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Ein Beitrag von Christian Reder. Fotos: Pressematerial (AMIGA, Puhdys), Verlag Lied der Zeit

 
Wer weiß, ob Harry ohne seine Oma überhaupt Musiker und uns allen so als "H" der PUHDYS bekannt geworden wäre. Seine Eltern fanden es anfangs überhaupt nicht toll, dass sich ihr Sohn für Musik interessierte und Klavier lernen wollte. Seine Oma war es, die ihrem kleinen Enkel, dessen Traum es war, an Weihnachten die passende Musik zum Fest spielen zu können, letztlich ein Akkordeon schenkte und ihn heimlich bei ihr darauf üben ließ.001 20200821 1980692893 Zu Weihnachten hatte er dann ein Lied gelernt und trug es vor. Davon gerührt und mit Tränen in den Augen erlaubte ihm die Mutter nun doch, sich mit dem Instrument und der Musik weiter beschäftigen zu dürfen. Gut für ihn und gut für die Fans der PUHDYS, deren Lieblings-Gruppe sich sonst möglicherweise PUDDYS, PURDYS oder PAUDYS hätten nennen müssen, je nachdem wie der andere Bassist dann mit Vornamen geheißen hätte ...

Über das Saxophon und die Klarinette, an der sich Harry auch ausprobierte, landete er schließlich beim Bass, und das eher durch Zufall. Der Instrumentenwechsel geschah während der Zeit, in der er bei seiner ersten Gruppe KARO-AS spielte. Ein Musiker einer anderen Band sprach ihn an, ob er nicht für den erkrankten Bassisten bei ihnen einspringen könne. Auf Harrys Einwand, er habe noch nie einen Bass in der Hand gehabt, meinte der Kollege nur, dass das nicht schlimm sei. Er solle einfach ein bisschen Show machen, der Rest liefe dann von selbst. Und so lief es auch, ohne dass Harry das von ihm gespielte Instrument beherrschte. Trotzdem blieb er am Bass "kleben" und übernahm ihn auch bei KARO-AS. Ein halbes Jahr später holte ihn dann Peter Meyer zur Uwe-Wendel-Combo. Neben Tanzveranstaltungen, die bis zu 12 Stunden gingen, drückte Harry für drei Jahre nochmals die harte Bank der Musikschule Berlin, um seine rudimentären Kenntnisse an der Bassgitarre zu erweitern und sein Spiel zu verfeinern. In der Spezialklasse für Tanzmusik traf er auch Peter Meyer wieder. Außerdem noch Maschine, Gunter Wosylus und Quaster. Was dann geschah wissen wir ja alle … wie schon gesagt: Er wurde nicht nur das "H" der PUHDYS, sondern war mit Meyer zusammen Gründer der Band, die später zu einer der bekanntesten deutschen Rockbands werden sollte.

Aufgrund des späten Einstiegs am Bass war Harry nie ein richtig guter Bassist, um den andere Kapellen die PUHDYS beneidet haben. Auf manch einer Platte ist er als Bassist gar nicht zu hören, denn seinen Part bei der Plattenproduktion im Studio übernahm damals einfach Maschine. Harry war aber der Organisator und erste Manager und war so maßgeblich an den Erfolgen der PUHDYS beteiligt. Statt auf, zog er die Fäden hinter, neben und abseits der Bühne, während er sie oben zupfte. Und dieses Organisationstalent beschränkte sich nicht nur auf den musikalischen Bereich. Ging auf einer Konzertreise im Westen der Band-Lastwagen kaputt, setzte sich Harry in den Zug. Er fuhr zurück in die DDR, organisierte das benötigte Ersatzteil und fuhr anschließend wieder retour in die BRD, wo der Rest der Band auf die Weiterreise wartete. Auch für die Beschaffung des Instrumentariums war Harry zuständig. Dass die Band so klang, wie sie damals klang, war ihm zu verdanken. Die Band spielte auf erstklassigen Instrumenten und verstärkte diese mit nicht weniger erstklassigen Anlagen und Boxen. Über dieses "Talent", eine Musikband in der DDR dermaßen gut voran bringen zu können, rümpfte der eine oder andere Kollege die Nase, denn nichts von dem, was Harry manchmal auf Umwegen hinbekam, war selbstverständlich oder gar auch für andere Musikerkollegen in der Form möglich.002 20200821 1911321031 Um diese Dinge rankten sich deshalb Geschichten, Gerüchte und auch böse Behauptungen. Manch einer spricht heute noch von der Staatskapelle oder der linientreuen Systemband, weil für sie dank seiner Bemühungen vieles reibungslos und problemlos ablief, während andere Kapellen schwer zu kämpfen hatten.

Tiefe Spuren hinterließ er aber nicht nur in den Geschäftsbüchern der Berliner Band, sondern auch in den Diskographien seiner PUHDYS und anderer Interpreten. Mit "Lied für Generationen" schrieb er einen der großen Hits und sich selbst zum 50. mit "Halbzeit" seine eigene Hymne. In den 80ern und 90ern zückte er den Stift auch für Kollegen und schrieb Noten zu Liedern für Tina Daute ("Urlaub auf dem Meeresgrund", "Taktgefühl"), Petra Zieger ("Tanz im Fieber der Nacht", "Rock'n'Roll Show"), Kirsten Künert alias Kirsten & Gruppe S-L-J ("Eh die Träume sterben"), Ralf Schmidt alias IC ("Prinz Motorik"), Ralf Bursy ("Ein Lied") oder Hans die Geige ("Irish Eyes", "Wenn ich Dein T-Shirt wär"). Nur ganz selten griff er mal selbst zum Mikro, wie beim schon erwähnten Song "Halbzeit" oder der Dynamo Dresden-Hymne "Einer geht noch rein". Wer nach Harry und seiner Arbeit sucht, wird auch fündig ...

Zu seinem Abschied bei den PUHDYS im Jahre 1997 sagte er trotzig "… und tschüss", und brachte unter diesem Titel sein erstes Solo-Album auf den Markt. Auch das war Harry Jeske, der im Gehen noch etwas da ließ. Nicht zuletzt auch wegen der großen Entfernung zwischen seiner alten Heimat Deutschland und der neuen Heimat Philippinen, in die er der Liebe wegen zog, wurde es ruhiger um Harry. Er machte kurz in Möbel, kam zu Stippvisiten hierher zurück und trat dann gelegentlich auch mal auf, aber die großen Auftritte und neue Musik aus seiner Feder blieben aus. Nachrichten über ihn kamen zuletzt nur noch dann, wenn es um seine Gesundheit ging.003 20200821 1725102580 Weil diese nicht mehr die beste war, zog er auch vor ein paar Jahren wieder hierher zurück nach Deutschland. In Wismar ließen er und seine Frau sich nieder, wo die Boulevard-Presse dann auch schnell heraus fand, dass Harry inzwischen auf Pflege angewiesen war. Fraglich, ob das die Menschen wirklich zu interessieren hatte.

Im vergangenen November trat Harry zum letzten Mal öffentlich auf, als er den Feierlichkeiten zum 50. Bestehen seiner PUHDYS in der Rostocker Stadthalle beiwohnte. Im Rollstuhl saß er vor der Bühne, während auf der Bühne "gefeiert" wurde. Trotz stehender Ovationen für den Band-Gründer und langjährigen Bassisten, wirkte die komplette Situation genauso seltsam, wie die Feier an sich, die im kleinen Rahmen und ohne Klaus Scharfschwerdt und Maschine über die Bühne ging. Und auch ohne ein Wort von Harry selbst, der wohl keine Kraft für eine eigene kleine Ansprache mehr hatte. Ob dieser Auftritt wirklich nötig war, und ob Harry das so selbst gewollt hat? Er kann es uns nicht mehr sagen ...

Am gestrigen Donnerstag (20.8.) ist Harry im Alter von 82 Jahren friedlich eingeschlafen. Bei ihm war seine Frau Erma. Die zweite "Halbzeit" hat er somit nicht zu Ende bringen können und das Feld vor der 100 verlassen müssen. Die letzten 18 Jahre hätten wir ihm wohl alle noch gegönnt, aber der Körper hat nicht mehr mitgemacht. Wir sagen DANKE Harry, für die Idee zu einer Band, die den Leuten fast 50 Jahre Spaß gebracht hat und DANKE Harry für die Musik, die Du im Lauf der Jahre erschaffen hast. Grüß Deine Oma, die Du jetzt sicher wiedertreffen wirst und sag ihr von uns allen auch ein DANKE, dass sie dafür gesorgt hat, dass wir Dich als Musiker kennenlernen durften!






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