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Ein Beitrag von Jens Kurze. Fotos: Herbert Schulze



001 20191124 1303728821Es gibt Stimmen, die lassen einen ein Leben lang nicht los. Carsten Görner hatte so eine. Und nun komplettiert auch er die Super Group, die sich so nach und nach da oben im Himmel versammelt ...

Manchen von euch sagt der Name vielleicht nichts, andere erinnern sich aber an die Gruppe Drei. Ich habe Carsten zum ersten Mal gehört, da war ich noch in der Singebewegung der FDJ aktiv. Im Oktoberklub sang einer das Lied "Ich sing den Frieden" - eine tolle Komposition, eine faszinierende Stimme! Das war Carsten Görner, der gemeinsam mit Tonio Ruschin das Stück auch komponiert hatte. Was hätte ich gegeben, so singen zu können! Meine Gesangsstimme war und ist ziemlich geradeaus, ohne große Schnörkel. Carsten dagegen hatte diese Wärme und ein unverkennbares, langsames Vibrato. Später dann zuweilen auch noch etwas kratzig, manchmal etwas "laid" - das hat mich immer fasziniert.

Es ist ja bekannt, dass Thomas Natschinski auf mich einen großen musikalischen Einfluss hatte (und hat). Also interessierte mich auch, was nach Team 4 und Thomas Natschinski & seine Gruppe passierte. Bekanntlich entstand als Nachfolgeband die Formation Brot & Salz, von denen ich einige Songs in meinem Archiv habe, die mir auch heute noch gefallen. Die Band zerfusselte sich allerdings leider irgendwann, und Ingo Koster gründete mit Burkhard Neumann und Carsten Görner die Gruppe DREI. Das war für mich als Fan von mehrstimmigem Gesang natürlich total interessant, der Kontakt zu Ingo Koster war schnell hergestellt, so richtig mit Briefeschreiben und Mal-Hinfahren, Telefon hatte ich nicht.

Das war zudem die Zeit, als ich nach der Band aus der Studium-Zeit solistisch oder im Akustik-Gitarren-Duo mit Liedern von Simon & Garfunkel, den Everly Brothers oder den Beatles unterwegs war. Songs von den Eagles oder Crosby Stills Nash & Young wurden von uns auf zwei Stimmen und zwei verschieden gestimmte Gitarren umgeschrieben und mit viel Herzblut zelebriert. Das war übrigens auch die Zeit, als die Leute noch zugehört haben, in den Studentenclubs saßen sie auf umgedrehten Milchkästen, zwei kleine 25-W-Aktivboxen reichten uns aus ,,, In der Rostocker Sport & Kongresshalle gab es damals auch die Großveranstaltung "RoGo - Rostocker Goliath", wir hatten "Mitwirkenden-Ausweise" und konnten so nicht nur ein Bierchen trinken, sondern mit den Profi-Musikern in der Künstler-Mensa plaudern oder uns Tipps abholen. Ich lernte zum Beispiel von Gisbert "Pitti" Piatkowski das Gitarrenintro von "Good bye alte Zeit", jammte mit Reinhard Fissler Beatles-Songs, denn wir spielten eine ähnlich perkussive Gitarrentechnik … aber das wäre eine eigene Geschichte.

Bei einem Pressefest erlebte ich die aufgestockte Version der Gruppe Drei - die DREI BAND (mit bereits erwähntem Tonio Ruschin an den Keyboards und Micha Behm am Schlagzeug) - was für eine Gänsehaut! Ich erinnere mich wie heute, dass ich dort zum ersten Mal "Seven Bridges Row" (im Original von den Eagles) hörte - unfassbar,003 20191124 1778769595 was für ein perfekter Satzgesang! Bei den Rundfunkaufnahmen mochte ich die mit Carstens Stimme immer am meisten, und auch heute noch höre ich Lieder wie "Erwartung", "Halt mich fest", "Der Krieger" oder "Der sanfte Orkan" unheimlich gern.

Im Jahre 1987 trennten sich leider die Wege der Gruppe Drei aus verschiedenen Gründen, Burki und Ingo arbeiteten mit Gaby Rückert als LITTLE BOAT weiter. Diese Zusammenarbeit mochte ich sehr und habe etliche Konzerte besucht. Ich lernte sie nicht nur als tolle Musiker kennen, sondern als äußerst sympathische Menschen. Der Kontakt zu Gaby und Ingo besteht heute noch, und wenn sie in der Nähe im Duo auftreten, schaue ich ganz gern mal vorbei.

Carsten versuchte es als Solist und arbeitete später als Musiklehrer und in den Valicon-Studios. Von seinen Solo-Titeln hatte ich allerdings medial nichts mitbekomme. Vor mehr als zwanzig Jahren hatten Carsten und ich den letzten Kontakt dank der elektronischen Medien, als ich Näheres über die "Ostkreuz"-Zeit (also 1975 bis 1977) wissen wollte. Er schrieb viele lustige und teilweise lakonische, aber auch nachdenkliche Zeilen. Zur Solo-Zeit bemerkte er:
"Ich war lange krank und musste 1987 für ein paar Wochen ins Krankenhaus, wo ich sehr viel Zeit zum Nachdenken hatte. Die Zusammenarbeit mit Gaby beruhte auf einem Deal, der sich nicht wie geplant umsetzen ließ, und so wurden wir tatsächlich zur Begleitband. Das wollte ich nicht. Außerdem gab es nach zehn Jahren "Aufeinanderhängen" ein paar Unstimmigkeiten innerhalb der Band, die ohnehin mindestens eine Pause erforderlich gemacht hätten. Die Solo-Karriere war die einzige Alternative, ich war zwanzig Jahre aus meinem Beruf raus. Viele Veranstalter und Kulturmanager rieten mir dazu. Ingo Politz hat mit mir einige sehr gute Songs produziert, und es lief für mich alles nahtlos weiter mit Live- Auftritten, Radio, TV etc. Aber eine Erfahrung für mich in der Zeit war, dass ich diese Einsamkeit nicht mag. Ich würde es nicht noch einmal tun."

Carsten durchforstete sein Archiv und stellte mir eine Sammlung mit Aufnahmen zusammen, die neben Aufnahmen der Gruppe Drei und einige mir völlig unbekannte aus seiner Solo-Zeit beinhaltete.002 20191124 1687892841 Außerdem legte er für mich überraschend die Mini-CD "Comeback-Die Drei" aus dem Jahr 2000 (Carsten Görner, Burkhard Neumann, Vlady Slezak / ehem. Cantus-Chor) mit dazu. Ich fand die richtig gut, ich wusste davon allerdings überhaupt nichts! Er schrieb dazu:
"Produzenten waren Willy Klüter und Gotte Gottschalk. Die Texte waren von Bernd Meinunger, der die Produktion auch finanziert hat. Ich denke, es kam was Gutes dabei raus. Aber wir fanden keinen Manager. Wir verstehen was von Musik, aber leider nichts vom Klinkenputzen…"

Auch das folgende Duo-Projekt AVALON (Görner/Slöezak) war nur Insidern bekannt. Carsten arbeitete weiter als Musiklehrer und im Valicon-Studio (Ingo Politz, Bernd Wendtland).

Gedankenpause. Carsten, wir sind uns leider nie wieder persönlich begegnet. Auf der "Comeback"-CD ist auch das echt stimmige Lied enthalten, das ich als Eingangszitat benutzt habe, "Du kannst doch nicht einfach so geh'n" - Carstens Stimme, so wie ich sie nie vergessen werde. In meinem Probenraum hängt (etwas blass geworden, aber hinter Glas) ein handsigniertes großes Bild der Gruppe Drei, das entstammt einer Rückseite der Zeitung "FF Dabei" (siehe rechts), auf meinen alten, bewährten Hifi-Boxen prangt neben der Hochton-Kalotte der Aufkleber der Band DREI. Da schaue ich jeden Tag drauf ... Machs gut, Carsten - vergessen bist du nicht!




   
   
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