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Ein Beitrag von Christian Reder. Fotos: Pressematerial (BMG)



"Ich erinnere mich, wie unruhig meine Kindheit war. Es war sehr schmerzhaft, denn meine Freunde haben sich über mich lustig gemacht", erzählte John Paul Larkin in einem Interview im Jahre 1995. John Paul … Wer??? Und warum sollte diese Erfahrung jemanden interessieren? Unter dem Namen SCATMAN JOHN war John Paul Larkin besser bekannt,001 20190803 1387802874 und zu dem Zeitpunkt, als er das Interview gab, aus dem ich hier zitiert habe, hatte er gerade mit "Scatman" einen Riesenhit in Deutschland, Österreich, der Schweiz und England. Sogar in den USA landete die Nummer in den US-Billboard-Charts. Bemerkenswert war aber, dass Larkin hier über Probleme in seiner Kindheit sprach, die durch seinen Sprachfehler ausgelöst wurden. SCATMAN JOHN war ein Stotterer. Ein Stotterer, der trotz seines Handicaps einen Hit als Sänger landen konnte.

John Larkin wurde am 13. März 1942 in El Monte (Kalifornien) geboren. Schon als Grundschüler litt er unter seinem Stottern, weil Mitschüler sich über ihn lustig machten und ihn nachäfften. Larkin konnte sich an zahlreiche Begebenheiten aus seiner Kindheit und Jugend erinnern, die traumatisch waren und ihm nicht aus dem Kopf gingen. Auch eine Therapie brachte nichts, zumal er sie wegen Minderwertigkeitsgefühlen abbrach und mit noch mehr Ballast aus dieser herausging, als er in sie hinein ging. Stattdessen vermied er fortan das Reden. So fällt man in einer perfekten Welt am wenigsten auf, wenn man nicht perfekt ist. Mit 14 Jahren entdeckte er schließlich das Klavierspielen und die Möglichkeit, damit seine sprachlichen Probleme zu überdecken. "Mich hinter dem Klavier zu verstecken bedeutete, dass ich mehr von meinem Gefühlsleben durch das Klavier ausdrücken konnte, anstatt es auszuspucken", sagte er darüber. Die Kunst wurde zu seiner Therapie … zu seinem Schlüssel zur Welt, denn hierfür bekam er Lob, Anerkennung und Applaus. Aus dem kleinen Jungen wurde ein junger Mann, der ab den 70ern als Jazzpianist arbeitete. Anfangs "versteckte" sich Larkin hinter seinem Instrument und spielte nur Instrumentalstücke. Später, es muss Anfang der 1980er gewesen sein, kamen erste Engagements, auf Kreuzfahrtschiffen zu spielen. Bei solchen Auftritten war es üblich, dass auch gesungen wurde. Also sang John Larkin und stellte dabei fest, dass man beim Singen nicht stottert. Eine Seefahrt brachte ihm also das nötige Selbstbewusstsein, auch weiterhin mit seiner Stimme zu arbeiten.

Im Jahre 1986 entstand dann sein erstes Album, das nach ihm selbst benannt und beim in Los Angeles beheimateten Label Transition Records in kleiner Stückzahl aufgelegt wurde. Sein Problem aber blieb im echten Leben immer präsent. Sobald er seinen Platz am Klavier verließ und aufhörte zu singen, war es wieder da. Das Stottern.002 20190803 1050564087 John Larkin verfiel dem Alkohol und den Drogen. "Ich habe mit Drogen und Alkohol versucht, die Unruhe und den Schmerz zu töten", schilderte er den Tiefpunkt seines Lebens in den 80ern. Erst als sein Freund und musikalischer Partner Joe Farrell an MDS, einer Art Leukämie, erkrankte und starb, stand Larkin wieder auf. Er zog sich am eigenen Kragen aus dem Sumpf, besiegte seine Sucht und fand sogar sein Glück mit einer Frau an seiner Seite.

Im Jahre 1990 ging Larkin nach Berlin. Hier suchte er nach Möglichkeiten, seiner Karriere neue Impulse zu geben. Da war das gerade erst wieder zusammengewachsene Berlin eine gute Adresse, galt es seinerzeit doch als Schmelztiegel der Jazzmusik. Zahlreiche Klubs und das große Interesse der Leute in der Stadt, die bald zur Hauptstadt des vereinten Deutschlands werden sollte, boten Musikern reichlich Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln, neue Kontakte zu knüpfen und beruflich voran zu kommen. John Larkin spielte in Berliner Klubs als Jazzpianist und wurde auch weiter für Auftritte auf Kreuzfahrtschiffen gebucht. Über Berlin hinaus gab er schließlich auch deutschlandweit Konzerte und begann erstmals, in Musikstücke auch den sogenannten Scat-Gesang einzubauen. Die Definition dieser Gesangsart ist, dass es sich beim Scatten um ein improvisiertes Singen von rhythmisch und melodisch aneinandergereihten Silbenfolgen ohne Wortbedeutung und ohne zusammenhängenden Sinn handelt. Den Anfang machte er mit einer eigenen Version des Stücks "On the Sunny Side of the Street", der er eine gehörige Portion seines Scat-Gesangs zuführte, und das er am Ende seines Konzerts den anderen Stücken folgen ließ. Das Publikum feierte ihn dafür. Daraus entstand 1994 die Idee, diese besondere Art des Gesangs mit populärer Musik zu verbinden. Sowas gab es noch nicht und damit könnte man auch ein größeres Publikum erreichen. Sein Agent hatte diesen Einfall und suchte interessierte Abnehmer bei den Plattenfirmen. Trotz anfänglicher Zweifel nahm John Larkin ein Angebot der BMG Hamburg an und schrieb im Studio zusammen mit zwei Produzenten und Komponisten den Song "Scatman". Seinem besonderen Gesang wurde der sogenannte Euro-Beat oder Euro-House untergemischt. Mit ordentlich Bumms für den "Dancefloor" war der "alte Jazzer" nun plötzlich interessant für die Jugend. SCATMAN JOHN war geboren!

Für John Larkin, der nunmehr als SCATMAN JOHN auftrat, begannen mit dem ersten Single-Erfolg knapp vier ereignisreiche Jahre, die ihn für viele erlittene Schmähungen und Ausgrenzungen ob seines Stotterns entschädigten. Aber geht sowas überhaupt, wenn man ein Leben lang darunter zu leiden hat? Sein Sprachproblem machte Larkin jedenfalls zu seinem Markenzeichen und im Alter von über 50 verdiente er damit richtig viel Geld.003 20190803 1520902429 Innerhalb von wenigen Wochen kannte die halbe Welt den bis dahin unbekannten Pianisten John Larkin, der nun etwas ganz anderes machte, als all die Jahre in den USA und anfänglich in Deutschland. Knapp neun Jahre nach seinem Debüt-Album folgt mit "Scatman's World" sein zweites Album, das in Deutschland und der Schweiz in die Top 10 der Album-Charts landete.

Mit "Everybody Jam" (1996) und "Take Your Time" (1999) erschienen zwei weitere Studioalben. Bis zur Veröffentlichung der dritten Scheibe hatte SCATMAN JOHN die halbe Welt bereist und erfolgreich Konzerte gegeben. Als Popstar gefeiert und als Botschafter des Jazz in den Konzertsälen der Welt unterwegs, wurde der Musiker aber auch zum Vorbild für Menschen, die wie er unter einem Sprachfehler litten. Was viele damals nicht wussten war, dass er sich in einer Organisation engagierte, die sich für stotternde Menschen einsetzt, und dass er zudem sehr viel für Kinder tat. In den Jahren zwischen 1995 und 1999 wurden ihm weltweit einige Auszeichnungen für seine Arbeit verliehen, darunter in Italien, Frankreich, Polen und Japan. In zahlreichen Ländern wurden seine Alben mit Gold oder Platin ausgezeichnet und hier in Deutschland erhielt seine Single "Scatman" im Jahre 1996 den "Echo" als "Beste Single national/international" (siehe Foto links). Der Mann, der stets im schwarzen Anzug und mit schwarzem Hut auftrat, eilte von einem Erfolg zum anderen und sammelte dabei Preise und Auszeichnungen ein. Er war oben angekommen. Viele Jahre hat er auf Anerkennung gewartet, hat gehofft, dass er dem Dämon mal ein Schnippchen schlagen und trotz Behinderung im Beruf erfolgreich sein kann. Als es ihm gelang, war es aber leider nur ein kurzer Moment des Glücks ...

Schon bei den Aufnahmen zum Album "Take Your Time" im Jahre 1998 hatte John Larkin gesundheitliche Probleme. Trotz einer niederschmetternden Diagnose schloss er die Arbeiten an der Platte ab und ging sogar auf Tour. Den Anfang sollte eine Konzertreise durch 24 Städte in den USA machen, bei denen er das neue Album vorstellen und den Landsleuten in den USA gleichzeitig auch seine Hits aus Europa live präsentieren wollte.004 20190803 1962201222 Am Ende seiner Show am 26. November 1999 in Cleveland brach der Musiker nach einem sogenannten "Battle" mit seinem Schlagzeuger auf der Bühne zusammen. Das Konzert konnte nicht fortgesetzt werden. Die Tournee wurde abgebrochen. John Larkin war an Lungenkrebs erkrankt und die Krankheit war schon weit fortgeschritten - eine Behandlung schlug nicht an. Etwas über eine Woche später starb SCATMAN JOHN am 3. Dezember 1999 im Alter von nur 57 Jahren an den Folgen seiner Erkrankung. Bei ihm waren seine Frau Judy, seine Mutter Harriet und sein Bruder Bill, die die letzten Momente seines Lebens mit ihm gemeinsam verbrachten.

Sein "Ski-Ba-Bop-Ba-Dop-Bop" ist an jenem Tag für immer verstummt aber geblieben ist die Geschichte eines Helden. John Larkin war nicht deswegen ein Held, weil er zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort war, um mit seiner speziellen Gesangsart einen Hit feiern zu können, sondern weil er offen mit seinem Handicap, dem Stottern, umgegangen ist. Zwar hatte er sein Schicksal erst spät und nach überstandener Alkohol- und Drogensucht angenommen, hat sich ihm dann aber mit aller Kraft gestellt und ist offensiv damit umgegangen. Seine Geschichte ist auch 20 Jahre nach seinem Tod ein gutes Beispiel für alle Menschen, die ebenfalls unter einem Sprachfehler leiden. Man kann diesen "Fehler" zum Werkzeug machen und ist trotz dem Anderssein ein wertvoller Mensch, der sich nicht verstecken muss. Dies hat John Larkin alias SCATMAN JOHN vorgelebt und damit ein junges Publikum weltweit erreicht. Sowas schaffen nur Helden!

Auch wenn manch einer sagen wird, bei seinen Hits handele es sich "nur" um Popmusik der 90er aus der Plastik-Gießerei irgendwelcher Dancefloor-Produzenten, empfehle ich trotzdem jedem Leser mal ein Ohr in seine Platten zu halten. Der Musiker hatte einige Botschaften, die er an den Mann/die Frau - oder die, die es noch werden sollten - zu bringen. In seinen Liedern geht es um Liebe und Freiheit, seine persönichen musikalischen Helden aber auch um das große Glück, mit sich und dem Stottern endlich im Reinen zu sein. Denn: "Stottern und Scatten ist dasselbe Ding". Solche Erkenntnisse können durchaus auch mal in modernem Sound angeboten werden ...






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