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Ein Beitrag von Hartmut Helms | Fotos: Hartmut Helms, Stadtarchiv Elsterwerda



Vor fast fünf Jahren habe ich mit Frau, Hund und zwei vollen Containerfahrzeugen Elsterwerda hinter mich gelassen und lebe seitdem in Halberstadt. Zwei Städte, die unterschiedlicher kaum sein könnten und dennoch eines gemeinsam haben: Hier wie dort verfällt ein einstiger Kulturtempel. Beide Häuser, das Gesellschaftshaus Hoppenz und das Kulturhaus in Halberstadt,001 20190317 1081225887 sehen ihrem Abriss entgegen. Eine Gesellschaft entledigt sich (im Osten) all jener Orte, in denen einst vielfältige Geselligkeit erlebbar war und streicht sie einfach aus ihrem historischen Bestand, ohne ernsthafte Gedanken an eine Alternative zu verschwenden. Es macht mich fassungslos, weil ich mir vorzustellen versuche, wo sich Menschen in ihrer Freizeit zukünftig niveauvoll vergnügen und zwanglose Geselligkeit pflegen sollen. Warum, frage ich mich immer öfter, sollten Menschen an einem Ort ohne Kino, Freibad, Tanzlokal sowie einer urigen Kneipe, idealer Weise mit Billardtisch, leben wollen? All das gab es einst in der Kleinstadt Elsterwerda (und auch anderswo). Es ist richtig, dass die Jugend freitags auf die Straße geht, um für ihre Zukunft zu demonstrieren. Eine vielfältige Kultur gehört dazu!

Meine schönsten Erinnerungen an "Hoppenz" sind die vielen Tanzveranstaltungen in den 60er Jahren mit den Bands von Theo Schumann, Uve Schikora, Klaus Renft, den Sputniks, Berolina Singers oder den Virginias. Ich denke an die Schulfeste der Penne, an die Tanzstunden mit Frau Schweitzer-Radant aus Lauchhammer und den Fasching. Mir fällt Konrad "Conny" Grafe ein, in dessen Kneipe wir in der Woche gern ein Schnitzel mit Salat plus Bier bestellten. Natürlich erinnere ich mich an meine Konzert-Reihe ROCK-MIX mit Kreis, Prinzip, Electra, Lift, Kerth, City oder Pond, die ich mit Freunden, oftmals unter beinahe abenteuerlichen Umständen, auf die Bühne bringen durfte.002 20190317 1237706474 Ich erinnere mich an Szenen hinter der Bühne und im Kopfkino ziehen viele Gesichter vorüber, mit deren Namen jene Konzerte für immer verbunden sind. Selbst heute noch, beinahe vierzig Jahre danach, werde ich manchmal darauf angesprochen und das erfüllt mich mit Stolz. Mit einigen der Musiker von damals bin ich noch immer befreundet und wir erinnern uns gern an diese Konzerte in der alten Hütte "Hoppenz", wenn wir uns irgendwo begegnen. Rückblickend kann ich ruhigen Gewissens konstatieren, ich habe dort eine wilde, bewegte und kreative Zeit gehabt.

Als wäre manches erst gestern geschehen, so klar ist noch heute manche Episode in meinem Kopf. Die Gruppe Kreis reiste damals mit einer neuen selbstgebauten PA an und die Techniker begannen damit, die schweren Boxen erst auf der Bühne mit einem Anstrich zu versehen. Zum Konzert waren die Arbeiten beendet und die überfüllte Hütte erlebte ein umjubeltes Konzert. Mit Dankbarkeit denke ich an das legendäre Konzert von Lift mit Gerhard Zachar und Henry Pacholski. Damals wurde uns die komplette Suite "Meeresfahrt" vorgestellt, ohne dass deren Titel schon existierte. Nur ein Jahr später verunglückten die beiden Musiker auf der Rückfahrt von einer Polentournee tödlich. Natürlich denke ich an das Konzert von City, an die Schwierigkeiten mit dem Starkstrom für die Lichtanlage und an die Fahrt nach Berlin, um vergessene Schlagzeugteile zu holen, während wir die Massen draußen vor der Tür warten ließen (ohne dass randaliert wurde). Ich denke an Karussell und die Begegnung mit dem unvergessenen Cäsar sowie an einen wundervollen Bluesabend mit Jürgen Kerth. Auch das Konzert mit dem neuen Trio POND am Nikolaustag 1978 wird mir unvergessen bleiben. Wir hatten in nur zwei Jahren insgesamt 14 Gruppen auf unserer Bühne, ehe wir ab 1979 aus technischen Gründen in das Kulturhaus Plessa wechselten. Schon damals hätte man das alte Haus renovieren müssen. Das hatte man zu DDR-Zeiten ebenso wenig in Angriff genommen, wie man es in den folgenden drei Dekaden "aufblühender Landschaften" gegen die neuen Widerstände ebenso wenig umsetzen konnte oder nicht wollte. Kommentar überflüssig.

003 20190317 2012753228Heute bin ich einer jener Zeitzeugen, die fast schon bedauernd darauf schauen, wie viele Jugendliche Gelegenheiten suchen, auf vergleichbare Weise wie wir damals ihre Neigungen auszuleben. So ganz langsam stirbt hierzulande eine Nischenkultur aus, die es aber braucht, um von da aus die "Höhen der Kultur" zu erklimmen und ich frage mich oft, was wird wohl die Generation meiner Enkelkinder in der Zukunft erwarten? Versinken die dann tatsächlich in einer "perfekten" virtuellen Scheinwelt, während die Realität "draußen" unbemerkt nach dem Willen anderer "gestaltet" und gesteuert wird??

Normalerweise sollte ich mich freuen, vielleicht sogar Stolz empfinden, wenn Passagen aus meinem Buch zitiert werden, um ein besonderes Geschehen "bei Hoppenz" in Erinnerung zu rufen. Doch im Grunde bin ich entsetzt, weil der Zusammenhang, in dem ich von der "Lausitzer Rundschau" aus dem Buch zitiert wurde, einen unrühmlichen, ja kaum zu fassenden endgültigen Zustand umreißt. Das Gesellschaftshaus "Hoppenz" in Elsterwerda, über viele Jahrzehnte ein Zentrum vielfältiger Kultur, der Geselligkeit und angenehmer Unterhaltung, soll nun nach Jahren von Siechtum und Verfall, "endlich" abgerissen werden. Diese Gesellschaft, in die Elsterwerda eingebettet ist, schafft es locker, Millionen in eine Flughafenruine zu scheffeln, Millionen für unsinnige Beraterverträge auszugeben und ad hoc Geld für "dringend notwendige" Rüstungsgüter aufzutreiben, während überall im Land Kulturhäuser verfallen, bis sie endlich zum Abriss freigegeben werden. Dass dahinter System steckt, macht wütend! Falls dort, wie angekündigt, 20 Wohnungen errichtet werden,--- re --- darf man getrost davon ausgehen, dass weder der Staat noch die Stadt Elsterwerda diese Aufgabe übernehmen werden. Ein Investor hat in aller Regel privatwirtschaftliche Interessen und ist von daher weit davon entfernt, "Gutes tun" zu wollen. Zumindest nicht für die Allgemeinheit.

Um die Ruine des Gesellschaftshauses Hoppenz rankt sich heute ein Bauzaun. Dahinter versuchen sich einige Mauerreste verzweifelt senkrecht zu halten, während die Dachkonstruktion vom Saal den Geist aufgegeben hat, längst eingebrochen ist. Nur wer die alte Hütte noch aus besseren Zeiten kennt, kann sich vor diesem Haufen Schutt noch vorstellen,004 20190317 1025614537 wie am Bühneneingang die Boxen geschleppt wurden, während vorn schon die ersten Fans auf Einlass warteten. Ich habe damals nur zwei Minuten Fußweg entfernt - um die Ecke - in der Breitscheidstraße, gegenüber dem HO-Laden von Frau Berndt, gewohnt. Wenn ich sonnabends meinen Kopf aus dem Fenster gesteckt habe, konnte ich schon hören, ob der Jugendtanz bereits begonnen hatte. Dann bin ich losgelaufen und war Augenblicke später bei meinen Freunden. Davon, und von solchen kompakten Erlebnissen, kann die Jugend heute nicht einmal mehr träumen. Sie können sich schlichtweg nicht vorstellen, dass in der DDR auch auf alternativen Wegen zu leben möglich war. Das ist Teil des Systems und das macht traurig, weil es vielen Lebensleistungen der einfachen Menschen in der DDR schlicht nicht gerecht wird. Dies ist einer der Gründe, weshalb ich meine Erinnerungen und Gedanken aufschreibe und im Netz öffentlich mache - wider das Vergessen.

Das Gesellschaftshaus "Hoppenz" in Elsterwerda hat eine würdevolle und lange Geschichte. In den 1960er Jahren wird es zum beliebten Beat-Schuppen und in den späten 1970ern zu "meiner" Rock-Bühne, ehe es in den 1990ern von der Disco-Generation vereinnahmt wird. Danach beginnt der schrittweise Verfall. Nun hat man beschlossen, die alte Hütte abzureißen. Es ist eine der ungezählten stillen kulturellen Tragödien hierzulande.
 
Konzerte im Gesellschaftshaus Hoppenz:
• Bericht über das Konzert der Gruppe KREIS (1977): HIER
• Bericht über das Konzert der Gruppe BROT & SALZ (1977): HIER
• Bericht über das Konzert von POND (1978): HIER 





   
   
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