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Ein Beitrag von Adam Glagla und Christian Reder (Fotos: Pressematerial)



Rockmusik aus Polen? Womöglich auch noch mit dieser extrem harten und für unsere Ohren eher seltsam anmutenden Sprache, die am Ende doch niemand versteht? Damit hier nicht zu Beginn gleich Unstimmigkeiten aufkommen: Dies dürfte auf der anderen Seite der Grenze in Bezug auf unsere Sprache wohl auch nicht anders empfunden werden.001 20190826 1484934182 Wie dem auch sei … Ihr glaubt, das geht nicht zusammen? Die älteren Leser unter Euch, die in der DDR gelebt haben, wissen es am besten, dass das sehr wohl geht. Sie kennen viele Bands sogar besser, als der in der BRD geborene Hörer die Musik aus der Ex-DDR. Platten oder einzelne Songs auf Kopplungen der Gruppen Budka Suflera, Klan, SBB oder Niemen gab es zu kaufen und wurden auf den Partys und in den Jugendklubs (Diskos) gespielt. Die Bands gaben sogar Konzerte in der DDR. So auch die Gruppe BREAKOUT, die Tadeusz Nalepa im Jahre 1968 als Gitarrist und Sänger mit gegründet hatte, und die es bis Ende der 70er bzw. Anfang der 80er gab. Wie so vieles andere auch, geriet das mit der Wende im Jahre 1989 leider in Vergessenheit. Einen großen Anteil daran haben die Medien - TV und Radio - die uns dies erst vergessen lassen, weil sie dafür keinen Platz mehr finden.

Tadeusz Nalepa wurde am 26. August 1943 in Zglobien, einem kleinen Ort in der Woiwodschaft Karpatenvorland im Südosten Polens, geboren. Nach der Schule studierte der junge Mann an der Musikschule in Rzeszów, unweit seines Geburtsortes, und belegte dort die Fächer Geige, Klarinette und Kontrabass. Eine erste Auszeichnung erhielt Nalepa im Jahre 1963 auf dem in Stettin veranstalteten Festival der jungen Talente, als er dort ein Duett mit der in Polen später als Bluessängerin ebenfalls sehr erfolgreichen Sängerin Mirą Kubasińską vortrug. Die Sängerin wurde 1964 übrigens auch Nalepas Ehefrau. Im Jahre 1965 gründete der Musiker die Gruppe BLACKOUT, die bei Konzerten für ihr Publikum das Repertoire der Beatles und der Rolling Stones live gespielt haben. Das erste Konzert gab die Band am 3. September 1965 im Klub "Łącznościowiec" (zu Deutsch "Der Telegrafist") in Rzeszów, dem Sitz seiner Alma Mater. Schon kurze Zeit später begann Tadeusz Nalepa damit, eigene Kompositionen zu Texten des polnischen Poeten Bogdan Loebl zu schreiben. Diese vertonten Texte nahm die Gruppe BLACKOUT auf und veröffentlichte sie auf einer 1967 erschienenen Langspielplatte. Außer dieser LP wurden noch sechs EPs und Singles veröffentlicht. Im Jahre 1967 hatte die Band unter diesem Namen ihren letzten Auftritt.002 20190826 1464257808 Im Februar 1968 trat sie dann unter dem Namen BREAKOUT auf. Mit ihr entstanden in den folgenden Jahren ganze 10 Alben. Die komplette Geschichte der Band BREAKOUT kann man in unserer Vorstellung in der Rubrik "Portraits" nachlesen (Direktlink: HIER).

Sein Debüt als Solist gab Tadeusz Nalepa im Jahre 1982 mit einem Auftritt beim Konzert "Rock-Blok" in der "Gwardii"-Halle in Warschau. Im gleichen Jahr nahm Nalepa eine Platte für die polnische Pop-Sängerin Izabela Trojanowska auf und gründete ein Jahr später seine eigene Begleitband. Mit ihm zusammen spielten darin Ryszard Olesinski (Gitarre), Andrzej Nowak (Gitarre), Bogdan Kowalewski (Bass) und Marek Surzyn (Schlagzeug), die damals zu den besten Musikern Polens zählten. In dieser Besetzung und mit ein paar Musikern mehr entstand das auf dem Label "Merimpex" und nur auf Kassette veröffentlichte Album "Tadeusz Nalepa". Ein Jahr später wurde der Musiker vom Magazin "Jazz-Forum" als bester Gitarrist und Komponist Polens ausgezeichnet. Ähnlich wie in der DDR, wo ebenfalls einzelne Instrumentalisten als beste ihres Fachs ausgezeichnet wurden und anschließend die Supergroup GITARREROS gründeten, schlossen sich auch in Polen die vom "Jazz-Forum" ausgezeichneten Künstler zu einer Band zusammen und gingen auf Tour. Aus dieser Zeit mit der Supergroup entstand die Zusammenarbeit mit der Gruppe Dzem, die mit Tadeusz Nalepa im Jahre 1987 das Album "Numero Uno" im Studio einspielte. Dieses Album erschien im Jahre 1988 beim polnischen Label "Polskie Nagrania Muza". Vorher erschien aber mit "Sen szaleńca" bereits ein Studioalbum von Nalepa und in den Jahren 1985 und 1986 je ein Live-Album. Auf welchen Wegen dies geschah, und ob diese Platten offiziell oder "unter der Hand" erschienen, ist hier nicht überliefert.

In den folgenden Jahren trat der Musiker mit seiner Band vermehrt im Ausland auf. Nach seiner Rückkehr im Jahre 1988 machte er sich an die Arbeit zu den Live-Alben "To Mój Blues Vol. 1" und "To Mój Blues Vol. 2", die 1989 in den Handel kamen. Auf den Platten kann man Live-Aufnahmen aus den Jahren 1982 bis 1988 finden. Auch nach der im Ostblock einkehrenden Wende veröffentlichte Nalepa weitere Solo-Platten, wie z.B. "Absolutnie" im Jahre 1991 oder "Najstarszy Zawód Świata" im Jahre 1995.003 20190826 1975423676 Es gab aber auch wieder Plattenveröffentlichungen mit seiner alten Band BREAKOUT, ebenso wie einzelne Konzerte mit ihr. Auch eine DVD findet sich im Backkatalog des Künstlers wieder. Diese erschien 2006 und beinhaltet einen Mitschnitt des Konzerts anlässlich seines 60. Geburtstages im Jahre 2003.

In den letzten drei Jahren seines Lebens hatte Tadeusz Nalepa bereits große gesundheitliche Probleme. Trotzdem steckte er Zeit und Energie in die Zusammenarbeit mit der FREE BLUES BAND von Andrzej Malcherk. Mit dieser Band gab es noch diverse Konzerte, u.a. auch das letzte Konzert zu Tadeusz Nalepas Lebzeiten. Dies spielte die Gruppe am 12. August 2006 im tschechischen Trzyniec. Bereits im Jahre 1992 bekam der Musiker eine Spenderniere transplantiert, die nach all den Jahren ihre Funktion langsam einstellte. Er musste immer wieder zur Dialyse und starb letztlich am 4. März 2007 an den Folgen seiner Nierenkrankheit. Seine letzte Ruhestätte fand der Musiker am 12. März 2007 auf einem Friedhof in Warschau. An seiner Beisetzung nahmen neben zahlreichen Fans und Mitgliedern seiner Familie auch viele Kollegen aus der polnischen Musikszene teil, u.a. Józef Skrzek von SBB, Bogdan Kowalewski von Maanam und Lady Pank, der in Polen sehr bekannte Radiomoderator Marek Gaszyński und Jerzy Styczyński von Dzem. Seine Ex-Frau Mirą Kubasińską, mit der Nalepa einen gemeinsamen Sohn hatte, verstarb bereits eineinhalb Jahre vor ihm. Der Sohn heißt übrigens Piotr Nalepa, und ist seit 1986 mit der Gruppe Bajm sehr erfolgreich.004 20190826 1669820398 Auch gemeinsam mit dem Vater machte er in den 90ern zusammen Musik. In der Stadt, in der Tadeusz Nalepa einst studierte, steht seit einigen Jahren ein Denkmal. Es ist eine Bronze-Statue in Lebensgröße, die in der Innenstadt des Ortes aufgestellt wurde.

Am heutigen 26. August wäre Tadeusz Nalepa 76 Jahre alt geworden. Es ist zwar kein runder Geburtstag, der sonst Anlass zu solchen Laudationen und Elogia auf unserer Seite gibt, aber es ist ein Beitrag der Erinnerung. Dies wünschte sich einer unserer Leser, der diesen Musiker nicht vergessen hat und seine Musik noch heute gern hört. Wir beantworten also die eingangs gestellte Frage und halten fest: Es gab in Polen tatsächlich nicht nur Rockmusik, die funktionierte und Menschen auch außerhalb der Landesgrenzen erreichte (übrigens lange bevor sie bei uns "salonfähig" wurde), sondern auch Leute, die sie hier hören wollten und die sich gern an sie erinnern. Nach dem Verschwinden der innerdeutschen Grenze hat man die DDR-Musikszene weitestgehend als offenbar nicht existent gewesen weggewischt, bis sie Mitte der 90er ein Comeback feierte. Nun sind auch innerhalb Europas die Grenzen gefallen, aber was bei den direkten Nachbarn kulturell passierte und noch heute passiert, erfährt man hierzulande nur, wenn man selbst die Initiative ergreift und auf die Suche geht. Musik, die hier vor 30 oder 40 Jahren von Menschen gern gehört wurde, gerät so in Vergessenheit und nur wer die alten Platten, wie z.B. die AMIGA-Single "Heute hast Du alles" von BREAKOUT aus dem Jahre 1975 oder einen der drei "Hallo"-Sampler aus dem Jahre 1973 im Schrank stehen hat, hat noch die Chance, sich mit Musik an speziell diese Band und diesen großartigen Instrumentalisten zu erinnern. Und weil das so schade ist - für meinen Geschmack auch ein Stück weit ignorant - nehmen wir auch "krumme" Geburtstage zum Anlass, den Fans von einst ihr Idol für einen Tag wieder zurück zu holen und gleichzeitig Leute vielleicht auf einen ihnen noch nicht bekannten Künstler aufmerksam zu machen. In diesem Sinne: Glückwunsch nach oben, Tadeusz!






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