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Ein Nachruf von Andreas Hähle | Foto: Ronny Pabst



Der Stobbe. Er bezeichnete sich als Künstler, Erfinder, Menschomane. Als quecksilbriger Geist aus der Flasche. Als Besserwisser und alle Schubladen Ignorierender. Als KAPAULKE verkörperte er den Berliner, wie er gemocht und gehasst wird. Der leckt nämlich den Finger, den er gleich in die Wunde steckt, vorher ab. Wejen die Hygene.

001 20181113 1534303610Geboren wurde er als Ralf Lehmann am 4. April 1962 auf dem Fahrgastdampfer „Pieskow“ im Hoheitsgebiet von Bad Saarow. So hat er es selber erzählt, aber ob es so war, weiß man nicht, denn er hat uns ja schon zu Lebzeiten hin und wieder die Taschen vollgehauen. Warum sollte er denn jetzt damit aufhören? Nehmen wir doch einmal die Geschichte, warum der Stobbe meint, Berliner zu sein, Urberliner, eigentlich geborener Berliner. Begründet hat er das so: Er wurde in Berlin erdacht und vor allem gezeugt. So und damit ist zumindest schon einmal ein großes Rätsel der Weltgeschichte gelöst. Nur eben bei seiner Geburt wurde er Gast des Krankenhauses Bad Saarow. Einen Tag nach diesem welthistorischen Ereignis wurde eine dreimonatige Quarantäne über das Krankenhaus verhängt. Aber auch diese Zeit ging vorbei und der Kleine kam zu seinen Großeltern, bei denen er aufwuchs und in deren Dorf namens Halbe er auch zur Schule ging. Ein Abitur konnte er allerdings nicht ablegen, weil er Protestant war und in der DDR gedacht wurde, es wäre eine Art verdeckter Code für Protestler. Zumindest auf Ralf Stobbe bezogen hatten die ja gar nicht so unrecht. Eine Art Protestler ist er zeit seines Lebens geblieben. Schon als Kind hatte er große Ambitionen, sich künstlerisch zu betätigen. Sein Großvater benutzte das Angebot, ihm mal eine Gitarre zu schenken, als Druckmittel bzw. Gegenangebot für landwirtschaftliche Arbeiten. Den Ernst des Lebens ging er im September 1978 an, als er eine Lehre zum Schmied antrat. Nebenbei machte er bereits Kultur, vorwiegend auf den Gebieten der Literatur und der Musik und sehr gerne auch in der Verbindung von beidem, was ihm im Juni 1979 eine Einstufung als Liedermacher einbrachte. Einen Monat zuvor hatte er mit dem Dichter und Leiter des dramatischen Zirkels der Kalksandsteinwerke Niederlehme, Prof. Dr. Weiß, zu arbeiten begonnen und dessen Lieder für die Arbeiterfestspiele 1980 komponiert. Was einen 1. Platz bei diesen einbrachte. Mit der Jazz Rock Combo OKTOPUSSY nahm er bis zum Oktober an verschiedensten Festivals teil. Dann wurde seine aufstrebende Künstlerkarriere jäh vom Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee unterbrochen.

Ralf Stobbe wollte nach dieser Zeit gerne am „Literaturinstitut Johannes R. Becher“ in Leipzig studieren. Die Hochschule bestand er, jedoch wurde ihm dieses Studium aufgrund seines fehlenden „historischen Optimismus“ verweigert. Und so war er eben seit 1986 als freier Autor unterwegs. Er schrieb etliche musikalisch-literarische Programme und Lieder.002 20181113 1527524144 Auch Filmstoffe lieferte er, die allerdings nie gedreht wurden und Theaterstücke, die nie aufgeführt wurden. Seine Arbeiten für die Kindersendung „Hoppla“ beim Fernsehen der DDR wurden wiederum gesendet. Eine weitere Zusammenarbeit ergab sich ebenfalls in diesem Jahr, die mit dem Musiker und Produzenten Matthias Schramm, mit dem er als dessen Texter für drei Jahre ein Autorenduo bilden würde. Auch die Idee für ein Kinderballett lieferte er, welches 1990 mit der Musik von Wolf Butter am Theater Brandenburg aufgeführt wurde.

Die Wende brachte andere Zeiten und damit auch andere Aufgaben für Ralf Stobbe mit sich. Auch politisch war er aktiv: Er lebte hauptsächlich davon, Flugzeuge und Hubschrauber zu verkaufen. Auch mit Müll und Bauschutt hatte er sich beschäftigt. Und mit Wein. Was ihn als Weinverkosterprofi bis nach Frankreich brachte. Erst ab 1999 widmete er sich wieder den künstlerischen Arbeiten. 2002 schloss er mit einem Freund eine Wette ab, 100 neue Berliner Lieder oder zumindest in der Berliner Mundart zu schreiben. Daraus entstand 2003 das Berlin-Musical "Stadtstadt". 2006 entwickelte sich aus dieser Idee noch dazu das Coupletprogramm "Icke bins" und die Figur Kapaulke sowieso, der seitdem nicht nur das Alter Ego von Ralf Stobbe war. Viele meinten bald, der Ralf heißt wirklich Kapaulke. Paul Kapaulke. Dieser lud seit 2009 Musiker und andere befreundete Künstler in Kapaulkes Salon. Der immer wieder aus gesundheitlichen Gründen ausfallende, weil in Krankenhäuser einfallen müssende Künstler wurde immer umtriebiger. Zahlreiche Projekte ging er an, setzte er um, die aufzuzählen den Rahmen schier sprengen würde.003 20181113 1309907616 Es steht ja alles auf seiner Homepage, die ja sicher weiter leben und Ralf Stobbe weiter leben lassen wird. Zwei Jahre lang, von 2013 bis 2015, war er zudem Kapitän auf dem Kulturkahn Helene, der am historischen Hafen von Berlin liegt. Ja, wo sonst?! Und wo unter seiner Ägide herzlichst und natürlich die Berliner Mundart gefeiert wurde.

Wieder war es die Gesundheit, die ihm bei all den vielen Projekten ein Schnippchen schlug. Doch Ralf Stobbe schrieb als Kapaulke weiter neue Berliner Chansons, gerade mal so dem Tod von der Schippe gesprungen. Nur den Kulturkahn zu schippern schaffte er nicht mehr. Den gab er in die Hände des Jazzmusikers Dave Liebmann, der liebevoll das alte Kapaulke-Konzept weiterführt.

Ins Fernsehen und zu einer Berühmtheit anderer Art gelangte er durch die Erfindung des "Throns", einem Sitzmöbel für Beleibte. Er beaufsichtigte die Herstellung und den Verkauf mit dem ihm eigenem Witz.

Ralf war stets ein ehrgeiziger und strebsamer Typ. Seine Zielstrebigkeit und seine liebenswerte Berliner Art hatte er hin und wieder doch mal mit seiner resoluten hintertrieben. Da ging mancher von Bord, andere blieben. Und denen, die blieben, war er der treueste Freund, den man sich vorstellen konnte. Der Stobbe, der Kapaulke war immer der Kapitän, immer der Chef, mal mit Boot, mal ohne.








   
   
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