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Zum Tod des ungarischen Musikers

Ein Beitrag von Benedek F. Tóth in der deutschen Übersetzung von
Attila Ducsay mit Fotos von Nemzeti Fotótár, Tamás Urbán u.a.



001 20201127 1358060757Ferenc Balázs ist gestorben. Der Komponist, Franz Liszt- und Kossuth-Preisträger, ikonische Gründer, Bandchef und Sänger von Korál wurde 69 Jahre alt.

Als Kinder hingen wir oft neben den schäbigen Wänden des Kulturhauses herum, und das hatte mehrere Gründe. Zum einen mussten wir ja irgendwo sein, zum anderen brachte das Kulturhaus uns die Welt. Nicht das Land, sondern die Welt. Dorthin kamen von Zeit zu Zeit Leute, die den Geruch von Büchern, Theater und Musik verbreiteten.

An einem dieser müden Nachmittage traf Korál ein. Die Männer um Fecó gaben an dem Tag ein Konzert, und obwohl sich in unserm Dorf keiner der Jungs als schwarzes Schaf fühlte (auf dem ersten Korál-Album befindet sich "Schwarzes Schaf"/"Fekete bárány"), war doch die Musik, die die Leute mitbrachten, als würden sie von uns in der Provinzluft aufgewachsenen Jungs singen.

Fecós Jungs kamen, lässig, in Lederjacken, klatschten uns ab, als würden wir uns seit tausend Jahren kennen, und so war es im Wesentlichen auch. Wir wussten alles von ihnen, was die Blätter über sie schrieben; sie verstanden genau, was tief in unseren Seelen wohnte. Jedes ihrer Lieder sprach zu uns, jedes haben wir gelernt, pfiffen es auswendig. Und wenn wir konnten, gingen wir auch als Erwachsene noch zu Fecós wichtigeren Konzerten. Wir saßen sogar in denen, die gerade mal halbvoll waren, und standen in denen, wo man nach vorn zur Bühne gehen musste, um als Menge zu erscheinen. Denn es ist Fakt, sagten viele über Fecó, nach Zorán sei er vielleicht der traurigste ungarische Musiker gewesen, vielleicht gar noch trauriger, aber Fecó war nie traurig, nur, wie er Jahre später in einem Interview erzählte, wollte er immer mit seinen Liedern von etwas erzählen. Es schadet allerdings auch nicht, wenn die musikalischen Fundamente nicht nur irgendwie in die Luft sprießen.

Fecó Balázs wurde am 2. März 1951 in Budapest geboren. Seine Mutter starb früh, er war erst vier, so wohnte er im IX. Bezirk in einem Mietshaus mit Laubengängen bei seiner Großmutter. Seine Liebe zur Musik nährte sich aus dieser Zeit, denn wenn jemand es war, so war er der Junge aus dem Hinterhof.002 20201127 1420376149 An den Wochenenden waren um die Mittagszeit immer viele Wandermusiker dort und spielten populäre Schlager auf ihren Akkordeons und Geigen. Fecó wünschte sich zu Weihnachten ein Akkordeon. Darauf begann er zu spielen, nur so nach Gehör. Er versuchte die Stücke zu kopieren. Als dann eines Tages die Musikanten nicht kamen, vertrat er sie und spielte fürs Haus.

So lernte er auch die Grundlagen des Klavierspiels, denn im Haus wohnte eine Klavierlehrerin, die ihn zu unterrichten begann. Das definierte dann auch die Richtung seiner musikalischen Interessen, schließlich bereitete er sich auf eine klassische Laufbahn vor, zuerst in der Musik-Grundschule am Bakáts-Platz, dann im Konservatorium. Doch auch ihn beeindruckten damals die Beatles so sehr, dass er sich der populären Musik zuwandte. Seine musikalischen Fundamente wurden stark durch Emerson Lake & Palmer und Deep Purple geprägt. Er bekundete immer, sich durch die Rockmusik selbst gefunden zu haben, aber darin spielte auch sein "Chronist und Freund" Attila Horváth eine beträchtliche Rolle. Fecó Balázs gehörte seit 1967 der Gruppe NEOTON an, 1972 gründete er dann mit Lajos Som die erste ungarische Hardrock-Band TAURUS EX-T. Nach zwei Jahren Arbeit im Ausland spielte er in Zsuzsa Koncz' Begleitband, gründete schließlich 1978 Korál.

Auf den Durchbruch von Korál musste indes noch bis 1981 gewartet werden, dabei war schon offensichtlich, wie einzigartig ihre Text- und Musikwelt war. Beim Schlagerfestival spielten sie "Homok a szélben", das damals auch in der Sowjetunion Aufmerksamkeit erregte, viele versuchten im Liedtext nicht vorhandene Bezüge herauszuhören. "Verlange nicht, ich solle dir versprechen, was ich nicht kann / Ich liebe dich und bin bei dir / Aber du weißt gut, dass einst der Tag kommt, / Und nichts wird sein, was mich zurückhalten wird / Weil ich mich noch nirgends beruhigen konnte / Wäre ich nicht frei, könnte ich auch nicht leben."

003 20201127 1967707539Fecó Balázs' Solokarriere begann 1986, daraufhin probierte er sich auf verschieden Terrains aus, so auch dem der Filmmusik. In der Wendezeit wandte er sich mehr und mehr nach innen. Er begann in Sitke mit der Rekonstruktion einer Kapelle, die in fünf Jahren auch durch die in seinen Konzerten eingenommenen Gelder vollendet wurde. In seiner musikalischen Orchestrierungswelt griff er immer öfter auf die klassische Musik zurück. Seine Lieder, auch die populärsten, hatten immer eine Art hymnische Kraft in sich. Die heutige moderne Welt schien ihm schon zu schnell, aber er gehörte zu denen, die jeden zurückrufen und auf Nachrichten möglichst umgehend antworten. Oft betonte er, wie schwer er sich früher seinen Erfolg erarbeiten musste und wieviel leichter man heute, im Internetzeitalter, eine Anhängerschaft erringen konnte, gewiss, auch viel leichter wieder verlieren. Am meisten erzürnte ihn der Werteverlust, oder genauer gesagt, die Möglichkeit zur Verwirklichung auch in Ermangelung von Werten.

Der Verfasser dieser Zeilen, einer der Jungs aus der Provinz, sprach zuletzt beim Ausbruch der Seuche mit ihm über den Lauf der Welt. Fecó erinnerte sich ans Kulturhaus, und daran wie gern er für uns Jungs gespielt hatte. Für 2020 hatte er eine Lebenswerk-Tournee in Ungarn geplant, aber Covid 19 legte sein Veto ein. Am Tisch sitzend sagte er, dass das Leben manchmal doch komische Dinge zustande bringt. Denn hier ist zum Beispiel er, der als Junge so hervorragend Fußball spielte, dass, als in den Sechzigern Ferencváros beim Messestädtepokal Siege anhäufte, er einmal bei einem Fradi-Heimspiel mit der Kindermannschaft auflief. In der fünften Minute fiel er auf seine Hand und brach sich das Handgelenk. Am nächsten Tag wäre seine Klavierprüfung gewesen. Daraufhin musste er sich zwischen Fußball und Klavier entscheiden.

 

Originalartikel am 27. November 2020 auf Index.hu veröffentlicht






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