000 20180107 1535970162
Ein Nachruf von Christian Reder. Fotos: Pressematerial
 

Ich liebe Frankreich. Das Land, die Menschen, die kulinarischen Kostbarkeiten, die Kultur, die Musik ... alles! Im Jahre 1988 war ich das erste Mal dort. Es war die Abschlussfahrt meiner Schulklasse, und das Ziel unserer Reise war St. Malo in der Bretagne. Eins der schönsten Flecken auf der Erde und zu jeder Jahreszeit eine Reise wert.001 20180107 1639392247 Von jeder Reise bringt man nicht nur Eindrücke von Land und Leuten mit nach Hause, sondern hat anschließend auch einen Soundtrack im Kopf und im Herzen. Dieser Soundtrack beinhaltet Lieder, die einen auf der Reise begleitet haben oder die man am fernen Ort für sich entdeckt hat. Zu meinem Soundtrack "Frankreich '88" gehören u.a. die aus Frankreich stammenden und auch in Deutschland zu Hits gewordenen Songs "Voyage Voyage" von DESIRELESS, "Etienne" von Guesch Patti und natürlich auch "Ella elle l'a" von FRANCE GALL. Heute verließ ein Teil dieser schönen Erinnerung und meiner großen Liebe Frankreich diesen Planeten für immer. FRANCE GALL starb im Alter von 70 Jahren in ihrer Heimatstadt Paris.

Eigentlich war Gall damals im Jahre 1988 gar keine Kandidatin mehr für einen Publikumspreis von der BRAVO oder als Neuentdeckung von Teenagern. Sie war bereits 41 Jahre alt und hatte ihre erfolgreiche Zeit in Deutschland zwanzig Jahre zuvor mit Liedern wie "Links vom Rhein und rechts vom Rhein", "Zwei Apfelsinen im Haar", "Computer Nr. 3" oder "Ein bisschen Goethe, ein bisschen Bonaparte", die dazu noch im Schlagerbereich zu verorten waren. Damals stimmte die Leserschaft der eben genannten Jugendzeitschrift noch für sie ab, so dass sie mehrere BRAVO-Ottos erhielt. Doch ihre Hommage an die Jazzsängerin Ella Fitzgerald, "Ella elle l'a", wurde 1988 eine Nummer 1 in Deutschland und auch die folgende Single "Babacar" kam bis auf Platz 14 der deutschen Single-Charts. Damit begeisterte sie nicht nur ihr Publikum aus den 60ern, das sich noch gern an sie erinnerte, sondern sie gewann eben auch bei den Teenies reichlich neue Fans dazu. Was für ein Comeback!

FRANCE GALL kam am 9. Oktober 1947 in Paris als Isabelle Geneviève Marie Anne Gall zur Welt. Mit 15 Jahren brach sie die Schule ab und begann ihre Karriere als Sängerin. Da es zu der Zeit in Frankreich bereits eine bekannte Sängerin mit dem Vornamen Isabelle gab, nannte sich das junge Mädchen einfach FRANCE GALL und machte unter diesem Namen Karriere.002 20180107 1493131058 Der Weg als Sängerin ins Showgeschäft lag bei ihr auch nahe, kam sie doch aus einem sehr musikalischen Elternhaus. Ihr Vater Robert Gall schrieb unter anderem Chansons für Charles Aznavour und Édith Piaf. Eine für sie glückliche Fügung war zudem der Kontakt zum Sänger und Songschreiber Serge Gainsbourg. Er schrieb ihr den Titel "Poupée de cire, poupée de son", mit dem sie 1965 den Grand Prix Eurovision de la Chanson (heute Eurovision Song Contest) für Luxemburg gewann. Gainsbourg, der speziell für seine Wortspiele und den Hang zum Frivolen bekannt war, schrieb weitere Lieder für sie, die - von der jungen Frau interpretiert - auf den ersten Blick unschuldig wirkten, aber voller erotischer Doppeldeutigkeiten waren. U.a. kam von ihm im Jahre 1966 auch das Stück "Les sucettes", das FRANCE GALL mit 19 Jahren sang. Sie selbst - so erzählte sie mal in einem Interview - ging davon aus, in ihrem Lied von Dauerlutschern zu singe. Aber das Wort "sucette" hat im Französischen nicht nur die eine Bedeutung, sondern kann auch zweideutig verstanden werden, da es auch für Fellatio steht. Dies wurde der jungen Frau aber erst bewusst, als die Nummer längst ein großer Hit war. Das Publikum nahm ihr das - auch wenn sie sich selbst dafür schämte - nicht übel. Im Gegenteil! Trotz aller Erfolge in ihrer Heimat, verließ FRANCE GALL Frankreich und ging 1966 nach Deutschland. Hier nahm sie bis 1972 Lieder mit auf Deutsch gesungenen Texten auf und veröffentlichte diverse Platten. Auch am Deutschen Schlager-Wettbewerb nahm sie teil und bekam 1968 für ihr Lied "Zwei Apfelsinen im Haar" eine Goldene Schallplatte. Später bezeichnete die Sängerin ihre Zeit in Deutschland als "nicht die schönste ihres Lebens", haben ihr die Erfolge und die viele Arbeit die Chance auf ein "normales Erwachsenwerden" genommen. Außerdem stand das, was sie vorher und nachher in ihrer Heimat Frankreich und dem, was sie in Deutschland machte, stilistisch im krassen Kontrast. Erfolgreich zwar, aber nicht wirklich aus Überzeugung. Ab 1973 machte sie wieder in ihrer Heimat Frankreich Musik,003 20180107 1417694502 wovon das deutsche Publikum aber kaum etwas mitbekam - erst 15 Jahre später wieder, als sie in Deutschland mit dem eingangs schon erwähnten "Ella elle l'a" eine Nummer Eins feiern konnte (in ihrer Heimat kam der Song allerdings nur bis auf Platz 2), war sie über Nacht plötzlich wieder da und in aller Munde.

Nach dem Tod ihres Mannes Michel Berger, der in den 70ern Auslöser für ihr Comeback in Frankreich war und der 1992 bei einem Tennisspiel plötzlich verstarb, gab die Sängerin kaum noch Konzerte. Im Jahre 1993 erkrankte sie außerdem an Brustkrebs, was ein weiteres einschneidendes Ereignis in ihrem Leben war, und nach dem Erscheinen ihres letzten Studioalbums im Jahre 1995 wurden ihre Auftritte noch seltener. Knapp zwei Jahre später (1997) starb dann ihre Tochter Pauline im Alter von 19 Jahren an der Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose. All diese Schicksalsschläge, die schon einzeln nur schwer zu ertragen sind, kamen bei FRANCE GALL innerhalb kürzester Zeit und Schlag auf Schlag. Sie waren letztlich Gründe für einen kompletten Rückzug der Künstlerin aus der Öffentlichkeit. Erst 2015 meldete sie sich mit dem Musical "Résiste" zurück, doch die Rückkehr in die Öffentlichkeit brachte ihr kein Glück. In den vergangenen zwei Jahren befand sich die Künstlerin erneut im Kampf gegen den Krebs, den sie - wie ihre Agentin Geneviève Salama die Presse heute wissen ließ - "im Stillen und mit Würde" geführt hatte. Bereits Ende Dezember kam sie in ein Pariser Krankenhaus, wo sie heute an den Folgen ihrer Krankheit verstarb. Frankreich verliert damit eine seiner besten Sängerinnen, ein Stück Kultur und einen liebenswerten Menschen, der über Jahre hinweg mit einzigartiger Stimme und besonderer Art des Vortrags die Herzen der Menschen für sich einnahm. Ein großer Verlust nicht nur für die Franzosen. Für FRANCE GALL selbst ist es eine Erlösung von Leid und Schmerz und ein Wiedersehen mit Pauline und Michel - ihrer Familie. Adieu Madame Gall et bon voyage ...
 
 



Videoclips:



















   
   
© Deutsche Mugge (2007 - 2017)