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Ein Beitrag von Christian Reder (Fotos: Pressematerial)



001 20200324 1236845464Irgendwann verliert jede musikalische Bewegung seine Pioniere und da macht der Tod auch bei keinem Genre eine Ausnahme. Die sogenannte "Düsseldorfer Schule" hat schon einige ihrer prägendsten Figuren verloren. Klaus Dinger z.B., der bei Kraftwerk begann und mit seinen Bands NEU! und La Düsseldorf nachhaltige Spuren hinterließ, ging ebenso voraus, wie im letzten Jahr Bodo Staiger, der mit der Gruppe RHEINGOLD für viele später folgende junge Musiker Inspiration und Vorbild zugleich war. Dies sind nur zwei Beispiele. In der Nacht vom Sonntag (22.03.2020) zum Montag (23.03.2020) verließ mit Gabriel "Gabi" Delgado-López nun ein Musikant den Planeten, dessen Ableben wohl für viele völlig überraschend kam. Mit den Worten, "Das ist für mich ein Schock!!!", reagierte z.B. Joachim Witt über ein soziales Netzwerk auf die Nachricht. Auch sein Verleger Oliver Schwarzkopf, der die Biographie "Das ist DAF" möglich machte, drückte seine Trauer mit den Worten, "Ich kann es nicht glauben, dass Gabi tot sein soll", aus. Der Sänger, Komponist, Textdichter und Produzent der Gruppe DAF (Deutsch Amerikanische Freundschaft) starb laut Mitteilung seines Bandkollegen Robert Görl im Alter von nur 61 Jahren.

Auch wenn Gabi Delgado weder mit seiner Gruppe DAF, noch mit seinen Solosachen meinen Geschmack treffen konnte, so verbeuge ich mich tief vor seinen Verdiensten für die deutsche Musik. Er und sein Bandkollege Robert Görl ebneten den Weg für die Neue Deutsche Welle, für international agierende Vertreter der Elektronischen Musik wie z.B. Depeche Mode und Propaganda, die EBM-Szene mit Formationen wie Nitzer Ebb und Front 242, aber auch die Techno-Szene. Viele junge Musiker wurden von ihm und seiner Gruppe DAF inspiriert und schon lange Jahre vor RAMMSTEIN verstand es Delgado, mit provokanten Texten für Unruhe im leicht zu empörenden Deutschland zu sorgen. Inmitten einer Zeit, in der uns Roland Kaiser was von "Umdada umdada umdada … Santa Maria" sang und Gitte ihrer Rivalin über einen Schlager den Rat gab, "Freu Dich bloß nicht zu früh", zupften DAF am Ohrläppchen deutscher Teenies, in dem sie ganz andere Botschaften an den Jungen und das Mädchen brachten als die, die Mutti und Vati sich monatlich beim Heck abholten.002 20200324 1990305758 Wer kennt nicht ihre größten Hits "Der Mussolini", in dessen Text Gabi Delgado gleich zwei üble Diktatoren der Weltgeschichte in einem Atemzug mit dem Sohn Gottes nannte ("Tanz den Mussolini, und dann den Kommunismus, und jetzt den Adolf Hitler, und jetzt den Jesus Christus") und "Der Räuber und der Prinz" mit seinen homoerotischen Phantasien ("Ein schöner junger Prinz, verirrte sich im Wald | Da packten ihn die Räuber, doch einer von den Räubern, liebte diesen Prinzen")? Auch Album-Titel wie "Die lustigen Stiefel" vom Album "Die Kleinen und die Bösen", in dem 40 Jahre nach dem Überfall auf die Nachbarn durch das Deutsche Reich ohne eine Positionierung zu hinterlassen, dieser eine Satz "Die lustigen Stiefel marschieren über Polen" in den Raum gestellt wurde. Oder "Ein bisschen Krieg", in dem Delgado textdichterisch positive Gedanken an eine militärische Auseinandersetzung ausformulierte ("Wir wollen in den Krieg … So dreckig wie noch nie … Wir haben ihn verdient … Wir wollen in den Krieg"). All diese Songs, die mit reichlich Widerhaken im Bordgepäck versehen waren, sorgten nicht nur für eine Menge Gesprächsstoff, sondern brachten der Band auch den Ruf ein, eine rechte Gesinnung zu haben. An diesen Vorwürfen war ebenso wenig Gehalt wie an denen, die immer wieder in Richtung RAMMSTEIN ausgesendet werden. Verbunden wurden die Inhalte mit harten und dynamischen Sounds, anfangs noch dem Punk zuzuordnen, später aus dem Synthesizer und der Rhythmusmaschine kommend, womit DAF eine eigene Handschrift Wort und Ton kreierte.

Gabi Delgado war ein Pionier, ein Provokateur seiner Zeit und ein Entdecker neuer Welten. Sein Boot legte an Stränden an, die damals Ende der 70er und Anfang der 80er noch kein anderer deutscher Kapitän angesteuert hatte. Das neue Land, das Delgado mit seinem Bandkollegen Görl entdeckte und bestellte, mag nicht für jedermann schmackhafte Ernte hervorgebracht haben, aber ihr Tun hat Einfluss bis in die heutige Zeit. DAF erhoben eine minimalistische Computermusik - gerade durch Delgados Texte - zu einer neuen Kunstform. Und Delgado war Teil einer Generation, die musikalisch noch etwas bewegen wollte und dies letztlich auch tat. "Wir wollten uns abgrenzen von allem, was Popmusik bislang ausgemacht hatte", sagte er mal in einem Interview.003 20200324 1598031763 Eine Aussage, die - wenn sie heute geäußert wird - nur noch ein frommer und nicht selten dem jungen Musikrebellen von einem PR-Berater in den an jeder Ecke zu wiederholenden Interview-Bausatz geschriebener Wunsch ist, dem Taten leider nicht folgen. Delgado hatte diesen Wunsch wahrhaftig und er trugen die neu entdeckte DNA seiner und Görls Musik bis in die Charts. Etwas Neues und Unbequemes wurde sozusagen salonfähig. Versuch das heute mal … Viele junge Musiker, die Musik machen um "nach oben" zu kommen, verlässt dieser Mut schon am Ausgang des Bunkers, in dem ihr Proberaum untergebracht ist.

Die Welt der Elektronik trauert seit gestern um einen ihrer Pioniere, einen ihrer Wegbereiter. Gabi Delgados Kollegen trauern um einen Freund und Menschen, den sie stets als angenehmen Typen wahrgenommen haben, dem sie gerne begegneten und mit dem sie gern Zeit verbrachten. Trost kann man in einem Moment wie diesem keinem von ihnen spenden. Wenn man aber etwas Positives aus Delgados Tod ziehen will, auch wenn der Tod NIE etwas Positives für die Hinterbliebenen mit sich bringt, dann ist es wohl die Nachricht, dass sein Tod "plötzlich" und "überraschend" eingetreten ist. Man muss als Autor solcher Zeilen die Welt nicht darüber in Kenntnis setzen, dass er schon länger an einer schweren Krankheit litt, die sein Leben zum Schluss unerträglich werden und den Tod zur Erlösung werden ließ. Aber dass sich ein Kapitel für immer schließt und die DAF, wie man sie immer kannte, so nicht mehr existieren wird, kann man mit keinem Wort der Welt auch nur ansatzweise positiv an den Leser und die Leserin bringen.

 


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