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Ein Beitrag von Christian Reder


Freitag, 13. Oktober 2017, 20:15 Uhr. Ich sitze vor dem TV und habe die Verleihung der "Goldenen Henne" eingeschaltet. Eigentlich sehe ich mir das seit Jahren nicht mehr an, weil ich den ganzen Budenzauber für unehrlich und vorhersehbar halte. Der eine oder andere Leser erinnert sich sicher auch noch an die Hennen-Aktion für Reinhard Fißler.001 20171025 1048857606 Aber in diesem Jahr wird das Label AMIGA 70 Jahre alt und ich hatte ein paar Tage zuvor dazu ein Interview mit dem Label-Chef geführt. Man munkelte, bei der "Henne" würde es dazu auch einen Programmteil geben. Außerdem sollten die Rock Legenden einen Auftritt haben und ich mag alle drei der daran teilnehmenden Bands sehr. Also Augen zu und durch ...

Die Hoffnung, dass das von mir anvisierte Thema schon zu Beginn kommen würde, hatte ich gar nicht erst. Ich stellte mich also auf einen längeren Fernsehabend mit "der Henne" ein. Schon nach wenigen Minuten gab es dann auch schon den ersten Grund zum Lachen. Lautschallend tat ich das sogar. Da bekam Florian Silbereisen die "Goldene Henne" als bester Entertainer und ihm wurde auf der Bühne gleich auch noch bescheinigt, einer der ganz Großen zu sein. "Echt jetzt?", denke ich so bei mir, während ich mir die Tränen aus dem Gesicht wische ... Wenn er einer der Großen ist, wie schlecht sind dann die Kleinen? Bei einem Blick auf die Liste der Nominierten stellt sich dann gleich die nächste Frage: Was bitte ist mit dem Publikum los, das letztlich für das Abstimmungsergebnis verantwortlich ist? Zur Wahl standen echte Entertainer, also Leute mit großer Anziehungskraft, die ihr Publikum nicht nur ernst nehmen, sondern es auch auf vorzügliche Weise unterhalten können. Da war z.B. Horst Lichter in der Verlosung, Moderator einer der derzeit erfolgreichsten Formate im deutschen Fernsehen, Michael Kessler, der seit einiger Zeit so hauteng in verschiedene prominente Rollen schlüpft, dass man nur mit offener Kinnlade vor dem Flimmerkasten hocken kann, Bernhard Hoëcker, der für meinen Geschmack einer der intelligentesten Vertreter der Unterhaltungsbranche ist und nicht zuletzt auch Dieter Nuhr, dessen hintergründiger und furztrockener Humor aus all der Schar unlustiger Komiker wie ein Leuchtturm herausragt. Keinen davon habt Ihr gewählt? Echt nicht? Dafür Silbereisen? Euer Anspruch ist echt am unteren Limit angekommen, das muss man Euch schon bescheinigen. Das wäre nur noch durch eine Abstimmung für die dauerplappernde Blondine ("Gell?") vom ZDF, die einem Sonntag für Sonntag die gute Laune zur Mittagszeit versaut, zu toppen gewesen.

Bei der Kategorie "Schauspiel" war ich eigentlich emotionslos. Naja fast jedenfalls. Hätte Senta Berger gewonnen, wäre ich doch schockiert gewesen. Die gibt schließlich auch ein schlechtes Bild ab, wenn sie sich selbst spielt. Keine Ahnung, ob sie noch Geld mitbringt, damit sie diese und jene Rolle spielen darf, aber am Können liegt das sicher nicht. Ich kenne Gebrauchtwagenhändler, die mir in ihren Vorträgen glaubwürdiger erscheinen als die Rotgefärbte aus Wien. Wie dem auch sei ... Trotzdem hätte ich mich für Henry Hübchen gefreut, den ich immer gerne sehe. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert. Weder für Hübchen noch für mich als Zuschauer. Darum hat die Henne für Schauspielerei ein Herr namens Hans Sigl bekommen. Die hätte aber auch einem gut zu Gesicht gestanden, der sie letztlich in einer anderen Kategorie bekommen hat. Und es wurde deshalb auch gleich wieder ...

... lustig, als die "Goldene Henne" in der Kategorie Sport vergeben wurde. Der diesjährige Gewinner konnte natürlich nicht live vor Ort sein, als der Preis verliehen wurde. Darum machte man sich seitens des mdr auf den Weg nach Madrid, wo Toni Kroos derzeit seine Zelte aufgeschlagen hat und wo er für den dort ansässigen Club Real seine Fußballschuhe schnürt (oder werden sie ihm inzwischen sogar schon geschnürt?). Überraschen wollte man den jungen Weltmeister, der so verhindert war, dass er die Reise nach Leipzig nicht antreten konnte, mit einem ganz besonderen Laudator. Ein kurzer Smalltalk mit Moderator Kai (die) Pflaume und dann sollte die große Überraschung kommen. Trainer Jupp Heynkes wurde verpflichtet, um den Part des Preisverteilers zu übernehmen. Also kam er die (Show)Treppe im Fußballmuseum runter und hatte das vergoldete Federvieh in der Hand. Holla, die Waldfee, war der Toni da überrascht. Irgendwie wurde man das Gefühl nicht los, dass er dem Jupp auf dem Flur aber vorher schon begegnet sein muss, denn die Freude war dermaßen schlecht gespielt, dass das selbst einem Komapatienten aufgefallen wäre. Verdient hatte er das Ding aber trotzdem, denn Kroos ist derzeit das Non-plus-ultra im deutschen Fußball (Nationalmannschaft) und ebenso bei seinem Club.

Eine weitere "Goldene Henne" wurde dann noch in der Kategorie "Musik" vergeben. Bei einem Blick auf die Nominierten-Liste war für mich klar, wer den Preis bekommen würde. Kerstin "die immer nervt" Ott würde es nicht sein. Da war ich mir sicher. Das wäre das gleiche, als bekäme das neue Einkaufswagen-Modell vom Lidl das "Goldene Lenkrad".001 20171025 1048857606 Alexa Feser fiel für mich auch durch das Raster, ebenso wie DJ Felix Jaehn. Leute, die das Kürzel "DJ" vor ihrem Namen tragen, haben für mich in der Rubrik "Musik" eh nix zu suchen. Da es bei der "Goldenen Henne" aber keine Kategorie für "Elektrotechnik" gibt, war der Knöpfchendreher jedenfalls in dieser nominiert und zum Glück chancenlos. Ein bisschen Angst hatte ich aber doch, denn die Zusammenstellung (Band kann man das ja nicht nennen) Klubbb3 war auch nominiert. Bekanntermaßen gehört auch Florian Silbereisen, der mega-super-dupi-knüller-hafte-weltbeste Entertainer, der wenige Minuten zuvor schon so'n Ding abgestaubt hatte, zu diesem Kunstprodukt. Und weil Helene Fischer dieses Mal nicht nominiert war, hätte es ja gut sein können, dass deren Fans gleich mal für ihren Flori abstimmen und das lustige Trio für eine gequirlte Gülle wie z.B. "Das Leben tanzt Sirtaki" auf den vordersten Platz wählen. Das ist Gott sei Dank nicht passiert. Für mich war klar, dass eigentlich nur die Gruppe CITY den Preis bekommen konnte. Wer sonst? Geile Platte ("Das Blut so laut"), Jubiläum und inzwischen über 45 Jahre eine hochwertige Konstante im Deutschrock-Bereich. Das muss das Publikum doch eigentlich auch so sehen und honorieren. Und während ich mich schon auf einen Auftritt der Berliner freute, zerrte Peter Maffay die Karte mit dem Namen "Kelly Family" aus dem Umschlag. Das, liebe Leute, ist mit ein Grund, warum es in Deutschland keine Volksabstimmungen gibt!!! Die Kellys spielten professionell, keine Frage. Jeder von ihnen hält sein Instrument richtig herum und fällt ob des Gewichts nicht gleich vorn über. Trotzdem ... und die Fans der Kelly Family mögen es mir verzeihen ... hat man mit einem 90er Revival-Programm, mit dem man ganz offensichtlich die leeren Kassen wieder auffüllen möchte (und wohl auch erfolgreich schafft), keinen ersten Preis verdient. Diese Abstimmung war ein Schlag aufs Maul für den guten Geschmack und die Lebensleistung einer Kultband wie CITY.

Lobenswert war die Nominierung für die "Goldene Stimme aus Prag", Karel Gott, der für sein Lebenswerk mit der "Goldenen Henne aus Leipzig" ausgezeichnet wurde. Dafür konnte offenbar nicht abgestimmt werden, das war vorbestimmt. Gut so, wer weiß, wer den Preis sonst bekommen hätte ... DJ Ötzi vielleicht ... oder Johannes B. Kerner. Nicht auszumalen. Sein Auftritt mit dem Kinderchor (von dem Teile unübersehbar gar keine Lust auf den Spuk hatten) und der Allzweckwaffe "Biene Maja" war so klar wie das Amen in der Kirche. Ein anderer Song wäre den Programmmachern wohl auch viel zu progressiv gewesen. Trotzdem ein schöner Moment in dieser sich wie Kaugummi ziehenden Veranstaltung, bei der es dann auch noch zu einem Duett von Inka Bause mit Helga Hahnemann kam. Toll! So schön dick aufgetragen hat das dem Fernsehpublikum sicher sehr gut gefallen und die ein oder andere Träne kullerte sicher auch. Bei mir übrigens auch, aber aus dem Grund, dass sich die arme Helga nicht mehr wehren und von oben tatenlos zusehen muss, was da mit ihr veranstaltet wird. Und dann darf man sich noch anhören, wie behauptet wird, sie wäre sicher stolz auf das, was aus dieser Verleihungszeremonie inzwischen geworden ist. Das, liebe Macher, glaube ich eher nicht. Und hey ... ganz ehrlich ... Ihr doch auch nicht, oder? ;-)

Moderator Pflaume (gehört da jetzt eigentlich ein Bindestrich zwischen???) und im Verlauf auch irgendein Vertreter der Super Illu, der auf die Bühne geschickt wurde, werden nicht müde zu betonen, dass man bei diesem Zirkus dort auf der Bühne immerhin den größten Publikumspreis Deutschlands unter die Leute bringt. Hätte ich für jedes Mal, wenn dies verkündet wurde, einen gehoben, wäre ich schon nach 30 Minuten straff wie'n Rettich gewesen. Aber das ist wie mit den Charts ... ein erster Platz oder die Tatsache, dass es von etwas nur ein Exemplar gibt, sagt noch lange nichts über die Qualität aus. Vielleicht fehlt es auch nur an einer vernünftigen Alternative?!

Eine Alternative, wo echte Rockbands wie Karat und City bei ihrem Auftritt nicht dastehen wie Kunden in einer von Florian Silbereisen moderierten Volkstümelei mit Berglandschaft im Bühnenhintergrund bei den Öffentlich-Rechtlichen. Als die Herren von Karat, City und der Band von Maschine ihren Auftritt hatten, fehlte wirklich nur noch das Fernsehballett im Hintergrund um die Rock Legenden in noch tiefere Regionen der Peinlichkeit zu schicken. Und dass es so ausgefallen ist, lag ganz sicher NICHT an den Musikern! Rock'n'Roll geht anders - bzw. die Präsentation solcher Bands. Aber woher sollen das die auf Kuschelweich getrimmten Macher dieser Farce auch wissen?

War sonst noch was? Ach ja ... Die dümmlichen Versuche, neue Trends zu setzen. Das hätte im Vorjahr mit Wincent Weiss ja auch so dufte funktioniert, wurde dem Publikum so ganz nebenbei untergejubelt. Nicht, dass der Mann mit seinem Talent selbst für Erfolg gesorgt hat. Nöööö ... das war sein Auftritt bei der "Goldenen Henne". Was auch sonst?001 20171025 1048857606 So wurde uns in diesem Jahr dann eine Dame präsentiert, die in seine Fußstapfen treten und im nächsten Jahr ähnlich erfolgreich sein soll. Die war aber leider so farblos und ihr Liedchen so einfallslos, dass mir ihr Name schon wieder entfallen ist. Mit einer Mischung aus Plastik-Pop und Trallalla kopierte die junge Frau musikalisch eher schlecht als recht Pop-Perlchen aus Übersee und sorgte für mich als Fernsehzuschauer zumindest für einen guten Moment, mal austreten zu gehen. Nicht, dass es dazu nicht vorher schon reichlich Gelegenheiten gegeben hätte, aber die Konträrfaszination war stellenweise einfach zu groß. Der nächste Trend, den man setzen wollte, war der mit der "Miss Goldene Henne" als Handlanger für Herrn Pflaume. Das arme Ding wusste vorher sicher nicht, worauf sie sich da eingelassen hat und ihr Job war im Gesamtverbund dieser Veranstaltung so wichtig, wie ein sechster Schiedsrichter beim Fußball.

Dies war nur ein kurzer Abriss der vierstündigen Show. Wer glaubt, dass all das schon nicht mehr zu toppen war, der irrt gewaltig, denn ein Highlight hatten die Macher noch im Köcher. Als musikalischen Top-Act präsentierte man uns nämlich David Garrett, der im vergangenen Jahr weniger durch musikalische Leistungen als durch spezielle Vorlieben in den Medien auffällig wurde. Nun will er sich wohl wieder auf Musik konzentrieren und scheinbar übelste Rache am Publikum nehmen: nach AC/DC hat sich Herr Garrett jetzt Bruce Springsteen vorgenommen, um dessen wunderbare Kompositionen violinös zu vergewaltigen. Mit dem Habitus eines Mega-Rockstars hüpfte der langhaarige Geiger wild fiedelnd über die Bühne, und sicher brauchten während dieses nur wenige Minuten andauernden Sperenzchens nicht nur die Springsteen-Fans diverse Tamponagen, um den Blutungen im Ohr Einhalt zu gebieten. Was für eine auf Hochglanz getrimmte und völlig unnötige Peinlichkeit. Aber wer Florian Silbereisen zum besten Entertainer wählt, kauft sicher auch die neue CD von David Garrett.






"Highlights" des Abends ...







 
 
 
 
 

   
   
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