Scirocco

 

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"Sagen meine Tanten" kennt wohl jeder, der sich mit der Beat-Szene in der DDR auch nur ein bisschen auskennt. Dieser Titel stammt von der Band SCIROCCO. Dass die Gruppe vor dem Erfolg mit diesem Titel aber reichlich Stress mit den Behörden hatte, wußte damals aber kaum jemand. Es war ein langer Kampf für die Musiker um an ihr Ziel, professionell Musik machen zu können, zu gelangen.
Auch heute ist die Gruppe um Volker Thiele noch aktiv. Sogar eine neue CD hat die Kapelle jetzt im Gepäck. Über all das sprachen wir mit Gründungsmitglied Volker Thiele...

 

Hallo Volker, Du hast uns die neue Scirocco CD "Broken Man" mitgebracht. Bitte erzähl uns etwas darüber...
Tja, was soll ich dazu sagen? Wir haben einfach mal wieder Muße gehabt, was Neues zu machen. Es ist auch ein kleines bisschen anders geworden als sonst, denn die neuen Titel sind nicht ganz so tanzbar wie gewohnt. Ich hoffe aber, dass es trotzdem gefallen wird.

Es sind auch Titel auf der CD, die bisher noch gar nicht auf Platte oder CD zu bekommen waren...
Ja, stimmt! Das sind Titel, die für den Rundfunk produziert wurden und dort auch gelaufen sind. Sie hatten aber nicht den großen Erfolg wie andere unserer Titel.

Ich hab sie mir angehört, und die neuen Songs auf dem Album klingen wie am heimischen PC selbst zusammengestellt. Kein Vergleich zum 2002er Album "Noch lang' nicht genug". Live klingen die neuen Titel sicher ganz anders... kraftvoller. Wäre es nicht besser gewesen, ein Live-Album aufzunehmen?
Die CD ist in meinem Heimstudio produziert worden, d.h. auch mit anderer Technik als in einem richtigen Studio. Wahrscheinlich auch mit anderen Vorstellungen, was den Sound betrifft. Live-Mitschnitte sind auch immer so eine Sache... Dafür brauchst Du professionelle Technik. Die Mischung unseres Sounds ist immer so schlecht mitzuschneiden, da hast Du meistens den Gesang weit vorne, und die ganzen Instrumente weit hinten. Du hörst dann die ganzen Feinheiten nicht so deutlich, zumal wir auch mit Echo auf der Bühne arbeiten. Das muss dann hinterher noch mal bearbeitet werden. Das ist alles nicht so einfach.

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Ihr habt im Moment keinen Vertrieb. Ist da was in Planung? Wird es die CD auch bald in den Läden geben?
Wir haben es erstmal so probiert. Wir wollen die CD jetzt erstmal so publik machen und schauen, wie sie läuft und von den Leuten angenommen wird. Wir vertreiben sie erstmal nur über die Internetseite und verkaufen sie bei unseren Konzerten. Sollte ein größerer Zuspruch kommen, dann werden wir auch versuchen, einen Vertrieb zu finden. Das ist ja auch nicht mehr so ganz einfach...

Stell uns doch mal kurz die aktuelle Besetzung der Gruppe Scirocco vor. Wer spielt bei Euch alles mit?
Also, am Bass haben wir den Oliver Poerschmann, am Schlagzeug sitzt der Dietmar "Doc" Ahrens, an der Leadgitarre ist der Haymo Doerk und dann haben wir noch einen zweiten Gitarristen, den wir aber nur zu größeren Konzerten mitnehmen, das ist der Rene Kricke. Und ich bin der Volker Thiele (lächelt). Das ist die aktuelle Besetzung von Scirocco.

Euer Tournee-Plan für dieses Jahr ist ja beeindruckend lang. Was erwartet den Besucher Eurer Konzerte, wenn er sich ein Ticket von Scirocco kauft?
Auf jeden Fall unsere alten Band-Klassiker, die besten aus den ganzen Jahren. Dann wollen wir auch versuchen, die ganzen neuen Songs mit in unser Programm einzubauen. Und da erwarten wir hinterher, nach den Konzerten, wenn wir uns mit den Leuten noch ein bisschen unterhalten, ein Feedback, also was sie gut und was sie nicht gut fanden. Und mit diesen Anregungen versuchen wir dann, weiter zu arbeiten.

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Ihr arbeitet also eng mit den Fans zusammen, was Eure Musik betrifft?
Ja, das muss sein. Distanz ist nicht das Wahre!

Hat sich bei Euren Konzerten im Vergleich zu früher viel getan? Wo liegen die Unterschiede zwischen 2008 und den 70ern?
Bei den Konzerten in den 70er Jahren war noch bei weitem nicht so viel Konkurrenz da wie heute. Da gab es diese vielen Veranstaltungs- und Musikangebote noch nicht. Da gab es Beat-Musik, und die Leute sind gekommen. Heute ist alles geteilt, und Du hast sehr viel Konkurrenz... es ist schwer das heute einzutakten. Heute als Musiker zu arbeiten ist viel, viel schwerer als früher.

Du selbst hast in den 60ern bereits angefangen, in Bands Musik zu machen. Die Gruppe "Crazies" wurde von Dir gegründet und vom Staat gleich wieder verboten. Was war da los?
Wenn die Leute früher mit irgendwas nicht einverstanden waren, hat man immer nach irgendwas gesucht. Wenn einem z.B. ein Song nicht gefallen hat, dann wurde gleich eine Eingabe geschrieben, und wir mussten uns hinterher rechtfertigen. So etwas hat früher schon ausgereicht, um eine Band zu verbieten. Das war für die der einfachste Weg...

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Und wie ging es dann weiter?
Dann wurde man zur Abteilung Kultur im Rat des Kreises, so hieß es damals, eingeladen, und man bekam die ganzen Anschuldigungen, was wem nicht gefallen hat und nicht sozialistisch war, zu hören. Aber wir wollten ja eigentlich nur Musik machen. Wir haben das gespielt, was den Jugendlichen gefallen hat, und was uns selber auch gefallen hat. Und das wurde eben von den älteren nicht so gut geheißen. Wir haben deswegen immer eine Weile aussetzen müssen, d.h. wir wurden ein halbes Jahr oder manchmal auch ein Jahr verboten. Der Zusammenhalt war aber trotzdem immer noch da, und wir wollten auch weitermachen. Also haben wir uns dann einen anderen Namen für die Band gesucht. Mit diesem anderen Namen sind wir dann vor dem Ausschuss wieder aufgetreten, wurden neu eingestuft und dann zugelassen. Da saßen im Saal dann immer ca. acht Personen von der Abteilung Kultur, wir mussten vorspielen, und dann wurde gesagt: "Jawoll, in Ordnung. Das Programm ist genehmigt.", und wir wurden wieder auf die Leute losgelassen und durften wieder spielen.

Der Staat DDR hat also extrem in Deine künstlerische Freiheit eingegriffen. Kam man manchmal an einen Punkt wo man gesagt hat: "Ich kann nicht mehr!", oder wurde man durch so was nur noch stärker in seinem Willen, es denen zu zeigen?
Das zweite! Wir wurden durch solche Dinge immer stärker. Sonst hätte ich auch nicht so lange durchgehalten. Sowas gibt es ja jetzt auch noch, aber nicht in dem Maße wie früher. Man war damals auch noch jünger und hat mit den Jugendlichen mitgefühlt. Man wollte unbedingt das darbieten, was man im Fernsehen gesehen hat. Im Osten war ja nur die Sendung "Notenbank" aktuell, aber im Westen gab es den Beatclub und so. Da hat man mitgefühlt und mitgefiebert, und das wollte man hier auch wiedergeben.

Im Jahre 1970 wurde dann Scirocco gegründet. Wer gehörte zur Ursprungsbesetzung und wie ist die Band entstanden?
Zuerst waren da die "Crazies", dann kamen die "Tornados" und zuletzt die "Hoermens". Unter dem Namen "Hoermens" wurden wir auf Lebenszeit verboten. Das war auch wieder so eine Sache von staatlicher Seite, wo wir uns natürlich nicht schuldig fühlten. Wir mussten dann ein Jahr Pause machen, weil uns sämtliche staatlichen Spielerlaubnisse weggenommen worden sind. Ein guter Freund von mir hatte die Band Joko-Dev-Sextett und sagte mir, ich solle mal das Fernsehen einschalten, er sei an dem und dem Tag im Fernsehen in der Sendung "Notenbank" zu sehen. Durch die Redaktion wurde in der Sendung dann dazu aufgerufen, Titel einzuschicken. Wenn die für die damaligen Verhältnisse gut gewesen wären, würden sie die Bands einladen und mit denen Titel produzieren. Da habe ich mir überlegt: "Mensch, das wäre doch noch einmal eine Chance, wieder aktuell zu werden.". Daraufhin haben wir bei uns zu Hause im Studio drei Titel aufgenommen und haben die dann dahin geschickt. Wir wurden tatsächlich eingeladen! Die Regina Scheer hat dann zu einem Titel den Text geschrieben, und schon war "Sagen meine Tanten" fertig. Wir waren dann plötzlich aktuell, haben die Sendung "Notenbank" in Neubrandenburg gemacht und waren in den Fernsehzeitungen unter dem alten Namen "Hoermens" angekündigt. Und das, obwohl wir zu diesem Zeitpunkt noch immer verboten waren. Das war natürlich ein Kuriosum.
Hier kam dann plötzlich die Polizei, die Kripo, die Parteileitung und wer 1975 20130303 1714852366nicht sonst noch alles... Die wollten diesen Auftritt verbieten. Die Sendung lief aber trotzdem! Das Dank des Kulturministeriums, die damals den Titel "Sagen meine Tanten" hörten, und meinten: "Was wollt Ihr denn? Die Gruppe ist doch jugendgemäß und frisch, und der Titel ist schön.". Das hat uns dazu verholfen, doch weiter musizieren zu können. Wir hatten zwischenzeitlich alle unseren Berufsausweis gemacht, und in der Musikschule Friedrichshain studiert.
Die damalige Besetzung war an der Orgel Werner Dietz, der damals aber bereits Medizin studiert hatte um Arzt zu werden. Er ist leider schon verstorben. Am Bass war Michael Gebhardt, der inzwischen auch nicht mehr aktiv ist, Werner Kostycki am Schlagzeug, der inzwischen auch schon verstorben ist, Hendryk Wendt an der Gitarre, und ich, als einziger der heute noch von der ursprünglichen Besetzung übrig geblieben ist.

Stimmt es, dass Scirocco neben den Puhdys die erste Rockband war, die je im DDR-Fernsehen aufgetreten ist?
Ja, das stimmt!

Im Jahre 1971 gelang Euch dann der Hit, mit dem Ihr heute noch immer sofort erkannt werdet: "…sagen meine Tanten". Wie ist der Titel entstanden?
Durch die ganzen Beatclub-Sendungen im Fernsehen haben wir immer versucht, auch mal was Eigenes zu machen. Wir haben uns dann so eine Passage erarbeitet, die uns auch ganz gut gefallen hat, und zu der wir einen anderen, englischen Text hatten. Diesen Titel haben wir mit zwei anderen bei der vorhin erwähnten Fernsehsendung eingeschickt. Der hat denen sofort gefallen, und Regina Scheer hat sofort gesagt: "Den Text dazu mache ich." Das alles hat uns sehr geholfen, und egal wo wir heute noch spielen, sagen die Leute immer noch: "Spielt doch mal den Titel von den Tanten."...

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Trotzdem der Song so beliebt war, hat er es zu dieser Zeit nicht auf eine Single, geschweige denn ein Album gebracht. Warum gab es von Scirocco zu DDR-Zeiten keine LP?
Tja, das ist eine gute Frage. Es waren genug Titel vorhanden, und ein Album war auch schon in Vorbereitung. Aber am Ende fehlten uns wohl einfach die Beziehungen.

Also lag es ausschließlich daran?
Ja, nur...!

Gab es mit Scirocco im Laufe der Zeit ähnliche Probleme mit dem Staat wie vorher unter den anderen Bandnamen?
Von da an lief alles in geordneten Bahnen. Wir hatten keine Schwierigkeiten mehr. D.h., einmal hatten wir noch Probleme, da durften wir nicht mehr ins Grenzgebiet reisen. Das war die Folge dessen, dass unser Schlagzeuger, Dietmar Ahrens, einen Ausreiseantrag gestellt hatte, was wir aber nicht wussten, und was er uns auch verheimlicht hatte. Wahrscheinlich wollte er uns das nicht sagen, weil er Angst hatte, wir würden uns dann von ihm trennen müssen, weil wir damals ja auch Gastspiele in Rumänien, in der CSSR und der Sowjetunion hatten. Da hätten sie uns dann wahrscheinlich gar nicht mehr hingelassen. Der Antrag lief zu dem Zeitpunkt noch.

Ende der 70er habt Ihr eine Amiga-Single mit Coverversionen der Gruppe SMOKIE veröffentlicht. Welche Idee steckte dahinter und wie kam es dazu?
Auf die Idee ist der Volkmar Andrä gekommen. Aus welchen Gründen die Amiga damals die Gruppe Smokie nicht selbst eingekauft haben, kann ich nicht sagen. Aber es war zu der Zeit hier so eine Welle, dass man internationale Hits gecovert hat, also verschiedene Songs, die gut liefen. Die Amiga kam dann auf uns zu und meinten: "Mensch, Ihr habt doch so ähnliche Stimmen wie die Jungs von Smokie. Könnt Ihr das da nicht mal für uns einspielen?". Wir haben dann zugesagt. Die Texte mussten wir uns noch selbst besorgen, weil sie die noch nicht einmal vorrätig hatten und uns nicht stellen konnten. Also sind wir zur Amiga hingefahren, haben die Sachen eingespielt und das war für uns gut. Das war die erste Single, die wir auf Englisch singen durften. Das gab es vorher überhaupt nicht.

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Wie wurde die Platte von den Fans angenommen? Wollte man nicht lieber das Original haben?
(lacht) Du, die Platte war ausverkauft! Das isses ja...

Es war zu lesen, dass Ihr Euch als Reisekader beworben habt. Eine Zulassung hat es für das NSW (nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet) nicht gegeben. Woran lag's?
Das weiß nur die Staatssicherheit!

Also habt Ihr selbst nicht gewusst warum?
Nein! Das war damals auch immer so eine Sache... Die Künstleragentur und das Komitee für Unterhaltungskunst hat immer gesagt: "Die sollen erstmal die Puhdys und die anderen Bands, die gerade im Reisekader sind, einkaufen und richtig einsetzen. Danach können sich dann neue Bands bewerben."

In den 80ern seid Ihr mehr durch Live-Konzerte als mit Veröffentlichungen aufgefallen. Welche Eindrücke hast Du von Euren Konzertreisen mitgebracht?
Wir haben mit der ungarischen Band KARTHAGO eine ausgedehnte Ungarn-Tournee gespielt, die sehr gut gelaufen ist. Wir hatten in Brynn in der Tschechoslowakei ein riesengroßes Konzert in der Eissporthalle gehabt. Wir waren acht Wochen lang in Rumänien unterwegs, und acht Wochen ist eine lange Zeit. Wir haben von überall nur die besten Eindrücke mitgebracht.
Gerade in Rumänien mussten wir uns ganz schön umstellen, denn die Hierarchie in Rumänien war eine ganz andere und nicht vergleichbar mit der in der DDR. Da war ein "Chef" was ganz, ganz hohes... Das haben wir hier so nicht kennen gelernt. Aber nach einer gewissen Zeit hat man sich da schon eingelebt, und man wusste genau, wie man sich zu bewegen hatte. Die musikalischen Eindrücke, die wir sammeln konnten, waren überaus positiv. Wir haben überall Zuspruch erfahren und können nicht schlecht über diese Zeit sprechen.

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Wie hat die Gruppe Scirocco die Wendezeit erlebt?
Erstmal euphorisch (lacht)! Dann haben wir gemerkt: "Halt! Jetzt läuft ja gar nüscht mehr!" Kein Saal mehr da, kein Kulturhaus mehr da, keine Auftrittsmöglichkeiten mehr da... alles war in Privatbesitz übergegangen und ganz schlimm für uns Künstler. Wir haben weitergemacht, aber nicht mehr sehr oft spielen können. Weniger Auftritte, manchmal in kleiner Besetzung. Aber wir haben durchgehalten und später dann mit internationalen Bands gemeinsam gespielt. Wir haben auch eigene Konzerte organisiert, z.B. bei mir zu Hause in Sperenberg.

Es ging das Gerücht um, dass sich die Gruppe Scirocco nach der Wende aufgelöst hatte...
Nein, das ist nicht der Fall. Wir waren also nie auseinander! Aber in der Zeit, wo die Auftritte weniger wurden, hat jeder erstmal versucht, auch durch irgendwelche andere Sachen Geld zu verdienen. Ich habe z.B. für meinen Schwiegervater Heizöl ausgefahren. Wir sind nicht auseinander gegangen, wir hatten nur keine Auftrittsmöglichkeiten zu der Zeit. Die Leute haben erstmal abgewartet und wollten die Bands aus der westlichen Welt sehen und hören. Irgendwann, so 1993 oder 1994, haben sie dann gemerkt, dass das auch nichts anderes ist als das, was sie von hier kannten. Ab da ging es für uns dann auch wieder richtig los.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Band wieder einige Wechsel an den Instrumenten hinter sich. Wer gehörte damals zur Besetzung?
1994 gehörten Hendryk Wendt und Dietmar Ahrens dazu. Dietmar ist nach der Wende wieder eingereist, stieß dann wieder zu uns und konnte sich mit uns auch wieder vereinen (lacht). Außerdem war Rene Kricke noch mit dabei. Die anderen waren inzwischen nicht mehr mit in der Band.

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Ihr habt dann desöfteren auf Festivals z.B. mit SWEET und THE HOLLIES gemeinsam gespielt. Habt Ihr noch Kontakt zu diesen Gruppen? Welche Erinnerungen hast Du an diese gemeinsamen Konzerte?
Ja! Ich habe an diese Zeit auch sehr gute Erinnerungen. Wir haben uns sehr gut verstanden. Musiker verstehen sich untereinander sowieso gut. Hinterher gab es dann immer noch Diskussionen und Gedankenaustausch, es wurde gefachsimpelt, jeder hatte auch Erinnerungen aus früheren Zeiten. Wir sogar noch mehr als die anderen Bands, denn für uns war es wirklich etwas Besonderes mit denen gemeinsam auf einer Bühne spielen zu können. Wir haben sie früher jahrelang nachgespielt, und plötzlich steht man mit diesen Gruppen gemeinsam auf der Bühne. Das war schon was. Wir haben dort unser Programm gespielt, was genauso gut - vielleicht nicht ganz so gut - beim Publikum angekommen ist, wie das der anderen Bands. Wir bekamen für unser Spiel auch eine Menge Applaus. Das hat uns gefreut.

Knapp 30 Jahre nach dem Erfolg von "...sagen meine Tanten" habt Ihr das erste komplette Album veröffentlicht. Es trägt den Titel "Noch lang' nicht vorbei". Wie kam es dazu, diese CD veröffentlichen zu können?
Wahrscheinlich wäre die ganze Sache mit Scirocco viel erfolgreicher gewesen, wenn wir einen Manager gehabt hätten, der uns richtig geführt hätte. Wir waren all die Jahre immer auf uns selbst angewiesen... Heute das, morgen das. Vielleicht lag es auch daran, dass es manchmal einfach stagnierte. Im Jahre 2001 haben wir jemanden aus Berlin kennen gelernt, der sich bei uns als jemand vorgestellt hat, der schon mit den Rolling Stones zusammengearbeitet hat. Der kannte auch alles... Namen, Daten, usw... das war Wahnsinn. Wir haben uns diesem Mann anvertraut, und er hat uns erst auf die Idee gebracht. Er meinte: "Ihr müsst jetzt unbedingt eine CD aufnehmen". Wir haben seine Ratschläge und Hinweise auch alle befolgt, ohne zu wissen, dass das eigentlich ein Hochstapler war. Der hat in seiner eigenen Welt gelebt. Da kann ich zum Beispiel eine Begebenheit erzählen, da sind wir nach Wien oder in die Tschechische Republik mit richtigen Verträgen in der Tasche zu Auftritten gefahren. Die Verträge haben wir auch gesehen, richtig professionell. Aber da gab es gar keine Auftritte für Scirocco. Wir sind dort angekommen und er hat irgendwelche Sachen erzählt, warum das dann doch nichts wurde. Er war auch immer dabei und auch schockiert darüber, dass die Konzerte nicht stattfanden. Er hat uns aber auch darauf gebracht, dass wir eine CD mit Manne Pokrandt, dem Bassisten von Engerling, der auch eine zeitlang bei uns gespielt hat, produziert haben, die wir dann über Buschfunk selbst vertrieben haben. Dieser dubiose "Manager" hatte diese CD auch über eine Berliner Firma in Auftrag gegeben. Die CD war schon in der Produktion, wurde aber nie bezahlt. Auch nicht von der Firma, weil die davon gar nichts wusste. Als wir die CD dann veröffentlicht haben, ist der völlig abgetaucht. Der war plötzlich einfach nicht mehr da. Weg war er! Kurze Zeit später stellte sich heraus, dass er dann bei den Sputniks wieder aufgetaucht ist. Der Chef der Band rief irgendwann mal bei uns an und sagte: "Wir haben einen wunderbaren Manager kennen gelernt..." Ich fragte dann: "Ist das der und der?", und siehe da, es war unser "Manager". Ich hab den Kollegen nur geraten, die Finger davon zu lassen. Das war von uns ein hilfreicher Wink, denn sonst wären die vielleicht auch reingerasselt.

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Das ist ja kurios...
Ja, das war sehr kurios, aber trotzdem hat er uns viele Tipps gegeben. Die CD wäre sonst gar nicht produziert worden.

Hatte das einem Hochstapler auf den Leim gehen ja doch was Gutes...
(lacht) Ja, das hatte doch was Gutes, genau!

Ihr habt in all den Jahren Eures Bestehens ständige Wechsel innerhalb der Band gehabt. Nur Du und Hendryk Wendt waren ständig dabei. Im Jahre 2005 hat Hendryk Wendt die Band dann verlassen. Was war los, und was macht er heute?
Hendryk hatte einen schweren Unfall und ist heute Invalide. Er konnte diese ganze schwere Arbeit nicht mehr machen. Musik ist ja nicht nur "auf die Bühne gehen und spielen", sondern noch eine Menge mehr. Wir haben auch Transporte zu machen und viel Bewegung beim Auf- und Abbau. Das ging bei ihm nicht mehr. Deswegen mussten wir uns leider von ihm trennen. Was er heute macht kann ich nicht sagen, ich habe keinen Kontakt mehr zu ihm.

Jetzt, im Jahre 2008, gibt das neue Album und weitere Live-Konzerte. Was liegt bei Euch in der Zukunft an? Gibt es noch Pläne, die man verwirklichen will?
Ja, wir möchten auf jeden Fall noch mal eine gute CD produzieren. Haymo Doerk, unser Gitarrist, schreibt unheimlich viele Songs selbst, z.B. auch für die im ZDF laufende Sendung "WiSo", wo er Titel beisteuert. Mit ihm und Manne Pokrandt möchte ich noch einmal so richtig in Ruhe eine CD produzieren. Das wäre meine Wunschvorstellung was die Zukunft von Scirocco betrifft.

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Also raus aus dem Wohnzimmer, rein ins große Studio?
Ja, genau. In einem großen Studio.

Ich muss auch sagen, dass ich die neuen Songs vom Ansatz her alle wunderbar finde. Nur die Produktion klingt halt unrund...
Die sind halt mit einer kleinen digitalen Maschine aufgenommen. Ich war mehr oder weniger der Produzent. Wenn diese Titel in ein professionelles Studio kommen würden, wäre das sicher nicht schlecht. Aber Du weißt ja, heutzutage ist ein Studio teuer. Man müsste vielleicht mal eine andere Finanzierungsmöglichkeit finden.

Vielleicht ein Sponsor...
Ja, so was müsste man finden. Genau!

Wie stehst Du zu den Begriffen "Ostrock", "Ostmusik" oder "Musikszene Ost"? Gibt es die für Dich noch, oder ist das längst Geschichte?
Das ist für mich schon lange Geschichte! Zu dieser Ostrock-Bewegung haben wir nie dazu gehört und auch nicht dazu gehören wollen. Wir haben immer internationale Musik gemacht, und unsere Lieder und Texte waren auch nie ostrock-mäßig. Wir waren auch nie politisch engagiert und haben auch nie in dieser Richtung gearbeitet.

Wenn man den Plattenschrank von Volker Thiele durchstöbert... was findet man dort für Platten?
Zuerst muss ich Foreigner nennen. Das ist meine Lieblingsband aus den 80ern, an die wir uns damals auch musikalisch ein wenig angelehnt haben - auch live. Dann natürlich die Rolling Stones. Die Beatles nicht mehr...

Ach, nicht?
Die habe ich mir wirklich über gehört. Wunderschöne Songs, aber es ist vorbei! Status Quo finde ich gut. Und nicht zu vergessen: U2.

Interessieren Dich auch junge und neue Bands, oder hast Du dafür kein Ohr mehr?
Nur noch ganz wenig. Fast gar nicht mehr. Ich höre das, und es spricht mich nicht mehr an.

Vielen Dank für die Zeit und die Antworten. Viele Grüße an die Kollegen. Möchtest Du noch ein paar abschließende Worte an unsere Leser richten?
Ich möchte mich für das Interview bedanken! Ich wünsche Euch und Euren Lesern alles Gute und würde mich freuen, wenn wir uns irgendwo bei einem unserer Konzerte mal wieder sehen.

 

Interview: Christian Reder
Bearbeitung: kf, cr
Fotos: Archiv Scirocco

 


   
   
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