ROCKHAUS

 

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Insgeheim hat sich der Autor dieser Zeilen das ja gewünscht: Rockhaus MUSS noch mal wiederkommen, damit man mit den Jungs ein Stargast-Interview für Deutsche-Mugge machen kann. Was wäre unser Musikmagazin, wenn nicht eine der kultigsten Bands der letzten drei Dekaden mit in der Reihe der anderen großen Namen stehen würde? Und weil es in diesem Jahr schon reichlich Überraschungen gegeben hat (und noch einige ausstehen), erfreut uns dieser Tage auch die Gruppe Rockhaus mit einem Comeback.
Rockhaus ist eine der Gruppen aus der ehemaligen DDR, die man dies und jenseits des eisernen Vorhanges kannte (und kennt). Ihre 1988er LP "I.L.D." ist ein Meilenstein der Deutschrock-Geschichte und eine wahre Perle ostdeutscher Rockschmiede-Kunst. Rockhaus hat bereits zwei Konzerte in diesem Jahr gespielt, und die Kritiker und Beobachter sind begeistert von dem, was die Herren Kilian, beathoven & Co auf die Bretter gezaubert haben. Die Gruppe hat mit Mike Kilian einen der besten Sänger unseres Landes in ihren Reihen, hinter dem sich die vielen dünnen Stimmchen aus der Casting-Welt und aus der künstlich hochgezüchteter Plastikbands nur verstecken können.
Endlich war es dann wirklich soweit und Rockhaus lieferte uns viele Gründe, sie in unsere Stargast-Rubrik einzuladen. Aus der Abteilung "Kreativ" sprach Christian mit Carsten Mohren, alias beathoven, und Mike Kilian über bereits feststehende und angekündigte Fakten und über Gerüchte. Dabei ging es auch über den Tellerrand hinaus in die Tiefe...

 

Hallo Mike, hallo beathoven es gibt interessante Fakten und Gerüchte um Rockhaus. Fakten sind die Tour und eine DVD. Gerüchte sind (noch) neue Songs und ein evtl. neues Album. Wieviel Wahrheit steckt in den Gerüchten?
Mike: Ja, Hallo! Wir können die Gerüchte also völlig zerstreuen und in Luft auflösen. Die CD ist gerade in der Entstehungsphase. Das wird ein Album mit 12 komplett neuen Songs. Die CD wird "Positiv" heißen, und sie wird pünktlich zur Tour am 1. Oktober zu haben sein.
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Könnt Ihr uns schon etwas darüber verraten, wie Rockhaus 2009 klingen wird?
Mike: Wir sind unserem Stil dahingehend treu geblieben, dass es richtig losrockt. Rockhaus heute klingt, wie es im Jahre 2009 auch klingen sollte, also modern. Allerdings nicht mehr wie in den 80ern, sondern modern und trotzdem rockig. Es gibt auf der CD ein paar schöne Balladen und ein kleines Highlight, das wir noch nie hatten: Unser Schlagzeuger Heinz (Michael Haberstroh, Anm. d. Verf.) wird erstmalig ein Lied, das er auch noch komponiert hat, selber singen.
beathoven: Wir werden eigentlich so klingen wie immer, nur moderner. Wir werden 12 neue Songs veröffentlichen, einen davon hat Ingo Politz vom Forum Valicon produziert. Das sind die Macher von Bell, Book & Candle und Silbermond. Die haben unsere Hitsingle produziert. Ob's ein Hit wird, werden wir sehen, aber auf jeden Fall wird es die Single-Auskopplung sein.

Gibt es sonst noch etwas, das die Fans wissen sollten? Was ist aus den DVDs geworden, die zuerst 2006 und dann im letzten Jahr kommen sollten?
Mike: Das hat uns großes Kopfzerbrechen bereitet. Wir hatten damals auf der Tour zwei Kameras dabei. Nachdem wir das Material nach der Tour gesichtet hatten, waren wir von der Qualität ziemlich enttäuscht. Wir waren der Meinung, dass wir das den Leuten in der Form nicht anbieten können. Dann hat sich aber unser Bassist Max (Reinhard Repke, Anm. d. Verf.) hingesetzt und gesagt: "Ich guck jetzt mal, ob man daraus nicht noch was machen kann." Erstens wollten die Fans diese DVD haben und wir natürlich auch. Das wäre unsere erste DVD mit Rockhaus überhaupt. Max hat daraufhin aus dem vorhandenen Material in fast einem Vierteljahr in liebe- und mühevoller Kleinarbeit eine wunderschöne DVD gemacht. Er hat für die DVD aus Mitschnitten von vier oder fünf Konzerten ein komplettes Programm zusammen geschnitten und als Zusatzmaterial noch ein Interview, in dem jeder von uns die Geschichte von Rockhaus erzählt, aufgenommen. Außerdem gibt es noch Bonus-Videoclips. Wahrscheinlich drei oder vier, z.B. das Video zu "Mich zu lieben". Wir haben es also letztendlich hinbekommen. Anfangs hat es uns von der Qualität her Kopfschmerzen bereitet, aber Max hat da unheimlich gezaubert, gemacht und getan. Insofern war jetzt auch der Zeitpunkt, in dem alles fast auf einmal veröffentlicht wird, besser. SONY Music wird die DVD veröffentlichen, und hat passend dazu noch eine "Best Of"-CD gemacht, die ebenfalls dort erscheinen wird. Es wird also auch eine Best Of von Rockhaus für die Leute geben, die die alten Titel noch nicht haben oder denen die neuen nicht gefallen (lacht). Dazu die DVD und das neue Album. Bei der neuen Platte waren wir uns alle einig, dass wenn wir schon wieder da sind, wir nicht nur wieder die alten Sachen spielen wollten. Jetzt sind wir 30 Jahre zusammen, und das feiern wir nicht mit einem Resümee, was wir in den 30 Jahren gemacht haben, sondern blicken nach vorne und haben uns gesagt: "Kommt, wir machen aus diesem Anlass jetzt 12 neue Songs."

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Dazu gab es auch eine konkrete Fanfrage: Einer unserer Leser wollte wissen, was aus den "neuen" Songs geworden ist, die Ihr damals auf Eurer Abschiedstour gespielt habt, die aber nie veröffentlicht wurden?
Mike: Die bleiben auch erstmal in der Schublade. Vorerst auf jeden Fall, weil wir auch nicht das alte Material nur aufwärmen wollten. Wir hatten viel zu viele neue Ideen. Auf der neuen CD hat z.B. erstmals auch jeder von uns Texte beigesteuert. Max hat z.B. den Text zur ersten Single geschrieben, "Mit jeder Träne", die die Produzenten von "Silbermond" produziert haben. Bei den anderen Songs sind auch viele Texte von Reini (Reinhard Petereit, Anm. d. Verf.) und mir zusammen dabei. Musikalisch ist auch nur mal Beathoven (Carsten Mohren, Anm. d. Verf.) zu hören. Sonst haben wir das immer alles in einen Topf geworfen und "Rockhaus" drauf geschrieben, diesmal ist jeder für sein eigenes Zeug, was er da so macht, verantwortlich (lacht). Wie gesagt: Wir hatten soviel neues Material und Ideen, da haben wir die alten Sachen erstmal liegengelassen und sie gar nicht erst rausgeholt. Und wer weiß, vielleicht ist das irgendwann in fünf Jahren mal Material für eine "Raritäten und Kellersongs"-CD. Dann kramen wir die Sachen noch mal hervor.

Auf welchem Label wird das Album erscheinen? Auch bei SONY?
Mike: Nein, die CD wird erstmal auf meinem Label, "KILLINGKILIAN Records", erscheinen. Vertrieb wird Buschfunk sein.

Die ersten beiden Live-Konzerte habt Ihr bereits gespielt. War das das Warm Up für die Tour?
Mike: Ja, das kann man schon als "Warm up" sehen, zumal wir da auch erstmal gucken wollten, ob überhaupt Leute kommen werden. Wir wollten auch zwei neue Songs testen. Zur Tour werden wir sicher vier oder fünf neue Songs spielen. Wir wollten bei den beiden Konzerten aber erstmal auch sehen, wie die Setlist angenommen wird, denn wir werden die in ähnlicher Form auch im Herbst spielen. Da sind auch viele Wünsche von Fans dabei, was sie gerne hören wollten. Das haben wir versucht, alles zu berücksichtigen. Da kamen die beiden Konzerte genau richtig, dass wir mal testen konnten, wie die Reihenfolge der Titel funktioniert und ob das alles so läuft wie wir uns das vorstellen. Dafür war das schon cool!
beathoven: Ja, man kann das so sagen, dass die beiden Konzerte unser Warm-Up waren. Wir wollen zur Tour noch zwei weitere neue Songs mit ins Set aufnehmen, so dass wir vier Lieder von der neuen CD spielen können. Aber im Grunde genommen wird das Programm so sein wie bei den beiden Auftritten zuletzt.

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Wie kam es überhaupt dazu, dass Ihr gerade jetzt die Band weiterführt? Gab es noch andere Gründe dafür, außer dass Ihr ein Jubiläum zu feiern habt?
Mike: Der ursprüngliche Grund war eigentlich der, dass "Die Prinzen" im Jahre 2005 einen Support für ihre "Freiberger Prinzen-Tour" suchten. Tobias Künzel von den Prinzen, den ich sehr gut kenne und der ein sehr guter Freund von mir ist, mit dem ich auch "Final Stap" zusammen mache, rief mich damals an und sagte: "Wir wissen zwar, dass Ihr nicht mehr so richtig zusammen seid, aber wenn wir uns jemanden wünschen dürften der bei uns als Vorband spielt, dann wärt Ihr das." Daraufhin habe ich allen anderen Jungs eine Mail geschrieben, und komischerweise hatte ich nach 10 Minuten von allen die Antwort: "Warum nicht?". Wir trafen uns zum Proben und wir haben schnell gemerkt, dass diese Streitereien von vor 10 Jahren gar kein Thema mehr waren. Jeder von uns ist gereift, hat sich solo ausgetobt, hat den nötigen Abstand und ist älter geworden. Wir haben uns auch nicht gezwungen, neue Sachen zu machen, sondern haben uns getroffen, um erstmal nur unser Zeug zu spielen. Erstmal nur für eine ¾-Stunde, und das hat uns allen nicht wehgetan. Im Gegenteil: Das hat super Spaß gemacht und es war sofort so, als wären die 10 Jahre davor nie da gewesen. Aus dieser Euphorie heraus haben wir 2006 eine eigene kleine Tour gemacht. Die war auch sehr schön, und wir hatten einen Riesenspaß. Zuletzt kam vor einem knappen Jahr ein Anruf von "Reini", über den ich sehr erstaunt war. Er fragte: "Du hör mal, wollen wir nicht 'ne neue Platte machen? Wir haben 30. Jubiläum und es wäre doch schön, wenn wir mit neuen Songs in die Zukunft gucken." Da war ich erstmal baff und habe geantwortet: "Warum nicht?". Dann hat man sich getroffen, und bis man das alles so hinbekommen hat, mit Studio und Songschreiben, dauerte es etwas. Aber es hat zum Ergebnis, dass wir jetzt unser neues Album fast fertig haben.
beathoven: Man muss auch sagen, dass es sich zeitlich gerade ergeben hat. Nachdem wir 2005 mit den Prinzen zusammen, und 2006 eine kleine Tour alleine gespielt hatten, wollten wir jetzt wieder etwas Neues machen. Eigentlich war das auch schon viel eher geplant, aber irgendwie konnte immer einer von uns nicht. Max hatte mit den "Dichtern", Reini mit Silly und ich mit einem Musical zu tun. Das einzige Zeitfenster haben wir jetzt für September, Oktober und November gefunden. Deshalb kommt das erst jetzt.

Wann genau ist eigentlich der Rockhaus-Geburtstag? Die richtige Geburtsstunde habt Ihr beiden nicht persönlich erlebt. Wird ein konkreter Tag oder einfach nur das Jahr gefeiert?
Mike: Wir feiern das ganze Jahr durch. Nach dem konkreten Tag müsste ich Reini fragen, denn er war die Urbesetzung, aber ich glaube, das weiß er auch nicht mehr. Also nehmen wir die gesamte Tour zum Anlass und feiern das ganze Jahr. Ich glaube, man kann das so genau nicht mehr sagen, ob die Gründung von Rockhaus im Januar, Juni oder erst im Herbst war.

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Euch verschlägt es während der Tournee u. a. nach Rostock, Greifswald, Dresden, Leipzig und Berlin, aber in den Westen der Republik nicht. Warum eigentlich?
Mike: Es ist heutzutage schwierig. Wir sind ein großes Unternehmen, das auf der Tournee eine ganze Crew und einen Manager mit dabei hat. Dafür brauchst Du Hotels und Verpflegung. Es ist leider so, dass man eine feste Gage braucht, damit man weiß, dass sich das Ganze auch finanziert. Und das ist im Westen nicht möglich, auch deshalb nicht, weil wir damals dort nur zwei kurze Tourneen hatten. Da kamen zwar auch Leute und wurden neugierig, aber dann brach die Teldec weg und ging in EastWest auf, und wir wurden dabei rausgekantet. Wir haben damit so ein bisschen den Westanschluss verloren. Es würde sich heute ganz einfach nicht rechnen, wenn wir da rüber fahren und es kommen nur 30 oder 40 Leute. Vielleicht wären es auch mehr, aber es hat sich bei den Planungen zur bevorstehenden Tour einfach nicht gerechnet.

Mit dem was Ihr aber bis jetzt gemacht habt und gerade macht, solltet Ihr trotzdem mal versuchen die Promotion im Westen anzukurbeln. Da ist bis jetzt echt eine Chance vertan worden...
Mike: Naja, Dein Wort in Gottes Ohr. Wir sind natürlich bemüht, an den richtigen Hebeln zu ziehen. Ich sage es mal so: Wenn die kommende Tour und die Single erfolgreich sind, besonders die Single, wenn die Radiomacher gnädig sind, unser Lied zu spielen und es der Song ins Radio schafft, dann kann sich das ganze Blatt für uns auch wenden. Auf einmal könntest Du überall gefragt sein, und dann gäbe es im nächsten Jahr auch noch eine zweite Tour, die uns dann auch in den Westen führen würde. Bis jetzt waren die Angebote nicht so, weshalb wir gesagt haben: "Ok, dann bleiben wir erstmal da, wo wir zuhause sind und gucken dann, ob da noch später was kommt."

Für die Leute, die jetzt noch nicht ganz so in der Materie stecken: Stell uns doch bitte mal Rockhaus 2009 vor. Wer ist alles dabei?
Mike: Dabei sind Carsten "beathoven" Mohren, unser Keyboarder, der gleichzeitig auch das "METROMUSIK"-Studio hat, in dem der Großteil der neuen Platte produziert wird, Reinhard "Max" Repke, den man sicher auch noch vom "Club der toten Dichter" her kennt, der spielt bei uns den Bass und hat die bald erscheinende DVD in liebevoller Kleinarbeit zusammen gebastelt. Dann gibt es bei uns den Michael "Heinz" Haberstroh, unseren Schlagzeuger, der auf der neuen Platte auch erstmals einen eigenen Titel singen wird, Reinhard "Reini" Petereit, den man u.a. auch von Silly kennt, wo er die zweite Gitarre spielt, und meine Wenigkeit, Mike Kilian. Mich kennt man vielleicht auch von Final Stap, Wagnerama oder von der Stones-Coverband Starfucker.

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Bleibt Ihr jetzt mal für etwas länger da oder geht Ihr nach dem Album und der Tour wieder ein paar Jahre getrennte Wege?
Mike: Es wird sich zwangsläufig so ergeben müssen, weil z.B. im nächsten Jahr Silly ihre neue Platte veröffentlichen wird, da steht uns Reini nicht zur Verfügung, und auch Max bereitet schon den nächsten "Club der toten Dichter" vor und geht damit auch wieder auf Tour. Wir wissen es auch noch nicht ganz genau. Geplant ist erstmal dieses Jahr mit der neuen CD und der Tour. Soweit schauen wir erstmal. Ob nächstes Jahr einzelne Festivals folgen werden, das können wir jetzt noch nicht genau sagen. Schätzungsweise wird es dann doch wieder zwei Jahre dauern, weil ja jeder von uns auch eigene Projekte hat. Wer uns jetzt sehen möchte, sollte ein paar Groschen zusammen sparen und zu uns kommen.

Aber die Essenz, die ich aus dieser Antwort ziehe, ist, dass Ihr danach nicht für immer getrennte Wege gehen werdet, sondern dass Ihr wiederkommen werdet...
Mike: Davon gehe ich mal aus, ja! Die Band hat sich insofern wieder erholt, dass es weitergeht solange der Spaß an erster Stelle steht. Ich sage jetzt auch mal stellvertretend für die anderen Jungs: "Warum nicht?" Auch wenn's bis zur nächsten Tour vielleicht wieder zwei oder drei Jahre dauert, bis wir das alle terminlich unter einen Hut bekommen, aber es könnte sein...

Welche Erwartungen habt Ihr an Eure Tour und die demnächst erscheinende CD?
Mike: Wir sind aufgeregt wie kleine Kinder und hypermäßig gespannt, ob die neuen Sachen auch den Leuten gefallen werden, ob sie es kaufen und ob sie zur Tour kommen werden. Wir hoffen, dass das alles gut funktioniert und dass jeder weiß, dass wir auch unterwegs sind. Wir haben einen Manager und Steffie Theuring für unsere Pressearbeit gewinnen können, die beide in der Richtung gerade richtig wirbeln. Bei unserer kleinen Tour im Jahre 2006 sind stellenweise so kleine Pannen passiert. Wir haben unsere Konzerte gespielt und irgendwann kam eine Mail von einem lieben Fan, der fragte: "Ich hätte Euch auch so gerne gesehen, warum wart Ihr denn nicht da und da?", und wir mussten dann antworten: "Du, wir waren da und da." Da hat dann die Werbung nicht richtig funktioniert, und wir hoffen, dass wir das diesmal so hinkriegen, dass die Leute wissen, wir kommen. Wenn die dann nicht kommen, wissen wir, dass man uns nicht mehr haben will (lacht). So kann man sich immer noch gut herausreden, aber das wollen wir diesmal nicht. Wir wollen das alles auf den Punkt bringen und schauen. Wir hoffen, dass die Häuser dann so voll sein werden, wie bei unserem letzten Besuch in Dresden, wo wir vor ausverkauftem Haus gespielt haben. Wir hoffen, dass wir einfach eine schöne Zeit haben werden. Wenn man so von der Bühne schaut, auch gerade jetzt, wo wir den DVD-Schnitt mit dem Material von 2006 gesehen haben, und die vielen glücklichen Gesichter sieht, die unsere Songs mitsangen und Spaß hatten… es wäre jammerschade, wenn genau diese Leute es nicht erfahren oder es nicht wissen, dass wir wieder auf Tour sind.
beathoven: Ich habe Erwartungen und Hoffnungen. Das sind immer zwei unterschiedliche Dinge. Ich hoffe, dass diese Tour wieder so viel Spaß macht wie die letzte, und das wird auch den Erwartungen entsprechen und zutreffen. Und ich hoffe, dass sich die CD gut verkauft. Wir veröffentlichen und vertreiben die selbst, wir haben keine Plattenfirma, und mit Buschfunk nur einen Vertrieb. Wir bezahlen die selbst, produzieren die selbst, und mal sehen was da passiert. Wir sind da ziemlich gespannt. Bei den Konzerten werden wir sicher ein paar CDs verkaufen, aber keine Ahnung, was im Laden passieren wird. Ich hoffe das Beste!

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Wir drücken die Daumen!
beathoven: Danke!

Wie kann man sich das Arbeiten derzeit bei Euch vorstellen? Wer komponiert, wer textet und wer ist eher der organisatorische Kopf bei Euch?
Mike: Die geschäftlichen Dinge regle ich so ein bisschen. Ich bin organisatorisch tätig und bin auch der, der die Fäden zusammen hält. Die Vorarbeit bei der neuen CD war diesmal so, dass wir uns untereinander die Ideen für Songs zugeschickt haben. Wenn ich ein Demo von Beathoven oder Reini bekam, habe ich zuhause den Text dazu und den Gesang drauf gemacht. Dann kam die zweite Phase, in der wir uns alle mit diesen Demos getroffen, ich die Demos mit Gesang vorgespielt und die Texte herumgereicht habe. Derzeit befinden wir uns in der dritten Phase, wo wir im "METROMUSIK"-Studio bei Beathoven sind und dort die Songs noch mal live erarbeiten. In dieser Phase spielen wir die neuen Songs live ein und sie verändern sich dabei noch mal ein bisschen. Wenn wir das erledigt haben, kommt die letzte Stufe, in der wir uns jetzt gerade befinden und in der wir im Studio sind und Bass und Schlagzeug für alle Tracks aufgenommen wird. Derzeit ist Reini im "METROMUSIK"-Studio und spielt die Gitarren drauf. Morgen abend bin ich wieder da und singe. Gestern habe ich auch schon drei Stücke gesungen. Außerdem spiele ich auch noch bei ein paar Stücken Gitarre. Mitte nächster Woche soll dieser Teil der Produktion beendet sein, und dann folgt die heiße Phase, in der die Platte gemixt wird. Danach wird sie zum Mastern geschickt, also praktisch CD-fein gemacht. Von dort geht sie dann ins Presswerk und erscheint, wenn alles glatt geht, pünktlich zum 1. Oktober.

Unterscheidet sich die Bandarbeit heute zu damals, und wenn ja, wie?
Mike: Nein, eigentlich nicht. Die Arbeitsweise war damals schon professionell und ist heute noch professioneller. Man kann sich aufeinander verlassen, man weiß wie der andere tickt und es müssen auch nicht immer alle gleichzeitig da sein und aufpassen. Z.B. heute ist Reini im Studio und wir haben frei. Oder gestern als ich gesungen habe, sind Max und Heinz auch schon früher gegangen. Wir wissen untereinander schon, wie der andere tickt und wie jeder einzelne spielt. Wir sind ein eingespieltes Team. Nur zum Mischen der Platte sind wir dann alle da, denn es ist immer gut, wenn frische Ohren dazu kommen. An dem Punkt steht auch alles schon fest, weil uns sonst ein bisschen die Zeit weglaufen würde. Das ist aber ein gesunder Stress. Wenn Du ganz viel Zeit hast, legst Du Dich doch erstmal in die Sonne. Wenn Du aber weißt, Du hast keine Zeit mehr, bist Du hoch konzentriert und arbeitest gut. Und das ist bei uns der Fall. Diese Art zu arbeiten habe ich bei Rockhaus immer geliebt. Auch beim Proben, wenn wir uns auf die Tour vorbereiten, ist das wie ein Uhrwerk. Da hat jeder vorher schon geprobt und Du musst das Ding halt nur noch richtig zum Laufen bringen. Das ist schon Klasse!
beathoven: Ich finde doch. Sogar erheblich! Irgendjemand kam mit einer Idee, und wir haben damals im Übungsraum die Sachen gemeinsam geprobt. Irgendwann entstand daraus ein Song. Dann wurde der live gespielt und noch ein bisschen dran gefeilt, und irgendwann sind wir ins Studio gegangen und haben eine Platte aufgenommen. Heute ist es total andersrum. Ich habe mich mit Reini oder Mike getroffen und wir haben zu dritt im "METROMUSIK"-Studio Songs erarbeitet. Von diesen Songs haben wir Layouts mit Drumcomputer gemacht. Danach wurden die Texte gemacht und auf das Layout gesungen und wir sind dann erst ins Studio zum Proben und zum anschließenden Aufnehmen gegangen. Diesmal ist die Arbeitsweise also genau andersrum als früher, weil wir jetzt auch die Möglichkeiten dazu haben, es so zu machen.

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Gehen wir mal zurück zu den Anfängen... Unser Kollege Fred hat mit Dir 2008 schon einmal darüber gesprochen, und Du konntest Dich nicht mehr so ganz genau daran erinnern. Vielleicht ja heute: Wie und wann bist Du zu Rockhaus gekommen?
Mike: (lacht) Gerade neulich habe ich das für das Interview auf der DVD schon erzählt: Das muss 1981 gewesen sein. Heinz kam 1980 dazu und ich 1981. Ich spielte damals in einer Amateurband namens "Deus", und wir probten hier in Berlin-Köpenick in einem Club. Wir hatten so eine Art Mentor, das war Peter Pabst (Jonathan Blues Band, Anm. d. Verf.), der ab und zu bei uns mal nach dem Rechten gesehen hat. Er gab uns auch immer nützliche Tipps, wie man was richtig spielt und so. Er war zusammen mit den Musikern von Rockhaus auf der Musikschule. Peter Pabst bekam von den Rockhaus-Musikern mit, dass sie einen neuen Sänger suchten. Der damalige Sänger hatte Knötchen auf den Stimmbändern und konnte nicht mehr singen. Peter sagte: "Ich kenn da einen, der brüllt rum wie am Spieß und der könnte vielleicht zu Euch passen." So kam es, dass ich durch Peter kontaktiert wurde. Ich bin daraufhin nach Friedrichshain zu einer Open Air-Mugge von Rockhaus gegangen und habe mir das angehört. Die haben so komische Stücke gespielt wie "James Watt und die Dampfmaschine" und ich dachte noch: "Naja, das ist ja nicht so mein Ding, aber gehst Du doch mal hin." Ansonsten hat mir die Band nämlich ganz gut gefallen. Ich bin zu einer Probe gegangen. Die fand in so einem ollen Keller statt. Die einzige Stelle im Raum, an der ich überhaupt stehen konnte, war unter einem Abwasserrohr, weil der Fußboden da so ein bisschen ausgehöhlt war. Ich habe zusammen mit der Band einfach so einen Song gespielt und ich habe da rumgebrüllt. Die anderen fingen an zu kichern und zu lachen beim Spielen. Aber das war kein Auslachen, sondern das Zeichen für "Der ist es!". Seitdem bin ich dabei, und ich fing auch schnell an, mich da durchzusetzen. Ich habe gesagt: "Schaut mal, ich hab hier so ein paar Texte und Songs", und wir sind dann so langsam von den "James Watt Dampfmaschinen"-Songs weggekommen und es kamen die ersten eigenen Lieder. Das war eine richtig coole Zeit, zumal wir auch noch diese Mugger-Zeit durch haben, in der Du in Deinen LKW komplett belädst und schon um 13:00 Uhr zur nächsten Mugge in irgendeinem Biersaal fährst und dort Dein Zeug aufbaust. Damals mussten wir auch noch nachspielen, weil die Leute in solchen Biersälen gar keine eigenen Songs hören wollten. Um 2:00 oder 3:00 Uhr musstest Du Dein Zeug wieder einräumen und bist erst um 6:00 Uhr wieder zurück in Berlin gewesen. Um 7:00 Uhr musstest Du aber schon wieder bei irgendeiner Arbeitsstelle sein. Das volle Muggen-Programm also (lacht).

Was hast Du eigentlich vor Deiner Zeit bei Rockhaus gemacht? Hast Du einen Beruf erlernt und hast den auch ausgeübt?
Mike: Ja, ja... ich habe einen Beruf erlernt und habe den auch kurzzeitig ausgeübt. Zwischendurch war ich auch noch Verkäufer in einem Spielzeugladen. Später, als das mit Rockhaus richtig losging, habe ich nur noch halbtags gearbeitet, weil das gar nicht mehr anders ging. Durch den Erfolg von "Bonbons und Schokolade" haben wir dann zum Glück den Berufsausweis sehr schnell bekommen. In der DDR musste man als Musiker diesen Berufsausweis beantragen, in dem dann stand, dass man "nicht mehr arbeiten" musste und nur noch Musik machen konnte. Den haben wir vorzeitig bekommen, weil wir damals schon so einen großen Erfolg hatten. Es ging auch nicht, dass wir erst noch arbeiten gingen und dann zur Mugge und anschließend noch da und dorthin reisen mussten. Man war dann so gnädig, uns diesen Ausweis vorher schon zu geben. Man hat aber ganz genau geschaut, ob wir auch ja immer zur Musikschule gegangen sind und brav unseren Unterricht gemacht haben, um unsere Einstufung und diesen ganzen Mist nachzuholen.

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Hast Du Einzelhandelskaufmann gelernt?
Mike: Nein, mein erlernter Beruf war so was ähnliches wie Lagerist, das hieß damals "Facharbeiter für Lagerwirtschaft". Ich war früher so eine kleine Schlampe. Ich habe mich nie so richtig um einen Job gekümmert und konnte deshalb nur noch in einer Schweinezerlege-Fabrik, in einer Glasfabrik und bei diesem Lagerwirtschafts-Ding anfangen. Schweine zerlegen war und ist überhaupt nicht mein Ding. Die Glasfabrik war auch nichts. Ich hatte vorher beim Energieanlagenbau Bergmann-Borsig Rasierapparate zusammen gelötet, und ich konnte da diese Fabrik-Luft nicht ab. Ich dachte: "Um Gottes Willen, wie können die Leute hier nur arbeiten?", und da wusste ich, dass das überhaupt nicht mein Ding war. Der Lagerwirtschafts-Job war in einem Warenhaus, wo ich immer die angelieferten Waren, von BHs, Schlüpfern bis zu Anzügen, angenommen und diese dann verteilt habe. Ich habe diesen Job als Lehre durchgezogen. Später bin ich auf Verkäufer umgesattelt. Das hat mir auch Spaß gemacht, aber ich wusste damals schon: "Das ist es alles nicht." Ich wollte Musik machen. Und so ist es dann ja auch gekommen.

Welche musikalische Ausbildung hast Du genossen? Ich habe von einem Bekannten erfahren, dass Du die gleiche Gesangslehrerin wie Nina Hagen hattest. Stimmt das?
Mike: Das stimmt, ja! Das war Frau Gendries. Es war aber Zufall. Man hatte mir mehrere Gesangslehrer empfohlen und einer meinte: "Die Gendries ist cool." Sie hatte so ein Buch mit Arien, u.a. "Der Barbier von Sevilla" und solche Sachen. Das haben wir dann jeden Tag schön geträllert, und sie hat mir auch die Gesangstechniken beigebracht. Am Ende war ich fast vier Jahre bei ihr. Ich hätte gar nicht so lange da sein müssen, aber ich wollte da auch bleiben. Du kannst ja nicht in den Laden gehen und Dir eine neue Stimme kaufen, wenn Deine kaputt ist. Da war mir dieser Unterricht schon sehr wichtig. Auf der anderen Seite habe ich auch die Musikschule besucht und dort einen Abschluss gemacht, was auch OK war, denn Du hast da auch mal die Möglichkeit, ein anderes Instrument zu probieren und Notenkenntnisse zu erwerben. Dadurch wusstest Du auch, wo "g" und "fis" ist, und warum Du nach diesem Akkord nicht gleich den Akkord spielen kannst. Das war schon sehr hilfreich. Aber am Wichtigsten war für mich die Gesangsausbildung. Die Gesangsausbildung und die ganze Notengeschichte kommt mir heute noch zu Gute, wie z.B. letztens, als ich so eine Sache mit dem Babelsberger Filmorchester hatte, wo ich den "Messias" nach Noten singen musste. Da hat sich meine Ausbildung bezahlt gemacht.

Als Du zu Rockhaus gestoßen bist, in welcher Verfassung hast Du die Band vorgefunden? Wie war die Stimmung innerhalb der Truppe?
Mike: Die war sehr gut! Die Jungs hatten einen eigenartigen schwarzen Humor, den sie heute noch pflegen und der mir sehr angenehm war. Das mit uns passte, wie die sprichwörtliche Faust auf's Auge. Damals waren wir noch mit Ingo Griese, Reini, Heinz und mir unterwegs. Das war schon cool. Das war so eine junge, frische, rotzige Band, die sich einen Dreck um alles andere geschert hat (lacht).

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Was war das erste, woran Du mit den anderen Jungs gearbeitet hast? Bist Du sofort ins Songwriting mit eingestiegen oder was waren zu Anfang Deine Aufgaben?
Mike: Wie ich schon vorhin sagte: Wir haben erstmal Songs nachgespielt. Nebenbei haben wir damals auch schon neue Songs gemacht. Da waren Reini und Inge (Ingo Griese, Anm. d. Verf.) ein fantastisches Team. Dazu kam ich dann mit der Gitarre und sagte "hier hab' ich auch noch'n Riff", und auf einmal war das ein fertiger Song. So ist z.B. auch "100 000 Weiber" entstanden oder auch die ganzen ersten Rockhaus-Songs. Das war schon eine coole Arbeit. Da habe ich mich auch schon ziemlich früh stark gemacht und gesagt: "Ich habe hier ein paar Texte." Die Jungs haben das genauso gesehen und fanden die Texte auch cool. Anfangs hatten wir auch von Inges Frau noch ein paar Texte dabei, wie z.B. "Ferien mit Helene", was auch OK war. Aber nachher hat sich das immer mehr herauskristallisiert, dass ich den Hauptteil der Texte gemacht habe. Das ging dann bis 1988 zur "I.L.D."-Platte, wo auch mal Reini kam und sagte, dass er einen Text hat. So ist z.B. der Titel "Gefühle" entstanden. Reini hat sich über die Jahre sehr gut entwickelt und schreibt tolle Texte. Meistens aber macht er schöne Bilder, und ich bin der Geschichtenerzähler. Und wenn man das beides zusammen packt, bekommen wir tolle Songs. Davon gibt's auch ganz viel auf der neuen Platte zu hören. Es gibt aber auch wieder die typischen Geschichten von mir, z.B. über einen Hypochonder, aber auch diese tollen Songs mit Bildern, wo man in der Strophe nicht unbedingt einen Leitfaden hat, sondern wo jeder selbst mal mitdenken muss.

Welche musikalischen Vorbilder hat es damals für Euch gegeben? Was habt Ihr speziell gehört, wenn Ihr Musik angestellt habt? Was waren und sind die Lieblingskünstler?
Mike: Das war ziemlich gemischt. Zu der Zeit war damals Police angesagt. Ich fand die Gruppe Journey sehr gut, und gerade der Sänger dieser Band war für mich ein heimlicher Gesangslehrer, den ich zwar nie getroffen, aber dessen Platten ich gehört habe. Ich selbst fand auch Queen und Bryan Adams gut. Heinz war damals auf der Bon Jovi-Schiene, Inge fand Kajagoogoo gut, aber irgendwo haben wir uns musikalisch dann wieder getroffen. Wir waren nicht meilenweit auseinander. Was man gehört hat, hat man unterbewusst auch in die Musik mit einfließen lassen. Das ist selbst heute noch so. Jeder von uns hat seinen eigenen Stil gefunden, man hört aber trotzdem, und ich hoffe, dass das so ist, dass es ein Rockhaus-Song ist. Auch bei der Art, wie Rockhaus spielt. Aber Einflüsse von außen gibt's auch heute noch.
beathoven: Bei mir müssen das U2 und Bryan Adams gewesen sein. Außerdem noch Bruce Springsteen.

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beathoven, Du bist erst 1986 dazu gestoßen, richtig?
beathoven: Das stimmt. Ich bin im Sommer zu Rockhaus gekommen und Max im Herbst.

Du bist von der Gruppe WIR gekommen. Wie bist Du zu WIR gekommen, wie lange warst Du dabei und wie kam es dazu, dass Du der neue Tastenmann bei Rockhaus wurdest?
beathoven: Ich bin zu WIR gekommen, in dem mich Uwe Karsten damals gefragt hat. Den habe ich getroffen, ich kannte ihn von der Musikschule, und er hat zu mir gesagt: "Geh mal zum Ziegelstein (Wolfgang Ziegler, Anm. d. Verf.), der sucht einen neuen Keyboarder." Ich bin dann zu Wolfgang Ziegler hin gegangen, wir haben gemeinsam an einem Song gearbeitet und er meinte dann: "Finde ich gut, das machen wir so." Dann war ich drei Jahre bei Wolfgang Ziegler. Ich bin da aber schon bevor ich zu Rockhaus kam wieder ausgestiegen. Dazwischen war ich noch ein halbes Jahr bei der Gaukler Rock Band, zusammen mit Manne Pokrandt, der heute bei Engerling spielt, und dann kamen die Rockhäuser. Bei Rockhaus war es so, dass ich da schon die erste Platte der Band, "Disco in der U-Bahn", mit eingespielt und gesagt habe: "Jungs, wenn Ihr irgendwann mal einen Keyboarder braucht, kommt bitte zu mir und fragt mich. Ich bin sofort dabei." Und 1986 war es dann soweit und Ingo und Reini standen bei mir auf der Matte.

Was hast Du denn vor WIR gemacht? Hast Du eine spezielle musikalische Ausbildung genossen?
beathoven: Ja, ich habe acht Jahre Musikschule hinter mir. Danach habe ich zwei Jahre an der Musikschule "Hanns Eisler" studiert, das Studium aber nach zwei Jahren abgebrochen. Das hatte nicht viel mit Musik zu tun, das war eigentlich nur "Russisch" und "Kommunismus". Von einigen Fächern wurde ich suspendiert, weil ich damals schon viel weiter war als alle anderen, z.B. Arrangieren und Theorie, und da blieben mir nur so ein paar gesellschaftspolitische Sachen offen, und die haben mich überhaupt nicht interessiert. Daraufhin habe ich nach zwei Jahren gesagt: "Das habe ich mir anders vorgestellt", und bin ausgestiegen.

Wie bist Du eigentlich zu Deinem Spitznamen "beathoven" gekommen?
beathoven: Das war 1986, die erste Foto-Session mit Rockhaus. Fotografin war Ute Mahler. In den 80ern war es in, sich die Haare zu toupieren. Alsw war auch ich dran... wohlgemerkt: Toupieren war für mich auch Neuland. Und als ich aus dem Bad kam, sind alle vor Lachen zusammen gebrochen und haben gesagt: "Du siehst ja aus wie Beethoven!" Und so war mein Spitzname geboren. Da ich den Namen dann auch als Pseudonym als Komponist anwenden wollte (denn unter meinem bürgerlichen kennt mich ja kaum jemand), musste ich aus Beethoven Beathoven machen, genau genommen Leslie Beathoven. Da gab's nämlich schon irgendeinen L. van Beethoven.

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Wie seid Ihr eigentlich zur Musik gekommen? Was waren die Schlüsselerlebnisse, die in Euch den Berufswunsch Musiker haben reifen lassen?
Mike: Ein Schlüssselerlebnis bei mir war "Disco" mit Ilja Richter. Da habe ich die ganzen tollen Bands, wie z.B. The Sweet, Bay City Rollers oder Rubettes gesehen und dachte: "Oh, ist das geil!". Ich habe mir einen Besenstil genommen, von Mutters Bademantel den Gurt geklaut, den am Besenstiel festgemacht und habe damit in meinem Zimmer sozusagen die "Mini Playback-Show" gemacht. Später hatte ich von Status Quo eine Live-Platte. Die fand ich auch cool. Daraufhin habe ich mir zwei Schlagzeugsticks gekauft und habe damit auf meinem Kissen rumgetrommelt bis die Bude so verstaubt war, dass meine Mutter völlig ausgeflippt ist. Irgendwann hat mir mal mein Papa, Gott hab ihn seelig, eine Gitarre geschenkt. Allerdings eine völlig furchtbare Gitarre, weil bei ihr der Saitenabstand so hoch war, dass deshalb meine Finger nach dem Spielen darauf stellenweise geblutet haben. Mir war das aber egal, ich habe mir das irgendwie draufgedrückt. Ich habe mir die Gitarre praktisch so gestimmt, dass ich erstmal einen Akkord hatte. Das was ich heute spiele, wusste und kannte ich damals noch nicht. Ich habe praktisch diese Keith Richards-Stimmung, dieses G-Dur mit `nem E hinten drin, drauf. Das ist so mein Stil geworden. Damals habe ich mir das Gitarrenspiel beigebracht und habe angefangen dazu zu singen. Ich habe ein paar Songs nachgesungen, und so kam eins zum anderen. So hat sich die Liebe zur Musik entwickelt. Damals in meiner Lehre waren in der Berufsschulklasse ein Schlagzeuger und ein Bassist, und wir haben gleich beschlossen, eine Band zu gründen. Wir haben sofort angefangen, The Who und solche Sachen nachzuspielen. Das war wahrscheinlich mörderschlecht, hat aber ziemlich gepunkt! (lacht)
beathoven: Bei mir war es mit Sicherheit mein Vater. Besser gesagt, mein Ziehvater. Er ist zwar nicht mein Erzeuger, aber mein Ziehvater. Der ist nämlich Musiker gewesen und für mich war immer klar, dass ich das auch mal machen muss. Damals wollte ich noch Schlagzeuger werden. Als er mich zur Musikschule anmeldete, war ich dazu noch zu jung. Deshalb hat er gesagt, "Mach doch erstmal Klavier, damit hast Du dann die Grundlagen." Und ich bin dann beim Klavier geblieben.

Ich erinnere mich noch, wie ich 1988 die Platte "I.L.D." in die Finger bekam und rauf und runter gehört habe. Ich wusste zu dem Zeitpunkt gar nicht, dass es sich dabei um eine Kapelle aus der DDR handelte. Wie kam es überhaupt zu dem Westdeal? Wie seid Ihr in die BRD und dort auf Vinyl und CD gekommen?
Mike: Durch den Erfolg der Platte "I.L.D." wurden auch hierzulande, und ich weiß gar nicht mehr, wer da alles mit drinhing, die Kulturoberen und die Leute von Amiga auf uns aufmerksam. Es gab ja auch Karat oder die Puhdys, wo drüben die Teldec sich umgesehen hat, was hier im Osten erfolgreich war, und womit man im Westen auch Geld verdienen konnte. Und hier im Osten waren die natürlich auch nicht blöde und haben sich gesagt: "Devisen können wir gut gebrauchen", insofern waren auch Angebote da. Daraufhin hat man diese Musikerprüfung gestartet, wo Dich irgendwelche Stasi-Leute beobachtet oder in Deinem Haus komische Fragen gestellt haben. Wenn Du für die halbwegs sauber warst, hast Du von denen einen Pass bekommen, damit Du rüber fahren konntest. Der Partner der Amiga im Westen war die Teldec, und die haben uns praktisch in ihrer Firma übernommen. Die haben eine Tour organisiert und im Westen die "I.L.D."-Platte rausgebracht. Unsere Tour war ziemlich gut, und die Leute von der Teldec haben gesehen, dass das ziemlich erfolgreich war. Damals waren die Konzerte alle noch richtig voll, weil alle Westler kamen und dachten, da kommen jetzt irgendwelche Tiere, die Fell haben und haben dann aber doch gesehen: "Das sind ja doch Musiker und die können ja doch tolle Songs schreiben." Dadurch war die Teldec so motiviert, dass das Album "Gnadenlose Träume" auch veröffentlicht wurde. Allerdings waren die so dämlich, dass sie das Album nur im Westen veröffentlichten, was natürlich dazu führte, dass im Osten die Platte stellenweise keiner kannte oder sich später mühselig vom ersten Westgeld kaufen musste. Dann haben die sich auch gewundert, warum die nicht so richtig gekauft wird, und auf uns Musiker haben sie natürlich nicht gehört, wenn wir gesagt haben: "Ihr könnt die doch nicht nur im Westen raus bringen. Da wo wir gerade erst bekannt werden. Die hätte im Osten auch erscheinen müssen, dann hättet Ihr sicher 50, 80 oder 100 Tausend Stück verkauft." Naja, sie haben es nicht gemacht und der Rest der Gesichte ist bekannt...

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beathoven, laut meinen Unterlagen warst Du einer der Produzenten des Albums "I.L.D.". Wie hat Deine Tätigkeit da ausgesehen?
beathoven: Weißt Du, das habe ich neulich auch gelesen… Ich kann mich eigentlich gar nicht so daran erinnern.

Du stehst bei der Teldec-Pressung (CD) bei den Credits mit dabei...
beathoven: Ich weiß. Im Prinzip stimmt das auch, weil der Produzent von Amiga eigentlich nur Lektorat war. Der hat aufgepasst, dass wir keine staatsfeindlichen Texte singen. Und das war immer so, ob bei Amiga oder beim Rundfunk. Die haben sich die Texte durchgelesen und vielleicht mal irgendwann gesagt: "Ich verstehe dies oder das Wort beim Einsingen nicht." Aber die ganzen musikalischen Dinge haben wir immer selbst gemacht. Da waren Reini und ich die treibenden Kräfte.

Außerdem war auch mal die Rede davon, dass Jürgen Ehle an der Produktion von "I.L.D." beteiligt war. Er fehlt aber in den Credits auf der Scheibe. Hat die Plattenfirma Teldec ihn unterschlagen oder stimmt das nicht?
beathoven: Auf "I.L.D." sind vier Songs drauf, die als E.P. schon vorher erschienen sind. "Amiga Quartett"-Single hießen die früher. Darauf waren auch "Bleib cool" und "Gefühle". Bei "Gefühle" hat Jürgen mitgespielt, das weiß ich. Die sind auch nicht bei Amiga aufgenommen worden, sondern bei "Dorf-Schubi" in Quadenschönfeld. "Dorf-Schubi" ist Sieghard Schubert von der Schubert Formation.

Qualitativ ist das eine verdammt geile Scheibe, die die eine oder andere Westproduktion mal gepflegt in den Schatten gestellt hat...
Mike: Danke für's Kompliment...

Trotzdem hat die nicht richtig gezündet, oder?
Mike: Die "I.L.D."? Im Osten schon!

positiv 20130307 1200708186

Nein, ich meine jetzt im Westen...
Mike: Ja, im Westen nicht so. Es ging, aber. Sie hatten, was wir sehr gut fanden, den Song "Armer Irrer (100 000 Weiber)" als Single ausgekoppelt. Andererseits haben die sich aber auch nicht so richtig reingekniet. Die dachten wohl, dass das Ding irgendwie von alleine laufen würde. Dabei muss man manchmal eben etwas Druck machen und Geld ausgeben. Aber das haben die Jungs damals irgendwie nicht so geschnallt. Woran es aber wirklich lag, wissen wir nicht. Da wo unsere Platte lief, fanden die Leute sie toll, kamen auch zu unseren Konzerten und waren begeistert. Aber wie das wohl manchmal so ist: Entweder man hat Glück oder man hat keins. Und wir hatten wohl nicht so viel Glück. Die Platte selbst war für uns so ein bisschen das "Erwachsen sein"-Stadium. Wir hatten vorher unsere Teenie-Zeit, sage ich jetzt mal so. Zum Glück haben wir es mit der Platte hinbekommen, endlich erwachsen zu werden.
beathoven: Im Westen lief gar nichts. Wir haben dort eine Tour gemacht und haben in sieben oder zehn Clubs in größeren Städten gespielt. Damit erreichte man vielleicht 100 Leute pro Abend. Und wenn man von 10% ausgeht, die nur eine Platte kaufen, dann wären es 10 verkaufte Platten. Aber nicht einmal so viele haben das gemacht. Da hätte von der Plattenfirma aus viel mehr passieren müssen.

Zu der LP "I.L.D.", und auch zum Nachfolgealbum, gab es - und das kann man in dem Interview von Fred auch nachlesen - je eine größere Tour. Woran erinnerst Du Dich noch, wenn Du an diese Tour zurück denkst?
Mike: Die waren eigentlich beide gut. Die "I.L.D."-Tour war natürlich euphorisch, und bei der "Gnadenlose Träume"-Tour haben wir schon gemerkt, dass so ein bisschen der Wurm drin ist. Da haben wir auch das erste Mal im Studio gemerkt, dass der West-Produzent da irgendwie zwischen uns alle einen Keil treiben will. Auch wir Musiker in der Band waren uns nicht mehr ganz schlüssig, wer und was wir sein wollen. Das hat man nachher auch unterschwellig auf der Tournee gemerkt, dass jeder irgendwie kurz davor war, entweder auszuticken oder seinen eigenen Weg zu gehen. Letztendlich war's dann ja auch so. Als wir dann die Platte "Wunderbar" angegangen sind, die wir komplett selbst gemacht haben, war zu spüren, dass die Euphorie, die wir sonst hatten, nicht mehr da war. Wobei die Platte nicht schlecht ist, sie klingt zwar ein bisschen rough, hat aber auch was. Danach war aber endgültig klar, dass was passieren muss. Dann habe ich praktisch als erster den Stecker gezogen und gesagt: "Es ist wohl erstmal besser, wir machen einen Riesenpause." Die Band wollte aber keine Pause machen, und hat danach noch eine Zeit lang mit einem neuen Sänger weitergemacht.

heinz 20130307 1021950263

Du bist auf allen Studioalben der Band als Sänger zu hören, bist also maßgeblich an der Entstehung jeder einzelnen Scheibe beteiligt. Auch wenn man das einen Künstler nicht fragen sollte, aber welche der LP ist Dein Favorit und welche LP würdest Du evtl. heute ganz anders machen wollen?
Mike: Oh, das ist schwer (überlegt lange)… Ich mag irgendwie alle Platten, selbst die "Bonbons und Schokolade" hat schöne Songs. Auch für die Zeit, wenn man mal so zurück denkt. Der Meilenstein ist sicherlich "I.L.D.", denn die kann ich heute selbst noch von vorne bis hinten durchhören, ohne irgendwie zusammenzucken zu müssen. Natürlich logischerweise auch die neue Platte, die wir jetzt gerade machen. Die gefällt mir sehr gut, und die schließt für meinen Geschmack nahtlos an die "I.L.D." an, auch wenn da ein paar Jahre dazwischen liegen. Aber jetzt eine Platte zu benennen, die richtig schlecht war und die ich noch mal anders machen würde, kann ich nicht. Für ihre Zeit war jede Platte irgendwie gut. Vielleicht war das zweite Album, "Alles klar", nicht so 100%ig der Bringer, weil sie ziemlich schnell kam und wir damals auch musikalisch nicht so genau wussten, wo wir hin wollten. Die "Bonbons" als erste Platte, so jung wie wir damals waren und wie wir drauf waren, fand ich sehr cool, und die restlichen Platten eigentlich auch. Da gibt es eigentlich nur sehr wenige Songs wo man sagt, "Naja, der gefällt mir nicht mehr". Gerade bei der "Gnadenlose Träume", wo wir all das Tanzen auf der Mauer gerade nicht haben wollten. Andersherum gibt es aber unheimlich viele Fans die sagen, dass es ihr Lieblingssong ist. Ich würde jedenfalls keine unserer Platten in die Tonne schmeißen.

Mike hat irgendwann in den 90ern die Band verlassen, und Ihr hattet einen anderen Sänger. Aus dieser Zeit ist mir eine Maxi CD in die Hände gefallen, die "Du hast den Farbfilm vergessen" heißt. Wie kam es zu dieser Platte, und was steckt dahinter?
beathoven: Irgendwie kann ich das auch nicht mehr genau sagen, was dahinter steckte...

Ich meine, es gab damals zur gleichen Zeit eine "Best of" zu der noch neue Songs beigesteuert werden sollten. Kann das sein, dass der Song in dem Zuge gemacht wurde?
beathoven: Ja, genau! Die beiden Songs sind bei Hoffmann im Studio entstanden, beim Produzenten der Ärzte. Irgendwie hatten wir die Idee, noch einen Song neu einzuspielen, den auch die Leute im Westen kennen, der aber trotzdem ein Ostsong ist. Das war die Herangehensweise, und da fiel uns eben nur Nina Hagen und der "Farbfilm" ein. Nina hatte im Westen auch großen Erfolg und wir mochten diesen Titel schon immer ganz gerne. Irgendwie hatten wir Lust darauf, den zu machen. Viel mehr steckte da eigentlich nicht dahinter.

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Wer war der Sänger damals und wieso fiel die Wahl zum neuen Rockhaus-Sänger damals auf ihn?
beathoven: Wir haben ein paar Sänger ausprobiert, u.a. war da auch Stumpen von Knorkator dabei. Das hätten wir uns auch vorstellen können, dann wäre aber Rockhaus wahrscheinlich was völlig anderes geworden und wir wären Knorkator gewesen. Aber irgendwie haben wir an unserem Konzept gehangen und wollten mit Rockhaus und dem bekannten Stil weitermachen. Irgendwann kam einer an und sagte: "Ich kenn da einen Typen aus dem Westen, der kann geil singen und ist Rockhaus-Fan." Wir haben gesagt: "Dann soll er mal vorbei kommen." Etwas später kam einer vorbei, etwas dick und mit roten Haaren, und wir dachten alle: "Um Gottes Willen, das kann doch nicht der Sänger sein! Wie soll denn das aussehen?". Er entpuppte sich dann aber als ziemlich dufter Typ mit geiler Stimme, und wir haben Rockhaus mit ihm zusammen noch zwei Jahre weitergemacht. Er heißt übrigens Acki Noack, und mit ihm spiele ich heute immer noch bei den "Ossis". Heinz, er und ich sind zusammen "Die Ossis", die beste Ostrock-Coverband der Welt (lacht).

Gibt es eigentlich noch Kontakt zu Ingo Griese, und wenn ja, was macht er heute?
Mike: Den habe ich gerade erst noch getroffen, als ich die neue Single im Studio der Silbermond-Produzenten eingesungen habe. Da saß er nämlich auch im selben Studio und hat für eine andere Sache was eingespielt. Als ich ins Studio kam und ihn nur von hinten sah dachte ich: "Den kenn ich doch…". Er war ja lange Zeit in Amerika und hat für andere Musiker gespielt.
beathoven: Ingo ist verliebt in Italien. Er pendelt zwischen Deutschland und Italien hin und her, zwischendurch verschlägt es ihn auch mal nach Amerika. Ingo ist ja schon 1989 nach San Francisco in die USA gegangen, hat dort geheiratet und hat ein Kind. Irgendwann kam er wieder zurück nach Deutschland und spielt inzwischen mit Ulla Meinecke zusammen. Hin und wieder haben wir auch noch Kontakt. Wenn er mal in Deutschland ist, sehen wir uns ab und zu. Er ist aber eher selten hier.

Rückblickend betrachtet waren die 80er ja modemäßig eine Anhäufung von Todsünden, findest Du nicht auch? Schämt man sich vielleicht sogar ein bisschen, dass man sich früher aufgebrezelt hat wie 'ne Frau?
Mike: Nein, eigentlich nicht. Wir haben es damals ja nicht anders gewusst. Wer weiß, was in 10 Jahren ist?! Da sagt man über das derzeitige Outfit vielleicht auch: "Sag mal, schämst Du Dich nicht?" Das ist einfach so, wie es ist. Wenn ich mir das heute angucke, lache ich mich natürlich tot. Max sagte in dem DVD-Special auch, dass ich stellenweise aussah wie eine Biene. Wir hatten damals auch nicht so geile Klamotten. Ich weiß noch, dass ich mir eine lange Männerunterhose gefärbt habe. Das eine Bein gelb, das andere Bein rot. Da drüber habe ich einen Ringeranzug getragen, dadurch hat man vorne den Hosenschlitz nicht gesehen. Oben drüber hatte ich von Heinz, ich glaube eine rosa gefärbte Judo-Jacke an. Dazu hatte ich stellenweise Ballett-Schuhe an. Und so bin ich tatsächlich auf die Bühne gegangen. Ich weiß nicht, was mich geritten hat. Natürlich frisurentechnisch den schönen "Vokuhila" (vorne kurz, hinten lang, Anm. d. Verf.), diesen aufgebrezelten Superhaarschnitt. Für die damaligen Verhältnisse war das cool. Alle haben geguckt und fanden das geil wie wir aussahen. Bei uns sah keiner sonst so aus. Na gut, im Westen gab's Nena und solche Leute, die ebenfalls so rumliefen. Aber hier im Osten waren wir damit schon ziemlich exotisch. Ich erinnere mich noch, als wir mal an der Trasse in Russland waren. Da gab es ein buntes Foto, und die ganzen Bauarbeiter, die sich unser Konzert anhören mussten, haben da schöne, lustige Sprüche rangeschrieben nach dem Motto: "Ihr schwulen Schweine, was wollt Ihr denn hier?". Aber damit mussten wir leben. Aber auch hier hat das zu jeder Zeit gepasst. Klar, heute würde ich das nicht mehr so machen, aber guck Dir U2, Nena oder die Simple Minds an, wie die damals ausgesehen haben. Das war einfach so. Auch jeder Normalbürger lief exotisch rum...

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Dazu sage ich jetzt lieber nichts...
Mike: (lacht) Siehste. Ich sage mal, das war so und das ist so. Da kann man sich nicht wirklich schämen, denn es war die Zeit, wo das alles angesagt war. Stellenweise war da auch ein bisschen Punk mit drin. Es gab ja auch mal die Zeit, wo alle diese Parker getragen haben und rumliefen wie Bäume. Das war auch mal eine Zeit. Die hat man mitgemacht und irgendwann gemerkt: "Ne, das geht jetzt nicht mehr", und hat sich dann eine andere Schandtat ausgedacht. Heute ist es aber sehr schwer, da noch mal einen drauf zu setzen.

Ganz allgemein, was fällt Dir zum Thema "80er Jahre" noch ein?
Mike: Erstmal, dass es bei uns im Land lockerer wurde, zumindest hatte ich das so im Gefühl. Das habe ich an unseren Texten gemerkt, dass die da etwas die Zügel lockerer gelassen haben. Ich glaube, die Pappnasen da oben haben auch gemerkt, dass sie den Leuten mehr Freiheiten lassen mussten. Wenigstens, dass sie das Gefühl hatten, denn dann waren sie wieder ruhig. Und das hat anfangs auch funktioniert. Davon haben wir natürlich auch ein bisschen profitiert. Natürlich auch, wie sich die 80er nachher entwickelt haben, auch dass es etwas krasser wurde. Ich bereue das heute noch, dass wir sechs Wochen bevor die Mauer aufging in Russland waren. Genau an dem Tag, als die Mauer aufging, kamen wir von dort wieder. Wir waren sechs Wochen nicht da, und haben von den schönen Konzerten mit dem Vorlesen der Resolutionen leider nur ein paar erlebt. Bei diesen Konzerten standen hinten Feuerwehrautos und Stasi und sagten: "Sowie Ihr eine Resolution verlest, werdet Ihr verhaftet und eingesperrt." Wir sollten uns das noch mal gründlich überlegen, und ich weiß nicht mehr genau, welches Konzert das war, aber es saßen dort 600 oder 800 Leute und jeder von denen hatte auf die Tanzfläche eine Kerze gestellt. Wir kamen dann auf die Bühne und es standen dort 600 Kerzen, und es war von vornherein klar, dass wir diese Resolution vorlesen. Wir haben die vorgelesen und von hinten hast Du gehört, wie ein paar Autotüren zugingen und wie die Herren abgefahren sind. Die haben da schon gemerkt, dass das mit der Einschüchterung nicht mehr läuft. Es waren schöne und denkwürdige Konzerte, denn Du hast gemerkt, dass es knistert. Leider waren wir in der heißen Phase dann nicht hier, aber wir waren wenigstens ein Stück weit dabei.
Und was man auch nicht vergessen darf: Es gab eine sehr schöne Zeit mit den Gitarreros, die sehr viel Spaß gemacht hat. Ich glaube auch, dass es jedem, der dabei war, genauso ging. Auch wenn sich danach das Musikerkarussell gedreht hat und der eine dahin, und der andere dorthin ging, war es trotzdem eine coole Zeit.

Ihr bekommt die Möglichkeit, mit einem internationalen Top-Act gemeinsam eine Platte zu machen. Wer würde das sein, wenn Ihr die Wahl hättet?
Mike: Oh, das ist schwer! Ich glaube, da würde jeder von uns etwas anderes sagen. Erstmal wäre ich für jeden offen, denn es kommt erstmal darauf an, ob das passt, was man vorhat und ob das Sinn macht. Ich würde da jetzt erstmal keinen Namen nennen wollen, denn da wäre ich offen für ziemlich alles.

beathoven: Ich würde gerne mal mit Peter Gabriel zusammen arbeiten, aber ob das mit Rockhaus irgendwas zu tun haben könnte, ist fraglich. Wenn es eine Band sein sollte, dann gerne mit Dave Grohl und den Foo Fighters oder mit Linkin Park.

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Mike, an Dich habe ich noch eine Frage: Wie lief eigentlich Dein letztes Solo-Album?
Mike: Das letzte Album lief eigentlich sehr gut. Eigentlich liefen alle drei Alben gut. Das erste hat sich über die Jahre gesehen gut verkauft, so dass ich davon nur noch ein paar Stück habe. Eigentlich habe ich von allen drei Alben nur noch wenige Exemplare hier. Darüber bin ich auch sehr froh. Ein Album habe ich mit einem Vertrieb veröffentlicht, das lief auch ganz gut. Das erste und das letzte jetzt habe ich praktisch nur über meinen Shop auf meiner Webseite online und bei meinen Konzerten verkauft. Und dass die so gut verkauft wurden, macht mich froh. Die sind auch von den Songs her anders als die Rockhaus-Alben. Ich glaube, dass ich damit einen ganz guten Solo-Weg gefunden habe. Wenn ich es dieses Jahr noch schaffe, werde ich zum Ende 2009 hin, respektive zum Anfang des neuen Jahres eine Live-CD veröffentlichen. Das haben sich die Fans gewünscht. Denn immer wenn ich mit meinem Gitarristen, Christian Sorge, unterwegs auf Tour bin, wünschen sich die Leute davon auch einen Mitschnitt. Also wirklich nur zwei Gitarren und zwei Gesangsstimmen und dann die ganzen Songs mit dem Arrangement. Und wenn ich es noch schaffe, bringe ich zum Jahresende noch mal eine Special Edition raus, die wahrscheinlich auch nummeriert sein wird. Und die Fans, die die wirklich haben wollen, bekommen die auch mit Autogramm und mit einer Nummer drauf.

Was mich etwas geärgert hat war, dass man Deine letzte CD außer in unserer Radiosendung nirgendwo gehört hat. Trügt der Schein oder liege ich da richtig?
Mike: Du könntest Recht haben. Da ist aber auch ein bisschen was beim Verteilen schief gelaufen. Man verteilt seine neue CD natürlich auch immer an Radio und Presse, und da bin ich mir nicht ganz sicher, ob da alles richtig gelaufen ist. Andererseits ist es mit Radio immer sehr schwer. Ich kenne ja auch ein paar Radioleute, deren Namen man nicht nennt, die so was dann auch einfach nicht spielen, weil da keine Firma dahinter steckt. Andererseits sitzen die auch da und haben den ganzen Tisch voll und müssen davon irgendwas aussuchen. Ich ärgere mich da mittlerweile nicht mehr drüber.

Nenn mal ruhig ein paar Namen, dann wissen wir wenigstens was wir nicht mehr einschalten müssen (lacht)...
Mike: Ne, das wäre jetzt zu vermessen (lacht). Man könnte ja vielleicht doch auch falsch liegen. Die sagen dann: "Die lag hier und hat nicht in unser Format gepasst" oder "Die lag hier und wir haben sie um 2:00 Uhr nachts auch mal gespielt." Ich will da jetzt keinem zu nahe treten, denn am Ende nennt man einen der Radioleute und der sagt einem dann: "Du, ich habe gekämpft für Dich, und jetzt kommst Du und erzählst in einem Interview so was." Solange ich da nicht irgendwas schwarz auf weiß habe und öffentlich drüber wichsen kann, mach ich das auch nicht. Es schickt sich ja eh nicht, sich darüber aufzuregen.

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Da hast Du natürlich Recht. Eine andere Frage: Du bist neben Deiner Tätigkeit als Rockhaus-Frontmann und Solist auch noch mit "STARFUCKER", der Stones Tributeband, und mit Final Stap beschäftigt. Gibt es zu diesen beiden Projekten etwas Neues zu berichten?
Mike: Zu STARFUCKER nur soviel, dass wir gerade unser 10-jähriges Jubiläum hatten, womit ich anfangs auch nicht gerechnet habe. Mit denen ziehen wir weiter fleißig durch's Land, und werden demnächst auch wieder in der Nähe von Wien spielen. Wir waren mit der Band auch schon in Belgien. Das zieht sich durch ganz Deutschland und darüber freue ich mich auch.
Zu Final Stap kann ich erzählen, dass wir jetzt eine kleine Tour machen werden, die heißt "Tour de France". Der Gag daran ist, dass wir in Frankreich gar nicht spielen werden. Wir haben drei Shows hier in Deutschland, und zwei weitere in England. Die Deutschland-Termine sind in Halle, Leipzig und Stadthagen in der Nähe von Hannover, und in England spielen wir in London und Hastings. Weitere Informationen zu dieser Tour findet man auch unter www.finalstap.de. Anfang des nächsten Jahres, also Januar oder Februar, wird es wieder eine große Tour durch die neuen Bundesländer geben. Das wird dann die "Weltraum-Tour" sein. Unsere Touren haben immer ein bestimmtes Motto und da geht auch immer so ein bisschen der Klamauk ab, aufblasbare Puppen fliegen durch die Luft und zerplatzen, Boxen werden gesprengt. Das ist auch alles ein bisschen angelehnt, weil unser Humor auch ein bisschen bei der Band Spinal Tap liegt, falls die jemand kennt. Dieses Projekt wurde damals von Tobias (Künzel, Anm. d. Verf.) initiiert, der sich ein Schlagzeug gekauft hat, eigentlich auch Schlagzeuger ist, und der das gerne auch mal spielen wollte. Da hat er sich gefragt: "Was mach ich denn am besten", und meinte dann: "Ich spiele mit denen, die ich am besten leiden kann und die richtig was können um mich herum, und wir spielen dann die Musik, die wir damals in unserer Jugend geliebt haben." Das sind praktisch die ganzen 70er, z.B. mit Led Zeppelin, Slade, Queen, The Who und viele andere. Die spielen wir mit großer Freude nach, und da passieren während des Konzerts immer unheimlich viele Gags. Das gönnen wir uns meistens - sofern wir das hinkriegen - einmal im Jahr eine bis zwei Wochen lang. Wie gesagt: Dieses Jahr ist nicht so viel Zeit, da schaffen wir es nur für fünf Tage. Dafür haben wir dieses Jahr eine tolle Band dabei, die "Teen Beats". Das ist praktisch eine englische Mod-Legende. Darauf freuen wir uns schon tierisch.

beathoven, Du hingegen bist mit der Gruppe "Die Ossis" unterwegs, die Du vorhin auch schon erwähnt hast. "Die Ossis" ist eine Coverband, die nur Songs aus dem Bereich Ostrock und -pop auf die Bühne bringt. Wer hatte die Idee dazu und was für Pläne hast Du mit diesem Projekt?
beathoven: Die Idee hatte Heinz Haberstroh, unser Trommler von Rockhaus. Heinz rief mich irgendwann mal an und sagte: "Du Beathoven, ich hab da eine Idee, ich will eine Ostrock-Coverband gründen", da habe ich erstmal gestutzt. Du weißt ja wie er spricht, er meinte: "Pass uff, wir heißen die Ossis." (Carsten berlinert und macht Heinz damit nach, Anm. d. Verf.). Als er das gesagt hat, bin ich zusammengebrochen und habe gesagt: "Heinz, da mache ich auf jeden Fall mit." Mit den Ossis haben wir gerade an der Ostsee einen Live-Mitschnitt gemacht. Die nächste Aktion wird sein, dass ich diesen Mitschnitt im September mische, wenn ich mit Rockhaus fertig bin, und dann wird das bei den Ossis zur nächsten Saison als CD erscheinen. Wenn es mit den Konzerten wieder los geht, haben wir die dann im Gepäck. Eine Studioplatte haben wir ja schon, und die Live-Platte steht jetzt als nächstes an.

Ich habe noch eine für mich persönlich wichtige Frage an Dich, Carsten. Ist an dem Gerücht etwas dran, dass Du zusammen mit meinem großen Idol, Herbert Dreilich, das letzte Karat-Studioalbum alleine eingespielt hast?
beathoven: Ja, genau. Das stimmt!

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Wie war diese Zusammenarbeit mit Herbert?
beathoven: Super, wir sind Freunde geworden. Wir haben zufällig am Rande von Berlin in einer Siedlung in der gleichen Straße gewohnt. Wir kannten uns vorher zwar schon, sind uns deshalb öfter mal über den Weg gelaufen. Irgendwann hat mich Herbert gefragt: "Du sag mal, ich habe da einen Song und ich komme da irgendwie mit dem Refrain nicht weiter. Kann ich mal vorbei kommen? Vielleicht hast Du ja eine Idee." Ich sagte: "Natürlich." Er kam dann vorbei, wir haben eine Flasche Rotwein aufgemacht, uns den Song angehört und ein bisschen dran rumgefummelt. Das funktionierte sehr gut, wir hatten sofort einen Draht zueinander und die gleiche Ebene gefunden. Er sagte dann, dass er das so gut findet und dass er mit mir zusammen gerne eine ganze Platte machen möchte. So entstand die Zusammenarbeit. Wir sind dadurch sehr gute Freunde geworden, aber leider ist er kurz danach schon von uns gegangen.

Ist es richtig, dass Ihr die Platte wirklich komplett alleine gemacht habt, ohne den Rest der Band Karat?
beathoven: Ja! Bernd Römer kam hin und wieder vorbei und hat die Gitarren eingespielt, aber die anderen kamen eigentlich nie vorbei, während die Platte entstanden ist. Sie zeigten auch leider wenig Interesse daran.

An der CD mit Herberts letzten Songs hast Du auch mitgearbeitet, richtig?
beathoven: Ja, das stimmt. Wir haben bis kurz vor seinem Tod noch zusammen an neuen Songs gearbeitet. Er hatte schon einige Demos fertig, aber es wurde mit dem Singen für ihn immer schwieriger. Zuletzt hat er höchstens noch eine Stunde Kraft gehabt, und wir sind auch leider nicht mehr mit den Songs fertig geworden. Bevor er gestorben ist, hat er mich noch mal zu sich gebeten und gesagt, dass er sich wünscht, dass seine Frau und ich diese Lieder rausbringen. Eine Woche später ist er gestorben. Ich habe dann trotzdem weiter an den Songs gearbeitet und sie alleine fertig gestellt. Dann kam irgendwer mit der Idee, wir sollten die Lieder vom Produzenten von Peter Maffay machen lassen, dabei war das nur einer der Gitarristen und nicht Maffays Produzent. Obwohl ich die Sachen eigentlich schon fertig hatte und dachte, dass es doof wäre das jetzt alles mit einem anderen Produzenten teilen zu müssen, habe ich das zugelassen und gedacht: "Ok, das ist eine neue Ecke." Immerhin war die Idee von mir, dass die Songs, die Herbert nicht mehr einsingen konnte, von Gästen eingesungen werden sollten, z.B. von Peter Maffay, Dieter Birr und Toni Krahl. Das haben die dann auch so gemacht, mir aber die Produktion vollkommen aus der Hand genommen. Ich habe auch bis heute für die Platte keinen Pfennig gesehen und bin da bis heute auch noch sehr sauer drüber. Das wäre mit Herbert nicht passiert. Mit Sicherheit nicht!

Damit sind wir schon am Ende des Interviews. Hier ist jetzt Platz für Eure Botschaft an die Fans.
Mike: Liebe Leser, liebe Freunde… Bleibt treu, wen auch immer Ihr verehrt. Nicht nur, dass Ihr zu deren Konzerten geht und deren CDs kauft, sondern ihnen auch liebevoll über die Jahre treu bleibt. Ganz speziell würden wir uns freuen, wenn das Rockhaus, meine Band, Club der toten Dichter, die Ossis oder auch die Starfucker und Final Step sind. Bleibt uns wohl gesonnen. Wir sehen uns, solange uns die Gesundheit erhalten bleibt. Rock'n Roll!
beathoven: Geht in den Laden und fragt nach der neuen Rockhaus-CD. Nehmt genug Geld mit und kauft - ich sage mal - drei bis acht Stück (lacht).

 

Interview: Christian Reder
Bearbeitung: kf, cr
Fotos: Archiv Rockhaus, privat
 

   
   
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