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Luci van Org... Wer den Namen noch nie gehört hat, könnte vielleicht zuerst an eine Figur aus der Augsburger Puppenkiste oder an ein Fabelwesen aus einem Fantasyroman denken. Doch Luci van Org ist bestimmt jedem Hörer bekannt, der in den letzten 20 Jahren Musik konsumiert hat. Vielleicht nicht vom Namen her, aber ganz bestimmt von einem Titel her: "Mädchen". Da sitzt eine junge hübsche Frau auf einer Schaukel, Dreadlocks in den Haaren, und trällert ganz kess, dass sie froh ist, ein Mädchen zu sein ("Komm doch mal rüber, Mann, und setz Dich zu mir hin, weil ich ein Mädchen bin, weil ich ein Mädchen bin"). Und der Autor dieser Zeilen ist sich ziemlich sicher, dass ein Großteil der Leser auch den Song "Gates Of Eden" kennt, der ein paar Jahre vor dem eben genannten Superhit veröffentlicht wurde. Es ist ein heimlicher Wendehit, der zwar nach der Wende erschien, aber für viele Bürger der "brandneuen" Bundesländer etwas ganz Besonderes ist. Und das nicht nur, weil er zum Soundtrack des Films "Go Trabi Go" gehört...
Lange Rede, kurzer Sinn: Unser weiblicher Stargast im Monat März ist die Stimme von EENA, Lucilectric, The House Of Luci und Übermutter. Zuletzt genannte Kapelle ist das neueste und aktuellste Projekt der Sängerin, Komponistin, Texterin und Buchautorin Luci van Org. Also nix mit Augsburger Puppenkiste! Und wer auf Rammstein, Oomph! und überhaupt auf NDH, Industrial und Metal steht, der sollte sich die Scheiblette der Gruppe (optimistisch und lebensbejahend mit "Unheil" betitelt) zulegen. Warum? Dann lest mal unser Interview, das Christian mit Luci im Februar geführt hat. Es fällt schwer, die lockere und lustige Atmosphäre einzufangen, die während des Gesprächs zwischen den beiden entstanden ist. Wir haben's aber versucht...

 

Hallo Luci, herzlich willkommen bei Deutsche-Mugge. Hast Du Dich bei uns schon mal umgeschaut und weißt in etwa, was auf Dich zukommt?
Ja, hab ich. Da sind ja unterschiedlich lange Interviews, aber ich denke mal, das kriegen wir schon hin (lacht).

Im letzten Jahr ist ein Album des Projekts "Übermutter" erschienen, das den Namen "Unheil" trägt. Bitte erzähl uns etwas über das Projekt und die CD.
Übermutter bin nicht nur ich alleine. Es kommt immer darauf an, mit wie vielen Leuten wir auf der Bühne stehen. Das variiert zwischen zwei und fünf Frauen in Uniform und einem Mann, der von uns immer gequält, gepeinigt und getreten wird und dazu noch einer der besten Gitarristen ist, die in Europa so rumlaufen (Luci van Org, Brettner & die Unheilsarmee, Anm. d. Verf.). Und unserem nicht auf der Bühne stehenden Bandmitglied Michael Kernbach, mit dem gemeinsam ich die Texte und viele Songs schreibe. Übermutter ist eine sehr hartmusikalische und schwarzhumorige Angelegenheit, dazu eine super Live-Band. Martialische Frauen in Uniform sind- wie soll ich sagen - eben der matriarchaische Alptraum. Eigentlich hat Übermutter zum Ziel, Männer und Frauen in ein gemeinschaftliches und friedliches Miteinander zu führen. Oder auch nicht (lacht). Du merkst schon, das ist alles mit einem dicken Augenzwinkern versehen. Dazu brettharte Gitarren, die sehr virtuos gespielt sind. Und - so hoffe ich - sehr anspruchsvoller deutscher Gesang. Das ist mir sehr wichtig, weil ich endlich mal zeigen kann, was ich kann. Das gab es vorher ja nicht so richtig. Bei Lucilectric hatte ich eher weniger die Chance dazu, und bei "Das Haus von Luci" war es ebenfalls schwierig. Es ist dazu eine sehr politische Band, das ist ebenfalls wichtig. Wir beschäftigen uns auf eine sehr ironische Weise mit allem, was im Moment an Zeitgeschehen auf der Straße und in der Luft liegt.

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Du hast es gerade angesprochen: Wenn man Deine Songs von früher mit denen von heute vergleicht, springt einen ein immenser Stilwechsel förmlich an. Wie kam es dazu, dass Du weg vom Pop und hin zum Industrial- bzw. Metal-Sound gewechselt hast?
Zum einen komme ich von dieser Art von Sound, also eher aus dem Gothic-Bereich. Das war meine musikalische Richtung als ich selber Teenager war. Und auch Lucilectric war teilweise wesentlich härter, als man das so meinen mag. Live waren wir eine regelrechte Punk-Band, und selbst auf der "Mädchen"-Single gibt's als B-Seite ein hartes Rock-Stück, nur hat das niemand zur Kenntnis genommen; es hat keinen interessiert, denn "Mädchen" hat letztlich alles andere platt gemacht. Da bin ich aber auch nicht wirklich böse drüber, denn so ein Glück haben nur ganz wenige, dass einem so was wie der Song "Mädchen" passiert. Und deswegen finde ich es auch vollkommen in Ordnung, wenn deshalb alles andere in den Hintergrund getreten ist. Zum anderen habe ich in den Jahren nach "Lucilectric" - ich meine, wir haben uns immerhin schon 1998, also vor 11 Jahren, getrennt - eine musikalische Entwicklung durchgemacht, was auch ganz normal ist. Ich habe mich in der Zeit zurück zu meinen Wurzeln entwickelt, zu dem woher ich komme. Das ist eben schon die härtere Musik.
Was eigentlich sehr erstaunlich ist, ist, dass ich selber wohl nie auf die Idee gekommen wäre, genau diese Musik zu machen - wenn man es ganz plakativ benennt, ist Üebermutter ja NDH. Ich dachte immer, dass meine Stimme nicht dazu passt. Irgendwann kam dann das nicht auf der Bühne stehende Mitglied von Übermutter, er heißt Michael Kernbach und schreibt mit mir die ganzen Texte und Songs für Übermutter, zu mir, und sagte: "Ich habe hier so eine Song-Skizze. Kannst Du da irgendwas mit anfangen?" Er schickte mir ein Demo, auf dem nur Brettakkorde waren und er die Titelzeile "Heim und Herd" drauf brüllte. Das waren quasi die ersten Gehversuche dieses Stücks, das am Ende auch die Single werden sollte. Ich merkte dann, dass meine Stimme - also ganz im Gegenteil zu dem, was ich dachte- doch dazu passte, und dass ich mich zum ersten Mal richtig aussingen konnte, ohne dass es sich blöd anhörte, oder dass das in eine Richtung driftete, mit der ich nicht so viel anfangen kann. Ich habe nichts gegen jedwede Form von Musik, mal abgesehen von Nazi-Musik. Ich kann auch fast jeden Stil gut interpretieren, aber es kommt eigentlich immer darauf an, was einen selbst anspricht und was nicht. Zum Beispiel habe ich mit der ganzen Abteilung Soul/R&B nicht so viel am Hut. Das ist einfach nicht meins! Und gesangstechnisch ist diese Musik für eine Sängerin mit einer etwas umfangreicheren Stimme in Deutsch ja eigentlich das einzige Genre, in dem man sich so ein bisschen auskäsen und zeigen kann, was man kann. Und dann merkte ich, dass das bei Üebermutter eben auch ging- für mich zum ersten Mal. Eine ganz großartige Erfahrung und natürlich mit ein Grund, diese musikalische Richtung zu verfolgen. Meine Band davor, "Das Haus von Luci", war zwar auch schon so düster, dass sie in Leipzig beim Gothic-Treffen aufgetreten ist, darum war der Sprung zu dieser Art von Musik auch nicht mehr weit. Aber letztlich fast schon in den "Metal" zu gehen, da hätte ich ohne meinen Bandmitstreiter gar nicht dran gedacht. Ich fand das zwar immer schon geil, aber wie gesagt nicht für mich selber.

Ein Vergleich mit der Musik von Rammstein und Oomph! sei an dieser Stelle mal erlaubt. Die Parallelen sind unüberhörbar...
Das ist ja kein schlechter Vergleich. Das ehrt mich (lacht). Rammstein finde ich hervorragend!

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Ist das gewollt oder fehlt mir da das Gespür für die Feinheiten?
Klar, wenn Du in eine bestimmte Richtung gehst, wirst Du immer mit anderen Musikern verglichen. Auch dann wenn Du brettharte Gitarren mit einem marschierenden Rhythmus zusammen fügst. Das erfordert diese Art von Musik aber einfach. Es ist eine sehr wütende Musik, es sind sehr wütende Themen, es ist - wie gesagt - politisch, ist wahnsinnig pathetisch, was natürlich teilweise auch total überzogen ist, und all das erfordert eben so eine Härte. Das erfordert keinen coolen Rock'n Roll. Pathos erfordert immer einen Stampfrhythmus, und dann bist Du sehr schnell beim "Marschieren" und dann bist Du in der Assoziation ebenso schnell bei Bands wie Rammstein oder Oomph!. Das ist ganz normal, und ich finde das auch gar nicht schlimm. Warum auch? Mit Frauenstimme gibt es das eh kaum...

Meines Wissens gar nicht...
Oder außer uns gar nicht, ok. Dann kommen auch tausend Leute und sagen: "Ey, Du singst ja wie Nina Hagen", andere erzählen mir, ich rolle das "R", was ich übrigens bewusst dabei vermieden habe, weil ich das albern fand. Ich rolle kein einziges Mal auf der ganzen Platte das "R", und alle erzählen mir, ich würde es doch tun. Selbst bei Amazon in einer Rezension steht das drin. Völlig albern, wenn Leute nicht richtig zuhören. Ich zitiere einfach nur die Gesangsweise von Propagandasongs aus allen Diktaturen der Welt. Und führe den Leuten damit einen Spiegel vor. Erstaunlicherweise klingt die Propaganda, egal ob in einer Links- oder einer Rechts-Diktatur, sehr ähnlich. Auch Brecht ist so gesungen.

Als ich das das erste Mal gehört habe, war mein erster Gedanke: "Die hat aber einen gewaltigen Bruch hingelegt." Ich kenne Dich immerhin schon aus der Zeit, in der Du als EENA Songs veröffentlicht hast...
Oh Gott, EENA (lacht)... Was man dabei aber immer vergisst ist, dass zwischen EENA und Übermutter 20 Jahre liegen. Und ich finde, dass man sich in 20 Jahren doch verändern darf.

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Aber klar, keine Frage! Es wäre auch langweilig, wenn es immer der gleiche Kram wäre...
Ja! Und ich mache diesen Job nun auch schon so furchtbar lange. Ich finde dieses Gefasel von "Credibility" daneben. Was die Gothic-Szene angeht, bin ich credibler als die meisten Leute, die da rumlaufen. Einfach deshalb, weil ich das als Teenager selber gelebt habe. Zu einer Zeit, in der das erfunden wurde. Da kenne ich mich nun wirklich gut aus, auch was die Musik angeht! Ich finde es außerdem auch in Ordnung, wenn man sich in den "Zwanzigern" von seinen Teenager-Jahren entfernt. Das machen fast alle Leute. Und ich habe deshalb natürlich irgendwann einen Bruch gemacht. Bei uns war das so, dass in der Szene wo ich war, einige Leute anfingen, plötzlich zur Skin-Szene überzuwechseln. Das fand ich so zum Kotzen, dass ich damals radikal mit der Szene gebrochen, und für mich beschlossen habe, dass ich ab sofort nur noch Reggae höre… Leckt mich doch am Arsch, dann mach ich das mit dem "schwarz" halt anders. Mit Reggae und Hip Hop kann ich im Gegensatz zu vorhin erwähntem Soul übrigens sehr viel anfangen. Ich finde, dass ich überhaupt keine musikalischen Grenzen oder Einschränkungen habe. Zwischendurch habe ich sogar mal eine Acid-Platte gemacht, weil das einfach Spaß machte. Was ist "Credibility"? Heißt das, dass man jeden Tag nur dasselbe isst oder dasselbe anzieht? Ich bin der Meinung, Du hast Credibility, wenn Du Dich ehrlich mit einer Sache beschäftigst und das auch lebst. Jeder hat das Recht, sich weiter zu entwickeln, auch wenn er in der Vergangenheit als Popsänger unterwegs war. Ich hab damals auch den Pop gelebt. Mir ging es super in der Zeit von "Mädchen". Das hat Spaß gemacht. Aber wie gesagt, Lucilectric war wesentlich härter, als die Leute das in Erinnerung haben. Wir sind sogar mit zwei Lucilectric-Stücken auf Gothic Samplern. Es gibt ein Stück, das heißt "Nur wer im Heute lebt", das ist die B-Seite von "Mädchen", ein vertextetes Francois Villon-Gedicht, und es gibt ein Stück, das heißt "Gespenst", das auf der leider völlig verunglückten zweiten Lucilectric-CD drauf ist. Aber das ist eins der wenigen guten Stücke darauf, und das wird heute auch noch sehr gerne genommen. Es ist todtraurig und sehr düster (lacht). Lucilectric war halt nicht nur die singende Hüpfnudel wie alle gedacht, bzw. die Leute gedacht haben, die nur das "Mädchen" kannten...

So haben Dich die Medien halt gerne hingestellt...
Ja, sicher! Das ist doch klar, man möchte Leute gerne in Schubladen packen, sonst ist doch der ganze Informationswahnsinn des Alltags nicht zu bewältigen. Ich bin darüber aber gar nicht böse, denn ich glaube, ich mache das auch selber. Das machen fast alle Menschen, wenn sie irgendwelche Leute sehen. Und wenn Du jemanden näher kennen lernst und feststellst, die sind ja ganz anders, dann ist das überraschend. Manchmal sehr positiv überraschend, aber manchmal auch sehr negativ überraschend, wenn man z.B. denkt, jemand ist total cool und man merkt hinterher, er ist es gar nicht. Ich finde das alles auch gar nicht so schlimm, denn solange ich weiter meine Musik machen kann, weiter im Studio sein, und meine Sachen produzieren kann, freue ich mich des Lebens.

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In Vorbereitung auf dieses Interview habe ich mich natürlich auch im Netz, z.B. bei Wikipedia, schlau gemacht. Dort ist zu lesen, Du bist Musikerin, Schauspielerin und einiges mehr, u.a. auch "Fetisch-Diva"...
Das hab ja nicht ich geschrieben (lacht). Das schreiben ja immer andere Leute über einen. Es stimmt aber. Ich bin selber Teil dieser Szene, schon seit vielen Jahren. Ich war im Jahre 2000 Cover-Model auf der Jubiläumsausgabe des "Marquis", was die wichtigste Zeitschrift dieser Szene ist. Ich bewege mich halt gerne in dieser Szene, mach gerne mit den Leuten da mal Fotos, und finde das sehr schön, aber das ist natürlich nicht mein Hauptberuf. Ich würde mich im Gegenzug auch niemals nackt fotografieren lassen.

Es stand halt so da, und war etwas seltsam...
Was hast Du denn gegen "Fetisch-Divas"? (lacht)

Gar nix, aber es passte irgendwie gar nicht zu den anderen Sachen in der Auflistung. Das las sich so wie z.B. Topf, Pfanne und Badewanne, verstehst Du?
Ja, klar. Das stimmt. Aber ich mag einfach die Szene, ich bewege mich selber dort und stehe da auch total zu. Ich bin der Meinung, wenn die Leute ihre Sexualität offener ausleben würden, gäbe es wesentlich weniger Probleme in der Welt. Da müsste dann viel weniger kompensiert werden durch kriegerische Handlungen oder Unterdrückung von Menschen.

Kommen wir aber zurück zur Musik und zu der Zeit in den 80ern. Das erste Mal richtig auffällig bist Du als EENA geworden. Wie bist Du entdeckt worden, und wie hast Du Deinen ersten Plattenvertrag bekommen?
Entdeckt wurde ich von einem - mittlerweile - Schlagerproduzenten, Andreas Bärtels, der mich beim Bluessingen am Klavier bei einer anderen Sängerin zu Hause sah und hörte. Das stimmt so nicht ganz, denn diese Sängerin hatte mich einen Tag vorher für eine Background-Session mit ins Studio genommen. Die hatte mich zuerst gehört und wusste, was ich konnte. Ich bin damals schon mit 13 immer in die Clubs gegangen und habe dort bei Open Stage-Geschichten versucht zu zeigen, was ich kann. Einfach auch deshalb, weil ich Mitstreiter und bessere Musiker finden wollte. Man hatte halt so seine Schülerband - meine erste Band hatte ich mit ungefähr 11 Jahren, ich habe immer Musik gemacht - aber ich wollte mit coolen Erwachsenen zusammen Musik machen, die schon richtig viel konnten. Und genau dabei entdeckte mich diese Sängerin, Anke Wendland, die damals auch bei Falco Backing Vocals gesungen hat. Die nahm mich dann mit ins Studio und ich musste für irgendeine Schlagerproduktion Background singen, und flog sofort wieder raus, weil ich überhaupt nicht wusste, wie das ging. Das erste und bis heute einzige Mal, dass ich aus einem Studio geflogen bin (lacht). Einen Tag später sah mich dann besagter Produzent bei der Sängerin zu Hause am Klavier, und sagte: "Komm, wir nehmen ein Stück auf." Das Lied fand ich zwar ein bisschen komisch, auch deshalb, weil ich zu der Zeit in einer Punk-Popband gespielt habe, wir haben irgendwas zwischen The Cure und The Smiths gemacht. Und das war so eine merkwürdige Disco-Produktion, ziemlich bescheuert, aber dachte mir: "Na gut, ich sing das jetzt erstmal", denn wenn Dir jemand erzählt, Du bekommst sofort einen Plattenvertrag, dann bist Du natürlich auch sehr verführbar... Ich kleines Mädchen mit gerade mal 15 Jahren. Er brachte die Produktion ein paar Tage später zu Hansa Records und einen weiteren Tag später haben die mir einen Plattenvertrag angeboten. Den habe ich, als ich gerade 16 wurde, unterschrieben. Gott sei Dank ist da außer der EENA-Produktion nichts weiter passiert, weil ich mit dem Vertrag nicht sehr viel verdient hätte. Im Gegenteil, ich hätte wahrscheinlich noch draufzahlen müssen, weil das so ein fieser Vertrag war, und meine Eltern keine Ahnung hatten und auch zu naiv waren, einen echten Musikanwalt an die Prüfung zu setzen. Also hatte ich erstmal diesen Plattenvertrag und war furchtbar unglücklich. Ich hatte den Wunsch geäußert, härtere Musik zu machen. Ich habe mit einem Acid-Produzenten gearbeitet, mit dem ich ein bretthartes Acid-Lied gemacht habe, damals noch mit (lacht laut los) christlichem Text. Eine wirklich lustige Sache! Ganz krank, aber so ist man halt als Teenager. Ich dachte: "Wenn schon keine harten Gitarren, dann aber harte Grooves." Das kam damals auch gerade so auf. Das fanden die von der Plattenfirma aber Scheiße und haben gesagt: "Nö, Du wirst die deutsche Paula Abdul." Da dachte ich nur "Boah, neee…" und war auch kreuz-unglücklich, denn ich war damals einfach nicht in der Lage, mich gegen so was zu wehren. Am Ende war ich soweit, dass ich überhaupt keine Musik mehr hören konnte. Ich dachte bei mir: "Scheiße, alle Leute dürfen die Musik machen die sie wollen, nur ich nicht." Und dann lief dieser Plattenvertrag aus und wenig später kam auch schon Lucilectric. Das war für mich wie ein Befreiungsschlag, weil ich endlich machen konnte, was ich wollte. Ich lernte Ralf Goldkind kennen, und das war einfach nur großartig.

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Unter welchem Namen wurde dieser Acid-Song denn veröffentlicht und wie hieß er?
Der Track durfte leider nie veröffentlicht werden, weil die HANSA damit nicht einverstanden war. Geheißen hat er "Rhythm Of My Life".

Man merkt richtig, dass Du mit dieser EENA-Zeit so überhaupt nicht zufrieden bist. Dabei finde ich die Musik gar nicht so schlecht.
Nein, nein... also die Single, die dann veröffentlicht wurde, "Gates Of Eden", daran hänge ich auch heute noch sehr. Auch deshalb, weil die für ganz viele Menschen etwas bedeutet. Das war aber etwas, das mir damals überhaupt nicht klar war. Ich hab das gesungen, ich fand den Film ("Go Trabi Go", Anm.d. Verf.) klasse und das war quasi auch schon wieder der Weg bergauf! EENA gab es vorher schon mit anderen seltsamen Produktionen...

Ja, ich habe hier drei Singles auf meinem Zettel stehen...
Ja, bitte verschweige sie mir (lacht). Nur bei "Gates Of Eden" bin ich heute noch stolz drauf, weil das ein Stück Zeitgeschichte ist. Das muss ich mal so sagen. Der ist auch eigentlich gut gesungen (lacht).

Und dann gab es noch dieses "18, So What"...
Ja genau. Als ich den eingesungen habe, war ich noch gar keine 18. Das war so schlimm! Das war einfach nicht meine Musik. Ich finde es, wenn ich es mir heute anhöre, weniger schlimm als damals. Aber damals habe ich echt gelitten wie ein Schwein, denn ich hab selbst Reggae und Punk gehört...

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Also hast Du an der Entstehung dieser Song gar nicht kompositorisch oder als Texterin mitgewirkt?
Nein, das war ja das größte Problem! Ich durfte gar nicht mitsprechen. Die haben mir das alles verboten. Das war das, was man einen "Knebelvertrag" nennt. Ich musste das machen. Ok, ich hätte mich natürlich unter Zahlung von viel Geld oder dem Absingen schmutziger Flüche aus diesem Vertrag befreien können. Aber da ich privat damals auch so viel an den Hacken hatte, von Zuhause ausziehen musste und lauter so Sachen, habe ich das nicht gepackt und war einfach nur unglücklich. Das war keine schöne Zeit! Vielleicht hatte Lucilectric dann später auch diese Kraft, weil dieses Projekt für mich wie ein richtiges Durchatmen war. Zur zweiten Platte von Lucilectric stehe ich nicht mehr, aber zu den anderen Sachen stehe ich heute noch. Die 2. Platte ist unter unglücklichen Umständen entstanden, Ralf und ich hatten persönliche Probleme, denn wir haben uns nicht mehr gut verstanden. Das war auch alles richtig psycho, denn wir waren nach dem ganzen ununterbrochenen Touren mit dem "Mädchen"-Programm durch. Wir hätten uns mit dem 2. Album eigentlich viel mehr Zeit lassen sollen. Die finde ich auch von der Produktion her nicht so schön. Aber zur ersten und zur dritten LP stehe ich bis heute tausendprozentig! Ich find' die toll. Ich schäme mich da auch für gar nix (lacht laut)!

"Gates of Eden" gehörte zum Soundtrack des Films "Go Trabi Go" und wurde ein kleiner Hit. Die Darstellerin Claudia Schmutzler hat in dem Film und auf dem Soundtrack ihre eigene Version gesungen...
Ja... Der Regisseur des Films fand Claudia damals wohl richtig gut, so rein emotional, wenn ich das so sagen darf (lacht). Und er entschied halt, dass sie das selber noch mal singen soll, was sie gar nicht wollte.

Gab es zu ihr damals einen Kontakt oder hast Du von der nachträglichen Bearbeitung für den Film gar nichts mitbekommen?
Ja, doch! Wir haben es sogar mal geschafft, eine komplette Nacht durchzuquatschen. Wir haben uns blendend verstanden! Ich fand sie furchtbar nett. Sie ist eine ganz tolle! Sie verkörperte für mich damals alles, was man als Wessi so am Osten für sich neu entdeckt hat, und was total spannend war. Sie hatte ein ganz anderes Lebensgefühl und eine ganz andere Haltung zu vielen Dingen. Das war für mich total toll. Ich hatte auch überhaupt keinen Groll gegen sie gehabt, weil sie mein Lied für den Film selbst noch mal gesungen hat, denn ich wusste, auf wessen Baustelle das gewachsen war.

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Danach war die für Dich schreckliche Zeit mit dem Projekt EENA beendet...
Ja, ich möchte das aber heute auch noch mal ganz deutlich sagen, denn ich bekomme immer wieder Anfragen wie "Hast Du die Platte noch?": NEIN, ich habe sie nicht mehr. Ich habe das Lied nur gesungen! Ich hab es nicht geschrieben und habe es nicht getextet. Ich durfte es damals singen. Das war aber für mich - wie gesagt - schon der Weg bergauf. Und ich bitte auch die Leute, mich nicht falsch zu verstehen und zu sagen: "Eh, die doofe Kuh", denn ich bin auf das Lied heute sehr stolz, weil es vielen Leuten echt viel gegeben zu haben scheint, und das freut mich.

Die Maxi CD von dem Song geht bei Sammlern für viel Geld über den Tisch. Wenn man sie denn mal findet, ist sie mit 50 bis 70 Euro ausgepreist...
Meine Güte, schade dass ich keine mehr hab (lacht). Ich hab' an dem Song überhaupt nichts verdient.

Nach EENA kam LUCILECTRIC. Wie ist die Band entstanden?
Ralf und ich haben uns damals in der S-Bahn kennen gelernt. Wir haben zusammen Straßenmusik gemacht. Das war einfach der Beginn einer sehr engen, wunderschönen aber später auch kriselnden Freundschaft. Bevor es mit Lucilectric richtig losging, waren wir schon zwei Jahre lang die allerbesten Freunde, wir haben uns jeden Tag gesehen und uns nie gestritten. Das war ganz toll. Als wir mit "Mädchen" einen Riesenhit hatten, begann gleichzeitig ein Riesenstress, der so groß war, dass die Freundschaft anfing, darunter zu leiden. Das war ganz schön schlimm, weil wir beide völlig durch waren, auch körperlich. Das ist z.B. eine negative Begleiterscheinung, die die Leute nie sehen wenn sie sagen: "Ich möchte ganz groß und berühmt werden." Dass das so eine monströse Aktion ist, das durchzuziehen. Du bist ungefähr ein ganzes Jahr nicht mehr zu Hause, Dein Tag wird permanent von anderen Leuten geplant und Du hast überhaupt keinen Leerlauf mehr, wo Du sagen kannst "heute mal nicht". Es war schon was Besonderes, wenn wir mal selber, alleine und ohne Begleitung in den Supermarkt gegangen sind, um uns Kaugummi zu kaufen. Man lebt ein vollkommen krankes Leben jenseits jeder Realität. Jetzt mit ein bisschen Abstand finde ich das total Klasse, weil jeder noch dieses Stück kennt, aber damals… Das Schlimme war: Über jeden Fehler, den Du machst, reden plötzlich alle. Als wenn Du in ein Computerspiel geworfen wirst und startest nicht auf Level 1, sondern gleich auf Level 10 und darfst aber auf keinen Fall einen Fehler machen, weil jeder Fehler gleich eine Katastrophe ist. Das alles war für uns beide so belastend und ungewohnt, dass wir echt anfingen uns nur noch zu streiten. Das war eigentlich total schade, und Gott sei Dank verstehen wir uns heute wieder richtig gut!

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Du hast auch gesagt, dass dieser Erfolg völlig aus dem Nichts und von 0 auf 100 kam...
Ja, das stimmt. Am Anfang war der Erfolg völlig bei Null. "Mädchen" war ja schon fast ein Jahr als Single auf dem Markt, bevor das Lied ein Erfolg wurde. Dabei gab es die Band vor dem Song auch schon zwei Jahre, und wir sind auch damals schon als Lucilectric aufgetreten.

Daran erinnere ich mich noch. Den Song habe ich irgendwann im Winter im Radio gehört und im Sommer erst war es ein Hit...
Ja, damals kam das über Holland. "Mädchen" wurde dort ein Hit bevor es das hier wurde. Wir sind damals auch in Europa herumgereist, bis nach Slowenien runter. Dort kannten die Leute das alle und wollten das sehen. Das war für uns auch eine super Erfahrung! Weißt Du, wenn Du so jung bist und Dein Leben eigentlich ganz anders geplant hast… Natürlich verabschieden sich als erstes die "Lover", weil sie damit nicht klar kommen, dass Du nicht mehr da, und nur auf Tour bist. Deine Freunde werden sauer, weil Du nicht mehr die Zeit für sie hast. So ganz normale menschliche Probleme, mit denen Du dann zu kämpfen hast. Dinge an die Du nie gedacht hast, weil Du meintest, das muss ganz wunderbar und traumhaft sein, wenn Du als Musiker erfolgreich bist. Im Nachhinein betrachtet war das "Mädchen" aber eines der drei größten Geschenke, die ich in meinem Leben je bekommen habe. In sofern ist das total in Ordnung für mich.

Das dazugehörige Album mit dem Titel "Mädchen" landete in Deutschland auf Platz 15 der Album-Charts. Alle Songs sind von Dir und Goldkind komponiert und betextet worden. Wie ist die Platte entstanden? Waren die Songs vor dem Durchbruch mit "Mädchen" schon fertig oder während dessen entstanden?
Nein, die sind vorher entstanden. Das Album finde ich auch sehr schön und von Andreas Herbig und Annette Humpe sehr liebevoll produziert.

Du sagst es... Annette Humpe war auch Produzentin und im Background zu hören. Wie kam der Kontakt zu ihr zustande?
Das kam über meine Plattenfirma. Annette war für mich, und ist es auch immer noch, die Übermutter aller Leute, die deutsch texten. Unser aller Übervater ist Rio Reiser, und die Übermutter ist eben sie. Bei Reiser ist es eh schon längst überfällig, ihm posthum noch einen Dichterpreis zu verleihen! Es gibt so eine tolle Webseite auf der alle Texte von den "Scherben" und von Rio zu finden sind. Ich finde es manchmal richtig frustrierend, wenn ich da so durchsurfe und mir die Texte anschaue, dann frage ich mich oft selbst: "Warum schreibe ich eigentlich noch? Der hat doch alles gesagt und viel besser als ich." (lacht) Er ist für mich ein so genialer Dichter, das kann ich echt nur so sagen. Es ist eine Schande, wie er geendet ist, und dass er sein Lebenswerk nicht noch genießen kann. Meine Texte gäbe es ohne Rio Reiser nicht. Sebastian Krumbiegel von den Prinzen redet übrigens genauso über Rio wie ich. Das wird dann immer ganz emotional, wenn wir darüber reden (lacht).
Das war für mich als Kind schon prägend. Mit 7 Jahren konnte ich die ganzen Scherben-Texte auswendig. Mein Vater wohnte, peinlicherweise als einzig zahlender Mieter, im berühmtesten besetzten Haus von Berlin. Er ist Bildhauer und hatte dort sein Atelier. Dadurch kannten wir solche Sachen wie den "Rauch-Haus-Song". Das konnte ich als Kind auswendig mitgröhlen und fand das toll (lacht).

rio 20130307 1760565416

Wenn ich noch mal darauf zurückkommen darf: Du hast vorhin so ein bisschen abfällig über das 2. Lucilectric-Album "Süss aber gemein" gesprochen...
Damals lagen die Nerven überall ein bisschen blank. Jeder hat vom anderen gedacht, dass er ihn Scheiße findet, was aber überhaupt nicht gestimmt hat. Zu der Zeit hatte Annette eine Vision und meinte: "Keine Gitarren mehr." Das Blöde war, dass unsere Vision eine völlig andere war. Wir waren aber nicht in der Lage, das zu kommunizieren. Das lag aber auch daran, dass wir zu dem Zeitpunkt wie vorhin schon mal erwähnt total durch waren. Es gibt auf dem Album trotzdem ein paar gute Songs, z.B. "Das Gespenst", auf das ich immer noch sehr stolz bin, oder den Song "Farben".

Ich wollte es gerade sagen. Eigentlich ist die CD doch sehr abwechslungsreich, und ich habe nie verstanden, wieso sie nicht genauso erfolgreich war wie "Mädchen". Aber Künstler haben an ihren Alben oft im Nachhinein noch was zu kritteln...
Ja, ich denke auch. Das ist bei mir sowieso so! Gerade bei Sachen, die ich selber schreibe und produziere. Bei der ersten "Das Haus von Luci"-Platte habe ich fast alles selbst gemacht, nur Gitarre gespielt und gemischt habe ich sie nicht. Aber selbst da gibt es tausend Sachen wo ich heute sage: "Oh, das hätte ich doch anders machen können." Und das, obwohl ich auf die Platte sehr stolz bin. Das ist aber auch ganz normal, und deswegen höre ich mir die auch nur ganz selten mal an. Meistens ist es so, dass ich mir die mit einer ganz langen Pause dazwischen anhöre und dann sage: "Mensch, so Scheiße war das gar nicht." (lacht)

Auch das dritte Album von 1997, mit "Tiefer" betitelt, erreichte kaum noch jemanden. Da frage ich mich, wie so was sein kann, denn auch diese CD ist großartig geworden. Kommerziell gesehen kann man das wohl nur als Flop bezeichnen...
Ja, das war auch ein Flop. Aber es ist ein ganz tolles Album.

Sehe ich genauso. Liegt es vielleicht daran, dass die EMI es nicht richtig beworben hat?
Möglicherweise. Vielleicht haben die Leute von uns auch einfach nur etwas anderes erwartet. Es war weniger das Versäumnis der EMI so schädlich, als dieses totale Durchnudeln von "Mädchen". Die Leute wollten einfach, dass ich so bleibe und so bin, und wollten mich als lustiges Mädchen mit meinen Dreadlocks sehen, das da rumhüpft und auf der Schaukel sitzt. Das Blöde war, dass das Lied "Mädchen" bei Lucilectric am meisten aus dem Rahmen fiel, wenn man sich den Rest anschaut, den wir sonst so gemacht haben. Deswegen war es für uns auch so schwer, so einen Erfolg zu wiederholen. Das stach sogar so raus, dass wir anfangs dachten: "Das nehmen wir gar nicht mit auf die Platte mit rauf." Annette meinte dazu nur: "Seid Ihr wahnsinnig?" (lacht). Gott sei Dank hat sie das gesagt, uns da bequasselt und uns 10000 Versionen ausprobieren lassen, bis wir dann zufrieden waren damit.

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Wenn man zuerst das "Mädchen"-Album hört, anschließend das zweite und dann das dritte hinterher, hört man förmlich, wie Du erwachsener geworden bist. Welche Entwicklung hast Du persönlich zwischen dem Anfang von Lucilectric und dem Ende der Band an Dir bemerkt?
Natürlich bin ich in der Zeit erwachsener geworden! Ich habe ganz viele positive, aber auch ganz viele doofe Erfahrungen gemacht. Zwischen der ersten und der dritten Platte liegt eine Hochzeit, die Trennung von dem Mann, dazu eine wirklich schwere, abgrundtiefe Depression, aber auch ganz tolle und schöne Erlebnisse und ein Riesenerfolg mit der Musik. In dieser Zeit ist wahnsinnig viel passiert, es gab eine unglaublich unglückliche Liebe, also lauter so Zeug, was natürlich auch in die Musik mit rein floss.

Einer der Produzenten der dritten Platte war And.Ypsilon von den Fantastischen Vier. Wie kam es dazu, dass er einige Eurer Songs produziert hat?
Ralf hatte eh immer einen guten Kontakt zu denen, und wir kannten die Jungs halt. Das bleibt ja auch gar nicht aus. Wenn beide einen Hit haben und immer unterwegs sind, dann triffst Du Dich halt öfters mal irgendwo. Das ist auch ein ganz toller und großartiger Typ!

Im Jahre 1999 erschien eine Single mit dem Titel "Waterfalls". Das war Deine erste Solo-Single. Gab es eigentlich ein offizielles Ende von Lucilectric oder ist das einfach eingeschlafen?
Naja, eingeschlafen nicht. Wir haben beide beschlossen: "Jetzt ist gut, es ist Quatsch weiterzumachen." Dann haben Ralf und ich erstmal zwei Jahre Erholungspause voneinander genommen (lacht), wir sind uns so ein bisschen aus dem Weg gegangen. Aber wie gesagt, sind wir Gott sei Dank heute wieder befreundet. Es gibt ein Filmprojekt, das ich gerade gemacht habe, wo er auch mitspielt. Auf der ersten "Das Haus von Luci"-CD hat er Posaune gespielt. Gott sei Dank verstehen wir uns wieder richtig gut!
"Waterfalls" war halt etwas, wo ich der Meinung war, ich müsse mich von dem Alten mal etwas lösen. Wenn man mit einer Sache fertig ist, dann will man was ganz anderes machen, und für mich war das dann, dass ich englisch-sprachige Musik gemacht habe. Ich hab das gemacht, es war auch schön, damit mal wieder unterwegs zu sein und live zu spielen, aber letzten Endes landet man doch wieder da, wo es einen emotional am meisten hinzieht. Und das ist bei mir natürlich schon die deutsche Sprache, und deswegen hat das auch nicht so lange vorgehalten mit der englisch-sprachigen Phase. Ich hatte aus meinem englisch-sprachigen Programm zwei Stücke für das erste "Das Haus von Luci"-Album übersetzt, bzw. neu betextet.

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Also war "Waterfalls" noch nicht "Das Haus von Luci"?
Nein, "Waterfalls" war noch mein Solo-Projekt. Da war ich einfach als ICH unterwegs, hatte aber damals schon den gleichen Gitarristen, doch die Band war eine andere. "Das Haus von Luci" war dann später ein Trio.

Wie ist das Projekt entstanden, und wie ist es musikalisch einzuordnen?
Das war das Nachfolge-Projekt meines Solo-Programms, wo ich sagte, "die musikalische Richtung ist richtig". Auch das Dunkle ist richtig, auch das Fetisch-lastige war schon da. Ich habe mit der Band in Fetisch-Clubs gespielt, und die ganze Angelegenheit wurde mit der Zeit auch immer dunkler. Die Richtung war richtig, aber das Ganze dann doch auf deutsch, denn das kann ich besser. Bei dem Projekt habe ich ja wirklich alles alleine gemacht, da war ich sogar meine eigene Plattenfirma. Die erste Platte "Verbotener Raum" wird heute auf ebay zu astronomischen Preisen gehandelt. Das "Lied für meine Feinde" daraus war auch ein kleiner Szene-Hit. Das Ganze hat unheimlichen Spaß gemacht und war schön. Aber bei Übermutter war ich dann auch wieder froh, mal wieder loslassen zu können, und zu sagen: "Hey, ich mach jetzt mal nicht alles alleine. Ich schreibe jetzt mal die Texte mit jemandem zusammen, den ich sehr schätze, und ich mache mal die Musik wieder mit anderen Leuten zusammen." Produziert habe ich Übermutter auch nicht, sondern RB-Musik aus Gladbach, ganz tolle Leute! Wie das beim zweiten Album wird, da sitzen wir gerade dran und schreiben die Songs, wird man sehen. Ich hab schon Bock, wieder ein bisschen mehr, auch produktionstechnisch, zu machen. Aber da müssen wir mal gucken, was geht. Wir sitzen auf jeden Fall schon an neuem Material und arbeiten am neuen Album.

Das Projekt Übermutter gibt es seit 2007. Wie ist es entstanden?
Das ist entstanden, als mir Michael Kernbach diese Song-Skizze zu "Heim und Herd" schickte. Die Geburtsstunde von Übermutter war, als ich das hörte und sagte: "Das ist so krank, das ist geil", und als ich dann anfing zu singen und merkte, dass das unheimlichen Spaß macht. Was ich an Übermutter so liebe ist, dass diese Musik eine Kerneigenschaft von mir bedient, und das ist Wut. Auch Lucilectric war immer wütend. Ein Stück wie "Bye Bye" war auch auf der ersten Platte, superwütend und dreckig. Und bei Übermutter bin ich noch ein bisschen wütender. Da kam auch noch die Geburt meines Kindes dazu, wo ich gemerkt habe, dass man als Frau in dieser Gesellschaft, auch wenn sie noch so sehr viel redet und auch wenn einige Männer inzwischen Elternzeit nehmen - hahaha 14 Prozent aller Männer 2 Monate lang… Yeah! - sehr ungleich behandelt wird, und die Gesellschaft die Rechte und Pflichten sehr ungleich verteilt. Das hat mich dann sehr sehr wütend gemacht, und daraufhin sind sehr viele Texte von Übermutter in diese Richtung geraten. Aber ich bin um Gottes Willen keine Speerspitze der Frauenbewegung. Das möchte ich auch gar nicht sein. Ich möchte Gleichberechtigung, gleiche Rechte und Pflichten für alle. Das ist mein Anliegen, und wie ich finde eine sehr faire Forderung! Ich bin Gerechtigkeitsfanatiker, das war ich schon immer. Selbst als Kind bis zur Nervigkeit (lacht). Für mich ist es immer wichtig, bei Musik eine Aussage zu haben, und die haben wir damit bei Übermutter. Ich bin keiner, der Musik nur um ihrer selbst willen machen kann. Ich brauche immer irgendeine Message dahinter.

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Du hast ein neues Album gerade schon angesprochen… Wie weit seid Ihr und wann wird es voraussichtlich erscheinen?
Oh, wir schreiben derzeit die Songs. Ich möchte da aber überhaupt nichts versprechen. Ich hoffe jedoch sehr, dass wir es dieses Jahr noch schaffen. Aber ich möchte nicht den Fehler machen, den ich bei Lucilectric gemacht habe: Ich möchte, dass das zweite Album besser wird als das erste! Und dafür möchten wir uns auch die Zeit nehmen, die wir brauchen. Ich möchte, dass das 1000%ig ausgegoren ist, bevor es rauskommt.

Was einige gar nicht wissen: Du hast fast 10 Jahre Radiomoderation gemacht und mit "Luci in the sky" beim Berliner Sender Fritz eine eigene Sendung gehabt...
Ja, stimmt! Aber Radio Fritz hört man im Norden, Westen und Süden ja eher weniger...

Hast Du Deine Tätigkeit als Moderatorin aufgegeben, oder wird es Luci irgendwann noch mal am Mikro geben?
Im Moment hätte ich dafür eigentlich gar keine Zeit. Meine Moderatoren-Tätigkeit hörte mit meiner Schwangerschaft auf, weil ich meinen Job bei Radio Fritz deswegen verlor. Ich hatte da aber auch erstmal genug davon. Ich fand Moderieren immer supertoll, und es hat mir auch immer riesig Spaß gemacht, aber ich war danach auch sehr erleichtert, endlich mal wieder NUR Musik machen zu können. Musik machen und mittlerweile auch Schreiben, das ist so mein Ding.

Ja, darauf wollte ich jetzt kommen: Auch ein Buch hast Du rausgebracht..
Ja, da ist auch schon das nächste in Arbeit! Da fällt mir gerade ein: Wir gehen jetzt auf Lese-Tour. Mein lieber Kollege Sabotka und ich werden uns auf diese Reise begeben.

Die Termine dazu werden wir natürlich bei uns veröffentlichen.
Ja, das wäre ganz toll! Wir machen da ein sehr schönes Programm, das heißt "Kleine Störung der Totenruhe mit Musike", da werden Texte gelesen, aber nicht so stumpf, wie man das sonst in Lesungen kennt, wo wirklich nur einer vorne sitzt und liest, sondern wir agieren auch sehr viel, teilweise sehr lustig, teilweise bleibt einem das Lachen dann auch im Halse stecken...

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Sind das Texte aus Deinem Buch, die da vorgetragen werden?
Ja, aus "Der Tod wohnt nebenan" und neuen Sachen von mir. Das ist ja so furchtbar mit den Büchern, denn ich bin ein sehr langsamer Schreiber, weil ich soviel nebenher noch machen muss, von irgendwas muss man ja schließlich leben. Das ist dann das Blöde, weil man immer erst einen Verlag findet, wenn das Buch fertig ist. Deswegen kann ich nie sagen, das kommt dann und dann raus, sondern werde jetzt erstmal vorlesen, was fertig ist.

Das war's eigentlich auch schon fast. Ich danke Dir für die sehr interessante und kurzweilige Zeit dieses Interviews. Möchtest Du an unsere Leser noch was loswerden?
Ich kenne die Leser ja nicht alle persönlich (lacht)

Ja, ne... ist klar
Grüße und Dank sind auf jeden Fall immer gut an alle geneigte Menschen, die sich mit meiner Musik befasst haben. Ich bin ja immer wieder erstaunt, wie viele sich damit befassen, eben auch schon seit der EENA-Zeit, denen das was gibt. Was mir mittlerweile am meisten Spaß macht ist, und das kommt ganz ganz häufig vor, dass bei Übermutter-Konzerten sehr hübsche junge, aber nicht mehr Teenager,… also Frauen auf mich zukommen, und so ganz verschämt eine CD aus ihrer Tasche ziehen und sagen: "Ich hätte gerne ein Autogramm auf die Übermutter CD, aber kannst Du mir die Mädchen-CD hier auch noch eben signieren? Das war meine erste Platte!" (lacht). Dass das wirklich jetzt teilweise so der Fall ist, dass die Leute mir über all die Jahre die Treue gehalten haben, das ehrt mich total! An diese Leute einen ganz lieben Gruß und vielen Dank. Und natürlich die Hoffnung, dass das so bleibt (lacht).

 

Interview: Christian Reder
Bearbeitung: kf, cr
Fotos: Luci, www.allesluci.de
vielen Dank: ...den Machern von
www.allesluci.de für Bildmaterial!

 


   
   
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