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Ein Beitrag von Hartmut Helms (Fotos: Hartmut Helms, Pressematerial)

 

Im Jahre 1970 dröhnte der grelle und expressive Sound einer Hammond-Orgel, unterstützt von einer treibenden Basslinie, bei DT64 aus den Radiolautsprechern: "Hommage a J.S. Bach". Mein allererster Gedanke war der an ELP, doch die Band trug den ungewöhnlichen Namen COLLEGIUM MUSICUM und war in Bratislava zu Hause.002 20190903 1304384725 Ich war voller Euphorie und wenig später im Besitz der ersten LP dieser ungewöhnlich klingenden Gruppe. Seither sind 50 Jahre vergangen und ich könnte eine Menge zum Thema erzählen. Doch es fällt mir verdammt schwer: Obwohl schon "veraltet", habe ich es erst vor Stunden erfahren und nun weiß ich nicht wirklich, wie soll ich diese "Neuheit" kommentieren? Sie kam für mich - so wie meistens - derart überraschend, dass mir zunächst die Spucke wegblieb, für einen Moment war Stille. Wieder so ein Einschlag, der mich aus der Normalität ins Grübeln katapultierte. Die slowakische Bassisten-Legende Fedor Frešo ist schon im vergangenen Jahr, hierzulande medial unkommentiert und daher auch unbemerkt, verstorben.

Seitdem dieses Deutschland wieder in ganzheitlichen Grenzen abgesteckt aber längst nicht geeint existiert, haben wir uns völlig von den ehemaligen (Bruder)Staaten, wie Polen, dem Nachbarn CSSR oder Ungarn, "abgenabelt". Politisch sowieso und von daher natürlich kulturell-künstlerisch gleich mit. Genau so, wie die Vereinnahmung im Innern abgelaufen ist, wirkt sie nach außen. Kein Wunder also, dass Informationen aus der dortigen Rock- und Pop-Szene falls überhaupt, dann nur äußerst spärlich und verspätet fließen, während wir im Gegenzug mit Pop-Müll aus den USA und mit selbsternannten "Supersternchen" der Medienkonzerne zugeschüttet werden. Dabei war Rockmusik der Länder östlich der DDR ein Teil des Lebensgefühls vieler Jugendlicher hierzulande, mich inbegriffen. Aber wer in den verbrauchten Ländern kennt schon Musik "aus dem Osten", geschweige denn von "dahinter"??

Das slowakische COLLEGIUM MUSICUM erlebte ich in den 1970er Jahren drei Mal: Beim historischen Niemen-Konzert 1973 in Dresden als "Vorband", dann in Hoyerswerda und in Herzberg. Seither waren mir Marian Varga und Fedor Frešo, mit Drummer Dusan Hajek als Dritten, quasi ans Herz gewachsen und jede ihrer neuen Platten fand einen Platz in meiner Sammlung. Erst im März 2009, also zwanzig Jahre nach der Polit-, Sozial- und Kulturkehrtwende, erlebte ich in Dresden endlich auch FERMATA mit einem entfesselt spielenden Fedor Frešo am Bass (Bericht siehe HIER). Durch die persönliche Bekanntschaft mit ihm, die damals entstand, erhielt ich die schöne Chance, das COLLEGIUM MUSICUM im Februar 2011 als Gast, tief unten in der Lucerna-Bar von Prag, live zu erleben. Was für ein unvergessliches und einmaliges Erlebnis, das sich für immer in meinen Erinnerungen festgesetzt hat (Bericht siehe HIER). Noch ein letztes Mal sah ich das Quartett im Mai des gleichen Jahres, als "Vorband" für Omega in Locket (Bericht siehe HIER). Der Wunsch, die slowakische Rock-Legende und deren Musiker noch ein weiteres Mal zu treffen, machte Gevatter Tod zunichte. Im August 2017 starb Marian Varga, der Virtuose an den Tasten und geniale Komponist der Band. Wenig später brach auch mein Kontakt zum Bassisten ab.003 20190903 1855428509 Jetzt erreichte mich diese (verspätete) Nachricht, dass Fedor Frešo seinem musikalischen Partner in den Rockerhimmel gefolgt ist. Ich könnte heulen, bin fassungslos und suche verzweifelt nach Ausdruck. Er war doch gerade einmal 71 Jahre geworden!

Den nachfolgenden Generationen lässt sich heute kaum noch plausibel erklären, welche Bedeutung dieser Fedor Frešo und andere Musiker in seiner Heimat erlangten. Er spielte mit den Soulmen, bei Prudy mit Pavol Hammel, im Collegium Musicum bei Marian Varga, mit Fermata & Fero Griglàk sowie mit Blue Effect und Radim Hladik. Allesamt echte Legenden in ihrer Heimat, die Geschichte schrieben. Von all dem erzählt der Bassist in seinem Buch vom "Sideman" (2011), als eine Anspielung auf jene Rolle, in der er sich selbst an der Seite vieler hervorragender Musiker sah. Mir wurde das Glück zuteil, ihn mit dem Collegium Musicum und Fermata live erleben und treffen zu können und mit ihm Kontakt gehabt zu haben. Und plötzlich bleibt mir nur noch die Erinnerung.

Ich werde mir in einer besinnlichen Stunde "Konvergencie" von 1971 und die Single vom "Hommage a J.S. Bach" (1970) auflegen, den zauberhaften Klängen lauschen und den fetten Bass aus dem Sound heraushören. Ja, ich werde wohl auch feuchte Augen haben. Gute Reise, Fedor Frešo, in unseren Erinnerungen bist Du dennoch hier, denn Deine, unsere Generation lebt noch und mit ihr diese ganz besondere Musik, mit der wir erwachsen wurden und Musik zu verstehen lernten!






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