000 20190425 1570713403
Ein Nachruf von Christian Reder. Fotos: Lutz Müller-Bohlen, Patti Heidrich u.a.



Kennt Ihr auch Menschen, die allein von ihrer Art her eine beruhigende und wohltuende Wirkung haben? Menschen, mit denen man gern Zeit verbringt oder gern ein gemeinsames Projekt anschubst? Menschen, mit denen die Arbeit an einer Sache plötzlich keine Arbeit mehr ist, sondern die pure Abenteuerlust und Freude?001 20190425 1929930426 Menschen, die Euch in echt beschissenen Situationen mit ihrer Art und ihren guten Ideen so eine Zuversicht geben können, dass Ihr gestärkt und positiv in die Zukunft sehen könnt? Ich kannte so einen Menschen. Ich kannte Andreas Hähle.

Irgendwann im Jahre 2007 war Hähle bei Deutsche Mugge plötzlich da. Das waren zu dieser Zeit viele andere auch, aber Hähle blieb nicht nur, Hähle hinterließ vom ersten Augenblick an seine Spuren und bleibende Eindrücke. Sowohl beim gemeinsamen Projekt, als auch in den Herzen und Köpfen seiner Vereinskollegen. Ich wusste damals nix von dem, was er schon geleistet hatte, u.a. dass einer der bekanntesten Texte von Ines Paulke ("Himmelblau") aus seiner Feder stammte und dass er schon mit 11 Jahren Texte für eine Rockband schrieb. Auch nichts davon, dass er sich beim großen Textdichter Kurt Demmler einst Tipps und Tricks für seine Kunst, mit Worten umgehen zu können und diese zu Liedtexten werden zu lassen, abholte. Das trug der Hähle auch nicht vor sich her, sondern erzählte es Dir so am Rande. Ich z.B. erfuhr alles erst, da war er schon eine ganze Weile an Bord. Und dann auch nicht zuerst von ihm, sondern von anderen Leuten die fragten, "Ist das nicht der Hähle, der früher mal ...?" Er gehörte nicht zu den Leuten, die jedem auf die Nase binden müssen, wen sie alles kennen und mit wem sie es schon zu tun hatten. Diese Bescheidenheit mochte ich immer an ihm, denn es gab für ihn keinen Unterschied zwischen einem großen Künstler und dem "normalen Bürger". Beide kochen nur mit Wasser und beide standen für ihn auf einer Stufe. Eine Denkweise, die leider nicht mehr allzu häufig vorkommt.

Hähle war nicht nur bescheiden, er war außerdem eine schier unerschöpfliche Quelle von Ideen und guten Einfällen. Nicht nur, was man so alles zu Papier bringen kann, sondern in unserem Falle auch, was man denn so alles bei deutsche-mugge.de machen könnte. Er stellte uns z.B. den Musiker Christian Haase vor, ging mit ihm auf eine gemeinsame Ostsee-Tour und führte dabei ein Tagebuch, das letztlich bei uns veröffentlicht wurde. Er ging auf verschiedene Konzerte von Musikern, die viele von uns bis dahin nicht kannten oder mit denen man sich noch nicht beschäftigt hatte. Er beschrieb diese Konzerte so, dass man nach dem Lesen immer Lust verspürte, das auch erleben zu wollen, was er da erlebt und aufgeschrieben hatte.002 20190425 1145594087 Er stellte Projekte vor, die man ohne ihn vielleicht gar nicht entdeckt hätte, und er traf sich mit Musikanten für Interviews und entlockte ihnen dabei die interessantesten Geschichten. Egal wo er war, was er machte ... er hatte ein offenes Ohr für alles und jeden. Das war unglaublich! Die Ergebnisse seiner "Reisen" für Deutsche Mugge waren immer höchst informativ und fanden unter Euch auch immer eine ganze Menge interessierte Leser. All das aufzuzählen, wo Hähle auch abseits von Deutsche Mugge mitwirkte oder woran er arbeitete, ist hier gar nicht möglich. Seine Brötchen verdiente er aber hauptsächlich als Fest- und Trauerredner, denn von der Kunst könne man eh nicht leben, sagte er mir mal. Er hatte vor einigen Jahren mal eine Abrechnung von der GEMA bekommen und machte sich während eines Telefonats über den mickrigen Betrag lustig, der unter dem Strich stand. Er nahm das mit Humor, was bei vielen Leuten für Entsetzen gesorgt hätte. Aber es müsse ja weitergehen in der Kunst, fügte er hinzu. Es nütze ja nüscht, und verlor über diese respektlose "Abrechnung" einer künstlerischen Arbeit kein Wort mehr. Mund abputzen und weitermachen. So entstand auch seine Radiosendung "Wahl-Lokal", die aus seiner Arbeit bei Deutsche Mugge heraus entstand. Auf Sendung ging er damit 2011 und ich hatte die Ehre, ihm in Sachen Bands und Musik zuarbeiten zu dürfen. Das "Wahl-Lokal" war für alle Beteiligten eine fruchtbare Sache. Bei ihm durften nur Künstler in Erscheinung treten, die deutsche Texte machten. Besonders war dabei, dass neben großen Namen wie Waggershausen und SILLY auch die kleinen Bands und Solisten eine Chance bekamen, sich in dieser Wertungssendung zu präsentieren und weit zu kommen. Er interviewte dort die großen und kleinen Tiere seines Lebensraums und in seinen Interviews wurde immer auch das heißeste aller Eisen angepackt. Was diese Sendung außerdem so außergewöhnlich machte war, dass sich nicht selten eine berühmte Band oder ein berühmter Sänger mit seiner Neuvorstellung nicht platzieren und eine bis zu ihrem Auftritt bei Hähle komplett unbekannte Neuentdeckung den ersten Platz erobern konnte.003 20190425 1110385941 Sowas gab es im ganzen Land nicht und die Musiker waren natürlich scharf darauf, bei Hähle in die Sendung zu kommen. Videos mit Interviews aus dieser Sendung könnt Ihr übrigens noch in der Rubrik "Sendezeichen" auf unserer Seite finden.

Mir werden die vielen Begegnungen mit Hähle - live oder am Telefon - für immer in Erinnerung bleiben. Ich habe immer gern mit ihm geplaudert und nicht selten führten Gespräche über ein konkretes Thema wie ein Fluss über sein Delta ins weite Meer. Ich erinnere mich an seine Lesung hier bei uns im Castrop-Rauxeler "Brauhaus", die die Reihe "Deutsche Mugge live ..." ausgelöst hat. Zusammen mit Fährmann trat er hier auf. Es war ein wunderbarer Abend, auch wenn das Interesse der ignoranten Castroper eher traurig war. Selbst schuld, dass sie einen wunderbaren Abend mit der "Stimme für die Seele" verpasst haben. Bei einem Treffen in Köpenick vor ein paar Jahren hielt er spontan eine Tischrede. Einfach so und aus dem Stand. Die letzte Begegnung in der echten Welt hatten wir im November 2018. Wir feierten seinen Geburtstag und seine Wiederkehr nach überstanden geglaubter Krebs-Erkrankung. Kurz nach seinem 50. Geburtstag im Jahre 2017 erzählte mir Hähle von gesundheitlichen Problemen, die nichts Gutes erahnen ließen. Was danach kam, war eine gefühlsmäßige Berg- und Talfahrt. Plötzlich war da von Lebensgefahr die Rede und von einem Tumor, der sich heimlich breitgemacht hatte. Hähle entschloss sich, die ganze Sache öffentlich zu machen und die Leute draußen im Land an seinem Schicksal teilhaben zu lassen. Den ziemlich miesen Zeiten, in denen es ihm sehr schlecht ging, folgten auch schöne Momente, wie der eben erwähnte 51. Geburtstag im November 2018. Der erste Gedanke, der mir in den Kopf kommt, wenn ich an diesen Tag denke, ist der, als wir uns in den Arm nahmen und drückten. Ich freute mich so sehr, wie gut er nach der ganzen Prozedur mit Chemo und OP aussah, wie gut gelaunt und zuversichtlich er war. Diesem Höhepunkt folgte der tiefe Fall ins bodenlose Nichts. Der Krebs kam zurück, schlimmer als er vorher war. Hähle war dabei, aufzugeben. Mental schien die Kraft verbraucht und mal ehrlich ... wer würde nach so einem Schlag aufstehen und weiterkämpfen? Hähle tat dies! Einer guten Seele namens Grit Maroske war es letztlich zu verdanken,004 20190425 1355252356 dass mit ihrer Idee, einen Preis fürs Lebenswerk zu erschaffen und mit einer Spendensammlung für Hähle zu verbinden, wieder Lebensmut in den geschwächten Körper des Dichters floss. Die Welle der Sympathie und Liebe, die ihm zuteil wurde, wirkte wie Wind unter die schwachen Flügel. Wir alle haben mit ihm und seiner großen Liebe Lika gehofft, gebangt und auch mitgelitten. Bis heute ...

Ich bin froh, Hähle gekannt zu haben und dass ich ihn einen Freund nennen durfte. Mir wird seine Art fehlen und mir wird sein Umgang mit Worten fehlen. Mir werden die Gespräche fehlen und mir werden seine Ratschläge fehlen. Mir wird seine Warmherzigkeit fehlen, denn er machte - wie er es selbst auch als guten Ratschlag an die Leute heraus gab - nichts ohne Warmherzigkeit. Mir wird der Wortakrobat und der Mensch fehlen. Aber wenn ab morgen jemand über einen besonderen Menschen spricht, der eine spezielle Wirkung hatte und der einem immer dieses gute Gefühl gab, ihn in der Nähe zu haben, dann werde ich von meinem Freund erzählen. Denn ich kann dann sagen, "Ich kannte so einen Menschen. Der hieß Hähle!"
 
 
anmerkung 20190425 1888135567
Im Juni startet bei uns eine besondere Aktion, die ich Andreas widmen werde. Es ist eine Aktion für die Deutsche Krebshilfe, an der ich schon eine Weile arbeite und an der zahlreiche Künstler aktiv beteiligt sind. Vorstellen werde ich sie Euch bereits im Mai an dieser Stelle. Außerdem werden wir in Zukunft den Andreas-Hähle-Preis verleihen. Das Prinzip wird das Gleiche sein wie bei der Aktion für Andreas Anfang dieses Jahres. Wenn ein Künstler aus unserem Kreise unverschuldet in Not geraten sollte - egal ob durch Krankheit oder einen anderen unvorhersehbaren Grund - werden wir uns dafür einsetzen, dass er mit seinem Problem nicht alleine bleibt. Wie wir das entscheiden werden, und ob dafür ein Gremium entstehen wird, die diesen Preis vergeben wird, wissen wir noch nicht. Aber das Vorhaben ist da und mit diesem Andreas-Hähle-Preis wollen wir unseren Freund auch lebendig und gegenwärtig halten.

 
 
Abschied von Hähle:
Zum Vergrößern bitte anklicken

gedicht







Clips

Hähle liest ...


... und Fährmann spielt (Text: Andreas Hähle)



 

 


   
   
© Deutsche Mugge (2007 - 2019)
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen