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Ein Beitrag von Christian Reder & Attila Ducsay mit Fotos
von Zsolt Reviczky, Tamás Urbán, u.a.,  +  Pressematerial



Was ist das bloß für ein Jahr? Die Liste der Musiker, die wir bis jetzt schon verabschieden mussten, ist lang. Viel zu lang. Am Mittwoch mussten wir erst vom Tod des OMEGA-Gründers und Keyboarders László Benkő berichten. Kaum sind die ersten Tränen von Fans und Kollegen halbwegs getrocknet, fließen die Nächsten nach: Gestern (21.11.2020) starb der langjährige OMEGA-Bassist Tamás Mihály.

001 20201122 1646365048„Misi“, wie ihn Freunde und Fans nannten, wurde am 24. September 1947 in Budapest geboren. Er entstammte einer jüdischen Familie, die durch unsere Vorfahren viel Leid ertragen musste. Die Großmutter kam durch die Nazis in Auschwitz ums Leben, sein Vater, András Mihály, überlebte das KZ mit viel Glück. Ihn deportierten die Nazis u.a. in die Lager nach Auschwitz und Buchenwald. Der Vater war später als Professor an der Franz-Liszt Musikakademie in Budapest tätig und musizierte u. a. mit Yehudi Menuhin und George Solti. Tamás‘ Eltern hatten sich auch für den Sohn eine Karriere im Bereich der klassischen Musik gewünscht, aber es kam bekanntlich anders. „Misi“ studierte am Konservatorium Cello und Dirigat, kam in den 60ern aber statt in der Klassik beim Rock und Beat an. Er spielte in den Bands SCAMPOLO und NON-STOP, ehe er 1967 zu OMEGA wechselte, wo er László Harmath am Bass ablöste. „Misi“ war es auch, der Gábor Presser zu OMEGA holte, mit dem er eng befreundet war und den er vom Konservatorium her kannte. Seine erste Komposition, die er bei OMEGA beisteuerte, war das auf dem zweiten Album "10.000 Lépés" zu findende Stück „Spanyolgitár Legenda“ („Die Legende der spanischen Gitarre“). Aber schon vorher übernahm er bei OMEGA – außer dem Bassspiel – wichtige Aufgaben, denn auf dem ersten Album aus dem Jahre 1968, das auf Englisch produziert und unter dem Namen OMEGA RED STAR veröffentlicht wurde, sang er viele Songs selbst. Nach Pressers Ausstieg im Jahre 1971 schrieb „Misi“ neben György Molnár die meisten der OMEGA-Songs, darunter Klassiker wie „Hutlen Barátok“ (1972) und Meisterwerke wie „Suite“ (1974). In den Jahren danach feierte er zusammen mit der Band die großen Erfolge, die auch außerhalb Ungarns nicht lange auf sich warten ließen, spielte alle Platten der Band mit ein und war an den vier dicken Saiten und an der Seite von Mecky, Laci, Elephant“ und „Cici“ nicht wegzudenken.

Im Jahre 1983 veröffentlichte „Misi“ seine erste Soloplatte, auf der er eigene Versionen von Liszt- und Wagner-Kompositionen, von ihm auf dem Synthesizer gespielt, veröffentlichte. Eine weitere Solo-Scheibe folgte erst im Jahre 2011. Sie heißt „Last Minute“, beinhaltet teilweise ursprünglich für OMEGA geschriebene Stücke und entstand gemeinsam mit seinem alten Freund aus Studientagen, Gábor Presser.004 20201122 1028623489 Für die Aufnahmen dieser Platte holte sich Tamás Mihály neben Gábor Presser auch noch die Geigerin und Sängerin Edina Szirtes, die in der Vergangenheit schon viel mit Presser zusammen arbeitete, Charlie Horváth (ex-Generál, ex Tátrai-Band), seine Nachfolgerin am Bass bei OMEGA, Kati Szöllösy (alias Katy Zee) und Zoltán Maróthy (u.a. schon seit Jahren Gitarrist bei Zsuzsa Koncz) mit ins Studio. Bereits fünf Jahre vorher, also 2006, wurde sein Musical „56 csepp vér“ („56 Tropfen Blut“), das den Budapester Volksaufstand von 1956 zum Thema hatte, uraufgeführt. Im gleichen Jahr erschien eine Maxi CD mit vier Liedern aus diesem Musical (Label: Zebra, Katalognummer: 984 431-6), das in Ungarn reichlich Beachtung fand.

Seinen letzten Auftritt als OMEGA-Bassist hatte „Misi“ im Jahre 2014. Dann folgte sein Rückzug. Der Grund war eine schleichende Entfremdung von den Kollegen. Man war oftmals verschiedener Ansichten über die Ausrichtung der Band und die Art und Weise, wie man sich präsentierte. Der endgültige Bruch zwischen ihm und den Kollegen kam im Jahre 2015. Auslöser war der Auftritt bei der Stadioneröffnung in Orbáns Heimatdorf Felcsút, an dem „Misi“ auf gar keinen Fall teilnehmen wollte. Außerdem konnte er sich überhaupt nicht mit den Kirchenkonzerten anfreunden, die OMEGA in den 10er Jahren auch hier in Deutschland gab. Tamás Mihály ging also nicht „im Frieden“ und wandte sich danach eigenen Projekten zu, u.a. dem Poetry Slam-Musical "Ez van" (2014). Außerdem schrieb er ein Buch über die Geschichte der Gruppe OMEGA.

„Misi“ war bei OMEGA immer der ruhige Typ am Bass. Nie laut, nie mit irgendwelchen Ansangen nach vorn preschend. Er wirkte auf viele Fans wie der ruhende Pol in diesem mit voller Energie geladenen Ensemble. Sachlich, aber mit viel Feingefühl verrichtete er bei OMEGA seinen Job, der weit mehr als ein „Beruf“ war.005 20201122 1011354483 So, wie er von der Bühne aus wirkte, ging er auch mit seiner persönlichen Situation um. „Misi“ war irgendwann in den letzten Monaten an Lungenkrebs erkrankt, machte dies aber nie zum Thema und selbst auch nicht bekannt. Abseits der Öffentlichkeit und der Medien ertrug er sein schweres Schicksal nahezu allein und nur mit den Menschen in seinem engen Umfeld. Umso überraschender – vor allen Dingen für die deutschen Fans, die über die ungarische Szene von den hiesigen Medien kaum bis keine Informationen mehr erhalten – starb der „ruhende Pol“ gestern im Alter von nur 73 Jahren an den Folgen seiner schweren Erkrankung. Schwer zu verstehen, dass dieser Musiker nun nicht mehr unter uns weilt. Noch schwerer, dass es die OMEGA-Familie innerhalb weniger Tage so heftig trifft. Gute Reise auch Dir, Tamás Mihály, und DANKE für viele schöne Momente mit Dir und Deiner Musik.

Anmerkung: Am Rande dieser Nachricht erfuhren wir auch davon, dass László Nemes, das Urgestein der ungarischen Roadie-Szene, bereits vor knapp zwei Wochen gestorben ist. "Der Alte", wie man ihn nannte, arbeitete für die Gruppen Hungária, LGT, Skorpió und ab 1975 ca. zehn Jahre lang für OMEGA. Nemes wirkte in Offenbach (im Nachbarstudio bastelte Frank Farian an der Musik für Boney M.) an den Aufnahmen für die Alben „Time Robber“, „Skyrover“ und „Gammapolis“ mit und errichtete zusammen mit Mecky das OMEGA-Studio, zunächst in Meckys Budaer Wohnung, später in Törökbálint.

Was ist das bloß für ein Jahr?






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