: "Zum Ausschneiden") veröffentlichte BAP 1981 das erste Album bei der EMI. Wie seid Ihr damals an den Plattenvertrag gekommen? Haben die Leute von der EMI Euch entdeckt oder habt Ihr Euch dort beworben?
Bevor ich zu BAP kam, waren wir bei einer ganz kleinen, unabhängigen Plattenfirma namens Eigelstein. Bei der ersten Platte "BAP rockt andere kölsche Leeder" war ich also noch gar nicht dabei. Dann kam die zweite Platte "Affjetaut", ebenfalls bei Eigelstein. Das ging für die damaligen Verhältnisse schon ganz gut ab. Wir haben zwar keine Unmengen verkauft, aber es war schon zu erkennen, dass großes Interesse der Leute an dieser Musik und an dieser Band vorhanden war. Es kamen immer mehr Zuschauer, gerade hier in Nordrhein-Westfalen wurden es immer mehr, ohne dass wir etwas dafür konnten. Dadurch wurde die EMI hellhörig und kam auf uns zu. Die haben uns sozusagen abgeworben. Dazu kommt, dass es damals eine völlig andere Zeit war, als heute. Damals konnte man mit Musik noch richtig Geld verdienen und die Musikindustrie war noch eine wirkliche Industrie. Nicht so wie heute, wo es sich auf ein paar große Acts beschränkt. Damals konnte man, wenn man als Musiker in der zweiten oder dritten Liga gespielt hat, noch einigermaßen davon leben, was heutzutage überhaupt nicht mehr der Fall ist. Da hast du vielleicht in Deutschland, ich übertreibe jetzt mal ein bisschen, noch eine Art Bundesliga mit ungefähr 10 Acts, die wirklich groß im Geschäft sind und noch ziemlich viel Geld verdienen. Aber diesen ganzen Unterbau gibt es eben gar nicht mehr. Das sieht man ja auch an den CD-Verkäufen. Zu den besten Zeiten haben sowohl wir, als auch beispielsweise ein Marius Müller-Westernhagen, Plattenverkaufszahlen gehabt, die gingen in die Millionen. In Ausnahmefällen mag es so etwas auch heute noch geben, aber es ist nicht mehr die Norm. Dann gab es früher viele Bands, die eher unbekannt und bei unabhängigen Labels waren, die aber trotzdem um die 30.000 Einheiten verkauften. Wenn du heute 30.000 Einheiten verkaufst, bist du überall Platz 1 und kriegst fast schon eine Goldene Schallplatte. Damals waren das Interesse der Leute und die Auftrittsmöglichkeiten ja noch vorhanden und du hast nebenbei auch noch genügend Schallplatten verkauft. Wir als "BARGEL & HEUSER" haben mit unserer CD Stückzahlen, von denen könnten wir gar nicht leben. Das machen wir alles nur, um ein neues Programm zu haben. Leben kannst du davon jedenfalls nicht.

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Mit der Scheibe "Für Usszeschnigge" seid Ihr ja auch erstmals richtig groß auf Tour gegangen, richtig? Kannst Du Dich daran noch erinnern? Wie war das...?
Das stimmt nicht ganz, denn wir waren auch vorher schon viel auf Tour. Wir haben eigentlich überall gespielt, wo eine Steckdose war. Die Auftrittsorte wurden halt nur mit der Zeit immer größer. Zur damaligen Zeit hatten die ganzen Alternativen und Grünen Hochkonjunktur, da haben wir auch viele Auftritte gehabt. Es hat sich kontinuierlich nach oben entwickelt. Nur hatten wir noch nicht mal ein Management, sondern es regierte das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Anfangs haben wir alles aus Wolfgangs Wohnzimmer gemacht, bis es dann dermaßen viel wurde, dass wir das nicht mehr alleine regeln konnten. Etwas später, ich weiß gar nicht mehr genau, welche Tour das war, hatten wir dann auch erstmals einen großen professionellen Tourneeveranstalter, der uns unter Vertrag genommen hat. Daraus wiederum entstand, dass wir diese Dinge dann doch wieder allein gemacht haben. Wir hatten nämlich damals als Tourbegleiter den Balou (mit bürgerlichem Namen Roland Temme) dabei, der uns eigentlich nur während der Tour als rechte Hand des Tourveranstalters begleiten sollte. Balou nahm uns irgendwann mal beiseite und meinte, das könnten wir eigentlich auch alles ganz alleine machen. Wir haben ihn dann sozusagen als Bandmitglied aufgenommen und er hat sich dann ab sofort um die Konzerte und den ganzen damit verbundenen Kram gekümmert. Später wurde er dann tatsächlich ein richtiger Veranstalter. Wie überhaupt ganz viele in unserem Umfeld vorher etwas ganz anderes gemacht haben und durch diese Sache mit BAP einen völlig anderen Beruf bekamen. Ich weiß noch, da gab es mal einen Freund, der uns am Anfang immer nur beim Aufbauen geholfen hat. Irgendwann brauchten wir jemanden, der sich darum kümmert, dass die Lampen an und aus gehen. Er hat sich dann ums Licht gekümmert und irgendwann machte er dann sogar Lichtdesign und hat eine eigene Licht-Firma gehabt. Es gab wirklich eine Menge Leute in unserem Dunstkreis, die später Veranstalter wurden, einen Rock-Club oder eine PA-Firma oder sonst etwas gegründet haben.

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Im Jahre 1982 waren BAP im Vorprogramm der ROLLING STONES auf der Bühne zu sehen. Du bist bekennender Stones-Fan, wenn ich richtig informiert bin. Wie kam es zu dieser Möglichkeit, im Vorprogramm von Jagger, Richards & Co spielen zu können und an was erinnerst Du Dich dabei besonders gern zurück?
Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mich noch genau an einzelne Details erinnern kann. Aber ich meine zu wissen, dass wir damals schon "Verdamp lang her" draußen hatten und in Köln bereits ziemlich angesagt waren. Aber natürlich hätten wir allein niemals ein Stadion füllen können, das waren ja noch andere Zeiten. Dann kam uns zu Ohren, dass die Stones, die gleich zwei Tage in Köln spielten, große Probleme mit den Kartenverkäufen für den zweiten Tag hatten. Die hätten die Location wohl nicht ausverkauft bekommen. Also hat Wolfgang, oder vielleicht war ich es auch, einfach mal angefragt, ob wir da nicht mit auftreten könnten, denn wir ziehen ja schließlich genug Leute. Der Veranstalter hat darüber nachgedacht und meinte dann, das wäre keine schlechte Idee. "Aber wenn, dann müsstet ihr beide Tage spielen", worauf wir dann wieder gesagt haben, das wäre ja überhaupt nicht schlimm. Ich weiß auch gar nicht mehr genau, was wir an Gage bekommen haben. Vielleicht so um die 1.500 DM. Dafür, dass wir an zwei Abenden in einem vollen Stadion gespielt haben, war es auf jeden Fall ein Scherz. Aber das war uns egal, denn wir haben vor den Stones gespielt, fanden das alle toll und gerade für mich ist damit natürlich ein Traum in Erfüllung gegangen. Das hätte ich vorher niemals für möglich gehalten. Ich meine, ich komme aus Leverkusen, habe mir früher immer nur die Platten der Stones gekauft und gedacht, das ist eine ganz andere Liga. Ich selbst wollte einfach nur meine Musik machen. Dass du dann wirklich mal da stehst und in einem vollen Stadion vor den Stones spielst, das war eigentlich schon zu viel für uns alle. Ich kann mich noch genau erinnern, als ich da auf die Bühne gekommen bin, habe ich mich fürchterlich erschrocken, denn so was kannte man gar nicht. Wir spielten immer nur in kleinen Clubs und hier war allein schon die Bühne zehn mal so groß, wie sonst in den Clubs, in denen wir normalerweise auftraten. Und dann diese Menschenmassen! Eigentlich hätte ich vor Aufregung direkt auf die Bühne kotzen können. Das macht man dann aber natürlich nicht, sondern man reißt sich zusammen und spielt.

Habt Ihr denn bei dieser Gelegenheit auch persönlichen Kontakt zu Mick Jagger und den anderen Stones gehabt?
Nein, überhaupt nicht. Beim ersten Konzert, das hatten wir uns vorher zusichern lassen, durfte Wolfgang auf der Bühne stehen, beim Monitormixer. Und beim zweiten Konzert durfte ich dann da stehen. Mehr war da nicht. Aber es war schon sehr interessant, ich stand ungefähr fünf oder sieben Meter daneben, als die Stones auf die Bühne kamen. Und ich sah sie auch direkt hinter'm Vorhang stehen, bevor es los ging. Diese Dinge vergisst man nicht.

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BAP hatte sich innerhalb kürzester Zeit einen Namen als exzellente Live-Band erarbeitet. Nicht nur, dass die Platten beim Publikum sehr gut ankamen, auch die Konzerte wurden immer voller. Habt Ihr diesen Trend und den Aufstieg zur Super-Group eigentlich bewusst wahrgenommen oder seid Ihr irgendwann wach geworden, als der Punk schon richtig abging?
Da hast Du nicht unrecht, wir sind tatsächlich erst wach geworden, als der Punk schon abging, vielleicht sogar noch später. Aber dass wir nun wirklich gemerkt hätten, was da mit uns passierte - nein, keine Chance. Wir haben einfach immer nur gespielt und gespielt, wir haben uns überhaupt keine Gedanken darüber gemacht. Natürlich kamen dann verstärkt Angebote, "Spielt doch mal da oder da", und wir haben dann solche Sachen wie Rockpalast gemacht, oder damals gab es beim ZDF die Reihe "Rock und Pop in concert", wo wir auch eingeladen waren. Bewusst wahrgenommen haben wir diesen ganzen Trubel um uns herum jedoch nicht. Dazu hatten wir auch gar keine Zeit, weil es immer weiter und weiter ging.

Wie und in welcher Form hat BAP Dein Leben damals verändert?
Die erste große Veränderung war, dass ich durch BAP plötzlich ein richtiger Musiker war, was ich ja auch schon immer werden wollte. Wir haben dann relativ bald gutes Geld verdient, womit die Frage, was aus mir wird, erst mal hinfällig wurde. Mein Vater meinte zwar: "Warte mal ab, es kann immer noch daneben gehen.", womit er ja nicht ganz Unrecht hatte, denn natürlich hätte die Sache auch jederzeit wieder nach hinten losgehen können. Aber glücklicherweise ging alles gut, ich habe gespielt, gespielt und gespielt, zwischendurch eine Platte gemacht, wieder gespielt, die nächste Platte gemacht und so nahm das Leben seinen Lauf. Jetzt bin ich 55 und mir geht es immer noch gut.

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Im Januar 1984 sollte Eure erste Tour durch die damals noch existente DDR gehen. Ihr habt Euch vorbereitet, habt tolle Songs und ein geiles Programm im Gepäck gehabt, seid sogar angereist und hattet in Ostberlin sogar schon Euer Hotel bezogen, doch dann wurde die Tour abgesagt. Kannst Du uns bitte mal erzählen, was genau da passiert ist?
Wir hatten für diese Tour extra einen Song geschrieben, der hieß "Deshalv spill' mer he" ("Deshalb spielen wir hier"). In dem Lied erklären wir, warum wir in der DDR spielen. Vorher hatten wir uns erbeten, dass man uns von staatlicher Seite nicht ins Programm reinreden dürfe. Plötzlich wollten die dann doch nicht, dass wir dieses Stück spielen. Damit standen wir ziemlich in den Seilen, denn du kannst in Deutschland nicht einerseits immer wieder sagen, wir lassen uns nichts gefallen und dann fahren wir in die DDR und lassen uns vorschreiben, was wir spielen dürfen oder sollen und was nicht. Ob diese Haltung nun richtig oder falsch war, das wissen wir bis heute nicht. Wir hatten natürlich auch Angst, in Westdeutschland von den Medien gemartert zu werden, wenn wir uns in der DDR tatsächlich diktieren lassen, was wir machen dürfen. Aber das ist alles schon ziemlich lange her und ich müsste lügen, wenn ich mich noch an jede Kleinigkeit erinnern wollte. Auf jeden Fall hatte es viel damit zu tun, dass wir uns selbst treu bleiben wollten und uns die Entscheidung darüber, was wir tun und lassen dürfen, weder im Osten noch im Westen aufzwingen lassen wollten. In dieser Zwickmühle haben wir uns dann eben dafür entschieden, nicht aufzutreten.

Was ging damals in Euch vor, als man Euch den Stuhl so eiskalt vor die Tür gesetzt hat und Ihr Eure Fans nicht erreichen konntet?
Wir waren natürlich mächtig unglücklich über diese Situation. Wenn man das heute in einem Interview erzählt, hört sich das alles recht einfach an. Du musst Dir vorstellen, dass wir damals mit Fernsehteams und Presse rüber gefahren sind und jeder von uns nicht nur vom Osten, sondern auch von westlicher Seite, genau beäugt wurde. Jedes Wort, was wir dort gesagt haben, wurde auf die Waagschale gelegt, was logischerweise eine ziemliche Anspannung für uns war. Natürlich waren wir, wie ich eben schon sagte, sehr unglücklich über die Lage, aber wir haben uns nun mal so entschieden und wir wissen bis heute nicht, ob unsere Entscheidung die richtige war.

Habt Ihr in der kurzen Zeit Eurer Anwesenheit dort überhaupt etwas von der DDR mitbekommen?
Nein, eher nicht. Wir waren zwar schon im Hotel, aber wir hatten ständig Leute um uns herum, die auf uns aufgepasst haben. Wir konnten dadurch natürlich nicht machen, was wir wollten. Außerdem war unser Aufenthalt in der DDR durch die geschilderten Entwicklungen ja auch relativ kurz.

Ihr habt diese Tour ja nach der Wende mehr oder weniger nachgeholt. Gab es da noch Reaktionen auf diesen Skandal im Jahr 1984? Wie habt Ihr Euer Publikum im anderen Teil des Landes kennengelernt?
Natürlich gab es da noch einige Reaktionen, die Leute haben hier und da mit uns darüber gesprochen, aber ehrlich gesagt, ist davon bei mir nicht viel hängen geblieben. Es war ja dann auch nicht mehr so, dass das fremde Menschen für mich waren. Es waren halt Menschen, die da drüben gelebt haben und auf einmal war die Grenze offen, ich bin rüber gefahren und habe mir von Anfang an klar gemacht, dass die Mauer wirklich weg war. Ich habe auch versucht, gar nicht groß darüber nachzudenken, dass da mal eine Mauer war. Natürlich hatte jeder in der Band seine eigenen Gedanken dazu und seine eigene Sicht auf die Dinge, aber für mich war es kein Thema. Die Grenze war nicht mehr da und das war gut so.

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In den 80ern gab es aber noch ein anderes Highlight, nämlich eine Tour durch China. BAP mit kölschem Dialektrock in China... wie passte das zusammen? Und wie kam es zu dieser Tour, kannst Du uns darüber kurz etwas erzählen?
Ach weißt Du, ob wir nun Kölsch, hochdeutsch oder englisch gesungen hätten, wäre völlig egal gewesen. Den Unterschied hätten die Chinesen nicht bemerkt. Wir waren wohl ohnehin so ziemlich die Ersten, die überhaupt in China gespielt haben. Zu der damaligen Zeit kannten die Leute in China überhaupt keine Rockmusik. Wenn du denen was von den Rolling Stones erzählt hast, hatten die keinen Schimmer, wer oder was das ist. Insofern war es völlig gleich, ob wir da nun rüber fahren oder eine andere Band. Das Ganze ist auch gar nicht auf dem üblichen Wege entstanden, wie man sich das so vorstellt. Als Heinrich Böll 1985 verstarb, gab es in Köln eine große Gedenkveranstaltung, auf der wir auch gespielt haben. Wie hoffentlich viele wissen, hat Heinrich Böll eine Menge Bücher geschrieben. Ein Großteil dieser Bücher wurde u. a. ins Chinesische übersetzt, weshalb auf dieser Veranstaltung eine Kulturdelegation aus China anwesend war. Die haben uns gehört und gesehen, wir kamen mit ihnen ins Gespräch und haben dann nur so aus Quatsch gesagt: "Wir können ja auch gerne mal bei Euch in China spielen". Und irgendeine von diesen Damen hat unsere Worte ernst genommen! Natürlich dauerte es dann unendlich lange, bis das alles Wirklichkeit werden konnte. Die Dame arbeitete in China beim Kultusministerium und musste Millionen von Anträgen stellen, es war wirklich total schwierig. Das Ganze hat in der Vorbereitung dann auch fast 2 Jahre gedauert, bis es endlich realisiert wurde. Aber die Idee dazu ist, ähnlich wie bei der Zusammenarbeit zwischen Richard und mir, quasi aus dem Nichts entstanden, aus einem Jux heraus. Um so bemerkenswerter, was am Ende daraus wurde.

Was habt Ihr erlebt, wie liefen die Konzerte dort ab?
Oh, das ist schwierig. Ich kann jetzt nicht wirklich in zwei Sätzen erklären, was wir einen Monat lang in China erlebt haben. Das war ungefähr so, als würdest du heute auf dem Mond eine Tournee machen. Es waren natürlich unglaubliche Eindrücke, die ich mir so vorher niemals hätte vorstellen können. Du musst überlegen, wo wir herkommen und auf einmal stehst du in Shanghai vor 20.000 Zuschauern und spielst ein Konzert. Das lässt sich wirklich nur ganz schwer beschreiben. Grundsätzlich kann man sagen: In China war alles anders. Wir mussten vor der Reise auch einen besonderen Kursus belegen, weil die Verhaltensweisen der Chinesen damals noch gänzlich von dem abwichen, was wir aus Europa kennen und gewohnt waren. Man hat uns in dem Kursus beigebracht, was man dort alles machen muss und was man nicht machen darf. Ein gutes Beispiel war das Verhalten des Publikums. In China war es nämlich so, wenn du als Band spielst und das Publikum hinterher zufrieden ist, dann machen die nichts, gehen einfach nach Hause. Das ist für uns von der Logik her erst mal schwer zu verstehen, aber wenn ich dir das erkläre, ist es doch ganz einfach. Wenn der Chinese in ein Konzert geht und zufrieden ist, steht er am Ende wortlos auf und geht zufrieden nach Hause. Würde er jetzt lautstark eine Zugabe fordern, hieße das sinngemäß: Ich war noch nicht so ganz einverstanden mit der Leistung der Band, aber ich gebe ihnen mit der Zugabe noch eine Chance. Das muss man natürlich wissen! Ich könnte Dir noch Millionen andere Beispiele nennen, wo es sich ähnlich verhält. Aber genau aus diesem Grund musste man vorher diesen Kursus machen. Anhand solcher Dinge merkst du deutlich, dass die Lebensgewohnheiten dann doch gänzlich verschieden sind. Oder ein anderes Beispiel: Wir waren ja als Delegation ständig irgendwo zum Essen eingeladen. Es gab die tollsten und merkwürdigsten Sachen, die von uns Europäern nicht unbedingt gern gegessen werden, doch als Gast musst du dich halt benehmen. Wenn du dann aber den Fehler machst, deinen Teller leer zu essen, gibt es einen fetten Nachschlag. Das bedeutet für den Chinesen nämlich, es hat dir wunderbar geschmeckt, du möchtest mehr. Dann hauen sie dir gleich noch mal soviel auf den Teller. Ich habe genau diesen Fehler gemacht... Wenn du das also nicht weißt, musst du die ganze Zeit Qualle essen. Na gut, das ist nun schon unendlich lange her und mag heute ganz anders sein, denn in China hat sich ja inzwischen vieles radikal verändert.

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Die 90er waren - zumindest ab der Mitte des Jahrzehnts - von Ausstiegen einflussreicher bzw. wichtiger Musiker gekennzeichnet. Nach den Kollegen Borg und Boecker bist Du 1999 auch ausgestiegen. Was waren die Gründe für Deinen Ausstieg?
Da gibt es Millionen Gründe. Ich bin schon damals, als Stefan Kriegeskorte (Steve Borg) und Manfred Boecker ausstiegen, mit ausgestiegen. Allerdings wurde ich dann vom Management und der Plattenfirma überredet, noch weiterzumachen. Das hat sich weitere zwei Jahre gezogen, dann bin ich ebenfalls gegangen. Die Gründe dafür muss ich hier jetzt nicht erläutern. Man kann sagen, irgendwie war für mich das Thema BAP vorbei. Ich habe das 20 Jahre gemacht und suchte dann nach etwas Neuem. Ich wollte nicht mein Leben lang "Verdamp lang her" spielen. Vielleicht kann ich dazu noch sagen, dass wir uns dann auch nicht mehr ganz so gut verstanden haben. Das liegt aber zu einem großen Teil auch daran, dass du als junger Mann mit Anfang 20 ständig einen großen Freundeskreis um dich herum hattest. Wir waren immer so ca. 15 Mann, die fortlaufend miteinander getourt sind und zusammen waren. Irgendwann lernt dann der erste eine Frau kennen, der nächste lernt eine andere Frau kennen und das muss ja nicht immer gleich zusammen passen. Manchmal passt es, manchmal aber eben auch nicht. Der eine kriegt Kinder, der andere kriegt keine Kinder, der eine will lieber bei der Familie bleiben, der andere will lieber immer unterwegs sein und irgendwann bei so einem Haufen verschiedener Menschen, die auch alle unterschiedliche Charaktere verkörpern, entwickelt man sich halt auf eine gewisse Art und Weise auseinander. Das finde ich nun aber überhaupt nicht dramatisch.

Du hast diese Band maßgeblich geprägt. Die großen Hits sind aus Deiner Feder und Deine Handschrift ist in jeder (!) Studioproduktion zu hören. Zerbricht es einem nicht das Herz, wenn man - und ich glaube, dass man davon sprechen kann - sein Lebenswerk verlässt?
Na ja, als besonders angenehm empfand ich es natürlich nicht. Aber mein Herz ist nun nicht wirklich daran zerbrochen. Da gibt es Dinge in meinem Leben, die sind viel wichtiger für mich. Wenn man es mal ganz grob sieht, dann liebe ich zwar das Musikmachen, ich liebe auch das Gitarrespielen. Aber letztendlich war BAP für mich eben meine Arbeit und man wechselt ja auch im echten Leben durchaus mal den Arbeitgeber.

Beobachtest Du die Band und ihre Arbeit seitdem weiterhin?
Nein. Klipp und klar nein. Wenn natürlich ein paar Dinge kommen, gegen die man sich nicht wehren kann, wie z. B. Fernsehsendungen oder so was und ich das zufällig sehe, ist es okay. Aber grundsätzlich habe ich mich für diese Thematik nicht mehr interessiert.

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Du hast aber auch während Deiner Zeit bei BAP schon andere Dinge gemacht, u. a. kenne ich noch Deine Arbeit als Produzent und Studiomusiker des Stücks "Sonne statt Reagen", damals gesungen vom Maler und Bildhauer Joseph Beuys. Beuys war ja nun eher als Künstler sehr bekannt, aber weniger als Sänger. Wie ist es damals zu diesem Stück und zu Beuys' Ausflug ins Musikgeschäft gekommen?
Das war eine Sache, die seinerzeit noch in der Friedensbewegung entstanden ist. Wolfgang war damals ja auch ziemlich aktiv. Irgendwer hatte dann die Idee, ob wir nicht etwas singen wollen. Wir steckten ziemlich tief im Dunstkreis der Friedensbewegung und irgendwie ist es dann dazu gekommen, dass ich das Stück geschrieben habe. Aber so ganz genau weiß ich das alles nicht mehr. Es ist halt schon unheimlich lange her.

Später hast Du auch unheimlich viel für die Gruppe BRINGS gearbeitet, also geschrieben und produziert. Auch mit Anne Haigis gab es eine Zusammenarbeit. Habe ich noch weitere wichtige Namen vergessen? Mit wem hast Du in den Jahren außerdem noch zusammen gearbeitet und welche Tätigkeiten dabei übernommen?
Das waren ziemlich viele. Ich wollte eben auch immer mal gerne etwas anderes machen, aber das entstand alles immer durch Zufall. Ich hatte einen Freund, der BRINGS entdeckt hat und dieser Freund fragte mich, ob ich Lust hätte, die Band zu produzieren. Ich habe sie mir angehört, fand das damals recht gut und dann habe ich das halt gemacht. Aber ich bin nun nicht selber auf die Suche gegangen oder habe mir pausenlos die Frage gestellt, wen könnte ich denn produzieren. Wie gesagt, kamen die meisten dieser Sachen durch reine Zufälle zustande. So wie man halt die Frau seines Lebens kennenlernt, findet man auch in der Musik seine Partner eher zufällig. Ich hätte zum Beispiel früher auch nicht gedacht, dass ich mal in Köln landen werde. Das sind so Sachen... Du kommst zum Studium, lernst den Wolfgang kennen und auf einmal bist du Kölner. Es hätte ja auch sein können, dass ich Hamburger werde. Oder du lernst eine Frau kennen, heiratest sie, kriegst mit ihr ein Kind und ziehst mit ihr, so wie ich es getan habe, aus der Stadt raus ins Umland. Das hätte ich mir auch nie träumen lassen, dass ich mal freiwillig außerhalb der Stadt leben würde. Solche Dinge kann man eben nicht voraussehen. Es wäre alles anders geworden, wenn... Den Rest kannst Du Dir jetzt selber überlegen.

Wie ging es ab 1999 bei Dir weiter? In meinen Unterlagen klafft hier eine Lücke zwischen Deinem Ausstieg bei BAP im Jahre 1999 und dem Jahr 2006. Was hast Du in diesen sieben Jahren gemacht?
Hm, also erst mal hatte ich ohnehin keine so große Lust mehr, in der Öffentlichkeit aufzutreten, weil mich das Thema BAP ohne Ende verfolgt hat. Wo ich auch war und hinkam, überall hat man mich auf BAP angesprochen. Das sieht man ja gerade an Dir, das hört halt nie auf. Aber ich bin ja nicht nur BAP. Ich habe dann mit dem ehemaligen Chef der EMI eine kleine Firma gegründet, in der wir Nachwuchsleute gecoacht haben. Danach habe ich mir ein eigenes großes Studio aufgebaut, wo ich auch andere Leute produziert habe. Aber ich will jetzt nicht mit irgendwelchen Namen kokettieren, weil ich es doof finde, wenn jeder in seine Biographie rein schreibt, wen er alles kennt und was er alles macht.
Außerdem habe ich noch mal angefangen, ernsthaft Konzertgitarre zu lernen. Dazu habe ich bei Hubert Käppel, einem Professor der Kölner Musikhochschule, Privatunterricht genommen und habe so zwei Jahre lang Konzertgitarre studiert. Ich war halt nur nicht an der Uni. Zwar habe ich darüber nachgedacht, ob ich es nicht doch tun sollte, aber dann sagte ich mir, bei meiner Vergangenheit und meinem Alter ist das doch eher peinlich.

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Im Jahre 2006 wurde das Album "Major & Suzan", zusammen mit der Berliner Sängerin Susanne Werth, veröffentlicht. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit und besteht dieses Projekt noch?
Nein, das Projekt besteht nicht mehr. Auch das war wieder alles ein Zufall. Susanne Werth hat mir mal ein Demo von ihrer Band geschickt und gefragt, ob ich das produzieren möchte. Daraufhin habe ich mit ihr telefoniert und ihr erklärt, dass ich das nicht unbedingt machen will, weil ich die Sache nicht so toll fand. Sie wollte wissen, was ich denn besser machen würde, worauf ich ihr sagte, das kann ich am Telefon nicht erzählen, da müsse sie mal bei mir vorbei kommen. Am Klavier oder mit der Gitarre in der Hand könnte ich ihr gerne erklären, was ich meine. Damit hatte ich das Thema eigentlich schon ad acta gelegt, aber irgendwann stand Susanne dann wirklich vor meiner Tür und sagte: "So, da bin ich, nun erzähl mal, was kann ich besser machen?" Im ersten Moment wusste ich nicht so recht, was ich nun tun sollte, also schlug ich ihr vor, dass ich mit ihr zusammen ein Stück schreibe, um ihr so klar zu machen, was ich ihr mit meiner Kritik sagen wollte. Wir haben dann also ein gemeinsames Lied aufgenommen, das habe ich am Abend meiner Frau vorgespielt und die meinte, "Wer ist das denn? Das klingt ja gar nicht schlecht." Daraus entstand dann bei mir die Idee, mit Susanne etwas zusammen zu machen. Am Ende wurde ein ganzes Album daraus und wie Du siehst, war es auch hier wieder ein totaler Zufall, der die Sache ins Rollen brachte.

Tja, und dann sind wir schon wieder im Heute und bei Bargel & Heuser. Eins möchte ich aber nicht unerwähnt lassen, nämlich Deine Zusammenarbeit mit Hubert Käppel. Was genau macht Ihr beiden?
Hubert Käppel erwähnte ich ja vorhin bereits, das ist der Professor der Musikhochschule Köln, bei dem ich Privatunterricht nahm. Viele Leute fragten mich, wieso und weshalb nimmst denn du eigentlich Unterricht? Also beschloss ich für mich, man müsste all diesen Leuten mal vorführen, was für Möglichkeiten es gibt, Gitarre zu spielen. Da Hubert Käppel und ich auch gerne mal zusammen etwas spielten, wollten wir ein Programm über die Geschichte der Gitarre machen, ganz von den Anfängen im 17. Jahrhundert bis hin zur heutigen Zeit und zur Rockmusik. Das hat sich allerdings derzeit erledigt, weil ich im Moment eine Nervenkrankheit in der rechten Hand habe, die mich daran hindert, richtig Konzertgitarre zu spielen.

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Damit sind wir auch schon fast am Ende. Eine Frage allerdings liegt mir noch sehr am Herzen: Euer "Men in Blues" Konzert in Berlin wurde leider kurzfristig abgesagt. Natürlich hoffen alle, die ein Ticket hatten, dass es irgendwann nachgeholt wird. Wie stehen die Chancen dafür?
Wir arbeiten daran, nur muss sich in Berlin erst mal ein Veranstalter finden, der Interesse an uns bekundet und etwas dafür tut. Und einfach mal nach Berlin zu fahren, um ein Konzert vor zehn Zuschauern zu spielen, macht ja auch wenig Sinn. Es müssen ja keine dreihundert kommen, aber wenigstens hundert Leute sollten es schon werden.

Ich wäre auf jeden Fall schon mal einer, der ganz sicher kommen würde. Ich kann mir aber überhaupt nicht vorstellen, dass es in Berlin schwer sein sollte, für ein Konzert von "BARGEL & HEUSER" genügend Zuschauer zu aktivieren.
Genau das ist aber das Schwierige, auch bei den anderen Konzerten, die wir im Moment geben. Wenn ein Veranstalter dich zwar bucht, aber sich dann überhaupt nicht drum kümmert und keiner in der Stadt weiß, dass wir kommen, dann brauchst du auch nicht hinfahren. Dann kommt nämlich wirklich keiner. Auf jeden Fall suchen wir nach wie vor jemanden in Berlin, der uns haben will. Das war übrigens auch das einzige Konzert, welches wir je abgesagt haben. Und wir haben immerhin schon 170 Stück gemacht.

Gibt es etwas, was Du Dir für die nächsten Jahre als Musiker selber wünschst?
Ja, dass meine rechte Hand wieder funktioniert.

Dann danke ich Dir ganz herzlich für das Gespräch und wünsche Dir alles Gute für die Zukunft.
Vielen Dank und herzliche Grüße an die Leser der Deutschen Mugge.

 

Interview: Torsten Meyer
Ausarbeitung: Christian Reder, Torsten Meyer
Bearbeitung: mb, cr
Fotos: Archiv Klaus Heuser, Pressematerial

 


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