Heinz Rudolf Kunze

 

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"Rebellischer Poet", "Der Niedermacher" oder "Der Rockpoet"... das sind nur ein paar Umschreibungen verschiedener Leute zur Person Heinz Rudolf Kunze. 1956 auf der Flucht seiner Eltern vom einen Deutschland ins Andere geboren, hatte er aufgrund ständiger Wohnortwechsel seiner Eltern nie wirklich eine Heimat. Erst 1963 blieb die Familie Kunze in Osnabrück wohnen. Schon früh interessierte er sich für Literatur und Musik. Ausschlaggebend für eine eigene Karriere als Rockmusiker war dann ein Konzert von "The WHO" in Münster.
Heinz Rudolf Kunze ist inzwischen zweifellos einer der besten deutschen Rockpoeten. Seine Karriere begann 1980, als der junge Germanist die Bühne des Würzburger Pop-Nachwuchs-Festivals betrat. Mit einer Gitarre auf einem Barhocker sitzend und vom Piano begleitet, spielte er um die Gunst der Jury. Und das mit großem Erfolg! Neben den Veröffentlichungen von in Deutschland längst etablierten Musikern, wie z.B. Udo Lindenberg, Herbert Grönemeyer oder Marius Müller Westernhagen, werden plötzlich auch seine Alben ganz vorne im Regal einsortiert. Anfangs wurde der Dylan-Fan wegen seiner nicht selten kritischen Texte von der eigenen Plattenfirma noch als "Der Niedermacher" bezeichnet. Doch diese Bezeichnung wird ihm nicht gerecht. Er ist ein Rockpoet - ein Musiker, der die hohe Kunst beherrscht, mit Worten umzugehen. Seine Songs leben, haben Inhalt und Aussagekraft. Der richtig große Durchbruch gelang 1985 mit dem Album "Dein ist mein ganzes Herz". Die gleichnamige Single wurde zu einem der größten Hits des Jahres. Neben seinen musikalischen Aktivitäten ist er auch als Buchautor und Musical-Übersetzer bekannt. Bereits 1978 wurde Kunze mit dem Literatur-Förderpreis seiner Heimatstadt Osnabrück ausgezeichnet. Im Laufe der Zeit sind fünf Bücher mit eigens verfaßten Prosatexten und Gedichten erschienen, mit denen er auch auf Lese-Tour quer durch die Republik geht. Am 30. Januar ist Kunzes 28. (!!!) Album erschienen. Es trägt den Titel "Protest". Das war aber nur eines der Themen, die in einem Gespräch mit HRK erörtert wurden...

 

Hallo, Heinz Rudolf, Deine neue CD steht seit dem 30.01. in den Läden. Sie trägt den Titel "Protest". Gegen was protestierst Du denn damit?
Man darf dabei nicht vergessen, dass die Personen in meinen Songs stets eine "Rolle" sind. Das bin nicht immer ich, der da singt. Und protestieren kann man gegen verschiedene Dinge.

Bitte erzähl uns etwas über die neue CD.
Da möchte ich auf die Beilage zum Promo-Album hinweisen, dort steht alles Wichtige drauf.

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Inhalt des Beiblatts:
"Protestgebrauchsanweisung"
Diese Platte (ich nenne so was immer noch und werde es auch für alle Zeiten PLATTE nennen)... diese Platte besteht aus fünfzehn Stücken. Fünfzehn ist eine Anzahl von Stücken, in die man eine Torte schlecht aufteilen kann. Aber diese Platte ist keine Torte, allerdings ist sie rund.
Das erste Stück ist einem Herrn namens Karl Mehl aus Süddeutschland zugeeignet, den ich überhaupt nicht kenne, der aber ein Fuhrunternehmen besitzen könnte. Warum auch nicht.
Das zweite Stück hört man am besten in Fachwerkhäusern, aber nur zwischen 14 und 17 Uhr. (samstags und sonntags zwischen 16 und 18 Uhr).
Das dritte Stück erfordert von allen Luftgitarristen, die es nachspielen wollen, den Gesichtsausdruck Michael Schumachers beim Versuch seinen Ehering zu zerbeißen.
WARUM
WARUM
Das vierte Stück funktioniert ähnlich wie Viagra. Es kann eine enorme Hilfe sein, aber grundsätzlich Lust haben muß man schon selber.
Das fünfte Stück ist so traurig wie ein Zigarillostummel in einer Hotelzimmertoilette; es ist ein Nichtraucherzimmer und der Gast hat widerrechtlich gehandelt.
Das sechste Stück könnte ungefestigte junge Menschen dazu verleiten, sich sämtliche Körperbehaarung zu entfernen… für immer
WARUM HEISST
WARUM HEISST
Das siebte Stück ist die Betonmischmaschine, die sich Ihr Hardcore-Hamster immer vergeblich zu Weihnachten gewünscht hat.
Das achte Stück entstand auf einer Herrentoilette neben Hans Dietrich Genscher.
Das neunte Stück ist die Lösung des Problems des gordischen Knotens, ohne gleich wie ein Depp zuzuhauen
WARUM HEISST DIESE
WARUM HEISST DIESE
Das zehnte Stück ist in großer Bewunderung Helge Schneider gewidmet, einem der ernsthaftesten Künstler unserer Zeit, und ansonsten nachts kälter als im Dunkeln.
Das elfte Stück kennt die Täter, hält aber nichts von Zeugenschutzprogrammen und hat deshalb sein Geheimnis mit ins Grab Inge Meysels genommen.
Das zwölfte Stück ist wie ein Schnurrbart, der einem so tief über die Lippen herunterwächst, bis man sich Rapunzel nennt und Status Quo auflegt.
WARUM HEISST DIESE PLATTE
WARUM HEISST DIESE PLATTE
Das dreizehnte Stück hat die Zärtlichkeit der letzten Schläge ermatteter Schlammcatcherinnen oder von Schwergewichtsboxern, die bei ihrer letzten Umarmung, bevor sie gemeinsam zu Boden gehen, das Gefühl haben zu ertrinken
Das vierzehnte Stück ist die Widmung, die Marcel Reich-Ranicki bislang noch jeder jungen Autorin in voller Länge in ihr Erstlingswerk gekritzelt hat
Das fünfzehnte Stück ist ein Hustenlöser für Eisbären
WARUM HEISST DIESE PLATTE P R O T E S T ???????????
Statt dies alles zu beherzigen, kann man zum besseren Verständnis dieser Platte auch Bertolt Brechts Hauspostille lesen, eine Apfelschorle trinken oder IN DIE POLITIK GEHEN - viel Spaß.

Dein letztes Album "Klare Verhältnisse" war ein sehr gutes, "Protest" dagegen ist ein geradezu perfektes Kunze-Album. Jeder Titel "sticht", inhaltlich, wie musikalisch. Wie erklärst Du Dir dieses faszinierende Phänomen?
Es ist sehr schön, wenn man mit so viel Lob überhäuft wird, aber was soll ich darauf jetzt antworten (lacht)? Wenn man das immer so genau wüsste, wäre jedes Album ein voller Erfolg. So ist es immer ein bisschen überraschend, was am Ende dabei herauskommt und wie viel Erfolg ein Album haben wird.

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Auf dem 2002er-Album "Wasser bis zum Hals steht mir" hattest Du die so derbe, wie bitterböse Hip-Hop-Parodie "Nichts ist so erbärmlich, wie die Jugend von heute" aufgenommen. Auf "Protest" befindet sich der Titel "Du bist so FURCHTBAR süß…" der unseres Erachtens nach letztlich direkt an "Nichts ist so erbärmlich…" anschließt. Sag uns ehrlich: Was hältst Du von der "Jugend von heute"?
Wie oben schon angemerkt, sind die Personen in meinen Liedern Rollen, die ich einnehme und spiele. Auch in diesen, von Dir angesprochenen Liedern. Sicherlich gleichen sich beide Titel inhaltlich, aber es ist keine Fortsetzung. Auch musikalisch sind beide Lieder sehr unterschiedlich.

Bush und Co. sind zum Glück weg vom Fenster. Du hast auf Deinem neuen Album den Titel "Astronaut in Bagdad" zum Thema Irak-Krieg aufgenommen. Wie stehst Du zum neuen US-Präsidenten Barack Obama, was erwartest Du von ihm und seiner Politik?
Im Gegensatz zu unseren Schaumschlägern in Berlin, scheint Obama tatsächlich viele Sachen anpacken zu wollen. Aber man muss erstmal abwarten, ob davon auch tatsächlich etwas umgesetzt wird. Man kann viel reden, aber man muss es am Ende auch umsetzen. Und eins dürfen wir auch nicht tun, nämlich uns in Deutschland zu viel von Obamas Wahl zu versprechen.

Die erste Auskopplung aus "Protest" nennt sich "Längere Tage", ist sehr gelungen ausgefallen und dazu noch äußerst radiotauglich. Wie ist die Reaktion der Rundfunkstationen und deren Hörern auf diesen eingängigen Titel?
Die Single hat bis jetzt reichlich Airplay. Sie wird häufig gespielt. Ich bin damit bis jetzt zufrieden.

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Zu "Längere Tage" habt Ihr ein leicht surreales Video gedreht, das gewisse "kafkaeske" Elemente beinhaltet. Deine Vorliebe für Franz Kafka ist bekannt...
Findest Du, dass es kafkaesk ist? Ich hoffe nicht, Du machst das nur daran fest, dass es in schwarz-weiß gedreht ist. Ich glaube, die Regisseurin wollte mit dem Video eher in Richtung Fellini gehen.

Wir haben bei uns bereits auf die dazu passende Tour aufmerksam gemacht. Sie startet im April. Was erwartet die Besucher Deiner Konzerte? Wie weit bist Du mit den Vorbereitungen für Deine Tour?
Noch gar nicht weit. Für mich steht in den nächsten Tagen und Wochen viel Promotion-Arbeit an. Nächste Woche folgen Radio- und TV-Promotion. Wenn das abgeschlossen ist, mache ich mir Gedanken darüber, was auf der Bühne passieren wird.

Es sind alles große Städte, in denen Du gastieren wirst. Warum kommen die kleineren Orte dieses Mal zu kurz, oder sind noch Folgetermine geplant?
Ich habe in den letzten Jahren viele Hundert Konzerte gespielt, rechnet man die Lese-Tour mit dazu. Das war überwiegend in kleineren Städten und Orten. Jetzt mit dem neuen Album spiele ich eine richtig große Tour. Denn nur mit so was kann man auch in die großen Hallen gehen, bei der Veröffentlichung eines neuen Albums ergibt das Sinn. Sonst lohnt sich das nicht.

Du bist als Musiker ja bei einem Nachwuchs-Festival entdeckt worden. Etwas, das es heute in dieser Form gar nicht mehr gibt, oder?
Nein, dafür ist die heutige Musiklandschaft viel zu oberflächlich geworden. Wer nimmt sich denn heute noch die Zeit, richtig nach Talenten zu suchen? Das ist auch der Grund, warum all die neuen Superstars nach kurzer Zeit schon wieder vergessen sind. Der Unterschied zwischen diesem Festival und den ganzen Superstar-Sendungen heute ist, dass ich damals mit eigenem Material aufgetreten bin. Da wurde nicht nachgesungen, so wie jetzt...

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Wie war das bei diesem Festival? Stimmt es, dass Du Dir nach Deinem Auftritt aussuchen konntest, zu welcher Plattenfirma Du gehst?
Ja, das ist richtig. Am Abend nach dem Auftritt hatte ich fünf unterschriftsreife Verträge vorliegen. Das war zu einer Zeit, in der es den Plattenfirmen auch noch richtig gut ging, und sie viele Künstler unter Vertrag genommen haben. Es war der Höhepunkt der Neuen Deutschen Welle und die Plattenfirmen haben alles eingekauft damals. Da wurde auch noch experimentiert. Das können die sich heute gar nicht mehr leisten.

Zurück zu Deinem ersten Plattenvertrag. Der lief - wir haben schon drüber gesprochen - über fünf Jahre. War dort auch geregelt, wie viele Alben Du in dieser Zeit fertig stellen musstest?
Ja, das war im Vertrag geregelt.

Dein erstes Album, "Reine Nervensache", erschien 1981. Wie ist dieses Album entstanden, und wie war es für Dich, als Du erstmals in einem professionellen Studio aufnehmen konntest?
Das war in dem gleichen Studio, in dem wir jetzt auch "Protest" aufgenommen haben. Es ist ein schönes und kleines Studio, mit einer familären Stimmung, aber sehr professioneller Ausstattung. Ich gehe da immer wieder sehr gerne zum Aufnehmen hin.

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Deine zweite LP "Eine Form von Gewalt" erhielt die Auszeichnung "Deutscher Schallplattenpreis". Wie viel hat Dir diese Auszeichnung damals bedeutet?
Sie bedeutet mir noch heute sehr viel. Diese Auszeichnung war unabhängig von irgendwelchen Verkaufszahlen. Es gab dort eine Jury, die den Preisträger ausgewählt hat, von daher bedeutet mir der Preis auch eine Menge.

Das Jahr 1984 entwickelte sich für Dich zu einem sehr erfolgreichen. Die Singles "Sicherheitsdienst" und "Lola" kann man wohl zu Recht als Hits bezeichnen. Was änderte sich in diesem Jahr für Dich?
Also im kommerziellen Sinne waren die von Dir genannten Titel keine Hits. Deshalb hat sich da auch nicht ganz so viel verändert.

Seit dieser Zeit arbeitest Du auch mit Heiner Lürig zusammen. Wie viel Einfluss hatte er auf Deine Musik?
Ich glaube, das kann man ganz deutlich auf den Alben ablesen und hören. Diese Zusammenarbeit und auch das Ergebnis hatten immer eine ganz besondere Qualität.

Vor genau 25 Jahren erschien Dein Album "Ausnahmezustand", die erklärte Lieblings-LP unseres, auch Dir bekannten, neuen Redaktionskollegen Holger Stürenburg, weshalb er mich bat, Dir zum runden Jubiläum dieses Meisterwerks ein paar Fragen zu stellen!
"Ausnahmezustand" war bekanntlich Deine letzte Produktion mit Mick Franke. Wie kam es eigentlich zur Trennung von Deinem viel zu früh verstorbenen, langjährigen Mentor?

Ob Mick nun ein Mentor war, möchte ich mal dahin gestellt lassen. Wir waren enge Freunde, das trifft es wohl eher. Mit Mick war irgendwann aber das Ende der Kreativität erreicht. Alles, was danach kam, hätte ich mit Mick nicht realisieren können. Es tat mir zwar unheimlich leid, dass ich mich von ihm trennen musste, aber ich wollte auch keinen Stillstand. Er war dann natürlich sauer auf mich und hat jahrelang nicht mehr mit mir gesprochen. Aber, Gott sei Dank konnte ich diesen Streit noch vor seinem Tod aus der Welt schaffen. Wir haben uns dann unterhalten und die Sache war vom Tisch.

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Mit "Lola" beinhaltete "Ausnahmezustand" einen zwar nur kleinen, aber umso feineren Radiohit. Dabei handelte es sich um eine deutsche Bearbeitung eines allbekannten Klassikers der "Kinks", deren muttersprachliche Umsetzung wir für noch genialer halten, als das ohnehin schon perfekte Original. Wie kamst Du auf die Idee, gerade diesen Titel der "Kinks" zu übersetzen, was fasziniert Dich an Musik und Texten von Ray Davies?
Eine Menge. Die Musik der Kinks ist großartig. Ich hörte den Titel "Lola" und wusste sofort, dass ich diesen Song auf deutsch machen wollte. Es war spannend, die Geschichte ins Ruhrgebiet, nämlich nach Dortmund-Nord, zu übertragen. Bei einem Fernsehauftritt traf ich mal auf Ray Davies und drückte ihm die deutsche Version von mir in die Hand. Ich weiß nicht, ob er die jemals gehört hat, denn ich habe ihn danach nicht wieder getroffen.

Einen inhaltlich sehr luftig, lockeren, positiven Titel daraus stellt "Einfach nur vorhanden sein" dar. Unser Kollege Holger aus der Redaktion ist der Meinung, Du hast hier mit gewissen Harmonien der Deutschen Nationalhymne gespielt, experimentiert. Er hat Deinen Text schon mal zur entsprechenden Melodie von Joseph Haydn gesungen - und stellte eine verblüffende Kompatibilität fest. Hast Du beim Verfassen von "Einfach nur vorhanden sein" an die Deutsche Nationalhymne gedacht?
Nein, das hat damit gar nichts zu tun. Ich habe da auch überhaupt nicht an Haydn, sondern eher an Schubert gedacht. Da muss sich der Holger aber verhört haben. Keine Ahnung wie er darauf kommt.

Ein Jahr später erschien "Dein ist mein ganzes Herz" als Single, und auch das Album trug den gleichen Titel. Beide wurden Riesenhits. Was unterscheidet dieses Album von seinen Vorgängern, und was glaubst Du, ließ es zu so einem Erfolg werden?
Wenn man das immer so genau wüsste, wäre jedes Album und jede Single ein Hit. Ich glaube, dass das einfach eine Bündelung von glücklichen Momenten war. Ein Album und eine Single zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das war die Zeit nach der Neuen Deutschen Welle, wo viele Musiker nach neuen Richtungen gesucht haben. "Dein ist mein ganzes Herz" war scheinbar das, was die Leute damals gesucht und dann darin auch gefunden haben.

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Eine Tournee führte Dich auch in die DDR. Welche Erinnerungen hast Du an diese damals doch sehr außergewöhnliche Konzertreise?
Es ist schön, dass ich das hier endlich mal richtig stellen kann. Es ist immer nur die Rede von einer Tour durch die DDR. Dabei war ich der erste, der regelmäßig in der DDR getourt ist. Das habe ich auch bis zum Schluss so gemacht. Natürlich war das etwas ganz Besonderes. Es war ein völlig anderes Land und das Publikum war sehr dankbar. Wir haben da in vollen Stadien gespielt, was wir im Westen nie gemacht haben. Da waren es Hallen und in der DDR Stadien mit 30 000 Zuschauern. Das war schon beeindruckend.

Insgesamt waren die 80er für Dich ein sehr erfolgreiches Jahrzehnt. Ich stelle mal die kühne These in den Raum, dass die 80er die kreativste und musikalisch vielfältigste Dekade bis heute war. Stimmst Du dieser These zu, oder hast Du eine andere Meinung?
Nein, überhaupt nicht. Die 80er waren für mich eher ein schlimmes Jahrzehnt. Ganz im Gegensatz zu den 60er und 70er Jahren. Nach der Trennung der Beatles kamen so viele verschiedene Musikstile auf einmal, das hat es davor und danach nie wieder gegeben. Im Vergleich dazu waren die 80er langweilig und eintönig.

In den 90ern hast Du Dich für eine Deutsch-Quote stark gemacht. Dieser Vorschlag traf nicht überall auf Gegenliebe. Was genau hat Dich dazu bewogen, diese Idee der Öffentlichkeit vorzustellen?
Ich wurde da von einigen Leuten vor den Karren gespannt, und wurde auch völlig missverstanden. Das war ein großer Fehler von mir.

Hat dieser Denkanstoß irgendwas gebracht? Hast Du das Gefühl, dass seit dieser Zeit mehr deutsche Musik im Radio gespielt wird?
Nein, überhaupt nicht!

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Als wir uns vor drei Jahren zu einem Interview getroffen haben, hattest Du gesagt, dass nur noch "das Ende der Rockmusik verwaltet" würde. Kannst Du diese Aussage für unsere Leser noch mal genauer erläutern, und stehst Du immer noch auf diesem Standpunkt auch im Hinblick auf die in den letzten drei Jahren sehr guten neuen CD-Produktionen deutscher Musiker?
Ach ja? Welche denn zum Beispiel?

Zum Beispiel das letzte Studioalbum von CITY, das aktuelle Album von den Puhdys oder auch die im letzten Jahr erschienene CD von Herwig Mitteregger...
Ja, ok. Die kenne ich alle nicht. Das ist aber nicht verwunderlich, denn ich höre keine deutsche Musik (lacht). Das kommt ja nicht von heute auf morgen. Das ist ein schleichender Prozess. Ich habe vorher noch nie erlebt, dass soviel Retro-Sachen produziert werden, wie im Moment. Die Jugend von heute ist ja voll auf Retro fixiert. Es klingt vieles nach 70er und 80er. Von daher hat meine Aussage nach wie vor Bestand.

Rückblickend auf Deine bisherige Karriere: Was würdest Du heute anders machen und auf was bist Du besonders stolz?
Ich würde mich nie wieder zu so einer Sache überreden lassen, wie damals mit der Deutsch-Quote im Radio. Ansonsten wüsste ich nichts...

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Auch nicht die Qualifikation zum "Grand Prix"?
Nein, auch das nicht. Obwohl das vor ein paar Jahren, als ich da mitgemacht habe, für mich noch Sinn ergab. Inzwischen hoffe ich aber, dass dieser Wettbewerb bald Geschichte ist. Das ist doch alles nur noch musikalischer Einheitsbrei, keine Abwechslung mehr, einige Länder schieben sich gegenseitig die Punkte zu und es ist alles in allem sehr langweilig. Wer braucht das noch?

Das Thema "Casting" ist seit einigen Jahren in aller Munde. Birgt diese Entwicklung hin zum öffentlichen Auswählen eines potentiellen "Stars" nicht die Gefahr, dass die Musik, wie wir sie noch aus unserer Jugend kennen, bald komplett getötet wird, weil dabei zu sehr auf Äußerlichkeiten geachtet wird?
Du hast die Antwort in Deiner Frage schon formuliert. Das sind keine Superstars, das sind Marionetten. Außerdem stehen nicht die Musiker in der Sendung im Vordergrund, vielmehr feiert sich die Jury da selbst.

Erschwerend für die Arbeit aller Musiker, ob jung oder alt, kommt das neue Medium MP3 dazu. Was hältst Du persönlich von Downloads und dem Trend der heutigen Jugend, Musik nur noch als Wegwerfartikel zu betrachten?
Auch hier ist die Antwort schon in der Frage formuliert. Ich erinnere mich noch an meine Jugend. Da war man ganz nervös, wenn man in den Plattenladen ging und sich die neuste Scheibe seiner Lieblingsband gekauft hat. Zuhause angekommen, saß man mit seinen Freunden im Kreis um den Plattenspieler und hat über die Musik stundenlang diskutiert. Man hat sich die Platten immer und immer angehört und auf die Feinheiten geachtet. Das geht der Jugend von heute doch völlig ab. Zur Musik gehört, dass man was in der Hand hat. Ein Plattencover, auf dem man lesen kann. Ich glaube, die Jugendlichen heute werden es noch bitter bereuen. Irgendwann stellen sie nämlich genau das fest: Dass sie von der Musik ihrer Jugend nichts in der Hand haben.

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Unser Magazin hat den Themenschwerpunkt "Ostrock und -pop". Es wird die Leser sicher interessieren, ob Du Dich in diesem Genre auskennst, und ob Du vor der Wende mitbekommen hast, was in der DDR produziert wurde?
Um ehrlich zu sein, wenig. Klar, das was erfolgreich war und auch hier gespielt wurde. Aber in der Tiefe eigentlich nicht.

Du hast nach der Wende - so habe ich gelesen - auch für Musiker aus der ehemaligen DDR gearbeitet, stimmt das?
Ja, ich habe für CITY Texte zu ihren Songs geschrieben. Ich glaube, für das vorletzte Album. Außerdem gab es eine Zusammenarbeit mit Tino Eisbrenner, der in unserem Studio aufgenommen hat. Schon 1994 haben Heiner Lürig und ich für Tino gearbeitet. Der Titel "Willkommen in der Welt" auf dem gleichnamigen Album bietet sogar ein deutsch-deutsches Duett von Tino und mir. Im Mai 1999 ist die CD "Stark sein" von Eisbrenner erschienen, an der die komplette Verstärkung und Heiner Lürig beteiligt waren. Heiner hat das Album nicht nur produziert, sondern auch gleich vier eigene Songs beigesteuert.

Lieber Heinz Rudolf, ich Danke Dir für dieses erneut spannende und interessante Gespräch.
Ich danke auch, und möchte ganz besonders die Fans im Osten begrüßen. Das war immer ein ganz tolles Publikum. Und grüß mir den Holger

 

Interview: Christian Reder
unter besonderer Mitwirkung von Holger Stürenburg
Bearbeitung: kf, cr
Fotos: Archiv HRK, privat

 


   
   
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