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Ein Beitrag von Christian Reder (Fotos: Pressematerial)



Kein Todesfall - Ein Comeback!
In den letzten Jahren hat die internationale Musikszene viele große Namen verloren. Entweder haben sich Künstler aus gesundheitlichen Gründen von der Erde oder aber aus Altersgründen von der Bühne verabschiedet. Nach jeder dieser Meldungen wird das eigene musikalische Universum immer ein Stück kleiner, man selbst trauriger. Umso erfreulicher ist es, wenn Solisten oder Bands von einst die Entscheidung treffen, es noch einmal wissen zu wollen und ein Comeback zu starten. Dies hat die Gruppe CULTURE CLUB um den charismatischen Paradiesvogel Boy George zwar schon 2014 für sich entschieden, aber in diesem Jahr wird das Comeback der Briten auch an den Deutschen Strand angespült. CULTURE CLUB kommen im Zuge ihrer Tour am 4. und 5. Dezember für zwei Konzerte nach Deutschland!

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"Willst Du mich wirklich verletzten?"
Jeder, der sich für Musik interessiert, kennt den Hit "Do You Really Want To Hurt Me" der britischen Kapelle. In Deutschland belegte der Song im Herbst 1982 und Winter 1983 für sieben Wochen den ersten Platz der Single-Charts. Damals war sowas noch relevant, da es um echte Zahlen bei Verkäufen und Ausstrahlung im Rundfunk und TV ging und man ordentlich was an den Mann und die Frau gebracht haben musste, um da oben zu landen. Diesen Spitzenplatz belegte die Band in 23 Ländern und kam damit in den US Billboard Charts auch auf einen beachtlichen zweiten Platz. Gold kassierte die Scheibe u.a. in Deutschland und England - bemerkenswert deshalb, weil man eine solche Auszeichnung heute schon für Downloads im fünfstelligen Bereich bekommt, damals aber noch mindestens 250.000 Tonträger verkauft haben musste. Dies aber nur für die Statistik-Freunde unter unseren Lesern. Interessanter war die Geschichte um das Lied herum. Im Herbst 1982 gab es in Deutschland für die Jugend verschiedene TV-Formate, die Video-Clips und vom Deutschen Fernsehen selbst produzierte Videos zu Auftritten verschiedenster Künstler zeigten. Quasi das YouTube der Steinzeit. Hier informierte man sich über das Neuste aus der Musikwelt, holte sich Tipps für den nächsten Besuch im Plattenladen und genoss den damaligen Zeitgeist, der gerade in der Musik so abwechslungsreich und bunt wie noch nie zuvor war. In einer dieser Sendungen - ich weiß wirklich nicht mehr welche - wurde das Video einer jungen Formation namens CULTURE CLUB aus England gezeigt. Das Quartett hatte bis dahin in ihrer Heimat mit "White Boy" und "I'm Afraid Of Me" bereits zwei wenig beachtete Singles veröffentlicht und mit ihrer dritten Single, in der zu Reggae-Klängen gefragt wurde, ob da wirklich jemand das Lied-Ich verletzten wolle, wohl den Nagel voll auf den Kopf getroffen. Nach nationalen Erfolgen auf der Insel (hier war der Titel zuerst eine Nummer 1) eroberte sie nach und nach viele andere Hitparaden der Welt und wurde deshalb auch in Deutschland gespielt und gezeigt. Als ich das Video zum ersten Mal sah, war ich komplett verwirrt. Dort war eine Frau zu sehen, die mit einer ziemlich maskulinen Stimme einen Reggae-Song vortrug. Mit dieser Verwirrung ließ man den TV-Zuschauer anschließend auch zurück, denn es gab keine nähere Aufklärung darüber, was das nun für eine Band ist und warum das Bild (Sängerin) nicht zum Ton (Stimme) passen wollte. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie auch die Jugendzeitschriften BRAVO und POP ROCKY, die man damals als Jugendlicher halt so las, auch über dieses Thema berichtete.002 20181013 1143825927 Das androgyne Auftreten Boy Georges, der lange Haare unter seiner Melone trug und kräftig Make-Up aufgetragen hatte, faszinierte und beschäftigte Presse wie Publikum gleichermaßen. Es wurden darum auch die wildesten Spekulationen über das wahre Geschlecht angestellt und der Playboy sprach über Boy George sogar vom "König oder Königin der Popmusik". Eine lang anhaltende Unsicherheit, die heute undenkbar wäre, hätte das Internet doch innerhalb von wenigen Klicks sofort eine Antwort parat. Ich weiß wirklich nicht mehr, wann das aufgelöst und Boy George als Mann "geoutet" wurde, aber welchen Geschlechts er letztlich war, interessierte schon kurze Zeit später gar nicht mehr. Zumindest mich nicht.

Mehr als nur ein Hit - mehr als nur eine Richtung
Viel interessanter fand ich die Musik, die der "Kulturklub" von der Insel in Richtung Europa und in den Rest der Welt entsandte. Die Musik steigerte sich in Bezug auf ihre Farbenpracht ebenso, wie das Auftreten des "Boy" immer weiter. Nach der Reggae-Nummer "Do Your Really Want To Hurt me", mit der man die Band hier kennenlernte, folgten ein Jahr später u.a. die tanzbare Pop-Nummer "Karma Chameleon", die vom Funk nicht nur angehauchte, sondern auch stark durchzogene Hynme "Miss Me Blind", die durch seine unglaublich hohe Qualität auffällige Klavier-Ballade "Victims" und nicht zu vergessen die angejazzte und Latino-Elemente in sich tragende Klang-Collage "It's A Miracle". Mit der ziemlich "amerikanisch" klingenden Single "Move Away" verabschiedete sich die Band dann vom deutschen Publikum und kurze Zeit später fand der rasante Aufstieg dieser Band einen unerwarteten Absturz. Der CULTURE CLUB löste sich auf und seine Mitglieder gingen getrennte Wege. Dies hatte verschiedene Ursachen, u.a. das Liebes-Aus von Boy George und seinem Band-Kollegen Jon Moss, der später "die Seiten wechselte", heiratete und Vater von drei Kindern wurde. Auch, dass die drei Instrumentalisten stets im Schatten ihres Frontmanns standen und darum wenig vom Sonnenlicht des Ruhms abbekamen, war einer der Gründe, warum es nicht mehr weiter ging. Drogenprobleme kamen dazu und nicht zuletzt schrieb die Presse die Band kaputt. Schon damals waren die Hochglanz-Magazine natürlich mehr an Nebenkriegsschauplätzen (Boy Georges Gewichtsprobleme, das Ausschlachten seiner Outfits und skurrilen Auftritte, Drogenkonsum) als am Handwerk der Kapelle interessiert und so fand man so gut wie kaum noch Notizen über den Output des Ensembles,003 20181013 2010644470 dafür aber mehr Geschichten, die die Öffentlichkeit eigentlich nicht zu interessieren hatten. Das Ende vom Lied war das Ende von CULTURE CLUB. Boy George machte solo und in verschiedenen anderen Projekten weiter, die anderen Jungs verschwanden in der Versenkung. Schluss - Aus - Micky Maus ...

Ein neues Album: Absolut stark!
Es gab ein Comeback Ende der 90er ... einen weiteren Versuch Mitte der Nuller-Jahre ... aber der Kahn nahm nie wieder dauerhaft Fahrt auf. Boy Georges Solo-Aktivitäten waren auch von überschaubarem Erfolg gekennzeichnet und abseits der Kultur-Schiene sorgten überwiegend verschiedene kleine und große Skandale um ihn für Schlagzeilen. Seit 2014 - ich erwähnte es bereits - ist Bewegung in die Sache gekommen und die Band steht in Original-Besetzung mit Boy George (Gesang), Roy Hay (Gitarre, Keyboards), Mikey Craig (Bass) und Jon Moss (Schlagzeug) wieder auf der Bühne. Mehr noch: Sie war auch im Studio. Ein neues Album ist fertig, heißt "Life" und wird am 26. Oktober in den Handel kommen. Unserer Redaktion liegt die Scheibe bereits vor und der Song "Let Somebody Love You" ist bereits als Single vorab ausgekoppelt worden (den Clip dazu findet Ihr unten auf dieser Seite). Die Platte hat eine für viele sicher unerwartet hohe Qualität, die Kapelle zeigt sich von ihrer stärksten, nämlich farbenfrohesten Seite und wirkt handwerklich auf einem sehr hohen Level.
Der in Moll-Töne gekleideten und mit monotonem Synthie-Geblubber (absolut positiv gemeint) unterlegten Nummer "God & Love", die mit Gospel-Elementen und einer verschärften Gitarre im Mittelteil aufwartet, folgen eine Reihe Titel, die mit Nachdruck einen Fuß in die Tür zum Geschmackszentrum der Hörer stellen.
"Bad Blood" ist der nächste Song auf dem Album, der - je nach Lautstärke beim Konsum - mit einer tief in der Magengegend wühlenden Bass-Figur und einer sich gleich ins Ohr grabenden Hookline um die Ecke kommt. Entspannt groovt sich die Nummer ins Herz des Hörers und legt die Hand ebenso entspannt aufs Tanzbein.
Im folgenden "Human Zoo" ließ man sich offenbar von afrikanischer Musik inspirieren und liefert auf der Langrille eine entsprechende Nummer ab, die Weltmusik mit Popmusik verbindet und die eben erwähnte Farbpalette auf "Life" erweitert.
Mit einer Reggae-Nummer hat man die Band in Deutschland erstmals wahrgenommen und mit einer weiteren Reggae-Nummer kehrte die Band im August 2018 wieder zurück. "Let Somebody Love You" erinnert an die starken Titel von SIMPLY RED und UB40, sind aber eindeutig CULTURE CLUB - ohne Wenn und Aber. Ein herrlicher Gute-Laune-Spender für jede Tages- und Nachtzeit.
In diesem Fahrwasser bewegt sich die Band im Stück "What Does Sorry Mean?" weiter, wenn auch deutlich in der Geschwindigkeit reduziert. Eine Reggae-Ballade mit leichten Jazz-Spritzern, die den Spaß-Faktor dieser CD weiter steigert.
Im folgenden "Runaway Train" treffen 70er Phillysound und druckvoller Zeitgeist-Wums aufeinander. Das macht Freude, das kommt an und man mag sich daran irgendwie gar nicht satt hören.
004 20181013 1427091772Einen weiteren Akzent setzt die funkig arrangierte und mit slappendem Bass sowie Bläsersatz vertonte Komposition "Resting Bitch Face", die so richtig geil groovt - besonders wenn der Volume-Regler schön weit hochgezogen wurde. Da scheppert es ordentlich und ein Stillsitzen wird unmöglich. Spätestens an dieser Stelle dürfte die Band auch den schärfsten Kritiker eingefangen haben.
Mit "Different Man" kehren wir zum Soul zurück - Billy Joel lässt grüßen - und der CULTURE CLUB hätte mit dieser Nummer durchaus auch in einem der Blues Brothers-Filme auftreten können. Wieder trifft man auf einen Ghospel-Chor und lässt sich vom aktuellen Sound dieser Band verzaubern und mitreißen. Eine weitere Gute-Laune-Nummer, die einem so richtig die schlechte Laune versauen kann.
"Oil & Water" ist eine Klavier-Ballade, die sich perfekt neben der weiter oben in der Bandhistorie schon erwähnten Single "Victims" von 1983 stellen lässt, ohne das eine der beiden Lieder seinen Glanz verlieren würde. Zeitlos schön, entspannt dahin gleitend wie eine edle Limousine auf der Landstraße und gesanglich wunderbar vom "Boy" in Szene gesetzt.
Eine ordentliche Gänsehaut der angenehmen Art zaubert uns der CULTURE CLUB mit "More Than Silence" auf die Haut. Ein Stück Musik, in das man eintauchen kann, das eine herrliche Gitarren-Figur als i-Tüpfelchen mitbringt und dessen Refrain einfach nur umhaut. Anbei sei erwähnt, dass uns Boy George hier stimmlich richtig überzeugen kann. Für mich eins der Highlights auf diesem Album.
Entlassen wird man mit dem das Album seinen Namen gebenden "Life", in dem nochmal alles ausgepackt wird, was die Band stark macht. Musikalität, Einfallsreichtum und vor allen Dingen eine extrem starke Umsetzung.
Bei jedem der Stücke fällt auf, dass die Stimme von BOY GEORGE gereift ist. Man erkennt sie wieder, sie ist mit den Jahren - und sicher auch durch den Lebenswandel - aber deutlich dunkler geworden. Das steht ihm aber und er weiß damit gut umzugehen. Auf dem Album "Life" befindet sich nicht ein einziger Titel, bei dem er eine schlechte Figur macht. Ebenso gibt es keinen Titel, den man als "Füllstoff" oder "Sättigungsbeilage" werten könnte. Es sind insgesamt 11 Songs, die als "A-Seite" zu bezeichnen sind, gäbe es noch 7" Singles, und die wirklich rund sind.

"Life", live, live ...
Spannend dürfte es sein, wie die Band das neue Material live auf der Bühne umsetzen wird und wie die Klassiker von einst heute klingen werden. In Deutschland hat man da am 4. Dezember im Kölner "Palladium" und am 5. Dezember in der Berliner "Verti Music Hall" die Gelegenheit, sich diese Frage vom "Boy" und seinen Bandkollegen selbst beantworten zu lassen. Auf der Tour werden Boy George & CULTURE CLUB von zwei weiteren Künstlern aus den guten alten 80ern begleitet.005 20181013 1976394006 Für das Vorprogramm sind sowohl Belinda Carlisle (ex- The GoGos) und Tom Bailey (die Stimme der Thompson Twin) mit dabei. Wir von Deutsche Mugge wollen versuchen, Euch über die Berlin-Mugge zu berichten. Aber vorher könnt Ihr Euch schon das Album kaufen, das es ab dem 26. Oktober 2018 auf CD und Schallplatte im Fachhandel geben wird. Schön, wenn man nach so vielen Rückzügen und Todesfällen der letzten Monate auch mal über so viel Positives wie das Comeback und die neue Platte des CULTURE CLUB berichten kann. Möge es bei der Qualität des neuen Werks auch weitergehen und nicht nach der Tour gleich wieder enden.



Termine:
• 04.12.2018 - Köln - Palladium
• 05.12.2018 - Berlin - Verti Music Hall

Alle Angaben ohne Gewähr! Nähere Infos auf den Hompages des jeweiligen Veranstalters.


Bitte beachtet auch:
• Offizielle Homepage von Culture Club: www.culture-club.co.uk
• Homepage des Berliner Konzertveranstalters: www.bonnticket.de
• Homepage des Berliner Konzertveranstalters: www.trinitymusic.de






Videoclips:


Die aktuelle Single "Let Somebody Love You"




Klassiker der Band:
















   
   
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