Reinhold Heil

 

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Wenn ein Musiker die Szene der 70er und 80er in Deutschland stark geprägt hat, dann war es unser aktueller Gast! Reinhold Heil ist nicht nur Keyboarder... er war einer der kreativen Köpfe der Nina Hagen Band ("TV Glotzer", "African Reggae", "Auf'm Bahnhof Zoo") und von Spliff ("Deja Vu", "Herzlichen Glückwunsch", "Das Blech"), Produzent vieler namhafter Interpreten ("Die Ärzte", "Nena", "Mad Romeo") und seine anderen musikalischen Projekte, an denen er beteiligt war, sind nicht selten Top-Acts geworden ("Cosa Rosa", "Froon").
Geboren am 18. Mai 1954 in Schlüchtern begann Heil schon während seines Studiums damit, aktiv in Bands Musik zu machen. Seine musikalische Reise begann beim Jazz, ging weiter über Punk, später zum Pop/Rock und ist inzwischen beim Genre Filmmusik angekommen. Aber nicht in irgend einer nichtssagenden Ortschaft in Bayern oder Niedersachsen, sondern direkt im Herzen der Traumfabrik, in Hollywood! Wer sich auch nur ein bisschen mit der Musik der 80er in Deutschland beschäftigt, stellt sehr schnell fest, dass der Name Spliff (und somit auch sein Name) nahezu überall zu finden war. Manfred Maurenbrecher, Ulla Meinecke, Rainbirds, Rio Reiser, Stephan Remmler, Marianne Rosenberg, Stefan Waggershausen, Kim Wilde, und sogar Klaus Renft sind nur einige Namen, mit denen Heil schon zusammen gearbeitet hat. Seine Markenzeichen: Hitgarantien, sowie gut durchdachte und aufwendige Produktionen.
Umso mehr freuen wir uns, dass er Christian als "Gast des Monats" Januar zugesagt, und uns folgendes, sehr ausführliches Interview gegeben hat...

 

Hallo Reinhold, Du wohnst seit 1997 in den USA und hast dort ein eigenes Studio. Wie kam es zum Umzug in die Staaten?
1994 heiratete ich eine Amerikanerin aus Südkalifornien. Sie lebte insgesamt fünf Jahre lang in Berlin und hatte dann die Nase voll von der Deutschen Kultur und dem schlechten Wetter. Das war der oberflächliche Grund. Professionell ging es mir nicht sehr gut. Ich hatte wenig Perspektive. Keine Lust mehr, andere Musiker zu produzieren. Wenig Selbstvertrauen in meine Fähigkeiten als Komponist und Texter. Schlechte Technomusik verfolgte einen wo man auch hinging, etc. Allerdings hatte ich auch schon die ersten Theater- und Filmmusiken gemacht, und Gefallen daran gefunden. Das erste Projekt mit Tom Tykwer und Johnny Klimek war "Winterschläfer", im Sommer 1996. Danach fing ich an, mein Studio zusammenzupacken. Tom Tykwer gab mir zum Abschied im Januar 1997 das Drehbuch zu "Lola Rennt", damit ich nicht ganz wegdrifte. Der größte Teil der Musik zu diesem Film wurde dann auch ein Jahr später bei mir in Santa Barbara geschrieben und produziert. Und das Resultat war eine Art kreativer Durchbruch in Hollywood, der Johnny und mir dort ein paar Türen öffnete.

Bist Du noch öfters in Deutschland oder sind die Besuche hier eher selten?
Die längste Strecke ohne Deutschlandtrip war zwischen Februar 2000 ("Der Krieger Und Die Kaiserin") und Februar 2005 (Premiere von "Sophie Scholl"). Danach arbeitete ich an der Musik zu "Das Parfum", was zum größten Teil in München, aber auch in Berlin stattfand. Seit fast drei Jahren bin ich also regelmäßig wieder in Deutschland. Auch in 2008 werde ich für ca. 5 Monate da sein, für Toms nächsten Film, "The International".

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Im Jahre 2006 hast Du für den erfolgreichen Film "Das Parfüm" den nicht minder erfolgreicheren Soundtrack geschrieben. Wie kam es zu Deiner Verpflichtung als Komponist für diesen Film?
Als Filmkomponist hat man zwar auch Agenten, aber die besten Jobs kommen aus alten Arbeitsbeziehungen. Wie gesagt, arbeiten Johnny und ich bereits seit 1996 mit Tom Tykwer. Tom hat ein ziemlich festes Team von Mitarbeitern. Wir sind eine verschworene Gruppe von hart arbeitenden Verrückten, die alle das Glück hatten, einen genialen und visionären Filmemacher kennenzulernen. Und zur Klarstellung: die Musiken zu Toms Filmen werden von uns dreien gemeinsam geschrieben. Wenn man so will, von der Band "Pale 3".

In diesem Jahr hast Du die Musik zum Film "Blood and Chocolate" beigesteuert. Was ist das für ein Film und wo wird man ihn sehen können?
In den USA ist er bereits vor einem Jahr angelaufen, leider mäßig erfolgreich. Deshalb geht er in Deutschland direkt auf DVD, im Februar 2008.

Bekannt geworden bist Du aber nicht als Filmmusik-Komponist, sondern als Tastenmann bei der Nina Hagen Band und bei SPLIFF. Wann und wie kam es zu der Entscheidung, nicht mehr auf der Bühne zu stehen, und stattdessen im Hintergrund die Musik für Filme zu machen?
Das ging in vielen kleinen Schritten. Zuerst war mir auf Tour immer langweilig. Man lebte für die zwei Stunden am Abend und musste ansonsten die Zeit mit Fahren, Warten und Soundcheck totschlagen. Und das Programm am Abend war dann im Grunde immer das Gleiche. Kleine Kathastrophen sind eigentlich dann immer die schönsten Erinnerungen, z.B. als Potsch nicht 5 Meter, sondern nur 50 cm hoch über der Bühne schwebte. Für Liebhaber Amerikanischer Filme empfehle ich "Spinal Tap" aus dem Jahre 1982. Den gibt es nicht deutsch-synchronisiert, aber er beschreibt ganz gut, was bei tourenden Rockbands so alles passiert. Als mir Kim Wilde diesen Film 1986 vorspielte, blieb mir das Lachen im Halse stecken, weil mir alles so vertraut vorkam.

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Seit ein paar Jahren sind einige Deiner ehemaligen Kollegen mit dem Projekt "Bock auf Spliff" beschäftigt. Du selbst bist nicht dabei. Warum?
Die Lebensrhythmen der Menschen lassen sich offensichtlich schwer koordinieren. Als Spliff auf dem Zenit des Erfolges war, emtschlossen sich ebendiese Bandmitglieder, Kinder in die Welt zu setzen. Daran gibt es nichts auszusetzen. Wenn man sich diese wunderbaren Wesen anschaut, kann man natürlich nicht umhin, diese Priorität zu verstehen. Das Problem war nur, dass es obendrein dazu führte, dass sich Manne und Potsch, und später auch Herwig, Richtung Südeuropa verlagerten, weil man ja Kinder nicht in der großen, stinkenden Stadt aufziehen kann. Da kann man sich einfach nicht mehr genug auf eine Karriere konzentrieren, ganz zu schweigen von Touren und ständiger Abwesenheit von zu Hause. Bei mir hat all das viel später stattgefunden. Ich bin auch ausgewandert und habe zwei Kinder, 7 und 9 Jahre alt. Nun muss ich, wegen meiner Arbeit, schon zum zweiten Mal für mehrere Monate nach Deutschland. Glücklicherweise können mich meine Jungs während dieser Zeit für einen Monat in Berlin besuchen. Aber neben all dem noch eine Reaktivierung des Rock'n Roll Lebensstils mit Schwerpunkt in Deutschland? Das würde meine Familie nicht verkraften. Selbst mit meiner ständigen Präsenz zuhause, in meinem Studio, konnte meine Ehe nicht bestehen. Aber das ist eine andere Geschichte. Ja, ich habe noch Kontakt zu den Spliffern, wenn auch nicht sehr intensiv. Eine Reunion ist für mich nur legitim, wenn alle mitmachen, deshalb bin ich natürlich im Moment derjenige, der's verhindert. Aber wie schon damals bei Manne und Potsch, haben sich andere Prioritäten ergeben. Und vielleicht ist das auch gut so, denn ich habe keine Reunions gesehen, die mir tolle Musik beschert haben.

Reinhold Heil der Musiker: das begann nach Deinem Studium in den 70ern bei der Gruppe "Bakmak", richtig?
Das war während meines Studiums, von 1973 bis '78. Auch meine Zeit mit der Nina Hagen Band (1977-79) war gleichzeitig noch Studienzeit. Das waren zwei harte Jahre. Glücklicherweise verließ Nina die Band zwei Monate vor meiner Diplomprüfung. So konnte ich noch ein wenig nachlernen. Bakmak war keine wirklich professionelle Band, obwohl die Musiker aller super waren.

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Wie bist Du zur Musik und dann zu der besagten Band gekommen?
Als ich in den Sechzigern mit den Beatles, Stones, Cream, Zeppelin und Hendrix aufwuchs, war Musik noch das große Medium der Identifikation junger Menschen. Heute ist sie ja eher schmückendes Beiwerk zu Videos, Filmen und Computerspielen. Vielleicht würde ich heute Spieleprogrammierer werden. Aber damals war Musik cool. Ich saß stundenlang wie verzaubert vor meinen Hausaufgaben, und wachte nur aus der Trance auf, um die Langspielplatten umzudrehen. Und wie sich herausstellte, hatte ich wohl auch ein wenig Talent. Also hatte ich natürlich meine Band während der Schulzeit. Und ich hatte einen Freund, der sich ab und zu auch in Städten aufhielt, die mehr als 7000 Einwohner hatten. Er fand eine Möglichkeit, meinen Vater davon zu überzeugen, dass ich durch ein Studium an einer Musikhochschule einen anständigen Beruf erlernen könnte: den des Diplom Tonmeisters. Schade eigentlich, denn ich hätte ja auch Komposition studieren können. Aber irgendwie auch gut, denn das Studium gab mir einen Überblick über Musik und die Technologie, mit der man sie machen und aufnehmen kann. Das konnte ich später - auch heute noch - gut gebrauchen. Und so kam ich dann nach dem Abi nach Berlin, schrieb mich an der Hochschule Für Musik ein (heute Teil der UdK) und suchte mir eine Band. Bakmak spielte oft im Quasimodo, war von Miles Davis und Weather Report beeinflusst und hatte keinen Keyboarder. Zu diesem Zeitpunkt verachtete ich alles, was unter Rock'n Roll fiel, weil Electric Jazz einfach das Größte war. Also: kein David Bowie, keine Roxy Music oder T-Rex. Stattdessen Mahavishnu Orchestra, Soft Machine und Herbie Hancock.

Bei "Bakmak" bist Du nur zwei Jahre aktiv gewesen, dann kam die "Nina Hagen Band". Wie entstand diese Gruppe und wie kam der Kontakt mit Nina zustande?
Nein, wie gesagt: bei Bakmak spielte ich von Ende 1973 bis 1977, und dann noch ein paar Auftritte in 1978, als ich bereits mit Nina spielte. In 1976 jammte ich oft mit Wolfgang Thierfeldt, der ein Super Jazzdrummer war, aber auch schon mal bei der Lok Kreuzberg gespielt hatte. Der brachte mich mit Potsch zusammen, und gemeinsam hatten wir ein kleines Projekt mit Klaus Renft, der gerade aus der DDR gekommen war. SFB 3 machte ein TV Special mit ihm, und wir waren dafür kurzzeitig seine Band. Dabei lernten Potsch und ich uns schätzen und beschlossen "irgendwannmal" was zusammen zu machen. Ein Jahr später rief er mich dann an und sagte, die Lok sei in Auflösung begriffen, aber er, Manne und Herwig würden jetzt mit der Nina aus der DDR arbeiten. Und die hätte einen Plattenvertrag mit der CBS. Das war mir dann ne Nummer zu groß, weil ich ja noch studierte. So viel Dummheit muss man sich erstmal vorstellen. Hier kamen so viele Glücksfaktoren zusammen, dass man wirklich nicht damit rechnen konnte, dass sich sowas nach meiner Diplomprüfung wiederholen könnte. Glücklicherweise passten die beiden Keyboarder, die Potsch danach anrief, nicht sehr gut in die Band. Er rief also zwei Wochen später wieder an und sagte: "Du solltest mal alle kennenlernen und die drei Stücke hören, die wir bisher geschrieben haben, und dann kannst Du Dich endgültig entscheiden". Also ging ich hin, war verblüfft, dass ich nach vier Jahren doch noch nicht das ganze Spektrum Berliner Talents kannte. Die Jamsession war wirklich der Hammer. Ich hatte noch nie mit einem Drummer gespielt, der so viel Energie hatte wie Herwig Mitteregger. Ganz zu schweigen von der Vibralartistin! Ich wusste, dass ich zwei harte Jahre vor mir hatte, denn ich hatte nicht vor, mich zu exmatrikulieren. Aber an dieser Combo kam ich nicht vorbei. Und hier konnte ich alles unterbringen, was spannend war, sogar ein paar Electric Jazz Elemente. Wir waren eine eklektische Band mit der Energie von Punk, aber besser ausgebildet.

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Die erste LP der Nina Hagen Band schlug sofort ein und wurde sehr erfolgreich. Wie entstand diese LP und woher kamen die Ideen zu den Songs?
Die Texte kamen alle von Nina. Die Musiken von allen Fünfen, mehr oder weniger zusammengejammt. Wir hatten diese merkwürdige Arbeitsweise von der Lok Kreuzberg übernommen: Von 9 - 17 Uhr wurde im Proberaum gejammt und - was dann so entstand - wieder und wieder geprobt. Die Band war demzufolge wirklich "tight". Aber irgendwie war es nicht die produktivste Methode. Im Februar 1978 hatten wir unseren ersten Gig im Quartier Latin. Danach gab es bereits TV Auftritte, die neugierig auf das Album machten. Nina war noch immer dabei, ihr schrilles Image zu entwickeln, aber durch Wolf Biermanns Ausbürgerung aus der DDR war sie ein Tagesschau-reifes Thema. Das kommt nicht oft vor, während man ein Bandprojekt aus der Taufe hebt. Wir hatten also gute Vorraussetzungen für Erfolg, abgesehen von der Tatsache, dass wir anders, und irgendwie auch besser waren als andere deutsche Bands... Huch, jetzt ist meine jugendliche Arroganz von damals wieder durchgekommen.

Über die Entstehungsgeschichte der zweiten Langspielplatte ranken sich einige Geschichten. Eine Version der Geschichte ist die, dass Ihr Musiker die Platte in Abwesenheit von Nina eingespielt habt, und Ninas Gesang erst später aufgenommen und dazu gemischt worden ist. Was war da los?
Im Februar und März 1979 tourten wir durch Europa, um das erste Album zu promoten und das zweite vor Publikum zu testen. Alle Stücke waren bereits fertig und funktionierten sehr gut. Während dieser Zeit kam es zu massiven Spannungen in der Band. Manne hatte, entgegen der sinnvollen Regel: "never fuck a front person", eine Beziehung mit Nina angefangen, von deren Zustand das Wohl und Wehe der Band abhing. Und dann kamen Drogen ins Spiel und beschleunigten das Ende. Nina kriegte natürlich alle Aufmerksamkeit und das führte dann zu peinlichen Situationen, wenn die Band eifersüchtig versuchte, auch noch wahrgenommen zu werden. Nach der Tour stieg Nina aus. Es gab einen Vertrag, der die Band und Nina verband, da es zwei Verträge mit CBS gab. Ohne diesen Vertrag wären wir vier kurz mal eben zur Seite gewischt worden. Aber so konnten wir die Gegenseite erpressen, mit Hilfe des Staranwalts Axel Meyer-Wölden. Die Gegenseite war übrigens nicht nur Nina, sondern auch unsere Plattenfirma, die uns für überflüssig hielt. Stimmte natürlich irgendwie, denn Nina hatte ja auch ohne uns eine Karriere, und sicher keine schlechte. Aber wir konnten ja was und daher fanden wir uns nicht damit ab, einfach gedroppt zu werden. Wir wollten Nina natürlich nicht im Wege stehen, aber die Arbeit am zweiten Album sollte nicht umsonst gewesen sein. Also bestanden wir darauf, das Album noch zu produzieren und dann einen Bandvertrag mit CBS zu bekommen. So bekamen die Döspaddel statt einem erfolgreichen Act dann zwei auf den Tisch, wobei der kleinere am Ende sogar noch mehr Platten verkaufte (ätsch!). Die Führung bei CBS wurde glücklicherweise sehr bald ausgewechselt und wir hatten den besten A&R Manager, den man sich vorstellen konnte: Jochen Leuschner, der später zum Geschäftsführer aufsteigen sollte.
Also produzierten wir die Playbacks zu "Unbehagen" in den Hansa Studios im Herbst 1979. Ich war endlich mit dem Studium fertig und verstand mich als Profi, weil ich mich voll auf die Arbeit konzentrieren konnte. Davon haben wir alle profitiert, weil wir ja auch Produzenten des Albums waren, gemeinsam mit dem Toning Tom Müller und seinem Arrangeur und Koproduzenten Ralf Nowy.
Ursprünglich wollte Nina die Gesänge im Abba-Studio in Stockholm 005 20130305 1481778749aufnehmen, ohne unsere Anwesenheit. Aus unerfindlichen Gründen änderte sie allerdings ihre Meinung und kam nach Berlin. Es war sehr spannend und nicht immer angenehm, denn sie brachte reichlich Leute mit, um uns nicht alleine gegenüberstehen zu müssen. Aber irgendwie entspannte sich alles, nicht ohne die Hilfe von hausangebautem Gras aus Berlin Britz, was das beste Cannabis war, das ich je zu mir nehmen durfte. Ich bin absolut kein Kiffer, und habe mehr unangenehme als angenehme Erfahrungen mit dem Zeug, aber der Zeitpunkt und das Gras waren genau richtig. Wir hatten ne Menge Spaß bei den Aufnahmen. Ich war wohl der am wenigsten aggressive Kollege, daher ließ mich Nina ans Mischpult und die Bandmaschine, und wir nahmen eine Menge Parts zu zweit auf. Dabei merkte ich, wie sehr ich die Studioarbeit mit Sängern mochte. Das erfordert eine Menge Geduld und Verständnis und man muss auch ein wenig Freund und Irrenarzt sein (nicht nur bei Nina).
Jedenfalls wurde alles gut. Durch die relativ gute Atmosphäre im Studio wurde es ein wirklich authentisches und kraftvolles Album. Das Einzige, was ich heute anders machen würde, ist die zweite Hälfte von African Reggae, bei der wir eine Menge von Ninas Improvisationen wegmischten.

Aus der Nina Hagen Band wurde im Jahre 1980 SPLIFF. Nina hatte eine neue Band und ihre ehemaligen Musiker gingen ebenfalls eigene Wege. Wer hatte die Idee zu SPLIFF und welche Ziele verfolgte man damals mit der Gründung der Band?
Wir alle beschlossen, auch ohne Nina zusammen weiterzumachen. Daher der erzwungene Vertrag mit CBS. Wir wollten es den Schlipsen und der ganzen Welt richtig zeigen. Aber WAS sollten wir tun? Wir jammten ziemlich ziellos in der Gegend rum. Das war die Phase, in der Günther Rakete nicht nur Manager war, sondern einen kreativen Funken schlug: er hatte die Idee zur Spliff Radio Show.

Mit besagter "The Spliff Radio Show" erschien 1980 die erste LP. Auf der Platte ist eine richtige Rock-Oper zu hören, an der nicht nur die bekannten vier Spliffer beteiligt waren, sondern auch noch weitere Musiker. Bitte erzähl uns etwas über dieses Album und die Entstehung.
Als das Konzept da war, wurde aus dem Funken ein Feuer und die Ideen kamen endlich. Wir hatten Alf Klimek auf dem Foolsfestival kennengelernt, wo er mit einer Australischen Comedytruppe auftrat. Er war in dieser Gruppe nicht glücklich, also luden wir ihn ein, sich unser Projekt mal anzuschauen. Er wurde dann zwar kein Bandmitglied, was ihn ziemlich nervte, aber er hatte entscheidenden Anteil an der Entstehung und dem Erfolg des Projektes. Die Scheibe war zwar nie in den Charts, verkaufte aber konstant über mehrere Jahre und kam auf locker 250.000 Stück (wo ist die Goldene, CBS ???? SONY Music??? Whoever???). Wir schafften uns eine 8-Spur Maschine an und produzierten eine komplette Demo Version des Albums in unserem Proberaum. Dann spielten wir einige Liveshows und sprühten den neuen Bandnamen bei Nacht und Nebel in alle wichtigen Großstädte. Für die Produktion gingen wir dann ins Audio Studio, wo mein Freund Udo Arndt als Ingenieur arbeitete. Wir produzierten selbst, aber er war der perfekte Soundmann und Helfer. Alles wurde erstmal live eingespielt, weil wir's ja schon auf die Bühne gebracht hatten. Aber dann gab's natürlich noch reichlich Overdubs und Feinarbeit, bei der die Studiotechnik eine große Rolle spielte. Da kam das Bedürfnis auf, selbst ein Studio zu besitzen, damit wir ungebremst durch Budgets und Zeitmangel experimentieren konnten. Schon für unsere Touren mit der Radio Show hatten wir kein Livepult gekauft, sondern ein nicht sehr roadtaugliches Soundcraft 1624, das eigentlich ein Recording Pult war. Es fehlten also nur noch ein paar Kleinigkeiten wie 24 Spurmaschine, große Monitorboxen und teure Neumann Mikrofone zum heimischen Glück. Das kam dann nach der Radio Show, als wir von Kreuzberg nach Moabit umzogen, in die ehemaligen Kühlräume einer italienischen Lebensmittelgroßhandlung.

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Alf Klimek hast Du schon angesprochen. Hat er etwas mit Johnny Klimek zu tun, mit dem Du heute noch oft zusammen arbeitest?
Er ist Johnnys großer Bruder. Als die Radio Show nach zwei Jahren ein Ende hatte, verlangte er, volles Bandmitglied zu werden. Wir waren aber immer noch so traumatisiert von Nina, dass wir Sänger als "Frontschweine" einstuften und nicht zu nah an uns ranließen. Also zog Alf wieder nach Australien und kam zwei Jahre später mit zwei Geschwistern zurück: Johnny und Jayney, die Zwillinge. Zusammen mit Berliner Musikern gründeten sie die Band "The Other Ones" und waren mit "Holiday" in den Charts. So lernte ich Johnny kennen.

Im Jahre 1982 erschien dann das Album "85555", benannt nach der Bestellnummer der Platte. Während "The Spliff Radio Show" noch in Englisch aufgenommen wurde, erschien "85555" in Deutsch und Englisch. Was waren die Gründe dafür, dass Spliff plötzlich Deutsch sang, und die LP in zwei Sprachen veröffentlich wurde?
Wir hatten kein Frontschwein mehr und schrieben nicht mehr gemeinsam, sondern jeder im stillen Kämmerlein. Manche Texte waren eher provisorisch, manche auf Englisch, manche auf Deutsch. Gleichzeitig streckten wir unsere Fühler nach England aus, um einen amtlichen Sänger zu finden. Mit der Neuen Deutschen Welle hatten wir nichts zu tun. Da standen wir drüber und ärgerten uns endlos, wenn wir damit in einen Topf geworfen wurden. Wir hatten zwar entscheidend dazu beigetragen, aber Nina war ja die Texterin und die Persönlichkeit, die die Deutschen Musikszene auf den Kopf gestellt hatte. Wir waren schließlich nicht völlig größenwahnsinnig. Also lieferten wir unsere Demos bei Jochen Leuschner ab, so wie sie halt entstanden waren: halb Deutsch, halb Englisch. Der englische Sänger wollte sich irgendwie nicht einstellen, also machten wir's eben selber. Jochen Leuschner war dann derjenige, der uns ermutigte, die ganze Scheibe auf Deutsch zu machen. Er fand nicht, dass ein sprachlich gemischtes Album Sinn machen würde. Ich glaube, er hatte Recht. Aber er gab uns auch die Möglichkeit, die englische Version zu machen. Wir wollten natürlich nach Amerika, aber das klappte denn doch nicht. Dazu hätten wir in Amiland rauf und runter touren müssen. So wurde die Englische Version in Deutschland am besten verkauft.
Wir stellten das Album vier Wochen vor seinem Erscheinen in der Dortmunder Westfalenhalle vor, bei der ZDF Rocknacht, wo wir als Opener für Saga, Meat Loaf und Foreigner fungierten. Am ersten Abend spielten wir nichts von der Radio Show. Erst als Zugabe bekamen die Leute drei der bekannteren Stücke zu hören. Die Reaktion war entsprechend schlaff. Meine Freundin Rosa heulte am Mischpult und dachte: "Jetzt ist alles vorbei", und Marek Lieberberg, unser Tourpromoter, wettete mit uns, dass das Album nicht mehr als 50.000 Stück verkaufen würde. Das kostete ihn dann ein paar Monate später eine Kiste Dom Perignon. Lecker... Am zweiten Abend streuten wir dann die Radio Show Stücke locker ins Programm und die Menschen waren schon freundlicher gestimmt. Man möchte halt mitsingen können...

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Stimmt es, dass der Singlehit aus dem Album, "Carbonara", bei einem Essen in einer Pizzeria entstanden ist?
Wie schon erwähnt, waren wir inzwischen in Berlin Moabit und hatten das Spliff Studio gebaut, mit Hilfe eines Vorschusses des April Musikverlags, der dafür die Verlagsrechte an einer ganzen Reihe von Hits erwarb, wie sich später herausstellte. Moabit ist auch heute noch nicht das Zentrum der Haute Cusine in Berlin. An der nächsten Ecke gab es einen Italiener, der von Libanesen betrieben wurde. Da gingen wir fast jeden Tag zum Essen hin und bestellten billige Gerichte, denn wir waren ja nicht reich geworden durch unsere Erfolge, und die Zukunft war mehr als ungewiss. Ich hatte das Stück auf einem Akai 4-Spur-Cassettenrecorder zuhause aufgenommen und Potsch eingeladen, mit mir den Refrainchor zu singen. Wir sangen "Heiße Würstchen und 'ne Coca Cola", was schon ziemlich gut war. Der Text für die Strophen entstand dann nach und nach, und die Ideen gingen Richtung Italien. Ich hatte schließlich Latein in der Schule und einen Italienischen Reisesprachführer zur Hand. Also wurden aus den Würstchen die Nudeln. Nur dumm, dass Coca Cola nicht zur Kasse gebeten wurde (das würde heute nicht passieren).
Ich war unlängst mal wieder in Siena und hatte die besten Spaghetti Carbonara. Definitiv nicht die Moabit-Variante. Allerdings konnten wir auch in Moabit manchmal gut essen: unsere Kellnerin Khadra machte uns an speziellen Tagen im Jahr Libanesisches Essen, zum Tourstart oder nach Fertigstellung eines Albums. Da kam Freude auf.

Wie kann man sich die Arbeit zu dieser Zeit vorstellen? Wer hatte die Ideen zu Songs und Texten und wie entstanden die Titel?
Wie gesagt: jeder schrieb im stillen Kämmerlein und brachte die Ideen mehr oder weniger ausgegoren ins Studio, wo alle dann darüber herfielen und sie spliffig machten. Es war eine perfekte Kombination zwischen individueller Arbeit und dem kollektiven Touch. Daher auch getrennte Copyrights, aber gemeinsamer Verlag, damit alle einen Anteil an allen Stücken bekamen.

Der Erfolg des zweiten Albums war im Vergleich zu dem von "The Spliff Radio Show" weit größer. Wie überrascht war die Band damals von diesem plötzlichen und enorm großen Zuspruch von Medien und Publikum?
Jeder, der einen solchen Erfolg ernsthaft erwartet, ist ein Vollidiot. Man kann sowas nicht vorhersagen, und das ist auch gut so. Und dann muss man halt damit klarkommen. Ich habe allerdings schon größere Probleme gehabt als diesen Erfolg.

Mit "Herzlichen Glückwunsch" kam noch im gleichen Jahr ein weiteres Album auf den Markt. Wie habt Ihr das hinbekommen, trotz Erfolg von "85555", den Auftritten und dem ganzen Rummel trotzdem in so kurzer Zeit noch ein weiteres Album dieser Qualität fertig zu stellen?
Die Qualität ist nicht schlecht, aber nicht ganz so gut wie 85555. Manche Ideen waren schon vorher da, aber der Text war noch nicht fertig (z.B. Das Blech). Wir tourten lange nicht so viel wie unsere Kollegen von BAP oder Extrabreit. Das Spliff Studio war irgendwie spannender als die großen Hallen mit viertausend Leuten drin und einem endlos frustrierenden Wabersound.

Nach dem "Glückwunsch"-Album machten sich Teile von Spliff selbstständig und probierten eigene Dinge aus. Herwig Mitteregger veröffentlichte seine erste Solo-LP und Du hast mit Cosa Rosa das gleichnamige Projekt gegründet. Zeichnete sich da schon das Ende von Spliff ab?
Irgendwie schon, aber nicht zwingend. Keines der Projekte verlangte zu viel Zeit. Spliff hätte also sehr wohl weiterexistiern können. Aber da kamen Kinder und keine Touren, also suchte man sich Beschäftigung und dann kamen die Ergebnisse davon der Band in die Quere. Letztlich war es Nena, die so viel Aufmerksamkeit verlangte, dass Spliff keine Basis mehr hatte.

Mit "Schwarz auf Weiss" erschien 1984 das letzte Studio-Album von Spliff, das leider auch nicht so erfolgreich wie seine Vorgänger war. Danach war Schluss. Mitteregger nannte als Grund für das Ende der Band: "zu viele Häuptlinge, zu wenig Indianer". Siehst Du das auch so?
Er hat schon recht. Kollektive sind nicht die produktivste Methode. Die wirklich guten Projekte haben klare Anführer und Masterminds. Aber wie gesagt: wie soll man das Leben von vier Menschen in allen Aspekten durchsynchronisieren? BAP steht und fällt mit Wolfgang, Grönemeyer ist - trotz einer konstanten Band - Solokünstler. Spliff war immer ein chaotisches, unentschlossenes Kollektiv. Auch Günther Rakete war kein Mastermind, wenn man mal von der Radio Show absieht.

Wir hatten die Frage schon in dem Interview über Cosa Rosa erörtert, und die Antwort hast Du eigentlich schon vor ein paar Minuten gegeben. Die gleiche Frage möchte ich Dir in Bezug auf Spliff trotzdem noch einmal stellen. War Spliff ein Teil der NDW oder hattet Ihr damit gar nichts zu tun?
Wollten wir nicht. NDW war ursprünglich auch sehr viel spezieller und wurde dann zum großen Überbegriff für alles, was an deutschsprachigem Pop in dieser Zeit passierte. Und so zieht die Geschichte über einen hinweg und man wird nicht mehr gefragt. Mal abgesehen von alten Fans auf einer obskuren Internetseite...

Du hast danach, Mitte der 80er, als Produzent Großes geleistet. Unter Deiner Regie entstanden Alben von Nena, Die Ärzte und anderen erfolgreichen Künstlern. Wie kamen die Kontakte zustande und wie kam es zu Deiner Tätigkeit als Produzent?
Ich hatte eine Single von Nena und den Stripes bei Jochen Leuschner im Büro entdeckt. Er spielte mir das Stück "Ecstasy" vor und ich sagte: "Das sieht gut aus und hört sich extrem vielversprechend an". Ein paar Monate später rief mich dann Andreas Kirnberger von der CBS an. Nena und Rolf Brendel hatten sich von den Stripes getrennt und suchten nach neuen Wegen. CBS bot mir den Job des Produzenten an. Da konnte ich nicht nein sagen. Nena zog nach Berlin, jobbte bei Jim Rakete im Büro und ich nahm, zusammen mit Manne Praeker, im Spliff Studio die ersten drei Stücke auf. Die erste Single "Nur Geträumt" verkaufte so gar nicht. Im Sommer 1982 trat die Band dann bei einem NDW-Special von Mike Leckebuschs Musikladen auf. Die Single wurde mit neuem Cover wiederveröffentlicht und knallte sofort in die Charts. Kein Remix, nur ein Cover, auf dem Nena nicht kunstvoll wie ein Hungermodel aussah und die Tatsache, dass Deutschland sie in einem blauen Ledermini gesehen hatte. Erst da kam die Genialität des Produzenten voll zur Geltung.
Für die Ärzte war ich nur einmal tätig: mein Freund Manne hatte ein Album produziert und wollte nun die Liveversion von "Gehn Wie ein Egypter" im Studio aufbereiten, so dass sie als Single veröffentlicht werden konnte. Da hab ich dann ein paar Sachen gespielt, programmiert und den Mix gemacht. Es war der erste Charterfolg der Ärzte, aber nicht wegen meiner Beiträge. Die Jungs wussten ganz genau, was sie da trieben und haben ihren Erfolg redlich verdient.

Aber auch als Musiker bist Du weiterhin aktiv gewesen. Zwischen 1987 und 1988 gab es das Projekt FROON, bei dem Du zusammen mit den ehemaligen Spliffern Praeker und Potschka, verstärkt durch Lyndon F. Connah, zusammen gespielt hast. Wie kam es zu dieser erneuten Zusammenarbeit mit Praeker und Potschka, und warum fand das nicht wieder unter dem Namen SPLIFF statt?
Nur wenn Spliff drin ist, steht auch Spliff drauf. Ohne Herwig war es nicht Spliff. Wir sind da nicht clever, sondern integer. "Bock Auf Spliff" ist für meinen Geschmack schon jenseits der Grenze, aber man will ja niemandem im Wege stehen.

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Was bedeutet der Name FROON?
Verschwendung von zwei Jahren meines Lebens. Nicht, dass ich das Album nicht mag, aber es ist ein Inbegriff von Achtziger Überproduktion. Musste eigentlich nicht sein.

Was ich Dich schon immer fragen wollte: Im Jahre 1989 erschien ein Album mit dem Titel "Love Is The Answer" von der Gruppe MAD ROMEO. Hier warst Du nicht nur als Produzent tätig, sondern hast auch aktiv als Musiker einen Beitrag geleistet. Was war MAD ROMEO für eine Band?
Das waren ein paar ganz talentierte Bengels aus Berlin, die ich schon als "Erster Futorologischer Kongress" mochte. Aber die Arbeitsweise war immer noch eine zeitraubende, perfektionistische. Und die Jungs phantasierten immer schon vom großen Erfolg. Ich sagte ihnen, dass das bei keinem meiner großen Erfolge so war. Während man arbeitet, spricht man nicht über Limousinen und Groupies. Die Strafe dafür folgt auf dem Fuße. Dazu kam, dass die Plattenfirma ein neues Label namens "Act" war, bei dem drei Veteranen des Business alles besser machen wollten. Alle Musiker und alle Plattenfirmen, so trompeteten sie in einem Stern-Interview, seien im Prinzip Deppen, denen man jetzt mal zeige, wie's gemacht wird. Als dieses Interview von Günther Rakete, Annette Humpe und Siegfried E. Loch erschien, hätte ich eigentlich den Krempel hinschmeissen sollen. Es war ein Sargnagel meiner Produzentenkarriere. Ich hatte einfach keinen Bock mehr auf diesen Quatsch. Ich bin immer noch sehr mit Annette befreundet. Sie ist einer meiner Lieblingsmenschen und ich habe ne Menge Respekt vor ihr. Ich halte sie für die beste Pop-Produzentin der Deutschen Geschichte. Obwohl, oder vielleicht gerade weil sie keinen Schimmer von Studiotechnik hat.

Die Liste der Musiker, für und mit denen Du zusammen gearbeitet hast, ist lang. U.a. waren da die Rainbirds, Stefan Waggershausen, Marianne Rosenberg, Annette Humpe und Thomas D. (Fanta 4), um nur ein paar Namen zu nennen. Du selbst bist nach Froon nicht mehr als Musiker auf der Bühne aktiv gewesen. Warum nicht?
Keine Zeit.

Was hast Du in den 90ern gemacht, wo der Name Heil nicht mehr als Musiker in irgendwelchen CD-Booklets zu lesen war?
Ich habe im "Electric Heidiland" gesessen und ein Soloalbum produziert, das ich dann nach fünf Jahren einstampfte. Meine Freundin Rosa Precht war Anfang 1991 gestorben und mir war für ne Weile alles scheißegal. Produzent wollte ich nicht mehr sein, und Komponist traute ich mich noch nicht. Ich hing mit Schauspielern in den Berliner Szenekneipen rum und komponierte Renaissance-Musik für eine Shakespeare Inszenierung von Kathi Thalbach. Das lief vor ausverkauften Haus, bis der Berliner Senat drei Monate später ausgerechnet das Schiller Theater schloss und Kathi sich erstmal neu orientieren musste. Ich hätte sehr gerne mit ihr weiter gearbeitet. Nebenbei machte ich für umsonst die Musik für Connie Walthers Studentenfilm "Börsday Blues". Das ging ich extrem umständlich an, wie es immer so meine Art ist. Aber ich lernte 'ne Menge und leckte Blut, was die Filmmusik anging.

"Auffällig" bist Du erst wieder 1997/1998 geworden, als Du für den Soundtrack zu dem international sehr erfolgreichen Film "Lola rennt" tätig warst. Womit wir wieder bei der Frage vom Anfang wären: Wie kam es dazu?
Johnny Klimek hatte nach "The Other Ones" Erfolg als Produzent in der explodierenden Berliner Technoszene. DJ Motte, Paul Van Dyk, etc. Das wurde ihm aber auch irgendwann langweilig. Er fing an, mich zu nerven. Er war der Meinung, dass ich mein Talent verschendete und er hatte wohl recht. Wir experimentierten für eine Weile mit der Sängerin Jovanka von Willsdorf unter dem Projektnamen "Babyloon". In dieser Zeit lernte Johnny Tom Tykwer kennen und spielte ihm die Sachen vor. Tom konnte nicht glauben, dass ich noch existierte. Er war ein ganz alter Fan, der mit 15 in den Konzerten der Hagen Band auf die Dame und ihre Figur, aber auch auf die Arbeit des Keyboarders abgefahren war. Die Arbeit an "Winterschläfer" war dann so wunderbar, dass ich endlich wieder Wind in die Segel bekam.

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Das Kapitel "Filmmusik" ist für Dich als Musiker heute das wichtigste, oder? Wird es Reinhold Heil noch mal irgendwann als Musiker auf der Bühne geben?
Kann gut sein. Mit einem Symphonieorchester und ohne Carbonara. Ist es das, was Du Dir vorstellst?

Warum nicht? Aber für meinen Geschmack doch eher die andere Richtung! Fehlt Dir die Bühne, wo Du als Live-Musiker aktiv sein kannst, nicht?
Die beste Bühnenzeit war der kurze Rausch mit Nina. Gerade mal ein gutes Jahr. Diese Energie kommt nicht wieder. Und ich bin gut beschäftgt. Es kommt nie Langeweile auf.

Rückblickend auf Deine Karriere: Was würdest Du heute anders machen, wenn Du die Chance dazu hättest, und was würdest Du wieder so machen, wie Du es gemacht hast?
Ich wäre selbstbewusster und reiselustiger. Ansonsten hatte ich viel Glück und bin dann instinktiv doch das eine oder andere mal in die Richtige Richtung marschiert.

Was waren für Dich die schönsten Erlebnisse in Deiner Karriere, was die weniger schönen?
Wie schon gesagt: die Kathastrophen waren immer spannend. Es wurde nie langweilig. Aber hier ist ein perfektes Beispiel: die Nena Band bei den Aufnahmen zum ersten Album: super motiviert, hart arbeitend, inspiriert und voller guter Laune. Beim dritten Album: alles musste "international" und teuer sein, damit es auch erfolgreich wird, damit sie ihre immensen Steuerschulden begleichen können. Und ein Gitarrist, bei dem das "Gleichgewicht der Kräfte" zwischen Kokain, Haschisch und Jack Daniels hergestellt werden musste. Der Rest kokste heimlich, weil sie wussten, wie ich darüber dachte.

Mit Deiner Musik und Deiner Tätigkeit als Produzent hast Du stets den Nagel auf den Kopf getroffen. Die Musik hat sich inzwischen extrem verändert. Welche Veränderungen - positiv wie negativ - stellst Du im Vergleich zu den 70ern und 80ern heute fest?
Keine Ahnung. Ich verfolge das nicht. Die Technologie spielt sicher eine Rolle. Es gab immer schon Plastikprodukte und authentische Bands. Die Industrie geht jetzt hoffentlich bald endgültig den Bach runter, damit endlich was Neues kommen kann. Radiohead ist nicht nur musikalisch meine Lieblingsband. Obwohl ihr neues Geschäftsmodell nicht generell angewandt werden kann.

Was hörst Du privat für Musik? Was war die letzte CD, die Du Dir gekauft hast?
Woher weißt Du, dass ich immer noch CDs kaufe? Ich warte auf die neue Radiohead, die Anfang Januar endlich auf CD kommt. Ich mag das Internet, aber der iTunes Store ist nur gut für die Labels, die die Musiker nicht an den Erlösen beteiligen wollen. Da muss noch was Besseres kommen.

Ich nenne Dir jetzt ein paar Schlagworte. Bitte antworte spontan und in einem Satz, was Dir dazu einfällt:

Casting Shows:
Was?

MP3 / Downloads:
Wenn die Bosse keine Ahnung haben, findet die Musik ihren eigenen Weg, auch wenn's uns Musikern weh tut. Den Leuten ist's wurscht. Solange man nicht erwischt wird, nimmt man jedes Schnäppchen mit.

Schlüchtern:
Heimat Nummer eins. Ich fahre immer noch gerne hin. Meine halbe Familie ist immer noch dort. Mein Neffe Nico ist jetzt mit 16 schon dreimalsogut als Gitarrist wie ich im selben Alter als Keyboarder.

Berlin:
Heimat Nummer zwei. Da hab ich immer noch einen Koffer. Wenn ich das Geld hätte, würde ich mir das passende Loft dazu kaufen.

Zukunftspläne:
Meine Scheidung finanziell überleben. Mein Haus retten, abreißen und stattdessen ein energiesparendes, modernes Fertighaus bauen. Meine Kinder so viel wie möglich sehen. Und noch viele gute Filmscores schreiben. Es gibt kein schöneres Erlebnis als ein großes Orchester, das meine Musik spielt. Und wer weiß: vielleicht gibt's auch irgendwann nochmal späten Nachwuchs. Meine Freundin nervt schon. Sie ist 35, wenn Du weißt was ich meine... (Ja, kenne ich auch gut, Anm. d. Red.)

Womit wir auch am Ende unseres Interviews angekommen sind. Möchtest Du noch ein paar Worte an unsere Leser richten?
Nach fast 20 Jahren scheint für Manche die Wiedervereinigung immer noch ein schmerzhafter Prozess zu sein. Ich bin nach wie vor froh, dass sie stattgefunden hat und kann den Zynismus mancher Zeitgenossen nicht verstehen. Berlin ist zwar nicht mehr nur die Subkultur, aber es wird trotzdem immer besser. Alles hat seinen Platz hier. New York ist ein gutes Vorbild. Und nicht vergessen: es waren nicht Helmut Kohl und Ronald Reagan, die die Mauer überwanden, sondern Willy Brandt, Michail Gorbatschow und die DDR Bürger. Das Volk. Dazu nach wie vor: Herzlichen Glückwunsch! Und weiter so. Toi toi toi.

 

Interview: Christian Reder
Fotos: Archiv Reinhold Heil &
Desyl Wood (Frontbild und Bild 9)

 


 

WICHTIG!!! Unbedingt auch noch ansurfen:
- Das "Cosa Rosa"-Rauchzeichen. Interview mit Reinhold aus 2006: HIER KLICKEN
 
 

   
   
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