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Ein Beitrag von Christian Reder. Fotos: Pressematerial (Künstler, CBS, Ariola))

 

001 20200819 1901499977Manchmal wünscht man sich, dass man als Teenager pfleglicher mit seinen Sachen umgegangen wäre. Ich war mal stolzer Besitzer eines Tour-Plakats der ACE CATS. Es war ein DIN A1 formatiges Plakat mit dem Covermotiv der "Katzen tanzen durch die Nacht"-LP darauf (siehe Abbildung links). Das hatte ich mir selbst bei einem Konzert im Januar 1984 besorgt und am Ende von den Musikern signieren lassen. Lange hing es in meinem Zimmer, später dann in meiner ersten Bude und irgendwann war es vom vielen Umhängen und Sonnenlicht so "ranzig", dass man es abnahm und mit dem Altpapier entsorgte. Schön blöd, oder? Eigentlich hätte das Teil hinter Glas gehört oder wenigstens lichtgeschützt und für die Ewigkeit konserviert gelagert werden müssen. Aber erzähl das mal einem 13-jährigen …
 
Auch wenn dieses Plakat nicht mehr da ist, so erinnere ich mich noch gut an diesen Abend, als ich es mir kaufte. Auch daran, wie Markus Fräger, der Sänger der ACE CATS, nach dem Auftritt seinen Namen auf das Plakat setzte. Ich war von ihm und seiner Performance noch richtig geflasht und als junger Bengel von der ganzen Situation komplett beeindruckt. Gestern sah ich den Sänger noch im Fernsehen und einen Tag später steht er live vor mir auf der Bühne. Und damit nicht genug … nach der Mugge steht er auch noch direkt neben mir und signiert mein Plakat. Klingt wie pubertäres Fan-Geplapper, mag sein, aber damals war das ein Highlight des Jahres für mich. Und das Jahr hatte gerade erst begonnen.
 
Markus war an diesem Abend überaus freundlich zu meinem Kumpel, mit dem ich bei dem Konzert war, und mir. Er fand es klasse, dass er mit seiner Band und der Retro-Musik auch Kids wie uns erreichen konnte. Er erkundigte sich, ob wir allein dort beim Konzert gewesen sind, und als ich ihm sagte, dass uns gleich ein Elternteil abholen würde, 002 20200819 1655624600zeigte er sich beruhigt. Wir waren ja noch "Blagen" und es war schon spät am Abend. Wieder zu Hause angekommen landete das erwähnte Plakat erstmal an der Wand und im Bett wurde die Kassette, die ich mir ebenfalls auf dem Konzert kaufte, über Kopfhörer angehört. Am anderen Morgen war zwar Schule, aber wen juckt das, wenn man den Kopf noch so voller Eindrücke und das Ohr so voller Musik hat? Mich damals jedenfalls nicht. Meinem Kumpel ging es wohl genauso und so saßen wir am anderen Tag wie zwei Zombies in der Schulbank. Aber glücklich und beseelt von dem, was uns tags zuvor wiederfahren war.
 
Nun ist das 36 Jahre her und die ACE CATS sind schon längst Geschichte. Markus Fräger selbst stieg dort Mitte der 80er aus, als ihm das Konzept zu schlagerlastig wurde. Er war Fan vom Rock'n'Roll, hatte das Lebensgefühl der 50er und 60er in sich aufgesogen, und das vertrug sich nicht mit dem, was den Kollegen für die Zukunft der Kapelle vorschwebte. Seine Ideen, was man mit der Musik dieser Zeit machen und wie man sie in die 90er transportieren könnte, ließ er die Welt dann unter dem Namen KREISLER wissen, als er 1990 mit "Hooked On Love" sein Solo-Album veröffentlichte.
 
003 20200819 1924588568Im vergangenen Herbst trafen Markus und ich uns für ein Interview. Inzwischen war Bandkollege Thomas Szalaga bereits verstorben und sein Bruder Luitger, der Bassist der ACE CATS, hatte 14 Jahre zuvor einen schweren Verkehrsunfall nicht überlebt. Markus hatte also so einiges mitgemacht und schmerzhafte Verluste erleben müssen. Auch gesundheitlich ging es ihm nicht gut. Die positive Ausstrahlung und das Leuchten in den Augen, die mir damals in den 80ern besonders bei ihm auffielen, waren irgendwie nicht mehr da. Trotzdem war es ein sehr angenehmes Gespräch mit einem Mann, der für die Kunst lebte, und dem man diese Einstellung auch anmerkte. Markus war nicht nur Sänger, sondern malte auch ausgesprochen gut. Das mit der Musik als Beruf lief irgendwann nicht mehr wie gewünscht, vermutlich kam er mit seiner Art des Rock'n'Roll einfach zu einer falschen Zeit, und sie wollte sich mit all dem damals schwer angesagten Techno und US-Soul nicht richtig vertragen. Was das Malen betrifft, so war er da schon immer aktiv. Nur nach der Musik betrieb er dies dann professionell. Zahlreiche Bilder entstanden in all den Jahren und diverse Häuser stellen seine Gemälde in Vernissagen aus. Zuletzt wandte er sich auch wieder intensiver der Musik zu, hatte mit der Markus Fräger Band sogar wieder eine eigene Kapelle auf die Beine gestellt. Aber mehr aus Spaß und nicht mehr mit professionellen Ambitionen.
 
Musik gehörte eben auch zu seinem Leben und der Rock'n'Roll ja sowieso. Am Rande des Interviews schmiedeten wir den Plan, mit seiner neuen Band ein Konzert in unserer Reihe "Deutsche Mugge live …" in Castrop-Rauxel zu veranstalten. Es sollten seine neuen Lieder präsentiert werden, aber wir wollten auch die alten Hits der ACE CATS wieder auf die Bühne bringen. "Lass uns da konkret im neuen Jahr drüber sprechen. Dann können wir auch sehen, wie es mit bis dahin gesundheitlich geht", sagte er am Ende des Gesprächs und wir verschoben alle weiteren Gedanken zu unserem Vorhaben in die nahe Zukunft.
 
004 20200819 1549211323Im Januar hatte Markus eine Vernissage in Berlin, bei der einige seiner Bilder ausgestellt wurden. Das Bild rechts zeigt ihn mit Frau, Tocher und Neffen bei eben dieser Ausstellung. Einen Tag nach der Eröffnung dieser Vernissage erhielt er von seinem Arzt die Ergebnisse seiner Untersuchung, die er aufgrund anhaltender Probleme hatte durchführen lassen. Die niederschmetternde Diagnose war, dass er an Leberkrebs erkrankt war und der bereits gestreut hatte. Ihn ereilte also das gleiche Schicksal wie sein Kumpel Thomas Szalaga. Trotz der schlechten Voraussetzungen und ungünstigen Vorzeichen nahm Markus den Kampf gegen den ungebetenen Gast auf. Dieser Kampf dauerte sechs Monate und kostete ihn all seine Kraft. Das letzte bisschen davon ging ihm gestern aus. Er erlag im Alter von nur 61 Jahren den Folgen seiner schweren Erkrankung. Markus Fräger hinterlässt eine Frau und drei Töchter.
 
Heute musste ich wieder an dieses Plakat denken, das es vielleicht noch geben würde, hätte ich besser darauf Acht gegeben. Schon komisch, was einem in solchen Momenten als erstes durch den Kopf geht. Was ich im Gegensatz zu diesem Plakat aber immer pfleglich behandelt habe, sind meine Erinnerungen. Auch die an Markus und die Begegnungen mit ihm. Er war einer der Helden meiner frühen Musikliebhaberei und mit seinen Kollegen die erste Band, die ich je live erlebt habe. Die Nachricht von seinem viel zu frühen Tod kam gestern überraschend und traf mich auf dem falschen Fuß. Aber welcher Fuß ist schon der richtige, wenn so eine Mitteilung kommt? Meine Gedanken sind bei seiner Familie, die mir ob dieses großen Verlustes sehr leid tut. Ich kann diese Situation sehr gut nachvollziehen, denn sie ist mir nicht unbekannt. Von den ACE CATS gibt es jetzt nur noch Schlagzeuger Christian und die Sängerinnen Anne und Petra. Da scheint wohl ein Fluch über dieser Band zu liegen, denn keiner von den Jungs war und ist in einem Alter, in dem man schon gehen sollte. Markus, Thomas, Luitger und Tina können sich "da oben"! jetzt wieder zusammentun und schonmal für die Zeit proben, wenn wir anderen uns irgendwann wieder vor ihre Bühne stellen können. Bis dahin halten wir hier unten die Stellung, halten uns mit den Platten "stundenlang im Fieber" und erzählen den Menschen von den ACE CATS und Markus Fräger, dem vielseitigen Künstler, der sowohl mit seiner Stimme als auch mit seinem Pinsel gleichermaßen die Seelen anfassen konnte.

P.S.: Vielen Dank, Janosch, für Deinen Anruf und das Gespräch!






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