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Autor: Hartmut Helms

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Es gibt Momente...
Wenn man mich fragen würde, welche Gitarrenzauberer der letzten 40 Jahre aus heimischen Gefilden mir am meisten imponiert hätten, dann würden mir schnell einige Namen einfallen. Doch letztlich kenne ich gar nicht so viele aus eigenem Erleben, denen man nach so langer Zeit ruhigen Gewissens eine nachhaltige Wirkung auf die Szene hierzulande nachreden kann. Dabei spielen technische Meisterschaft und flinke Finger gar keine so bedeutende Rolle für mich, sondern eher der Charakter dessen, was so mancher mit Inspiration und Einfallsreichtum bleibend geschaffen hat. Gleich ob nun auf Platte, auf der Bühne oder beides. Die Möglichkeiten waren nicht so vielfältig.

Nur wenige Gitarristen sind mir aus meiner Jugendtanz-Zeit bleibend in Erinnerung geblieben. Die beiden ehemaligen Renft-Klampfer MATKO und CÄSAR sind zwei von ihnen, und auch JÜRGEN KERTH und CHRISTOPH THEUSNER zähle ich dazu. Doch noch ein weiterer fiel mir damals schon auf und ich kann mich noch ganz gut daran erinnern, wie er mit den BEROLINA SINGERS "Everybody Need Somebody To Love" in der Version der Stones spielte. HANSI BIEBL hatte ich auch schon mit den MUSIC STROMERS erlebt und später auch mal mit der MODERN SOUL BAND. Doch irgendwie war dieser Typ nie an eine bestimmte Band fixiert, schien wie ein Ruheloser von einem Projekt zum nächsten zu hetzen. Der eigenwillige Ausnahmegitarrist war auch ein rastlos Suchender, einer, der ähnlich wie CÄSAR, eigentlich "nur" Musik machen wollte und darin seine Bestimmung sah. All den andere Rummel sowie das stumpfe Eingreifen "von oben" schienen ihn einfach nur zu nerven, verständlicher Weise, so mein sehr individueller Eindruck.

Im Augustheft des MAGAZINs von 1975, das mit dem sozialistischen Nackedei, fand ich damals einen Artikel über ihn und ich dachte, jetzt hat er mit der HANSI BIEBL BLUES BAND seine Baustelle gefunden. Er wird Konzerte geben und AMIGA trotzt sich eine Platte mit ihm ab. Als dann tatsächlich eine Platte aufgenommen war, machten zwei seiner Bandkollegen einen Bootsausflug über die Ostsee in Richtung Dänemark. Es war ein Abenteuer und ein Ausflug der etwas anderen und auch offiziell ungewünschten Art. Den Rest kann sich jeder, der die "Spielregeln" von damals noch kennt, lebhaft ausmalen. Aus die Maus!

HANSI BIEBL schaffte es dennoch, wie in den Jahren davor auch, sich mit neuen Musikern zu umgeben und mit ihnen dann endlich auch 1979 im zweiten Anlauf die erste eigene LP einzuspielen und zu veröffentlichen. Die Platte, schlicht "HANSI BIEBL BAND" betitelt, ist wie aus einer "einzigen Idee gegossen" und folgt damit beinahe dem Konzept der vorher eingespielten und unveröffentlichten LP. Doch das wird sich erst fast 30 Jahre später herausstellen, als "Savannah", einem Zufall sei Dank, dann doch noch erscheint. Doch das ist eine völlig neue und vor allem erstaunlich seltene Geschichte.

BIEBL stellte seine Band nach der LP-Veröffentlichung wieder einmal um und mit HERBERT JUNCK am Schlagzeug, der später bei SILLY Furore machen sollte, und inzwischen leider ein "Himmels-Drummer" ist, und dem Bassisten CHRISTIAN LIEBIG, der es sich heute bei KARAT eingerichtet hat, fand er dafür zwei adäquate Mitstreiter. Diese neue BIEBL BAND stand bei uns am 17. Juni 1981 auf der Bühne des Kulturhauses in Plessa. Wer dieses oder andere Konzerte miterlebt hatte, sah und hörte einen eher stillen und in sich gekehrten Blues-Mann, der sich vornehmlich über sein einzigartiges Gitarrenspiel ausdrückte. BIEBL spielte mit seinem Instrument keinen vordergründigen Blues, wie man ihn etwa von Diestelmann kannte, sondern einen Stil, ähnlich wie Kerth, der keine fest gefügten Formen oder starren Grenzen kannte. Auf seinem Brett entstanden Klangbilder und Mixturen aus Swing, Salsa, Latin-Elementen, Blues und Jazz, die noch heute so manchen Gitarristen hierzulande nachdenklich machen könnten.

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Der Mann mit der Gitarre hatte auch eine ganz eigene Art, seine Songs selbst zu singen. Das war keine raue "typische" Stimme, die man von einem Blues-Sänger erwartet, eher ungewohnt schlicht und klar im Ausdruck und wenn er dann zum Mikrofon trat, dann wollte er auch etwas mitteilen, was ihm wichtig schien. So wie es dem Blues eigen ist. Ich bin mir sicher, dass "Es gibt Momente" ein solches Lied ist, das ich beim heutigen Hören ganz anders verstehe, als damals im Konzert, da ich viele Momente seines Musikerseins, in denen "sich die Weichen von allein stellen", gar nicht kannte.
Die Funk'n'Blues Nummer "Cuba Libre" war wohl zur damaligen Zeit so etwas wie sein musikalisches Markenzeichen, eine Art zu musizieren, die ihn einmalig machte. Da spielt einer sehr melodiös und rhythmisch abwechslungsreich unterschiedliche Themen, die erst nach und nach einer Grundidee folgen und sich dann steigern bis die rasanten Gitarrenläufe ihren Höhepunkt erreicht haben. Das alles erlebte ich live sehr gefühlvoll und dennoch irgendwo kantig und nicht unbedingt jedem Ohr gefällig. BIEBL war so völlig anders und eigentlich nur er selbst.

Seine Gitarre sang auf der Bühne den "Bolero", während er mit seinem Instrument ganz allein am Rand stehend, die Augen geschlossen, seine Finger die Töne erzeugen ließ. Keine Posen, nichts Einstudiertes und keine oberflächlichen Fingerexzesse - nur Musik. Das war wie gemeinsames Eintauchen, beinahe unwirklich. Unterstützt wurde dieser Eindruck durch die Rhythmusgruppe Junck und Liebig, die dezent, abwechslungsreich und nuanciert im Hintergrund agierte und auf ihn reagierte. Herbert Junck, auf einer Kiste hinter dem Schlagzeug sitzend, und Christian Liebig, am rechten Bühnenrand im Bass-Spiel versunken, gaben sie dem Gitarristen das Fundament, die Melodien und Chorusse zu kreieren, sie manchmal zu variieren und mit ihnen zu spielen.

Was mich in den 60ern schon fasziniert hatte, wird an diesem Abend auch wieder deutlich. HANSI BIEBL kommt ohne vordergründige technische Effekte aus, er formt die Töne zwischen den Bünden und dreht höchstens mal ein wenig an den Knöpfen der Gitarre. In Zeiten wachsenden technischen Aufwands steuerte er auf der Bühne den entgegensetzten Weg, suchte im Blues und mit dem puren Klang der E-Gitarre eher die raffinierte Schlichtheit. Dazu gehörte neben dem großen technischen Können auch der Mut, live so zu agieren. Das hatte er schon mit FRANZ BARTZSCH als Partner mit 4PS versucht und dann mit eigenen Projekten umgesetzt. Ob er erreichte, was er wollte, wird er wohl nur selbst sagen können. Für mich war und ist HANSI BIEBL immer einer, dem die Musik "einfach Spaß machte" und der dieses Gefühl der Freude und Harmonie auch live auf seine Fans übertragen hat.

Das alles ist jetzt beinahe 30 Jahre her und ich wünschte mir manchmal, dieser lang aufgeschossene Typ möge sich endlich noch einmal seine Gitarre umhängen, nicht um all den anderen Klampfern zu zeigen, wie groß die Unterschiede sein können, sondern für uns, die wir darauf hoffen, und möglicherweise auch für sich selbst. Aber wahrscheinlich ist es so, dass nur wir Fans diesen Kick noch einmal bräuchten und unsere Sehnsucht gestillt wissen wollen. Er wohl eher nicht und wozu auch? Es sei denn, der "alte" Haudegen wollte es uns "Alten" von damals noch einmal zeigen und etwas sagen, weil wir auf ihn doch schon so lange warten. Dann sollte er's endlich tun. Pfeif' auf irgendwelche Vergleiche, HANSI, und diejenigen, die sie dann herbei schreiben werden, konstruieren oder verdrehen. Mach's uns und Dir zuliebe, denn "es macht doch einfach nur Spaß" und es ist doch nur Musik, unsere Musik!

P.S.: Ich schenk' Dir diese Zeilen nachträglich zu Deinem Geburtstag (20.02.1945) - herzlichen Glückwunsch, Hansi.

 

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